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Lea und Rahel - eine doppelte Verschmähung

Katharine Bergfeld

Kurzbeschreibung:
In Gen 29,31-30,24 wird von der zunächst bestehenden Unfruchtbarkeit Rahels und der damit verbundenen Rivalität unter den Schwestern erzählt. Die Liebe Jakobs ist Rahel sicher, aber durch ihre Kinderlosigkeit wird sie eifersüchtig auf ihre kinderreiche Schwester Lea. Doch am Ende von Gen 30 bringt auch Rahel einen leiblichen Sohn zur Welt.
Zusätzliche Autoreninformation: Katharine Bergfeld
Studentin, Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Grundschule Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
1.Mose 29,31-30,24
Zusätzliche Skripturen:
Gen 25,21 Gen 29,17 Gen 29,25-30 Ex 32,9-10 Lev 18,18 1 Sam 1,11 Spr 25,11 Lk 1,25
Weitere Schlagworte:
Benachteiligung; Ehe; Eheschließlung; Eifersucht; Familie; Fruchtbarkeit; Gott; Jakob; Kind; Kinder; Kindersegen; Kindheit; Konflikt; Lea; Leid; Liebe; Liebesäpfel; Neid; Rahel; Sexualität; Schwangerschaft; Verzweiflung

1. Erster Leseeindruck

Dass Frauen um die Liebe eines Mannes wetteifern ist altbekannt: Auch die beiden Schwestern Lea und Rahel konkurrieren in Gen 29,31-30,24 um die Liebe Jakobs, indem sie Kinder gebären und ‚adoptieren’. Zwischen den beiden Frauen bahnt sich ein regelrechter Wettkampf in Kinderkriegen an. Der erste Leseeindruck animiert zum Nachdenken: Wieso nimmt sich Gott zunächst nur Leas an und lässt Rahel unfruchtbar?


2. Synchrone Zugangsweise: Vielschichtige Rivalität

2.1 Abgrenzung und Kontext

Die Perikope Gen 29,31-30,24 gehört der Jakobsgeschichte an, die sich zu einer größeren, in sich geschlossenen Einheit Gen 25,29-35,29 verbinden und sich in den Kontext der Erzelternerzählungen einordnen lässt (vgl. Rendtorff, 1988, 146).

Die Erzelternerzählungen (Gen 12-50) stehen zwischen der universellen Menschheitsgeschichte Gen 1-11 und der Volksgeschichte Ex-Num (vgl. Westermann, 1989, 699). Gen 12-50 beschreibt Israels Anfangsgeschichte in der literarischen Gattung von Familienerzählungen. Dabei stellt Gen 29,31- 30,24 das Werden des Volkes Israels in dieser literarischen Gattung, in Geschichten um Unfruchtbarkeit, Schwangerschaft und besonders Geburten, dar (vgl. Fischer, 1997, 9).

Die untersuchte Erzählung beginnt nach Seebass in den letzten fünf Versen von Gen 29 und erstreckt sich bis Gen 30,24. Diese Ansicht wird untermauert, indem er angibt, dass in Gen 29,31 eine Einleitung besteht, welche die Aspekte ‚Leas Verschmähung, Rahels Unfruchtbarkeit’ aufnimmt und in Gen 30,22-24 abschließt (Rahel gebärt ihren ersten leiblichen Sohn). Diese Exposition in Gen 29,31ff. verweist schon auf künftige Aktivitäten, wodurch sich der Verlauf der folgenden Geschichte erahnen lässt (vgl. Seebass, 1999, 337).

Die Perikope Gen 29,31-30,24 schließt an die Erzählung Gen 29,1-30 (Jakobs bei Laban) an, die somit den Eingang in den Jakob-Laban-Zyklus bildet (vgl. Seebass, 1999, 328). Nach dem siebenjährigen Dienst Jakobs bei seinem Onkel Laban wird Jakob mit Lea, anstatt mit seiner geliebten Rahel, verheiratet.

