Meine Seele hängt an dir

Annika Manß

Kurzbeschreibung:
Für das betende Ich in Psalm 63 ist die Trennung von Gott so furchtbar wie lang anhaltende Trockenheit für dürres Land. Die Güte Gottes gilt ihm mehr als das Leben, ihr Verlust wäre schlimmer als der Tod selbst. Im Zentrum des Psalms steht die Sehnsucht des Beters nach Gottes Gnade. Doch vor welchem Hintergrund wurde dieser Psalm verfasst? Da der Psalm die Ausleger vor vergleichsweise große Schwierigkeiten stellt, soll in diesem Beitrag die Vielgestaltigkeit des Psalms verdeutlicht werden und zudem verschiedene Ansätze bezüglich der Datierung, der gattungskritischen Einordnung und dem „Sitz im Leben“ des Psalms dargestellt werden.
Zusätzliche Autoreninformation: Annika Manß
Studentin, Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Grundschule Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Ps 63
Weitere Schlagworte:
Altes Testament; Beter; Beterin; beten; Feind; Gebet; Gott; Gottesgewissheit; Gottesnähe; Gotteslob; Gottesverbundenheit; König; Metapher; Psalm; Seele; Fleisch; Leib; Sehnsucht; Vertrauen

 

 

1. Erster Leseindruck

Auf den ersten Eindruck scheint die Sehnsucht nach Gott im Zentrum dieses Psalms zu stehen. Die Beziehung zwischen Gott und dem Beter wird von ihrem Innersten her dargestellt.

Die metaphorische Vielgestaltigkeit lässt diesen Psalm in besonderer Erinnerung bleiben. Zunächst scheint der Psalm voller Gegensätze: einerseits wird metaphorisch die Sehnsucht nach Gott ausgedrückt („Es dürstet meine ganze Seele nach dir“; Ps 63,2), auf der anderen Seite stehen Metaphern aktuell erlebter Gottesnähe („Denn du bist mein Helfer, und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich.“; Ps 63,8) (vgl. Hossfeld/Zenger, 2002, 377. Jedoch wirft sich schon schnell die Frage auf, in welcher Situation bzw. in welcher besonderen Lage betet der Psalmist zu Gott?

 

2. Synchrone Zugangsweise: Die dürstende, bedrohte, erfüllte Seele

 

2.1 Abgrenzung und Kontext

Psalm 63 ist Bestandteil des zweiten Davidpsalters (Ps 51- 72) (vgl. Seybold, 1997, 618) sowie Bestandteil einer Art Geschehensbogens der Psalmen 61- 64. Dabei weist er eine deutliche Beziehung zu seinen Nachbarpsalmen auf. Durch mehrere Stichwort- und Motivgemeinsamkeiten wird eine Verbindung zu Psalm 62 erkennbar. So hebt sich in beiden Psalmen das „Seele- Motiv“ (Ps 62,2.6; Ps 63,2.6.9.10) sowie das Wortpaar „Macht“/ „Güte“ (Ps 62,12; Ps 63,3.4) Gottes hervor und stellt die Vermutung auf, dass beide Psalmen gezielt hintereinander gestellt wurden. (vgl. Hossfeld/ Zenger, 2000, 200)

Hinsichtlich der Beziehung zwischen dem Beter und Gott weisen Ps 62 und 63 Zusammengehörigkeit auf.

Psalm 63 kann gewissermaßen in einen Geschehensbogen (Ps 61- 64) eingeordnet werden. Die Psalmen 61- 64 bilden in dieser Hinsicht eine „Teilkomposition“ (Hossfeld/ Zenger, 2000, 201), in der Ps 62 und 63 die Position der Mittelpsalmen einnehmen. Während in Ps 62 Gott für den Beter eine Art Schutzburg darstellt, wird Gott in Ps 63 als Heiligtum präsentiert. Das Feindbild in Vers 12c berührt sich eng mit dem der Nachbarpsalmen 62 und 64- die Feinde werden als Lügner und Verleumder bezeichnet.

Die Psalmen 62 und 63 stellen sozusagen die Innenseite der Beziehung Gottes zum Beter dar, während die äußeren Psalmen 61 und 64, die den Rahmen der Teilkomposition bilden, eher die Außenseite der Gottesbeziehung zum Beter beschreiben.

