Praxis des Liebesgebotes

Annika Hofmann

Kurzbeschreibung:
Lukas berichtet in seinem Evangelium in 10,25-37 davon, was getan werden muss, um ewiges Leben zu erhalten. Jesus reagiert auf diese Frage eines Schriftgelehrten mit einer Gegenfrage nach dem Inhalt des Gesetzes. Der Schriftgelehrte antwortet richtig mit dem Schriftzitat über das Doppelgebot der Liebe. Nach Jesu Aufforderung, sich daran zu halten, um ewiges Leben zu erhalten, fragt der Schriftgelehrte, wer sein Nächster sei. Daraufhin erzählt Jesus die Geschichte vom Samariter, der einem am Weg liegenden, schwer verletzten Mann in seiner Not geholfen hat. Er dreht die vom Schriftgelehrten gestellte Frage um und richtet sie an ihn. Nach richtiger Antwort fordert Jesus ihn auf, ebenso zu handeln.
Zusätzliche Autoreninformation: Annika Hofmann
Studentin
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Bibelstellenbezug:
Lk 10,25-37
Zusätzliche Skripturen:
Mk 12, 28-34 Mt 19,17 Mt 22,35-40 Joh 13,17 Dtn 6,5 Lev 18,5 Lev 19,18

1. Erster Leseeindruck

Ausgehend vom Doppelgebot der Liebe als Antwort auf die Frage nach dem ewigen Leben fällt auf, dass der Schriftgelehrte sich im weiteren Verlauf des Gespräches mit Jesus allein auf das Gebot der Nächstenliebe beschränkt, indem er Jesus die Frage nach seinem Nächsten stellt. Diese Konzentrierung auf nur einen Teil des Doppelgebotes lässt fragen: Wieso fragt der Schriftgelehrte nicht auch nach dem Gebot der Gottesliebe? Geht die Gottesliebe für ihn im konkreten Tun am Nächsten auf?

2. Synchrone Zugangsweise

2.1 Kontext

Die Erzählung befindet sich in der Mitte des Lukas-Evangeliums: im großen Reisebericht (9,51-19,28). Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Gleich zu Beginn der Reise (9,52f) wird er durch Samariter abgelehnt. In dem Abschnitt 10,1-20 erzählt Lk von der Aussendung der 70 Jünger auf dem Weg nach Jerusalem, ihrer Rückkehr und ihrer Vollmacht als Offenbarungszeugen. Im Anschluss (10,21-24) geht es um die Unüberbietbarkeit der Offenbarung Jesu. Die hier ausgewählte Perikope (v25-37) will nun aufzeigen, wie der Weg von der Offenbarung zum Heil gegangen werden kann. Hier tritt Jesus als Lehrer des Lebens und Handelns auf. Im Anschluss an diese Perikope wird mit den Worten „Als sie aber weiterzogen“ (v38) eine neue Erzählung eingeleitet: die Szene bei Maria und Marta (10,38-42). In dieser und den anschließenden Perikopen begegnet Jesus als Lehrer des Geistes und des Betens (10,38-11,28).

2.2 Gliederung

Eine erste Gliederung des Textes lässt zwei Abschnitte erkennen: v25-28 und v29-37. Beide Teile verlaufen weitgehend parallel: 1) Sie beginnen mit einer Frage eines Schriftgelehrten (v25; v29), 2) Jesus reagiert mit einer Gegenfrage (v26; v36) (im zweiten Teil ist zuvor eine Beispielerzählung eingefügt, v30-35), 3) der Schriftgelehrte antwortet jeweils richtig (v27; v37) und 4) Jesus fordert ihn zum Tun desgleichen auf (v28; v37b).

