Die Schönheit der Geliebten

Diana Rust

Kurzbeschreibung:
In Hld 4,1-7 wird von dem Aussehen und der Schönheit der geliebten Freundin gesprochen. Beginnend mit dem Gesicht der Angebeteten bis hin zum Körper, beschreibt dieses Lied aus Sicht des Begehrenden, mit Hilfe von Vergleichen aus der Tier- und Pflanzenwelt, das makellose Erscheinungsbild und die damit verbundene Liebe zur Freundin.
Zusätzliche Autoreninformation: Diana Rust
Studentin, Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Hld 4,1-7
Zusätzliche Skripturen:
Hld 5,12 Hld 6,5 Hld 6,6-7 Hld 7,4 Dan 2,31-33
Weitere Schlagworte:
Altes Testament; Beziehungen; Frau; Liebe; Mann; Partnerschaft; Schönheit; Sexualität; Treue

 

1. Erster Leseeindruck

Die Verse Hld 4,1-7 klingen wie ein euphorisches Liebeslied eines Mannes an seine Freundin. Tief verliebt und überwältigt von ihrer Schönheit, beschreibt er ihre äußere Erscheinung. Dennoch  scheinen für mich die Vergleiche ihrer Schönheit veraltet und für unsere Gesellschaft befremdlich, da die Vergleiche mit ungewöhnlichen Objekten aus der Natur oder Architektur gezogen werden.

 

2. Synchrone Zugangsweise: Von Kopf bis... Brust

2.1. Abgrenzung und Kontext

Von Beginn des Hohenlieds an ist eine Art Dialog zwischen den beiden Liebenden festzustellen, beginnend mit den Worten der Geliebten im Wechsel mit ihrem Liebsten. Es folgen zunächst das wechselseitige Anbeten und die Sehnsucht nacheinander. Der Schwur der Liebe und das erlebte Liebesglück im Frühling werden detailliert beschrieben.

Das dritte Kapitel wird mit einem mutmaßlichen Traum der Geliebten eingeleitet, in dem sie auf der Suche nach ihrem Freund ist und ihn schließlich auch findet. Anschließend wird der Zug Salomos mit seiner Sänfte beschrieben, in mehreren Versen bildlich formuliert. Hierbei handelt es sich um eine Aufforderung, den König Salomo auf seinem Festzug zu bestaunen.

Bei der ausgewählten Perikope handelt es sich um ein Beschreibungslied (arab. wasf), welches sich durch die Bewunderung zu Beginn in 4,1ab und am Ende in 4,7ab abgrenzt, und gleichzeitig einen begrenzenden Rahmen um das Lied bildet.

Des weiteren lässt sich Hld 4,1-7 durch seine Textgattung, dem Beschreibungslied, zu dem vorherigen sowie zu dem nachfolgenden Text abgrenzen. Im Gegensatz zu den umgebenden Texten wird in diesem Abschnitt detailliert die Schönheit der Freundin mithilfe von Metaphern und Vergleichen beschrieben (vgl. Keel, 1986, 129f.).

 

2.2. Gliederung Hld 4,1-7

Da, wie oben bereits erwähnt, der erste und letzte Vers des Liedes einen Rahmen bilden, lassen sich die weiteren Verse wie folgt in drei Strophen unterteilen: 4,1c-2; 3-4; 5-6 (Vgl. Heinevetter, 1988, 123)

 

Hld 4,1a-b

Aufforderung des Liebenden

Anrede der schönen Freundin

Imperativ

Begrüßungsformel

Hld 4,1c-2d

Liebender widmet sich ihren Augen, ihrem Haar, ihren Zähnen

vergleicht sie mit Tieren

Syntax ändert sich

weniger ein Ansprechen der Freundin als ein Schwärmen

Hld 4,3-4

nun widmet er sich den Lippen, Schläfen und dem Hals

diesmal Vergleich mit Objekten aus der Natur, Architektur und Schmuck

“Ortswechsel“: er wandert mit seiner Beschreibung von oben nach unten

andere Vergleichsspender

Hld 4,5-6

letzte Beschreibung in diesem Lied (Brüste)

mit anschließender Erklärung des Liebenden, sich auf den Weg zu machen

Höhepunkt und Ende der Beschreibung

Der Mann beschreibt nun seinen Weg und nicht mehr den Körper seiner Freundin

Syntaxänderung: anderer Versbeginn etc.

Hld 4,7

er redet noch einmal seine Freundin an und betont noch einmal ihre Makellosigkeit

Abschlussformel: parallel zur Begrüßungsformel; bildet daher Rahmen

 

2.3. Weitere Beobachtungen

In Vers 4,1ab wird die Freundin mit dem Wort schön hervorgehoben und gleichzeitig direkt angeredet. Beide Zeilen sind parallel zueinander aufgebaut. So findet man auch eine fast wörtliche Wiederholung des Verses am Ende des Beschreibungsliedes, welcher somit den Rahmen bildet.

