Vom verlorenen Sohn - wie freudig Gott zurückkehrende Sünder annimmt

Laura Madeleine Völker

Kurzbeschreibung:
Dieser Beitrag untersucht das Gleichnis vom verlorenen Sohn genauer: seine Herkunft und die Verfasserfrage, die handelnden Figuren und ihre Interaktionen, die zugrundeliegende Rechtslage sowie die Argumentationsstruktur und Aussageintention. Im Zentrum steht das Verhalten des Vaters mit dessen Bedeutung.
Zusätzliche Autoreninformation: Laura Madeleine Völker
Studentin
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Grundschule
Bibelstellenbezug:
Lk 15,11-32
Zusätzliche Skripturen:
Mt 5,22 Jak 1,20 Jona 4,1.4.9 Lk 15,3-7 Lk 15, 8-10 Lk 18,9-14 Ps 37.1.7.
Weitere Schlagworte:
Ablehnung; Abschied; Arbeit; arm; Barmherzigkeit: Vater; Bekehrung; Benachteiligung; Besitz; Brü-der; Einsicht; Erbarmen; Erbteil; Familie; Fehlverhalten; Feier; Festmahl; Gerechter; Gerechtigkeit; Gleichnis; Gnade; Hunger; Jesus schließt keinen aus.
Letzte Aktualisierung:
09.07.2015

1. Erster Leseeindruck

Das Gleichnis birgt interessante Charaktere und Interaktionen. Die Entscheidung des Sohnes, zurückzukehren und um Vergebung zu bitten, war sehr mutig, wahrscheinlich aber auch die einzige Möglichkeit, dem Elend zu entkommen. Die Freude des Vaters über das Wiedersehen mit seinem Sohn ist absolut verständlich, genauso wie der Zorn des älteren Sohnes über das scheinbar ungerechte Verhalten des Vaters. Sie hätten auf dem Feld nach ihm rufen lassen können, damit er von Anfang an am Fest teilnehmen kann.

 

2. Synchrone Zugangsweise: Die himmlische Freude über wiederkehrende Sünder

2.1. Untersuchung des Textaufbaus

In dem Text kann man die gleiche Gliederung erkennen, die auch die beiden vorausgehenden Gleichnisse aufweisen. Im ersten Teil wird die Ausgangssituation beschrieben (V. 11b). Im darauffolgenden zweiten Teil wird die Problemlage dargestellt, die zu einer Trennung der Akteure führt, sowie der Fortgang des Problems (V. 12-16). Es folgt als dritter Teil die Lösung der Problemlage (V. 17-20a). Als vierten Teil kann man die Reaktion des Vaters auf das Wiedersehen der Akteure ansehen (V. 20b-24b). Das Gleichnis wird mit dem fünften Teil – dem Konflikt zwischen Vater und älterem Sohn (V. 25-32) - fortgesetzt (vgl. Wolter, 2008, 528+29). Der zweite Teil des Textes lässt sich noch einmal untergliedern: In die Verschwendungssucht des Sohnes (V. 12-13) und das Elend desselben (V. 14-16) (vgl. Bovon. 2001, 57). Andere Exegeten gliedern den Text folgendermaßen: Nach der Exposition (VV. 11-12), folgt die Geschichte des jüngeren Bruders (VV. 13-24) und dann die Geschichte des älteren Bruders (VV. 25-32) (jeweils teilweise mit weiteren Untergliederungen) (vgl. Pesch, 1976, 151).

Folgendes ist zur Einordnung in den größeren Kontext zu sagen: Die Erklärung des Vaters gegenüber dem älteren Sohn enthält die Verben „tot sein“, „leben“, „verloren sein“ und „gefunden werden“. Hiermit wird eine Verbindung zu den anderen beiden Gleichnissen (Lk 15,3-7 und Lk 15,8-10) hergestellt, sodass das Kapitel 15 zu einer thematischen Einheit wird (vgl. Wolter, 2008, 53). Das Gleichnis vom verlorenen Sohn nimmt somit direkten Bezug zur Einleitung des ersten Gleichnisses (vom verlorenen Schaf). Hier steht Jesus in Konflikt mit den Schriftgelehrten und Pharisäern wegen seiner Haltung zu Zöllnern und Sündern (vgl. Grundmann, 1971, 309). Das vorliegende Gleichnis ist das dritte Gleichnis, das vom Wiederfinden von Verlorenem handelt. Die beiden vorausgehenden Gleichnisse leiten auf das dritte hin, was in besonderem Maße die Freude, die im Himmel über wiederkehrende Sünder herrscht, ausdrückt (vgl. Erlemann, 1987, 135). Im Gesamtzusammenhang des Lukasevangeliums steht das Gleichnis an einer Stelle, an der Jesus nach den Erfolgen seines Auftretens und Handelns in Galiläa eine immer größere Opposition gegen sich aufbringt (vgl. Bovon, 2001, 44). Der Konflikt mit den Schriftgelehrten und Pharisäern wird unter dem Punkt Aussageabsicht noch genauer erläutert.

