Der verschwundene Geliebte

Bettina Schattel

Kurzbeschreibung:
„Wohin ist dein Geliebter gegangen, du schönste der Frauen? Wohin wandte sich dein Geliebter? Wir wollen ihn suchen mit dir.“ Die Geliebte scheint ihren Geliebten verloren zu haben und ihre Gefährtinnen bieten ihr an, ihn gemeinsam suchen zu gehen. Dieser Artikel wirft die Fragen auf warum der Geliebte gegangen ist und ob er wahrhaftig fort ist, wer die Gefährtinnen sind und ob die Geliebte nicht doch weiß wo ihr Geliebter zu finden ist.
Zusätzliche Autoreninformation: Bettina Schattel
Studentin, Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Hauptschule Realschule Gymnasium Förderschule
Bibelstellenbezug:
Hld 6,1-3
Weitere Schlagworte:
Altes Testament; Beziehungen; Frau; Mann; Schönheit; Partnerschaft; Liebe; Treue; Sexualität

1. Erster Leseeindruck

Als RezipientIn gerät man bei erster Betrachtung der Textstelle Hld 6,1-3 in Verwirrung. Die Gefährtinnen der Geliebten gehen davon aus, dass ihr Geliebter sie verlassen hat, doch die Geliebte weiß, dass ihr Freund in den Garten gegangen ist, zu den Balsambeeten. In diesem Garten will er weiden und Lilien/Lotus pflücken. Es scheint, die Geliebte spielt mit ihrem Wissen und will es zunächst nicht preisgeben. Die Geliebte bekräftigt ihr Wissen mit: „Meinem Geliebten gehöre ich, und mir gehört der Geliebte, der in den Lilien weidet.“  Der Garten als Ort der Sinnlichkeit und Liebe spielt hier eine übergeordnete Rolle. Auch die Lilien/Lotusblumen werden zweifach erwähnt und erlangen so große Wichtigkeit, doch was genau verbirgt sich hinter dieser Blume?  

 

2. Synchrone Zugangsweise: Die Trennung überwinden

2.1  Abgrenzung und Kontext

Der Abschnitt Hld 6,1-3 fügt sich in eine komplexe und gleichzeitig die längste Texteinheit des Hoheliedes ein, welche sich von Hld 5,2-6,3 erstreckt. Diese Texteinheit kann in drei Abschnitte eingeteilt werden. Hld 5,2-8 stellt ein Traumlied dar, welches zunächst vom Abweisen und schließlich vom Verlieren des Geliebten handelt. Die Frau fleht ihre Gefährtinnen, die Töchter Jerusalems, an, ihren Geliebten zu finden. Nach diesem Abschnitt folgt ein Sprecherwechsel. Die Töchter Jerusalems fragen die Geliebte, was an ihrem Freund besonders sei und daraufhin beginnt die Geliebte  mit ihrem Beschreibungslied in Hld 5,9-16, in dem sie den Töchtern Jerusalems ihren Geliebten metaphorisch beschreibt; angefangen von seinem Haupt über die Schenkel bis zurück zum Mund: „Alles ist Wonne an ihm“. (Hld 5,16b)

Abgerundet wird diese Texteinheit von dem so genannten Zank-Dialog (Hld 6,1-3). Hier findet wieder ein Sprecherwechsel statt. Wollten die Töchter Jerusalems in Hld 5,9 wissen was der Geliebte anderen voraus hat, so fragen sie die Geliebte nun (Hld 6,1) wo er geblieben ist. (vgl. Zakovitch, 2004, 41)

Mit einem Sprecherwechsel setzt in Hld 6,4 ein gänzlich neuer Abschnitt ein. Das Bewunderungslied hebt sich inhaltlich und stilistisch durch die schwärmerischen Vergleiche deutlich von Hld 6,1-3 ab.


