Vom Sorgen

Weike Kretzschmar

Kurzbeschreibung:
Lk 12, 22-34 erzählt, wie Jesus seine Jünger zu einem Leben ermahnt, in dem die Sorge nicht im Mittelpunkt steht. Sie werden daran erinnert, dass Gott versorgt und sich um Pflanzen, Tiere und eben auch den Menschen kümmert. Deshalb soll im Vertrauen auf ihn der Fokus auf das Gottesreich gelegt und der Besitz großzügig verteilt werden. So können unvergängliche Schätze im Himmel gesammelt werden.
Zusätzliche Autoreninformation: Weike Kretzschmar
Studentin, Universität Kassel
Bibelstellenbezug:
Lk 12,22-34
Zusätzliche Skripturen:
Gen 1,26 Ex 16 Dtn 14,14 1 Kön 17,4-6 Ps 8. 147,9 Mt 6,19-21.25-34 Lk 12,13-21 1 Petr. 5,7
Weitere Schlagworte:
Armut; Besitz; Gerechtigkeit; Geld; Gottesreich; Himmel; Himmelreich; Jesus; Nachfolge; Option für die Armen; Schatz; Sorge; Vertrauen; Zusage; Zuversicht; Zweifel
Letzte Aktualisierung:
05.03.2020

1. Erster Leseeindruck

Lk 12,22-34 wirft viele Fragen auf. Zunächst liest sich der Text wie ein netter Ratschlag, doch eigentlich fordert er radikales Handeln und einen Perspektivwechsel. Er vereint Trostworte und Anweisungen. Das "Sorget euch nicht" ist wesentlich leichter gesagt als getan. Es braucht dafür großes Vertrauen auf Gottes Wirken.

2. Synchrone Zugangsweise

2.1 Kontext

Die Erzählung befindet sich im Lukas-Evangelium und gehört zum sogenannten Reisebericht. Unter diesem Begriff werden die Texte Lk 9,51-19,27 zusammengefasst, also alle Erzählungen, in denen sich Jesus auf dem Weg nach Jerusalem befindet. Hier finden sich viele Reden und Belehrungen, aber auch Gleichnisse und Apokalyptiken. Häufig sind die einzelnen Erzählungen nur über Stichworte verbunden.

Der Text vom falschen und rechten Sorgen knüpft jedoch inhaltlich eng an die vorangegangene Perikope an. Nachdem Jesus zu Beginn des Kapitels seine Jünger konkret anspricht, wendet er sich ab v13 an das Volk, da ihm eine Frage gestellt wurde. Jesus warnt vor der Habgier und verdeutlicht diese Warnung mit dem Gleichnis vom reichen Kornbauern (v16-21). Im Anschluss folgt nun die Warnung vor der Sorge. "Genau so wie Habsucht, das Verlangen nach zu viel, so kann auch die Sorge, man komme zu kurz, Gott und das ewige Leben aus dem Denken verdrängen" (Crawford, 1992, S. 278). Dabei geht es nun nicht mehr um Reichtum und Überfluss, "sondern um das zum Leben Nötige" (Gutmann, 2010, S. 464). Jesus richtet seine Ansprache hier wieder direkt an die Jünger (vgl. 4.1). Im Anschluss an diese Perikope folgt ein endzeitlich ausgerichteter Gedankengang, der die Ausführungen über das kommende Reich Gottes vertieft. Auch dieser Text gehört zu der in 12,1 eröffneten Jüngerunterweisung, die nur von v13-21 unterbrochen wurde.

