Was aber sagt die Glaubensgerechtigkeit?

Elena Stumpf

Kurzbeschreibung:
In Röm 10,6-13 legt Paulus sein Verständnis von der Glaubensgerechtigkeit dar. Man soll im Herzen glauben und mit dem Mund bekennen. Werden diese beiden Glaubensdimensionen erfüllt, so wird der bzw. die Gläubige gerettet, egal ob dieser Jude oder Grieche ist. Aber wie genau sieht dieses Bekenntnis aus? Warum bekennt der Mund und warum glaubt das Herz? Was ist der Inhalt des Glaubens und des Bekenntnisses? Der folgende Beitrag versucht Antworten auf diese Fragen zu finden, indem Röm 10,6-13 exegetisch näher untersucht wird.
Zusätzliche Autoreninformation: Elena Stumpf
Studentin der Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Bibelstellenbezug:
Röm 1
Zusätzliche Skripturen:
Röm 9,30-10,5 Lev 18,5 Joel 3,5 Röm 14-21 Jes 28 Dtn 30, 12-14 Dtn 9,4 Dtn 30,11 Röm 1,4 Phil 2,9 1Kor 8,6 Röm 10,9.
Letzte Aktualisierung:
11.10.2016

Inhaltsverzeichnis

1. Was aber sagt die Glaubensgerechtigkeit? - Die Synchrone Zugangsweise

1.1. Annäherung und Abgrenzung
1.2. Aufbau des Textes
1.3. Literarische Feingestaltung
1.4. Auslegung

 

2. Die Entstehungsgeschichte - literarkritische Beobachtung

 

3. Stimmen aus der Forschung

3.1. Wilckens - Röm 10,9 als Taufbekenntnis
3.2. Bullmann - ὁμολογία als ein sich-Unterordnen
3.3. Kaliber - Röm 10,9 als Reaktion auf Gottes Machttat

 

4. Literaturverzeichnis

 

Erster Leseeindruck

Für Paulus scheint der Glaube auf zwei Elementen aufzubauen: auf der einen Seite der Glaube im Herzen, wodurch eine private und intime Ebene geschaffen wird, und auf der anderen Seite das Bekenntnis des Mundes, wodurch eine öffentliche und praktische Ebene eröffnet wird. Diese beiden Elemente des Glaubens an den Kyrios sind Voraussetzung für eine eschatologische Rettung und heben gleichzeitig Unterschiede zwischen Juden und Christen auf.

 

1. Was aber sagt die Glaubensgerechtigkeit? – Die Synchrone Zugangsweise

1.1. Annäherung und Abgrenzung

Paulus Darlegung des rechten Glaubens befindet sich zwischen zwei Darstellungen über den Ungehorsam Israels. In Röm 9 erläutert er von der Vergangenheit der Geschichte Gottes mit Israel die gegenwärtige Problemlage. Dies spezifiziert Paulus in 9,30-10,5 in Bezug auf das falsche Eifern Israels nach der Gesetzesgerechtigkeit, es ginge ihnen um die Gerechtigkeit aus Werken und nicht um die aus dem Glauben. Diese Beschreibung schließt Paulus mit einem Zitat aus Lev 18,5. In V6 beginnt Paulus im Gegensatz zum vorherigen Abschnitt mit der Auslegung der Glaubensgerechtigkeit. Er führt dabei ebenfalls Zitate aus der Tora an, die er auf die aktuelle Situation hin auslegt. In V13 endet der Abschnitt mit einem erneuten Zitat aus der Tora (Joel 3,5) zur Errettung derer, die den Herrn anrufen. Er kommt dabei zu dem Fazit, dass es nur mit dem richtigen Glauben möglich sei, gerettet zu werden und das Heil zu erlangen. In 10,14-21 geht Paulus daran anschließend näher auf die Frage der gescheiterten Begegnung Israels mit dem Evangelium ein. Er versucht zu verstehen, warum Israel dieses ablehnte oder sogar ablehnen musste (vgl.Theobald 1992, S. 281–282; 291).

