Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" und das biblische Buch Hiob

Natalia Kowalski

Kurzbeschreibung:
Dieser Beitrag hat die intertextuellen Bezüge zwischen Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ und dem alttestamentlichen Buch Ijob zum Inhalt. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die Interpretation des Wechselspiels der beiden Texte gelegt.
Zusätzliche Autoreninformation: Natalia Kowalski
Studentin, Universität Kassel
Kategorie:
Zur Rezeptionsgeschichte
Schulform:
Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Hiob 1,1-42,17
Weitere Schlagworte:
Gerechtigkeit; Gott; Hiob; Ijob; Intertextualität; Leid; Literatur; Theodizee; Rezeptionsgeschichte

1. Vorstellen des Beitrags aus der Rezeptionsgeschichte

1.1 Einleitende Bemerkungen  

Das Werk „Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte von Franz Biberkopf“ des Expressionisten Alfred Döblin ist ein Großstadtroman, welcher im Oktober des Jahres 1929 im Verlag S. Fischer erschien. Vom 8. September  bis zum 11. Oktober des gleichen Jahres war der Roman in der Frankfurter Zeitung vorabgedruckt. Alfred Döblin begann schon 1927 mit dem Schreiben von Berlin Alexanderplatz. (Vgl. Kiesel, in Döblin 1993, 584-585)

Döblins Werk wird zur Epoche des Expressionismus (1910-1925) gezählt. Diese Zeit ist geprägt von Industrialisierung, Verstädterung, Bürokratisierung, Technisierung und Reizüberflutung. Städte werden immer größer und es gibt zahlreiche Neuerungen, wie beispielsweise elektrische Straßenbahnen. Der Mensch fühlt sich in den großen Städten orientierungslos und nimmt die vielen Erneuerungen als Reizüberflutung wahr. In ihren geschriebenen Werken bringen die ExpressionistInnen ihre Beobachtungen und Gefühle zum Ausdruck. Ein häufig wiederkehrendes Motiv ist neben der Großstadt auch der innere Zerfall des Menschen. Jüdische AutorInnen des Expressionismus verwendeten außerdem oft das Motiv des Außenseiters in der Gesellschaft, wie beispielsweise Verbrecher oder behinderte Menschen. (Vgl. Krause, 2008, 108-109.130)

1.2 Aufbau des Werks

Der Roman „Berlin Alexanderplatz“ ist in neun Bücher eingeteilt. Vor jedem dieser Bücher, die wie Kapitel zu betrachten sind, steht eine Vorrede, in welcher der Erzähler seine Haltung und Einstellung zum Geschehen einbezieht. In ihnen wird das bereits Geschehene auch zusammengefasst und ein Ausblick auf das noch Kommende geboten. Der Erzähler bewertet und kommentiert die Handlung. Auch in den einzelnen Büchern spricht er den Leser direkt an. Das Publikum wird so durch den gesamten Roman geführt, doch besonders in den Vorreden kommt seine persönliche Meinung zum Ausdruck. In den Überschriften eines jeden Buches werden im sachlichen Stil Ereignisse angekündigt. Die einzelnen Bücher sind durch Zwischentitel nochmals gegliedert. (Vgl. Bekes, 1995, 32-33)

 

1.3 Zentrale Inhalte des Werks

Die ersten drei Bücher bilden inhaltlich eine Einheit. Die Hauptperson Franz Biberkopf wird aus der Haftanstalt entlassen, versucht, sich in Berlin als anständiger Mensch eine Existenz aufzubauen und erlebt dabei seinen ersten Rückschlag als er betrogen wird.

Das vierte und fünfte Buch gehören inhaltlich ebenfalls zusammen und bilden somit den zweiten Abschnitt. Biberkopf überwindet seinen Rückschlag und möchte erneut einen Neuanfang wagen, welcher ebenfalls scheitert. Sein Gegenspieler Reinhold, das Oberhaupt einer kriminellen Gruppierung, verführt ihn  zu einer Diebestour und wirft ihn anschließend aus dem fahrenden Auto, sodass er längere Zeit in einem Krankenhaus verbringen muss.