 

2.2. Charaktere und Interaktionen

Der Mensch, der in V. 11 erwähnt wird, ist Bauer. Er hat viele Tagelöhner, die ausreichend Lohn erhalten, um gut zu leben (V. 17), außerdem gibt es Sklaven auf dem Hof (V. 22) (vgl. Grundmann 1971, S. 311). Er hat zwei Söhne, die nicht älter als 20 Jahre alt sind, da sie noch unverheiratet sind (vgl. Grundmann, 1971, 311). Bei seinen Söhnen gilt der Vater als streng und sparsam. Er leitet sie zu einer sparsamen Lebensführung an, wie man an den Versen 29 und 30 erkennen kann (vgl. Grundmann, 1971, 313). Durch die Freude über die Heimkehr seines Sohnes wird er jedoch gütig und verschwenderisch (vgl. Grundmann, 1971, 315). Die Güte des Vaters zeigt sich auch in seinem weiteren Verhalten: er umarmt seinen Sohn und küsst ihn, anstatt zu erwarten, dass dieser sich vor ihm niederwirft und anstatt ihn vor Wut vom Hof zu jagen, was ein naheliegendes Verhalten gewesen wäre (vgl. Grundmann, 1971, 313).

Der jüngere Sohn verlangt seinen Teil des Erbes, da er auswandern will. Ob das Ungehorsam gegenüber dem Vater zeigt und eine Sünde ist oder nicht, darüber streiten sich verschiedene Exegeten. Schlatter sieht in dem Verhalten ein Austreten aus der Familiengemeinschaft und eine Verweigerung des Gehorsams, während Bornhäuser die palästinischen Lebensverhältnisse berücksichtigt (Das Land in Palästina war nicht fruchtbar genug, um alle seine Bewohner ernähren zu können, sodass viele Juden auswanderten (vgl. Grundmann, 1971, 311)) und in dem Verhalten des Sohnes keinen Fehler sieht. In seinen Augen könne der Vater stolz auf die Selbstständigkeit des Sohnes sein (vgl. Grundmann, 1971, 312). Dann verschwendet der Sohn jedoch sein ganzes Vermögen unter anderem mit Prostituierten, wie man in Vers 30 lesen kann. Hier sündigt er, indem er das Vermögen, das ihm sein Vater anvertraut hat, missbraucht (vgl. ebd.). Er gerät durch eine Hungersnot in großes Elend. Dann besinnt sich der Sohn, gesteht sich seine Sünden ein und erkennt, dass er nicht mehr länger das Recht hat, Sohn genannt zu werden, weshalb er plant, bei seinem Vater als Tagelöhner zu arbeiten. Bei seiner Wiederkehr erhebt ihn der Vater jedoch wieder in den Status des Sohnes, da er ihm ein Festgewandt anziehen lässt, wie auch einen Siegelring, mit dem man Verträge besiegeln kann. Durch das Fest ist die Wiederaufnahme des Sohnes vollendet (vgl. Grundmann, 1971, 313-314). „Der Sohn lebt durchweg vom Vater: vom Erbe aus dessen Vermögen (Vv. 12f), von der Erinnerung an den Vater (Vv. 17-19), von dessen Barmherzigkeit (Vv. 20ff)“ (Pesch, 1976, 166). Die Beziehung zum Vater ist eine freie. Der Sohn zeigt Mut, zuerst seinen Erbteil zu fordern, dann zurückzukehren und sich schuldig zu bekennen. „Er beansprucht den Vater als Vater und empfängt des Vaters Barmherzigkeit, lernt den Vater kennen, wie er ist!“ (vgl. ebd.).

