Gottes Geist im Menschen

Johannes Barman

Kurzbeschreibung:
Durch die stellvertretende Kraft des Sühnetods Jesu Christi wird der Mensch von dem Machtbereich der Sünde erlöst. Jesus Christus konnte nur auferweckt werden, weil der Geist Gottes in ihm wohnte. Dieser Geist Gottes wohnt seit der Auferweckung Jesu auch im Menschen, er entfaltet sich im Glauben an Gott. Der Mensch wird wieder in ein enges Gottesverhältnis gerückt. Die Distanz zwischen Gott und Mensch wird durch Jesus Christus und den Geist Gottes überwunden.
Zusätzliche Autoreninformation: Johannes Barman
Student
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Bibelstellenbezug:
Röm 8,1-11
Zusätzliche Skripturen:
Gen 2,7 (lebendiger Geist Gottes) Gen 6,3 (Geist Gottes) Röm 8, 15 (Geist der Knechtschaft) Apg. 9,1-9 (Damaskuserlebnis) 1. Kor 15, 9 (der geringste Apostel) Röm 8,17 (Verherrlichung des Menschen in Christus).
Weitere Schlagworte:
Geist Gottes; Fleisch; Christus; Teilhabe; Auferweckung; Christologie; Soteriologie; Rechtfertigung; Wandel; Sühnetod; Versöhnung; Sünde; Gesetz; Freiheit.
Letzte Aktualisierung:
23.09.2015

1 Erster Leseeindruck

Leid, Tod, Auferweckung und ewiges Leben sind aus anthropologischer Sicht seit jeher zentrale Themen des Menschen. In Römer 8,1-11 zeichnet Paulus das Bild einer Gerichtsszene auf, in der der Mensch von der Sünde freigesprochen und so vor dem Tod bewahrt wird. Die Urangst vor dem Tod wird durch den Geist Gottes überwunden. Dem Leser wird eine heilvolle Zukunft bekundet, denn wenn wir im Geiste Gottes und Christi wandeln, so müssen wir nicht sterben, sondern werden leben beim Vater in Ewigkeit. Es ist ein Siegeszug des Geistes des Lebens über den Geist des Todes.

 

2 Synchrone Zugangsweise

2.1 Kontextuelle Einbettung

Der Römerbrief ist nach Luther das „Hauptstück“ des Neuen Testaments. Luther fordert in seiner Vorrede zum Römerbrief ein Verständnis der Begriffe: Gesetz, Sünde, Gnade, Glaube, Gerechtigkeit, Fleisch und Geist (vgl. Luther 1545, S. 331). Die fundamentale Bedeutung dieser Begriffe schien bis zur ihrer Renaissance durch Luther verloren gegangen zu sein. Aufgrund der Wiederentdeckung und Wiederbelebung der Begriffe mit christologischem Inhalt wird der Römerbrief zum Stützpfeiler der Theologie Luthers.

Die Adressaten des Römerbriefes werden in der fachwissenschaftlichen Literatur kontrovers diskutiert. Schmithals gibt in seinem Buch „Der Römerbrief als historisches Problem“ einen fundierten Überblick über die einzelnen Positionen (Schmithals 1975, S. 24-60). In Kapitel 8,1-11 wird dem Leser die Befreiung des Menschen durch die Gerechtigkeit Gottes anhand einer Gerichtsszene vermittelt. Für den Menschen gibt es keine Verurteilung mehr, denn die Sünde und der Tod werden durch den stellvertretenden Sühnetod Jesu verurteilt (v3) und der Mensch wird in den Machtbereich des Geistes und des Lebens hineingeführt (vgl. Wilckens 1980, S. 118f). Durch den Sühnetod Jesu wird der Geist Gottes in der Welt wirkmächtig. Die Gefangenschaft des Fleisches wird durch den Geist des Lebens befreit. Der Geist Gottes überwindet mit der Auferweckung Jesu den leiblichen Tod (v11).

