Fünfter Visionsbericht Am 9,1-4

Christiane Reschke

Kurzbeschreibung:
Am 9,1-4 ist die fünfte Vision des Amos und bildet formal und inhaltlich den Höhepunkt der Visionen. In dieser Vision sieht Amos JHWH am Altar stehen, der seinen eigenen Tempel als Ort der rettenden Gottesnähe zerschlägt. JHWH selbst ist Urheber des Gerichts über die Schuldigen in Israel, er führt Krieg gegen Israel, dem keiner entkommen wird. Die Treue JHWHs bewirkt hier Unheil und Tod, nicht Rettung und Heil. Aber auch im Gericht bleibt JHWH bei Israel und verlässt es nicht.
Zusätzliche Autoreninformation: Christiane Reschke
Studentin, Universität Dresden
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Am 9,1-4
Zusätzliche Skripturen:
Am 1,1 Am 2,13 Am 5,14 Ps 139,7-10
Weitere Schlagworte:
Altar; Amos; Gericht; Gewalt; Himmel; Israel; JHWH; Karmel; Meer; Prophet; Prophetie; Schlange; Tempel; Tod; Totenreich, Totenwelt; Vergeltung; Vision; Vollmacht

 

 

1. Erster Leseindruck

Ein zorniger, eifernder Gott offenbart sich in dieser Bibelstelle. Das Bundesvolk hat durch die Unterdrückung seiner Armen (Am 3,9-4,3) Unrecht getan und muss nun das Strafgericht über sich erdulden. Wohin der Mensch auch flieht, Gott wird ihn finden. Die Worte sind poetisch zusammengefügt, doch zugleich auch drohend und grausam. Mich haben sie an die Worte des Ps 139 erinnert, dessen Botschaft und Gottesbild jedoch von Liebe bestimmt ist.

 

2. Synchrone Zugangsweise. JHWH bringt ein Strafgericht über Israel

2.1. Abgrenzung und Einordnung in den Kontext

Am 9,1-4 ist die letzte von fünf Visionen des Propheten Amos, die in den Kapiteln 7-9 zu finden sind. Zwischen der dritten (Am 7,7-9) und vierten Vision (Am 8,1-3) ist die Amazjaperikope eingeschoben (Am 7,10-17); zwischen der vierten und fünften Vision finden sich noch einmal Anklagen gegen das Volk Israel aufgrund seines Sozialverhaltens sowie Ankündigungen zum Gericht. Die ersten vier Visionen weisen die gleiche sprachliche Struktur auf und ähneln sich inhaltlich sehr. Die fünfte Vision fällt in dieser Hinsicht aus dem Rahmen. Sie grenzt sich vom vorangegangen Text durch die Einleitung: „Ich habe geschaut“ ab (v1), d.h. es wird angekündigt, dass es sich um eine Vision handelt und dass Amos etwas sieht. Diese Struktur weisen auch die anderen Visionen auf, die jedoch stets mit der abweichenden stereotypen Wendung beginnen: „So hat der Herr JHWH mich schauen lassen: Siehe“ In der fünften Vision nun „sieht“ Amos selbst. Die erste und zweite und die dritte und vierte Vision bilden zwei Paare, da sie sich sprachlich und inhaltlich jeweils nahe stehen. Im ersten Visionspaar bittet Amos um Verschonung vor zwei Plagen, so dass es JHWH reut und er sagt: „Es soll nicht geschehen.“ Im zweiten Visionspaar fragt JHWH: „Was siehst du, Amos?“ und kündigt daraufhin das Gericht über Israel an. Diese Untergliederung und damit einen Dialog zwischen Amos und JHWH weist die fünfte Vision nicht auf. An die fünfte Vision schließt sich Am 9,5f an, welche als Gerichtsdoxologie bezeichnet wird. Darauf folgt mit Am 9,7-15 ein eigener Abschnitt, der das proklamierte Gericht über Israel als Läuterungsgericht deutet und aus nachexilischer Zeit stammt. Anders als in der fünften Vision, die von einer absoluten Vernichtung spricht, ist ab Am 9,7 von einem Fortbestand des Hauses Jakobs die Rede, Am 9,11-15 gibt einen Ausblick auf das kommende Heil.