2.2 Aufbau

Der Text besteht aus mehreren Teilen. Nach einer Einleitung, die den Adressatenwechsel verdeutlicht, wird zunächst mithilfe mehrfacher Beispiele erläutert, warum man sich nicht sorgen sollte. Im Anschluss werden diese Erläuterungen weiter ausgeführt und verallgemeinert. Außerdem werden alternative Handlungsweisen aufgezeigt. Die Perikope endet mit einer einprägsamen Sentenz, die den Gedankengang bündig abschließt. Wilfried Eckey gliedert den Abschnitt wie folgt:

I. Überleitung (22a)

II. Ermutigung (22b-32)

  1. Wider die Sorge (22b-28)
  2. a) Thematische Überschrift (22b-23)

    b) Erste Illustration (24-26)

    c) Zweite Illustration (27-28)

  3. Die Alternative zum Aussein auf den Lebensunterhalt (29-31)
  4. a) Negative Mahnung (29)

    b) Erläuterung (30)

    c) Höhepunkt der Mahnrede (31)

  5. Tröstliche Zusicherung (32)

III. Ziel: Vom wahren Schatz

  1. Thematischer Aufruf (33a)
  2. Aufruf zur garantiert verlustsicheren und gewinnversprechenden Investition (33b)
  3. Erläuterung durch eine Erfahrungsweisheit (34) (vgl. Eckey, 2006, S. 583-584).

2.3 Inhaltliche Arbeit am Text

22-23: Jesus wendet sich wieder den Jüngern zu und spricht sie direkt an. An dieser Stelle wird gleich die wichtige Grundaussage genannt: Sorgt euch nicht um die irdischen Dinge. Er verknüpft diesen Satz mit dem vorangegangenen Gleichnis und macht deutlich: Man kann nicht über seine Zukunft verfügen. Darum lohnt es sich nicht, sich zu sorgen. Doch die Sorge ist ein allseits bekanntes Problem. Man sorgt sich um das Leben und den Leib, um Nahrung und Kleidung. Mit diesen Grundbedürfnissen wird die "innere und äußerliche Leiblichkeit, d. h. die menschliche Existenz als solche" (Wolter, 2008, S. 453), um die man sich sorgt, verdeutlicht. Bereits hier wird angedeutet, was in v30-34 ausgeführt wird: Es sollte um mehr als die irdischen Bedürfnisse gehen, die den Menschen gerade Sorgen bereiten.

24: An dieser Stelle lesen wir das erste Beispiel eines sorgenfreien Lebens. Im Lukasevangelium werden bewusst die Raben genannt, die nicht arbeiten und doch ernährt werden. "Es waren dies unreine Vögel, die einem erlösten Volk nicht zur Speise taugten (5. Mo. 14,14), dennoch brachten sie während der Hungersnot Elia sein tägliches Essen (1. Kö 17,4-6), und Gott sorgt auch für sie (Ps.147,9). [...] Wenn Er sogar für unreine Vögel sorgt, die keine Vorräte anlegen, werden Ihm doch die Seinigen weit mehr am Herzen liegen" (Crawford, 1992, S. 278). Dabei setzt Jesus "mit dem AT voraus, daß der Mensch in der Rangordnung der Kreaturen über den Pflanzen und Tieren steht (z.B. Gen 1,26-28; Ps 8)" (Eckey, 2006, S. 590). Mit diesem Beispiel, welches vom Kleinen auf das Größere schließt (a minori ad maius) soll nicht bezweckt werden, dass sich nun alle Zuhörerinnen und Zuhörer ein Beispiel an den Raben nehmen und aufhören zu arbeiten, sondern diese dürfen lernen, dass Gott alle versorgt, auch in der Not. Diese Argumentationslinie betrifft vor allem die Jünger, die bereits wie die Raben leben: "Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie haben weder Vorratskammer noch Lagerhaus. Am Beispiel der Raben sollen die Jünger vielmehr erkennen, dass Gott seine Geschöpfe auch dann am Leben erhält, wenn sie keine nachhaltige Vorratswirtschaft betreiben" (Wolter, 2008, S. 453).