2.2  Gliederung Hld 6, 1-3

Auch innerhalb des Zank-Dialogs lässt sich eine Gliederung aufgrund der Sprecherinnenwechsel vornehmen. Zunächst ergreifen die Töchter Jerusalems das Wort und fragen die Geliebte wohin ihr Geliebter gegangen ist, verbunden mit dem gleichzeitigen Angebot ihn gemeinsam suchen zu gehen. Dies geschieht in Hld 6,1. Dieser Sinnabschnitt ist von 6,2 trennbar, da, nach Gerlemann, der Autor versucht die verschiedenen Gedichte (5,9-16 und 6,2-3) durch 6,1 miteinander zu verknüpfen. (vgl. Gerlemann, 1981 ,179)

Im Anschluss daran antwortet die Geliebte in Hld 6,2, dass ihr Freund in den Garten gegangen sei zu den Balsambeeten. Spricht sie in Hld 6,2 vom Standort des Geliebten, so gibt sie in Hld 6,3 die Gefühle preis, die sie zueinander hegen mit gleichzeitiger Angabe eines Besitzverhältnisses. Außerdem scheint der Geliebten sehr wichtig zu sein, die Lilien in Hld 6,3 erneut zu erwähnen um so erneut den Aufenthaltsort des Geliebten zu erwähnen.    

 

2.3  Exegetische Untersuchung

Im Hohelied finden sich sowohl Monologe als auch Dialoge. Dieser Abschnitt stellt einen Dialog zwischen den Töchtern Jerusalems und der Geliebten dar. Die Töchter Jerusalems stellen der Protagonistin in 6,1 eine Frage, welche die Geliebte in 6,2-3 beantwortet und damit den Dialog beendet. Weitere Dialoge findet man in 1,7-8; 1,9-14.15-17; 7,8-10; 8,13-14; hier finden Dialoge zwischen den Liebenden statt.

Die Liebe der beiden Protagonisten und deren Darstellung ist das zentrale Objekt des Hoheliedes. Den Hintergrund der Darstellung der Liebenden bietet vor allem die Natur. Diese bietet dem Autor viele Metaphern für die Beschreibung der Liebenden und der Liebe selbst. Die Natur dient dabei sowohl als Schauplatz als auch als Metapher der sexuellen Vereinigung des Paares.

 

„Wohin ist dein Geliebter gegangen“ (6,1a)

Auf diese Frage kann die Geliebte eigentlich keine Antwort geben, denn sie hat ihrem Freund nicht die Tür geöffnet als er klopfte und sah nicht wo er hingegangen ist. Die Töchter Jerusalems scheinen fasziniert von ihrem Geliebten, denn sie fragen nach und wollen ihr Wissen über den Geliebten erweitern. Doch die Geliebte kann ihnen die Richtung nicht sagen (vgl. Zakovitch, 2004, 228).

Inhaltlich erinnert diese Frage an den ugaritischen Mythos, in dem die Göttin Anat im Auftrag des Göttervaters El Baal suchen lässt, der während seiner Abwesenheit in einer Dürreperiode wieder lebt. Die Sonnengöttin Schapasch verspricht Anat ihn, zu suchen. Von dieser liebenden Suche ist im Abschnitt des Hld hingegen (nach Keel) keine Spur zu finden (vgl. Keel, 1986, 195).

 
„du schönste der Frauen“ (6,1a)

Die Sprecherinnen nennen die Geliebte zweimal „Schönste der Frauen“. Sie scheinen von ihrer Schönheit angetan und tun dies ganz ohne Eifersucht kund. Im Gegenzug werden die Fragestellerinnen von der Geliebten zweimal „Töchter Jerusalems“ genannt.

Die Töchter Jerusalems sind die markantesten Nebenfiguren im Hohelied. Sie gelten traditionell als von König Salomo abgestellt, um die Geliebte zu bewachen. Sie spielen „die Rolle von Liebeshelferinnen“ (Bühlmann, 1997 ,67). Außerdem wird davon ausgegangen, dass die Töchter Israels Mädchen von hoher Geburt und Status sind, in deren Leben es sich schickt, Luxus und Liebesaffären zu haben. Es scheint erstaunlich, dass Frauen die Freiheit haben, nach ihren Geliebten Ausschau zu halten und sie dabei Unterstützung von Freundinnen bekommen. Dies zeigt eine weibliche Überlegenheit im Hohelied an (vgl. Brenner, 2007 ,239). Die Rede der Geliebten wird oft an die Töchter gerichtet, denn sie sind es, die ihr Gesellschaft leisten und denen die Geliebte von ihrem Geliebten erzählt. Immer wieder beschwört die Protagonistin die Töchter Jerusalems darauf, sie nicht zu wecken und beim Liebesakt nicht zu stören, wie in 2,7; 3,5; 8,4. Nur in diesem Lied (5,2-6,3) führen die Töchter Jerusalems einen Dialog mit der Geliebten und fungieren als eine Art Chor. Es ist ein Antagonismus erkennbar, durch welchen die Töchter zum Ausdruck bringen, dass sie an der wahren Existenz des Geliebten zweifeln. Möglicherweise hegen sie – in Anlehnung an den vorausgegangenen Dialog (5,9-16) – „den Verdacht, dass ein so vollkommenes Wesen vielleicht nur in der Phantasie der Sprecherin existiert“ (Zakovitch, 2004, 228).
Unklar bleibt, ob die Frauen eine gute Absicht haben der Geliebten zu helfen (vgl. Zakovitch, 2004, 228).



