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Die Entstehung des Lebenshauses in sechs Tagen

Diana Göbel

Kurzbeschreibung:
Gen 1,1 – 2,4a beschreibt die Schöpfung innerhalb von sechs Tagen. Gen 1,1 – 2,4a setzt in einem chaotischen Anfang an: „Aus diesem ‚Chaos’ als Gegenwelt gliedert nach Gen 1 der Schöpfergott sukzessiv ‚die Welt’ als Kosmos aus, den er als Lebenshaus gestaltet u. mit Lebewesen anfüllt“ (Zenger, 2000, 218). Gott spricht und schöpft. Die gesamte Welt wird als ein wohlgeordnetes Ganzes geschildert. Als Gott am Ende sein Werk im gesamten anschaut, beurteilt er es als „sehr gut“. Die Aufgabe des Menschen, welche als Abbild Gottes geschaffen wurden, ist es, Gott, den Schöpfer, zu repräsentieren. Vollendet wird die Schöpfung mit dem siebten Tag, der Krone der Schöpfung, die Ruhe Gottes am siebten Tag (vgl. Dohmen, 2005, 86). „So verankert die Bibel den Rhythmus aus sechs Arbeitstagen und dem göttlichen Geschenk des Ruhetages ‚im Anfang’, in der idealen Schöpfungsordnung.“(Dohmen, 2005, 86)
Zusätzliche Autoreninformation: Diana Göbel
Studentin, Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Grundschule Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
1.Mose 1,1-2,4
Weitere Schlagworte:
Altes Testament; Anthropoloie; Gott; Kosmos; Mensch; Schöpfung; Umwelt; Zeit

1. Erster Leseeindruck

Beim Lesen erhält man den Eindruck eines geordneten Entstehens der Welt aus einer zuvor ungeordneten Materie. Tag für Tag wird beschrieben. Am Ende betrachtet Gott jeweils sein Tageswerk und befindet es für ‚gut’. Gott betrachtet sein Wirken immer wieder und schaut auf es zurück. Er lässt keinen Zweifel daran, dass das was er macht gut und dies auch nicht zu bezweifeln ist. Am siebten Tag blickt er zufrieden auf das Gesamtwerk zurück und stellt fest, dass alles ‚sehr gut’ ist. Die Intention der Priesterschrift, die Welt als wohlgeordneten Kosmos darzustellen, die Gott als "sehr gut" beurteilt, durchzieht den gesamten Schöpfungsbericht.

2. Synchrone Zugangsweise: Leben durch Ordnung

2.1 Abgrenzung und Kontext

Bei Gen 1,1-2,4a handelt es sich um einen durch die Wortschöpfungsformel und die Tageserzählungsformel klar strukturierten Bericht. Die Grenze wird bei Gen 2,4a gesetzt, da ab Gen 2,4b eine neue Erzählung mit einem anderen Schwerpunkt beginnt. Bis Gen 2,4a wird über die Erschaffung der allgemeinen Welt innerhalb von sechs Tagen berichtet. Ab Gen 2,4b ändert sich der Erzählstil, von da an findet ein Orts- und ein Personenwechsel statt. In Gen 1,1-2,4a geschah die Weltschöpfung‚im Anfang’ aus dem Chaos. Dem Schöpfergott waren 4 Elemente vorgegeben, welche in Gen 1,1-2 dargestellt werden. Zunächst die Tohuwabohu-Erde, eine wüste und wirre Erde, somit eine lebensfeindliche Welt. Des Weiteren war die Finsternis, als eine bedrohliche Unheilsmächtigkeit vorherrschend. Auch gab es das Urmeer und ‚die Wasser’, als die chaotischen Gestalten der 2 Urwasser. Aus diesem ‚Chaos’ wird durch den Schöpfergott die Welt in den ersten drei Tagen gegliedert. Die Finsternis wird beendet, das Licht geschaffen und gegenüber der chaotischen Finsternis abgegrenzt. Anschließend wird die wüste und wirre Erde zum Lebenshaus und mit Lebewesen gefüllt (vgl. Löning/Zenger, 1997, 30/31).

