Carpe Diem et Memento Mori

Julia Preußner

Kurzbeschreibung:
Koh 9,1-10 beschäftigt sich zunächst mit dem Tod. Daraufhin folgt jedoch der Rat, das Leben zu genießen. Dieser Aufruf zur Freude ist bedingt durch das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit. Da jeder Mensch sterben wird, ganz gleich, wie es ihm zu Lebzeiten erging, fordert Kohelet dazu auf, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Dadurch wird das auch heute noch viel zitierte Motto „Memento Mori“ dem „Carpe Diem“-Motiv gegenübergestellt.
Zusätzliche Autoreninformation: Julia Preußner
Studentin, Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Pred 9,1-10
Zusätzliche Skripturen:
Ps 90 Koh 3,19 Koh 4,14-16 Koh 8,8-11 Koh 11,9-12,7 Mt 6,25-34
Weitere Schlagworte:
Altes Testament; Anthropologie; christliche Ethik; Endlichkeit; Existenz; Freude; Glück; Kohelet; Lebensformen; Menschenbild; Sterben; Tod; Tun-Ergehen-Zusammenhang; Weisheit; Zeit; Zukunft

1. Erster Leseeindruck

In Koh 9,1-10 wird den LeserInnen zunächst vermittelt, dass das Leben vergänglich ist – und zwar das Leben eines jeden Menschen, ob gut oder böse. Die Erwähnung, dass jeden Menschen das gleiche Geschick trifft, lässt den Text auch in unserer Zeit aktuell erscheinen. Denn dies beschäftigt den Menschen zu jeder Zeit. Der darauf folgende Aufruf zur Freude scheint mir voller Aktualität zu sein, da es einen weit verbreiteten Lebensstil wiederspiegelt.

2. Synchrone Zugangsweise: Der Tod und die Freude des Lebens

2.1 Abgrenzung und Kontext

Das Buch Kohelet, auch Prediger genannt, ist der Weisheitsliteratur zugeordnet. Dort nimmt es jedoch im Rahmen alttestamentlicher Weisheitsliteratur eine besondere Stellung ein. „So gesehen gehört das Buch Kohelet – ähnlich wie das Buch Ijob - zur sogenannten Auseinandersetzungsliteratur“ (Schwienhorst-Schönberger, 2004, 1258). Die Weisheit des Alten Testaments ist von unserem modernen Weisheitsverständnis abzugrenzen. Es handelt sich um eine Art Lebenskunde, wonach ein Allwissender nicht unbedingt weise sein muss und ein Weiser nicht gleichzeitig ein Vielwissender ist (vgl. Zenger, 1998, 329).

Auch innerhalb des Koheletbuches lässt sich eine weitere Abgrenzung der Texte vollziehen. Nach Schwienhorst-Schönberger (2001, 338) lässt sich das Buch folgendermaßen gliedern:

I. 1,3-3,22 Darlegung: Entfaltung und Beantwortung der Frage nach Inhalt und Bedingungen der Möglichkeiten menschlichen Glücks

II. 4,1-6,9 Entfaltung: Auseinandersetzung mit einem vorphilosophischen Glücksverständnis

III. 6,10-8,17 Verteidigung: Auseinandersetzung mit alternativen Glücksbestimmungen

IV. 9,1-12,7 Anwendung: Aufruf zur Freude und tatkräftigen Handeln

Nach dieser Gliederung beginnt mit 9,1 der letzte Teil des Buches. „Dieser wird durch 9,1-10 und 11,9-12,7 gerahmt. Dabei sind die beiden Aspekte des Carpe diem-Motivs chiastisch aufeinander bezogen: Tod-Freude (9,1-10) / Freude-Tod (11,9-12,7)“ (Schwienhorst-Schönberger, 2004, 1273). Ein fortschreitender Gedankengang ist in Kohelet nicht zu finden; es gibt keine Ganzheit der Kapitel. Jedoch beziehen sich die einzelnen Kapitel aufeinander. Demnach sind inhaltliche Parallelen zu Koh 9,1-10 in Koh 4,14-16; 3,19; 8,11 zu finden. Außerdem finden sich Verbindungen zu Spr 5,18 und Mt 6,19-34.

2.2 Gliederung

Oft wird in der Forschung der Abschnitt Koh 9,1-10 ohne weitere Unterteilung gesehen, da sich der Inhalt direkt aufeinander bezieht und durch eine Unterteilung der Kontext verloren gehen könnte (vgl. Lauha, 1978, 164f).