Im sechsten und siebten Buch verwirft Biberkopf sein Streben nach Anständigkeit. Er sucht immer wieder Kontakt zu Reinhold, obwohl dieser ihn so schwer verletzt hat, und wird Zuhälter von seiner Freundin und langjährigen Prostituierten Mieze.  Zum dritten Mal erlebt Biberkopf einen Tiefschlag. Reinhold ist der Ansicht, Biberkopf müsse aus dem Weg geräumt werden, da er zu viel über seine kriminellen Geschäfte wisse. Weil Biberkopf vor Reinhold mit der Liebe Miezes prahlt, versucht dieser ihm die Frau wegzunehmen. Als Mieze Reinholds Plan jedoch durchschaut, wird sie von ihm ermordet.

Der letzte Abschnitt besteht aus den Büchern acht und neun. Franz wartet darin vergeblich auf Mieze, welche jedoch nicht auftaucht. Innerhalb der kriminellen Gruppierung Reinholds kommt es zu sich häufenden Auseinandersetzungen. Schließlich entscheidet Reinhold, mit einem falschen Pass im Gefängnis unterzutauchen. Auch Franz Biberkopf flüchtet aus Berlin, obwohl er mit dem Mord an Mieze nichts zu tun hat. Als man herausfindet, dass Reinhold nicht der ist, für den er sich ausgibt, flüchtet er erneut. Beide, Franz Biberkopf und Reinhold werden nun per Steckbrief gesucht. Schließlich wird Biberkopf in einer Berliner Kneipe gefunden, wo er aus Unsicherheit auf einen Polizisten schießt. Weil er in der Untersuchungshaft das Essen verweigert, wird er in eine Irrenanstalt eingeliefert. Im neunten Buch kommt es zur Wende. Biberkopf gesteht sich ein, Schuld an allem zu tragen und sich in vielen Dingen geirrt zu haben. Durch diese Einsicht stirbt der „alte“ Franz Biberkopf und es entsteht, beim Verlassen der Irrenanstalt ein „neuer“. Dieser verabschiedet sich von der ermordeten Mieze an deren Grab, beginnt sein Leben mit anderen Augen zu betrachten und bekommt sogar Arbeit in einer Fabrik. (Vgl. Bekes, 1995, 40-43)

Aus dieser Struktur lässt sich ein „Dreierprinzip“ (Bekes, 1995, 41) ermitteln: Der Rahmen wird vom ersten und vom neunten Buch gebildet, in denen Biberkopf jeweils einen Neuanfang wagt. In den dazwischen liegenden Büchern versucht er sich drei Mal in Berlin eine Existenz aufzubauen, scheitert jedoch immer dabei. (Vgl. Bekes, 1995, 41)

 

2. Beziehung zum biblischen Text

2.1 Vorstellen des Bezugtextes

Im gesamten Werk Döblins lassen sich Andeutungen auf das alttestamentliche Buch Ijob finden. Dieses wird den Büchern der Weisheit zugeordnet und lässt sich in drei Teile gliedern: Der erste Teil, der Prolog, umfasst Kapitel 1 und 2. Es folgt der Dialogteil, welcher in Vers 3,1 beginnt und mit dem sechsten Vers des Kapitels 42 endet. Das Buch Ijob schließt mit dem Epilog ab. Dieser beinhaltet die Verse 42,7-17. Gemeinsam mit dem Epilog bildet der Prolog die Rahmenhandlung. Beide Teile sind in Prosa verfasst, während der Dialogteil poetisch gestaltet ist.

Weil der Satan im Prolog die Frömmigkeit Ijobs, der als gläubiger und rechtschaffener Mensch gilt, in Frage stellt, erteilt JHWH ihm die Erlaubnis, Ijob seinen ganzen Besitz zu nehmen. Dieser hält trotz des Verlustes an seinem Glauben fest. Auch nachdem ihm sein körperliches Wohl, die Gesundheit, genommen wird, zweifelt er nicht an seinem Glauben. Ijob bleiben nur noch seine Frau, welche ihm dazu rät, Gott zu verfluchen und seine drei Freunde Elifas, Bildad und Zofar, die zu ihm kommen um Trost zu spenden. (Vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2008, 336)

Der Dialogteil besteht aus drei Redegängen Ijobs und seiner Freunde (3-27), einem von Ijob geführten Monolog (28-31), den vier Reden einer weiteren Person namens Elihu (32-37), woran sich noch zwei Reden JHWHs mit dazugehörigen Antworten Ijobs anschließen (38-42,6; vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2008, 336). Insgesamt bieten die Reden der Freunde Ijobs vier Erklärungsversuche für sein Leid, die Ijob jedoch abweist (Ijob 4,8; 4,17; 5,17; 36,21). Er versucht Gottes Handeln nicht zu erklären, sondern wendet sich direkt an ihn und fordert ihn zu einer Antwort heraus. Während er im Prolog als Dulder auftritt („Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“, Ijob 2,10) , erweist er sich hier als rebellisch.