Gen 1,1-2 und 2,2-3 bilden den Rahmen des ersten Schöpfungsberichtes. Dabei dient Gen 1,1 als Überschrift und Gen 2,3 als abschließendes Summarium (vgl. Witte, 1998, 119). „So korrespondiert die Beschreibung des Zustandes vor der Schöpfung und des über dem Urozean […] brausenden Gottesturmes […] mit der Darstellung der bei der Vollendung der Schöpfung erreichten Gottesruhe.“ (Witte, 1998, 119) Innerhalb dieser Umrahmung bilden sich sechs Blöcke heraus, welche jeweils mit der Formel ‚Und Gott sprach’ eingeleitet werden. Der erste Block, V. 3-5, handelt vom Licht und der zweite, V. 6-8, von den festen Körpern. In V. 9-13 werden das Meer/Land und die Pflanzen thematisiert. V. 14-19 sprechen von der Entstehung der Gestirne. V. 20-23 beschreiben die Erschaffung der Wasser- und Lufttiere. Der letzte dieser sechs Blöcke, V. 24-31, beschäftigt sich mit der Erschaffung der Landtiere und Menschen (vgl. Witte, 1998, 120/ vgl. Schmidt, 1973, 50).

Vers 2,1 fällt aus dem klaren Aufbau des Schöpfungsberichtes heraus. Denn alle einzelnen Abschnitte, und auch der Rahmen, beginnen mit einem Satz, in dem Gott Subjekt ist. Dahingegen ist Gen 2,1 ohne ein persönliches Subjekt konstruiert (vgl. Witte, 1998, 120).

Der Schöpfergott schafft ein geordnetes Ganzes als Umformung und Begrenzung der Todesmächte Wüste, Finsternis und Chaoswasser. Somit ist es keine Schöpfung aus dem Nichts, sondern die Umformung eines lebensfeindlichen vorgeschöpflichen Chaos (vgl. Zenger, 2004, 18).

 

2.2 Gliederung Gen 1,1 – 2,4a (vgl. Schmidt, 1973, 50)

Beginnend mit dem Satz, dass Gott im Anfang Himmel und Erde geschaffen hat, wird in Gen 1,1-2,3 die ganze Schöpfung der Welt in 8 Einzelwerke, auf sechs Tage verteilt, beschrieben (vgl. Schumpp, 1937, 322). Im Folgenden soll eine Gliederung entsprechend der sechs Tage erfolgen.

Gen 1,1-2

Im Anfang wurden Himmel und Erde geschaffen. Die Erde war wüst und wirr. Die Finsternis war vorherrschend. Zu Beginn stand das Chaos.

Erzählstil

Beschreibung der vorherrschenden

  Elemente

noch kein Wirken Gottes

Gen 1,3-5

Erschaffung des Lichts und Trennung von Tag und Nacht.

 

 

 

 

 Ein Tag.

Wortschöpfung: ‚Gott sprach…’

Vollzugsbestätigung durch ‚Und es

   wurde Licht’ (V. 3)

Billigungsformel ‚Gott sah, daß das

  Licht gut war.’ (V. 4)

Selbstausführung Gottes (V. 4)

Namensgebung (V. 5)

Tageszählungsformel (V. 5)

Gen 1,6-8

Das Himmelsgewölbe entsteht. Gott scheidet das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser oberhalb des Gewölbes.

 

Zweiter Tag.

Wortschöpfung (V. 6)

Vollzugsbestätigung durch ‚So ge-

   schah es’ (V. 7)

Selbstausführung Gottes (V. 7)

Namensgebung Himmel (V. 8)

Tageszählungsformel (V. 8)

Gen 1,9-13

Gott erschafft das Meer und das Land.

