Sexuelle Gewalt im Hause Davids: Amnon und Tamar

Anne-Katrin Senge

Kurzbeschreibung:
Die Erzählung handelt von Tamar, Tochter des Königs David und Schwester von Amnon und Abschalom. Amnon verliebt sich in sie. Er stellt sich krank und kann seinen Vater David durch einen Hinterhalt bewegen, Tamar zu ihm zu schicken. Dort vergewaltigt er sie. Seine Liebe schlägt in Hass um. Er wirft sie hinaus, sie zerreißt ihr Ärmelkleid, streut Asche auf ihr Haupt und läuft schreiend davon. Ihr Bruder Abschalom nimmt sie auf und bringt sie für immer zum Schweigen.
Zusätzliche Autoreninformation: Anne-Katrin Senge
Studentin, Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
2.Sam 13,1-22
Zusätzliche Skripturen:
Ex 22,15-16 Dtn 22,22-29 2 Sam 11
Weitere Schlagworte:
Absalom; Absicht; Begehren; Befiedigung; Beziehungen; Gefühle; Geschwister; Gewalt; König; Liebe; Lust; Macht; Machtbereich; Palast; Raum; Raumbewegung; Schandtat; Sexualität; Tamar; Vergewaltigung

1. Erster Leseeindruck

Bei dem vorliegenden Text 2 Sam 13,1-22 handelt es sich um eine brutale Erzählung, die sexuelle Gewalt darstellt. Es ist eine grausame Vergewaltigung und die damit verbundene Zerstörung einer jungen Frau. Tamar wird zum Opfer ihrer eigenen Familie, der nur Macht- und Herrschaftsansprüche wichtig zu sein scheinen. Die Vergewaltigung zerstört alle künftigen Lebensmöglichkeiten und Tamar „verdorrt“ (V 20) im Hause ihres Bruders Abschalom.

2. Synchrone Zugangsweise: Geschwisterliche Gewalttaten

2.1 Abgrenzung

Die Vergewaltigung Tamars ist eine eigenständige Episode in den Samuelbüchern. Ihre Abgrenzung erfolgt durch eine Einführung des Erzählers mit den handelnden Personen David, Abschalom, Amnon und Tamar von V 1-3. Es werden einige Details bekannt gegeben, die für den weiteren Verlauf von Bedeutung sein werden, so die familiären Beziehungen, Tamars schönes Äußeres und die Aussage, dass sich Amnon in sie verliebt. Dass Abschalom als erster erwähnt wird, ist für die nachfolgenden Erzählungen relevant. Außerdem verknüpft eine hebräische Einleitungsformel das Vorangehende mit dem Folgenden und grenzt es gleichermaßen davon ab (vgl. Bar-Efrat, 2009, 125).

Das Ende der Erzählung V 22 ist ähnlich dem Einstieg, denn es werden hierbei noch einmal die Namen der handelnden Personen aufgegriffen. Anfang und Ende haben gemeinsame Gliederungsmerkmale; die Zeitangaben in V 1 und V 23 trennen die Erzählung von ihrem Kontext..

V 22 weist noch einmal auf das zerrüttete Verhältnis der Halbbrüder hin und ist Gegenstand in den weiteren Erzählungen.

Tamar wird in den V 1-22 an den Rand der Erzählung gedrängt. Danach wird sie nicht noch einmal erwähnt (vgl. Langenhorst, 2002, 25). Das ist als ein weiterer Abgrenzungspunkt zu verstehen, denn die junge Frau tritt nach dieser Episode kein weiteres Mal auf.

2.2 Einbettung in einen größeren Kontext

Die Episode 2 Sam 13,1-22 ist Teil der „Thronfolgegeschichte“ (2 Sam 10-1 Kön 2), die ein kritisches Licht auf die frühe Königszeit wirft.

Sie ist mit der Erzählung aus 2 Sam 11.12 in Verbindung zu bringen. Dort findet sich ein Wendepunkt in Davids Macht zur Defensive, indem er sich Bathseba, der Frau Urias bemächtigt und sie vergewaltigt. Er tut Bathseba Gewalt an, nimmt sie sich, nachdem er sie von dem Dach des Palastes aus beobachtet und begehrt hat (vgl. Rauchwarter, 2008, 199).