Gott antwortet schließlich auch und dementiert die Erklärungsversuche der Freunde, wobei er jedoch auch keine explizite Antwort auf die Frage nach dem Grund des Leidens Ijobs gibt. Vielmehr möchte er Ijob mit seinen Reden verdeutlichen, dass der Mensch nicht in der Lage ist, Gott selbst und sein Handeln zu durchschauen und zu verstehen. (Vgl.  Schwienhorst-Schönberger, 2008, 347)

Ijob begreift die Größe des Werkes Gottes, was an den folgenden Worten deutlich wird: „Ich hab erkannt, dass du alles vermagst; kein Vorhaben ist dir verwehrt.“ (Ijob 42,2). Er wird nach dieser Erkenntnis von Gott mit neuem Reichtum belohnt, während seine Freunde dafür bestraft werden, dass sie nicht „recht“ (Ijob 42,7) von JHWH geredet haben (vgl. Ijob 42,7-17).

2.2 Formale Beschreibung der intertextuellen Bezüge

Die Anspielungen auf das alttestamentliche Buch durchziehen das gesamte Werk „Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf“. Auch gibt es einen längeren Textabschnitt („Gespräch mit Hiob, es liegt an dir, Hiob, du willst nicht“), der sich explizit auf das Buch Ijob bezieht.

In „Berlin Alexanderplatz“ werden zwei Arten der Referenzmöglichkeiten verwirklicht. Zum einen verwendet Alfred Döblin Markierungen im Nebentext. So heißt ein Zwischentitel des vierten Buches „Gespräch mit Hiob, es liegt an dir, Hiob, du willst nicht“ (Döblin, 1993, 153). Diese Art von Markierung wendet sich ausschließlich an die RezipientInnen, da Titel sowie Zwischentitel nur für die LeserInnen bestimmt sind. In der hier verwendeten Ausgabe des Großstadtromans lassen sich des Weiteren im Anhang Anmerkungen finden, welche auf das Buch Ijob verweisen. Diese stammen nicht von Döblin selbst, sondern wurden von Ute Bertram-Hohensee hinzugefügt. Auch der Erzähler, der sich immer wieder zu Wort meldet und das Geschehen um Franz Biberkopf kommentiert, vergleicht ihn im achten Buch mit Hiob. Er erzählt davon, wie viel dieser Mensch verloren hat und was er alles erleiden musste (vgl. Döblin, 1993, 418-419). Dann betont er, dass Hiob viel mehr verloren habe, indem er sagt: „Du hast nicht so viel verloren wie Hiob aus Uz, Franz Biberkopf, es fährt auch langsam auf dich herab.“ (Döblin, 1993, 419). Auch diese Zeilen sind, obwohl der Erzähler Biberkopf selbst anzusprechen scheint, indem er die zweite Person Singular benutzt, für den Rezipienten bestimmt. Franz Biberkopf vernimmt von dieser Meinung des Erzählers nichts.
Döblin markiert auch im äußeren Kommunikationssystem. Dies bedeutet, dass im Haupttext Bezüge zum Prätext hergestellt werden, die jedoch auch nur an den Leser gerichtet sind. Solche Markierungen kommen beispielsweise durch einen Stilkontrast zustande. In diesem Fall sind sie durch die vielen Analogien des Inhalts, die das Werk zum oben genannten alttestamentlichen Buch aufweist realisiert (s.u.). Die Markierung von Intertextualität in diesem Roman enthält auch eine dynamische Komponente. Im vierten Buch erscheint der Verweis auf den Prätext sehr deutlich, wenn der Name Hiob in dem Zwischentitel fällt. Da der Autor nun davon ausgeht, dass beim Rezipienten die Verbindung zum biblischen Text hergestellt ist, wird im weiteren Verlauf der Verweis immer unkenntlicher markiert (vgl. Broich/ Pfister, 1985, 45).
Markierungen im inneren Kommunikationssystem, welche dadurch gekennzeichnet sind, dass die Charaktere selbst über andere literarische Texte diskutieren oder sich mit deren Charakteren identifizieren oder distanzieren, sind hier nicht enthalten.