Gott fordert das Land auf, Pflanzen wachsen zu lassen. Und das Land brachte alle Arten von Pflanzen hervor.

 

Dritter Tag.

Wortschöpfung (V.9 & V.11)

Vollzugsbestätigung (V. 9 & V.11)

Namensgebung: Land/ Meer (V. 10)

Billigungsformel: ‚Gott sah, daß es

   gut war.’ (V. 10 & V. 12)

Fremdausführung: ‚Das Land brach-

   te…’ (V. 12)

Tageszählungsformel (V. 13)

Gen 1,14-19

Gott sprach, dass Lichter am Himmelsgewölbe sein sollen, um Tag und Nacht voneinander unterscheiden zu können. Anschließend macht Gott die Gestirne und setzt sie an ihre entsprechende Stelle.

Vierter Tag.

Wortschöpfung (V. 14)

Vollzugsbestätigung (V. 15)

Selbstausführung Gottes (V. 16)

Zusätzliche Tat Gottes: Gott setzt

   die Gestirne an ihren Platz (V. 17)

Billigungsformel (V. 19)

Tageszählungsformel (V. 19)

Gen 1,20-23

Durch Gottes Wort sollen Tiere des Wassers und der Luft geschaffen werden. Gott schafft alle Arten von Wassertieren und alle Arten von Vögeln.

 

 

Fünfter Tag.

Wortschöpfung (V. 20)

Selbstausführung Gottes (V. 21)

Billigungsformel (V. 21)

Zusätzliche Tat Gottes: Segnung der Tiere und Aufforderung zur Vermehrung (V. 22)

Billigungsformel (V. 21)

Tageszählungsformel (V. 23)

Gen 1,24-31

Durch Gottes Wort und Tat werden die Landtiere geschaffen.

Gott schafft die Menschen als sein Abbild. Er gibt ihnen den Auftrag über alle Tiere zu herrschen und sie sich untertan zu machen. Die Menschen erhalten des Weiteren eine Segnung Gottes und den Auftrag sich zu vermehren. Im Anschluss übergibt Gott seine Schöpfung den Menschen.

Gott blickt zufrieden auf sein Schöpfungswerk.

Sechster Tag.

Wortschöpfung (V. 24, 26; 28; 29)

Vollzugsbestätigung (V. 24 & V. 30)

Selbstausführung Gottes (V. 25)

Billigungsformel (V. 25)

Selbstausführung Gottes: Schaffung

   der Menschen (V. 27)

Zusätzliche Tat Gottes: Segnung der Menschen (V. 28)

Erweiterte Billigungsformel: ‚Gott

   sah alles an was er gemacht hatte: Es war sehr gut.’

Tageszählungsformel (V. 31)

Höhepunkt der Schöpfung

 

Gen 2,1-4a

Gott vollendet sein Schöpfungswerk und ruht am siebten Tag. Gott segnet den siebten Tag und erklärt ihn für heilig.

Vollendung der Schöpfung

Erzählstil

Segnung durch Gottes Wort

Sabbat als Krone der Schöpfung

 

 

2.3 Exegetische Beobachtungen

Bei der folgenden exegetischen Untersuchung liegt der Schwerpunkt auf den einzelnen Schöpfungstagen und -werken.

Die in Gen 1,1-2,4a beschriebene Erzählung der Welt ist vom Gegensatz Chaos – Kosmos bestimmt. Die Welt wird nicht aus dem Nichts erschaffen, sondern es wird erzählt, dass die Welt ein geordnetes Ganzes ist, das der Schöpfergott aus dem in Vers 2 „geschilderten Chaos heraus bzw. in dieses hinein als Umformung und Begrenzung der Todesmächte Wüste, Finsternis und Chaoswasser schafft.“ (Zenger, 2004, 17) Festzuhalten ist, dass es bei dem ersten Schöpfungsbericht nicht ausschließlich um die creatio prima et continuata geht, sondern auch um die eschatologische Vollendung der Welt (vgl. Zenger, 2004, 17).