Der Perikope Gen 29,31-30,24 folgt die Erzählung Gen 30,25-43, bei der Jakob Laban durch eine Täuschung an der Viehherde betrügt (vgl. Gen 30,25-43). Auf diese Weise verdient Jakob mit seiner eigenen Herde viel Geld, um mit seinen Frauen und Kindern Laban und somit auch Haran zu verlassen (vgl. Seebass, 1999, 352ff.). Beide Geschichten umgeben die Perikope Gen 29,31-30,24, wodurch diese im Zentrum des Geschehens steht. Allerdings münden die Handlungen dieser zwei genannten Geschichten in die jeweils folgende Erzählung, womit sich der Erzählkreis des Gesamten (Gen 29,1-30,43) erschließen lässt und eine zusammenhängende Geschehensfolge komponiert wurde.


2.2 Aufbau

Die Erzählungen ab Gen 29 berichten hauptsächlich von Lea und Rahel und weniger von dessen Vater Laban. Dennoch wird dieser Genesisteil als ‚Jakob-Laban-Kreis’ bezeichnet (vgl. Fischer, 2004, 36). Die Episode Jakob und Laban umfasst die Perikope Gen 29-31 und ist in Gen 29,1-30 (Jakobs Ankunft und Dienst bei Laban, Jakobs Treffen und Ehe mit Lea und Rahel), in Gen 29,31-30,24 (Geburt der Söhne Jakobs) und in Gen 30,25-31,54 (Rivalität zwischen Jakob und Laban) gegliedert (vgl. Westermann, 1989, 564).

Der Rahmen von Gen 29,31-30,24 beinhaltet zunächst die drei Elemente:

1. Leas Kinder (Gen 29,32-35),

2. Rahels Ersatzkinder (Gen 30,1-8) und

3. Leas Ersatzkinder (Gen 30,9-13).

Der Abschnitt Gen 30,14-24 um die Alraunen und weitere Geburten schließt sich daran an. Die Alraunen, durch die sich beide Schwestern ihr persönliches Glück versprechen (Jakobs Zuneigung/eigene Kinder), kommen nur Lea zu Gute. Rahel bleibt auch mit der Einnahme von Alraunen kinderlos und gebärt ihren ersten leiblichen Sohn nur durch Gottes Eingreifen. Die V. 14-16 beleuchten das Verhältnis zwischen Lea und Rahel. Demzufolge ergibt sich für den Aufbau der Erzählung ‚Die Geburten der Söhne und einer Tochter Jakobs’ nach Seebass folgende Gliederung (vgl.: Seebass, 1999, 337):

29,31        Exposition

29,32-35   Lea gebiet ihre ersten vier Kinder

30,1-8       Rahels Ersatzkinder

30,9-21     Leas zwei Ersatzkinder und ihre zwei letzten Kinder

   V. 9-13: Leas Magd gebiet ihr Söhne

   V. 14-16: Der Konflikt zwischen Lea und Rahel mit damit

                  verbundenen Tauschgeschäft (Alraunen vs. eine Nacht mit Jakob)

   V. 17-21: Lea gebiet ihre letzten zwei Söhne und ihre Tochter

30,22-24a   Höhepunkt: Rahel gebiet Joseph

30,24b        Schluss: Namensdeutung als Platzhalter Benjamins

           

2.3 Auslegung: Lea und Rahel: Eine doppelte Verschmähung?

Die sprachliche Formulierung der Perikope Gen 29,31-30,24 ist vor allem leidenschaftlich und emotional (vgl. etwa Gen 30,1.14f.). Diese Aussagen zeigen deutlich die Wünsche, aber auch die Verzweiflung der beiden jungen Frauen.