 

2.2 Aufbau

Die Komplexität des Psalms schlägt sich in einer Vielzahl von Auslegungsansätzen wieder, d.h. Psalm 63 ist in seiner Textgestalt nicht einfach zu verstehen und wird deshalb auch unterschiedlich ausgelegt. Die Auslegung des Psalms hängt insbesondere stark mit der Gliederung zusammen.

Der Psalm 63 kann als individuelles Vertrauensgebet verstanden werden, welches ein von Feinden verfolgter Psalmist im Tempelbezirk betet (vgl. Hossfeld/ Zenger, 2002, 377), denn der Psalm ist erfüllt von Äußerungen des Dankes und des Vertrauens.

Für dieses Verständnis ergibt sich folgender Aufbau, nach dem der Psalm in vier Abschnitte gegliedert wird (vgl. Zenger, 2004a, 1109f.):

V. 2-4:
Ausdruck der Sehnsucht des Beters, im Tempel der ihn rettenden Gottesnähe gewiss zu werden.

V. 5-9:
Bekenntnis zu JHWH als dem den Beter in seinem ganzen Leben beglückenden und beschützenden Gott.

V. 10-11:
Ausdruck der Zuversicht, dass die Feinde vernichtet werden.

V. 12:
Fürbitte für den König als Rechtsautorität.

H. Gunkel versucht das Hauptproblem des Psalms - seine scheinbare „Zusammenhangslosigkeit“ (Gunkel, 1986, 266) zu lösen, in dem er Textumstellungen vornimmt. Psalm 63 enthält laut Gunkel die entscheidenden Bauelemente des „Klagelieds eines Einzelnen“:

V. 2-3: Die Klage

V. 4-6: Das gelobte Danklied

V. 7-9: Trostgedanken

V. 10-11.12c: Bitte um Verderben der Widersacher

Gunkel ordnet die Elemente um – wenn auch nicht in der gattungstypischen Abfolge eines Klageliedes. Der Psalm beginnt für ihn in V. 2-3 mit einem schönen Ausdruck der Sehnsucht des Dichters nach Gott und seiner Nähe. In den Versen 7-9 schöpft der Beter laut Gunkel neuen Mut und Kraft, weil er sich im nächtlichen Nachdenken an Gottes Hilfe erinnert, die er ihm in früheren Tagen schon erwiesen hat. Deshalb kann er in den Versen 5.6.4 einen triumphierenden Dankpsalm singen. Gunkel beschreibt diese Verse als „schweren Seelenkampf“ des Beters, aus dem heraus sich dieser in umso heftigere Leidenschaft (10.11.12c) mit Flüchen auf die Widersacher, die ihm das Leben nicht gönnen, stürzt. Auch Gunkel betont, dass sich der Beter seiner Rettung und dem Untergang seiner Feinde gewiss ist. Wenn der Psalm so verstanden wird, ist der Psalm laut Gunkel „eine der Perlen des Psalters“. (Gunkel, 1986,  267).


2.2.1 Gattungskritische Einordnung

Die gattungskritische Einordnung des Psalms gestaltet sich als schwierig, da er einerseits Elemente eines individuellen Klageliedes enthält (jedoch nicht in der gattungstypischen Abfolge), auf der anderen Seite auch als individuelles Vertrauensgebet verstanden werden kann. Wird der Psalm als individuelles Klagelied verstanden, muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass dem Psalm die gattungstypischen vorwurfsvollen Klagen und Anklagen fehlen. Psalm 63 beginnt stattdessen mit einer Vertrauensaussage und einer Sehnsuchtsklage des Beters. Insgesamt gesehen, kann der Psalm als primärer Ausdruck der intimen Beziehung des Beters zu Gott verstanden werden. Auf diese Weise kann man den Psalm, trotz seiner offensichtlichen „Verwandtschaft“ (Nötscher, 1947, 194) mit der Gattung eines Klageliedes, eher als einen individuellen Vertrauenspsalm bezeichnen. Seybold ordnet Psalm 63 den Feind- und Gerichtspsalmen aus der Ordalpraxis zu. (vgl. Seybold, 1997, 617)

Die Grundlage für die folgende Auslegung bildet die Gliederung des Psalms als individuelles Vertrauensgebet in Anlehnung an Zenger (2004a).