Damit ergibt sich folgende Gliederung:

v25: Frage des Schriftgelehrten („Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“)

v26: Jesu Gegenfrage („Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du?“)

v27: Schriftzitat als Antwort (Doppelgebot der Liebe)

v28: Lob Jesu und Aufforderung zum Tun („tu das, so wirst du leben.“)

v29: 2. Frage des Schriftgelehrten („Wer ist denn mein Nächste?“)

v30-35: Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter

v36: Jesu Gegenfrage („Wer [...] ist der Nächste gewesen“)

v37a: Richtige Antwort des Schriftgelehrten

v37b: Jesus Aufforderung zum Tun („So geh hin und tu desgleichen!“)

2.3 Inhaltliche Arbeit am Text

v25: Der Anfang dieser neuen Perikope wird angezeigt durch die Wendung „und siehe“. Dieser Ausdruck ist jedoch zu unbestimmt, um den Abstand zur vorausgehenden Perikope abschätzen zu können. Doch ich denke, dass Lk den „Schriftgelehrten“, der hier auftritt, nicht in die Gruppe der Jünger aus der vorangegangenen Erzählung stellt, sondern in einen anderen Rahmen. Das bedeutet, dass der Abstand größer ist. Der Schriftgelehrte stellt Jesus eine Frage nach dem richtigen, zum ewigen Leben führenden Tun. Er möchte damit Jesus prüfen. Er redet Jesus mit „Lehrer“ an. Obwohl Jesus nicht gelehrt ist, ist er ein Lehrer. Diese Berechtigung soll erprobt werden. Lk hatte davon geschrieben, dass „das Jesus anvertraute Geheimnis den Wissenden und Verständigen verborgen und den Einfältigen offenbart ist“ (Grundmann, 1971, 221). Jetzt kommt ein Schriftgelehrter auf ihn zu und möchte ihn auf die Probe stellen, indem er ihn überprüft, ob Jesus auch weiß, was praktisch zu tun ist.

v26: Jesus reagiert mit einer doppelten Gegenfrage: Sie wendet sich 1. an den Inhalt dessen, was in der Tora steht („Was steht im Gesetz geschrieben“) und 2. an das Verständnis desselben („Was liest du?“).

v27: Der Schriftgelehrte antwortet mit einem Schriftzitat, einer Verbindung von Dtn 6,5 (Gottesliebe) und Lev 19,18 (Nächstenliebe). Dieses Doppelgebot der Liebe ist bei Jesus die entscheidende Summa des Gesetzes. „Während die Feldrede die Nächstenliebe in ihrer äußersten Reichweite – der Feindesliebe (Lk 6,27) – präzisiert hat, begnügt sich der Gesetzeslehrer hier mit einer Formulierung (Lev 19,18), die inhaltlich mit der Goldenen Regel (Lk 6,31) zusammenfällt.“ (Bovon, 1996, 86). Die Gottesliebe hingegen führt er weiter aus: Sie beinhaltet den Einsatz der ganzen Person. Die Aufzählung von Herz, Seele, Kräfte und Gemüt dient wohl dem Ausdruck des Ganzheitlichen.

v28: Jesus bestätigt die Antwort des Schriftgelehrten und gibt mit der Aufforderung „tu das, so wirst du leben“ die Antwort auf die Ausgangsfrage. Der, der entsprechend dieses Doppelgebots der Liebe handelt, empfängt das ewige Leben. In der Theorie sind sich Jesus und der Schriftgelehrte einig, aber es kommt auf das Tun des Erkannten an. Es geht nicht „um theoretische Diskussionen bzw. um tote Rechtsgläubigkeit“ (Schmithals, 1980, 126), „sondern, um das Tun des mit dem Doppelgebot der Liebe als richtig Erkannten“ (Schmithals, 1980, 126).

v29: Der Schriftgelehrte möchte sich rechtfertigen. Er fühlt sich wahrscheinlich durchschaut, weil er theoretisch selbst weiß, was zu tun ist. Warum hat er also gefragt? Diese Selbstrechtfertigung ist in der Sicht des Lk typisch für die Pharisäer. „Damit lassen sie sich nicht zur konkreten Tat der Liebe rufen, sondern bleiben bei ihrem Gesetzesverständnis“ (Klein, 2006, 391). Der Schriftgelehrte wünscht nun eine Definition des Nächsten, er fragt also nach der Grenze der Liebe zum anderen Menschen. Wann ist der konkrete Fall eines Nächsten gegeben?

v30-35: Jesus antwortet in Form einer Beispielerzählung.

