Widerstand ist Wahnsinn

Yvonne Thöne

Kurzbeschreibung:
Der Beitrag befasst sich u.a. mit der Figur des Gesalbten/Messias sowie der Rezeption von Ps 2 im Neuen Testament und widmet sich den Fragen nach Entstehungszeit, Verfasserschaft und Sitz im Leben.
Zusätzliche Autoreninformation: Yvonne Thöne
Mitarbeiterin, Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm. Zur Rezeptionsgeschichte
Schulform:
Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Ps 2
Zusätzliche Skripturen:
Ps 1 Apg 4,25-28 Offb 6,15 Offb 17,18 Offb 19,19 Apg 13,33 Hebr 1,2 Hebr 1,5 Hebr 5,5 Lk 3,22
Weitere Schlagworte:
Anarchie; Beten; Gebet; Gesalbter; Gottessohn; König; Messias; Revolution; Sohn Gottes; Apokalyptik; Berufung; Ehrfurcht; Endzeit; Erbe; Erbteil; Gehorsam; Gewalt; Herrschaft; Himmel; Psalm; Psalmen; Seligpreisung; Vollmacht

1. Erster Leseeindruck

Der mehrfach erwähnte Zorn Gottes fällt in Ps 2 zuerst auf. Ausgelöst wird dieser durch eine Revolution, die offensichtlich im Gange ist. Erkennbar sind dabei zwei Lager – auf der einen Seite die widerständigen, irdischen Könige und ihre Völker, auf der anderen Seite JHWH mit seinem erwählten Gefolgsmann, der auch als sein Gesalbter, König und Sohn bezeichnet wird. Wer ist dieser Mensch? Was hat es mit den Titeln auf sich? Und: Warum wird dieser Psalm so häufig im NT zitiert?


2. Synchrone Zugangsweise: Vom König zum Messias

2.1 Abgrenzung und Kontext

Dem zweiten Psalm ist keine eröffnende Überschrift vorangestellt, so dass kein ausdrückliches äußeres Kennzeichen für die Abgrenzung gegenüber dem vorangehenden ersten Psalm gegeben ist. Vom folgenden Psalm 3 hingegen ist Psalm 2 deutlich durch die Überschrift in 3,1 („Ein Psalm Davids, als er vor seinem Sohn Absalom floh“) abgetrennt. Diese zeigt den Beginn des ersten Davidpsalters (Ps 3-41) an. Darüber hinaus markiert der Makarismus in 2,12 als Schlussformel das Ende des Psalms.

Thema des zweiten Psalms ist JHWHs himmlische Herrschaft durch seinen Gesalbten im Kontrast zur Völkerrevolution auf der Erde. Inhaltlich und stilistisch hebt sich der Text dadurch deutlich von Psalm 1 ab. Beide Psalmen bilden gemeinsam ein Eingangsportal für den Psalter, welches die Leserichtung für die gesamte Sammlung vorgibt. Während der Weisheitspsalm 1 den Psalter in die Perspektive der Torafrömmigkeit stellt, thematisiert der Königspsalm 2 die messianischen Hoffnungen. Übergreifendes Motiv ist das Vertrauen auf JHWH; weitere Verbindungslinien zwischen den beiden Texten sind z.B. die sie rahmende „Glückwunschformel“ (1,1; 2,12), das Murmeln (1,2; 2,1) sowie die Verwendung der Weg-Metapher.

So sind beide Texte einerseits thematisch und stilistisch voneinander abgegrenzt, anderseits bilden sie eine programmatische Einheit: „Sie werben um die Orientierung an der Tora JHWHs im individuellen Leben (Ps 1) und im gesellschaftlich-politischen Zusammenleben der Völker (Ps 2)“ (Zenger, 2003, 40). Sie liefern als Eröffnungspsalmen den Deutungshorizont für die ihnen folgende Sammlung, und regen an, diese als Anleitung für ein glückliches, JHWH gefälliges und von ihm gesegnetes Leben zu lesen.

2.2 Aufbau

Der Psalm ist deutlich in sich gegliedert und besteht aus vier Strophen: Während 2,1-3 die irdische Revolution der Völker und ihrer Könige „gegen JHWH und seinen Gesalbten“ schildert, macht 2,4-6 nach erfolgtem Raumwechsel in den Himmel deutlich, dass dieser Widerstand ob JHWHs Souveränität zwecklos ist. In 2,7-9 werden Autorität und Aufgaben des himmlischen Herrschers (evtl. auf dem Zion; vgl. V.6) beschrieben. Die abschließenden Verse 2,10-12 legen den Fokus erneut zurück auf die Erde, indem an die Herrschenden appelliert wird, sich JHWHs Macht demütig zu fügen. Der Makarismus beschließt den Psalm mit einer positiven Perspektive.