25-26: In diesem Abschnitt wird andersherum argumentiert: vom Größeren zum Geringeren (a maiori ad minus). Der Mensch kann, egal, wie viel er sich sorgt, sein Leben nicht verlängern. Die Lebensdauer ist von Gott zugemessen und man muss dieses Maß respektieren und auf ihn vertrauen. "Sorgen hat somit keinen Sinn. Daß man durch Sorglosigkeit, etwa durch einen Unfall, auch das Leben verkürzen kann, ist nicht im Blick" (Klein, 2006, S. 454).

27-28: An dieser Stelle wird ein zweites Bild aus der Natur genutzt. Dieses ist parallel zum ersten Beispiel aufgebaut. In der Naturbetrachtung sehen wir, wie Gott auch die Geringsten versorgt. Daraus lässt sich schließen, dass er auch für uns Menschen sorgt (die als wertvoller verstanden werden) und wir deshalb auf ihn vertrauen können. Während die Raben die Sorge um die Nahrung veranschaulichen, sind die Lilien eine Illustration für die Sinnlosigkeit der Sorge um Kleidung. Damit werden beide Themen aus v22 aufgegriffen. Die textilen Fertigkeiten wie "spinnen" sind dabei im Gegensatz zum "Säen" und "Ernten" eher weiblich assoziierte Aufgaben. Die beiden Beispiele von den Raben und den Lilien ergeben also gemeinsam ein umfassendes Bild davon, dass sich weder Frauen noch Männer um Nahrung oder Kleidung sorgen müssen. In v28 wechselt der Ton "vom dichterischen Pathos zur weisheitlichen Rede, die die Vergänglichkeit bedenkt" (Klein, 2006, S. 455). Dabei wird die Kurzlebigkeit der Pflanzen nicht beklagt, sondern sie dient der Verdeutlichung der Fürsorge des Schöpfers, die sich auf den Menschen übertragen lässt. Die Jünger, die sich trotzdem um ihre Kleidung sorgen, werden als "Kleingläubige" bezeichnet. "Mit dieser Bezeichnung wird das existentielle Besorgt-Sein der Jünger als fehlendes Vertrauen in Gottes Fürsorge charakterisiert" (Wolter, 2008, S. 455).

29-31: Wiederum wird auf den ersten Vers des Abschnittes zurückgegriffen. Die Aussage, sich nicht um Nahrung zu sorgen, wird wiederholt. Auf die Kleidung wird nicht mehr eingegangen, stattdessen folgt die allgemeine Aussage "macht euch keine Unruhe". "Diese Vorsichtsmaßnahme wird hier als Zeichen des Mißtrauens in die Vorhersehung und als unbedachte Sorge vor dem nächsten Tag betrachtet. Die Israeliten erhielten Manna von Gott und durften nichts davon als Vorrat zurückbehalten (vgl. Ex 16). Dies Ideal des völligen Abhängens von Gott im entscheidenden Augenblick zieht sich durch die Geschichte Israels hindurch und findet hier seine Aktualisierung" (Bovon, 1996, 304-305). Auch diese Aussage wird durch zwei verschiedene Begründungen erläutert: Einerseits ist das Sorgen ein Zeichen der Heiden: "Heiden sind die Sorgenden darum, weil sie nicht wissen, daß der Vater weis, daß wir des alles bedürfen. Darum wollen sie selbst tun, was sie von Gott nicht erwarten" (Bonhoeffer, 1994, S. 174). Andererseits geht es um die Priorisierung im Leben. An erster Stelle soll Gottes Reich stehen. "Die erste Sorge der Jünger Jesu soll dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit gelten; alles andere zum Leben Notwendige sollen sie dagegen so gebrauchen, dass es ihren Blick von diesem letzten Ziel nicht ablenkt" (Schockenhoff, 2014, S. 274).