Der älteste Sohn ist der künftige Besitzer des Hofes und unterstützt seinen Vater bei der Arbeit (vgl. Grundmann, 1971, 314). „Der ältere Sohn lebt in der Nähe des Vaters in der Entfremdung von ihm; er akzeptiert nicht das Verhalten ‚seines Vaters‘ ‚seinem Bruder‘ gegenüber, wie im Munde des Knechtes die Beziehung der beiden ausdrücklich benannt wird (Vv. 27f)“ (Pesch, 1976, 167).  Als er von der Arbeit kommt, ist er verwundert über das Fest. In dem Moment, in dem er den Grund desselben erfährt, wird er jedoch zornig. Dass der Vater aus dem Haus heraustritt und ihn zum Eintreten bewegen möchte, zeigt, dass er seinen älteren Sohn gegenüber dem jüngeren nicht benachteiligt (vgl. Grundmann, 1971, 314). Im Streitgespräch wird deutlich, dass der ältere Bruder fleißig und dem Vater gegenüber gehorsam ist und trotzdem zu einem sparsamen Leben angehalten wurde, weshalb er sich dem jüngeren Bruder gegenüber ungerecht behandelt fühlt. Deshalb nennt er seinen jüngeren Bruder im Gespräch mit seinem Vater nicht Bruder sondern „dieser dein Sohn“ (vgl. Grundmann, 1971, 314+15). Die Beziehung des Sohnes zum Vater scheint nicht von Liebe sondern von Pflichtgefühl geprägt zu sein (vgl. Bovon, 2001, 51). Er lässt nur rechtliche Beziehungen (Leistung-Lohn) gelten und nicht die Freiheit der Güte (vgl. Pesch, 1976, 167). Vom Vater wird der ältere Sohn dann aber an die Gemeinschaft mit demselben erinnert und ihm wird versichert, dass sich sein Besitz durch die Rückkehr des Sohnes nicht schmälern wird. Wie der Sohn reagiert, bleibt offen (vgl. Grundmann, 1971, 315).

 

2.3. Rechtssituation

Dem im Gleichnis beschriebenen Auszahlen des Erbanteils ähnelt im deutschen Recht am meisten der Vorgang der „Abschichtung“. Man schichtet Kinder ab, wenn sie aus der Gemeinschaft des Besitzes bzw. der Erbgemeinschaft austreten und dabei einen Anteil davon für sich erhalten. Der abgefundene Sohn hat nun keine Ansprüche mehr auf das Erbe, die Geschwister erhalten den gesamten Rest. Dieser Rest steht allerdings bis zum Tod des Vaters unter dessen Vollmacht (vgl. Wolter, 2008, 531).

Im ersten nachchristlichen Jahrhundert war es nach jüdischem Recht erlaubt, sein Vermögen schon aufzuteilen, während man noch lebt. Auch hier nannte man diesen Vorgang Abschichtung. Laut Gesetz müsste der abgeschichtete Sohn sich allerdings um das Wohl seiner Eltern kümmern, was in diesem Gleichnis nicht geschieht. Der ältere Sohn erhielt seinen Anteil erst nach dem Tod des Vaters, wenn er im Haus des Vaters blieb. Sein Anteil müsste aber laut Gesetz dann doppelt so groß sein wie der seines Bruders (vgl. Bovon, 2001, 46). Das wird im Vers 31 angesprochen „alles, was mir gehört, gehört dir“. Juristisch bedeutet das, dass der Rest der väterlichen Güter dem älteren Bruder zusteht, da der jüngere seinen Anteil bereits erhalten hat. Da der Bruder mit auf dem Hof lebt, kann er die Güter auch mit seinem Vater verwalten (vgl. Bovon, 2001, 52).

