Das Ende des Gesetzes / Ho télos toú nómou

Anika Selzer

Kurzbeschreibung:
Dieser Online-Bibelkommentar setzt sich mit einer prominenten Stelle im Römerbrief auseinander, nämlich Röm 10,1-4. Es soll zunächst exkursartig erläutert werden, an welchen Stellen des Römerbriefs Paulus auf die Israelproblematik eingeht, um dann konkret auf die vier Verse einzugehen. Hierbei liegt ein besonderer Schwerpunkt auf der Begrifflichkeit des „telós“, auf die auch die später folgenden Forschungsthesen Bezug nehmen werden.
Zusätzliche Autoreninformation: Anika Selzer
Studentische Hilfskraft
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Bibelstellenbezug:
Röm 10
Zusätzliche Skripturen:
1 Makk 2,26-27 2,50 1 Kor 1,14 2,7-8 2 Kor 3,14-15 Apg 9,1-29 20,2-3 22,3-21 26,9-20 Deut 30,10-14 Gal 1,23 Jdt 9,4 Phil 3,5-9 Ps 69,10 Röm 1,1-7 3,1-9 8,18-39 9,1-3 9,27-32 10,5-21 16,1.22.23 .
Weitere Schlagworte:
Begegnung mit Gott; Bekehrung; Bitten; Bürger, römischer; Christentum; Christus; Erkenntnis; Erwählung; Eschatologie; Existenz; Flehen; Fürbitte; Gemeinde; Gerechtigkeit; Gesetz; Glaube, christlicher; Glaube, jüdischer; Glaubenserfahrung; Gottesbegegnung.
Letzte Aktualisierung:
05.11.2015

Inhaltsverzeichnis

 

1. Erster Leseeindruck
 
2. Synchrone Zugangsweise – Das Ende des Gesetzes ( Ho télos toú nómou)
 
3. Diachrone Beobachtungen
 
4. Drei Forschungsthesen zur Übersetzung des telós-Begriffs

  

1. Erster Leseeindruck

Sofort sticht die Fürbitte des Paulus ins Auge, welche stark an seinen Einsatz für die Israeliten in Röm 9 erinnert. Er bittet um die Errettung der Juden, bezeugt ihnen aber direkt im nächsten Satz einen fehlgeleiteten Eifer für Gott, da diese versuchten, Gerechtigkeit aus sich selbst heraus zu schaffen und nicht auf die heilsbringenden Gerechtigkeit Gottes vertrauten. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was es mit dem „Ende des Gesetzes“ auf sich haben könnte – worauf hoffentlich in diesem Kommentar eine Antwort gefunden wird.

  

2. Synchrone Zugangsweise – Das Ende des Gesetzes ( Ho télos toú nómou)

2.1. Paulus Verhältnis zu Israel: nicht nur an dieser Stelle ein Problem

Paulus Verhältnis zu Israel ist ein wichtiges Thema des Römerbriefs. In diesem Abschnitt soll kurz darauf eingegangen werden, wo es im Brief näher erläutert wird, um somit den Kontext von Röm 10,1-4 besser verstehen zu können.

Der Apostel beschreibt sein Verhältnis zu Israel nicht nur in Röm 9-11, sondern auch bereits vorher. Seine exkursartigen Erläuterungen in Röm 3,1-9 zum Beispiel zeigen, dass dieses Thema von Anfang an bei der Konzeption des Briefes mitgedacht wurde. Zur sachgemäßen Behandlung des Themas kann es dann „nach seinem Ausblick auf das erlösende Ende der Schöpfung und des Menschen in Röm 8,18-39 [kommen], denn das Schicksal Israels ist ein Bestandteil des endzeitlichen Handelns Gottes“ (Schelle, 2003, 379).

Um das Hauptthema von Röm 9-11 zu bestimmen, stellt sich die Frage, „wie [sich] die im Evangelium geoffenbarte Gerechtigkeit Gottes, die jedem Glaubenden ohne Werke des Gesetzes zuteil wird, zu den besonderen an Israel ergangenen Gaben und Verheißungen [verhält]“ (Klumbies, 1985, 135).

Besonders das Verhältnis zwischen gnósis (Erkenntnis) und zēlos (Eifer) soll nun anhand von Röm 10,1-4 geklärt werden. Desweiteren stellt sich die Frage, was es mit dem télos (Ende) des Gesetzes auf sich hat.