 

2.2 Gliederung der Bibelstelle (Röm 8, 1-11)

Bevor Paulus seine Rechtfertigungslehre entfaltet, stellt er die Gleichberechtigung von Heiden und Juden dar (Röm 1,18-32). Jeder ist vor dem Zorngericht Gottes gleich gestellt und die Juden nehmen in der Gunst Gottes auch keine besondere Vorrangstellung ein (Röm 3,1-8). Insgesamt kann das zu bearbeitende Kapitel in drei Themenbereiche gegliedert werden: „Freispruch des Menschen von der Sünde“ (Röm 8,1-4), „Leben im Geiste wider dem Fleische“ (Röm 8,5-7), „Mahnung an den Menschen“ (Röm 8,8) und  „Eschatologische Hoffnung auf die Erweckung des sterblichen Leibs (Röm 8,9-11). In Kapitel 9-11 führt Paulus weiter aus, warum nicht alle Juden an Jesus Christus glauben können. So heißt es in Kapitel 9,31f: „Israel dagegen, das dem Gesetz der Gerechtigkeit nachtrachtet, ist zu dem Gesetz der Gerechtigkeit nicht gelangt. Warum? Weil es nicht aus Glauben ihm nachtrachtete, sondern wie sie aus Werken käme“. Die Betonung liegt auf dem Wort „Glauben“, denn das Heil für Heiden und Juden kann nur durch den Glauben an Jesus Christus erlangt werden, „denn das Ende des Gesetzes ist Christus, zur Gerechtigkeit für jeden der glaubt“ (Röm 10,4). Durch Paulus verstehen wir, warum Jesus am Kreuz für uns gestorben ist. Er führt uns mit seiner Christologie zum Verständnis der Jesusgeschehnisse. Er löst die Distanz zwischen Gott und Mensch auf (vgl. Klumbies 1999, S. 13), und der Mensch wird zum Miterben Christi. Das Besondere an diesem Verständnis besteht im „Gedanken der Universalität des Heils, der Gleichheit von Juden und Heiden angesichts der Gottesgerechtigkeit und des Glaubens“ (ebd., S. 12f).  

 

Gliederung Röm 8,1-11: Gottes Geist im Menschen

1 Freispruch vom Gesetz der Sünde und des Todes (aus Gnade und Liebe Gottes)

2 Gottes Sohn als Sühneopfer

2.1 Verurteilung des Fleisches der Sünde wegen

2.2 Erlösung vom Machtbereich der Sünde

3 Bedeutung von Fleisch und Geist

3.1 Trachten des Fleisches bedeutet Tod (lähmende Kraft des Fleisches)

3.2 Trachten des Geistes bedeutet Leben und Frieden (befreiende Kraft des Geistes)

4 Geist Gottes in uns (Gottes Erben und Miterben Jesu durch Teilhabe)

5 Auferweckung des Leibes (eschatologische Hoffnung)

 