Für meine Ausführung werde ich den Text jedoch in zwei Teile gliedern. Der erste Teil 9,1-6 beschäftigt sich mit dem Thema Tod, der zweite Teil 9,7-10 hat die Freude und das kraftvolle Handeln zum Inhalt. Unterstützt wird diese Gliederung durch die am Ende des Buches wieder aufgegriffene, umgekehrte Reihenfolge der Themen (Koh 11,9-12,7) (vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2004, 1275).

2.3 Sprachlich-syntaktische Besonderheiten

Das Kapitel beginnt mit einer Ich-Erzählung, wechselt dann aber in Koh 9,6 in einen beschreibenden Stil und damit in eine sachliche Erörterung. Koh 9,7-10 trägt die Form „des begründeten Mahnwortes in direkter Anrede“ (Zimmerli, 1980, 219). In dem Abschnitt findet man mehrere, für die hebräische Literatur ungewöhnliche, dichterische Mittel. Die Aussagen sind erkennbar rhythmisch gehalten, was sich besonders in einem Reim in Koh 9,6 zeigt. Dort, wo der Tod direkt zur Sprache kommt, „verdichtet sich das Metrum zum Qina-Vers“ (Lauha, 1978, 165). In Koh 9,4 ist ein Zitat aus der Spruchweisheit auszumachen und der erste Teil weist deutlich ironische Züge auf (vgl. Lauha, 1978, 165f).

2.4 Memento Mori: Koh 9,1-6

In Koh 9,1-6 werden mehrere, bereits in vorherigen Kapiteln angesprochene Themen auf den zentralen Begriff des Todes zusammengeführt. Im Vordergrund steht das Bewusstsein des Menschen über die eigene Sterblichkeit und die Aufhebung des Tun-Ergehen-Zusammenhangs.

In Koh 9,2 verlieren die Unterschiede zwischen den Menschen im Angesicht des Todes an Bedeutung. Das Verhalten der Menschen, ob gut oder böse, macht im Tod keinen Unterschied. Dadurch wird der Tun-Ergehen-Zusammenhang aufgehoben und der Leser zum Bösen verleitet (Koh 9,3) (vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2004, 1274). Der Mensch muss erkennen, dass jeden das gleiche Geschick trifft, die Gerechten und die Weisen wie die Gottlosen. „Die Antithesen dienen […] als Beispiele um zu veranschaulichen, daß das Schicksal des Menschen nicht von seiner religiösen oder sittlichen Qualität abhängt“ (Lauha, 1978, 167).

Koh 9,4 erzählt von dem lebenden Hund, der besser sei, als ein toter Löwe. Der Hund erscheint in der alttestamentlichen Literatur immer als schlechtes, verachtetes Tier (vgl. 1 Kön 21,19; Spr 26,11), der Löwe aber steht für Herrschaft, Reichtum und Stärke, so wie für das Ansehen und das edle Leben, dass der Löwe führt (vgl. Num 23,24; Spr 30,30). Diese Metapher soll aufzeigen, dass es besser ist schlecht zu leben als reich zu sterben. Hier findet sich ein Wiederspruch, da der Prediger in Koh 4,2f. behauptet, dass es besser sei zu sterben, als zu leben; aber noch besser sei es, gar nicht erst das Licht der Welt zu erblicken (vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2004, 1274). Die Frage, was der Lebende dem Toten voraus hat, spitzt sich in der Frage über den Sinn des Lebens zu; ironisch wird festgestellt, dass das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit des Lebenden diesen über den Toten stellt. Kohelet erwähnt in 1,3 und 1,11, dass es weder Gewinn, noch Erinnerung für den Menschen gibt. Somit wird der Lebende dem Toten gleich gestellt, doch muss der Lebende die Last des Bewusstseins über die eigene Sterblichkeit tragen.

In Koh 9,6 wird schließlich das Endgültige, das mit dem Tod einhergeht, erläutert; ein Leben nach dem Tod gibt es für Kohelet nicht (vgl. Lauha, 1978, 167f).

2.5 Carpe Diem: Koh 9,7-10

In Koh 9,7-10 stehen die Freude und das kraftvolle Handeln im Vordergrund. Der Wechsel zwischen den Themen Tod und Freude passiert sowohl inhaltlich, als auch sprachlich abrupt und ohne Übergang. In 9,7 steht der eindeutigste Aufruf zur Freude des ganzen Koheletbuches. In den Versen ist das Motiv „Carpe diem“ (wörtl.: Pflücke den Tag) deutlich zu erkennen (vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2004, 1274); inhaltlich baut es auf die Verse 9,1-6 auf, die dem Motto „Memento Mori“ (wörtl.: Gedenke des Todes) zugeordnet werden können. Das Carpe diem-Motiv steht in breiter Tradition „und findet sich auch im Gilgamesch-Epos, in den ägyptischen Harfnerliedern, in der griechisch-hellenistischen und römischen Literatur“ (Schwienhorst-Schönberger, 2004, 1274).