 

2.2. Gliederung der Textstelle

Der hier zu behandelnde Einsatz bringt durch die konkrete Anrede sowie den Rückgriff auf Röm 9,1f. „kein neues Thema, sondern erläutert in seiner Terminologie und Motivation 9,31f.“ (Käsemann, 1980, 270). Wir wollen ihn wie folgt gliedern:

Röm 10,1:  Anrede und Fürbitte

Röm 10,2-3: Das Sein oú kat‘ epígnōsin (ohne Erkenntnis) – bezüglich des eigenen zēlos, aber auch der dikaiosýnē theou (Gerechtigkeit Gottes)

Röm 10,4: Christus als telós (Ende[?]) des Gesetzes

An dieser Gliederung orientiert soll nun die Auslegung der vier Verse erfolgen.

 

2.3. „… mein Flehen für sie zu Gott ist, dass sie errettet werden“ (Rom 10,1)

Der Apostel spricht an dieser Stelle durch die Anrede adelphoí (Brüder) explizit christliche Leser an, „um ihnen zu zeigen, wie gewichtig seine Worte sind, die er weder an die Synagoge noch an Außenstehende, sondern an diejenigen richtet, die sich zu Christus bekennen“ (Lohse, 2003, 290).

Paulus beteuert erneut (vgl. Röm 9,3) seinen Wunsch nach Israels Rettung. Das folgende Urteil fällt dem Apostel schwer, obwohl er sich an eine christliche Gemeinde wendet. Bereits in Kap. 9 zeigt sich Israels Heillosigkeit in der Tatsache, dass Paulus nur verzweifelt betonen kann, selbst an Stelle von dem Volk verflucht sein zu wollen. Besonders verheerend ist dieser Sachverhalt, wenn man sich vor Augen führt, dass Israel im Gegensatz zu anderen Völkern als von Gott bevorzugt zu betrachten ist. Er bittet an dieser Stelle dezidiert für Israels sōtería (Errettung) (vgl. Klumbies, 1999, 92; Stuhlmacher, 1989, 139).

Eudoxía ist als Wohlgefallen, aber auch als Verlangen oder Zuneigung zu übersetzen. Geht man von der letzten Übersetzungsmöglichkeit aus, so äußert sich diese Zuneigung in der Fürbitte, welche jedoch nicht überinterpretiert werden darf (so geschehen bei Peterson, 1951, 266; nach Käsemann, 1980, 270). Für Paulus scheint die endgültige Verwerfung Israels noch nicht eingetreten zu sein; er möchte durch den folgenden Abschnitt betonen, was sich zu Gunsten seines Volkes sagen lässt. Notwendig wird dies u.a. durch die Prophetenworte in Röm 9,27f. und 9,29, welche besagen, dass Israel vom Heil ausgeschlossen ist. Positiver als in 9,1ff. spricht er also vom Drang seines Herzens, da er davon ausgeht, dass bei Gott alles möglich ist – so also auch die Rettung Israels (vgl. Wilckens, 1980, 219; Lohse, 2003, 290).

   

2.4. „…da sie Gottes Gerechtigkeit nicht erkannten und ihre eigene aufzurichten trachteten, haben sie sich der Gerechtigkeit Gottes nicht unterworfen“ (Rom 10,3): Der Zusammenhang von Rom 10,2-3

Das gár (nämlich) in Röm 10,2 zeigt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Röm 10,1-2 auf. Paulus bezeugt den Israeliten, zēlos für Gott zu haben, wie ihnen durch die „Frommen der Geschichte“ (Lohse, 2003, 290) gezeigt wurde (u.a. Ps 69,10; 1 Makk 2,26f.50; Jdt 9,4). Nach Käsemann handelt es sich hierbei um „jene Frömmigkeit, die sich bei den Makkabäern und Zeloten, in Qumran und weiten rabbinischen Kreisen am Vorbild des Pinhas und Elia ausrichtet“ (Käsemann, 1980, 270). Doch die intensive Hingabe stoße ins Leere, wenn sie nicht im rechter epígnōsis geschehe. Hiermit gemeint ist die wahre Erkenntnis göttlichen Willens, welche klar von Unwissenheit zu unterscheiden ist (Lohse, 2003, 290).