In der Forschung ist man sich nicht einig, ob Vers 1 als zusammenfassende Überschrift zu lesen ist, wie in der Einheitsübersetzung oder ob folgendes übersetzt werden muss: „Am Anfang davon, dass Gott den Himmel und die Erde erschuf – die Erde aber war…- da sprach Gott: Es werde Licht!“ (Zenger, 2004, 18) Festzuhalten bleibt, dass Gen 1 nicht von creatio ex nihilo redet, sondern davon ausgeht, dass der Schöpfergott ein ‚vorgeschöpfliches Chaos’, dem Gegensatz zur Welt als Lebensraum, überwindet und umwandelt (vgl. Zenger, 2004, 18).

Wie in der Gliederung bereits deutlich geworden ist, werden in Gen 1,1-2,4a verschiedene sprachliche Formeln verwandt. Allerdings ist allein der Wortbericht, mit dem alle Schöpfungstage eingeleitet werden, konstant. Aber auch hier kehrt nur die Einführungsformel ‚Und Gott sprach’ unverändert wieder. Die bereits erwähnte Vollzugsbestätigung ‚So geschah es’ oder auch ‚Und es wurde…’ folgt meist unmittelbar dem Wortbericht. Lediglich in Vers 30 wird sie nach einem zusätzlichen Gotteswort (V. 29f.) nachgetragen. In dem Text von Vers 7 ist sie auch nicht dem Wortbericht, sondern dem Tatbericht angefügt. Anzunehmen ist folgender mindestens viergliedriger Kurzaufbau bei jedem Schöpfungswerk: Wortbericht – Vollzugsbestätigung – Tatbericht – Billigungsformel. Auffällig ist auch, dass die mittleren Schöpfungswerke dem idealen Aufbau am nächsten kommen. Das erste und das letzte Werk weichen am stärksten vom Grundschema ab. Die Unregelmäßigkeiten bei Vers 3-5, dass die Vollzugsbestätigung durch ‚und es wurde Licht’ ersetzt wurde, die Billigungsformel in V. 4 ausdrücklich ‚das Licht’ erwähnt und dass die Billigungsformel dem Tatbericht und der Namensgebung vorangeht, statt beidem zu folgen (vgl. Schmidt, Werner, 1973, 53), hat folgenden tieferen Grund: „sie wollen betonen, daß wirklich nur Gottes Werk, das Licht, nicht auch die Finsternis (vgl. V 2) gebilligt wird.“( Schmidt, 1973, 53/54)

Aus dem Überblick in der Gliederung lässt sich folgende ‚ideale’ Reihenfolge herauslesen: Wortbericht, Vollzugsbestätigung, Tatbericht, Namensgebung, Billigungsformel und Tageszählung.

„Die Schöpfung wird hier in Aufnahme der Sieben-Tage-Woche (mit dem siebten Tag als Abschluss der Woche) und mit technisch-künstlerischer Metaphorik als eine Bildergeschichte erzählt.“(Zenger, 2004, 18) Die Aufteilung der acht Schöpfungswerke auf die sechs Schöpfungstage erfolgt nach einem ganz bestimmten Schema: jeweils der dritte und der sechste Tag bekam zwei Werke zugewiesen. Auch mit der Gliederung in 2 mal 3 Tage wird ein Entsprechungsverhältnis zwischen der ersten und der zweiten Wochenhälfte angestrebt. Die Entsprechung von Tag 1 (Licht) und Tag 4 (Gestirne) ist gut zu erkennen. Bei dem zweiten ‚Tages-Paar’ ist keine eindeutige Korrespondenz festzustellen: 2. Tag (Himmelsfeste [geteilte Wasser]) und 5. Tag (Wasser- und Flugtiere). Eigentlich dürften hier nur die Vögel dem Himmelsgewölbe gegenübergestellt werden, da man eigentlich die Fische noch nicht dem 2. Tag gegenüberstellen kann, denn das Meer entstand erst am dritten Tag. Die Gegenüberstellung des dritten Paares von Land und Meer/ Pflanzen zu Landtiere/ Mensch kann wiederum erfolgen, da die Pflanzen die Nahrung des Menschen sein sollen. Auch die Landtiere leben von den Pflanzen und sie können auch nur dem Festland angehören. Folgende traditionelle Bezeichnungen können des Weiteren für die beiden Wochenhälften eingeführt werden: ‚Werke der Scheidung’ (1.-3. Tag) und ‚Werke der Ausschmückung’ (4.-6. Tag) (vgl. Schmidt, 1973, 54/55).