Der Absatz „fordert dazu auf, die [… in Vers 1-6] entfaltete hoffnungslose Perspektive und die Sinnlosigkeit der Weltordnung auf sich beruhen zu lassen und sich nur auf Ziele des Augenblickes zu konzentrieren“ (Lauha, 1978, 168). Mit der Aufzählung von Brot, Wein, weißen Kleidern und Öl werden alltägliche Lebensbedürfnisse wie Luxusgüter aufgezählt und stehen in der Bedeutung als Freudenbringer, Freude, Heiterkeit und Ansehen. In 9,9 ist wahrscheinlich die Ehefrau gemeint. Der Autor bezieht sich hier einerseits auf das familiäre Zusammenleben, da das glückliche Familienleben zum israelitischen Ideal gehörte, andererseits auf die erotisch-sexuelle Freude. „Kohelets Rat lautet somit: Da du im Tode nichts bekommen kannst, ergreife deinen Anteil am Leben“ (Lauha, 1978, 169).

2.6 Anthropologische Aspekte zu Tod und Freude

In der Anthropologie ist das Wissen um die eigene Vergänglichkeit eines der Hauptthemen (vgl. Schnocks, 2010, 317). In der Weisheitsliteratur ist anthropologisch mehrfach „der Kontrast und die Korrespondenz zwischen Bild und Vorstellung vom ewigen Gott und vom hinfälligen, vergänglichen Menschen“ (Irsingler, 2010, 378) thematisiert. Im Koheletbuch wird die Frage nach dem Menschsein daran festgemacht, wie dieser Glück erlangen könne, in den wenigen Tagen, die ihm unter der Sonne gegeben sind (vgl. Koh 2,3). Durch die Erfahrung von Freude wird die „Wirklichkeit Gottes“ in den Kontext eingebunden (vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2010, 184). Bei Kohelet zeigt die Gewissheit des Todes eine Perspektive des Menschseins. Da der Tod, anthropologisch gesehen, dem Leben einen Abschluss verleiht, ist es nur natürlich, dass eben dieser nicht ohne genauere Betrachtung des Lebens begriffen werden kann – und andersherum (vgl. Schnocks, 2010, 320). Somit ist es verständlich, dass Kohelet nachdem er den Tod thematisiert, das Leben und dessen Freuden in den Blick nimmt. Das Leben, und somit das Menschsein, wird unter Berücksichtigung des Verfallens dargestellt; und zwar „nicht resignativ-pessimistisch, sondern nüchtern-realistisch […], wie es ist: begrenzt, endlich, vergänglich“ (Schmidt, 1992, 115).

Bereits in den vorangegangenen Kapiteln bemerkt Kohelet, dass der Mensch der Zukunft nicht gewachsen sei, also auch keinerlei Macht über diese besitze (vgl. Koh 8,8). In Koh 9,9 legt der Prediger das Geschick in die Hand Gottes, da der Mensch nicht darum weiß. In Koh 9,2-4 löst Kohelet die alttestamentliche Schuldfrage auf: Das gleiche Geschick trifft den Gerechten, wie den Frevler. Damit „erscheint einzig wichtig der Gegensatz von Tod und Leben, hingegen schwindet die Differenz von Schuld und Unschuld völlig“ (Wolff, 2010, 175). Im Gegenzug lehrt Kohelet aber, dass das Bedenken der Zukunft unweigerlich zum Menschsein gehöre, auch wenn er das Leben nicht von Anfang bis Ende begreifen könne (vgl. 3,11). Dadurch ist, wie Koh 9,4 schildert, das Bedenken der Zukunft immer mit Hoffen verbunden (vgl. Wolff, 2010, 219).

Auch die Verse 9,7-10 erklären sich in der fehlenden Fähigkeit des Menschen, sein Leben als Ganzes zu überschauen und die Zukunft vorhersehen zu können. „In der Fügung unter Gottes Bestimmungen und in der Empfänglichkeit für die guten Gelegenheiten zeigt Kohelet die einzige Möglichkeit für den weitblickenden Skeptiker auf, mit seiner Zeit umzugehen“ (Wolff, 2010, 142). Im Bewusstsein über die Sterblichkeit und Ungewissheit über die Zukunft „ist es zuletzt allein Gott selbst, der dem Menschen ermöglicht, das Nötige zu schaffen und allen Widrigkeiten zum Trotz das Gute zu entdecken und fröhlich zu genießen“ (Wolff, 2010, 142f).

