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Der barmherzige Samariter

Tina Kleefeldt

Kurzbeschreibung:
In Lk 10,25-37 wird die Parabel vom barmherzigen Samariter erzählt. Anlass dafür ist die Frage eines Schriftgelehrten, wie das ewige Leben zu gewinnen sei und wer denn der Nächste sei, auf den sich die Nächstenliebe als ein Hauptgebot des Gesetzes zu beziehen habe. Die Geschichte nötigt den Schriftgelehrten zu einem Perspektivwechsel: der Nächste ist nicht Objekt meines Handelns, sondern ich selbst habe mich in der Interaktion als Nächster für Andere zu verstehen. Jeder kann selbst zum Nächsten werden und auf diese Weise das Gebot der Nächstenliebe erfüllen.
Zusätzliche Autoreninformation: Tina Kleefeldt
Studentin, Universität Dresden
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Lk 10,25-37
Zusätzliche Skripturen:
Lev 21,1-4 Num 5,2 Num 19,11-13 Mk 12,28-31 Mt 22,35-40
Weitere Schlagworte:
Evangelium, Gebot, Gesetz; Gleichnis, Nächster

 

 

1. Erster Leseindruck

Bei Lk 10,25-37 handelt es sich um eine typische Parabelerzählung. Die Handlung erscheint stringent und in sich geschlossen. Besonders auffällig beim ersten Lesen ist die Doppelstruktur der Eingangsfrage und der zweifache Imperativ, der als Handlungsgebot an den Leviten ergeht. Beide Imperative rahmen das eigentliche Parabelgeschehen ein.

 

2. Synchrone Zugangsweise: Wer ist mein Nächster?

2.1. Einordnung der Textstelle in den Kontext

Zu Beginn des Abschnitts Lk 10,25-37 steht die Frage, wie es möglich sei, zum ewigen Leben zu gelangen. Damit schließt Lukas beinahe nahtlos an das Geschehen in Lk 10,20 an. Jesus verkündet den Jüngern, dass sie in die himmlische Bürgerliste eingetragen seien, sie also auf ewig von Gott angenommen sind, und dass dies ein Grund sei, sich zu freuen. Lk 10,21-24 vertieft diese Zusage durch die Worte Jesu, dass in Jesu Wort und Tat als auch in Wort und Tat seiner Jünger die angekündigte Gottesherrschaft erfahrbar und gegenwärtig wird. Der Schriftgelehrte in Lk 10,25 tritt also in die Situation ein, in der für die Jünger die Zeit der Heilserfüllung fast greifbar scheint. Für sie wird in dem sich anschließenden Lehrgespräch noch einmal verdeutlicht, dass das Reich Gottes nur zu erreichen ist, wenn das Doppelgebot der Liebe eingehalten wird. In Lk 10,38-42 schließt sich die Maria-Martha-Episode an, welche die Thematik weiterführt. Intensives Hören auf das Wort des Herrn ist nötig, um den Weg des doppelten Liebesgebotes zu gehen, dadurch das Reich Gottes anbrechen zu lassen und damit das ewige Leben zu erlangen (vgl. Eckey, 2004, 482f).

 

2.2. Gliederung der Textstelle

Die Parabel vom barmherzigen Samariter (Lk 10,30-35) ist in ein Gespräch zwischen Jesus und einem jüdischen Schriftgelehrten (Lk 10,25-28; Lk 10,29; Lk 10,36-37) als Rahmenhandlung eingebettet. Dieser, Jesus auf die Probe stellend, formuliert die provozierende Frage, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erhalten. Im sich nun entfaltenden Dialog lässt sich eine Doppelstruktur erkennen, die in Frage, Gegenfrage und eine deutliche Handlungsaufforderung durch Jesus gegliedert ist (vgl. Zimmermann, 2001, 541):

 

1.Teil (Lk 10,25-28)

v25: Frage des Gesetzeslehrers

v26: Gegenfrage Jesu

v27: Antwort des Gesetzeslehrers (als Zitat)

v28: Handlungsaufruf durch Jesus

 

2. Teil (Lk 10,29; Lk 10,36-37)

v29: Frage des Gesetzeslehrers

[v30-35: Parabel vom barmherzigen Samariter, erzählt von Jesus]

v36: Gegenfrage Jesu

v37a: Antwort des Gesetzeslehrers

v37b: Handlungsaufruf durch Jesus

 

Innerhalb der Parabel Lk 10,30-37 kann eine klare inhaltliche Dreigliederung ausgemacht werden: 1. Der Überfall auf den Wanderer (v30), 2. Die zweifache Begegnung mit Vorbeiziehenden (v31-32) und 3. Die „Erste Hilfe“ des Samariters, die sich im weiteren Verlauf auch in einer Herberge vollzieht und durch den dort ansässigen Wirt weiter geführt wird (v33-35).