32: Hier fügt Lukas Stoff aus seinem Sondergut ein, um die Zuhörerinnen und Zuhörer zu trösten und ihnen die Unterstützung Gottes zuzusichern. Dabei werden zwei prägnante Bilder genutzt. Zum einen spricht Jesus über die "kleine Herde" und eröffnet somit Raum für die Assoziation des guten Hirten, der bereits im AT ein bekanntes Motiv ist. Gott leitet das Volk wie ein fürsorglicher Hirte, er kümmert sich liebevoll um die Menschen. Diese Vorstellung wird zum anderen unterstützt durch die Gottesbezeichnung "euer Vater". "Die Jünger werden dadurch nicht nur zu 'Kindern Gottes', sondern es wird ihnen auch ermöglicht, ihr soziales Wissen auf diese Relation zu übertragen: dass es nämlich zum Wesen von Vätern gehört, ihre Kinder mit Nahrung und Kleidung zu versorgen'" (Wolter, 2008, S. 456). In diesem Text wird bereits auf das Reich Gottes verwiesen. Damit wechselt der Blickwinkel vom irdischen Leben mit seinen sinnlosen Sorgen um Kleidung und Nahrung hin zum zukünftigen Heil und bereitet so auf die nachfolgenden Verse vor.

33: Dieser Vers gibt konkrete Anweisungen, wie nun mit dem Besitz umgegangen werden soll. "Anstelle des Verbots von Bereicherung setzt Lukas die Großzügigkeit" (Bovon, 1996, S. 312). Die Aufforderung, keinen Wert auf irdische Reichtümer zu legen und sich nicht zu sorgen, resultiert also nicht zwingend in Armut, sondern im Teilen, wie auch "Beispiele von Levi und Zachäus sowie die Praxis der Apostel zeigen" (Bovon, 1996, S. 313). Das Teilen dient auch dazu, sich himmlische Schätze anzusammeln, die wertvoller sind als der irdische Besitz. "Ganz pragmatisch werden die Eigenschaften des himmlischen Schatzes beschrieben, die seine Überlegenheit gegenüber dem irdischen Reichtum ausmachen: Er geht nicht verloren [...], er ist unerschöpflich [...], und er ist nicht den Gefährdungen des irdischen Reichtums ausgesetzt<" (Wolter 2008, S. 458). V33 verweist auf den Schatz im Himmel, der auch schon im vorherigen Abschnitt als Ziel genannt wird (Lk 12,21).

34: "Die abschließende Sentenz ist für sich genommen eine weisheitliche Gnome" (Wolter, 2008, S. 458). Sie wird jedoch "mit V. 33 verbunden und bekommt dadurch semantische und pragmatische Eindeutigkeit: Sie stellt die Jünger vor die Alternative, in ihrer Existenz- und Heilsorientierung (hierfür steht "Herz" metonymisch) entweder 'himmlisch' oder 'irdisch' ausgerichtet zu sein [...]: Weil sie nur ein Herz haben, können sie auch nur einen Schatz haben - entweder (mit V. 21 gesagt) bei Gott oder bei sich selbst" (Wolter, 2008, S. 458).

