Ein Königspsalm

Rebekka Schatta

Kurzbeschreibung:
Ps 2 gehört zur Gruppe der Königspsalmen, die das Amt des Jerusalemer Königs deuten. Ps 2 greift auf ägyptische und neuassyrische Königsideologien und Inthronisationsrituale zurück, um das Amt des Königs von seinem Auftrag her zu legitimieren: der König ist der von JHWH Gesalbte, als König der von JHWH gezeugte Sohn, der im Auftrag des Weltenherrschers JHWH die Erde vor der Zerstörung durch die Mächte des Chaos bewahrt. Die gewalttätig anmutenden Sprachbilder bringen die Souveränität JHWHs als Weltenkönig zum Ausdruck, im biblischen Zusammenhang sind damit gerade keine politischen Handlungsanweisungen (anders als in Assur) gemeint.
Zusätzliche Autoreninformation: Rebekka Schatta
Studentin, Universität Dresden
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Ps 2
Weitere Schlagworte:
Altes Testament; beten; David; Erwartung; Furcht; Gebet; Gesalbter; König; Köngtum; Messias; Psalm; Psalter; Volk Gottes

 

 

1. Erster Leseeindruck

Bei der Lektüre von Ps 2 wird einem schnell bewusst, wie sehr hier die Unterordnung des irdischen Königs unter Gott, dem Weltenherrscher, betont wird. Die Völker und Könige sollen ihn nicht erzürnen, weil er sie ins Verderben stürzen kann. In diesem Psalm ist von einem Gesalbten die Rede, dem Sohn Gottes, der von Gott als König eingesetzt wurde. Aber um wen genau handelt es sich hier?

 

2. Synchrone Zugangsweise: Auch der König dient JHWH.

Der Ps 2 gehört zu den Königspsalmen wie einige andere Psalmen auch:  Ps 21; Ps 45; Ps 47; Ps 72; Ps 101; Ps 110; Ps 132.

Die Königspsalmen stellen innerhalb der Psalmen keine eigentliche Gattung dar, deren Kriterien der Alttestamentler Hermann Gunkel herausgearbeitet hatte. Sie haben beispielsweise keine gemeinsame einheitliche Struktur sowie auch keinen gleichen „Sitz im Leben“. Was die Königspsalmen trotzdem als gesonderte Gruppe von den übrigen Psalmen abhebt, sind das gemeinsame Motiv sowie auch teilweise sehr miteinander übereinstimmende Wortlaute. Die Thematik der Königspsalmen ist hauptsächlich der (Jerusalemer) König, dessen Thronbesteigung, dessen Würde und dessen Amtsführung. Auch in der nachexilischen (königslosen) Zeit wurden Königspsalmen neu verfasst und andere überarbeitet bzw. weiterhin gesungen und gebetet, jetzt allerdings mit Blick auf eine kommende messianische Rettergestalt (vgl. Görg, 2001, Bd. 1, 510).

Ps 2 gehört zu der Gruppe der Königspsalmen, „die das Amt des Jerusalemer Königs deuten“ (Zenger, 2005, 1041). Ps 2 lässt sich in vier sinnhafte Abschnitte gliedern (vgl. Zenger, 2005, 1041f).

Im ersten Teil (v1-3) wird die Auflehnung der fremden Völker und ihrer Herrscher und Könige gegen JHWH, dem Herrscher über die ganze Welt und gegen seinen „Gesalbten“, womit der König Jerusalems gemeint ist, beschrieben. „Lasst uns ihre Fesseln zerreißen und von uns werfen ihre Stricke“ (v3) ist ein nicht eingeführtes Zitat dieser Aufständischen. Damit ist das Abwerfen des Jochs, die Auflehnung gegen die Unterdrückung gemeint.

Der Ort des Geschehens wechselt in der zweiten Passage (v4-6) von der Erde in den Himmel. Dieser Abschnitt erzählt von der Reaktion JHWHs auf die Verschwörung der Völker. Zunächst „lacht“ und „verspottet“ er die Rebellen, womit er seine Souveränität und Überlegenheit demonstriert. Der darauf folgende Zorn, mit dem er dann zu den Völkern spricht, bringt seine Entschlossenheit zum Ausdruck. Er ist gewillt, seine Weltordnung vor allen Herrschaftsansprüchen anderer Götter und ihrer Könige zu schützen. Das tut er, indem er selbst einen König einsetzt („gezeugt“ hat), und zwar auf dem Zion, seinem heiligen Berg (v6). So wie der erste Abschnitt mit v3 in einer wörtlichen Rede der Rebellen gipfelt, so endet der zweite Abschnitt in v6 mit einer wörtlichen Rede, diesmal von JHWH.