2 Sam 13,1-22 berichtet abermals, wie in den vorherigen Episoden erkennbar, von den zerrütteten Verhältnissen der Königsfamilie. Die Szene führt uns direkt in die Entstehung der davidischen Dynastie. Amnon ist Erstgeborener und hat somit Anspruch auf die Thronfolge. Seine Mutter ist die Ahinoam. Abschalom indessen, Sohn der Maacha und dritter Sohn Davids, hasst seinen Bruder nachdem er seine Schwester entehrte. „An diesen Müttern kann man die zweckdienliche Heiratspolitik Davids erkennen, die soziale Schichten und Landstriche an sein Haus bindet“ (Rauchwarter, 2008, 199). Die Ereignisse der Vergewaltigung sind als Tatmotiv für die noch anstehende Ermordung Amnons durch Abschalom zu interpretieren (vgl. Bar-Efrat, 2009, 124). Gleichermaßen ist es auch ein Hilfeschrei der jungen Frau Tamar. Sie wird zum Opfer ihrer eigenen Familie, hineingesetzt in eine Männergesellschaft, die in Macht- und Herrschaftsansprüche verflochten ist. Die Schändigung verdeutlicht nicht nur die Lust nach sexueller Befriedigung, sondern den Machtwillen Amnons. Man kann es auch als eine Art Angriff auf die Macht Davids interpretieren, denn Tamar gehört als Jungfrau in den Machtbereich ihres Vaters, den niemand berühren darf, solange der König es nicht gestattet. Durch den Hinterhalt der Krankheit durchbricht Amnon diesen und dringt in ihn ein (Müllner, 2004, 538).

 

2.3 Gliederung und Aussageintention

2.3.1. Abschnitt 1 (V 1-3)

Der erste Abschnitt verläuft von V 1-3. Er ist die Exposition der Geschichte und stellt die handelnden Personen vor. Nichtsdestoweniger wird das Hauptproblem dieser Handlung erläutert „…Amnon, der Sohn Davids, verliebte sich in sie“ (2 Sam 13,1) (vgl. Müllner, 2004, 538). Es wird weiterhin davon berichtet, dass Amnon krank wird wegen seiner Schwester Tamar. Diese Krankheit ist als Ausdruck des starken, zunächst unerfüllten Begehrens Amnons zu verstehen. Tamar als Jungfrau ist für ihn ohne die Genehmigung des Königs nicht erreichbar, denn sie steht unter dem Schutz und der Verfügungsgewalt Davids.

In V 3 tritt erstmals Jonadab hinzu, dem die Eigenschaft der Klugheit zugesprochen wird. Es lässt sich demnach erahnen, dass in den folgenden Szenen mithilfe Jonadabs eine Lösung des Problems gefunden wird.

2.3.2 Abschnitt 2 (V 4-7)

Die darauf folgenden V 4-7 berichten von dem Hinterhalt, dem heimtückischen Plan, den Jonadab und Amnon schmieden (vgl. Müllner, 2004, 538). Folglich spricht Amnon von der Liebe zu seiner Schwester, woraufhin Jonadab von der Durchführung des Plans berichtet, bei der Tamar in die Kammer ihres Bruders gelockt wird. Danach wird der Plan in die Tat umgesetzt und Amnon stellt sich krank, so dass Tamar ihn in seiner Kammer besucht und ihm Krankenkost aus ihrer Hand reicht.

Auffällig dabei ist, dass David indirekt in den Plan involviert ist. Er lässt seine Tochter zu ihrem Bruder, ohne Verdacht von dessen Absicht zu schöpfen. Durch diese Umstände lässt sich erahnen, dass es zu dieser Zeit sehr schwer gewesen sein muss, unverheiratete Männer und Frauen ohne triftigen Grund zusammenzuführen. Denn nur durch den Hinterhalt gelingt es Amnon, seiner Schwester nahe zu sein.

2.3.3 Abschnitt 3 (V 8-17)

Der dritte Abschnitt verläuft von V 8-17 und erzählt von der Vergewaltigung und der anschließenden Verstoßung Tamars.

Nachdem David seine Tochter zu ihrem Bruder schickt, wird die Handlung der Vergewaltigung eingeleitet.

