Die Verheißung von einer neuen Heilszeit für das Volk Gottes

Maria Seidel

Kurzbeschreibung:
Jer 23,1-8 beinhaltet eine Hoffnungsperspektive nach dem Ende des davidischen Königshauses. Das Volk Israel befindet sich im Exil bzw. ist zerstreut worden, weil die politische Führungsschicht Jerusalems und der König versagt haben. Eine Heilswende ist daher nur durch das direkte Eingreifen JHWHs zu erwarten. JHWH wird einen gerechten König einsetzen und sein Volk Israel in einer überbietenden Analogie zum Exodus aus Ägypten aus der babylonischen Gefangenschaft befreien und heimführen.
Zusätzliche Autoreninformation: Maria Seidel
Studentin, Universität Dresden
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Jer 23,1-8
Zusätzliche Skripturen:
2 Kön 24,18f 2 Chr 36,11-16 Jes 40,11 Jer 3,15 Jer 10,21 Jer 16,14f Jer 21,11-22,30 Jer 29,14 Jer 31,8 Jer 33,15ff Jer 37,1-4 Jer 40-42 Jer 50,6f Jer 50,17-19 Ez 34,2-10 Ez 34,11-22 Mi 2,12f Joh 10,11
Weitere Schlagworte:
Altes Testament; Amt; Ämter; Befreiung; Hirte; Hoffnung; Israel; Jerusalem; Juda; Messias; Metapher; Nachkommen; Namensgebung; Politik; Prophet, Prophetin; Prophetie; Rettung; Schaf; Scheitern; Statthalter; Verantwortung; Verheißung; Zukunft; Zusage

 

 

1. Erster Leseeindruck

Jer 23,1-8 beginnt mit einer Drohung in v1 und wirkt dadurch sehr düster. Diese Stimmung beherrscht auch noch v2. Die Hirten, welche nicht im Sinn JHWHs handeln, werden bestraft. Zu einem Stimmungsumschwung kommt es erst in v3. Israel als Herde wird nun Hoffnung für die Zukunft vermittelt. Der Rest des Textes wirkt bis zum Ende durchgehend positiv.

 

2. Synchrone Zugangsweise: JHWH sammelt sein Volk.

2.1. Kontextanalyse

Die Bibelstelle Jer 23,1-8 lässt sich wie folgt in den umliegenden Kontext einordnen: Der Text schließt an die vorangegangenen Worte an das judäische Königshaus Jer 21,11-22,30 an. Aus diesen Texten geht hervor, dass sich JHWH von den Königen abgewandt hat (Jer 21,5ff; 22,6ff). In Jer 23,1-8 kommt es dann zu einer neuen Heilsankündigung für das Volk Israel. Darauf folgt eine Sammlung prosaischer und poetischer Texte zum Thema wahre und falsche Prophetie (Jer 23,9-24,10). Somit bekommt die Stelle Jer 23,1-8 einen thematischen Rahmen, der die Schlechtigkeit der jetzigen politischen und religiösen Anführer behandelt. In deren Mitte steht eine neue Heilszusage für das Volk Gottes (vgl. Fischer, 2005, 676).

2.2. Bildanalyse

Es finden sich in der Perikope die Metaphern Hirten und Schafe. Diese Sprachbilder stehen für zwei separate Gruppen.

Der Hirte hat eine verantwortungsvolle Aufgabe, denn er muss die ihm anvertrauten Tiere beschützen und versorgen. Die Schafe sind also vom Geschick der Hirten abhängig. Die Hirten lassen sich hier noch einmal in die guten und die schlechten Hirten unterteilen. Um die schlechten Hirten geht es in Jer 23,1f. Sie stehen für die momentan herrschende Bevölkerungsschicht, welche gegen den Willen JHWHs gehandelt und die Schafe versprengt hat (v2). Die politischen und religiösen Führer sind ihren Pflichten gegenüber dem Volk nicht nachgekommen und werden deshalb nun von Gott zur Rechenschaft gezogen. Es ist zu bemerken, dass es sich bei den Schafen nicht um das Eigentum der Hirten, sondern um das JHWHs handelt. Dies geht aus v1 hervor, wo es heißt: „die Schafe meiner Weide“. Die Hirten haben also fremdes Eigentum zugrunde gerichtet und müssen nun auch die Konsequenzen dafür tragen. Die guten Hirten aber wird Gott selber aussuchen und damit sein Volk erneut der Herrschaft von Menschen anvertrauen (v4). Diese neuen Führer werden im Gegensatz zu den vorherigen ihren Pflichten und ihrer Verantwortung nachkommen, da sie direkt von Gott eingesetzt wurden. 