 

2.2.  Gliederung des Textes

Der Text Am 9,1-4 lässt sich in zwei Teile gliedern: v1 weist den Text als eine Vision des Amos aus und kündet in einer Gottesrede vom Gericht JHWHs über Israel, der mit der Vernichtung seines eigenen Tempels beginnt und dem keiner entfliehen kann; v2-4 verschärft die Ankündigung durch ein allumfassendes Gerichtshandeln, das jeder in Israel erleiden wird. Der zweite Abschnitt ist in fünf Aussagen gegliedert, die durch eine zweigliedrige Satzstruktur, eine Einleitung durch die Konjunktion „wenn“ und eine metaphernreiche Sprache gekennzeichnet sind. Diese Stilmittel geben v2-4 eine hohe formale und inhaltliche Geschlossenheit.

 

2.3.  JHWH am Altar: Am 9,1

Amos sieht JHWH am Altar stehen und vernimmt dessen Stimme: „Zerschlag den Knauf der Säule, sodass die Tragbalken zittern.“ Soll dieser Ausspruch eine Aufforderung an Amos sein? Verbirgt sich dahinter ein symbolischer Akt, mit dem Amos dem Volk Israel die Endgültigkeit des Gottesgerichts anzeigen soll? Wenn die Tragbalken des Eingangsbereichs wie von einem Erdbeben erschüttert werden, würde danach die gesamte Tempelhalle einstürzen. Es ist JHWH, „der die Schwellen des Tempels, seines eigenen Heiligtums, zum Erbeben und Einsturz bringt. Würde es sich nur um einen symbolischen Akt handeln, müsste nämlich eine Deutung des Aktes folgen.“ (Jeremias, 1995, 124f)

Das „zittern“ oder „beben“ ist  als ein Verweis auf ein Erdbeben  zu verstehen. Wie auch in Am 2,13-16 ist es Auslöser für das kommende, unheilvolle Ende (vgl. Dahmen, 2001, 261). Die Konsequenz der Vernichtung des Staatsheiligtums ist katastrophal, denn somit wird der Weg zu Gott von Gott selbst verbaut und dem Volk Asylstätte, Schutz und Sicherheit genommen. JHWH geht noch weiter. Er will auch alle Menschen vernichten: „Ich zerschmettere allen den Kopf. Was dann von ihnen noch übrig ist, töte ich mit dem Schwert.“ Der Übersetzer des Textes macht durch die dreifache Wiederholung von „keiner“ deutlich, dass niemand dem Gericht Gottes entgehen wird; es werden drei Verben aneinandergereiht, welche die einheitliche Vorsilbe „ent-“tragen: keiner wird „entfliehen“, „entrinnen“, „entkommen“. Im Folgenden wird diese Aussage aufgeschlüsselt, dass es unmöglich ist, sich vor Gott zu verbergen und dass dieser Zustand unheilvoll ist. 

 

2.4.  Der Herr über den Kosmos: Am 9,2-4

Dieser zweite Abschnitt wird durch die Anapher „wenn“ am Anfang von fünf Aussprüchen und durch den sich wiederholenden zweigliedrigen Satzaufbau rhythmisiert. Die Worte „Totenwelt“ und „Himmel“ sowie „Gipfel des Karmel“ und „Grund des Meeres“ bilden in ihrer Gegensätzlichkeit Paare. Es sind Orte, die deutlich machen, dass JHWH Herr über den Kosmos ist. Das erste Wortpaar hat eine überirdische Dimension, weil das Totenreich „unten“ vermutet wird, der Himmel „oben“. Dies zeigen die Verben „einbrechen“ und „aufsteigen“ an. Das zweite Wortpaar ist von einer irdischen Vorstellung geprägt, die die Höhe und Tiefe der Welt beschreibt: den „Gipfel des Karmel“ und den „Grund des Meeres“. Von Gott wird in anthropomorphen Formulierungen gesprochen: „meine Hand packt sie“, „ergreife sie“ sowie im Schlusssatz „Ich habe meine Augen auf sie gerichtet“. Der fünfte Ausspruch in v4 steht etwas isoliert und beschreibt den Zustand nach einem Krieg. Im zweiten Teil des vierten (v3c) und fünften Ausspruchs (v4b) wird deutlich, dass JHWH Macht über die Geschöpfe hat: über die „Seeschlange“, die er dann zum beißen veranlasst und den Menschen, denen er dann befiehlt, die Flüchtenden mit dem Schwert zu töten. Das „Schwert“ war bereits in v1 genannt und macht deutlich, dass es einen überlebenden Rest nicht geben wird. Das Angesicht, d.h. seine „Augen“ (v4b), die JHWH auf sein Volk gerichtet hält, signalisiert keine heilbringende Nähe, kein Glück, kein Ende der Bedrohung, sondern Unheil und Tod. Eine Entsprechung zu Am 9,2f findet sich im Allmachtsmotiv von Ps 139,7-10, der die unterschiedlichen Dimensionen: das Motiv der Flucht, das Angesicht Gottes und seine ergreifende Hand ebenfalls aufgreift, indes aber die Allmacht Gottes positiv besetzt (vgl. Deissler, 1985, 132).