2.4 Kernaussage: Was bedeutet falsches und rechtes Sorgen?

Bereits in der Untersuchung der einzelnen Verse wurde deutlich, dass der Text nicht davon spricht, sich von allem Besitz loszusagen und sich um nichts mehr Gedanken zu machen. "Das Böse [liegt] nicht in den Gütern selber, sondern in dem Herzen, das sich an sie klammert" (Bovon, 1996, S. 313). Jesus fordert hier also nicht dazu auf, nicht mehr zu arbeiten, nicht mehr einzukaufen oder seine Kleidung nicht mehr zu pflegen. Im Gegenteil, er weiß um die menschlichen Bedürfnisse und möchte deutlich machen, dass Gott als Versorger wirkt. "Der Gedanke ist nicht, man solle nicht für den nötigen Lebensunterhalt sorgen, sondern man solle nicht um sein tägliches Leben in einer Weise besorgt sein, die mit Gottes Fürsorge nicht rechnet" (Schmithals, 1980, S. 145). In den Beispielen aus der Natur zeigt der Text, wie liebevoll und fürsorglich sich Gott um seine Schöpfung kümmert. Dennoch hat der Mensch Aufgaben, um die er sich kümmern soll. Bereits in Genesis 2,15 beauftragt Gott die Menschen, die Erde zu bebauen und Verantwortung zu übernehmen. Auch "Eltern, die für das Wachsen und Gedeihen ihrer Kinder Verantwortung tragen, müssen sich selbstverständlich [...] um deren materielle Versorgung mühen" (Eckey, 2006, S. 589). Anton Vögtle fasst treffend zusammen: "Das hier geradezu kategorisch geforderte Nichtsorgen ist jedenfalls nicht vordergründig gemeint u[nd] darf nicht als eine Erlaubnis od[er] gar Aufforderung zur Flucht aus dem dem menschlichen Leben notwendigen S[orgen] verstanden werden. Jesus kennt keine Freiheit v[on] S[orgen] aus Gründen der Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit od[er] Feigheit, die nur wieder mit den erhöhten S[orgen] des anderen erkauft wäre. Gerade der Anspruch des jedes menschliche S[orgen] überschreitende Liebesgebotes läßt erkennen, wo die möglichen Grenzen einer Freiheit v[on] S[orgen] liegen können. Die v[on] der christl[ichen] Existenz geforderte Freiheit v[on] S[orgen] besagt nicht eigentlich eine äußere, sondern eine innere Distanz v[on] den Weltdingen, die [...] nur im Glaubensvollzug zu gewinnen ist" (Vögtle, 1964, S. 892).

Der Text fordert also dazu heraus, die Sorgen nicht mehr in den Mittelpunkt zu stellen, sondern auf Gottes Wirken zu vertrauen. Dies kann nur im Wissen um und den Glauben an seine Güte und Macht geschehen. "Allein die Glaubenshaltung ermöglicht, was eine "Befreiung von Sorgen" genannt werden kann. Diese Haltung besteht aus Vertrauen in den, der alles kann und unser Bestes will" (Bovon, 1996, S. 317).

In dem Wissen, dass aller Besitz von Gott geschenkt ist, fällt es leichter, der Aufforderung in v33 zu folgen: "Wir sollen das, was wir von Gott geschenkt bekommen, nicht horten und aufbewahren und für eigene Interessen vermehren, sondern für die einsetzen, die es wirklich brauchen" (Gutmann, 2010, S. 467).

2.5 Kritik

Lk 12,22-34 sowie seine Parallelstelle haben viel Kritik hervorgerufen. Denn allzu oft begegnen uns Situationen, in denen man die Fürsorge Gottes nicht erkennen kann. Das beginnt mit Tieren, die verhungern, obwohl in v24 ein anderes Bild gezeichnet wird und endet bei Krieg und Hungersnöten. Wie könne dieser Text so unbeschwert über Sorglosigkeit reden angesichts des Leides auf der Welt? Wer hat einen solch starken Glauben, dennoch auf Gott zu vertrauen?

Ein weiterer Punkt ist der Gedanke, dass es für Jesus als unverheirateten, kinderlosen Mann viel leichter sei, sich keine Sorgen zu machen, da er und seine Jünger keine Verantwortung für andere tragen müssen.

Außerdem wird dem Text oft vorgeworfen, als Ausrede für Faulheit zu fungieren. Diese Argumentation wurde bereits in Abschnitt 2.3 widerlegt, da nicht die Arbeit oder das Übernehmen von Verantwortung ein Problem ist, sondern das ständige Kreisen darum und damit die Ablenkung von Gott und seinem Reich. Dennoch "zeigt nach der Meinung vieler Ausleger bereits die Vorsorge Josefs für die sieben mageren Jahre in Ägypten, daß zum Thema "Sorge" auch reflektierte Aussagen in der Bibel stehen als Mt 6,25-34" (bzw. Lk 12,22-34) (Luz, 2002, S. 476).