 

2.4. Argumentationsstruktur

Die  Erzählung des Gleichnisses verläuft linear und rasch (vgl. Bovon, 2001, 42). Im Laufe der Reise des jüngeren Sohnes wird die Distanz zum Vater immer größer: Der Sohn zieht in ein fernes Land (V. 13), er hängt sich einem Bürger des Landes an (V. 15) (vgl. Bovon, 2001, 42). „Ein Jude, der einem Heiden anhängt, hängt nicht mehr Gott an“ (Pesch, 1976, 160). Mit der Distanz vergrößern sich auch der Verfall und der Mangel des Jungen. Er muss hungern (V. 14). Während ihm sein Vater alles gegeben hat (V. 12), gibt ihm nun niemand etwas zu essen (V. 16) (vgl. Bovon, 2001, 42). Er muss Schweine hüten und macht sich damit unrein. In diesem Satz wird er Objekt des Satzes und ist nicht mehr wie vorher Subjekt (vgl. Bovon, 2001, 47). Dass er mit den Schweinen um Nahrung konkurriert, doch selbst das Tierfutter nicht essen darf, zeigt, dass die Schweine wichtiger angesehen werden als er (vgl. Wolter, 2008, 533). Daraufhin kommt der Sohn zur Besinnung, was zum Wendepunkt des Gleichnisses wird (V.17) (vgl. Bovon, 2001, 42). Er geht in sich, für das hellenistische Judentum und Frühchristentum ist das ein wichtiger Schritt der Umkehr und somit der Rückkehr zu Gott. Der innere Monolog dient hier dazu, die innere Entwicklung der Charaktere sichtbar zu machen und in der Erzählung eine andere Richtung einzuschlagen (vgl. Bovon, 2001, 47+48). Der Sohn vergleicht sich mit den Tagelöhnern seines Vaters (diesen geht es besser, allein, weil sie bei seinem Vater sind [vgl. Wolter, 2008, 534]) und möchte als ein solcher auf dem elterlichen Hof arbeiten. Sein Ehrgeiz ist verloren; eine höhere Stellung als seine jetzige erwartet er nicht mehr. Nach seiner Rückkehr ist er dann endgültig nicht mehr Subjekt der Erzählung, sondern Objekt, er bietet sich seinem Vater als Objekt an (vgl. Bovon, 2001, 42). Nun wird die Reaktion des Vaters beschrieben. Nicht dass er seinen Sohn aufnimmt, sondern wie wirkt hier überraschend. Die Güte und die Eile des Vaters werden betont durch die Küsse und Umarmungen (vgl. Bovon, 2001, 43). Er rennt auf seinen Sohn zu, was für ein Familienoberhaupt kein standesgemäßes Verhalten ist (Vgl. Bovon, 2001, 49). Weiterhin unterbricht er seinen Sohn, der seine Bitte um eine Anstellung als Tagelöhner gar nicht äußern kann. Hier stehen sich die Pläne des Sohnes und des Vaters gegenüber, was die Güte und Freude des letzteren betont (vgl. Wolter, 2008, 535). Ein Gewand, das dem Sohn früher gehörte, soll wieder hervorgeholt werden und ihm angezogen werden (vgl. Pesch, 1976, 163). Außerdem erhält der Sohn einen Ring, welcher ein Symbol der Macht ist. Auch Schuhe bekommt er an die Füße. Im Sprachgebrauch Israels bedeutet ein Gebiet mit Schuhen abzulaufen, es in Besitz zu nehmen. All dies zeigt, dass der Sohn wieder als solcher in der Familie aufgenommen wird. Das wird besiegelt durch das Festessen. Ein gemästetes Kalb war, da nicht jeden Tag Fleisch gegessen wurde, für einen besonderen Anlass reserviert (vgl. Bovon, 2001, 49+50). Dass der Vater seine Entscheidungen begründet zeigt, dass er ein weiser Mann ist (VV. 22-24). Die Kraft seiner Aussage in V. 24a mit dem Parallelismus „denn mein Sohn hier war tot“ – „er war verloren“ jetzt ist er „lebendig“ – er ist „gefunden“ - führt zu einem Einschnitt, einer Pause. Man könnte denken, die Erzählung sei vorüber. Der Anfang, der erzählt, dass der Mann zwei Söhne hatte, lässt allerdings die Frage aufkommen, was mit dem zweiten Sohn geschehen ist (vgl. Bovon, 2001, 43). Weiterhin spielt der Parallelismus auf die Bekehrungstheologie an. Hier wird der Mensch vor der Bekehrung als tot angesehen und durch die Bekehrung erhält er neues Leben. Durch das Gegensatzpaar verloren-gefunden wird auch eine Beziehung zu den anderen beiden Gleichnissen hergestellt (vgl. Wolter, 2008, 537).