Interessant ist, dass sich an dieser Stelle ein konkreter Bezug zu Paulus eigenem Leben herstellen lässt. Dessen spektakulärer Lebenswandel war und ist bis heute allgemeiner christlicher Erzählstoff (vgl. Gal 1,23 und Apg 9,1-29; 22,3-21; 26,9-20). Der Apostel hat selbst erfahren, dass der Eifer um Gott auf Grund von mangelnder Gotteserkenntnis (oú kat‘ epígnōsin) stattfindet. Die Juden leben in Verblendung, da sie den Sinn des Christusgeschehen nicht erkennen können (vgl. 1. Kor 2,7f.; 2. Kor 3,14f.). Für sie ist Christus ein Glaubenshindernis, obwohl eigentlich das Gegenteil der Fall sein sollte (Stuhlmacher, 1989, 140).

Das agnooúntes (nicht wissend) am Anfang von Röm 10,3 steht betont an dieser Stelle und beschreibt explizit ein falsches Verstehen (Michel, 1977, 325; Lohse, 2003, 290). Es stellt die Begründung für das vorher gefällte Urteil dar. Paulus macht in diesem Vers einen Gegensatz auf: he toú theoú dikaiosýnē (die Gerechtigkeit, welche dem Willen Gottes entspricht) und he idía dikaiosýnē (die Gerechtigkeit, welche der Mensch auf Grund seiner Werke in Anspruch zu nehmen gedenkt). Hierbei geht es um das „Gottsein“ Gottes und den Widerspruch des Menschen gegen Gott. Allein als Geschenk ist Gottes Gerechtigkeit für den Menschen anzunehmen – die eigene Gerechtigkeit hingegen ist lediglich das menschliche Streben danach, „auf Grund eigenen Handelns Gottes richterliches Urteil beeinflussen zu wollen“ (Michel, 1977, 325). Bei der Gerechtigkeit Gottes handelt es sich um eine eschatologische Kategorie, welche jedoch bereits im Leben realisiert wird. Paulus selbst hatte die Wertlosigkeit der Gerechtigkeit aus dem Gesetz erst in der Begegnung mit dem Auferstandenen realisiert, wie er in Phil 3,5-9 schildert. Was ihm jedoch dort widerfahren ist, gilt grundsätzlich (vgl. Klaiber, 2009, 178). Dies wird im nächsten Vers ersichtlich.

  

2.4. „…Christus ist des Gesetzes Ende, jedem Glaubenden zur Gerechtigkeit“ (Rom 10,4)

Für Paulus ist nur eine christologische Rede von Gott eine wirkliche Rede von Gott (vgl. Klumbies, 1992, 222). Dies beweist gerade dieser Vers, obwohl die Funktion und die Aussage des Satzes in der Forschung heftig umstritten sind. Es entfacht sich ein Streit an der Bedeutungsfestlegung der mehrdeutigen Vokabel télos (eine differenzierte Darstellung der Übersetzungsmöglichkeiten bietet Haacker, 1999, 206ff.). Gleichzeitig stellt sich jedoch auch die Frage, ob dieser Satz als eine Art Fazit der paulinischen Lehre vom Gesetz bzw. seiner Theologie zu verstehen ist (dies wird u.a. durch Publikationstitel suggeriert: s. Bornkamm, 1952 o. Stuhlmacher, 1970; nach Haacker, 1999, 206). Da diese Frage hier nicht letztgültig beantwortet werden kann, soll nun analysiert werden, wie der Inhalt des Verses 4 zu verstehen ist.

In diesem Vers begründet Paulus, warum Israels Streben nach einer eigenen Gerechtigkeit Ungehorsam gegenüber der Gerechtigkeit Gottes bedeutet. Durch Christus wurde „jede Möglichkeit, die Tora als Weg zur Rechtfertigung aufzufassen, aufgehoben (telós gár nómou Christós [nämlich ist Christus das Ende des Gesetzes; A.S.]): Nur durch Christus wird jedem Gläubigen Rechtfertigung zuteil (eís dikaiosýnēn pantí tō pisteúonti [jedem Glaubenden für die Gerechtigkeit; A.S.]“ (vgl. Finsterbusch, 1996, 80; zur Bedeutung von „pás“ in Verbindung mit „ho pisteúōv“ auführlicher: Adam, 2009, 141). Anders formuliert bedeutet dies: „Christus als der einzige Zugang zum Heil bedeutet das Ende des Gesetzes als eines Heilsweges; das Gesetz, das faktisch stets zu Leistungsstreben vor Gott Anlaß [sic!] gegeben hat, offenbart im Angesicht Christi, welche Wirkung es schon immer gezeitigt hat, nämlich menschliche Hybris anstachelnd in Heillosigkeit zu führen“ (vgl. Klumbies, 1999, 92). Gnade ergibt sich daher auch für Israel nur in Jesus Christus, wobei das eigentliche Problem darin liegt, dass Israel dies auf Grund seiner Unwissenheit nicht verstehen kann (s.o.). Für ein erweitertes Verständnis dieses Verses kann man sich fragen, ob Christus nicht schon das Hauptthema der Thora gewesen sei. Durch diesen Nebengedanken kommt auch die Übersetzung durch den Begriff „Erfüllung“ in Frage. Denkbar wird dies durch die Beweisführung des Apostels in den Versen 6-8, in denen er sich auf u.a. Deut 30,10-14 bezieht. Weitere Thesen zur Übersetzung sollen in Punkt 4 dieser Ausarbeitung aufgegriffen werden. Es soll als prominente klassische These die Ansicht Käsemanns dargelegt werden, weiterhin auf Wilckens eingegangen werden, welcher von einer doppelten Bedeutung des telós-Begriffs ausgeht. Den Abschluss bildet eine aktuelle These von Schaller, welche gleichzeitig zu Überlegungen über unsere eigene Alltagspraxis einladen soll.