Tamar bereitet vor den Augen ihres Bruders Kuchen zu. In der Elberfelder- Bibelübersetzung geht dies sogar noch weiter, indem man den hebräischen Begriff als „Herzkuchen“ (2 Sam 13,8) interpretiert, was als erotisches Unterfangen verstanden werden kann. Der Text greift diese sexuellen Anspielungen noch weiter auf, indem von der Vorbereitung des Kuchens vor seinen Augen und vom Kneten und Formen des Teiges berichtet wird. Demzufolge steigert sich auch das Lüsterne in Amnon, wodurch sein Begehren weiter wächst. Nachdem er sich weigert, etwas von dem Kuchen zu essen, schickt er die letzten Augenzeugen aus dem Zimmer. Dies lässt sich als letzte Vorbereitung auf die sexuelle Gewalt verstehen, da Amnon durch das Fortschicken der anderen verhindert, dass jemand seine Schandtat später bezeugen könnte.

Er lockt seine Schwester in die innere Kammer, indem er vorgibt, aus ihrer Hand die Krankenkost essen zu wollen. Nachdem er sie greift und seine Absichten deutlich werden, leistet Tamar verbalen Widerstand. Zum ersten Mal in dieser Erzählung ergreift sie das Wort und warnt ihn mit den Gesetzen Israels. Sie spricht dabei von einer Schandtat, nach deren Durchführung Amnon als niederträchtigster Mensch in Israel dastünde. Dabei stützt sie sich auf die der Tora, die man in Israel nicht zu brechen wagt. Sie fleht ihn nicht an oder bittet um Gnade, sondern formuliert ihre Antwort klar: „Nein, mein Bruder, entehre mich nicht!“ (2 Sam 13,12). Daraufhin bietet sie ihm sogar eine Lösung des Problems, indem sie ihn eloquent darauf hinweist, dass er bei dem König um ihre Hand anhalten kann. Jetzt wird auch deutlich, dass es sich bei der sexuellen Gewalt in dieser Episode nicht bloß um Inzest, sondern um Vergewaltigung handelt. „Aus der Rede Tamars in V 13 („Und nun, sprich doch mit dem König, denn er wird mich dir nicht verweigern“) geht hervor, dass sie dem Halbbruder nicht verboten war“ (Bar-Efrat, 2009, 124). Amnons Freveltat besteht folglich darin, dass er den Geschlechtsverkehr gewaltsam erzwingt. Er beachtet ihre Worte nicht und schändet sie.

Nachdem er sich ihrer bemächtigte, wandeln sich seine Gefühle Tamar gegenüber. Vor der Schandtat berichtet der Text von Liebe und Begehren, nun spricht er von einem Hass, der größer als die Liebe ist, mit der er sie vorher liebte. Es ist als starker Gefühlsausbruch zu interpretieren, denn die Liebe zuvor war schon so groß, dass er sogar die Grenzen überschritt und sie vergewaltigte. Nun wird der Hass als noch größer als die Liebe beschrieben, was eine enorme Steigerung darstellt. Der Erzähler spricht „direkt von Liebes- und Hassgefühlen, mehr noch: Er stellt die Intensität dieser Gefühle dar und teilt ihre Veränderungen mit“ (Bar-Efrat, 2009, 124.). Dies veranlasst ihn schließlich auch dazu, Tamar aus dem Gemach zu werfen.

Tamar ergreift noch einmal das Wort und erhält einen weiteren entscheidenden Redeanteil in dieser Episode. Sie hält Amnon abermals das Gesetz vor Augen, demnach er noch eine größere Schandtat beginge, nachdem er sie vergewaltigt hat. Wieder ignoriert Amnon ihr Reden und holt zum ersten Mal nach seiner Vergewaltigung wieder einen Diener ins Gemach. Von diesem lässt er Tamar auf die Straße werfen. Die Forderung „schließt die Tür hinter ihr ab!“ (2 Sam 13,17)  verdeutlicht, dass er mit der Schändigung abgeschlossen hat. Amnon hat seine Lust befriedigt, ihm ist nun egal was mit seiner Schwester geschieht und er will auch nichts mehr von ihr hören.

2.3.4 Abschnitt 4 (V 18-22)

Anschließend berichten die V 18-22 die anstehenden Folgen und den Einbezug der restlichen Familie (vgl. Müllner, 2004, 538).