Thematische Verknüpfungen bestehen vor allem in dem Erkenntnisprozess durch Leid: In beiden Werken ist die Frage nach dem Leid ein zentrales Thema.
Aus dieser thematischen Verknüpfung folgt eine hohe inhaltliche Spannung. Beide Werke weisen einen Mann als Hauptcharakter auf, der mehrere Leiderfahrungen durchlebt. Immer wieder versuchen Außenstehende diesem Menschen zu helfen, sei es durch das Mitgefühl und Erklärungsversuche von Freunden oder durch das Geschichten-Erzählen, wie es in „Berlin Alexanderplatz“ der Fall ist. Am Ende beider Werke steht eine Erkenntnis. In Hinblick auf die Struktur herrscht ebenfalls eine Spannung, jedoch nur eine geringe. Die Struktur des Buches Ijob lässt sich als Dreiteilung beschreiben. Es gibt einen Prolog, einen Dialogteil und einen Epilog. Ersteres und Letzteres bilden eine Rahmenhandlung. Auch in Döblins Werk gibt es eine Rahmenhandlung. Diese wird durch den Neubeginn im ersten Buch und den Neubeginn im letzten Buch vorgegeben. Allerdings gestaltet sich der Mittelteil anders. Wie oben schon beschrieben, besteht er aus einem Dreierprinzip (vgl. 1.3 Zentrale Inhalte des Werks).               
Im Dialogteil des biblischen Buches spielt die Zahl drei auch insofern eine Rolle, als dass es drei Redegänge gibt, in denen jeweils die drei Freunde Ijob einen Redebeitrag leisten, worauf Ijob antwortet. Da dieser mittlere Teil des Werks jedoch nicht nur aus diesen drei Redegängen, sondern auch aus einem Monolog Ijobs, wie auch mehreren Reden einer weiteren Person und JHWHs, besteht, ist er mit dem des „Berlin Alexanderplatz“ strukturell nicht übereinstimmend.

Auch bei der Betrachtung des sprachlichen Stils ergeben sich viele Differenzen: Während im Prätext Prosa („Im Lande Uz lebte ein Mann mit Namen Ijob. Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse.“, Ijob 1,1) und Poesie („Vor Kummer ist mein Auge matt, all meine Glieder schwinden wie Schatten dahin.“, Ijob 17,7) einander abwechseln, verwendet Döblin eine derbere Alltagssprache („Franz lachte sich einen Ast, der Junge nahm die Weiber wirklich ernst.“, Döblin, 1993,193) jener Zeit, in der die Handlung stattfindet und lässt seine Figuren Berliner-Dialekt sprechen („,So. Und das läßt du dir alles erzählen und glaubste ooch, wat?’“, Döblin, 1993, 201).

 

3. Interpretation des Wechselspiels zwischen biblischen Text und Werk aus der Rezeptionsgeschichte

Es ist auffällig, dass trotz derselben Erlebnisse, nämlich immer wieder Leid erfahren zu müssen und sich nicht erklären zu können warum, die Hauptcharaktere beider Werke dennoch sehr unterschiedlich sind. Der „Hiob“ Döblins, der durch Franz Biberkopf dargestellt wird, ist ein ganz anderer, als die biblische Person des Ijob/Hiob.

Dort ist von einem frommen, reichen und angesehenen Mann die Rede, der Frau und Kinder, viele Tiere und Bedienstete hat. Dieser ist so gottesfürchtig, dass er sogar Brandopfer für seine Kinder darbringt. (Vgl. Ijob 1,1-5)

Döblins Hiob hingegen ist durch seine Vorgeschichte, dem Gefängnisaufenthalt, nicht frei von Sünde. Bekes beschreibt ihn folgendermaßen: Biberkopf „ist ein armer Schlucker, ein ,Lumpenproletarier’, ist zwar gutmütig, neigt aber, wenn er gereizt wird zu Gewalttätigkeiten.“ (Bekes, 1995, 86). Die Lebensstile beider Charaktere sind demgemäß sehr verschieden.