2.3 Befreiung durch den Sühnetod Jesu Christi

Der Mensch kann sich aus dem Machtbereich der Sünde und des Todes nicht selbst befreien. Die Erfüllung des Gesetzes wird durch die lähmende Kraft des Fleisches begrenzt und gehemmt. Die Erkenntnis Pauli liegt darin, dass der Mensch aus eigener Kraft nicht zur Erfüllung des Gesetzes und nicht zum Heil Gottes gelangen kann. Erst durch die Verurteilung der Sünde und des Todes durch den Sühnetod Jesu (Röm 8,3) konnte eine Verurteilung des Menschen verhindert werden. Der Sühnetod Jesu ist also eine zwingende Notwendigkeit um die Erlösung und Befreiung des Menschen zu erwirken. Diese Tat der unendlichen Liebe und Gnade Gottes zum Menschen führt den Menschen wieder zu seiner inneren Bestimmung. Die Gemeinschaft mit Gott wird wieder durch den Sühnetod Jesu hergestellt. Alle Menschen haben die Möglichkeit durch den Glauben an Jesus zum Vater zu gelangen. „Jesus sagt zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater ausser durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen“ (Joh 14,6f). „Gott verdammte so die Sünde im Fleisch, daß es dadurch für die, die in Christus Jesus sind, keinerlei Verdammnis mehr gibt“ (Wilckens 1980, S. 126). Der Mensch war und ist nicht in der Lage, durch Werke des Gesetzes Rechtfertigung vor Gott zu erlangen. Nur der Sühnetod Jesu durch die Liebe und Gnade Gottes konnte den Menschen aus der Knechtschaft der Sünde befreien. „Rechtfertigung und Versöhnung benennen somit das neue Verhältnis der Menschen zu Gott, das durch die Vernichtung der Sündenmacht im Sühnetod Jesu Christi ermöglicht wurde“ (Schnelle 2007, S. 232).

 

2.4 Teilhabe am Leben Jesu – Erben Gottes und Miterben Christi

Der Tod wird durch den Geist des Lebens überwunden. Jesus Christus konnte nur von den Toten auferweckt werden, weil der Geist Gottes in ihm wohnte. Diese Erkenntnis erhält ihren Ausdruck in Röm 8,11. Die Furcht vor dem ewigen Tod wird durch die leibliche Erweckung des Fleisches aufgelöst. Durch Jesus Christus erlebt die frühe Gemeinde, dass sie sich vor Gott nicht mehr fürchten muss, denn „der mit Gott ganz verbundene Mensch kennt keine Furcht. (…) Christus ist erschienen, um uns durch seine Gegenwart von der Furcht zu befreien“ (Beilner 1994, S. 195). Die anthropologische Sehnsucht nach einem Leben nach dem Tod erfährt durch die Auferstehung Jesu Christi eine erlösende Kraft. Der Mensch wird und ist unmittelbar in das Jesus-Christus-Geschehen miteinbezogen.

Durch die Gnade Gottes kann jeder Mensch vom Geist Gottes erfüllt werden. Der Protagonist Gott führt den Menschen durch Jesus Christus aus dem Machtbereich der Sünde in seinen Gnadenbereich. Nach 2.Kor 4,13 wird dies durch den Geist des Glaubens ermöglicht. Der Glaube als ein Werk des Geistes nimmt den Menschen aus der passiven und distanzierten Rolle heraus und macht ihn zum Miterben Christi (Röm 8,11 und v17; 2.Kor 4,13f). Gott schlägt durch Jesus Christus eine Brücke zwischen sich und dem Menschen. Diese Brücke verbindet den Menschen unmittelbar mit Gott. Durch den Heilswillen Gottes wird die Trennung/Distanz zu den Menschen aufgehoben. Gott selbst identifiziert sich durch Jesus Christus in physischer Gestalt und psychischer Weise mit dem Menschen. Wenn Jesus für den Menschen gelitten hat, so wird auch der Mensch mit Jesus leiden. Wenn Jesus für den Menschen gestorben ist, so wird auch der Mensch mit Jesus sterben. Wenn Jesus durch Gott auferweckt wurde, so wird auch der Mensch durch Gott auferweckt werden. Wenn Jesus durch Gott verherrlicht wurde, „damit wir auch mit ihm verherrlicht werden“ (Röm 8,17). Diese soteriologische Erkenntnis bildet einen Wendepunkt in der paulinischen Theologie. „Der erhöhte Christus gewährt den Glaubenden bereits in der Gegenwart Anteil an seiner Herrschaft. Sie sind miteinbezogen in einen universalen Transformationsprozess, der mit Jesu Christi Auferstehung begann, sich im Geistwirken fortsetzt und in Kürze in Parusie und Gericht einmündet“ (Schnelle 2007, S. 217). Gott nimmt Anteil am ganzen Leben des Menschen und umgekehrt besteht die Forderung an den Menschen, Anteil am Leben Jesu zunehmen. Der Sinn der Auferweckung Jesu von den Toten „ist die Partizipation der Glaubenden an diesem grundlegenden Geschehen“ (ebd., S. 200). Die Glaubenden werden vom „fleischlichen“ in einen „geistlichen“ Daseinszustand geführt (v4). „Durch das Wirken des Geistes Gottes werden die Glaubenden von den Mächten der Sünde und des Todes befreit (vgl. Röm 8,1-11). Die Christen haben einen Geist empfangen, dessen Ursprung bei Gott (…) und Christus liegt (Röm 8,9), so dass der Geist als Subjekt höherer Ordnung nun die bestimmende Kraft christlicher Existenz ist.“ (Schnelle 2007, S. 245, hervorh.i.Orig.) In v11 wird dem Glaubenden zugesichert, dass der Geist Gottes auch ihre sterblichen Leiber lebendig machen wird. Der Mensch wird in das Christusgeschehen mit einbezogen.