Eine Schwesternliebe kann so leicht nichts erschüttern. Auch kleine Streitereien können sie nicht zerbrechen. Aber geht es um die Liebe eines Mannes, kann auch die Liebe unter Schwestern beizeiten ins Wanken geraten. Zwei Schwestern sind mit demselben Mann verheiratet. Dass dadurch Konflikte und Enttäuschungen entstehen, verwundert nicht. So zeigt auch die Geschichte von Lea und Rahel, wie schnell sich ein glückliches Zusammenleben unter Schwestern zu einem erbitterten Machtkampf unter Frauen entwickeln kann.

Jakobs Leben wird durch die Eifersucht der beiden Schwestern erschwert. Offensichtlich ist es ihm unmöglich, für beide Frauen die gleiche Menge an Liebe aufzubringen. Die eine (Rahel) liebt Jakob und die andere (Lea) verachtet er.

2.3.1 Jakobs Ehe mit Lea und Rahel

Im Rahmen polygamer Ehen ist es für einen israelitischen Mann nicht ungewöhnlich, mehr als eine Frau zu haben, jedoch steht das Privileg mehr als zwei Frauen zu haben, nur wenigen von ihnen zu (vgl. Görg, 1991, 477). Allerdings ist die Tatsache, dass es sich um Schwestern handelt, mit welchen Jakob verheiratet ist, eher sonderbar. Das spätere israelitische Gesetz bestimmt, dass ein Mann nicht zwei Schwestern zu Frauen haben darf (Lev 18,18; vgl. Gunkel, 1977, 332). Gen 29,1-30 schildert die problematischen Anfänge dieser polygynen Ehe. Statt der geliebten Rahel wird Jakob durch eine Intrige Labans dazu gebracht, zuerst die von ihm abgelehnte, erstgeborene Lea zu heiraten – die Schwierigkeiten scheinen vorprogrammiert.

2.3.2 Fruchtbarkeit vs. Unfruchtbarkeit

Nachdem nun Lea und Rahel mit demselben Mann verheiratet sind, lässt der Wunsch nach Nachkommenschaft nicht lange auf sich warten. Lea bekommt zunächst eine Schar von Kindern. Gott versucht die Untat Labans an dessen Töchtern (Gen 29,25-29), für die Jakob die ungeliebte Lea büßen lässt, zu kompensieren. Demnach nimmt sich Gott der von Jakob zurückgesetzten und weniger geliebten Lea an und schenkt ihr Kinder (vgl. Fischer, 2004, 63). Dem Sehen JHWHs (Gen 29,31a) folgt sein helfendes Eingreifen (Gen 29,31b). Auch Rahel möchte Jakob Kinder gebären, wird jedoch durch ihre Unfruchtbarkeit davon abgehalten.

Lea ist nach ihrer ersten Geburt davon überzeugt, dass ihre Verschmähung nun beendet ist und Jakob sie fortan umwerben wird (Gen 30,20). Lea hat Jakob mit ihrer Tochter Dina sieben eigene Kinder geboren. In Gen 30,9-13 wird berichtet, dass Leas Gebärfreudigkeit plötzlich stagniert. Lea entscheidet sich wie ihre Schwester zur Leihmutterschaft. Demzufolge gebärt ihre Magd Silpa ihr zwei Söhne, die Lea im Gegensatz zu ihrer Schwester, nicht als ihre eigenen ansieht (vgl. Seebass, 1999, 339f.).