Am ersten Tag schafft Gott ‚das Licht’ zur fundamentalen Ordnung der Zeit, als Quelle des Lebens und setzt somit dem Chaos der ‚Finsternis’ ein Ende (vgl. Zenger, 2004, 18). Dies geschieht durch das Wort Gottes. Dieses erste Schöpfungswerk unterscheidet sich von allen anderen. Das Licht ist kein an die Erde oder das Firmament gebundenes Element. Somit soll wahrscheinlich durch das erste Schöpfungswerk beispielhaft die sofortige Wirksamkeit des göttlichen Machtwortes demonstriert werden (vgl. Jacob, 2000, 30). Im Anschluss daran plant und realisiert er gemäß eines Plans, den Kosmos. Vergleichen lässt sich dies mit dem Planen und Realisieren eines Hauses (vgl. Zenger, 2004, 18). Inmitten der chaotischen Wassermassen schafft Gott einen kosmischen Hohlraum. Anschließend gibt er diesem durch das Himmelsgewölbe und durch den Erdboden die Gestalt eines Hauses (vgl. Zenger, 2004, 18). „Dieses teilt er dann in einzelne Lebensräume auf, die er mit entsprechendes Gegenständen und Lebewesen ausfüllt. An die Decke des Hauses gibt er die Leuchtkörper, auf dem Boden des Hauses lässt er die Pflanzen wachsen und weist die einzelnen Räume den Tieren und Menschen zu; in das Wasser, das das Haus wie ein (westfälisches) Wasserschloss umgibt, setzt er die Fische.“(Zenger, 2004, 18) Den Leuchtkörpern kommt die Funktion zu, als ‚Weltuhrwerk’ dem Haus und seinen Bewohnern zu dienen. Sie sollen Tag und Nacht, Monate und Jahre, Jahreszeiten und Festzeiten anzeigen (vgl. Zenger, 2004, 18). Die Menschen bekommen in dem Lebenshaus der Schöpfung einen ganz besonderen Auftrag zugewiesen: sie sollen als Abbild Gottes , was als eine Art lebendige Götterstatue angesehen werden kann, durch die der Schöpfergott in seiner Schöpfung wirkmächtig tätig ist, die Erde ordnen bzw. über sie herrschen, wie es in Vers 26 beschrieben wird. Dabei wird die Würde der Gottebenbildlichkeit gleichermaßen Mann und Frau zugesprochen. Das heißt, dass die Menschenwürde jedem Menschen als gottgegeben zukommt. In Vers 28 erhalten die Menschen den Segen Gottes, um ihren Auftrag die Erde zu bevölkern und zu schützen erfüllen zu können. Dabei geht es nicht, wie es die Einheitsübersetzung vermuten lassen könnte, um eine Ausbeutung oder Zerstörung der Erde, sondern um deren Verteidigung als Lebenshaus für alle Lebewesen. In Vers 29-30 wird die Erde als Lebensraum mit einer aus der Rechtssprache stammenden Formel übergeben (vgl. Zenger, 2004, 18/19). „Dass den Menschen und den Tieren hier ausschließlich pflanzliche Nahrung (vgl. ähnlich Gen 2) zugewiesen wird, macht die Zielvorstellung deutlich: Die Erde sollte nicht durch Tötung von Tieren zur ‚Fleischgewinnung’ in ein Haus des Todes verwandelt werden. Kein Lebewesen soll auf Kosten anderer Lebewesen leben (die Pflanzen gelten in dieser Sicht nicht als Lebewesen).“ (Zenger, 2004, 19)