 

3. Diachrone Beobachtungen: Stufenweise Textüberlieferung?

Gerade im ersten Abschnitt v1 gibt es Spannungen, die auf eine stufenweise Textüberlieferung hindeuten. Zum Beispiel gibt es einen Wechsel zwischen Imperativ und JHWH als Subjekt der Rede. Dahmen deutet die Aufforderung, das Säulenkapitell zu schlagen, als Berufungsauftrag an Amos. Damit sei die Unheilsankündigung durch Amos gemeint, die bereits den Anfang des Unheils darstellt, da es sich um die Worte JHWHs handelt. Um zu unterstreichen, dass JHWH handelt, wurde Am 9,2-4a vermutlich redaktionell eingeschoben. Der gesamte Visionsbericht wird durch das Motiv des „Schwertes“ an Anfang und Ende gerahmt (vgl. Dahmen, 2001, 260ff).

 

4. Stimmen aus der Forschung

4.1. Der fünfte Visionsbericht nach H. W. Wolff

Die fünfte Vision bildet den Höhepunkt der Visionsberichte, gerade weil sie unter formaler Hinsicht allein steht. Wolff schließt eine symbolische Deutung der Handlung aus, das Säulenkapitel zu schlagen, da eine solche Beauftragung nicht mit einer Vision einher geht und es JHWHs eigenste Sache wäre, sein Heiligtum zu zerstören. Das Heiligtum in Bet-El wäre nur der Anfangspunkt des Bebens, das sich ausbreiten würde und dann das ganze Volk trifft. Nachdem zunächst davon gesprochen wird, dass „alle“ zu Tode kommen, wird schließlich ein „Rest“ erwähnt, der durch das Schwert getötet wird. Die restlose Vernichtung wird damit doppelt betont, mit dem „Schwert“ wird das Motiv in v1 und v4 wiederholt aufgegriffen. In der fünften Vision wird folglich das Ende von Israel konkret und unwiderruflich, welche nicht durch die Abwesenheit, sondern die Präsenz JHWHs gekennzeichnet ist (vgl. Wolff, 1985, 385-395).

 

4.2.  Der fünfte Visionsbericht nach J. Jeremias

Nach Jeremias ist davon auszugehen, dass die Visionsberichte das vorexilische Amosbuch abschließen. Gottes Blick liegt im Bösen und nicht mehr im Guten auf Israel (Am 9,4). Hier ist ein Rückbezug auf Am 5,14 zu lesen, wo die Mahnung zu finden ist, das Gute zu suchen. Dadurch wird unverhofft eine Rettungsmöglichkeit eröffnet: „Sie [sc. die Mahnung, C. S.] erweist sich vom Ende des älteren Buches her als dessen eigentliche Mitte.“ (Jeremias, 1995, 127). Jeremias versteht die fünfte Vision nicht als unabänderlichen „Abschluß der Wege Gottes mit seinem Volk (...), sondern als eine denkbar extreme Gotteserfahrung, die die Geretteten in der Katastrophe auf den Weg bringen soll, den wahren Gott zu suchen, der selbst dann immer noch nach seinen Menschen fragt, wenn ihre Schuld ein Maß erreicht hat, das sein äußerstes Gericht unumgänglich macht.“ (Jeremias, 1995, 128)

 

Literaturverzeichnis

Dahmen, Ulrich/Fleischer, Gunther, 2001, Die Bücher Joel und Amos (Neuer Stuttgarter Kommentar 23,2), Stuttgart

Deissler, Alfons, 1985, Zwölf Propheten. Hosea, Joel, Amos, Leipzig

Jeremias, Jörg, 1995, Der Prophet Amos (Das Alte Testament Deutsch 24,2), Göttingen

Maier, Gerhard/Rienecker, Fritz, 52005, Lexikon zur Bibel, Wuppertal: Art. Karmel, 880

Wolff, Hans Walter, 1985, Joel und Amos (BKAT. Dodekapropheton 14,2), Neukirchen-Vluyn

 

 

 

 

 

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