 

2.3. Sprachliche Analyse

Auf der sprachlichen Ebene markieren die Imperative in v28 und v37 („tu das...!“) einen deutlichen Rahmen. V30 stellt innerhalb der Parabelerzählung die Exposition dar und weist einen dichten Verbalstil auf: Die Situation wird gerafft erzählt mit dem Ziel, dass ein Mann nach einem Überfall halbtot neben der Straße liegen bleibt. Eine streng parallele Bauweise weisen die folgenden v31-34 aus, die von der Begegnung dreier Menschen mit dem Überfallenen berichten. Der Sprachstil ist dabei ebenfalls karg und knapp. Die ersten zwei  Begegnungen (Priester und Levit) weisen eine Doppelstruktur auf. Beide kommen, sehen und gehen vorüber, wobei sie nicht richtig hingesehen haben (v31-32). Scheinbar gleich verläuft die Begegnung mit dem Samariter. Auch er „sieht“ (v33), wird aber angerührt vom Anblick und „jammerte er ihn“. Ab v34 ist nun wieder gedrängter Verbalstil zu beobachten. Ähnlich wie in der Überfallszene der Exposition wird auch hier dicht erzähltes schnelles Handeln verdeutlicht. Schließlich ist der Überfallene fast tot und die Zeit zur Hilfe drängt. Auch innerhalb der Parabel ist ein Imperativ zu finden. Er ist in die einzige wörtliche Rede der Parabel eingebettet, in der der Samariter dem Wirt der Herberge den Auftrag erteilt, für den Verletzten weiterhin zu sorgen und ihm die Kosten zu berechnen (v36b). Der Imperativ verdeutlicht den Willen des Samariters, seine Hilfeleistung über den momentanen Anlass hinaus bis zur Gesundung des verletzten Mannes auszudehnen.

 

2.4. Personenkonstellation

Neben Jesus und dem Schriftgelehrten aus dem, den Rahmen bildenden, Streit- oder Lehrgespräch begegnen uns in der Parabel ein überfallener Wanderer, die Räuber, ein Priester, ein Levit, ein Mann aus Samaria und schließlich der Wirt aus der Herberge.

Über den schwer Verletzten erfahren wir nicht viel, nur, dass er sich auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho befand und auf diesem Weg von Räubern angegriffen wurde. Warum er diesen Weg zurücklegt, erfährt der Leser nicht. Es gibt auch keine näheren Beschreibungen zu seiner Person. Es wird allerdings gesagt, dass er von den Räubern ausgezogen, geschlagen und schließlich halb tot am Weg zurückgelassen wird (v30b). Über den Weg von Jerusalem nach Jericho hinunter kann allerdings gesagt werden, dass es sich um eine steile, sich abwärts windende Straße durch die zerklüftete Landschaft der judäischen Wüste handelt. Jerusalem liegt gut 750 m über dem Meeresspiegel, Jericho in nordöstlicher Richtung ca. 20 km Luftlinie entfernt, aber 250 m unter dem Meeresspiegel. Die heutige Straße, die beide Städte verbindet, ist ca. 37 km lang und muss auf relativ kurzer Strecke mehr als 1000 Höhenmeter überwinden. Im Altertum befand sich die Strecke etwas nördlicher und galt als unsicher. Überfälle waren also normal (vgl. Eckey, 2004, 488). Auch über die Räuber wird keine Aussage getroffen. Weder wird erklärt, woher sie kommen, noch was das Motiv für ihre Tat ist. Auch ist unklar, ob es sich bei dem Überfallenen eher um ein zufälliges Opfer handelt oder ob die Räuber ihn gezielt und aus bestimmten Gründen angegriffen haben. Sowohl Priester als auch Levit befinden sich ebenso wie das Opfer auf dem Weg von Jerusalem hinunter nach Jericho (v31a). Auch hier gibt es keine näheren Angaben zu den Personen, ihren Zielen oder eine beschreibende Charakterisierung. Es kann aber angenommen werden, dass beide ihren Dienst am Heiligtum in Jerusalem beendet hatten und sich auf dem Heimweg befanden. Aufschluss hierüber gibt die Kultpraxis im Jerusalemer Tempel zur Zeit Jesu. In der spätnachexilischen Zeit kam es, vor allem durch die Aufwertung der Schrift als vorrangige Norm, zu einer Abwertung der Rolle der Priester und Leviten. Sie waren schließlich nur noch Kultdiener und verrichteten zweimal im Jahr je für eine Woche ihren Dienst im Tempel. In der restlichen Zeit des Jahres gingen sie ihren privaten Geschäften und Berufen nach. Viele von ihnen waren in Jerusalem und Jericho ansässig, um den Weg zum Tempeldienst bewältigen zu können (vgl. Krapf, 2003, 1077f). Beide, sowohl Priester als auch der ihm im Rang nachgeordnete Levit, gehen an der Stelle des Überfalls vorüber und helfen nicht. Da ihnen als hochrangigen Tempelbediensteten das Gebot der Nächstenliebe bekannt sein dürfte, bedarf es einer Erklärung für diese Handlungsweise. V30 gibt Auskunft, dass das Opfer „halbtot“ dalag. Priester und Levit könnten also aus Furcht, sich an einem Toten zu verunreinigen, eine Hilfeleistung unterlassen haben. Die Vorschrift für Kultbeamte, sich von Verstorbenen und deren Umfeld fern zu halten, geht auf Lev 21,1-4; Num 5,2; Num 19,11-13 zurück und wurde besonders in sadduzäischen Kreisen streng ausgelegt. Eine Missachtung der Gebote hätte dazu geführt, dass umständliche Reinigungsrituale hätten durchgeführt werden müssen und die Kultfähigkeit der Kultbeamten beschädigt gewesen wäre (vgl. Eckey, 2004, 489).