Es können unterschiedliche Sprecher angenommen werden (vgl. Oeming, 2000, 56); m.E. erscheint es jedoch sinnvoller, den Gesalbten selbst als durchgehenden Sprecher zu betrachten. Als Mittlerfigur zwischen JHWH und den Völkern schildert er die Situation sowohl im Himmel als auch auf Erden und bezieht selbst Stellung.

Überblicksartig ergibt sich für Psalm 2 folgender Aufbau:

2,1-3 – Aufbegehren der Könige und Völker (Erde)

2,4-6 – JHWHs Souveränität (Himmel)

2,7-9Der Gesalbte verkündigt (Zion?)

2,10-12 – Appell an weltliche Herrscher (Erde)


2.3 Sprachliche Besonderheiten

Auffällig ist das – für die hebräische Dichtung so typische – gehäufte Auftreten von Parallelismen (z.B. 3a-b; 4a-b) und Chiasmen (z.B. 5a-b; 9a-b). Meist sind diese synonymer Art.

Darüber hinaus spielt der Psalm bevorzugt mit Gegensatzpaaren. Himmel und Erde erscheinen hier als kontrastierende Raumkonzepte – während die Erde (V.2.8.10) durch Chaos und kriegerisches Auftreten der handelnden Personen negativ besetzt ist, ist der Himmel (V.4) durch Ordnung und Gottesgegenwart positiv konnotiert. Das Raumkonzept Zion (V. 6) stellt die Verbindung zwischen Himmel und Erde dar; hier wird die Mittlerfigur des Gesalbten eingesetzt. Dies spiegelt vertikale Raumvorstellungen (Oben – Unten) des Psalms wider.

Bei der abschließenden Wendung „Glücklich alle, die auf ihn trauen“ handelt es sich um einen sog. Makarismus (Seligpreisung; vgl. Mt 5,3-12). Diese Redeform ist insbesondere in der biblischen Weisheitsliteratur verbreitet (vgl. Hiob 5,17; Spr 3,13; Spr 29,18; Ps 1,1; Ps 33,12 usw.) und konstatiert einen Lebensweg als gottgefällig und damit auch erfolgreich. Der Makarismus hat den „Klang einer die Gegenwart schon verändernden Verheißung für die Zukunft“ (Oeming, 2000, 52). Das in der Formel verwendete weltoffene aschrey (glücklich) ist dabei vom sakral-feierlichen baruch (gesegnet; vgl. Jer 17,7) zu unterscheiden (vgl. Kraus, 1989, 134). Durch den Makarismus ist eine rahmende Verbindung zu Psalm1,1 hergestellt.

2.4 JHWH und sein König – Gesalbter – Messias

Das Königtum spielte im gesamten Alten Orient eine herausragende Rolle. In Ägypten entstand die Idee der Gottessohnschaft der Pharaonen. „Ihre ganz Autorität fußte auf der göttlichen Abstammung. Dieser Begrifflichkeit bediente sich später die Hebräische Bibel im Hinblick auf ihre Könige“ (Görg, 2004, 35).

Das Verhältnis des Alten Testaments zum Königtum ist durchaus zwiespältig. Es gibt Texte, die harsche Königskritik üben (z.B. 1 Sam 8); gleichzeitig wird das Königtum aber auf göttliche Anordnung zurückgeführt. Während u.a. die Propheten die Könige Israels und Judas scharf kritisieren, finden sich aber auch Hinweise auf religiöse Königsverehrung in der Bibel, insbesondere im Psalter. Königstitel wie „Erwählter“ (Ps 89,4) und „Sohn“ Gottes (Ps 2,7) deuten darauf hin. Auch der in Psalm 2 verwendete Titel „Gesalbter“ (maschiach) weist auf den erhobenen Sonderstatus des Königs hin.

Der maschiach (Messias), der Gesalbte, ist die „wichtigste Gestalt der atl. und frühjüdischen Heilserwartung“ (Kreuzer, 2001, 422). Die griechische Übersetzung christos des hebräischen Begriffs wurde namensgebend für den Titel Jesu im Neuen Testament. Alttestamentliche messianische Erwartungen werden hier, im zweiten Teil der christlichen Bibel, aufgenommen und modifiziert.