3. Diachrone Betrachtungen: Kohelet zitiert

3.1 Entstehungszeit und Autorfrage

Zu Beginn des Buches stellt sich der Erzähler mit dem Namen Kohelet (feminines Partizip von hebr. qahal, (ver)sammeln) vor. Der Ausdruck wird in der Wissenschaft nicht immer als Name aufgefasst, sondern viel mehr als Eigenschaft der redenden Person, die „einen Kreis von Hörern um sich versammelt“ (Schwienhorst-Schönberger, 2004, 1260). Daher auch die Bezeichnung „Prediger“ für das Buch. Es ist jedoch nicht eindeutig festzustellen, ob es sich bei Kohelet um eine reale Person, die tatsächlich gelebt hat, handelt oder um eine fiktive, rein literarische Person (vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2004, 1260).

Die Verwendung der Sprache voller aramäischer Einflüsse spricht für eine nachexilische Entstehungszeit des Buches. Bezieht man mögliche Einflüsse der hellenistischen Kultur mit ein, lässt es sich in die Zeit des dritten Jahrhunderts vor Christus einordnen (vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2001, 341; Witte, 2007, 461). Das um 190 v.Chr. verfasste Sirachbuch bezieht sich direkt auf Kohelet und setzt sich mit seinen Aussagen auseinander. Somit muss das Predigerbuch früher eingeordnet werden. Dadurch ergibt sich die Datierung 300-200 v. Chr. für die Entstehung des Buches.

3.2 Die Zitatentheorie

Zahlreiche inhaltliche Spannungen und Widersprüche innerhalb des Koheletbuchs haben verschiedentlich Versuche provoziert, diese literarkritisch aufzulösen und als Ergebnis der Wachstumsgeschichte des Buchs zu sehen. Befriedigender ist jedoch der Ansatz der sogenannten „Zitatentheorie“ (Ansätze seit Mendelssohn 1771; vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2001, 339f.). Die Grundannahme dieser Theorie geht davon aus, dass Kohelet von seinen früheren Erfahrungen berichtet und daraus Schlussfolgerungen zieht. „Spannungen und Widersprüche lassen sich dadurch erklären, dass Kohelet zum einen von unterschiedlichen Etappen auf seinem Weg zur Erkenntnis berichtet“, und zum anderen dadurch, dass er traditionelle Sprichwörter oder gar „‚gegnerische Meinungen‘ in Form von Zitaten zu Wort kommen lässt, um sie in der Regel anschließend zu ‚widerlegen‘“ (Schwienhorst-Schönberger, 2004, 1260).

Dieser Ansatz betrifft auch die Perikope Koh 9,1-10: Der Aufruf zum Lebensgenuss zur Ölung des Hauptes Koh 9,8b steht in Spannung zur Aussage Koh 7,1a. Die pessimistische Aussage Koh 7,1 spiegelt demnach nicht die Ansicht Kohelets wider, die er in 9,8 kritisiert. Auch die frauenfeindliche Aussage in Koh 7,26 steht im Widerspruch zu Koh 9,9, stellt ihrerseits eine zitierte Ansicht dar, die er ebenfalls zurückweist (vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2001, 340).

3.3 Sitz im Leben

Im Alten Testament ist Kohelet der Weisheitsliteratur zugeordnet. „Im alten Orient war die Weisheit als soziales und literarisches Phänomen am Königshof zu Hause“ (Lauha, 1978, 1), ihr Sitz im Leben weitete sich aber auch auf die bürgerliche Gesellschaft aus.

Wie bereits erwähnt, nimmt Kohelet innerhalb der Weisheitsliteratur eine besondere Stellung ein. „Weisheit besitzt für Koh nur einen relativen Wert, der sich in jeder Situation neu bewähren muss“ (Witte, 2007, 459). Gott setzt durch die uneinsehbare Zukunft Grenzen, die die Weisheit nicht überschreiten kann. In seinem Buch möchte Kohelet „zum Gehen des ‚goldenen Mittelweges‘ ermutigen“ (Witte, 2007, 459). Dadurch weist das Buch starke Parallelen zur neuzeitlichen Philosophie auf. „Im Bedenken des menschlichen Lebens als eines Laufs in den Tod weist Kohelet Beziehungen zur modernen Existenzphilosophie auf.“ (Schwienhorst-Schönberger, 2001, 344).