Die Schafe stehen hier bildlich für das Volk Gottes. Dies erkennt man in v2, in dem gesagt wird: „die Hirten, die mein Volk weiden“.

Die Metaphern Hirten und Schafe kommen im Alten und Neuen Testament wiederholt vor. Gott tritt als der gute Hirte auf, der seine Herde einsammelt und auf die Weide führt (Jes 40,11; Ez 34,11-22) und auch Jesus bezeichnet sich selbst in Joh 10,11 als den guten Hirten. Die Führungsschicht Israels wird in Ez 34,2-10 als schlechte Hirten charakterisiert. Sie ziehen nur den eigenen Vorteil aus ihrer Position und zerstreuen die Herde Gottes. Die Herde bzw. die Schafe stehen metaphorisch für das Volk Israel, das aus seiner Zerstreuung heimgeführt und auf die Weide zurückgebracht wird (Jer 50,6f.;17-19; Ez 34,2-22; Mi 2,12f.).

In v5 verwendet der Autor die Bezeichnung „einen gerechten Spross“, um den neuen Davidssohn zu charakterisieren. Ein Spross bezeichnet in der Natur die oberirdisch wachsende Pflanze, an deren Ende sich die Blüten befinden. Dass es sich hierbei aber nicht im eigentlichen Sinne um ein Pflanzenteil handelt, erkennt man am Adjektiv „gerecht“. Mit Pflanzen verbindet man im Allgemeinen Wachstum und Leben. In diesem Zusammenhang kann Spross also als Metapher für neues Leben beziehungsweise Nachkommen von David angesehen werden (vgl. Fischer, 2005, 679).

 

2.3. Semantische und syntaktische Analyse

Wenn man den Anfang und das Ende dieser Textstelle betrachtet, fällt sofort auf, dass es innerhalb der acht Verse zu einem Stimmungsumschwung kommen muss, denn Jer 23,1-8 beginnt mit der Drohung „Wehe den Hirten“ (v1) und endet mit der Verheißung „Dann werden sie wieder in ihrem Heimatland wohnen.“ (v8).

Bei der Analyse der einzelnen Verben lässt sich feststellen, dass dieser Wechsel nach v2 stattfindet.

So dominieren in v1f vor allem negativ besetzte Verben, wie zum Beispiel „zugrunde richten“, „zerstreuen“ und „nicht kümmern“, welche sich auf die schlechten Hirten beziehen. Diese Verben weisen darauf hin, dass die Herrschenden Schuld am Exil des Volkes und der darauf folgenden Zerstreuung Israels sind (vgl. Werner, 1997, 199). Die Konsequenz für die Vernachlässigung ihrer Hirtenpflichten ist, dass der Herr nun Gericht über sie halten wird, denn es heißt in v2: „Jetzt ziehe ich euch zur Rechenschaft wegen eurer bösen Taten“. Diese Gerichtsankündigung wird durch die anschließende Gottesspruchformel „Spruch des Herrn“ bekräftigt. Insgesamt finden sich in unserem Textabschnitt 5 Gottesspruchformeln (v1.2.4.5.7) und eine Botenformel („so spricht der Herr“, v2), durch die dem Gesagten mehr Autorität verliehen wird (vgl. Fischer, 2005, 47).