Nachdem der Diener Amnons den Auftrag ausgeführt hat, wird in der Erzählung noch einmal auf die Schandtat hingewiesen. Denn Tamar zerreißt ihr Ärmelkleid, welches in Israel nur denjenigen Königstöchtern gestattet ist, die noch jungfräulich sind. Es findet ein Ausbruch der Gefühle statt, indem sie ihr Kleid zerreißt, Asche auf ihr Haupt streut, sich die Hand auf den Kopf legt und schreiend davon geht. Diese Schreie erregen die Aufmerksamkeit ihres Bruders Abschalom. Seltsam ist hierbei, dass dieser sofort weiß, was vorgefallen ist, denn er spricht sie direkt auf die Schandtat an. Doch statt sie zu trösten und sich ihrer als liebevoller Bruder anzunehmen, bringt er sie zum Schweigen. „Sprich nicht darüber, meine Schwester, er ist ja dein Bruder. Nimm dir die Sache nicht zu Herzen!“ (2 Sam 13,20) Dies zeugt nicht von großer Geschwisterliebe oder der Anerkennung der weiblichen Rechte. Mit der Begründung, dass er doch ihr Bruder sei, ist für Abschalom die Sache abgetan. Er lässt seine Schwester bei sich wohnen, allerdings kümmert er sich nicht um ihre seelischen Wunden. Für Tamar ist ab diesem Zeitpunkt klar, dass ihr Bruder Amnon ihr weiteres Leben von Grund auf zerstört hat (vgl. Müllner, 2004, 539). Familie und Kinder, die Lebensgrundlage einer Frau im alten Israel, wird Tamar niemals besitzen. Ein unverheirateter Mann beschäftigt sich nicht mehr mit einer benutzten und geschändeten Frau, da sie vor der Ehe Geschlechtsverkehr hatte. Tamar verdorrt im Hause ihres Bruders Abschalom.

V 21 und 22 verweisen folglich auf die Reaktion der restlichen Familie. Diese fällt im Falle Davids, ihrem Vater, sehr spärlich aus. Er ist „sehr zornig“ (2 Sam 13,21), doch dies hat keine weiteren Konsequenzen für seinen Erstgeborenen. Es wird auch nicht darüber berichtet, dass er sich eventuell seiner Tochter annahm. Abschalom hingegen redete nicht mehr mit seinem Bruder und hasst ihn für das, was er seiner Schwester antat. Er nimmt sich stattdessen der Sache an und will sie rächen. Allerdings wird dies erst in den nachfolgenden Erzählungen ersichtlicht. Dort wird ebenfalls klar, dass er nicht nur aus Wut über die Schändigung, sondern um seine eigenen Machtinteressen, die Thronfolge durchzusetzen.

 

2.4 Raum und Bewegung

Es ist ebenfalls eine deutliche Raumbewegung in der Erzählung feststellbar. In den ersten beiden Abschnitten befindet sich Tamar noch in einem geschützten und gewohnten Terrain, nämlich in ihrem eigenen Haus. Nachdem sie durch ihren Vater diese sichere Zone verlassen muss, gerät sie in einen ungeschützten Bereich. Im dritten Abschnitt befindet sie sich nun in dem Haus ihres Bruders. Dort kann Amnon über sie entscheiden, da sie den Hof des Vaters unter seiner Verfügungsgewalt verlassen hat. Nach der Vergewaltigung sorgt ihr Bruder Amnon demnach auch wieder für Tamars Verstoßung aus seinem Haus. Sie wird durch ihn in sein Haus geholt und wieder durch ihn verstoßen. In Abschnitt 4 gelangt sie in einen neuen Machtbereich. Im Haus ihres Bruders Abschalom wird sie nun endgültig verweilen. Sie wurde aus ihrem geschützten Umfeld herausgelockt. Von dem Machtbereich ihres Vaters, zum Bruder Amnon, bis hin zum Bruder Abschalom wird durch die Raumbewegung deutlich, dass Tamar sich stets unter der Verfügungsgewalt ihrer männlichen Familienmitglieder befand (vgl. Müllner, 1997, 345).