Im Alten Orient herrscht zu dieser Zeit die Überzeugung bzw. der Glaube, dass eine Frau nur mit Gottes Hilfe schwanger wird. Dabei wird JHWH „als der Herr über Leben und Tod, der die Macht hat, den Mutterschoß zu öffnen und zu verschließen, Fruchtbarkeit für Mann und Frau zu gewähren oder zu verweigern und kinderreich oder kinderlos zu machen“ (Görg, 1995, 473) dargestellt. Rahels Mutterschoß wird nicht geöffnet und sie bleibt vorerst kinderlos. Dies führt zur Erniedrigung vor ihrer Schwester Lea. Aus diesem Grund entsteht ein „Gebärwettstreit“ (Fischer, ²2004, 63) zwischen den beiden Schwestern. Rahel will unbedingt selbst Kinder haben, unabhängig auf welche Weise, denn Kinder bedeuten für sie Lebensglück (vgl. Fischer, 2004, 63). Rahel entscheidet sich zur Leihmutterschaft. Demnach soll ihre Magd Bilha von Jakob schwanger werden, um auf Rahels Knien zu gebären. Rahel erkennt die Söhne ihrer Magd als die ihren an (vgl. Seebass, 1999, 339). Die unfruchtbare Frau (Hauptfrau), adoptiert die Kinder, die aus dem Mutterleib der Sklavin stammen. Die Frau, die auf solchem Wege Kinder erhält, indem sie ein Opfer im Sinne von Selbstverleugnung erbringt, erwartet dadurch Gottes Lohn, um wieder selbst Kinder gebären zu können (vgl. Gunkel, 1977, 332).

In den Erzeltererzählungen begegnet dem Lesenden das Thema ‚Unfruchtbarkeit’ immer wieder. In Zuge dessen zeigen sie zahlreiche Methoden, um Unfruchtbarkeit zu überwinden. Zu nennen, wären das Gebären der Sklavin für die Hauptfrau (Gen 30,3-5); die Einnahme von Alraunen (Gen 30,14ff.); die Fürbitte für unfruchtbare Frauen (Gen 25,21) und das Bittgebet der Frauen um Kinder (1 Sam 1,11; vgl. Görg, 1995, 474).

Rahel befindet sich in einem absoluten Tief. Sie bittet Lea um die Alraunen ihres Sohnes, um selbst fruchtbar zu werden (Gen 30,14). Allerdings überlässt Lea ihr nicht ohne weiteres die Alraunen. Es kommt zu einem Tauschgeschäft, durch welches die beiden Frauen zum ersten Mal in der Perikope Gen 30,1-24 miteinander kommunizieren und beide glücklich gestimmt werden. Lea verbringt die Nacht mit Jakob und Rahel bekommt ihre Alraunen, von welchen sie sich Fruchtbarkeit erwünscht. Dieser Tausch vollzieht sich ohne Jakobs Wissen und dessen Einverständnis (vgl. Seebass, 1999, 341).

Es scheint, als liegt das Augenmerk der Perikope Gen 30,1-24 auf dem Drama der Rivalität zwischen den beiden Frauen Jakobs, allerdings wird beim mehrfachen Lesen deutlich, dass der Erzähler vor allem Gottes Handeln betonen möchte „Bei aller Leidenschaftlichkeit des Kampfes der Frauen bleibt doch das Eingreifen Jahwes in die Geschehnisse die eigentliche Mitte dieser Aussagenreihe“ (Heister, 1986, 29). Gott handelt, indem er Lea Fruchtbarkeit schenkt. So ist zu lesen, dass Gott sich an Rahel erinnert, sie erhört und ihren „Mutterschoß öffnet“ (Gen 30,22). Dass Fruchtbarkeit und Schwangerschaft nämlich allein auf Gott zurückzuführen sind, macht Jakobs Antwort an Rahel in Gen 30,2 deutlich. Diese sehr bewegende Szene zeigt, dass Gott sich nicht von Rahel entfernt hat. Er ist stets in ihrer Nähe, auch wenn sie dies zunächst nicht wahrnimmt und zu verzweifeln droht (Gen 30,1). Das `verspätete´ Handeln Gottes ist ein Indiz dafür, dass er ihre Situation offenbar erst beobachtet und schließlich eingreift. Gott handelt planmäßig bzw. zur rechten Zeit. Auf diesen Aspekt des richtigen Zeitpunkts wird auch im Sprüchebuch verwiesen (Spr 25,11). Gott sieht, wie unglücklich Rahel ist, nimmt sich ihres Leidens sowie ihrer Bedürfnisse an und handelt entsprechend zeitgerecht.