 

3 Zentrale Begriffe: Fleisch und Geist

Den Begriffen „Fleisch“ und „Geist“ liegt bei Paulus ein dualistisches Verständnis zu Grunde. Dieses Verständnis ist durch den hellenistischen Einfluss maßgeblich mitbeeinflusst worden (vgl. Frevel 2001, S. 156). Dabei ist der Begriff Fleisch nach paulinischem Verständnis negativ konnotiert und begrenzt. Die Heilskraft des Gesetzes ist durch die Begrenztheit des Fleisches gelähmt (v3). Dem gegenüber steht der Begriff „Geist“. Im Kontext des Römerbriefs ist der „Geist“, der Geist Gottes, der befreiende und erlösende Geist von der Sünde, von Tod und von der Begrenztheit des Fleisches.

 

3.1 Die lähmende Kraft des Fleisches

Der Begriff Fleisch (gr. sarx) kommt in den paulinischen Briefen 72 Mal vor und bildet ein Vorzugswort bei Paulus. Nach alttestamentlicher Vorstellung wird mit dem Begriff der menschliche Leib und die „sündhafte Anfälligkeit des Menschen“ (Frevel 2001, S. 155) beschrieben. Im weiteren Sinne wurde in genealogischer Bedeutung der Begriff für das Volk Israel gebraucht. Fleisch bezeichnet die weltliche und natürliche Existenz des Menschen. (vgl. Sand 2011, S. 549ff) Diese natürliche Existenz des Fleischs ist durch die Kraft der Sünde mitbestimmt. Paulus fordert eine Entsagung von der fleischlichen Existenz und eine Hinwendung zur geistlichen Existenz. Nach Sand ist der Mensch in eine sündige und gottfeindliche Existenz eingebunden. Der Mensch kann durch die Begrenztheit des Fleisches sich nicht aus eigener Kraft vom Machtbereich der Sünde befreien (vgl. ebd., S. 552). Die eschatologische Hoffnung der Auferweckung des sterblichen und fleischlichen Leibs ist durch die Auferstehung Jesu begründet. Die Macht der Sünde wird durch den Geist Gottes besiegt, auch wenn diese immer noch in der Welt ist. „Die Sendung des Sohnes „in Gestalt des Sündenfleisches“ geschah um der Sünde willen, um die Sünde  „im Fleisch“ zu verdammen, d.h. an dem „Ort“, wo sie ihre Macht aufgerichtet hatte: in der irdisch-leiblichen Sphäre, der alle Menschen ausnahmslos angehören (v8,3).“ (Sand 2011, S. 552, hervorh. i. Orig.) 