„Wohin wandte sich dein Geliebter“ (6,1b)

Diese Frage der Töchter Jerusalems lehnt sich an die erste an, sie ist allerdings eine Variation ihrer, denn es wird ein anderes Verb der Bewegung verwendet. (vgl. Zakovitch, 2004, 228)



„Wir wollen ihn suchen mit dir“ (6,1b)

Die Töchter Jerusalems bieten der Frau an, ihren Geliebten gemeinsam suchen zu gehen. Sie versprechen sich davon, mehr Erfolg zu haben, denn die Geliebte hat ihn bereits in 5,6 gesucht, jedoch erfolglos („Ich suchte ihn und fand ihn nicht“ 5,6d). Die Motivation der Gefährtinnen liegt vermutlich nicht nur in ihrer Hilfsbereitschaft, sondern in der Befriedigung ihrer Neugier, den Geliebten endlich betrachten zu können. Die Geliebte scheint in Bedrängnis geraten und verrät nun, nach erneutem Fragen der Töchter Jerusalems und dem damit verbundenen Suchangebot, den Aufenthaltsort ihres Geliebten. (vgl. Zakovitch, 2004, 228)

 

„In seinen Garten ging mein Geliebter“ (6,2a)

Geht der Geliebte in den Garten, so kann es sich neben dem Garten als Ort auch symbolisch um die Frau selbst handeln. Dabei wird die Präposition „in“ benutzt. Dies wirft die Frage auf, ob der Mann lediglich zu seiner Geliebten geht, oder ob damit schon ein Geschlechtsakt evoziert werden soll. Die Elberfelder Übersetzung benutzt die Worte „in den Garten hinabgestiegen“; die Kulturlandschaft um die Häuser und Siedlungen scheint also tiefer gelegen zu haben (vgl. Zakovitch, 2004, 228).

Mit diesem Wissen der Geliebten, dass sie den Töchtern Jerusalems preisgibt, scheint sie ihren Mann für sich allein beanspruchen zu wollen. Sie will nicht, dass ihr von anderen Frauen geholfen wird, ihren Freund zu suchen. Sie enthüllt nun, was sie zunächst verborgen hatte, um die Hilfe abwehren zu können. Der Geliebte hat sich nur im vorherliegenden Traum von ihr entfernt, nicht in Realität. Er ist in den Garten herabgestiegen, zu seiner Geliebten, die im vorherigen Lied mit dem Garten verglichen wurde, um mit ihr die Freuden der Liebe zu genießen. (vgl. Zakovitch, 2004, 228)

Anlehnend an den o.g. ugaritischen Mythos ist die Verwendung des Verbs „hinabsteigen“ kein Grund, dies als ein Absteigen in das Reich des Todes zu verstehen. Die metaphorische Bedeutung die hier mitschwingt kann als reumütiges und demütiges Kommen betrachtet werden. (vgl. Keel, 1986, 196)

 

„zu den Balsambeeten“ (6,2a)

Der Garten wird als üppiger, lebendiger Ort beschrieben, in dem wohlduftende Kräuter und kostbare Blumen wachsen. Damit wird auch der Körper der Geliebten als wohlduftend bezeichnet. Der Ort der Begegnung mit der Geliebten sowie ihr Körper werden so als begehrenswert umschrieben (vgl. Zakovitch, 2004, 228).

In 5,13a werden die Balsambeete als Wangen des Geliebten bezeichnet, sodass diese Metaphorik auch auf 6,2a anwendbar ist und die Geliebte ihre eigenen Wangen als Balsambeete bezeichnet (vgl. Keel, 1986, 196). „Einmal mehr dient die gleiche Metapher zur Beschreibung bald männlicher, bald weiblicher Reize“ (Keel, 2004, 196).