2.3.3 Die Namensdeutungen von Leas und Rahels Kindern

Die Namensgebung der Söhne Jakobs wird allein von Lea und Rahel vorgenommen. Jakob und die beiden Mägde Silpa und Bilha haben kein Mitspracherecht.

Es fällt auf, dass die Begründungen der Kindernamen mit dem Ansehen der beiden Frauen (Lea und Rahel) verbunden wird (vgl. Fischer, 1994, 67f.). Leas Namensdeutungen sollen ihre Hoffnung, dass sie sich aus ihrer Stellung als nicht geliebte Frau entziehen kann und Jakob sich ihr endlich zuwendet, zum Ausdruck bringen. Drei ihrer Söhne tragen ‚Sehnsuchtsnamen’, die ihre Liebe für Jakob ausdrücken (vgl. Fischer, 1995, 107): [Ruben ‚Seht, ein Sohn’: „Der Herr hat mein Elend gesehen. Jetzt wird mein Mann mich lieben“ (Gen 29,32); Simeon ‚Hörer’: „Der Herr hat gehört, dass ich zurückgesetzt bin“ (Gen 29,33); Levi ‚Anhang’: „Jetzt endlich wird mein Mann an mir hängen“ (Gen 29,34)].

Die Verse Gen 30,9-13 zeigen an, dass Rahel über die gesamte Perikope Gen 30,1-24 Enttäuschungen aufgrund ihrer Kinderlosigkeit erfährt. Demnach empfindet sie ihre Unfruchtbarkeit als erniedrigend, so dass sie die Wahl ihrer Kindernamen dementsprechend aussucht (vgl. Fischer, 1994, 68): [Dan ‚Richter’: „Gott hat mir Recht verschafft; er hat auch meine Stimme gehört und mir einen Sohn geschenkt“ (Gen 30,6); Naftali ‚Kämpfer’: „Gotteskämpfe habe ich ausgestanden mit meiner Schwester und ich habe mich durchgesetzt“ (Gen 30,8); Josef ‚Zufüger’: „Der Herr gebe mir noch einen anderen Sohn hinzu“ (Gen 30,24)].

Die Perikope Gen 30,1-24 soll vom Wirken Gottes her betrachtet werden (vgl. Seebass, 1999, 338). Gottes Blick bzw. Wirken galt vorerst nur Lea. Als er sieht, dass Rahel trotz Jakobs Liebe unglücklich ist, wendet er sich ihr zu (vgl. Fischer, 1995, 109). Gott erhört Rahel und macht der Unfruchtbarkeit ein Ende. Die Geburt ihres eigenen Sohnes sieht sie als Erlösung und als Fortnahme der Unfruchtbarkeit (vgl. Fischer, 1995, 114).

2.3.1.4 Eine doppelte Verschmähung?

Es scheint, als will Gott Ungerechtigkeit und Zurückverweisung beenden, indem er sich Lea zuwendet; aber zugleich schafft er Diskriminierung gegenüber Rahel. In den einschlägigen Literaturen stößt man in der Regel auf die Bezeichnung ‚die verschmähte Lea’. Aber ist Rahel durch ihre Unfruchtbarkeit etwa nicht verschmäht? Zwar wird sie von ihrem Mann Jakob – im Gegensatz zu ihrer Schwester Lea – geliebt (29,18.30), doch scheint die vom Mann Bevorzugte durch JHWH verschmäht zu werden – schließlich wird Leas Fruchtbarkeit doch direkt mit Gottes Handeln in Verbindung gebracht (29,31).