Mit v3 kommt es nun zu dem bereits erwähnten Stimmungsumschwung. So verwendet der Autor für die verbleibenden v3-8 fast ausschließlich positive Verben. Diese beschreiben in v3 die Handlung Gottes, der nun selbst das Hirtenamt übernimmt und sein Volk wieder sammeln und zurückbringen wird. Damit bekommt das Volk die Heimkehr aus dem Exil in Aussicht gestellt. Die Verben „fruchtbar sein“ und „vermehren“ spielen auf den Schöpfungsauftrag an, dem die Menschen wieder nachkommen sollen (vgl. Fischer, 2005, 678). In v4 übergibt Gott das Hirtenamt den Menschen: „Ich werde für sie Hirten bestellen“. Dabei fällt auf, dass die Betonung auf dem „Ich“ liegt, denn die neue herrschende Bevölkerung wird von niemand anderem als von Gott selbst eingesetzt. Diese wird besser für sein Volk sorgen, was durch die Verben „nicht mehr fürchten und ängstigen und nicht mehr verloren gehen“ zum Ausdruck kommt. In v4 endet die Thematik Hirtenamt und Herde mit einer Gottesspruchformel, die das Gesagte noch einmal bekräftigt.

Die v5f wollen den Blick des Lesers in die Zukunft lenken. Dies wird mit dem Imperativ „Seht, es kommen Tage“ ausgedrückt. Sie berichten von einem neuen „Spross“ für das Haus David. Dieser wird, genau wie die neuen Hirten, von Gott selbst eingesetzt und wiederholt als gerecht und weise beschrieben (v5). Seine Herrschaft hat positive Auswirkungen für alle. Alle werden in Sicherheit wohnen (v6). In diesem Zusammenhang kommt es auch zur programmatischen Namensgebung des neuen Herrschers: „Der Herr ist unsere Gerechtigkeit“ (v6). Dieser Name erinnert an König Zidkija (Gerechtigkeit ist JHWH), wodurch ein Kontrast zwischen den beiden Herrschern entsteht, denn Zidkija hat seinem Namen keine Ehre gemacht und wurde ihm durch sein mangelndes Gottvertrauen nicht gerecht (2 Kön 24,18f; 2 Chr 36,11-16; Jer 37,1-4). Außerdem liegt das Gewicht auf der Aussage, dass der Herr die Gerechtigkeit ist und nicht der menschliche König. Gott bleibt damit die Priorität (vgl. Fischer, 2005, 681). Die v7f lenken erneut den Blick in die Zukunft mit der Einleitung „seht, es werden Tage kommen“. Anhand der Veränderung der „Schwurformel“ (Fischer, 2005, 681) wird deutlich: Während man heute noch an den Gott glaubt, der sein Volk „aus Ägypten heraufgeführt hat“ (v7), wird man in Zukunft an den Gott glauben, der die Menschen „aus dem Nordland und aus allen Ländern (...) heraufgeführt und zurückgebracht hat“ (v8). In v7 geht es also um den Exodus, der in v8 durch das erneute Eingreifen Gottes noch übertroffen wird. JHWH wird die Menschen aus dem Exil und der Zerstreuung heimkehren und dann wieder in ihrem Heimatland wohnen lassen (v8). Das Verb „heraufgeführt“ findet sich in beiden Versen wieder. In v8 wird es aber noch verstärkt durch die Ergänzung „und zurückgebracht“, wodurch die Bedeutung der Handlung herausgehoben wird.  Mit v8 endet die Heilszusage, die in v3 begonnen wurde. Er bildet den Abschluss dieser Perikope.

 

2.4. Strukturanalyse

Die Verse von Jer 23,1-8 behandeln zwei große Hauptthemen. Zum einen geht es um die guten und schlechten Hirten und zum anderen bekommt das Volk Israel eine neue Hoffnungsperspektive durch das Eingreifen JHWHs. Daraus ergibt sich folgende Gliederung:

Grobgliederung:

1. Strophe: v1-4: gute und schlechte Hirten

2. Strophe: v5-8: Heilszusage durch JHWH

Der Text lässt sich noch exakter unterteilen. Jeder Themenblock behandelt jeweils zwei Unterthemen. Damit ergibt sich dieses Schema:

Feingliederung:

1. Strophe: v1f: die schlechten Hirten, Strafe JHWHs

2. Strophe: v3f: Wirken JHWHs, die guten Hirten

3. Strophe: v5f: „Messias“-Prophetie

4. Strophe: v7f: Rückkehr aus der Diaspora

Innerhalb dieser Perikope lassen sich Bezüge unter den einzelnen Versen aufzeigen. Die v5f beziehen sich auf v4 zurück, indem sie die Frage nach der Herkunft der neuen Hirten konkretisieren. Und die v7f greifen auf v3 zurück, in dem die Heimkehr des Volkes Israel aus der Babylonischen Gefangenschaft und der Zerstreuung in einem „neuen Exodus“ verheißen wird.