  

1.2. Aufbau des Textes

Aufgrund der Argumentation des Paulus lässt sich Röm 10,6-13 in drei Teile gliedern:

Röm 10,6-7 Die falsche Auslegung der Glaubensgerechtigkeit

Zu Beginn des Abschnittes rezipiert Paulus die Tora. Er legt diese dabei auf Christus hin aus und zeigt auf, wie die Glaubensgerechtigkeit nicht aussehen kann.

Röm 10,8-10 der wahre Glauben

            Darauf folgend legt Paulus dar, dass der Glaube durch das Bekenntnis an Christus       und den Glauben an die Auferweckung Christi durch Gott die Gläubigen zum Heil           führt. Dazu führt er in Analogie zum Verhältnis Glaube – Bekenntnis das Verhältnis       von Mund – Herz aus.

Röm 10,11-13 Die Errettung der Gläubigen

Paulus untermauert die Errettung der Gläubigen durch Bezug auf Jes 28,16, den er zuvor schon einmal in Röm 9,33 zitiert hat. Im Anschluss an diese Darlegung des Verhältnisses von Glaube und Bekenntnis betont Paulus, dass durch den Glauben an den gleichen Gott die Gläubigen errettet werden und die Unterschiede zwischen Juden und Heiden aufgehoben werden.

  

1.3. Literarische Feingestaltung

Paulus verwendet verschiedene stilistische Mittel, um sein Anliegen den Adressaten des Briefes näher zu bringen.

In V6-7 rezipiert Paulus in einem Parallelismus (V6 Zitat - Auslegung; V7 Zitat - Auslegung) die Tora (Dtn 30,12-14), und deutet die Verse mit Hilfe eines Dualismus (V6 καταγαγεῖν - herabholen; ἀναγαγεῖν - heraufholen) auf Christus hin aus. Diesen beiden Versen, die jeweils beschreiben, was die Glaubensgerechtigkeit nicht sagt, steht V8 mit seiner tatsächlichen Aussage dualistisch gegenüber, die durch eine rhetorische Frage (ἀλλὰ τί λέγει - sondern was sagt sie) eingeleitet wird.

In V8-10 beschreibt Paulus das Verhältnis von Bekenntnis und Glauben durch einen doppelten Chiasmus (V9 bekennend in deinem Mund; glaubend in deinem Herzen; V10 Herz glaubt – Gerechtigkeit; Mund bekennt - Rettung). Dabei wird in V9 ausführlicher dargestellt, was der Gläubige bekennen bzw. glauben soll, und in V10 werden die Verhältnisse von Glauben und Bekenntnis sowie Mund und Herz durch einen Parallelismus noch einmal gegliedert.

In V12-13 benutzt Paulus erneut einen Chiasmus (V12 der Herr beschenkt alle, die ihn anrufen; V13 alle, die den Herrn anrufen, werden gerettet) sowie in V11 und V13 einen Parallelismus (V11 glauben, nicht zugrunde gehen; V13 anrufen, errettet werden).

  

1.4. Auslegung

V6: Mit V6 ertönt die personifizierte Stimme der Glaubensgerechtigkeit (δικαιοσύνη ἐκ πίστεως), Paulus zitiert hier wie in V5 aus der Tora. Dabei spricht die Glaubensgerechtigkeit den Leser direkt mit einem »Du« an, wodurch sie dem Menschen, gegenüber der neutral definierten Gesetzesgerechtigkeit in V5, im Wort bedingungslos entgegen kommt (vgl. Theobald 1992, S. 284f). Jedoch verändert er den Wortlaut von Dtn 30,12-14 stark. Als Einstieg nutzt er aus Dtn 9,4 die Formulierung »so sprich nicht in deinem Herzen«. Ebenso lässt Paulus Dtn 30,11 weg, der die folgenden V12-14 auf das Gesetz - ἐντολή (LXX) bezieht und setzt Christus an die Stelle des Gesetzes. Bei »Wer will für uns in den Himmel fahren« geht es für Paulus um die Glaubensgerechtigkeit, daher „kann der Zweck solches unmöglichen Aufstiegs nur sein Christus, ihren Garanten (V4), herabzubringen“ (Wilckens 1980, S. 224).