Der Samariter, der sich als Dritter dem hilfebedürftigen Opfer nähert, tritt als Kontrastfigur zu den ersten beiden auf, da der geübte jüdische Zuhörer nun einen Jerusalemer Laien erwartet. Die nun in das Geschehen eintretende Person ist aber ein heterodoxer, vom Jerusalemer Kult unabhängiger Jude und gilt bei frommen, auf Jerusalem bezogenen Gläubigen als Ketzer (vgl. Eckey, 2004, 490). Auch der Samariter steht aber als Jude unter dem Verunreinigungsverbot durch Tote. Doch er setzt sich darüber hinweg, weil er angerührt wird von dem Schwerverletzten (v33). Er leistet nicht nur erste Hilfe, säubert und verbindet die Wunden mittels seiner eigenen „Reiseapotheke“, sondern er bringt den Mann sogar in einer Herberge unter und bezahlt den Wirt dafür, ihn weiter zu pflegen. Der Lohn von zwei Denaren entspricht zwei Tagesverdiensten eines durchschnittlichen Lohnarbeiters. Sollte die bereits gezahlte Summe nicht ausreichen, ist der Samariter sogar bereit, auf seinem Rückweg die Differenz zu begleichen. Der Fremde, der Häretiker, vernimmt also den Ruf der Nächstenliebe und handelt angemessen.

Es stellt sich nun die Frage, warum wir es mit generalisierten, ja sogar stereotypen Protagonisten zu tun haben. Wird dadurch das Erzählte nicht anonymer? Ich denke, dass das genau nicht der Fall ist. Indem es „ein Mensch“ (v30) ist, der nach Jericho geht, steht er in seiner Unbestimmtheit für alle Menschen, die auf ihren Wegen vielfältigen Gefahren ausgesetzt sind. Genauso verhält es sich mit dem Priester und dem Leviten. Sie stehen in ihrer Anonymität für die Gesamtheit derer, die das nötige Wissen haben, um zu handeln, aber letztlich ihr Potential nicht ausschöpfen – sei es aus falscher Furcht vor Regeln und Gesetzen, sei es aus widerspruchslosem Festhalten an alten, festgefahrenen Traditionen.

 

2.5. Bestimmung der Textgattung

Gewöhnlich spricht man bei der Textstelle vom barmherzigen Samariter von einem Gleichnis. Das greift aber zu kurz. Generell haben wir es mit einer Form bildlicher Rede zu tun, die man nach Bildworten, Gleichnissen, Parabeln und Beispielerzählungen differenziert. Ich ordne den Text der Gattung der Parabeln zu.

Schildern Gleichnisse ein wiederkehrendes, typisches Verhaltensmuster oder Geschehen, so werden in Parabeln ungewöhnliche Einzelfälle dargestellt, die gegen den Konsens argumentieren. Im Fall des barmherzigen Samariters wird genau das dargestellt. Außerdem wird vom Schriftgelehrten verlangt, dass er Stellung nimmt zu dem Geschilderten. Durch erneutes Nachfragen Jesu, wer denn nun zum Nächsten geworden sei, soll eine Verhaltens- oder Einstellungsänderung des Schriftgelehrten evoziert werden, was ebenfalls einem Merkmal der Parabel entspricht und sie vom Gleichnis unterscheidet (vgl. Theißen, 2001, 295).