Die Salbung ist ihrer Grundbedeutung nach ein Akt der Ehrung und auch in der Umwelt Israels bekannt. Die Königssalbung hingegen ist nur bei den Hethitern und Israeliten – hier im Rahmen des Krönungsrituals, ab ca. 1000 v. Chr. – belegt (vgl. Kreuzer, 2001, 422). „Die Salbung stellt den König unter den besonderen Schutz Gottes und verleiht ihm nahezu magische Unantastbarkeit“ (Oeming, 2000, 58). Sie bezeugt die „göttliche Legitimation des Königs“ (Kreuzer, 2001, 422), welcher sich dadurch eklatant vom gemeinen Volk sowie von anderen Herrschern abhebt. Urtyp des Gesalbten ist König David (vgl. Ps 132,10; Ps 18,51).
Der Titel „Gesalbter/Messias“ bezeichnet also in erster Linie einen von JHWH in besonderer Weise gesegneten Menschen, i.d.R. den König. „Erst als die Königssalbung längst nicht mehr geübt wurde, wurde der Messiastitel auf den Herrscher der Heilszeit angewendet“ (Kreuzer, 2001, 425). Diese Messiaserwartung geht einher mit der Hoffnung auf Befreiung von politischer wie religiöser Unterdrückung und Knechtschaft. Andere zentrale Heilsgestalten der Endzeit sind beispielsweise der Menschensohn (Dan 2; Dan 7) oder der Gottesknecht (Jes 52-53). „Die messianischen Erwartungen haben ihre Mitte in der Erwartung eines Herrschers der Heilszeit, durch den Gott die Wende zum Heil wirkt und/oder dem Gott die Herrschaft der Heilszeit überträgt“ (Kreuzer, 2001, 427)

Da von einer nachexilischen Entstehung – oder zumindest Bearbeitung – des zweiten Psalms auszugehen ist (s.u.), ist der Gesalbte (V.2) hier messianisch zu lesen. JHWHs Gesalbter ist eingesetzt als König auf dem Zion (V.6), eine Kontrastfigur zu den Königen der Welt, ein Mittler zwischen Gott und Mensch, der das irdische Chaos wieder in Ordnung verwandeln kann. Doch ist er nicht bloß König; darüber hinaus ist er auch Sohn JHWHs, so groß sind seine Autorität und Macht, so dass sich in seiner Herrschaft letztlich Gottes Wirken vollzieht. Eine Revolution gegen JHWH und seinen Gesalbten ist zwecklos und „Widerstand ist Wahnsinn“ (Gunkel, 1986, 8), so dass alle Erdenbewohner gut daran tun, sich der göttlichen Macht unterzuordnen.

2.5 Rezeptionen im Neuen Testament

Neben Psalm 22 ist Psalm 2 der am häufigsten zitierte Psalm im Neuen Testament, welcher hier meist nach dem Prinzip Verheißung – Erfüllung als Vorausdeutung auf Jesus Christus interpretiert wird.

In Apg 4,25-28 wird V.1 zitiert, um „die Sinnlosigkeit des Widerstandes der Heiden gegen das Evangelium zu belegen“ (Oeming, 20000, 62). In der Offenbarung wird der Psalm gleich mehrfach zitiert, u.a. V.2 in Offb 11,15-19 und Offb 19,19, um die kriegerischen Vorhaben der weltlichen Herrscher und den Zorn der Völker in der Endzeit zu kritisieren.
„Lieblingsvers“ der neutestamentlichen AutorInnen ist V.7, den sie hinzuziehen, um den christologischen Titel „Gottessohn“ zu untermauern. Dieser Vers wird – direkt oder indirekt – zitiert u.a. bei der Ankündigung der Geburt Jesu (Lk 1,32), bei der Taufe Jesu (Mt 3,17 par.), in der Versuchungsszene (Mt 4,3), in der Predigt des Paulus in Apg 13,13 sowie mehrfach im Hebräerbrief (Hebr 1,2.5; Hebr 5,5). Die Hebräische Bibel soll damit als Beweis für die herausragende Sonderstellung Christi dienen.

Auch V.8 wird dahingehend gedeutet, dass Jesus Christus die Völker der Erde zur Herrschaft übergeben werden, so in Hebr 1,2 und Offb 2,18-28. V.9 schließlich wird in Offb 19,15 zitiert; erneut ist es Jesus Christus, der in der Endzeit die Völker mit „eisernem Stabe“ regiert.

Psalm 2 tritt – spirituell umgedeutet und aus seinem eigentlichen Sitz im Leben (s.u.) herausgelöst – an vielen Stellen des Neuen Testaments in Erscheinung, um spezifische Sachverhalte wie z.B. die Rebellion gegen Gott und das Endgericht, zu illustrieren. „Die größte Wirkung und Bedeutung für das Christentum aber erlangte Ps 2 dadurch, dass er eine der Quellen war für die Hoheitstitel ‚Messias’ und ‚Sohn Gottes’“ (Maiberger, 1988, 118).