Ein weiterer Aspekt, der von Döblin umgedeutet wird, ist der Erkenntnisprozess. Der Dialogteil des biblischen Buches ist durch die Versuche, Antworten auf die Frage nach dem Leid zu finden, geprägt. Die RezipientInnen wissen, dass Ijob das Leid aufgrund einer Wette zwischen Gott und Satan ertragen musste, doch Ijob selbst wird nicht beantwortet, warum er solche Leiderfahrungen ertragen muss. Seine Freunde bieten ihm verschiedene Erklärungsversuche an, welche er jedoch verwirft. Der fromme Ijob argumentiert dabei dem Tun-Ergehens-Zusammenhang entsprechend (Wer Gutes tut, wird Gutes ernten; wer Böses tut, wird Böses ernten). Nach den zwei Gottesreden erlangt er die Erkenntnis, dass Gottes Handeln und sein Wesen für einen Menschen undurchschaubar und unerklärbar sind. Mit dem Vers „Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.“ (Ijob 42,5) wird die Erkenntnis verdeutlicht.                                          

Döblin verwendet das Motiv des Geschichten-Erzählens, um Biberkopf, seinen Hiob, zur Erkenntnis zu bringen. Diese Versuche scheitern jedoch (vgl. Emde, 1999, 188). Alles dreht sich darum, dass Biberkopf die Augen aufmachen und so sehend werden soll. Emde betont, dass sich dieses Motiv durch den ganzen Roman zieht (vgl. Emde, 1999, 187). Daraus ergibt sich, dass in beiden Werken das Wortfeld „sehen“ eine erhebliche Rolle spielt. Biberkopf kann sich, so wie der biblische Ijob, zunächst nicht erklären, warum ihm, der sich doch vorgenommen hat anständig zu bleiben (vgl. Döblin, 1993, 46), immer wieder Leid widerfährt. Demzufolge argumentiert auch er nach dem Tun-Ergehens-Zusammenhang (vgl. Langenhorst, 1995, 102). Am Ende, nach einer Nahtoderfahrung, steht die Selbsterkenntnis, dass er selbst Mitschuld an den vielen vermeintlichen Schicksalsschlägen trägt. Diese Mitschuld wird von Bekes wie folgt beschrieben:
„Immer wieder bläht er sich auf. Imponiergehabe und Prahlsucht prägen sein Verhalten gegenüber den Mitmenschen: Vor Lüders renommiert er mit der Witwe, die er kennengelernt hat, vor Reinhold prahlt er mit Mieze, läßt den Gegenspieler sogar zum Zeugen eines Eifersuchtsdramas werden, an dessen Ende die pure Gewalt steht. Genau damit provoziert er die Gegenwelt. Fordert er die Schläge heraus, die ihn so fürchterlich treffen.“ (Bekes, 1995, 89-90)

Dadurch wird deutlich, dass beide Erkenntnisprozesse grundverschieden sind. Während Biberkopfs Erkenntnis darin besteht, wissend darüber zu werden, wie es zu solchen Leiderfahrungen kommen konnte, bekommt der Ijob des Alten Testaments die Information nicht. Er muss akzeptierten, dass der Mensch viele Sachverhalte nicht begreifen kann.

Ein Aspekt, der von Döblin stark vernachlässigt wird, ist der religiöse. Dies ist vor allem in der längeren Passage „Gespräch mit Hiob, es liegt an dir, Hiob, du willst nicht“ (Döblin, 1993, 153) erkennbar. Statt einer „göttlichen Instanz“ (Langenhorst, 1995, 103) spricht hier eine Stimme. „Franz Biberkopf, umgekehrt betrachtet, ist ein Hiob in einem ungerechten Universum ohne Gott“ (Langenhorst, 1995, 104). Gott spielt im Leben Biberkopfs keine Rolle.