Der Begriff „Fleisch“ ist komplementär zu dem Begriff „Geist“. Dieser Dualismus kommt unter Anderem in v6 zum Ausdruck. „Denn das Trachten des Fleisches bedeutet Tod, das Trachten des Geistes aber Leben und Frieden“. Die leibliche und fleischliche Existenz des Menschen bildet eine „Feindschaft wider Gott, denn es unterwirft sich dem Gesetz Gottes nicht“ (v7).

 

3.2 Der Geist Gottes ist in der Gegenwart des Menschen wirkmächtig

Der Begriff „Geist“ (gr. Pneuma – Hauch, Atem, Wind, Geist)  bezeichnet aus theologischer Perspektive in erster Linie die Schöpfer- und Lebenskraft Gottes (Heiliger Geist auch Geist Gottes) (vgl. Rosenau 2001, S. 561). Diese Schöpfer- und Lebenskraft hat bereits den Menschen zu einem lebendigen Wesen gemacht (Gen 2,7): „Da bildete Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Ackerboden und hauchte ihm Lebensodem in die Nase; so ward der Mensch ein lebendiges Wesen“. Der Geist Gottes, der den Menschen lebendig machte, ist auch der Geist, der den Menschen durch Anteil am Christusgeschehen wieder in die Gottesgemeinschaft zurückgeführt hat (vgl. ebd.). „Als ehemals Gott Entfremdeter hat er nun Zugang zu Gott und darf in der Kraft des Geistes leben“ (Schnelle 2007, S. 232). Der Mensch lebt seit der Auferweckung Jesu wieder in einer „geistbestimmten Existenz“ (ebd., S. 244). Nachdem der Geist Gottes vom Menschen genommen wurde (Gen 6,3), ist dieser durch die Auferweckung Jesu wieder im Menschen wirkmächtig (Röm 8,11). Die fleischliche und weltliche Existenz wird aufgebrochen und der Mensch wird durch und mit Christus in die geistliche Existenz geführt (vgl. Sand 2011, S. 547). Der Heilige Geist unterbricht „als die eschatologische, in und aus der Auferweckung Christi wirksame (…) Kraft Gottes den Zusammenhang von Sünde, Gesetz und Tod und eröffnet bzw. realisiert neues Leben (...)“ (Reinmuth 2001, S. 156). Insgesamt ist die paulinische Denkweise durch die interne Verknüpfung „der Pneumatologie mit der Theologie, Christologie, Soteriologie, Anthropologie, Ethik und Eschatologie“ (Schnelle 2007,  S. 244) bestimmt. Darüberhinaus sind Gott, Christus und der Heilige Geist keine statischen Gebilde, sondern kohärent und durch eine enge dynamische Beziehung miteinander verbunden (vgl. ebd., S. 245).

 

4 Diachrone Beobachtungen: Leben, Tod und Auferweckung

Die Begriffe Leben und Tod sind zentrale anthropologische Themen der Menschheitsgeschichte. Die zermürbende Angst vor dem ewigen Tod erweckt die Sehnsucht nach einem Leben nach dem Tod.

Der Römerbrief ist in etwa um 56 n. Chr. in Korinth verfasst worden (vgl. Schnelle 2003, S. 20). Zu jener Zeit war Korinth eine blühende Handelsstadt. Menschen verschiedenster Nationen, Kulturen und Religionen gingen in Korinth ein und aus (vgl. Elliger 2007, S. 243). So ist es naheliegend, dass die kulturhistorischen Bedingungen der hellenistisch-römischen und jüdischen Traditionen, die paulinische Theologie maßgebend mitgeprägt haben. Nach Schnelle war Paulus sowohl „homo religiosus“ als auch ein bedeutender Denker. Theologie und Philosophie standen sich nicht einfach gegenüber, sondern waren eng miteinander verknüpft (vgl. Schnelle 2007, S. 182).