 

2.3 Auslegung

In den Versen 2-4 drückt das betende Ich seine Sehnsucht nach der Erfahrung der Gottesnähe aus. Diese starke Sehnsucht wird dabei in einem metaphorischen Vergleich formuliert „Es dürstet meine Seele nach dir, mein ganzer Mensch verlangt nach dir aus trockenem, dürren Land, wo kein Wasser ist.“ (Ps 63, 2). Der Beter hat Gottes Nähe so nötig, wie ausgetrocknetes Land Wasser nach einer langen Hitzeperiode oder nach andauernder Regenlosigkeit. Dabei ist auffällig, dass der Beter sowohl von der Sehnsucht seiner Seele als auch von der seines Leibes (Luther: „mein ganzer Mensch“) spricht. Die beiden Begriffe umfassen das ganze Menschenwesen.

Das ganze Wesen des Beters ist so auf Gott ausgerichtet und dürstet nach dessen Nähe. Der Psalm verwendet zunächst das hebräische Nomen näfäsch (Kehle, Leben, im übertragenen Sinn: Seele), welches den Menschen als ein Wesen kennzeichnet, das sich nach dem Leben als einer kostbaren Gabe ausstreckt. Der vieldeutige Begriff näfäsch, welcher in seiner Grundbedeutung die Kehle meint, umschreibt den Menschen in seiner Bedürftigkeit und seinem Begehren und steht „für das Leben schlechthin“ (Schroer/Staubli, 2005, 46f.)

Im Kontrast dazu steht der folgende Begriff basar (Fleisch, Leib), welcher den Menschen in seiner Hinfälligkeit beschreibt. Er ist „der einzige der vielen körperbezogenen Begriffe des Hebräischen, der strikt niemals auf Gott bezogen wird und manchmal als Symbol des Vergänglichen schlechthin JHWH gegenübergestellt wird“ (Schroer/Stubli, 2005, 164f.). Als basar braucht die betende Person ihren Gott, weil das „Fleisch“ ohne Gott schwach und hinfällig wäre. (vgl. Hossfeld/ Zenger,2000, 196)

Die persönliche Gottesanrede „Gott, du bist mein Gott“ (Ps 63,2) betont die besondere Fürsorge- und Schutzbeziehung, die für das betende Ich nahezu lebensnotwendig ist. (vgl. Hossfeld/ Zenger, 2000, 196) Mit dieser Anrufung bekennt er bzw. sie sich zugleich zu seinem/ihren Gott. Er/sie sucht Gott, denn er/sie hat ihn mit Leib und Seele nötig. „So“ (Ps 63,3), d.h. voller Sehnsucht, die sein ganzes Wesen umfasst, möchte die betende Person im Heiligtum Gottes Macht und Herrlichkeit schauen, d.h. sich dieser gewiss werden.

In Vers 4 wird verdeutlicht, dass die „Macht“ und „Herrlichkeit“ Gottes seine Güte ist. Die Erfahrung dieser göttlichen Güte ist für den Beter das kostbarste Gut in seinem Leben. Er geht sogar so weit, dass er zu der Einsicht kommt, Gottes Güte sei ein höheres Gut als das Leben selbst und gebe dem Leben erst seinen Wert. Diese Einsicht bewegt den Beter zum Lobpreis Gottes. Die Verse 2-4 sind vor allem von Vertrauensaussagen an Gott geprägt.

In Vers 5 beginnt ein neuer Abschnitt mit dem Bekenntnis zu JHWH. Das betende Ich verdeutlicht, dass es an Gott festhalten will. Es will ihn mit seinem Leben preisen und vertraut darauf, dass Gott ihm seine Güte schenkt. Deshalb erhebt das Ich seine Hände in Gottes Namen, d.h. indem es Gottes Namen dankbar preist. Der Lobpreis Gottes für ein so verstandenes und angenommenes Leben gilt als die intensivste Form von Leben, ja als Sinn und Ziel des Lebens überhaupt. (vgl. Hossfeld/ Zenger, 2000, 197).

Vers 6 steigert noch einmal die Vorstellung des Gotteslobs als dankbar vollzogene Annahme des Lebens aus Gottes Hand (vgl. Hossfeld/ Zenger, 2000, 197).