v30 beschreibt die Situation: Irgendjemand, irgendein Mensch (anathropos tis) war auf dem Weg von Jerusalem hinab nach Jericho und wurde unterwegs von Räubern überfallen, die ihn seiner Kleider beraubten, niederschlugen und halbtot liegen ließen. Die einsame, 27 km lange Strecke von Jerusalem nach Jericho galt wegen Räubern als unsicher (vgl. Bovon, 1996, 89). „Möglicherweise liegt der Erzählung Jesu ein konkreter Anlaß zu Grunde“ (Grundmann, 1971, 223). Die Räuber könnten möglicherweise Zeloten sein (vgl. Grundmann, 1971, 223).

v31f: Nun kam zunächst ein Priester an dem am Wege liegenden Mann vorbei. Doch obwohl er ihn sah, wandte er sich ab. Wahrscheinlich war der Priester, Gottes Diener von Beruf, auf dem Heimweg von seinem Dienst im Tempel. „Anstatt die Nächstenliebe mit dem Gottesdienst zu verbinden, unterlässt er die Barmherzigkeit, durch welche der Glaube erst vollkommen wird“ (Bovon, 1996, 89). Auch ein Levit kam an dem verletzten Mann vorbei und ging vorüber. Priester und Levit gehören beide der offiziellen und angesehenen Welt des Kultus an. Sie sind Leute, die mit dem Gesetz umgehen, also Gottes Gebot genau kennen. Doch keiner von beiden hat dem hilfebedürftigen Mann geholfen. Vielleicht hatten sie Angst, selbst auch unter die Räuber zu fallen. Oder sie haben den Menschen für tot gehalten. Nach Lev 21,1 darf sich ein Priester nicht an einer Leiche verunreinigen. Die Gründe für die unterlassene Hilfeleistung werden nicht genannt.

v33: Doch dann kam ein Samariter, der auf der Reise war, an dem verletzten Mann vorbei, sah ihn und bekam Mitleid. Ein Samariter, der von den Israeliten verachtet wird, weil er nicht am Tempelkult teilnimmt und die Gesetze Gottes nicht kennt, hat sich richtig verhalten. Er ist nicht vorbei gegangen, sondern hat Mitleid bekommen. Angesichts der Todesnot und der notwendigen Hilfe schwindet jeder Gegensatz. Dieser Mensch wählt das Tun.

v34f: Dieses Tun wird in v34 mit zwei finiten Verben beschrieben: „verbinden“ und „bringen“. Der Samariter verbindet die Wunden und bringt den Verletzten in eine Herberge. Die Partizipien halten die Begeleitumstände fest: Aufgießen von Öl und Wein auf die Wunden und Aufsetzen auf das Reittier. Lk fasst diese Handlungen am Ende von v34 mit dem Verb „pflegen“ zusammen. Der Samariter riskiert dabei die mögliche eigene Gefährdung durch Räuber.

v35 beschreibt das weitere Verhalten des Samariters am nächsten Tag. Er gibt dem Wirt der Herberge zwei Denare (zwei Tageslöhne), damit er sich um den Verletzen kümmert, und verspricht, weitere Ausgaben bei seiner Rückkehr zu begleichen. „Damit erscheint der Samaritaner als der rechte Helfer, der die gesamte Verantwortung einschließlich Kosten trägt“ (Klein, 2006, 393). Alle Schranken des Kultus und der Nation schwinden.

v36: Im Anschluss an die Beispielgeschichte kommt Jesus auf die Ausgangsfrage zurück, jedoch mit geänderter Fragerichtung. Hatte der Schriftgelehrte ursprünglich danach gefragt, wer sein Nächster sei, so wird er jetzt von Jesus gefragt, wer dem Hilfebedürftigen der Nächste geworden ist. Die Frage nach meinem Nächsten wird umgedreht zu der Frage nach mir als dem Nächsten anderer. Es geht nicht um ein Objekt des Handelns, sondern um mich als aktives Subjekt einer Beziehung, um mein eigenes Handeln.