Dieser zweite Sohn, auf den am Anfang hingewiesen wird, äußert seinen Zorn über das Verhalten des Bruders und die Reaktion des Vaters. Das Ende bleibt offen (vgl. ebd.). Sein Zorn steht jedoch im intertextuellen Bezug zu anderen Bibelstellen. Der Zorn der Gerechten über die in ihren Augen ungerechtfertigt gute Behandlung der Schuldigen tritt zum Beispiel bei Jona auf (Jona 4,1.4.9). Bereits im Alten Testament wird Kritik gegenüber diesem Neid laut, im Neuen Testament wird jeder Zorn verurteilt (Mt 5,22 und Jak 1,20) (vgl. Bovon, 2001, 51). Die Antwort des Vaters auf den Zorn seines Sohnes zeigt, dass er andere Schwerpunkte setzt als dieser. Der Sohn argumentiert mit der Lebensführung der Geschwister: während er immer gehorsam war, hat sein Bruder gesündigt. Dem Vater hingegen ist wichtig, dass seine Kinder bei ihm sind. Der Unterschied zwischen seinen Kindern besteht für ihn darin, dass der eine Sohn immer bei ihm war, während der andere verloren war und wiedergefunden wurde (vgl. Wolter 2008, S. 540). Somit lädt der Vater seinen älteren Sohn ein, mitzufeiern (vgl. Grundmann, 1971, 315).

 

2.5. Aussageabsicht

Es gibt mehrere Entwürfe über die Aussageabsicht des Textes. Titus von Bostra, Hieronymus und Cyrillus von Alexandrien sind Anhänger der ethischen oder soteriologischen Interpretation. In ihren Augen gibt Gott den Menschen die Freiheit, ihm zu dienen, doch der Mensch nutzt diese Freiheit aus und vergisst seinen Schöpfer. Er führt ein Leben voller Sünden. Doch dann gerät er in Not und erkennt hierdurch wieder seinen Schöpfer. In diesem Moment steht ihm Gott bei. Er gibt ihm seine verlorene Würde wieder, bewahrt ihn vor Schlechtem und nimmt ihn zur Eucharistie auf (vgl. Bovon, 2001, 54).

Laut der ethnischen Auslegung, die beispielsweise von Irenäus oder Tertullian vertreten wird, werden die Heidenvölker mit dem jüngeren Sohn und das Volk Israel mit dem älteren identifiziert. Die Sünde der Heidenvölker ist der Götzendienst und die Israels die Verstockung. Schwierigkeiten bereitet diese Interpretation bei der Aussage des älteren Sohnes, dass er nie die väterlichen Gebote übertreten habe. Die anti-jüdische Position bekräftigt, das sei eine Lüge, die pro-jüdische sieht die Aussage als Bekenntnis zum Monotheismus an (vgl. Bovon, 2001, 54).

Wolters Interpretation liegt nahe bei der ethischen Auslegung: Es geht um Gottes Reich, die Rolle des Vaters symbolisiert Gott. Dieser freut sich, wenn ein Sünder zu ihm zurückkehrt. Der ältere Sohn steht für die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Jesu Mahlgemeinschaft mit Zöllnern und Sündern kritisieren. Davon handelt die Erzählung unmittelbar vor den Gleichnissen. Für Wolter ist das Gleichnis ein Streitgespräch im Streitgespräch (vgl. Wolter, 2008, 529). Das offene Ende hat den Sinn, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten nun selbst entscheiden müssen, wie sie reagieren (vgl. Grundmann, 1971, 315).