Wann immer sich das betende Ich in der Nacht oder am Tage an Gott erinnert und über ihn nachdenkt, kommt es zu dem Fazit, dass Gott ihm zur Hilfe geworden ist (Vers 7). Nach Zenger könnte darunter noch mehr verstanden werden: Durch solches Gott-Erinnern ist Gott ihm zur Hilfe geworden. Dies könnte Bezug auf den biblischen Gottesgedanken nehmen, der als ein zutiefst praktischer Gedanke das Leben selbst trägt und verändert. (vgl. Zenger, 2000, 198)

In Vers 8 wird deutlich gemacht, wer in solcher Gottesgewissheit lebt bzw. die rettende Gegenwart Gottes ins Zentrum seines Denkens stellt, der befindet sich im Schatten der ihn schützenden Gottesflügel. Durch die Metapher „Schatten deiner Flügel“ (Ps 63,8b) wird Gott selbst als mit seinen Flügeln schützender Gott dargestellt. Jedoch verdeutlicht Vers 8 nicht den Schutz der Flügel, sondern den Schatten der Flügel, in welchem man Schutz und Rettung suchen und finden kann. Das betende Ich scheint Gottes Hilfe schon erfahren zu haben, denn es weiß sich, vielleicht mitten in einer Notsituation, „im Schatten deiner Flügel“, unter dem Schutz Gottes sicher.

Vers 9 fasst dieses Vertrauensbekenntnis wiederum mit einer Metapher zusammen: „Meine Seele hängt an dir“ (Ps 63, 9). Der Beter „hängt sich“ mit seiner ganzen Seele, also mit seinen vitalen und emotionalen Sehnsüchten und mit seiner ganzen Kraft an Gott. Er dürstet als „Seele“ nach Gott, er sehnt sich somit nach ihm als der Erfüllung seiner elementaren Lebensbedürfnisse. Dabei vertraut bzw. weiß der Beter, dass Gott seine leidenschaftliche Hinwendung annimmt und ihn umgekehrt mit seiner Rechten stützt und hält. (vgl. Hossfeld/ Zenger, 2002, 379) Der Beter lebt von dem Sichhalten an Gott und dem Gehaltensein durch Gott. Vers 9 zeigt zudem, dass der Beter sich Gottes Zuwendung bewusst ist.

Der 3. Abschnitt, die  Verse 10- 11, sind mit ihrer Zuversicht des Beters über die Vernichtung der Feinde auffallend. Sie, die Feinde, versuchen den Tod des Beters herbeizuführen. Doch angesichts der in Vers 2-4 ersehnten und in Vers 5-9 als das ganze Leben umfassend beschriebene Gottesnähe scheinen die Feinde ihren Schrecken zu verlieren. (vgl. Hossfeld/ Zenger, 2002, 397). Der Beter ist sich auch in einer solchen Notsituation der Nähe und Zuwendung Gottes sicher. Dies wird deutlich, wenn er in den Versen 10b- 11 von der sicheren Vernichtung der Feinde spricht. Die futurischen Verbformen der Lutherübersetzung bekräftigen die sicher eintretende Vernichtung der Feinde in der Zukunft. Die Feinde sollen in die „Tiefen der Erde“ (Ps 63, 10), sprich in die Unterwelt gelangen oder vom Schwert der Hinrichtung oder des Krieges getötet werden und dann als unbestattete Leichen von den Schakalen aufgefressen werden. (vgl. Hossfeld/ Zenger, 2000, 200)

All diese Bilder der Verse 10- 11 stellen einen irritierenden Gegensatz zur Metaphorik des übrigen Psalms dar. Offensichtlich soll auf diese Weise die schreckliche Realität (Beter als ein von Feinden Verfolgter) eingefangen werden, aus der heraus und in die hinein Psalm 63 gebetet wird bzw. werden kann. (vgl. Hossfeld/ Zenger, 2000, 200)

Über Vers 12 als eine mögliche sekundäre Erweiterung wird kontrovers diskutiert.  Der Vers stellt eine Bitte für den König als Rechtsinstanz dar. Dieser soll den offensichtlich bestehenden Konflikt zwischen dem Beter und seinen Feinden nach Recht und Gerechtigkeit und in Verantwortung vor Gott entscheiden (Ps 63,12a) entscheiden. Ob dies auf ein Gerichtsverfahren anspielt ist nicht zu klären. (Hossfeld/ Zenger, 2002, 379)

Das Wort „König“ in Vers 12 muss jedoch nicht unbedingt konkret zu verstehen sein. „König“ könnte auch eine Metapher für den Menschen sein, der in Gott vertraut und auf ihn setzt. Als Kontrastbegriff steht dagegen das Wort „Lügenmäuler“ in Vers 12. Dies könnte für die Ungläubigen oder allgemein die Feinde stehen, die vergehen werden. So verstanden wäre die Diskussion um Vers 12 als sekundäre Erweiterung hinfällig, da sich Vers 12 auf diese Weise inhaltlich an den Rest des Psalms anfügen würde. Vers 12 könnte so als eine Art Fazit des Psalms gesehen werden, indem noch einmal verdeutlicht wird, was demjenigen zukommt, der in Gott vertraut und demjenigen, der sich von ihm abwendet.