v37: Der Schriftgelehrte antwortet mit „Der die Barmherzigkeit an ihm tat“. Diese Antwort klingt einerseits ausweichend, denn es scheint, als wolle er mit dieser Formulierung die Einsicht umgehen, dass es gerade der Samariter war, der zum Nächsten geworden ist. Gerade das Verhalten eines Verachteten wird als rechtes Verhalten dem falschen Verhalten der geistigen Elite gegenübergestellt. Also steht ein barmherziger Samariter dem ewigen Leben näher als ein unbarmherziger Glaubensgenosse (vgl. Schmithals, 1980, 128). Andererseits kann man die Formulierung der Antwort des Schriftgelehrten auch als Betonung der barmherzigen Tat verstehen. Mit dem Verb „tun“ kommt er auf seine Anfangsfrage zurück. Der Gegensatz zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten lag nicht in der Gesetzeskenntnis, sondern in der praktischen Umsetzung des Gesetzes. In diesem Sinn hat der Schriftgelehrte sich als Schüler des Lehrers Jesus in einer „dialogisierenden und gläubigen Reflexion“ (Bovon, 1996, 92) entwickelt und dazu gelernt. Jesus fordert den Schriftgelehrten abschließend auf, das, was er richtig weiß, auch zu tun. Es geht darum, als Nächster zu handeln, statt über den Nächsten zu theoretisieren. „Die theoretische Frage, wer mein Nächster ist, mag schwer zu beantworten sein; die praktische Frage, wem ich zum Nächsten werden soll, ist es nicht: Dem, der in Not ist; dem, der mich braucht.“ (Schmithals, 1980, 128). Wer mein Nächster ist, lässt sich also theoretisch nicht konkret festlegen, sondern zeigt sich erst in der konkreten Situation, in der Hilfe nötig ist. „Wer bereit ist, dem andern zum Nächsten zu werden, der wird den, der ihn braucht [...], überall finden.“ (Schweizer, 1986, 122). Die Tat der Barmherzigkeit ist der Weg zum ewigen Leben. Dass ein Samariter zum Nächsten wird, unterstreicht, dass es dafür keine Grenzen gibt, auch keine religiösen Grenzen, wie sie der Schriftgelehrte vielleicht nach seinem religiösen Verständnis aufgebaut hatte.

Die Erzählung Jesu will dazu aufrufen, an den von Jesus gezeigten Personen das eigene Verhalten zu messen, um zu einem verantwortungsbewussten Miteinander zu kommen. In so verstandener und gelebter Nächstenliebe erfüllt sich die Liebe zu Gott. Insofern beantwortet Jesus mit der Konkretisierung der Frage nach der Nächstenliebe indirekt auch die Frage nach der Gottesliebe. Gottes- und Nächstenliebe sind ein Gebot, jene erweist sich nur in dieser. Gottesliebe und Nächstenliebe sind untrennbar miteinander verwoben. 

3. Diachrone Beobachtungen

3.1 Reisebericht

Die Erzählung Lk 10,25-37 befindet sich im Reisebericht (Jesus auf dem Weg nach Jerusalem). Dieser Bericht ist die große Einschaltung des Lk, die im Ganzen ohne Parallele verläuft und nur in geringen Umfang Mk-Stoff enthält, sondern hauptsächlich auf die Logienquelle Q und Sondergut zurückgeht.

Die Perikope besteht aus zwei Stücken: Einem Rahmengespräch lehrhafter Art und einem Gleichnis.

3.2 Rahmengespräch

Das Rahmengespräch (Lk 10,25-29; Lk 10,37) lässt sich aus formgeschichtlicher Perspektive als Streitgespräch klassifizieren. Es zeigt Jesus in Auseinandersetzung mit einem Schriftgelehrten. Typisch für diese Gattung ist eine von außen an Jesus herangetragene Frage als Ausgangspunkt sowie die Reaktion Jesu mit einer Gegenfrage. Inhaltlich geht es meist um Probleme der Gemeindepraxis. „Als ‚Sitz im Leben’ kann die innergemeindliche Debatte gelten“ (Conzelmann, 2004, 98).