Für die religiöse und theologische Entwicklung über Leben und Tod sind unter anderem die Erfahrungen unter ägyptischer, babylonischer, persischer, hellenistischer und römischer Herrschaft von entscheidender Bedeutung (einen sehr guten Überblick über die historischen Ereignisse und den theologischen Strömungen ist bei Antonius H. J. Gunneweg (1982): Geschichte Israels bis BarKochba nachzulesen). Es ist davon auszugehen, dass Paulus als Pharisäer sehr wohl die historischen Ereignisse Israels und die jüdisch-theologischen Entwicklungen bekannt waren.   

In ägyptischer Gefangenschaft um 609 v. Chr. - 605 v.Chr. blieb der Götzendienst der Ägypter den Israeliten nicht verborgen. Unter König Kyros im Jahr 538 - 529 v. Chr. erhielten die Israeliten in der Perserherrschaft einen Sonderstatus und bekamen ihre kulturelle und religiöse Freiheit zurück (ebd., S. 135). Es ist davon auszugehen, dass die parsischen Vorstellungen der Perser, wie z.B. die Zweiäonenlehre und der Monotheismus des Parsismus einen Einfluss auf die religiöse Entwicklung der Israeliten genommen hat (vgl. Gunneweg 1982, S. 130ff). Der Prophet Ezechiel verheißt: Der Herr „werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres legen; ich werde das steinerne Herz aus eurem Leibe herausnehmen und euch ein fleischernes Herz geben“ (Hes 36,26). Auch in diesem Vers wird deutlich, dass Gott ein lebendiger Gott ist. 

Im Zuge der Siegeszüge Alexander des Großen von (336 – 323 v. Chr.) kam es nach Johann Gustav Droysen in der hellenistischen Zeit zu einer „Verschmelzung des Abend- und Morgenlandes“ (Droysen in: Bayer 1952, Bd. I, S. 404).

Für die Bibelstelle Röm 8,1-11 lassen sich nur wenige vorpaulinisch griechisch-hellenistische Texte eruieren. Im „Neuen Wettstein“ können für die bearbeitete Bibelstelle zwei Quellen belegt werden. Die Quellen sind jeweils von Philo verfasst worden. Zum einen handelt es sich um die Quelle Philo Deus Imm 142-143 und zum anderen um Philo Spec Leb IV 49 s. zu 2 Petr 1,20-21,1. Diese heben den starken Kontrast zwischen Fleisch und Geist wie in Röm 8,5-6 und Röm 8,9 hervor (vgl. Strecker u.a. 1996, S. 155). Zur Auferweckungsformel 8,11 konnten bis dato keine Quellen belegt werden. Die Auferweckung des Leibes war in der Anthropologie des Menschen schon immer von großer Bedeutung. Die ägyptischen und hellenistischen Vorstellungen der Auferstehung waren Paulus sicher bekannt.  

Nach alttestamentlicher Vorstellung ist Gott als Schöpfergott Herr über Leben und Tod. Nach Gen 2,7 ist es Gott, der den Menschen durch seinen Lebensodem zum Leben erweckt. In Ps 104,29f hat Gott auch die Kraft dem Menschen den Odem zu entziehen (vgl. Liess 2002, Sp. 135).

Einen entscheidenden Hinweis liefert „die haggadische Erweiterung der Erzählung von Joseph nach Genesis 37-50“ (Oegema 2005, S. 97). Der jüdische Bekehrungsroman „Joseph und Aseneth gehört zu den hellenistisch-jüdischen Schriften aus der Zeit vom 2. Jh. v.Chr. bis zum 1. Oder 2. Jh. n.Chr.“ (ebd., S. 102) und hebt deutlich den Unterschied zwischen dem Gott Israels und den Götzen Ägyptens hervor. Der Gott der Israeliten ist ein lebendiger Gott, der Konträr zu den toten ägyptischen Götzenbildern steht (vgl. Bussmann, in: Klumbies 1992, S. 72).