 

2.6. Aussageintention

Die Parabel vom barmherzigen Samariter stellt eine Antwort auf die Frage des Schriftgelehrten nach der Nächstenliebe dar und vertieft dadurch das Verständnis des Hauptgebotes des Gesetzes, das in der Liebe zu Gott und zum Nächsten zu sehen ist. In v29 fragt der Schriftgelehrte, wer sein Nächster sei. Der Nächste wird also als Objekt des eigenen Handelns begriffen. Dieses Verständnis kehrt Jesus in v36 um, indem er aufgrund der Parabel fragt, wer sich als der Nächste erwiesen hat. Hier wird der Nächste als Subjekt des Handelns bestimmt und der Schriftgelehrte dazu gezwungen, seinen ichbezogenen Standpunkt aufzugeben, um sich selbst in die Rolle des Hilfsbedürftigen zu begeben. Der Nächste erschließt sich immer in den Relationen zwischen Menschen und nicht im Vorhinein zu möglichen Handlungen. So kann gerade der, der sonst eher der „Ferne“ ist, zum „Nächsten“ werden, wenn er nur angerührt wird und die Relation zulässt. Ferner handelt es sich um ein aktivisches Geschehen, weil sich die Position des Nächsten immer am Gegenüber vollzieht und als Abrücken von eigenen Befangenheiten von aktivem Dazutun geprägt ist.

Also ist die Frage nicht die, wie jemand zum Objekt meines ethisch korrekten Handelns wird, sondern eher danach, wie und in welcher Weise ich zum Subjekt von Handlungen werde, die einer ethischen Norm entsprechen. Zum handelnden Subjekt kann man nur werden, wenn man sich anrühren lässt vom Gegenüber und Empathie zeigt (vgl. Zimmermann, 2001, 548).

 

3. Diachrone Beobachtungen: Quellenfrage

Innerhalb des Lukasevangeliums gehört Lk 10,25-37 zu einem größeren zusammenhängenden Textkorpus, den man als „Reisebericht“ bezeichnet (Lk 9,51-18,14). Für die Lehrrede in Lk 10,25-28 finden sich Entsprechungen bei Markus (par Mk 1,28-312). Zwar benutzt Lukas als Quellen Mk und Q, doch die Parabel vom barmherzigen Samariter gehört zum umfangreichen Sondergut, welches fast 50 Prozent des Evangeliums ausmacht (vgl. Theißen, 2001, 47).

  

4. Stimmen aus der Forschung

„Die eben erwähnten populären Bearbeitungen zeigen, dass die Erzählung vom barmherzigen Samariter leicht zugänglich ist. Es handelt sich nicht um eine Geschichte mit zwei Ebenen der Form: „Das Himmelreich ist gleich...“,  welche den Hörern angestrengtes Nachdenken über Jesu wahre Absicht abverlangt. Im Gegenteil: wir haben es hier mit einer Beispielgeschichte zu tun, die etwas veranschaulichen will, und ihre Absicht leuchtet unmittelbar ein.“ (Aus, 1988, 59f)

„Fragen über Fragen. So klar der Text als Beispiel für Hilfshandeln beim ersten Lesen erscheint, so doppeldeutiger, rätselhafter, verwirrender wird er, je tiefer man in ihn eindringt. Eine klare, eindeutige Aussage zerrinnt in den Händen. Stattdessen werden Deutungsprozesse in Gang gesetzt.“ (Zimmermann, 2001, 541)

 

 

Literaturverzeichnis

Aus, Roger David, 1988, Weihnachtsgeschichte, Barmherziger Samariter, Verlorener Sohn. Studien zu ihrem jüdischen Hintergrund, Berlin

Eckey, Wilfried, 2004, Das Lukas-Evangelium. Unter Berücksichtigung seiner Parallelen. Tl. 1. 1,1- 10,42, Neukirchen-Vluyn

Krapf, Thomas, 62003, Art. Priester. 2. Geschichte, in: Calwer Bibellexikon 2, 1077f

Theißen, Gerd, 2001, Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen

Zimmermann, Ruben, 2001, Berührende Liebe, in: Zimmermann, Ruben u.a. (Hg.), Kompendium der Gleichnisse Jesu, Gütersloh, 538-555

 

 

 

 

 

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