 

„in den Gärten zu weiden“ (6,2b)

Erneut wird das Verb „weiden“ intransitiv verwendet, wie schon in 2,16 und später in 6,3. Das Verb wird somit für den Genuss der Liebesfreuden gebraucht (vgl. Zakovitch, 2004, 229).

Hier wird an die Gartenmetaphorik in 4,12-5,1 erinnert, welche die Geliebte in ihrer ganzen Schönheit beschreibt und ihr Attribute von Früchten und Pflanzen und zuschreibt. Der Geliebte wird in eine Gazelle oder einen Hirschen verwandelt, sodass er in den Gärten weiden kann. Diese Metaphorik wird auch in 2,9.17 und 8,14 angewandt (vgl. Keel, 1986, 196).

 

„und Lilien zu sammeln“ (6,2b)

Betrachtet man den Aspekt der Natur, so ist es auf wörtlicher Ebene wahrscheinlich, dass der Geliebte seiner Freundin Blumen pflückt und diese ihr als Zeichen seiner Liebe und Verehrung schenkt (6,2). Metaphorisch gesehen lässt sich die Passage dahin deuten, dass er zusammen mit seiner Geliebten, die einer Lilie (bzw. Lotusblume) gleicht, Liebesfreuden sammelt. Bereits in 2,1-2 wird die Geliebte als schoschanah bezeichnet, als eine wohlduftende Lotusblume (vgl. Zakovitch, 2004, 229).

Die Gazelle, die unter Lotusblumen weidet, bzw. Lilien sammelt wird auch in 4,5 erwähnt und wird auf die Brüste der Geliebten angewandt. Das Symbol einer geheimnisvollen Lebendigkeit, Lebenswillen und Lebenslust deutet an, warum die Geliebte sicher sein kann, dass der Geliebte immer wieder zum Garten hinabsteigt und Lotusblumen pflückt. Das Pflücken der Lotusblume oder Sammeln der Lilien drückt intensivsten Genuss und höchste Freude aus (vgl. 5,1; vgl. Keel, 1986, 196).

Der Geliebte wird in 6,2 sowohl als Hirte als auch als Gärtner dargestellt, diese Verknüpfung der beiden Motive verstärkt den erotischen Hintersinn. Das Mädchen und seine Reize werden als Garten dargestellt, in dem der Geliebte seine Herde weiden lässt. (vgl. Gerlemann, 1981,180)

 
„Meinem Geliebten gehöre ich und mir gehört der Geliebte“ (6,3a)

Das Hohelied lässt keinen Zweifel daran, dass die Liebenden füreinander bestimmt sind. Dies wird u.a. zum Ausdruck gebracht durch die gegenseitige Anrede als Geliebte bzw. Geliebter und die „Zusammengehörigkeitsformel“ (Keel, 1986, 197) in 6,3: „Meinem Geliebten gehöre ich und mir gehört der Geliebte.“ Diese Stelle erinnert an 2,16 und 7,11, welche fast wortgleich sind. Die Reihenfolge in 2,16 lautet „er-ich“ und nicht „ich-er“. Diese Repetition lässt die Wichtigkeit dieser Feststellung anklingen. Die Geliebten sind sich sicher, dass sie füreinander geschaffen sind. Auch in 2,16 wird dies in ähnlicher Weise von der Geliebten gesagt, es unterscheidet sich jedoch chiastisch. Die Geliebte will ihren Gefährtinnen die Hoffnung nehmen, dass sich jemand zwischen sie und ihren Geliebten drängen kann. Sie brauchen nichts anderes als ihre Zweisamkeit (vgl. Zakovitch, 2004, 229).

 

„der in den Lilien weidet“ (6,3b)

Die Gewissheit, dass jeder dem anderen gehört, drückt sich hier in der Zusammengehörigkeitsformel aus. Der Grund dafür ist das Abweiden der Lotusblumen bzw. Lilien. Der Geliebte findet bei seiner Geliebten immer wieder neuen Lebenshauch und so können sie sich ihrer beiderseitigen Zugehörigkeit immer wieder sicher sein (Keel, 1986, 197).