Auch Biberkopfs Neuanfang, welcher am Ende des Werks steht, unterscheidet sich von dem des biblischen Ijobs. Biberkopfs Motto war stets „Mir kann keener!“ (Döblin, 1993, 46). Er hat seine Augen insofern bis zu seiner Nahtoderfahrung geschlossen und überlegt nicht bevor er handelt, sondern weicht dieser Angelegenheit mit seinem Leitspruch aus (vgl. Bekes, 1995, 90). Erst nach seiner Selbsterkenntnis begreift er, was an seinem Vorgehen fehlerhaft war. Dies wird auf den letzten Seiten des Romans augenscheinlich, denn in seinem „neuen“ Leben lautet sein Motto „Wach sein“ (Döblin, 1993, 500, 501). Er ist nun in der Lage sein Handeln vor der Ausführung „zu prüfen und zu analysieren“ (Bekes, 1995, 90). Während Biberkopf seinen Neuanfang selbst bewältigen muss, was ihm auch gelingt, bekommt der biblische Ijob Hilfe, insofern, als dass er alles, was ihm genommen wurde, vielfach zurückbekommt.

Resümierend kann festgestellt werden, dass Alfred Döblin in seinem Werk „Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf“ den biblischen Ijob als „literarische Spiegelfigur des Protagonisten“ (Langenhorst, 1995, 97) einsetzt. Er verfremdet in gewisser Weise den biblischen Text, indem er Lebensvoraussetzungen sowie den Lebensstil des Ijob der Welt des 20. Jahrhunderts anpasst. Besonders die Passage im vierten Buch hat insofern eine Relevanz, als dass sie schon den kompletten weiteren Verlauf des Romans voraussagt. Biberkopf wird hier, wie Ijob (hier: Hiob) alles verlieren, solange Leid erfahren, bis er endlich bereit ist, sehen zu wollen, die Augen zu öffnen und der Welt wachsam zu begegnen. Der lange Prozess, der Döblins Hiob noch bevorsteht, ist an dem Ausdruck „die ganze Nacht“ (Döblin, 1993, 157) zu erkennen. Erst gegen Morgen wird er auf sein Gesicht fallen, was den Erkenntnisprozess meint. Vor allem der Aspekt, dass Biberkopf, der Ijob Döblins, Mitschuld trägt, könnte so interpretiert werden dass Döblin der Ansicht ist, dass Menschen die Schuld häufig bei anderen suchen und ihr eigenes Handeln nicht reflektieren, das zu Leiderfahrungen beigetragen haben könnte. Einen weiteren Hinweis darauf könnten die Wörter „und wie ein Schicksal aussieht“ (Döblin, 1993, 9), die sich in Döblins Vorrede zum Werk finden lassen, liefern. Man neigt häufig dazu, bestimmte Gegebenheiten als „Schicksal“ oder Schicksalsschläge zu sehen, dabei lassen sich die Gründe schon im eigenen Handeln finden. Döblins Werk könnte dann als Aufruf an die LeserInnen gesehen werden, nicht so wie der „alte“ Biberkopf durch das Leben zu gehen, sondern „wachsam“ zu sein, das Handeln vor der Ausführung genau zu überdenken und das Leben zu reflektieren.

Literaturverzeichnis

Bekes, Peter, 1995, Alfred Döblin. Berlin Alexanderplatz (Oldenbourg Interpretationen Bd. 74), München

Broich, Ullrich, 1985, Formender Markierung von Intertextualität, in: Broich, Ullrich/ Pfister, Manfred (Hgg.), Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien, Tübingen, 31-47

Döblin, Alfred, 1993, Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf (herausgegeben und mit Nachwort von Helmut Kiesel, Anmerkungen und Zeittafel von Ute Bertram-Hohensee), München

Emde, Friedrich, 1999, Alfred Döblin: Sein Weg zum Christentum (Mannheimer Beiträge zur Sprach- und Literaturwissenschaft Bd. 41), Tübingen

Krause, Frank, 2008, Literarischer Expressionismus, Paderborn

Langenhorst, Georg, 1995, Hiob unser Zeitgenosse. Die literarische Hiob-Rezeption im 20. Jahrhundert als theologische Herausforderung (Theologie und Literatur Bd. 1), Tübingen

Pfister, Manfred, 1985, Konzepte der Intertextualität, in: Broich, Ullrich/ Pfister, Manfred: Intertextualtität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien, Tübingen, 1-30; hier 25-30

Schwienhorst-Schönberger, Ludger, 2004, Das Buch Ijob, in Zenger, Erich, Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart, 335-347

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