Pesch hingegen sagt, dass der Vater gerade nicht symbolisch für Gott steht. Vielmehr steht er für Jesus und dessen Autorität. Dieser verteidigt sein Verhalten: seinen Umgang mit Sündern und seine Botschaft von der grenzenlosen Vergebung mitsamt ihrer Folgen (vgl. Pesch, 1976, 177). Der Vater kann auch deshalb nicht für Gott stehen, weil der Sohn zu ihm sagt, er habe gegen den Himmel und gegen ihn gesündigt. Das Wort Himmel steht hier für Gott. Also wird deutlich zwischen der Figur des Vaters und Gott unterschieden (vgl. Rengstorf, 1967, 17). Das Verhalten des älteren Sohnes symbolisiert die Kritik der Gesetzestreuen an Jesu Kontakt mit Sündern (z.B. gemeinsames Essen). Unterstützt wird die These dadurch, dass das Sündenbekenntnis des Sohnes dem des Zöllners im Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer entspricht (vgl. Pesch, 1976, 177).  „Das Erbarmen des Vaters, das die Umkehr und das neue Leben des Verlorenen ermöglicht, ist das thematische Zentrum unserer Erzählung – und auch der Verkündigung Jesu […] Indem Jesus seine theologischen Widersacher auf die vergebende Vatergüte Gottes anspricht, ‚fängt‘ er sie in einer doppelten Weise: positiv, weil er sie auf etwas anspricht, dem sie eigentlich zustimmen müßten, negativ, weil er gerade dadurch das ‚Murren‘ als ein solches entlarvt, das Gott nicht Gott sein lassen will [Hervorhebung des Autors]“ (Pesch, 1976, 178). Das Gleichnis sagt etwas über Gott aus, indem es Jesu Handeln rechtfertigt (vgl. Pesch, 1976, 182). „Das Festmahl ist Ausdruck der Freude Gottes und verweist auf die endzeitliche Gemeinschaft der umkehrenden Sünder mit Gott, die in der Gemeinschaft Jesu mit den Zöllnern und Sündern schon vorabgebildet ist“ (Erlemann, 1988, 137).

 

3. Diachrone Beobachtungen: Das einheitliche Jesus-Gleichnis zur Rechtfertigung vor Pharisäern und Schriftgelehrten

Um die Entstehung eines Textes nachzuvollziehen, ist es unter anderem nötig zu prüfen, ob der Text eine Einheit ist oder aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt wurde. Wegen der Zweiteilung des Gleichnisses haben manche Exegeten Zweifel an dessen Einheit. Der letzte Teil, der vom älteren Sohn handelt, könnte durch bestimmte Umstände hinzugekommen sein und auf eine gewisse Gruppe verweisen. Um diese Vermutung zu bestätigen, müsste man Differenzen in Wortwahl und Phrasierung der Teile des Gleichnisses finden, oder griechische oder semitische Einflüsse (vgl. Bovon, 2001, 44). Grundmann sagt hierzu, dass der Wortschatz einheitlich ist und durchgängig palästinische Lebensverhältnisse vorausgesetzt sind. Er erläutert, dass Bultmann die Möglichkeit, dass der Teil, in dem der zweite Sohn vorkommt, ein Zusatz sei, für unrealistisch hält. Gerade durch den entstehenden Gegensatz zwischen den beiden Brüdern würde „der paradoxe Charakter der Vergebung Gottes deutlich gemacht“(Grundmann, 1971, 310). Auch Pesch schreibt, dass das Gleichnis bei einer literarkritischen Untersuchung keine Spannungen, Widersprüche, störenden Wiederholungen oder Auffälligkeiten im Stil und der Wortwahl zeigt, durch die man an der Einheit des Textes zweifeln könne (vgl. Pesch, 1976, 142). Pesch argumentiert weiterhin, dass der Hinweis in Vers 11, dass ein Mann zwei Söhne hatte, gerade darauf hinweist, dass das Gleichnis als Einheit angesehen werden kann, da erst der zweite Teil erzählt, was mit dem älteren Sohn geschehen sei und Vers 11 auf diesen zweiten Teil hinweise. Der Erzähler habe dort schon angedeutet, dass er noch vom zweiten Sohn erzählen werde (vgl. Pesch, 1976, 144). Bilanzierend kann man also sagen, dass das Gleichnis ein einheitlicher Text ist (vgl. ebd.).

 