Gottes Handeln, indem er Rahel zunächst unfruchtbar lässt, erscheint vorerst als wenig barmherzig. Aus einer glücklichen Frau, die eigentlich alles im Leben hat (einen Mann, seine Liebe) wird aufgrund ihrer Kinderlosigkeit eine verzweifelte Frau, was auch die schroffe Formulierung in Gen 30,1 zum Ausdruck bringt (vgl. Seebass, 1999, 339). Dadurch wird auch Rahel zur Verschmähten. In Gen 29,31-30,24 wird in doppelter Hinsicht eine Verschmähung dargestellt. Der Lesende wird über Lea, die von Jakob zurückgesetzt wird und gleichzeitig über Rahel, die von Gott ‚abgewiesen’ wird, informiert.

Der Begriff ‚abgewiesen’ bezieht sich bei Rahel auf ihren vorerst unerfüllten Kinderwunsch. Gott erhört zunächst nur Lea, womit Rahel gewissermaßen von Gott abgelehnt wird. Leas Benachteiligung wird durch Gottes Eingreifen gestoppt, denn Gott will sie aufgrund ihrer schwierigen Lebensumstände (Gen 29,17.30) begünstigen.

Beim wiederholten Lesen der Perikope lässt sich zunehmend der Sinn hinter Gottes Wirken erschließen. Gott handelt in gewisser Weise in einer ‚Rangfolge’. Zunächst werden alle armen, schwächeren und verschmähten Menschen mit seiner Fürsorge bedacht und erst danach folgen diejenigen, die bereits ein glückliches Leben besitzen. So auch in dieser Perikope. Zuerst ergreift Gott Partei für Lea, die so genannte `Nummer 2` und bereichert ihr Leben. Anschließend gedenkt er Rahel und verschafft auch ihr Zufriedenheit, indem sie zwei leibliche Kinder gebärt. Sie sucht, wie es in der Perikope deutlich wird, die Verantwortung für ihre Lebensminderung (zwischenzeitige Unfruchtbarkeit) nicht bei Gott (vgl. Seebass, 1999, 346f.). Das könnte daran liegen, dass Rahel während der Zeit ihrer Unfruchtbarkeit auf die Unterstützung Gottes hofft. Es macht den Anschein, dass sie sich sicher ist, dass Gott sich eines Tages an sie erinnert und ihren Wunsch nach Kindern erhört. Die Zeit des Wartens kann Rahel dazu bewogen haben, das eigene Dasein aus einer anderen Perspektive zu betrachten, denn nun muss auch sie erfahren, was Ablehnung und Zurückweisung bedeutet. So kann es Rahel gelingen, sich in die Lage ihrer Schwester Lea hineinzuversetzen, wodurch ihre Schwestern- Beziehung möglicherweise gestärkt wird. Insgesamt kann innerhalb dieser Perikope von einem erbarmenden Gott, der schlussendlich beiden Schwestern entgegen kommt, gesprochen werden.

Trotz des anfänglich verbitterten Kampfes zweier Frauen, zeigt die Perikope Gen 29,31-30,24 ein versöhnliches Ende für beide Schwestern. Ein anfängliches, tragisches Drama zweier, verzweifelter und verschmähter Frauen, entwickelt sich doch noch zu einem Happy End.

 

3. Diachrone Beobachtungen: Teil des Jerusalemer Geschichtswerks

Die Anteile der Pentateuch-Quellen J, E, und P in den Erzelternerzählungen und somit auch die Annahme, dass diese Quellen als Leitfaden für die biblische Darstellung der Frühgeschichte Israels genutzt wurden, ist aktuell umstritten (vgl. Görg, 1991, 316). Aus diesem Grund ist es schwierig, eine exakte Angabe über VerfasserInnen sowie über die Entstehungszeit und dessen Ort aufzuzeigen. Im Folgenden wird die Angabe dieser soeben genannten Aspekte mittels des Münsteraner Pentateuchmodells untersucht.