3.3 Gleichnis

Die Erzählung vom barmherzigen Samariter (Lk 10,30-36) fällt unter die große Gruppe der Gleichnisse, von Jesus gesprochene Erzähltexte. Die Darstellung ist knapp gehalten. Der Nachdruck liegt auf dem Schluss des Gleichnisses. Während in der Alten Kirche das Gleichnis vom barmherzigen Samariter – wie die meisten Gleichnisse – als Allegorie verstanden und ausgelegt wurde, ist sich die heutige Forschung darin einig, dass es „einen ohne weiteres sinnvollen Handlungsablauf enthält“ (Conzelmann, 2004, 110) und daher als Beispielerzählung ohne metaphorische Ebene dient. Es wird direkt ein bestimmtes vorbildliches Verhalten geschildert (das des Samariters), welches den Hörern als Vorbild dienen soll. Beispielerzählungen sind ausschließlich im Sondergut des Lukas belegt.

3.4 Synoptischer Vergleich

Die Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter stammt also aus dem lk Sondergut. Das Lehrgespräch, in welches die Beispielerzählung eingebettet ist, steht in Zusammenhang mit Mk. Die Frage nach dem Tun, um ewiges Leben zu erhalten (v25), geht auf Mk 10,17 zurück. Die Antwort Jesu in der lk Erzählung (v26-28) weicht aber von der Antwort Jesu in der mk Erzählung (v18-22) ab. Bei Mk antwortet Jesus mit einem Verweis auf die Zehn Gebote, einer Aufforderung zu Verzicht auf Hab und Gut und zur Nachfolge. Bei Lk antwortet Jesus mit einer Gegenfrage, die auf das Doppelgebot der Liebe abzielt. Dieses wiederum hat seine Parallele in Mk 12,28-34, hier aber nicht als Antwort auf die Frage nach dem ewigen Leben, sondern als Antwort auf die Frage nach dem höchsten Gebot. Lukas folgt hier offenbar einer anderen Quelle, wie die großen Unterschiede zu Mk schließen lassen: der Inhalt der Frage (Mk 12,28: höchstes Gebot; Lk 10,25: ewiges Leben); das Fehlen (Mk) bzw. Vorhandensein (Lk 10,26) einer Gegenfrage Jesu; der Urheber der richtigen Antwort (Mk 12,29: Jesus; Lk 10,27: der Schriftgelehrte); die Form des Bibelzitats (Mk 12,29-31; Lk 10,27). Stattdessen zeigen sich einige Übereinstimmungen mit Mt: die Bezeichnung des Gesprächspartners mit „Schriftgelehrter“ (Mt 22,35; Lk 10,25); die Absicht, Jesus zu prüfen (Mt 22,35; Lk 10,25); die Anrede „Lehrer“ (Mt 22,36; Lk 10,25); der Ausdruck „im Gesetz“ (Mt 22,36; Lk 10,26); die Form des Bibelzitats (Mt 22,37; Lk 10,27). Demnach richtet sich Lk hier möglicherweise nach der Logienquelle. Vielleicht greift Lk aber auch hier, wie bei der Beispielerzählung, auf sein Sondergut zurück, was auf Grund der Unterschiede zu Mk und Mt am wahrscheinlichsten ist: das Erbe des ewigen Lebens, die Gegenfrage Jesu, der Schriftgelehrte als richtig Antwortender, das Bibelzitat in seiner besonderen Form und die Verbindung mit einem Gleichnis.

Dadurch hebt sich die Thematik der lk Fassung deutlich von den beiden anderen Fassungen ab: Geht es bei Mk und Mt um das höchste Gebot, lehrt Lk die Haltung und das Verhalten, welche zum ewigen Leben führen.