 

2.5. Intertextualität

Innerhalb des Jeremiabuches gibt es eine hohe Intertextualität zu Jer 23,1-8. So wird zum Beispiel das Thema der guten und schlechten Hirten auch in Jer 3,15 und in Jer 10,21 aufgegriffen. Die Sammlung der Schafe findet sich in Jer 29,14 und Jer 31,8. Fast wortwörtlich findet sich die Rede vom gerechten Spross aus den Versen Jer 23,5f in Jer 33,15ff wieder, wo sie noch detaillierter ausgeführt wird. Die neue Schwurformel doppelt sich nahezu wortgetreu bei den Versen Jer 23,7f und Jer 16,14f.

Diese vielen Bezüge innerhalb des Buches weisen auf die Präsenz der Themen: gerechte Herrscher, gerechter Nachfolger Davids und Heimkehr aus dem Exil bzw. der Diaspora.

 

3. Stimmen aus der Forschung

3.1. Die gegenwärtig dominierende Auffassung

Georg Fischer geht davon aus, dass Jer 23,1-8 den Abschluss der detaillierten Darstellung über die Könige in den Kapiteln 21f bildet und damit eine besondere Funktion einnimmt. Die Perikope hat laut Fischer zwei wesentliche Funktionen: Erstens regt sie mit der Thematisierung des Scheiterns der vergangenen Könige den Leser zum Nachdenken über die eigene Verantwortung an. Zweitens sagt sie, dass Gott die Menschen mit ihrem Scheitern nicht allein lässt, sondern helfend eingreift. (vgl. Fischer, 2005, 682f). „Gott selber wird weiden und Hirten aufrichten; für David wird ein gerechter Sproß nachfolgen; und die Rückführung aus dem Exil wird das früher geschenkte Heil beim Auszug aus Ägypten noch übertreffen.“ (ebd., 683).

3.2. Neue Entwicklungen – eine sich abzeichnende Tendenz

Regine Hunziker-Rodewald sieht einen inneren Bezug zwischen Jer 23,1-4 und Jer 40ff. Parallelstellen finden sich bei folgenden Themen: Weheruf Jer 23,1 zu Jer 40,15;  Zersprengung des Volkes Jer 23,1-4 zu Jer 40ff; schlechte Hirten Jer 23,2 zu Jer 40,16; Jer 41,16; Sammlung der Schafe Jer 23,3 zu Jer 40,12.15; Heilszusage Jer 23,4 zu Jer 41,17f; Jer  42,11 (vgl. Hunziker-Rodewald, 2001, 78.81ff). Sie sieht den Entstehungszeitraum von Jer 23,1-4  in der Zeit kurz nach der Herrschaft und Ermordung Gedaljas. „[D]er für die Formulierung und Platzierung von 23,1-4 verantwortliche Redaktor [setzte] gewissermassen [sic!] eine kontrapunktierende Leserichtung in Gang, die die überlieferte Unheilsgeschichte von der Gegenwart her unter einem gewissen Hoffnungsaspekt zu bedenken erlaubte.“ (ebd., 87).

 

Literaturverzeichnis

Fischer, Georg, 2005, Jeremia 1-25 (HThKAT), Freiburg/Basel/Wien

Fuhs, Hans, 2008, Alttestamentliche Wurzeln des Messiasanspruchs Jesu, in: ThGl 4, 335-340

Hunziker-Rodewald, Regine, 2001, Hirt und Herde. Ein Beitrag zum alttestamentlichen Gottesverständnis (BWANT 155), Stuttgart

Schreiner, Josef, 1985, Jeremia 1-25,14 (NEB.AT 3), Würzburg

Werner, Wolfgang, 1997, Das Buch Jeremia. Kapitel 1-25 (NSK.AT 19/1), Stuttgart

 

 

 

 

 

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