Hier unterstreicht die Geliebte ihre vorangegangenen Worte, der Geliebte gehört zu ihr, denn er weidet in den Lilien, welches eine Intimität impliziert. Zwischen 6,2 und 6,3 kann der Rezipient eine Parallelität beobachten:

6,2:           in den Gärten weiden             und Lilien sammeln

6,3:           der weidet                              unter den Lilien

Die Geliebte wiederholt in 6,3 noch einmal die Tatsache, dass sie und ihr Geliebter sexuell verbunden sind für den Fall, dass die Gesprächspartnerinnen dies noch nicht verstanden haben. In 6,3 löst sie außerdem das Rätsel, das sich den Töchtern Jerusalems gestellt hatte: Sie wissen nun, wohin der Geliebte sich gewandt hat. Auffällig ist, dass das Rätsel der Lösung mit demselben Wort beginnt, welches sich auch am Anfang der komplexen literarischen Einheit befindet (5,2) – „ich“. Es scheint, als wolle die Geliebte sich einen Spaß daraus machen, dass sich die Gefährtinnen um sie und ihren Geliebten sorgen. Die Protagonistin scheint die Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu wollen und zeigt, dass sie dieses Gespräch dominiert.

Es könnte jedoch auch sein, dass der Geliebte nur in ihren Träumen Realität ist und ihr Wunschtraum es ist, diesen Geliebten zu besitzen und sie den Gefährtinnen dies erzählt (Zakovitch, 2004,229).

„So künstlich die literarische Komposition 5,2-6,3 ist, von der 6,1-3 den dritten und letzten Abschnitt bildet, so wirklich und häufig ist die darin beschriebene Erfahrung.“ (Keel, 1986, 195).

 

3. Diachrone Beobachtungen: Ägyptische Motive

„Das Hohe Lied gibt sich durch seine Überschrift als ein von Salomo verfaßtes […] Lied aus. Der salomonische Ursprung wird aber seit langem und mit Recht bezweifelt.“ (Ringgren et al, 1981, 253). Dennoch ist bis heute die Zeitdatierung ebenso unsicher wie der Sitz im Leben.

Das heute vorherrschende Verständnis, welches das Hld als eine Sammlung von weltlichen Liebesliedern begreift, weist die allegorische, dramatische und kultmythologische Bedeutung stark zurück. Auch die Frage nach einer übergreifenden Struktur im Hld ist durch die heutige Auffassung veraltet (vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2004, 390). In der jüdischen Tradition wird das Hohelied als Festrolle zum Passahfest verwendet. Dieser Gebrauch geht in das 6. Jh. zurück und geht auf die Erwähnung des Frühlings und die allegorische Auslegung zurück (vgl. Ringgren et al, 1981,253 f.).

Die untersuchte Perikope 6,1-3 bildet eine künstlich zusammengestellte Einheit. So dient 6,1 zur Verbindung der vorhergehenden Verse mit den Folgenden (6,2ff). „Unklar ist, ob die VV. 2-3 eine ursprüngliche Einheit sind oder zwei eigenständige Stücke bilden“ (Bühlmann, 1997, 67). Denkbar ist auch, dass es sich um redaktionelle Neubildungen handelt, die vor allem aus 4,12-5,1 entnommen worden sind (vgl. Bühlmann, 1997, 67).

Wie bereits erwähnt, stellt sich diese Komposition 6,1-3 als stark gekünstelt dar. Auch Goethe beschäftigte sich mit dem Hohelied und lässt die liebliche Verwirrung in seiner letzten großen Gedichtsammlung „West-östlichen Divan“ als charakteristisches Merkmal erscheinen. Er gesteht dem Hohelied Anmut und Eigentümlichkeit zu und gibt an, dass diese Perikope nicht ganz ohne Absicht und Kunstverstand entstanden sein muss (vgl. Keel, 1986 ,195f.).

Die in der Perikope zu findenden Ausdrücke wie „Lotusblume“ oder „Gazellen, die unter Lotusblumen weiden“ sind aus der ägyptischen Kultur bekannt. Altägyptische Liebeslieder sind geprägt von der Sehnsucht der Liebenden zueinander. Allerdings sind im Hohelied auch Motive der altorientalischen Tradition zu finden. Thematisch findet sich diese Perikope allerdings stärker auf der ägyptischen Seite wieder (vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2004, 394). Eine detailliertere Angabe zur Entstehung der Perikope kann jedoch kaum getroffen werden.