4. Drei Forschungsthesen

4.1 Der Forschungskontext – Eine prominente klassische These

Die Wirkungsgeschichte bezeugt oft eine christologische Auslegung. Die Person und das Tun des Samariters werden häufig nicht auf den wohltätigen Christen, sondern auf Christus bezogen, der den Menschen hilft. Schon die ältesten Interpretationen, die von Marcion, Irenäus und Origines übermittelt sind, waren allegorisch: der Reisende, der überfallen wird, ist Adam, Jericho die Welt, Jerusalem das Paradies, die Räuber sind die feindlichen Mächte, der Priester steht für das Gesetz, die Wunden des Überfallenen sind der Ungehorsam, das Wirtshaus steht für die Kirche und schließlich der Samariter für Christus. Der Samariter, also Christus, trägt für die Menschen die Sünden und führt sie in die Kirche. Diese allegorische und christologische Exegese dominiert bis zum Durchbruch der historisch-kritischen Exegese.

4.2 Die gegenwärtig dominierende Auffassung

Dauerhaft war die Wirkung von Johannes Maldonatus Deutung. Nach seiner Ansicht will Jesus mit der Erzählung lehren, dass jeder Mensch ohne Grenzen einem anderen der Nächste sei. Diese Auffassung dominiert noch heute die meisten exegetischen Ergebnisse. So auch Francois Bovon: Die Erzählung verpflichtet „die Gläubigen zur Praxis der Barmherzigkeit. Sie drückt also klar das zweite Gebot aus, die Liebe zum Nächsten, [...] und dient dem nächsten Abschnitt, der Episode von Marta und Maria (10,38-42), dem Kommentar zum ersten Gebot, der Liebe zu Gott, als Pendant“ (Bovon, 1996, 98). Bovon präzisiert, „dass es einen Nächsten an beiden Enden der Kommunikation der Liebe gibt: im Gebot (10,27) ist es der Empfänger, das Objekt des Erbarmens, in der Parabel (10,36) der Sender, das Subjekt des Mitleids“ (Bovon, 1996, 99). Die christliche Ethik ist beziehungshaft.

4.3     Neue Entwicklungen – Eine sich abzeichnende Tendenz

Die meisten Exegeten gelangen zu einem ähnlichen Verständnis der Erzählung. Allerdings legen sie den Akzent nicht alle auf denselben Aspekt. Hans Klein sieht den springenden Punkt der Erzählung in dem unterschiedlichen Verhalten von Priester und Levit auf der einen und dem Samariter auf der anderen Seite. In dem Gleichnis „wird das falsche Verhalten der geistigen Elite und das rechte Tun eines Verachteten einander gegenübergestellt.“ (Klein, 2006, 389).

Literaturverzeichnis

Monographien:

Bovon, Francois, 1996, Das Evangelium nach Lukas (EKK 2), Zürich / Neukirchen-Vluyn

Conzelmann, Hans / Lindemann, Andreas, 2004, Arbeitsbuch zum Neuen Testament, Tübingen

Grundmann, Walter, 1971, Das Evangelium nach Lukas (ThHK III), Berlin

Klein, Hans, 2006, Das Lukasevangelium (KEK I/3), Göttingen

Nestle-Aland, 1993, Novum Testamentum Graece, Stuttgart

Preuß, Horst Dietrich u. Berger, Klaus, 1984, Bibelkunde des Alten und Neuen Testaments 2: Neues Testament, Heidelberg, 283-303

Schmithals, Walter, 1980, Das Evangelium nach Lukas (ZBK), Zürich

Schweizer, Eduard, 1986, Das Evangelium nach Lukas (NTD 3), Göttingen

Sammelbeiträge:

Feldmeier, Reinhard, 2008, Das Lukasevangelium, in: Niebuhr, Karl-Wilhelm, Grundinformation Neues Testament. Eine bibelkundlich-theologische Einführung, 109-126

Religionsunterricht:

Lehrplan Evangelische Religion, gymnasialer Bildungsgang, Hessisches Kultusministerium, (2008)

5G.1: Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen – Miteinander handeln (Gemeinsam geht es besser, Ich bin geliebt, Gemeinschaft in biblischer Perspektive)

5G.3: Jesus von Nazareth: Umwelt und Verkündigung

7G.1: Füreinander da sein – Diakonie

8G.1: Vorbilder und die Suche nach Orientierung

11G.1: Jesus Christus nachfolgen

11G.2: Als Mensch handeln

12G.2: Als Christ leben

[letzte Änderung: 08. November 2010].

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