Zumindest für das Lukas-Evangelium findet Hans-Martin Gutmann eine Antwort: "Es lässt sich schlecht bestreiten, dass der Text immer wieder auch diese Wirkung gehabt hat. Er sperrt sich aber zugleich gegen diese fatale Wirkungsgeschichte. Er erzählt nämlich: Jesus weiß, dass reale Veränderungen in der Verteilung des Reichtums nötig sind: "Verkauft, was ihr habt, und gebt es als Tat der Gerechtigkeit."" (Gutmann, 2010, S. 469). Dieser Text bezieht also die Realität mit ein und gibt Anlass für echte Veränderungen.

3. Diachrone Beobachtungen

3.1 Textgattung

Die Gattung dieses Textes scheint umstritten. Einige Ausleger deuten diesen Text als ein Lehrgedicht, da es durch die beiden parallel aufgebauten Illustrationen eine literarisch durchdachte Form aufweist ( vgl. Schmithals, 1980, S. 145). Doch der Konsens besteht darin, diese Perikope als weisheitlichen Mahnspruch zu verstehen: "Es handelt sich nach meiner Ansicht nicht um eine Belehrung in der Form eines Gedichts, sondern um eine Lektion im Stil der jüdischen Weisheit, in der die Imperative mit den Indikativen, die Ratschläge mit den Erklärungen abwechseln " (Bovon, 1996, S. 295).

3.2 Synoptischer Vergleich

Außer v32, dem Trostwort für die kleine Gemeinde, welches zum lukanischen Sondergut gehört, "stammt der Stoff der Mahnrede aus Q, wie der Vergleich mit Mt 6,25-33.19-21 zeigt" (Eckey, 2006, S. 584). Einige Teile, die in beiden Evangelien auftauchen, können als sekundär angesehen werden: "V. 23, der eine Wertung einbringt, V. 25, ein frei umlaufendes Jesuslogion, das mit der bei Jesus öfter begegnenden Frage: "Welcher unter euch?" beginnt, und dazu die von Lk verdrängte Überleitung in Mt 6,28a, in V. 29 der unnötige Zusatz "und trinken", der im Hinblick auf Lk 17,28 eingebracht wurde (Q-Redaktion), und in V. 30a der Hinweis auf die Heiden, der wiederum eine Wertung vornimmt " (Klein, 2006, S. 451).

Vor allem in den ersten Versen sind die beiden Paralleltexte sehr nah beieinander. Sie unterscheiden sich in ihren rhetorischen Mitteln: Lukas formuliert v23f als Aussage, während Matthäus diese Feststellung mithilfe einer rhetorischen Frage macht (Mt 6,25. 26).

Die Bilder unterscheiden sich ebenfalls geringfügig: Während Lukas konkret auf die Raben eingeht, aber allgemeiner über die Lilien und das Gras spricht, spricht Matthäus von den "Vögeln unter dem Himmel", konkretisiert aber die Lilien "auf dem Feld".

Außerdem fügt Lukas v26 hinzu, um v25 zu erläutern, während Matthäus diesen Satz für sich stehen lässt. "V. 25 ist ein die ursprüngliche Einheit des Liedes sprengender Zusatz, der schon in Q stand (/Mat. 6,27), zwar thematisch paßt, aber in seiner "negativen" Begründung - "eure Sorge führt doch zu nichts" - den Hauptgedanken nicht erreicht: "Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch" (1. Petr. 5,7). V. 26 hat erst Lukas, V. 25 sachgemäß erläuternd, hinzugefügt (Schmithals, 1980, S. 145).

Im weiteren Verlauf weichen die beiden Texte jedoch immer weiter voneinander ab. So lässt Lukas in v29 die Sorge um die Kleidung (Mt 6,31) weg, und ersetzt sie durch "das sehr viel allgemeinere Sich-Ängstigen, die Lebensangst" (Klein, 2006, S. 455). Außerdem findet sich in Matthäus im Gegensatz zu Lukas an dieser Stelle eine Schlussfolgerung ("Darum..."). Lukas benutzt hier nicht mehr den Begriff des "Sorgens" wie Matthäus, sondern des "Trachtens" oder des "Suchens" als neue Lebensintention.