  

V7: In der zweiten »Wer«-Frage (vgl. Dtn 30,13) deutet Paulus das Meer der Formulierung »es ist auch nicht jenseits des Meeres« in Übereinstimmung mit der damaligen jüdischen Exegese als den Abgrund der Unterwelt, die Scheol, um (vgl. Theobald 1992, S. 286). Durch die Glaubensgerechtigkeit werden diese beiden unmöglichen Handlungen, nämlich Christus herabzuholen bzw. aus dem Totenreich heraufzuholen, negiert (vgl. Schlier 1987, S. 312).

  

V8: Nachdem in V6 und V7 beide Fragen abgewiesen wurden, folgt nun eine positive Aussage, was die Glaubensgerechtigkeit sagt. Diese übernimmt Paulus nahezu wörtlich aus Dtn 30,13, lediglich der Zusatz, man könne es selbst erreichen, fehlt in Röm 10,8. Das Wort des Glaubens definiert Paulus im Weiteren genauer durch das vom »Wir« gepredigte Wort, das nicht den Glauben zum Inhalt hat, sondern in dem der Glaube selbst zur Sprache kommt - die fides quae creditur, die ausspricht und verkündet. Jesus ist in diesem Glauben präsent und den Gläubigen nahe, ohne dass sie ihn herab- oder heraufholen müssen. Und somit ist auch die Rettung der Gläubigen nahe (vgl. Schlier 1987, S. 312).

„Die Verkündigung dessen, was Gott in Jesus Christus getan hat, und der Ruf, dies im Glauben für sich gelten zu lassen, das ist das Wort, das wirklich in die Herzen der Menschen dringt“ (Klaiber 2009, S. 180).

  

V9: Der in V8 genannte »Glaube« wird nun näher ausdifferenziert in ὁμολογήσῃς - bekennen und πιστεύσῃς - glauben. Bei Paulus meint πίστις (Glaube) „nicht eine seelische Haltung des Menschen, sondern primär die Annahme des Kerygma, dh [sic] die Unterwerfung unter den von Gott beschlossenen und in Christus erschlossenen Heilsweg“ v(Bultmann/Weiser 1990, S. 218). Es bedeutet also immer ein »Glauben an ...«. ὁμολογεῖν (zusichern, bestätigen, feierliches bezeugen) ist ein Ausspruch, der den Sprecher an sein Wort bindet, und geht daher mit Öffentlichkeit, Verbindlichkeit und Endgültigkeit einher. In der neutestamentlichen Verkündigung spielt vor allem der forensische Sinn von ὁμολογεῖν, das Zeugnisablegen eine wichtige Rolle: das Bekenntnis im Glauben (vgl. Michel 1990, S. 206ff). V9 zeigt die enge Verbindung von Glaube und Bekenntnis bei Paulus.

»In deinem Munde« aus Dtn 30,14 bezieht Paulus in V9 auf ein Bekennen zu κύριον Ἰησοῦν (Herr Jesus), einem doppelten Akkusativ. Diese Akklamation steht im NT neben εἰς θεός und εἰς κύριος und impliziert zudem, dass Jesus von den Toten auferweckt worden ist, und zum anderen, das er der gegenwärtige Herr ist (vgl. Schlier 1987, S. 312). »In deinem Herzen« aus Dtn 30,14 bezieht Paulus hingegen auf die Machttat Gottes, dass dieser Jesus von den Toten auferweckt hat. „Die ursprünglich theologische Formel wird durch ihre Einordnung neben und nach der Kyrios-Akklamation dem christologischen Anliegen der Gesamtformulierung dienstbar gemacht“  (Klumbies 1992, S. 223). Somit beschreibt Paulus an dieser Stelle ein zweifaches Christusbekenntnis. „Als Anrufung: »Herr ist Jesus!« (V.9) wird es in der Gemeindeversammlung [...] ausgesprochen (vgl. 1 Kor 12,3; aber auch Phil 2,11), als »Glaubenssatz« (= Credo): »Gott hat ihn von den Toten auferweckt« (vgl. 4,25; 1Kor 15,4) wird es im Tauf- oder Glaubensunterricht den Neubekehrten weitergereicht und anvertraut“ (Theobald 1992, S. 286). Dass Jesu Auferweckung und sein Kyrios-Sein zusammenhängen zeigen auch Röm 1,4 und Phil 2,9. Damit gibt Paulus den Grund, warum, wie in V6 und V7 gesagt wurde, niemand Jesus herabholen muss, da er schon geboren wurde, und ihn niemand heraufholen muss, da er schon auferweckt wurde und so den Menschen nahe ist.