Nach Zenger gibt es drei Überlieferungsströme (Nicht-priesterliche Texte= JG; Priesterliche Texte= P und Deuteronomische Texte= D), die nach diesem Modell in den Pentateuch eingeflossen sind. Die Erzählungen um Abraham und Jakob wurden zu einer genealogischen Familiengeschichte, die in sich verkettet ist, zusammengestellt. In diese ist auch die Josefsgeschichte integriert, womit sich eine neue regionenübergreifende Familiengeschichte bildet. Diese Familiengeschichte betont die verwandtschaftliche Zusammengehörigkeit der Nord- und Südstämme. Die Zeit nach dem Untergang des Nordreichs (722 v. Chr) empfiehlt sich laut Zenger als plausible Entstehungszeit für Gen 13-50, das die Ursprünge eines gemeinschaftlichen Israel und Juda im Kontext seiner Nachbarvölker beleuchtet (vgl. Zenger, 2006, 101.) Es fließen unter anderem die Erzählkränze um Abraham und Jakob in das Jerusalemer Geschichtswerk (JG) ein (vgl. Zenger, 2006, 105 bzw. Münsteraner Pentateuchmodell nach P. Weimar/ E. Zenger).

Das Jerusalemer Geschichtswerk setzt seinen Erzählbogen von den Erzvätern über Exodus/ Mose bis hin zur Landnahme unter Josua in Sichem. Dadurch könnte der tatsächliche Abschluss in Jos 24,28 liegen (vgl. Zenger, 2006, 180). Bei der zeitgeschichtlichen Einordnung von JG lässt sich beobachten, dass durch den Untergang des Nordreichs (722 v. Chr.) ein Gegenkonzept entwickelt wurde: „JHWH will als der einzige Gott Israels verehrt werden und hat aufgrund dessen Israel das Land übertragen“ (Zenger, 2006, 181), womit das Jerusalemer Geschichtswerk zum Entwurf einer kämpferischen Alleinverehrung JHWHs wird (vgl. Zenger, 2006, 181).

Zudem wird JG durch die wunderbare Errettung Israels vor den Assyrern (701 v. Chr.) und den Regierungsantritt der Manasse (699 v. Chr.), in die Zeit des Stammes der Manasse (699-643 v. Chr.) oder auch in die Anfangszeit des Joschija (641-609 v. Chr.), also in die zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts, datiert.

Nach der Auffassung von C. Recker war der Grundstock der Jakoberzählungen in JG verankert (vgl. Recker, 2000, 136). Demnach lässt sich schlussfolgern, dass die Perikope Gen 29,31-30,24 in das Jerusalemer Geschichtswerk und deren Entstehungszeit eingeordnet werden kann. Infolgedessen kann JG als plausible theologische Basis für Gen 29,31-30,24 bestimmt und betrachtet werden.


4. Stimmen aus der Forschung


4.1 Jakob als Komparse

Jakob scheint in der Perikope Gen 29,31-30,24 eher im Hintergrund zu stehen: „Jakob nimmt in diesem Teil der Erzählung nicht nur die Rolle des gehorsamen Ehemanns, sondern auch eine untergeordnete Rolle ein; von seinen Frauen hört er nur Befehle“. (vgl. Ohler, 1987, 33) So informiert die Perikope die Lesenden auch über Jakobs Stellung in seiner Ehe: „Jakob nimmt gegenüber Lea und Rahel eine erheblich geringe Position ein; zudem hat er nicht den gleichen sozialen Rang wie seine beiden Frauen, weil er noch von ihrer Familie abhängig war“. (Seebass, 1999, 341)


4.2 Lea und Rahel als Protagonisten

Gen 29,31-30,24 berichtet in erster Linie von den beiden Schwestern Lea und Rahel. Dies kann durch ihre Rolle als Hauptakteure belegt werden: „Lea und Rahel geben den Söhnen (und der Tochter) den Namen und begründen jeweils ihre Namensgebung. Sie organisieren die Abtretung der Mägde an Jakob, sie verfügen darüber hinaus über sein Sexualleben, […]. Es sind die Frauen, die handeln“. (Boecker, 1992, 76)