Besonders auffallend ist der Einschub von v32: "Lukas stellt den ganzen aus Q übernommenen Abschnitt V. 22-31 in das Licht des redaktionellen V. 32, der die (verfolgte!) kleine Herde seiner Zeit anredet [...] und damit auch V. 22-31 der Situation der lukanischen Gemeinden zuordnet, so daß V. 22-31 jetzt auch im Rahmen der lukanischen "Armenfrömmigkeit" gelesen werden muß" (Schmithals, 1980, S. 146).

Die Worte über das Schätze sammeln (Mt. 6,19-21; Lk 12,33-34) haben "in der von Matthäus überlieferten Fassung strukturell die typische Form eines Weisheits-Mahnworts mit zwei antithetisch parallel gestellten Imperativen (zuerst negativ, dann positiv), aufgebaut auf der Gegenüberstellung von Erde und Himmel, samt einem überschießenden abschließenden Begründungssatz, einer Sentenz, die eine jedermann geläufige Erfahrung formuliert [...]. Bei Lukas ist die Form dadurch gestört, daß anstelle des einleitenden Verbotssatzes die Aufforderung, den Besitz zu verkaufen und Almosen zu geben (Lk 12,33a) steht. Man muß mit einer Änderung durch Lukas im Sinn seines durchgehenden Interesses an der Armenfrömmigkeit rechnen" (Eckey, 2006, S. 585-586). Auch die Stellung dieser Verse unterscheidet sich: Lukas schließt sie an die Gedanken über das Sorgen an, während Matthäus sie voranstellt und durch weitere Verse ergänzt. Beide Einheiten folgten wohl auch in Q aufeinander. Die Frage ist nun, in welcher Reihenfolge. Bovon geht davon aus, dass die Reihenfolge von Lukas der von Q entspricht (vgl. Bovon, 1996, S. 296-297).

Die Texte über das falsche und rechte Sorgen sind in den beiden Evangelien in unterschiedliche Kontexte eingebettet. Während Lukas diesen Text als Jüngerbelehrung einsetzt und ihn mit einem inhaltlich nahen Gleichnis verknüpft, ist er in Matthäus Teil der Bergpredigt (Mt 5,1-7,29). Hier steht der Text im Kontext vieler Ermahnungen und Anweisungen. Vorher lesen wir vom Fasten, im Anschluss vom Richten. Außerdem spricht Jesus in der Bergpredigt das ganze Volk an, während Lukas diesen Text als an die Jünger gerichtet wertet. Damit setzen die beiden Evangelisten verschiedene Schwerpunkte. So gilt Mt 6,25-34 als für die judenchristlichen Gemeinden bestimmt. Damit erklärt sich beispielsweise, dass hier nicht von den unreinen Raben, sondern von Vögeln im Allgemeinen die Rede ist. Lukas fokussiert diesen Text mehr auf die besitzlosen Wanderprediger und die Anhänger Jesu, die ihm auf seinem Weg nachfolgen ("Reisebericht").

Die unterschiedlichen Schwerpunkte zeigen sich auch in den verschiedenen Abschlüssen des Textes. Während Lukas am Ende auf das Teilen sowie auf die himmlischen Schätze und das Reich Gottes verweist, geht Mt 6,34 mit einem sekundären, vormatthäischen Zusatz auf das irdische Leben ein und begründet erneut die Mahnung, nicht zu sorgen.

Abschließend lässt sich feststellen, dass die Evangelisten den zunächst fast gleich scheinenden Text jeweils individuell redigiert haben und somit eigene Schwerpunkte gesetzt haben.