Nach der vorherrschenden Meinung der korinthischen Gemeinde war der fleischliche Leib von der endzeitlichen Erlösung ausgeschlossen (vgl. Schnelle 2007, S. 206). Paulus hingegen verkündet in seiner Theologie, dass der Leib sehr wohl in das Christusgeschehen einbezogen wird, denn: Gott ist ein lebendig machender Gott (Röm 4,17). Jener lebendige Gott ist ein und derselbe, der Adam den Lebensodem einhauchte (Gen 2,7) und Jesus durch seinen Geist von den Toten auferweckt hat.

Der Geist Gottes umschließt das gesamte Leben des Menschen. Die eschatologische Hoffnung des Menschen ist in Jesus Christus begründet, denn Jesus Christus ist der Weg. „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Gottes Geist im Menschen ist das Licht, das die Finsternis erleuchtet. Gottes Geist im Menschen führt vom Irrtum zur Wahrheit, und Gottes Geist siegt über den Tod und führt den Menschen im Glauben zum ewigen Leben (vgl. Klumbies 1992, S. 72f).

 

5 Forschungsthesen zum Römerbrief

Für Luther ist der Römerbrief die Säule der christlichen Theologie. Sein Ziel war es, dass das Evangelium von jedem verstanden wird. Er ging davon aus, dass der Kern des Römerbriefs durch „mancherley geschwetz ubel verfinstert“ (Luther 1545, S. 331) wurde. Er bezeichnet die Epistel des Paulus an die Römer als ein helles Licht, das die Kraft habe, fast die ganze Heilige Schrift zu erleuchten (vgl. ebd.).  

 

5.1 Der Forschungskontext – Eine prominente klassische These

Dietrich Bonhoeffer bestimmt den Glauben auch über die neue geistliche Existenz des Menschen. Er spricht von dem „Sein in Christus“ (vgl. Reuter 1988, S.152), er bleibt damit ganz in paulinischer Tradition: „Ihr jedoch seid nicht im Fleisch, sondern im Geiste“ (Röm 8,9a).  

 

5.2 Die gegenwärtig dominierende Auffassung

 „Die Grundthese der Rechtfertigungslehre basiert somit auf einer theozentrischen und christologischen Konzentration, einer Vertiefung der Hamartiologie und einer Universalisierung der Anthropologie: Gott selbst bestimmte Jesus Christus als den Ort seiner Gerechtigkeit für alle Menschen; nur im Glauben an Jesus Christus erlangen Juden und Heiden gleichermaßen Freiheit von den Mächten der Sünde und des Todes.“ (Schnelle 2003, S. 535)

 

5.3 Neue Entwicklungen – eine sich abzeichnende Tendenz

Kontrovers wird die Frage nach der Substanz des Heiligen Geistes diskutiert. „Insgesamt gilt, dass Paulus dem Geist an keiner Stelle eine bestimmte, nur ihm eigene Stofflichkeit zuschreibt. Man kann aus diesem Grunde allenfalls sagen, dass der Geist nach paulinischer Vorstellung aus einer „Substanz“ besteht, die sich menschlichen Substanzvorstellungen kategorial entzieht, weil es sie ausschließlich als Wirklichkeit Gottes gibt.“ (Wolter 2011, S. 101, Hervorh. i. Orig.) 


Literaturverzeichnis

Monographien:

Die Bibel (1996): Die Heilige Schrift des Alten und des Neuen Testaments. Verlag der Zürcher Bibel.

Droysen, Johann Gustav (1877 – 1878): Geschichte des Hellenismus. Band I. Geschichte Alexanders des Großen. In: E. Bayer (1952). Tübingen.

Elliger, Winfried (2007): Mit Paulus unterwegs in Griechenland. Philippi, Thessaloniki, Athen, Korinth. Stuttgart.

Gunneweg, Antonius H.J. (1982): Geschichte Israels bis Bar Kochba. Band 2. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz.

Klumbies, Paul-Gerhard (1992): Die Rede von Gott bei Paulus in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext. Vandenhoeck und Ruprecht in Göttingen.