4.3 Jakob ein leidenschaftlicher Kleindarsteller?

Jakob nimmt zwar innerhalb der Perikope vorwiegend die Funktion des Komparsen ein, allerdings beweist er in einigen Szenen, dass er auch als Kleindarsteller mit wenig Text fungiert.
Jakob zeigt sich in seiner Liebe zu Rahel als ein leidenschaftlicher Kämpfer, der über mehrere Jahre auf sie wartet und für sie arbeitet, um sie zur Frau nehmen zu dürfen (Gen 29,18). Er ist bereit für seine große Liebe zu kämpfen (Gen 29,30). Das ist wahe Leidenschaft – Leidenschaft vom ganzen Herzen! (Eigene These)

Literaturverzeichnis


Boecker, Hans Jochen, 1992, 1. Mose 25,12-37,1/ Jakob und Isaak (ZBK AT 1.3), Zürich

Fischer, Irmtraud, 1994, Die Erzeltern Israels: feministisch- theologische Studien zu Genesis 12-36, Berlin/New York

Fischer, Irmtraud, 1995, Gottesstreiterinnen: biblische Erzählungen über die Anfänge Israels, Stuttgart/Berlin/Köln.

Fischer, Irmtraud, 1997, Mütter und Kinder im Alten Testament, in: Welt und Umwelt der Bibel, H.4, 6, in: www.bibelwerk.de/fileadmin/ev_dateien/DL-allgemein/ fischer_kinder_wub.pdf?PHPSESSID=717ca22002c34eae275bfa48ee30573

Fischer, Irmtraud, 2004, Gender-faire Exegese: Gesammelte Beiträge zur Reflexion des Genderbias und seiner Auswirkungen in der Übersetzung und Auslegung von biblischen Texten, ExuZ 14, Münster

Fischer, Irmtraud, ²2004, Genesis 10-36, in: Zenger, Erich (Hg.), Stuttgarter Altes Testament: Einheitsübersetzung mit Kommentar und Lexikon, Stuttgart, 32-76

Görg, Manfred/Lang, Bernhard, 1991, Neues Bibellexikon, Bd. 1 (A-G), Zürich, 316 (Arward- Bruderliebe) / 477f. (Ehe/ Polygamie)

Görg, Manfred/Lang, Bernhard, 1995, Neues Bibellexikon, Bd. 2 (H-N), Zürich; Düsseldorf, 473f. (Kinderlosigkeit)

Gunkel, Hermann, 91977, Genesis, Göttingen

Heister, Maria-Sybilla, ²1986, Frauen in der biblischen Glaubensgeschichte, Göttingen

Ohler, Annemarie, 1987, Frauengestalten in der Bibel, Würzburg

Recker, Christoph, 2000, Die Erzählungen vom Patriarchen Jakob: ein Beitrag zur mehrperspektivischen Bibelauslegung, (Theologie 27), Münster

Rendtorff, Rolf, ³1988, Das Alte Testament. Eine Einführung, Neukirchen-Vluyn

Seebass, Horst, 1999, Genesis II. Vätergeschichte II (23,1-36,43), Neukirchen-Vluyn

Westermann, Claus, ²1989, Genesis, Teilbd. 2, Genesis 12-36, (BK 1), Neukirchen-Vluyn

Zenger, Erich, 62006, Die Bücher der Tora/des Pentateuchs: Die Entstehung des Pentateuchs, in: Zenger, Erich (Hg.), Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart, 101-105.179-184

 

Worterklärungen:

Alraunen= wurden im Alten Orient wahrscheinlich nicht nur als Droge, sondern auch als Mittel zum Liebeszauber ‚Aphrodisiaka’ verwendet (vgl. Fischer, 1994, 27).

Polygamie= Viel-Ehe bzw. Mehr-Ehe; Ehe mit mehr als einer Frau ( vgl. Görg, 1991, 478).

 

 

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