Vollendet wird die Schöpfung erst am siebten Tag durch eine weitere Schöpfungstat Gottes. Er segnet und heiligt den siebten Tag, der Tag, an dem er aufhört zu arbeiten. Dadurch werden die Zeit des Arbeitens und die geheiligte Zeit der Ruhe als die Schöpfung ordnende und belebende Zeiten festgelegt (vgl. Zenger, 2004, 19). „Der jeweils siebte Tag im Ablauf der Zeit soll frei machen für die Wahrnehmung der Welt als Geschenk des in ihr gegenwärtigen Gottes und für die gemeinsame Feier des Segens, der über dieser Welt – allen Störungen zum Trotz – liegt.“ (Zenger, 2004, 19)

3. Diachrone Betrachtungen: Priesterliche Traditionen

Das erste Buch Mose erzählt die Ursprünge der Welt, der Menschen und des Volkes Israel. Völlig irrrelevant sind Naturwissenschaft, Ahnenforschung oder Soziologie. Es geht um die theologische Deutung der Welt, so wie sie ist (vgl. Dohmen, 2005, 86). „Es geht nicht um die Welt, wie sie ‚am Anfang’ entstanden ist, sondern um das Geheimnis, dass sie ‚von Anfang an’ (bzw. ihrem ‚Wesen’ nach) eine von Gott belebte und geliebte Welt ist. (Zenger, 2004, 15) Die Endredaktion des Buches Genesis „erfolgte nach dem Exil in jüdisch-priesterlichen Kreisen (P).“ (Baier, 1968, 550)

Die Urgeschichte (Gen 1-11) erzählt nicht von Ereignissen die damals geschehen sind und nun der Vergangenheit angehören, sondern sie stellen dar, was diese Welt zutiefst prägt, seit es sie gibt und solange sie existieren wird (vgl. Zenger, 2004, 16). „Sie reden eben nicht über eine historische Ereignis-Zeit, sondern über die mythische Ur-Zeit, d.h. über die die historische Zeit ‚von Anfang an’ bestimmenden Grundgegebenheiten und Grundstrukturen.“ (Zenger, 2004, 16). Somit geht es in der Urgeschichte nicht um die Erklärung der Welt, sondern dass darzustellen, was die Welt und das Leben von Gott her und für ihn ist (vgl. Zenger, 2004, 16).

Gen 1 und Gen 2f. stammen von verschiedenen Verfassern. Bei dem jüngeren Schöpfungsbericht (Gen 1) geht man aufgrund der formelhaften Sprache, des großen Interesses an Ordnung und kultischen Einrichtungen und der Freude an Zahlen und Symmetrie davon aus, dass die Verfasser aus Kreisen priesterlicher Tradition stammen. Deshalb wurde für diese Quelle die Bezeichnung P (= Priesterschrift) gewählt (vgl. Schüngel-Straumann, 1989, 155).

Die Priesterschrift entstand im Babylonischen Exil (587-538 v. Chr.) und ist in nachfolgender Zeit weiter bearbeitet worden. Somit ist die Entstehung von Gen 1 in das sechste Jahrhundert einzuordnen, einer Zeit des Umbruchs und Zusammenbruchs. Zu der Neubesinnung auf den Kern des Glaubens und zu der Unterscheidung von gläubigen Israeliten und anderen Völkern macht der jüngere Schöpfungsbericht prägnante und die Zukunft bestimmende Aussagen (vgl. Schüngel-Straumann, 1989, 156).