3. Diachrone Beobachtungen: Vorexilische Grundfassung?

3.1       Entstehungszeit

Generell bereitet es einige Probleme, Psalmen eindeutig zu datieren. In Bezug auf Psalm 2 bemerkt Gunkel sogar, dass die „genauere Zeit des Gedichts […] unmöglich zu bestimmen“ (Gunkel, 1986, 9) sei. In der Tat sind im Laufe der Forschungsgeschichte heftige Kontroversen in Bezug auf die Datierung  des Psalms entbrannt.

Gunkel setzt die Entstehungszeit von Psalm 2 vorexilisch in der Königszeit an. Mit einer jüngeren Datierung begäbe man sich „in unüberwindbare Schwierigkeiten. Denn wer soll nun der König sein, von dem der Psalm redet?“ (Gunkel, 1986, 10). Eine Abhängigkeit von anderen späteren Texten, z.B. den Psalmen Salomos, streitet er ab, denn diese seien „durch Reflexion ganz zerfressen“ und „schwächliche Nachahmungen der alten Vorbilder und stehen weit ab von Kraft und Schwung des Psalms 2“ (Gunkel, 1986, 10). Die Auffassung, Schriften der Spätzeit seien minderwertiger, ist jedoch als problematisch einzustufen, da dieses Schema häufig antijüdisch weitergeführt wird.

Neben der Annahme, dass Psalm 2 ein vorexilischer Königspsalm sei, wird häufig die Möglichkeit in betracht gezogen, es handele sich um einen nachexilischen Messiaspsalm. Sprachliche Besonderheiten (u.a. zwei Aramaismen), motivliche Gründe wie politische Unruhen, die Vorstellung von der Weltrevolution gegen JHWH, apokalyptisches Denken sowie die Abhängigkeit vom späten Ps 89 verweisen in eine Entstehungszeit nach dem Exil (vgl. Zenger, 2003, 49; Oeming, 2000, 61f.; Deissler, 1989, 319-330, Diedrich, 1988, 55-57). Zu jener Zeit existierte jedoch kein historisches Königtum mehr in Israel; insofern muss der Text unbedingt messianisch verstanden werden.

Als dritte Möglichkeit wird diskutiert, der Text sei in seiner Grundform vorexilisch und später mehr oder weniger schwerwiegenden Überarbeitungen und Ergänzungen unterzogen worden. So gehen Bordreuil und Chatonnet (2003, 9) davon aus, dass die traditionellen Königspsalmen in der Perserzeit (6. Jh.), einer Epoche, in der die Grundlagen der Identität Israels neu definiert wurden, in einen religiösen Kontext übersetzt wurden und es Israel so ermöglichten, sich als religiöse Gemeinschaft und Volk Gottes zu definieren.
Ebenso nimmt Kraus eine Entstehung des Psalms zur Zeit des judäisch-jerusalemischen Königtums an, „jedoch mit dem Vorbehalt, dass im Verlauf der Traditionsgeschichte Eingriffe in den Aussagebestand vorgenommen worden sind“ (Kraus, 1989, 146); u.a. betrachtet er V.2c als spätere Hinzufügung.
Auch Zenger geht im jüngsten Psalmenkommentar von einer vorexilischen Grundfassung V.1-9 aus und betrachtet V.10-12 als nachexilische Erweiterung mit messianischer Perspektive (Zenger, 2004, 1041).

3.2       VerfasserIn

Ein/e VerfasserIn des Psalms ist schwer bis gar nicht auszumachen; die Annahmen zur AutorInnenschaft werden dementsprechend meist zurückhaltend formuliert und entsprechen jenen zur vorausgesetzten Entstehungszeit:

Gunkel setzt die Entstehungszeit in der (frühen) Königszeit an und bezeichnet die „Mitglieder der königlichen Kapelle“ als Verfasser (vgl. Gunkel, 1985, 143).
Kraus hingegen vermutet, dass „der König selbst“ der Verfasser des Psalms sein könnte oder dass dieser „in den Kreisen der für den König dichtenden Hofprophetie“ (Kraus, 1989, 146) zu suchen sei.
Diedrich, welcher spät datiert (s.o.), kann dem Psalm eine weisheitliche Dimension abgewinnen und verweist auf die häufige Verwendung des parallelismus membroum. In diesem Zusammenhang nimmt er als Verfasser einen Schriftgelehrten in der Nähe der beginnenden Apokalyptik an (vgl. Diedrich, 1988, 59f.).