   

2.6. Weiterführende Gedanken: Der Zusammenhang mit den nächsten Versen

Man kann Röm 10, 1-4 für sich nehmen, doch wird V. 4 in Vers 5 (durch gár [denn, nämlich]) wieder aufgegriffen. Nach Käsemann gliedern sich die folgenden Verse wie folgt:

Röm 10,5-13 erbringt den Schriftbeweis für das in Röm 10,4 verkündete Ende des Gesetzes

Röm 10,14-21 erläutert Israels selbstverschuldete Verstockung (Käsemann, 1980, 267).

  

3. Diachrone Beobachtungen

3.1. Grundsätzliche Feststellungen und literarischer Charakter

Der Römerbrief gilt als spätester Brief der paulinischen Korrespondenz. Als Abfassungsort gilt Korinth, was in der Auslegung eine Rolle spielt, da Paulus Themen anklingen lässt, die bereits in den Korintherbriefen eine Rolle spielten (vgl. Apg 20,2f.; Röm 16,1.22.23; 1Kor 1,14). Überbringerin des Briefes war wahrscheinlich die Diakonin Phoebe (vgl. Röm 16,1f). Er  ist eine sehr ausführliche Darstellung der paunlinischen Theologie und wird öfter als das „Testament des Paulus“ bezeichnet (Haacker, 1999, 9).

Formgeschichtlich ist der Römerbrief als ein belehrender Brief zu bezeichnen, der gleichzeitig um die Zustimmung zur vorgetragenen Lehre wirbt.

  

3.2. Die Abfassungssituation

Der Römerbrief hat eine Sonderstellung in den paulinischen Briefen inne, da er an eine Gemeinde gerichtet ist, die der Apostel selbst nicht gegründet hat. Paulus schreibt den Brief am Wendepunkt seiner missionarischen Tätigkeit, da er seine Arbeit im Osten des Reiches als beendet betrachtet und sich nun dem Westen zuwenden möchte, um sein Evangelium zu verkünden. Davor möchte er jedoch noch nach Jerusalem reisen, wo er Spenden aus Makedonien und Achaia zu überbringen gedenkt (Schnelle, 2003, 334). Später soll seine Reise nach Spanien beginnen. Er möchte auf dem Weg nach Spanien die römische Gemeinde besuchen und in ihr Unterstützer für seine Mission gewinnen.

Die Tatsache, dass Paulus die Gemeinde nicht selber begründet hat, erklärt, warum er sich zunächst ausführlich vorstellt (vgl. Röm 1,1-7) und eine gewisse Zurückhaltung in seinen Äußerungen erkennen lässt. Gleichzeitig erscheint seine Argumentation sehr ausführlich zu sein. Allerdings musste er auch damit rechnen, dass die römischen Christen bereits über Kenntnisse seiner Theologie verfügen und es dabei zu Missverständnissen in der Auslegung kam. Dementsprechend greift er jüdische und judenchristliche Argumente auf, um diese durch seine eigene Theologie zu widerlegen.