Laut Bovon „trägt [die Geschichte] die Handschrift des Lukas sowohl was ihren Stil als auch was die darin ausgedrückten Überzeugungen angeht“ (Bovon, 2001, 43+44). Deshalb würden einige Exegeten vermuten, dass sich Lukas diese Geschichte ausgedacht hätte. Allerdings ähnelt das Gleichnis dem eleganten Stil anderer Stücke aus Lukas Sondergut, sodass andere Exegeten behaupten, dass das Gleichnis aus der Feder des anonymen Autors des Sondergutes stammt (vgl. Bovon, 2001, 44). E. Schweitzer argumentiert ebenfalls, dass der Text aufgrund der Lukanismen von Lukas ausgedacht sei. J. Jeremias hingegen hat diese These geprüft und nur einen Beleg als typisch lukanisch eingestuft. Er bilanziert, dass das Gleichnis von Lukas nur leicht stilistisch überarbeitet worden sei. Er habe sich das Gleichnis also weder selbst ausgedacht, noch den zweiten Teil ergänzt (vgl. Pesch, 1976, 143). Der Text könnte als Einheit auch Jesus als Urheber haben. Eine Besonderheit der Lehre Jesu ist nämlich, dass sie zweigipfelig sein kann, das heißt, dass sie zwei Pointen hat, oder dass sie eine Botschaft vermittelt, die zwei gegenteilige Aspekte enthält. Der Ausgang dieses Gleichnisses ist gut für den einen Bruder und etwas weniger gut für den anderen. Insofern kann auch Jesus selbst dieses Gleichnis als Einheit entwickelt haben (vgl. Bovon, 2001, 44). Einige weitere Fakten stützen die These, dass dies ein Gleichnis Jesu ist. Im Text findet man viele Semitismen, die auf eine Übersetzung eines semitischen Originals hinweisen. Die Weltsicht, die impliziten Vorstellungen und die vom Erzähler dargestellte Perspektive (Reise des jungen jüdischen Mannes in ein heidnisches, fernes Gebiet) lassen darauf schließen, dass der Erzähler aus Palästina stammt. Die theologischen Anklänge weisen auf die jüdische Tradition hin: Umkehr in der tiefsten Erniedrigung, die Metaphorik von Tod und Leben, der Gesetzesgehorsam. Es ist keine nachösterliche Christologie oder Soteriologie zu finden. Außerdem passt das Gleichnis auch in die übrige Verkündigung Jesu und ähnelt in Form und Thematik weiteren Gleichnissen Jesu (vgl. Pesch, 1976, 147). Insofern kann man festhalten, dass Jesus der Urheber des Gleichnisses ist (vgl. Pesch, 1976, 149).  Bovon geht davon aus, dass das Gleichnis Jesu zuerst mündlich in den ersten christlichen Gemeinden  vermittelt wurde und dass der Autor des Sondergutes es dann schriftlich festhielt. Dann nahm es Lukas in sein Evangelium auf (vgl. Bovon, 2001, 44).

In verschiedenen Phasen des Christentums hatte der Text eine jeweils andere Bedeutung. Während der Verkündigung Jesu verteidigte dieser sein Verhalten gegenüber Sündern gegen die Pharisäer. Nach den Osterereignissen könnte es dafür stehen, dass die Jünger, die alles miterlebt hatten, auch die Gläubigen aufnehmen sollten, die nicht von Anfang an dabei waren. In der frühen Heidenmission handelte er von der Notwenigkeit der Akzeptanz der Heidenchristen durch die Judenchristen. In späteren Zeiten beinhaltete er die Zuwendung des Christentums zu in der Kritik stehenden Gruppen. Immer ging es also um die Zuwendung zu neuen Gruppen und den Zweifel, den die Pharisäer bzw. Alteingesessenen hatten (vgl. Berger, 2011, 266+267).  Diese verschiedenen Situationen kann man jeweils als Sitz im Leben des Gleichnisses bezeichnen. Erlemann bestätigt, dass das Gleichnis in den verschiedenen Situationen appelliert, Widerstand gegen Hinzukommende aufzugeben und eine Gemeinschaft aufzubauen (vgl. Erlemann, 1988, 140).

 

4. Stimmen aus der Forschung

Durch die Zeit hindurch sind viele teils konträre Deutungen und Interpretationen dieses Gleichnisses entstanden.