 

4. Stimmen aus der Forschung

4.1 Sie sucht ihn wirklich

6,1-3 stellt ein Gespräch über den verschwundenen Geliebten dar, welches von den Töchtern Jerusalems eingeleitet wird. Es scheint nicht klar, ob die rätselhafte Antwort der Geliebten zur Ortsangabe des Geliebten symbolisch verstanden werden soll, denn eine solche Deutung verschiebt den Zusammenhang, da die Geliebte ihren Freund doch zu suchen scheint. Es ist ebenso möglich, dass der Garten buchstäblich aufzufassen ist, dann würden die Balsambeete und Lilien keine erotische Bedeutung haben, sondern lediglich der Anschaulichkeit des Textes dienen. (vgl. Ringgren et al,1981, 279)

Ringgern, Zimmerli und Kaiser betonen in ihrer Interpretation, dass die Verwendung der symbolischen Sprache und deren Übernahme vom Rezipienten den Zusammenhang der Handlung verschiebt und so das Hld im Gesamten nicht verstanden werden kann.

 

4.2 Alles nur ein Mißverständnis: Wir gehören zusammen

Othmar Keel sieht die Perikope als „stark konstruierte und etwas gekünstelte Fortsetzung von 5,2-8 bzw. 5,9-16“ (Keel, 1986, 195). Die Antwort der Geliebten auf die Frage, wo sich ihr Geliebter befindet lässt erahnen, dass das Nichtauffinden des Geliebten in 5,6 als Missverständnis aufzufassen ist. Dies erscheint nur als kurze Trübung ihres Glückes und die Liebenden bekräftigen ihre Liebe in der Zusammengehörigkeitsformel in 6,3. Keel geht trotz der angenommenen Künstlichkeit der Perikope davon aus, dass diese nicht ganz ohne Absicht und Kunstverstand entstanden ist, denn gerade diese „liebliche Verwirrung“ ist es, die das Hld einzigartig macht (Vgl. Keel, 1986, 195f.).

 

4.3 Der Geliebte ist nur eine Träumerei

Yair Zakovitch berücksichtigt die Tatsache, dass der Geliebte nur eine Träumerei der Geliebten ist und deutet so die Hilfsbereitschaft der Töchter Jerusalems als Neugier, ob der Geliebte tatsächlich existiert. Den Aufenthaltsort des Geliebten, also den Garten deutet Zakovitch als Vermischung zwischen der Person der Sprecherin, dem Geliebten und ihrem Begegnungsort (vgl. Zakovitch, 2004, 228f.).

 

5.      Zusammenfassung

Die Perikope beginnt mit dem augenscheinlichen Verlust des Geliebten und die RezipientInnen finden in den Töchtern Jerusalems Verbündete, die versuchen wollen, den Geliebten wiederzufinden. Die Antwort der Geliebten lässt erkennen, dass sie ihren Gefährtinnen zunächst nicht vertraut oder ihren Freund und ihre Liebe schützen will. Dennoch überrascht die Geliebte sowohl die Töchter Jerusalems als auch die LeserInnen damit, dass sie nun plötzlich den Aufenthaltsort ihres Geliebten preisgibt.

Einen gelungen Abschluss findet die Perikope in 6,3: „Meinem Geliebten gehöre ich, und mir gehört der Geliebte, der in den Lilien weidet.“ Dieser Vers enthält sowohl den Anspruch des Zusammengehörens, als auch die Liebe und das Vertrauen zueinander. Der LeserInnen können sich also auf einen für die Liebenden positiven Ausgang der Perikope freuen.

 

Literatur

Brenner, Athalya, 32007, Das Hohelied; in: Schottroff/Wacker, Kompendium Feministische Bibelauslegung, Güthersloh, 233-245

Bühlmann, Walter, 1997, Das Hohelied (NSK AT 15), Stuttgart

Gerlemann, Gillis, 21981, Ruth. Das Hohelied (BKAT), Neukirchen-Vluyn

Haag, Ernst, 31996, Hoheslied; in: LThK; 5. Band, Freiburg, 224f.

Keel, Othmar, 1986, Das Hohelied (ZBK AT), Zürich

Ringgren, H.; Zimmerlei, W.; Kaiser, O., 31981, Sprüche / Prediger. Das Hohelied / Klagelieder. Das Buch Esther, Göttingen

Schwienhorst-Schönberger, Ludger, 52004, Das Hohelied; in: Zenger, Erich (Hg.), Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart, 389-395

Zakovitch, Yair, 2004, Das Hohelied (HThKAT), Freiburg

 

 

zurück zur Übersicht