In der ersten Strophe (4,1c-2) werden die Augen, die Haare und die Zähne der Angebeteten, die Bedeutungsempfänger, erwähnt und mit Tauben, einer Herde Ziegen und einer Herde geschorener Schafe, den Bedeutungsspendern, verglichen (Vgl. Keel, 1986, 130). Dementsprechend werden Tiere und ihre spezifischen Merkmale dazu verwendet, um ein Bild von der im Lied angesprochenen Freundin hervorzubringen. Beispielsweise werden die Zähne sehr detailliert verglichen, denn sie sind so weiß wie die gewaschene Wolle der Schafe und die wie Zwillinge sind. Die Zwillingseigenschaft soll die Symmetrie der Zähne und die damit verbundene Fruchtbarkeit verdeutlichen. Darüber hinaus gelten Schafe als Symbol der Sanftmut und sollen so das sanfte Wesen der Geliebten hervorheben (vgl. Keel, 1986, 133).

Alle drei Vergleiche entsprechen einem Muster. Zuerst wird der jeweilige Bedeutungsempfänger genannt, z.B. deine Augen sind…, und dann erfolgt der Vergleich mit einer Vielzahl bestimmter Bedeutungsspendern in Form von Tieren, z.B. …wie Tauben. Ergänzt werden diese Verse mit der näheren Beschreibung der Tiere in Nebensätzen, wobei besonders die Dynamik, die Beweglichkeit der Tiere dabei zum Ausdruck kommen und somit dem Lied eine besondere Bewegung geben, aber auch die Vitalität der Freundin zum Ausdruck bringen (vgl. Heinevetter, 1988, 115).

Tiervergleiche sind für altorientalische Liebesdichtung nicht ungewöhnlich, da der Mensch so sehr mit der Natur und den Tieren verbunden ist, dass es sich anbot diese im Beschreibungslied zu verwenden (vgl. Krinetzki, 1981, 135).

In der zweiten Strophe (4,3-4) werden der Mund, die Schläfen und der Hals der Freundin angesprochen, wobei der Mund mit einer scharlachroten Schnur, die Schläfen mit einer Granatapfelscheibe verglichen werden. Der Granatapfel galt als Aphrodisiakum und als Symbol des Lebens (vgl. Keel, 1986, 134). Der Hals wird mit dem Turm Davids und dessen Stärke in Verbindung gebracht. Dieser Vergleich „schildert die Geliebte als stolze, uneroberte Stadt“ (Keel, 1986, 138). Die Struktur dieser Strophe ähnelt jener der ersten, mit Ausnahme der Tiere, denn in der zweiten Strophe werden die Körperteile mit Schmuck, Pflanzen und architektonischen Objekten verglichen.

Die erste und zweite Strophen werden von Nominalsätzen dominiert, die in der Lutherübersetzung der Verständlichkeit wegen aufgehoben werden (vgl. Keel, 1986, 129).

Die dritte Strophe (4,5-6) lässt sich zum einen in die abschließende Bewunderung der Brüste einteilen, sowie zum anderen in eine Aufforderung des Anbetenden selbst zum Myrrheberg und Weihrauchhügel zu gehen. Der Aufbau ähnelt zwar den beiden vorangestellten Strophen, jedoch kann man in der Beschreibung der Brüste eine Art Höhepunkt des Liedes sehen, der in 4,6 eine Selbstaufforderung beim Betrachter auslöst (vgl. Heinevetter, 1988, 116). In dieser Strophe richtet sich die Aufmerksamkeit besonders auf die Brüste-Metapher. Sie stehen in Verbindung mit dem Kitzleinvergleich für Vertrauen, Geborgenheit und dementsprechend für eine „Teilnahme am Leben und […] Erneuerung des Lebens“ (Keel, 1986, 139).

Insgesamt fällt auf, dass die Beschreibung der Geliebten von oben nach unten verläuft, also beim Kopf anfängt und an den Brüsten abschließt.

In den folgenden Kapiteln des Hohenlieds erfolgen weitere Beschreibungslieder, wobei die Freundin nun mitunter auch als Braut benannt wird. Immer wieder werden Vergleiche mit der Tier- und Pflanzenwelt gezogen, um die Schönheit aber vor allem das Ausmaß der Liebe zwischen Frau und Mann zu verdeutlichen.

Die Liebe, egal ob zwischen einem einfachen Mann und einer Frau oder zwischen Gott und seinem Volk, ist das was unser Leben ausmacht. Nichts anderes wird im Hohelied und besonders in diesem Beschreibungslied beschrieben, als die Sehnsucht nach dem Geliebtwerden und dem Lieben einer anderen Person, dem Vergessen von Sorgen und dem Hingeben der Schönheit des anderen.