In Koh 9,1-10 werden das Leben und der Tod im Allgemeinen betrachtet, „besonders um Erwägungen über die Lage des Menschen angesichts des Todes“ (Lauha, 1978, 165) machen zu können. Die Aussagen des Autors können als „lebhaft appellierende Maxime“ an seine Schüler betrachtet werden (vgl. Lauha, 1978, 165).

3.4 Theologie des Koheletbuches

„Charakteristisch für die Theologie des Kohelets ist ihr anthropologischer Ausgangspunkt“ (Witte, 2007, 462). Der Mensch als Werk Gottes steht im Vordergrund. Jedoch ist er nicht in der Lage, Gottes Schöpfung gänzlich zu begreifen oder zu ergründen. Die Gottesfurcht tritt bei Kohelet durch die Unberechenbarkeit Gottes zu Tage. Durch sie muss der Mensch die von Gott gesetzten Grenzen bedingungslos akzeptieren und lernen mit ihnen zu Leben (vgl. Witte, 2007, 462f).

4. Stimmen aus der Forschung

4.1 Das Licht des Lebens

„Oberflächlich sieht es aus, als gehe es um das Dunkel des Todes. Doch mindestens genauso wichtig ist im Zusammenhang das dabei sichtbar werdende Licht des Lebens. Die drei Hauptbegriffe sind ‚Zuversicht‘, ‚Erkennen‘ und ‚Belohnung‘, was auf die personale Beziehung der Menschen untereinander hinaus will.“ (Lohfink, 1980, 64)

4.2 Rechtfertigung durch Freude

„Ein origineller Rechtfertigungsgedanke findet sich bei Kohelet […]. Ihm zufolge kann nichts den Menschen rechtfertigen, es sei denn, dass er die von Gott geschenkte Freude zu schätzen wisse, indem er sie lobt und ihr im alltäglichen Handeln Raum gibt.“ (Staubli, 2010, 114)

4.3 Leben nach dem Tod bei Kohelet

„Gegen die Erwartung einer Vergeltung der Guten Taten nach dem Tode“ (Michel, 1989,180), lautet die Überschrift eines Textes von D. Michel. Er sieht in Koh 9,1 Anzeichen dafür, dass es für Kohelet sehr wohl ein Leben nach dem Tod gab, das die Ungerechtigkeit des Lebens ausgleichen würde.

Literaturverzeichnis:

Irsinger, H., 2010, Zur Interpendenz von Gottes- und Menschenbildern im Kontext alttestamentlicher Anthropologien, in: Frevel, C. (Hg.), Biblische Anthropologie – Neue Einsichten aus dem Alten Testament, Freiburg am Breisgau, 350-389

Lauha, A., 1978, Kohelet (BK 19), Neukirchen-Vluyn

Lohfink, N., ³1986, Kohelet (NEB), Würzburg

Michel, D., 1989, Untersuchungen zur Eigenart des Buches Qohelet (BZaW), Berlin

Schmidt, W. H., 1992, „Der du die Menschen lässest sterben.“ Exegetische Anmerkungen zu PS90, in: Crüsemann, F. (Hg.), Was ist der Mensch…? Beiträge zur Anthropologie des Alten Testaments, München, 115-132

Schnocks, J., 2010, Konzeption der Übergänge vom Leben zum Tod und vom Tod zum Leben, in: Frevel, C. (Hg.), Biblische Anthropologie – Neue Einsichten aus dem Alten Testament, Freiburg am Breisgau, 317-331

Schwienhorst-Schönberger, L., 42001, Das Buch Kohelet, in: Zenger, E. (Hg.), Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart, 336-344

Schwienhorst-Schönberger, L., 2004, Das Buch Kohelet, in: Zenger, E. (Hg.), Stuttgarter Altes Testament, Stuttgart, 1258-1277

Schwienhorst-Schönberger, L., 2010, Zwischen Agonie und Glück. Kulturanthropologische Impulse und alttestamentliche Anthropologie am Beispiel Kohelets, in: Frevel, C. (Hg.), Biblische Anthropologie – Neue Einsichten aus dem Alten Testament, Freiburg am Breisgau, 164-189

Staubli, T., 2010, Alttestamentliche Konstellationen der Rechtfertigungslehre des Menschen vor Gott, in: Frevel, C. (Hg.), Biblische Anthropologie – Neue Einsichten aus dem Alten Testament, Freiburg im Breisgau, 88-133

Witte, M., ²2007, Schriften (Ketubim), in: Gertz, F.C. (Hg.), Grundinformationen Altes Testament, Göttingen

Wolff, H. W./Janowski, B. (Hgg.), 2010, Anthropologie des Alten Testaments, Gütersloh

Zimmerli, W. u.a., ³1980, Sprüche/Prediger (ATD 16/1), Göttingen

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