 

4. Stimmen aus der Forschung


4.1 Der Rahmen der sieben Tage wurde später hinzugefügt?!

Im Sammelwerk ‚Biblischer Kommentar Altes Testament’ schreibt Claus Westermann in dem dazugehörigen Band ‚Genesis’, dass man heute im Allgemeinen davon überzeugt ist, dass das Sieben-Tage-Rahmenwerk einem späteren Stadium der Textgeschichte entstammen muss.

4.2 Der Mensch als Gottes Gegenüber

Laut K. Barth soll mit der Gottebenbildlichkeit des Menschen der besondere Charakter der menschlichen Existenz beschrieben werden. Mit diesem wird der Mensch Gott gegenüber verhandlungsfähig. Der Charakter wird als ein von Gott anzuredendes Du und als ein vor Gott eigenverantwortliches Ich angesehen. K. Barth spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer Art ‚Partnerschaft’ (vgl. Westermann, 1983, 208).

4.3 Mann und Frau als Gottes Gegenüber

Der Mensch soll „als Stellvertreter Gottes für die übrige Schöpfung Verantwortung tragen wie Gott für die Welt insgesamt“, wobei ausgeschlossen ist, dass er über andere Menschen herrscht – das allein ist Gott vorbehalten, so Schüngel-Straumann. Dies schließt ebenso die Herrschaft eines Geschlechts über das das andere aus, denn der „Mensch als ganzes, in seiner weiblichen und männlichen Ausprägung, ist Bild Gottes“ (Schüngel-Straumann, 1999, 9).


Literaturverzeichnis

Baier, W., ²1968: Genesis, in: Haag, Herbert Prof. Dr. (Hrsg.): Bibel-Lexikon, Zürich/ Köln, 549-552

Dohmen, Christoph/ Hieke, Thomas, 2005: Das Buch der Bücher. Die Bibel - Eine Einführung, Regensburg, 86/87

Jacob, Benno, 2000: Das Buch Genesis, Stuttgart, 19-79

Löning, Karl/ Zenger, Erich, 1997: Als Anfang schuf Gott. Biblische Schöpfungstheologien, Düsseldorf, 30/31

Ruppert, Lothar, 1995, Genesis, in: LThK, Bd. 4, Freiburg/Basel/Rom/Wien, 453-454

Schmidt, Werner H., 1973: Die Schöpfungsgeschichte der Priesterschrift. Zur Überlieferungsgeschichte von Genesis 1,1-2,4a und 2,4b-3,24, 3., durchgesehene Auflage, Neukirchen-Vluyn, 49-55

Schüngel-Straumann, Helen, 1989: Die Frau am Anfang. Eva und die Folgen, Freiburg im Breisgau, 155/156

Schüngel-Straumann, Helen, ²1999, Genesis 1-11. Die Urgeschichte, in: Schottroff, Luise/Wacker, Marie-Theres, Kompendium Feministische Bibelaslegung, Gütersloh, 1-11

Schumpp, M., 1937: Schöpfungsbericht, in: Buchberger, Michael Dr. (Hrsg.): LThK, Band 9, Freiburg im Breisgau, 322-324

Westermann, Claus, 1983: Genesis (BKAT), Neukirchen, 106-244

Witte, Markus, 1998: Die Biblische Urgeschichte. Redaktions- und theologiegeschichtliche Beobachten zu Genesis 1,1 – 11,26, in: Kaiser, Otto (Hrsg.): Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft, Band 265, Berlin/ New York, 119-131

Zenger, Erich, 2000, Schöpfung II. Biblisch-theologisch, in: LThK, Bd. 9, Freiburg/Basel/Rom/Wien, 217-220

Zenger, Erich, 2004: Das Buch Genesis, in: ders.: Stuttgarter Altes Testament. Einheitsübersetzung mit Kommentar und Lexikon, Stuttgart, 15-19

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