Psalm 63 ist durch eine Fülle von Metaphern geprägt seine kunstvolle Struktur verdeutlicht die sich Gott vergewissernde Gebetsdynamik des Psalms. (vgl. Hossfeld/ Zenger, 2000, 194) Vor allem das „Seele“- Motiv ist für diese Struktur von großer Bedeutung. Zunächst dürstet die Seele nach Gott (Ps 63,2). In Vers 6 wird indirekt deutlich, dass es die Seele des betenden Ichs erfüllt, wenn es Gott loben kann. In Vers 9 wird die sich an Gott hängende Seele, also die ihm geradezu leiblich verbundene Seele dargestellt. Es lässt sich somit in dieser Gliederung eine Verstärkung der persönlichen Gottesverbundenheit des Beters erkennen. Und schließlich wird in Vers 10 deutlich, dass die Seele des Beters von den Feinden tödlich bedroht wird.

 

3. Diachrone Beobachtungen: Sakralrechtlich oder individuell?

Die Fragen nach Datierung und Einheitlichkeit des Psalms werden in der Forschung kontrovers diskutiert. Psalm 63 ist in einer Teilsammlung angesiedelt (Ps 53-57.59.61.68), welche stark von Kriegsmetaphorik bestimmt ist. Von Ps 52- 64 wird ein dramatischer Ansturm gegen das betende Ich dargestellt, wobei der wachsenden Bedrohung des Beters eine zunehmende Steigerung des Vertrauens des Beters in die rettende Macht seines Gottes entspricht. (vgl. Zenger, 2004, 364; s.o. 2.1)

3.1 Sitz im Leben

Häufig wurde in der Forschung davon ausgegangen, dass der Psalm einen kultisch- institutionellen Sitz im Gottesgerichtsverfahren hat (vgl. Nötscher, 1947, 192). Unterschiedlich wird darüber geurteilt, das Gottesurteil bereits erfolgt ist oder noch aussteht. In einer solchen Situation zwischen dem Ereignis des gewährten Schutzes durch Gott und dem noch bevorstehenden Urteil über die Verfolger werden die Worte des Dankes, des Vertrauens und der Gewissheit deutlich. (vgl. Hossfeld/ Zenger, 200, 192) Auch die Fürbitte für den königlichen Tempelherrn (12a) ist hier gut vorstellbar. (vgl. Kraus, 1978, 601

Die Gebetsdynamik des Psalms, die sich in erster Linie auf die innige Beziehung „Gott- Ich“ konzentriert, verdeutlicht jedoch, dass die verbreiteten „institutionellen“ Deutungen des Psalms diesem kaum gerecht werden . (vgl. Hossfeld/ Zenger, 2000, 195)

Psalm 63 darf keineswegs eindimensional sakralrechtlich interpretiert werden. Zudem ist offen, ob der Beter sich im Heiligtum befindet und die ihm gerade entgegengebrachte Gottesnähe preist oder fern vom Heiligtum ist. Er würde sich dann an die ihm geschenkte Gottesnähe aus früheren Zeiten erinnern und fern vom Heiligtum darauf vertraut, dass er Gottes rettende und schützende Nähe erfahren wird.

3.2 Datierung

Die genaue Datierung des Psalms gestaltet sich ebenfalls schwierig. Aufgrund des Appells an den König in Vers 12, wird der Psalm häufig in die spätvorexilische Zeit datiert.

Jedoch ist die Nennung des Königs  laut Zenger kein ausreichendes Argument für eine spätvorexilische Datierung, da mit dem König auch der persische König als oberste Rechtsinstanz gemeint sein könnte, für den zumindest bei der offiziellen Tempelliturgie gebetet wurde. (vgl. Hossfeld/ Zenger, 2002, 377) Zudem ist es möglich, dass Vers 12 eine spätere Erweiterung ist, also sekundär hinzugefügt wurde. Trotz allem ist die spätvorexilische Datierung des Primärpsalms nicht vollkommen auszuschließen, lediglich das Königsmotiv scheint für die Datierung des Primärpsalms ungeeignet.