Schnelle trägt die Abfassungssituation und den –zweck in fünf Stichpunkten zusammen, die gleichzeitig erklären, dass es sich hierbei um ein „situationsbedingtes Schreiben“ (Schnelle, 2003, 338) handelt:

  1. Paulus benötige Hilfe von der römischen Gemeinde für seine geplante Spanienmission.
  2. Er wünscht Hilfe und Unterstützung bei „den zu erwartenden Auseinandersetzungen in Jerusalem anlässlich der Kollektenübergabe“ (Schnelle, 2003, 338).
  3. Da er den Einfluss von judaistischen Paulusgegnern befürchten muss, möchte er deren Argumenten zuvorkommen bzw. sie widerlegen.
  4. Gleichzeitig wünscht er, „die zunehmende Bedrängnis der Gemeinde durch das römische Judentum und [den] sich anbahnenden Konflikt mit dem Staat“ (Schnelle, 2003, 338), aufhalten zu können.
  5. Da es zu Verständnisproblemen seiner Theologie kam, möchte er diese im Brief aus dem Weg räumen.

Alle fünf Punkte sind ineinander verflochten, da Paulus „nur bei einer Entkräftung judaistischer Vorwürfe und einer überzeugenden Entfaltung der eigenen Position […] damit rechnen [konnte], dass die Jerusalemer die Kollekte annehmen und die Römer sich ‚sein‘ Evangelium zu eigen machen“ (Schnelle, 2003, 338). Darüber hinaus wird aus den Punkten ersichtlich, dass Paulus sich in dem Brief besonders mit der Israelproblematik auseinandersetzen muss und möchte.

  

4. Drei Forschungsthesen zur Übersetzung des telós-Begriffs

4.1. Käsemanns Auslegung

„Während die heutige Exegese im Allgemeinen telós durch ‚Ende‘ übersetzt […], wendet Systematik aller Schattierungen ein, daß [sic!] auch ‚Ziel‘ […] oder ‚Sinn, Erfüllung‘ gemeint sein könnte […]. Lexikalisch sind all diese Bedeutungen möglich […]. Doch würde die Botschaft des Neuen Testamentes bald nicht mehr zu erkennen sein, wäre der Auslegung erlaubt, vorhandene sprachliche Möglichkeiten durchzuspielen, und Pls [=Paulus; A.S.] hat nicht den mindesten Raum für solche Versuche freigelassen. […] Die Tora des Mose kommt mit Christus zu ihrem Ende […].“ (Käsemann, 1973, 270).

  

4.2. Wilckens Übersetzung

„Das Wort telós hat eine doppelte Bedeutung: Es bezeichnet sowohl das Ziel, auf das eine Bewegung hinausläuft, als auch das Ende dieser Bewegung. Demnach besagt der Satz V. 4 erstens: Der gekreuzigte Jesus hat dem ganzen Weg der ‚Gesetzeswerke‘ ein Ende gesetzt, indem er die Verurteilung der  Sünder durch das Gesetz aufgehoben und ihnen Gerechtigkeit allein aufgrund des Glaubens an ihn geschenkt hat. Damit ist aber zweitens das Ziel des Gesetzes, nach Lev 18,5 denen Leben zuzusprechen, die seine Gebote allesamt getan haben […], das Ziel, das nach 9,31 Israel nicht erreicht hat, auf heilsgeschichtlich neuem Weg erfüllt: dem Weg des Glaubens an Christus“ (Wilckens, 2005, 224).

  

4.3. Schallers aktuelle These

„Wenn der Satz des Paulus: telós nómou Christós (Röm 10,4), dahin richtig verstanden ist, dass es in ihm um Christus als das Ziel der Thora geht und nicht um das finale Ende der Thora, dann dürfte und könnte das der Thora verpflichtete jüdische Nein zu unserem Christusbekenntnis uns durchaus in eigener Sache dienen: es erinnert daran, dass das Reich Gottes und seines Christus die ganze Welt und nicht nur die frommen Seelen betrifft, und warnt davor, Erlösung in erster Linie spiritualistisch und entweltlicht zu begreifen und in einer individualisierten Selbstgenügsamkeit zu verharren; es verdeutlicht, dass das Reich Gottes noch nicht vollendet ist, und warnt uns damit davor, die Zukunft des kommenden Heils, die Erwartung des kommenden Christus enthusiastisch und triumphalistisch vorwegzunehmen; es hält, wie schon Dietrich Bonhoeffer betont hat, ‚die Christusfrage offen‘ [Bonhoeffer, 1949, 31] und hält uns auf diese Weise dazu an, das Bekenntnis des eigenen Glaubens zu Jesus Christus, dem Messias Israels und dem Heiland der Welt, ‚auf dem Schauplatz der Geschichte und im Medium der Gemeinschaft …, in der Welt des Sichtbaren‘ [Scholem, 1963, 7] zu bewähren“ (Schaller, 2010, 34f.).

 

zurück zur Übersicht