 

2.5 Schlüsselbegriffe

Die Schlüsselbegriffe „Bruder“ und „Schwester“ kommen in dieser Erzählung sehr häufig vor. Das könnte daran liegen, dass diese Schandtat auf familiäre Ebene übertragen wird. Um diese Tat noch zu verstärken, werden die Schlüsselbegriffe immer wieder in den Text eingebaut. Obwohl eine Vergewaltigung eine schreckliche Tat ist, wird die Schändigung der eigenen Schwester noch dramatisiert.

Tamar wird in dieser Erzählung zur Sympathieträgerin, denn sie erhebt als erste vergewaltigte Frau „selbst ihre öffentliche Klage“ (Langenhorst, 2002, 26) Trotz der Schande, die ihr widerfährt, ist sie eine starke Persönlichkeit. Sie kennt sich mit den Gesetzen Israels aus, was sie verdeutlicht, indem sie ihrem Bruder vor Augen führt, welche Schandtat er begeht. Am Anfang der Erzählung handelt sie noch nicht eigenständig, denn sie übernimmt keine eigenen Redeanteile und wird von den männlichen Handlungsträgern bestimmt. Ihre Eigenhandlung erhält sie erst in der verbalen Auseinandersetzung mit ihrem Bruder Amnon (vgl. Müllner, 1997, 343). Dort übernimmt sie eigene Sprechanteile, in denen sie rhetorisch formulierte Antworten gibt und die Sympathie der Lesenden auf ihre Seite zieht. „Zwar gelingt es den Aktanten, diese Frau als Schweigende und Zerstörte aus der Erzählung zu drängen, der Text leistet mit Tamar jedoch Widerstand, indem er ihr den Raum gibt, den die Männer im Text – vor allem Amnon und Abschalom – ihr verweigern“ (Müllner, 1997, 344).

 

3. Diachrone Beobachtungen: Gemischtgeschlechtliche Kollektive

Es gibt in der Forschung umstrittene Ansichten darüber, auf welche Weise das 2. Samuelbuch entstanden ist. „Der allgemeinen Tendenz in der ersttestamentlichen Wissenschaft entsprechend haben sich auch die Datierungen der ‚Thronfolgeerzählung‘ immer weiter nach hinten verschoben“ (Müllner, 1997, 82).

Ältere Forschungen enthalten die Meinung, dass der letzte Teil des Samuelbuches (2 Sam 9-20) von einem Augenzeugen verschriftlicht wurde. Jüngere Arbeiten gehen eher davon aus, dass zwischen den Verschriftlichungen des Buches und der frühen Königszeit große Zeitabstände liegen.

Die Exegese geht davon aus, dass sich das Buch aus mehreren Quellen zusammensetzt. Unterstützt wird dies mit drei Hauptthesen. Zum wird argumentiert mit den parallelen Erzählfäden, die im ganzen Buch zu finden sind. Zum anderen setzt sich das Buch aus verschieden langen Erzählungen zusammen. Drittens verfolgt man die Ansicht, dass eine Abfolge von Sammlungen das Buch zusammensetzt, bei denen die Erzählungen nicht parallel sind, sondern nach einander spielen. Jede dieser Erzählungen besitzt ein anderes spezifisches Thema. Sie unterscheiden sich beispielsweise in der Sammlungen der Ladeerzählung, Zyklus der Saulgeschichten, der Aufstiegsgeschichte Davids und der Thronfolgegeschichte (vgl. Bar-Efrat, 2007, 24-25).

Es wird des Weiteren davon ausgegangen, dass eine Bearbeitung des Buches durch die Deuteronomisten nach dem babylonischen Exil vorgenommen wurde. In dieser Perspektive wurde das Königtum als gescheitert  angesehen (vgl. Rauchwarter, 2008, 199).