Herz und Mund stehen hier in einem engen Bezug zueinander. Das Herz ist im physiologischen Sinn das zentrale Organ des tierischen und menschlichen Körpers. Im Neuen Testament wird es als Sitz des seelisch-geistigen Lebens des Menschen bezeichnet, in dem Gefühle, Leidenschaften, Denkvermögen, Verstand, Wille und das religiöse Leben verortet werden. „In der καρδια [fasst sich] das ganze innere Wesen des Menschen zusammen im Gegensatz zur Außenseite [...] zu Mund und Lippen“ (Baumgärtel/Behm 1990, S. 614f).

Die Bedeutung von στόμα (Mund) im Neuen Testament deckt sich mit der des Profanen, es bezeichnet den menschlichen Mund. Im Gegenstück zum menschlichen Innersten, „im Mund dessen, dem das Wort des Glaubens verkündet wird, wird der Glaube an den κύριος Ἰησοῦς zum Bekenntnis, das rettet“ (Weiß 1990, S. 698ff).

  

V10-11: Paulus bekräftigt hier noch einmal die Aussage aus V9. Dabei fügt er der σωτηρία - Rettung die δικαιοσύνη - Gerechtigkeit hinzu und ordnet beides durch einen Chiasmus dem Glauben und dem Bekenntnis zu. Glauben und Bekennen stehen dabei in einem Kausalzusammenhang. Wenn man glaubt bzw. bekennt, dann wird man gerettet. Durch die Auferweckung Jesu schafft die Gerechtigkeit Gottes dem Gläubigen Gerechtigkeit (vgl. Wilckens 1980, S. 228). Dies begründet Paulus zusätzlich durch die LXX mit Jes 28,16.

  

V12: Paulus betont ausdrücklich, dass im Glauben an den Kyrios der Unterschied zwischen Juden und Griechen aufgehoben wird. Damit versucht er im vorliegenden Israel-Kontext begreifbar zu machen, dass sich die Juden deshalb dem Evangelium verschlossen haben, „weil sie am Gesetz und den in seinem Namen errichteten Grenzen zwischen Juden und Heiden festhalten wollten“ (Theobald 1992, S. 287). Der Kyrios lässt jedoch seinen Reichtum allen zukommen, die ihn anrufen. Dabei spricht Paulus hier nicht mehr wie zuvor von Israel, sondern von den Juden und nicht mehr von den nichtjüdischen Völkern bzw. Heiden, sondern den Griechen. Durch dieses Gegensatzpaar bezeichnet er auf der einen Seite alle, die von der jüdischen Kultur, und auf der anderen Seite alle, die von der hellenistischen Kultur geprägt sind. Der Dualismus »Juden und Griechen« steht hier als Beschreibung für die ganze Menschheit. „Die Gerechtigkeit und damit der Zugang zu Gott eröffnet sich dem Glaubenden über Christus, unabhängig von nationaler und religiöser Herkunft“ (Klumbies 1992, S. 221).

  

V13: Mit V13 bekräftigt Paulus noch einmal die Aussage von V12 mit einem Zitat aus der Tora. Mit dem Zitieren von Joel 3,5 LXX macht die urchristliche Theologie einen bedeutenden Schritt. Das Bekenntnis zu JHWH, dem Gott Israels, dessen Name im Griechischen mit κύριος (Herr) übersetzt wird, wird von urchristlichen Exegeten, also nicht nur von Paulus, auf das Bekenntnis zu Jesus Christus als den Kyrios bezogen. „Obwohl damit noch nicht wie in der späten trinitarischen Theologie Jesus mit Gott gleichgesetzt wird, sondern Gott und Herr nebeneinandergestellt werden können, (vgl. z.B. 1Kor 8,6), wird dadurch eine ganz enge Beziehung zwischen dem Handeln Gottes und dem Geschick Jesu geschaffen. Das gerade aber macht das Bekenntnis zu Jesu als dem Herrn zum »Stein des Anstoßes« für Israel“ (Klaiber 2009, S. 181f).