4. Stimmen aus der Forschung: Wer ist angesprochen?

4.1 Nur die Jünger sind angesprochen

In Lk 12,22 wird explizit ausgeführt, dass Jesus sich an dieser Stelle den Jüngern zuwendet. Es ist davon auszugehen, dass der Text ausschließlich an diese gerichtet ist. Die Jünger sind bereits wie die Raben und die Lilien, denn sie arbeiten nicht für ihre Nahrung oder ihre Kleidung. Die Worte wollen als Trostwort an die ohne Proviant ausgesandten Jünger verstanden sein, die ganz darauf angewiesen sind, daß sie Nahrung und Kleidung von den Menschen erhalten, denen sie die Botschaft von der Nähe der Gottesherrschaft bringen. Sie werden der Fürsorge des Schöpfers versichert; (Klein, 2006, S. 452).

4.2 Alle sind angesprochen

Andere Ausleger deuten diesen Text so, dass v22a nur als Überleitung genutzt wird, aber er eigentlich für alle gilt (so wie Mt 6,25-34, in dem das ganze Volk angesprochen ist). Weil Gott aber nicht nur der Vater der Jünger ist, die Jesus unmittelbar nachfolgen, darf man das Postulat des Nicht-Sorgens auch nicht auf diese Kreise einengen (Zeller, 1983, S. 92). Somit wird der Text auch immer wieder auf die heutige Gesellschaft übertragen: In unserer Lage heute sind das Menschen,..." (Gutmann, 2010, S. 464).

4.3 In der Ansprache an die Jünger können wir uns einschließen

Die beiden Positionen lassen sich vereinen: In erster Linie gilt dieser Text den Jüngern, die mit Jesus unterwegs sind und die Situation der vollkommenen Abhängigkeit erleben. Dennoch finden sich allgemeingültige Elemente, die wir auf die heutige Situation übertragen können, wie den Abschluss des Textes in v34: "Die Allgemeingültigkeit dieser Sentenz hat nun aber auch die Folge, dass sie über die erzählte Situation hinausreicht und in die besprochene Welt übergreift: Mit ihrer Hilfe werden auch die Leser des LkEv mit den drei Aufforderungen in V. 33 konfrontiert und genötigt, sie in ihre eigene Situation hinein hermeneutisch fortzuschreiben" (Wolter, 2008, S. 458).

Literaturverzeichnis

Bonhoeffer, Dietrich, 2007, Nachfolge (Dietrich Bonhoeffer Werke 4), München

Bovon, Francois, 1996, Das Evangelium nach Lukas. Teilband 2. Lk 9,51-14,35 (EKK III), Neukirchen-Vluyn

Crawford, Norman, 1992, Was die Bibel lehrt. Dillenburg

Eckey, Wilfried, 2006, 11,1-24,53 (Das Lukasevangelium: unter Berücksichtigung seiner Parallen, II), Neukirchen-Vluyn

Gutmann, Hans-Martin, 2010, In der Krise. Wie können wir leben, in: Schiffner, Kerstin/ Leibold, Steffen/ Frettlöh, Magdalene L/ Döhling, Jan-Dirk/ Bail, Ulrike (Hgg.), Fragen wieder die Antworten, Gütersloh, 464-469

Klein, Hans, 2006, Das Lukasevangelium, Göttingen

Luz, Ulrich, 2002, Das Evangelium nach Matthäus. Teilband 1. Mt 1-7 (EKK I), Zürich

Schmithals, Walter, 1980, Das Evangelium nach Lukas (Zürcher Bibelkommentare: Neues Testament, 3.1.)

Schockenhoff, Eberhard, 2014, Die Bergpredigt. Aufruf zum Christsein, Freiburg

Vögtle, Anton,1964, Art. Sorgen, in LTHK 9, Freiburg, 892

Wolter, Michael, 2008, Das Lukasevangelium (Handbuch zum Neuen Testament, 5), Tübingen

Zeller, Dieter, 1983, Die weisheitlichen Mahnsprüche bei den Synoptikern, Würzburg

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