Luther, Martin (1545): Vorrede auff die Epistel S. Paul: an die Römer. In: Biblia Germanica 1545. Biblia: Das ist: Die gantze Heilige Schrifft/ Deudsch/ Auffs new zugericht. D. Mart. Luth. Begnadet mit Kurfürstlicher zu Sachsen Freiheit. Gedruckt zu Wittemberg/ Durch Hans Lufft.

Oegema, Gerbern S. (2005): Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit. Unterweisung in erzählender Form. Band VI. Lieferung 1,2. In: Lichtenberger, Herrmann/ Oegema, Gerbern S. (Hrsg.). Einführung zu den Jüdischen Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit.

Reuter, Hans-Richard (1988): Dietrich Bonhoeffer. Akt und Sein. Transzendentalphilosophie und Ontologie in der systematischen Theologie. In: Bethge, Eberhard u.a. (Hrsg.) (1988): Dietrich Bonhoeffer Werke. Zweiter Band. München. 

Schnelle, Udo (2007): Theologie des Neuen Testaments. Göttingen.

Schnelle, Udo (2003): Paulus. Leben und Denken. Berlin und New York.

Strecker, Georg/ Schnelle, Udo/ Seelig, Gerald (Hrsg.) (1996): Neuer Wettstein. Texte zum Neuen Testament aus Griechentum und Hellenismus. Band II. Texte zur Briefliteratur und zur Johannesapokalypse. Teilband 1. Berlin, New York.

 

Sammelbandeinträge:

Beilner, W. (1994): Furcht. In: Marböck, J./Woschnitz, K.M./ Bauer, J.B. (Hrsg.): Bibel. Theologisches Wörterbuch. Graz, Wien, Köln.

Klumbies, Paul-Gerhard (1999): Studien zur paulinischen Theologie. In: Allwinn, Sabine/ Klumbies, Paul-Gerhard u.a. (Hrsg.): Schriftenreihe der Evangelischen Fachhochschule Freiburg. Münster.

Liess, Kathrin (2002): Leben. In: Betz, Hans Dieter: Religion in Geschichte und Gegenwart: Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Bd. 5. L-M. Tübigen.

Schmithals, Walter (1975): Der Römerbrief als historisches Problem. In: Klein, Günther u.a.: Studien zum Neuen Testament. Band 9. Gütersloh.

Wilckens, Ulrich (1980): Der Brief an die Römer. In: Blank, Josef u.a.: Evangelisch-katholischer Kommentar zum neuen Testament. 2. Teilband. Röm 6-11. Zürich, Einsiedeln, Köln. 

Wolter, Michael (2011): Der heilige Geist bei Paulus. In: Ebner, Martin u.a. (Hrsg.): Jahrbuch für Biblische Theologie (JBTh). Band 24 (2009) Heiliger Geist.

 

Lexikonartikel:

Frevel, Christian (2001): Fleisch und Geist. I. Altes Testament. In: Betz, Hans Dieter u.a. (Hrsg): Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Band 3 F-H. S. 155f. Tübingen.

Sand, A. (2011): Art. Fleisch. Teil III. In: Balz, Horst/ Schneider, Gerhard (Hrsg.): Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament. S. 547-557. Stuttgart.

Reinmuth, Eckart (2001): Fleisch und Geist. II. Neues Testament. In: Betz, Hans Dieter u.a. (Hrsg): Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Band 3 F-H. S. 156f. Tübingen.

 

 

Informationsteil:

Worterklärungen:

Hamartiologie: Die Lehre von der Sünde. (Schnelle 2003, S. 535)

Parusie: Die erwartete Wiederkunft Jesu Christi und Vollendung der Heilsgeschichte. (Schnelle 2007, S. 217)

Soteriologie: Die Lehre vom Heil oder die Lehre von der Erlösung. (Schnelle 2007,  S. 244)

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