Zu die Entstehung der Perikope 2 Sam 13,1-22 lässt sich nur sehr weniges herausfinden. Durch die Einbettung in die „Thronfolgeerzählung“ findet sie eher am Rande Bedeutung. Anderseits wird sie auch als Kontrastfolie für die Perikope 2 Sam 11 gesehen. Da die Samuelbücher redaktionell zu einer größeren Einheit zusammen komponiert wurden, lässt sich über die Verfasserschaft der Perikope nichts herausfinden. Verfasst wurde das zweite Samuelbuch wahrscheinlich um das 9. Jahrhundert v. Chr. am Jerusalemer Hof von weisheitlich-prophetischen Gruppen. (vgl. Schroer, 1992, 15) Allerdings lässt sich feststellen, dass 2 Sam 13 nicht im Rahmen der deuteronomistischen Bearbeitung verändert wurde. (vgl. Kratz, 2000, 192)

Alle Thesen beruhen darauf, dass nicht ein einzelner für das Verfassen des Samuelbuches verantwortlich ist, sondern dass dieses aus mehreren Elementen besteht. Es ist hierbei „nicht an ausschließlich männliche Verfasserschaft zu denken, sondern die Kollektive der ErzählerInnen als gemischtgeschlechtlich vorzustellen“ (Müllner, 1997, 82).

 

4. Stimmen aus der Forschung

 

4.1 Die Erzählung einer zerrütteten Beziehung innerhalb der Königsfamilie

„Die Erzählung von Amnon und Tamar handelt – wie auch die darauf folgende von der Ermordung Amnons – von den zerrütteten Beziehungen innerhalb der Königsfamilie. Zwar haben sich die Ereignisse auch politische Auswirkungen, diese sind jedoch nicht die Hauptsache. Die Geschichte von Amnon und Tamar wird nicht nur, wie einige Forscher annehmen, erzählt, um den Grund für die Ermordung Amnons anzugeben. Vielmehr zeigen ihre Länge und Detailliertheit, dass es sich um eine selbständige Erzählung mit eigener Bedeutung handelt“ (Bar-Efrat, 2009, 124)

 

4.2 Die Erzählung als Gewalttext

„Der Text schildert die brutale Vergewaltigung und Zerstörung einer jungen Frau. Er gehört also zu den Gewalttexten, die in der Bibel zu finden sind und viele LeserInnen verstören. Gewalt ist eine historische Realität. Gewalt ist auch eine biblische Realität“ (Rauchwarter, 2008, 198)

 

4.3 Die Erzählung als Teil der Thronfolgegeschichte

„Zwei Funktionen sind es, mit denen die Bedeutung von 2 Sam 13 innerhalb des Kontexts beschrieben wird. Die erste bezieht sich auf den Ort der Tamar-Amnon-Erzählung innerhalb des Spannungsbogens der „Thronfolgeerzählung“ als Beginn des Abschalomaufstands. Die zweite Bedeutsamkeit kommt 2 Sam 13 als Parallel- oder Kontrasterzählung zu 2 Sam 11 zu. Da 2 Sam 11 innerhalb eines Entwurfs, für den die Vorgeschichte Salomos bedeutsam ist, eine zentrale Stellung einnimmt, partizipiert 2 Sam 13 an der Beachtung“ (Müllner, 1997, 83).

Literaturverzeichnis

Bar-Efrat, Shimon, 2009, Das Zweite Buch Samuel. Ein narratologisch-philologischer Kommentar, Stuttgart

Bar-Efrat, Shimon, 2007, Das Erste Buch Samuel. Ein narratologisch-philologischer Kommentar, Stuttgart

Kratz, Reinhard G., 2000, Redaktion und Tradition in Samuel und Könige. In: Ders.: Die Komposition der erzählenden Bücher des Alten Testaments. Grundwissen der Bibelkritik, Göttingen, 161-193

Langenhorst, Annegret, 2002, Sprich nicht darüber, meine Schwester Tamar, in: Katechetische Blätter 1, 25-29

Müllner, Ilse, 1997, Gewalt im Hause Davids. Die Erzählung von Tamar und Amnon (2 Sam 13,1-22) (HBS 13), Freiburg i.Br

Müllner, Ilse, 2004, Die Samuelbücher, in: Zenger, Erich (Hrsg.), Stuttgarter Altes Testament, Stuttgart, 460-562

Rauchwarter, Barbara, 2008, Tamar- die Zerstörung einer Frau in einem Gewaltsystem, in: Christlich pädagogische Blätter 4, 198-203

Schroer, Silvia, 1995, Auf dem Weg zu einer feministischen Rekonstruktion der Geschichte Israels. In: Schottroff, Luise/Schroer, Silvia/Wacker, Marie-Theres, Feministische Exegese. Forschungserträge zur Bibel aus der Perspektive von Frauen, Darmstadt, 81-172

 

 

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