 

2. Die Entstehungsgeschichte – literarkritische Beobachtungen

Der Römerbrief ist abgefasst als ‚logos protreptikos‘ (belehrender Brief), er versucht die Menschen zu einer Auseinandersetzung mit der paulinischen Theologie zu bewegen. Ebenso ist der Römerbrief ein Diskurs, da er argumentativ verfasst und mit Rechtfertigungs- und Geltungsansprüchen verbunden ist (vgl. Schnelle 2007, S. 136–137). Abgefasst wurde der Brief vermutlich im Frühjahr 56 n.Chr. in Korinth. Paulus will nach Spanien reisen, um dort zu missionieren, benötigt dazu aber personelle und materielle Unterstützung aus Rom. Dort scheint er jedoch noch nicht bekannt zu sein, weshalb er sich und seine Theologie sehr ausführlich vorstellt (vgl. Schnelle 2007, S. 129). „Wie kein anderer Paulusbrief stellt sich der Röm als Entfaltung des urchristlichen Kerygmas dar“ (Schnelle 2007, S. 140). In Röm 10,6-13 ziegt sich dies vor allem anhand von V9. In V9a verwendet Paulus die traditionelle Akklamation κύριος Ἰησοῦς - Herr Jesus. Dies deutet an, dass er auch in V9b (πιστεύειν ὅτι ὁ θεὸς αὐτὸν ἤγειρεν ἐκ νεκρῶν - glaubst, dass Gott in von den Toten Auferweckt hat) auf traditionelles Gut zurückgreift. Gestärkt wirkt diese These dadurch, dass Paulus hier das für ihn zentrale Thema des Todes Jesu weglässt. Demnach handelt es sich bei beiden Aussagen von V9 vermutlich um  vorpaulinische Auferweckungsformeln, die schon vor Paulus geläufig waren (vgl. Wengst 1973, S. 28).

In diesen Darstellungen des Kerygmas zeigt sich der Wunsch von Paulus, dass Rom seine Theologie als sachgemäße Auslegung des gemeinsamen Glaubens anerkennt. Weitere Gründe für die Abfassung des Briefes sind verschieden:

Die personelle und materielle Unterstützung für die Spanienmission

Verständnisprobleme mit der paulinischen Theologie

der Wunsch nach Fürbitte für die zu erwartende Auseinandersetzung in Jerusalem anlässlich der Übergabe der Kollekte aus Makedonien und Achaia

die Aufklärung gegenüber den judaistischen Paulusgegnern

die zunehmende Bedrängnis der Gemeinde durch das römische Judentum und dem sich anbahnenden Konflikt mit dem Staat (vgl. Schnelle 2007, S. 131).

Grob lässt sich der Römerbrief als Ganzes in drei Teile gliedern: 1,1-1,15 Briefanfang, 1,16-15,13 Briefkorpus und 15,14-16,24 Briefschluss, wobei der Hauptteil wiederum in eine Belehrung 1,16-11,36 und eine Ermahnung 12,1-15,13 aufgeteilt ist. Röm 9-11 befindet sich im ersten, belehrenden Hauptteil des Briefes und befasst sich näher mit dem Schicksal Israels als Testfall für die Gerechtigkeit Gottes. Paulus will Gottes Treue gegenüber Israels Untreue beweisen (vgl. Schnelle 2007, S.146 ). Dieses Ringen um Israel ergibt sich einerseits durch die spezifische Kommunikationssituation mit der römischen Gemeinde, in der das Verhältnis zwischen Heidenchristen und Judenchristen offensichtlich ein Problem war, und andererseits aus der Darstellung der Rechtfertigungslehre, was durch die Verweise auf Röm 1,16; 2,9f; 3,1-8 unterstrichen wird (vgl. Schnelle 2007, S. 135f; 146).