Der dritte Teil (v7-9) beinhaltet Worte des gesalbten Königs an die Rebellen, der wiederum Gott zitiert. In diesem Zitat erklärt er den anderen Völkern und Königen seine ihm von Gott übertragene Funktion auf Erden. Traditionsgeschichtlich handelt es sich hierbei wohl um ein Königsprotokoll, das vermutlich zum Teil aus den Krönungsritualen der Jerusalemer Könige stammt. Der König wird als „von Gott gezeugter Sohn“ bezeichnet, d.h. dass er von Gott in das Amt des Königs eingesetzt wurde. In v8f ist das Herrschen des Königs beschrieben: „Fordre (sic!) von mir und ich gebe dir die Völker zum Erbe, die Enden der Erde zum Eigentum. Du wirst sie zerschlagen mit eiserner Keule, wie Krüge aus Ton wirst du sie zertrümmern.“ Diese „Gewaltbilder“ („zerschlagen mit eiserner Keule“, „sie zertrümmern“) bezeichnen nicht etwa den tatsächlichen Kampf gegen Menschen, sondern markieren in einem kosmischen Denkhorizont den Auftrag des König, die Erde vor dem Chaos zu bewahren und dagegen anzukämpfen, dass die Weltordnung gestört, ja dadurch zerstört wird. Diese Bilder werden schon in den nächsten Versen abgeschwächt.

Diese nächsten Verse (v10-12) sind der vierte und letzte Abschnitt des Ps 2. Die Könige und Völker werden aufgerufen, JHWH zu huldigen und ihn nicht zu erzürnen, weil er die Macht hat, sie alle zu vernichten. Das abschließende „Wohl allen, die ihm vertrauen!“ ist ein positiver Ausklang, der an die fremden Völker gerichtet ist. Wer der Sprecher dieses Parts ist, ist vom Text her nicht ganz deutlich, da keine Einleitung vorhanden ist. Es dürfte sich um den von JHWH eingesetzten König handeln, der die Ankündigung JHWHs aus v7-9 insofern relativiert, als er daraus keine politischen Zielsetzungen ableitet, sondern die fremden Völker auffordert, in Frieden zu leben und JHWH zu dienen.

 

3. Diachrone Beobachtungen: Ägyptische / assyrische Königsideologie?

Psalmen sind Lieder und Gebete, welche ursprünglich anonym für liturgische Anlässe verfasst wurden. Es sind poetische, machtwirkende Texte, die gewissenhaft zusammengetragen wurden. Zusammen mit Ps 1 (Einladung zum guten Leben mit der Tora) bildet Ps 2 (Mahnung zum Gehorsam gegen den König und seinen Gesalbten) die Einleitung in den Psalter (Burkhardt, 1989, 1244f).

Man geht davon aus, dass der Hauptteil des Ps 2 in vorexilischer Zeit entstanden sein muss. In den Versen 1-9 scheinen viele ägyptische und neuassyrische Königsvorstellungen mit eingeflossen zu sein, so dass die Vermutung nahe liegt, dass dies die ursprüngliche Fassung ist und die Verse 10-12 in nachexilischer Zeit hinzugefügt wurden. Beispiele für diese ägyptischen und neuassyrischen Einflüsse findet man in v3 (die mit Seilen gefesselten Völker sind ein typisches Motiv an Tempel- und Palastfassaden) und in v7-9. Typisch ägyptisch ist die Zeugung des Königs durch Gott (als Metapher für die Inthronisation), die Gewaltbilder in v9 greifen die neuassyrische Königsideologie auf. Dass diese Gewaltbilder in den darauf folgenden Versen relativiert werden, ist ein Indiz dafür, dass diese in nachexilischer Zeit ergänzt wurden (vgl. Zenger, 2005, 1041f).

 

4. Stimmen aus der Forschung

Klaus Koch beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit die Geschichte Israels mit der altorientalischen verzahnt ist, und stellte bereits 1962 die These auf, dass alttestamentliche Überlieferungen formal sowie inhaltlich auf orientalische Traditionen zurückgreifen würden. Die Verflechtungen vorexilischer und altorientalischer Einflüsse hat Koch am Beispiel der Königsideologie näher betrachtet, die er am Ps 2 diskutiert.

Für diesen Königspsalm kann ein Ritual am königlichen Hof  als Vorlage gedient haben, beispielsweise eine Thronbesteigung oder ein Jubiläum (vgl. Koch, 1999, 247). Die ägyptischen Vorstellungen wurden am israelitischen Hof übernommen, die assyrischen Ideologien haben indes weniger Spuren im Alten Testament hinterlassen.

 

Literaturverzeichnis

Egelkraut, Helmut, 1989, Art. Psalter, in: Das große Bibellexikon 3, hg. v. Helmut Burkhardt, Gießen, 1243-1249

Koch, Kurt, 1999, Israel im Orient, in: Janowski, Bernd/Köckert, Matthias (Hg.), Religionsgeschichte Israels. Formale und materiale Aspekte, Gütersloh, 242-271

Zenger, Erich, 1995, Art. Königspsalmen, in: NBL 2, 510-513

Zenger, Erich, 2005, Die Psalmen, in: Ders. (Hg.), Stuttgarter Altes Testament. Einheitsübersetzung mit Kommentar und Lexikon, Stuttgart, 1036-1218

 

 

 

 

 

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