Auch Gunkel ist der Auffassung, dass das Gebet für den König in Vers 12 vom restlichen Psalm abgesondert werden muss. Laut Gunkel bildet das Gebet um das Verderben der Widersacher (Ps 63, 10.11.12c) den Schluss des ursprünglichen Primärpsalms. Gunkel geht von einer vorexilischen Entstehung des Textes aus, da Vers 12a.b zeigt, dass das Lied im Königstempel von Jerusalem verwandt worden ist (vgl. Gunkel, 1986, 267)


4. Stimmen aus der Forschung

4.1 Vers 12 gehört abgesondert

„Zum Schlusse scheint die Erwähnung des Königs 12a.b plötzlich hinein, befremdlich um so mehr, als 12c noch zu 11 gehört. […] Abgesondert werden muß von dem Ganzen das Gebet für den König 12ab […] Den Schluß des ursprünglichen Gedichts bildet das Gebet um das Verderben der Widersacher 10.11.12c, von dem eine Halbzeile nicht erhalten ist.“ (Gunkel, 1986, (urspr. 1933), 266)

4.2 Vers 12 ist Bestandteil des Gebetsformulars

„Die Fürbitte für den König sollte man nicht einfach ausscheiden bzw. als sekundär beurteilen; sie kann ein fester Bestandteil der Gebetsformulare im Heiligtum von Jerusalem gewesen sein. In 12 schaut der Psalmsänger über die Grenzen seines persönlichen Schicksals hinaus. Der König als Tempelherr und erwählter Repräsentant der Herrschaft Gottes ist im Alten Testament ein Garant des Heiles. Er steht zwischen Jahwe und dem Volk. Der Psalmist bittet im Blick auf ihn, daß er sich Jahwes „freuen“ möge- eine Variation jener Fürbitte, die ein langes, glückliches Leben für den Regenten erfleht. Einen Eid „bei dem König“ legte man in Ägypten und in Babylonien ab. Auch in Israel wurde beim König geschworen. […] 12b ist nicht an 11 anzuschließen […], sondern ein allgemeiner Wunsch, wie er am Ende einiger Psalmen geäußert wird. (Kraus, 1978, 601. 603)

4.3 Vers 12 wurde im Gottesdienst angefügt

„Das Gebet für den König 12ab, das ohne innere Beziehung zum Lied ist, wird angefügt worden sein, als man das Einzellied in den Gemeindegottesdienst übernahm.“ (Nötscher, 1947, 121)

 

Literaturverzeichnis

Gunkel, Hermann, 41985 [1933], Einleitung in die Psalmen. Die Gattung der religiösen Lyrik Israels, Göttingen

Gunkel, Hermann, 41986 [1929], Die Psalmen, Göttingen

Hossfeld, Frank- Lothar/ Zenger, Erich, 2000, Psalmen 51- 100, (Herders Theolog. Kommentar zum AT,) Freiburg

Hossfeld, Frank- Lothar/ Zenger, Erich, 2002, Die Psalmen. Psalm 51- 100, (Die neue Echter Bibel. Kommentar zum Alten Testament mit der Einheitsübersetzung,) Würzburg

Kraus, Hans- Joachim, 1978, Psalmen. 2. Teilband Psalmen 60- 150, (Biblischer Kommentar. Altes Testament, Neukirchen- Vluyn,) 599- 604

Marti, Kurt, 1992, Die Psalmen 42- 72. Annäherungen, Stuttgart

Nötscher, Friedrich, 1947, Die heilige Schrift in deutscher Übersetzung. Die Psalmen, Würzburg       

Raeder, Siegfried, 1997, Art. Psalmen/Psalmenbuch II. Auslegungsgeschichtlich, in: TRE XXVII, 624-634

Schröer, Henning, 1997, Art. Psalmen/Psalmenbuch III. Praktisch-theologisch, in: TRE XXVII, 634-637

Schroer, Silvia/Staubli, Thomas, ²2005, Die Körpersymbolik der Bibel, Darmstadt

Seybold, Klaus, 1996, Die Psalmen, in: Köckert, Matthias/ Smend, Rudolf (Hg.), Handbuch zum AT, Tübingen

Seybold, Klaus, 1997, Art. Psalmen/Psalmenbuch I. Altes Testament, in: TRE XXVII, 610-624

Zenger, Erich, 2004a, Die Psalmen, in: Ders. (Hg.), Stuttgarter Altes Testament, Stuttgart, 1036-1218

Zenger, Erich 52004b, Das Buch der Psalmen, in: Ders. (Hg.), Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart, 348- 370

 

 

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