 

4.1. Die ethische oder soteriologische Auslegung

Titus von Bostra, Hieronymus und Cyrillus von Alexandrien sind Anhänger dieser Ansicht. „Gott schenkt dem Menschen die Freiheit, ihm zu dienen, doch der Mensch mißbraucht diese Freiheit und vergißt seinen Schöpfer. Er verfällt in ein lasterhaftes Leben und gibt sich den Dämonen hin. Doch kaum erkennt er im Abgrund seiner Not seinen Schöpfer, schon eilt Gott ihm zur Hilfe. Er gibt ihm seine verlorene Würde wieder, feit ihn gegen den Teufel und nimmt ihn zur Eucharistie auf (Bovon, 2001, 54).“

 

4.2. Die Re-Investitur des verlorenen Sohnes (Karl Heinrich Rengstorf)

Rengstorf sieht das Verhalten und die Anordnungen des Vaters als Re-Investitur an – als Wiedereinsetzung des Heimkehrers in seine Stellung als Sohn. Im Fortgehen sieht er die „Abtrennung“ des Sohnes von seiner Sippe, da er Grundbesitz gegen den Willen der Verwandtschaft verkauft hat. Der Sohn galt dadurch nicht mehr als Teil der Verwandtschaft, er verlor seinen Sohn-Status. Das meint der Vater damit, wenn er in V. 24 sagt, sein Sohn sei verloren gewesen. Durch die Bekleidung mit seinem ehemaligen Gewand, die Ausstattung mit dem Ring (gibt ihm Anteil an der Macht des Vaters) und mit Schuhen (Bekundung von Besitzrecht bezüglich Grund und Boden) und das Festmahl wird der Heimkehrende also wieder in den Status des Sohnes erhoben (vgl Rengstorf, 1967, 18-24, 39-46, 50).

 

4.3. Modernere Interpretationen

Sowohl Taeger als auch Schottroff deuten das Gleichnis soteriologisch, als Vergebung der Sünden durch Gott, wobei Taeger die Einsicht und Buße des Sohnes als Bedingung hierfür sieht, während Schottroff annimmt, dass Gott (der Vater) bedingungslos die Sünden vergibt (vgl. Taeger, 1982, 204-206). Landmesser meint, der Vater vergibt dem Sohn voraussetzungslos, da er ihm entgegeneilt, bevor dieser sein Sündenbekenntnis gesprochen hat. Der Parallelismus in V. 24a verdeutlicht laut Landmesser Folgendes: Das Leben des Sohnes in der Ferne wird mit Leben in Sünde und somit mit Tod assoziiert. Der Vater erreicht durch seine Vergebung aber eine Rückkehr ins Leben und hat so die Funktion eines neu schaffenden Schöpfers. Hierdurch wird Gottes heilvolles Handeln als Neuschöpfung gesehen. Landmesser ergänzt, dass dies im Zusammenhang mit Tod und Auferstehung Jesu gesehen werden müsse, da Gott durch die Auferweckung und Erhöhung Jesu dem Volk Israel sowohl Buße ermögliche, als auch die Sünden vergebe (vgl. Landmesser, 2002, 254-258).


Literaturverzeichnis

Monographien

Berger, Klaus, 2011, Kommentar zum Neuen Testament, Gütersloh.

Bovon, François, 2001, Das Evangelium nach Lukas Teilbd. 3. Lk 15,1-19,27 (EKK), Zürich.

Erlemann, Kurt, 1988, Das Bild Gottes in den synoptischen Gleichnissen, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz.

Grundmann, Walter, 1971, Das Evangelium nach Lukas (Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament), Berlin.

Rengstorf, Karl Heinrich, 1967, Die Re-Investitur des Verlorenen Sohnes in der               Gleichniserzählung Jesu Luk. 15, 11-32 (Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen Heft 137), Köln, Opladen.

Taeger, Jens-W., 1982, Der Mensch und sein Heil, Studien zum Bild des Menschen und zur Sicht der Bekehrung bei Lukas (Studien zum Neuen Testament Band 14), Gütersloh.

Wolter, Michael, 2008, Das Lukasevangelium, Tübingen.

 

Sammelbandeinträge

Pesch, Rudolf, 1976, Zur Exegese Gottes durch Jesus von Nazareth. Eine Auslegung des Gleichnisses vom Vater und den beiden Söhnen (Lk 15, 11-32), in: Caspar, Bernhard/ de Guerenu, Ernesto/ Hemmerle, Klaus/ Hünermann, Peter/ Lehmann, Karl/ Pesch, Rudolf/ Riedlinger, Helmut/ Schulz, Theodor/ Theunissen, Michael (Hgg.), Jesus Ort der Erfahrung Gottes, Freiburg, Basel, Wien, 140-189.

 

Zeitschriftenartikel

Landmesser, Christof, 2002, Die Rückkehr ins Leben nach dem Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32), in: ZThK 99, 239-261.

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