3.3       Sitz im Leben

Korrespondierend mit den Spekulationen um die Entstehungszeit fällt die Annahme über den Sitz im Leben aus:

Gunkel geht davon aus, dass sämtliche Königspsalmen ihren Sitz im Leben in Festen und Feiern des Königshofes haben (vgl. Gunkel, 1985, 141f.). Psalm 2 wurde demnach für die Feier der Thronbesteigung gedichtet, wobei der König das Lied selbst gesungen habe (vgl. Gunkel, 1986, 5).
Nicht zwangsläufig die einmalige Feier, sondern eine alljährliche Feier der Thronbesteigung oder ein königliches Zionsfest könnte Sitz im Leben sein, so Kraus (vgl. Kraus, 1989, 145f.).
Diedrich nimmt diesen im kultischen Bereich „in Form von Gebets- und Lesungsgottesdiensten einzelner kleinerer Gruppen bzw. Gemeinden“ (Diedrich, 1988, 60) an.

Vieles deutet jedoch darauf hin, setzt man eine nachexilische Bearbeitung oder Entstehung voraus, dass der Sitz im Leben in der lebendigen Messiaserwartung besteht, in der „Sehnsucht nach einem neuen gottgeschenkten Königtum […], das in der Vollmacht des Weltherrschers JHWH alle chaotischen Mächte bändigt, damit die Gottesherrschaft endgültig und weltweit Wirklichkeit wird“ (Zenger, 2003, 49; vgl. auch Deissler, 1989, 330).


4. Stimmen aus der Forschung

4.1a Psalm 2 ist nicht erbaulich

„Die christliche Gemeinde wird sich an einem solchen Psalm, an dem für ihr Empfinden mehr als ein ‚Erdenrest’ […] klebt, nur mit sehr großen Abstrichen erbauen können.“ (Gunkel, 1986, 10)

4.1b Psalm 2 muss umgedeutet werden

„Vielleicht kann man den Text, der in seiner historischen Bedeutung eine problematische auf Gewalt und Terror ausgerichtete Königsideologie transportiert (‚Du wirst sie zerschlagen mit eiserner Keule, wie Krüge aus Ton wirst du sie zertrümmern.’), auch nur in Umdeutung rezipieren?“ (Oeming, 2000, 63)

4.2 Psalm 2 soll nicht heilsgeschichtlich gedeutet werden

„Im Zentrum des Ps 2 stehen Aussagen über das Verhältnis der Fremdmächte zur Herrschaft Jahwes und seines Gesalbten. Dieses Hauptthema wird man beharrlich im Auge behalten müssen. Es darf nicht durch Assoziationen auf herausragende heilsgeschichtliche Beziehungspunkte des Neuen Testaments aufgelöst werden.“ (Kraus, 1989, 155)

4.3 Psalm 2 ist Ausdruck messianischer Hoffnung

„Der Psalm ist demnach Ausdruck der messianischen Hoffnung der bedrängten nachexilischen Gemeinde.“ (Zenger, 2003, 49)

 

Literaturverzeichnis

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Bordreuil, Pierre/Chatonnet, Francoise, 2003, Als Urkunde des Judentums verfasst. Die Bibel-Redaktion zur Perserzeit, WUB, 8. Jg., H. 2, 9-11

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Diedrich, Friedrich, 1988, Psalm 2 – Überlegungen zur Endgestalt des Psalms, in: Schreiner, Josef (Hg.), Beiträge zur Psalmenforschung. Psalm 2 und 22, Würzburg,27-72

Görg, Manfred, 2004, Die Ausstrahlung ägyptischer Theologie in andere Religionen und Kulturen. Der Nil – „lebendiges Wasser“ für Ägypten und darüber hinaus, WUB, 9. Jg., H. 1, 34-37

Gunkel, Hermann, 41985 [1933], Einleitung in die Psalmen. Die Gattung der religiösen Lyrik Israels, Göttingen

Gunkel, Hermann, 41986 [1911], Die Psalmen, Göttingen

Koch, Klaus, 2003, Rituelle Bezüge in den Königspsalmen? Erwägungen zu Ps 89,20-38 und Ps 2, in: Zenger, Erich (Hg.), Ritual und Poesie. Formen und Orte religiöser Dichtung im Alten Orient, im Judentum und im Christentum (HBS 36), Freiburg i.Br., 211-250

Kraus, Hans-Joachim, 61989 [1961], Psalmen. Psalmen 1-59 (BKAT XV/1), Neukirchen-Vluyn

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Seybold, Klaus, 1986, Die Psalmen. Eine Einführung, Stuttgart

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