 

3. Diachrone Beobachtungen: Ein Brautkrönungslied?

Seinen Ursprung hat die Bezeichnung Hohelied im Hebräischen [sir hassirim], das sich mit Lied der Lieder übersetzen lässt. Es zählt zu den fünf Festrollen und wird daher zum Passah-Mazot-Fest vorgetragen (vgl. Haag, 1996, 224). Vermutlich ist dieses Buch in seiner Entstehung nachexilisch einzuordnen, da die Sprache und das verwendete Vokabular darauf hinweisen, sowie „wegen seiner Herkunft aus der schriftgelehrten Weisheit Israels“ (Haag, 1996, 225). Ähnliche Liebeslieder wurden oft auf Gastmählern in Ägypten oder Griechenland vorgetragen (vgl. Otto, 2000, 1839) oder zur Darstellung von Göttinnen verwendet (vgl. Zakovitch, 2004, 181).

Das Hohelied besteht aus vielen kleinen Liedern, die zu einem großen Kunstwerk zusammengefügt wurden und über die Liebe berichten (vgl. Krinetzki, 1981, 11). Das Judentum sah in diesen Texten die metaphorische Auslegung der Liebe zwischen JHWH und dem Volk Israel, wohingegen das Christentum das Hohelied auf Christus und die Kirche deutete (vgl. Haag, 1996, 225).

Es ist schwierig, die einzelne Perikope Hld 4,1-7 einer bestimmten zeitlichen Epoche zuzuordnen. Heinevetter hält den Abschnitt für „ein Produkt vielfältiger kompositorischer Arbeit“ (Heinevetter, 1988, 117) und teilt die einzelnen Verse und Halbverse aufgrund konkurrierender Bildwelten und stilistischer Unterschiede in verschiedene redaktionelle Schichten ein, während andere Exegeten wie O. Keel (1986, 129-144) oder Y. Zakovitch (2004, 180-190) die Perikope als einheitlich betrachten.

Ihren Ursprung hat die alte Gattung „Beschreibungslied“ wasf in der altorientalischen und altägyptischen Dichtung (vgl. Zakovitch, 2004, 180f.). Als Sitz im Leben wird häufig die Verwendung als Braut-Krönungslied bzw. Hochzeitslied angenommen. Doch das Beschreibungslied des Hohenlieds „ist ein literarisches Gebilde, das an keinen bestimmten Sitz im Leben gebunden war und zu jeder Zeit gesungen werden konnte“ (Gerlemann, 1981, 146).

 

4. Stimmen aus der Forschung

4.1. Das Beschreibungslied als Antwort

Krinetzki sieht im Hld 4,1-7 das erste von mehreren Beschreibungsliedern, das vermutlich von einem Mann an ein Mädchen geschrieben wurde. Im Zentrum steht eine Metapher (4,1c-d) neben sechs Vergleichen. Die Stellung des Hlds 4,1-7 ist dadurch berechtigt, dass im vorangegangenen Kapitel besonders der Geliebte durch das Mädchen beschrieben und umworben wird. Nun beschreibt der Geliebte als Antwort seine Liebste (vgl. Krinetzki, 1981, 133-137). Nach Günter Krinetzkis wird die makellose Schönheit der Geliebten vom Jüngling verehrt und angepriesen.

4.2. Das Beschreibungslied als Willkommensgruß Salomos

Eine vorherrschende Auffassung wird u.a. von Othmar Keel vertreten. Er versteht das Beschreibungslied als einen „Willkommensgruß Salomos […], dem die Braut von 3,6-8 entgegenzieht und der sie vor seinem Palast empfängt, wo ihn die in 3,11 angesprochenen ‚Töchter Jerusalems’ sehen und hören können.“ (Keel, 1986,130)

4.3. Das Beschreibungslied als Ausdruck von Liebe

Zakovitch erklärt das Hld 4,1-7 zum Beschreibungslied, das die „Schilderung der körperlichen Vorzüge von Bräutigam und Braut bietet“ (Zakovitch, 2004, 180). Außerdem ist die Ähnlichkeit des Beschreibungsliedes mit dem über Sara im Genesis-Apokryphon festzustellen. Im Hohenlied ist die Beschreibung der Freundin lediglich auf den Oberkörper beschränkt (vgl. Zakovitch, 2004, 183). Der Sprecher des Liedes bewundert die Schönheit seiner Geliebten, um somit seine Liebe zu ihr zu verdeutlichen.

 

Literaturverzeichnis

Gerlemann, Gillis, 1981, Ruth. Das Hohelied (BKAT), Neukirchen-Vluyn

Heinevetter, Hans-Josef, 1988, „Komm nun, mein Liebster, Dein Garten ruft Dich!“. Das Hohelied als programmatische Komposition, Frankfurt a. M.

Haag, Ernst, ³1996, Art.: Hoheslied, in: LThK, 224-225

Keel, Othmar, 1986, Das Hohelied. (ZBK AT 18), Zürich

Krinetzki, Günter, 1981, Kommentar zum Hohenlied. Bildsprache und theologische Botschaft, Frankfurt a. M.

Otto, Eckart, (4)2000, Art.: Hohes Lied, in: RGG, 1839

Zakovitch, Yair, 2004, Das Hohelied (HThK AT), Freiburg

 

 

zurück zur Übersicht