 

3. Stimmen aus der Forschung

3.1. Wilckens – Röm 10,9 als Taufbekenntnis

„Daß Paulus in Röm 10,9 auf die urchristliche Taufliturgie anspielt, in der der Neophyt auf eine ihm vorgesprochene, das Elementar-Kerygma zusammenfassende Glaubensformel mit einer akklamatorischen Bekenntnisformel antwortete [...] wird [...] mit Recht vielfach vermutet. Zwar ist im Kontext nirgendwo expressis verbis von der Taufe die Rede; doch zeigen VV14f.17 hinreichend deutlich, daß Paulus [...] Mission und Bekehrung im Blick hat, die im ganzen in der Tauffeier zusammengefaßt und abgeschlossen wurde“ (Wilckens 1980, S. 227).

  

3.2. Bultmann – ὁμολογία als ein sich-Unterordnen

Bei Paulus gehören „πίστις und ὁμολογία zusammen, wie Röm 10,9 ausdrücklich sagt [...]. In der ὁμολογία wendet sich der Glaubende von sich selbst weg und bekennt Jesus Christus als seinen Herrn, und das heißt zugleich: er bekennt, daß er alles, was er ist und hat, durch das ist und hat, was Gott in Christus getan hat“ (Bultmann/Weiser 1990, S. 218).

  

3.3. Klaiber – Röm 10,9 als Reaktion auf Gottes Machttat

„Auch wenn diese Sätze [Röm 10,9] als Bedingungssätze formuliert sind, beschreiben sie dennoch keine von den Menschen zu erfüllenden Vorbedingungen für das Heil, sondern eine sachgemäße Re-Aktion des Menschen auf Gottes Aktion in Jesus Christus. So ist der Glaube an die Auferweckung nicht die unter Aufopferung des eigenen Verstandes vollbrachte Leistung, ein eigentlich unglaubliches Ereignis für wahr zu halten. Es ist der Glaube an Gott, der sich in der Botschaft von der Auferweckung Jesu als Herr über Leben und Tod erweist“ (Klaiber 2009, S. 181).

 

4. Literaturverzeichnis

Baumgärtel, Friedrich; Behm, Johannes (1990), καρδιά. In: Kittel, Gerhard u. a. (Hrsg.), Theologisches Handwörterbuch zum Neuen Testament. Stuttgart [u.a.], S. 609–616.

Bultmann, Rudolf; Weiser, Artur (1990), πιστεύω. In: Kittel, Gerhard u. a. (Hrsg.), Theologisches Handwörterbuch zum Neuen Testament. Stuttgart [u.a.], S. 174–230.

Klaiber, Walter (2009), Der Römerbrief (Die Botschaft des Neuen Testaments). Neukirchen-Vluyn.

Klumbies, Paul-Gerhard (1992), Die Rede von Gott bei Paulus in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext. (Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments 155) Göttingen.

Michel, Otto (1990), ὁμολογέω. In: Kittel, Gerhard u. a. (Hrsg.), Theologisches Handwörterbuch zum Neuen Testament. Stuttgart [u.a.], S. 199–220.

Schlier, Heinrich (1987), Der Römerbrief (HThKNT). Freiburg im Breisgau [u.a.] .

Schnelle, Udo (2007), Einleitung in das Neue Testament. Göttingen [u.a.].

Theobald, Michael (1992), Römerbrief. Kapitel 1-11 (Stuttgarter Kleiner Kommentar Neues Testament 6/I). Stuttgart.

Weiß, Konrad (1990), στόμα. In: Kittel, Gerhard u. a. (Hrsg.): Theologisches Handwörterbuch zum Neuen Testament. Stuttgart [u.a.], S. 692–701.

Wengst, Klaus (1973), Christologische Formeln und Lieder des Urchristentums. Gütersloh.

Wilckens, Ulrich (1980), Der Brief an die Römer (EKK). Teilbd. 2. Röm 6 - 11. Zürich [u.a.]. 

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