Die Gleichnisse ‚vom Verlorenen‘

Penelope Naomi, Leonhardt

Kurzbeschreibung:
Lk 15 und Mt 18,10-14 erzählen die Gleichnisse vom Verlorenen. In diesem Beitrag werden die Gleichnisse vom verlorenen Schaf und vom verlorenen Groschen in Gegenüberstellung betrachtet. Darüber hinaus werden vereinzelt Parallelen zu der Parabel vom verlorenen Sohn gezogen. Durch die Betrachtung dieser Gleichnisse soll die zentrale Bedeutung des Verlierens und Findens, bzw. des Verlorengehens und Zurückkehrens sowie die Aufforderung zur (Mit-) Freude herausgestellt werden.
Zusätzliche Autoreninformation: Penelope Naomi, Leonhardt
Studentin
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Bibelstellenbezug:
Lk 1
Zusätzliche Skripturen:
Q 15,4-5a.7 Mt 18,12-14 Lk 15,1-32
Weitere Schlagworte:
Annahme; Barmherzigkeit; Befreiung; Bekehrung; Buße; Egoismus; Engel; Feste; Geld; Gleichnis; Glück; Guter Hirt; Himmel; Lukas; Matthäus; Mensch; Pharisäer; Quelle; Silbergroschen; Sorge; Sprache; Sünde; Vater; verloren; Drachme; Sohn; Schaf; Verzeihen
Letzte Aktualisierung:
08.04.2017

Inhaltsverzeichnis
 
 

1. Erster Leseeindruck

2. Synchrone Zugangsweise

2.1. Gattungsbestimmung

2.2. Gliederung und Abgrenzung

2.3. Textanalyse

2.4. Bezug zur Sachebene

3. Diachrone Beobachtung

4. Drei Forschungsthesen zum Sachverhalt

4.1. Die allegoresefreie Deutung der Gleichnisse Jesu

4.2. Die konkrete Situation im Leben Jesu

4.3. Neue Entwicklung – eine sich abgrenzende Tendenz

Literaturverzeichnis

Hinweise


1. Erster Leseeindruck

Die Gleichnisse vom Verlorenen sprechen die Alltagerfahrungen eines jeden Menschen an, wodurch sie zur Identifikation einladen. Auffällig sind die parallelen Handlungsstränge, die schon beim ersten Lesen ins Auge stechen. Dies gilt insbesondere für die beiden Gleichnisse. Die Parabel dagegen weist eine komplexere Struktur auf und fordert zum Weiterdenken auf. Auf den ersten Blick wird bei den beiden Gleichnissen die Handlung des Suchens in den Vordergrund gestellt, woraus die unbändige Freude des Wiederfindens resultiert.


2. Synchrone Zugangsweise

In die Zusammenfassung „Die Gleichnisse vom Verlorenen“ zählen das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Lk 15, 1-7/ Mt 18, 10-14), das Gleichnis vom verlorenen Groschen (Lk 15, 8-10) und das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15, 11-32). Alle drei Gleichnisse haben das Motiv des Verlorengehens bzw. des Suchens als Basis.

Das Gleichnis vom verlorenen Groschen sowie das vom verlorenen Schaf haben parallele Handlungsstränge, wobei das erste weniger Möglichkeiten zur Identifikation liefert. Das verlorene Schaf und der suchende Hirte stellen zwei Handlungssubjekte dar, die sich leichter mit persönlichen Erfahrungen des „Gesucht- und Gefundenwerdens“ verknüpfen lassen. (Vgl. Müller et al., 2008, 100)

Hinweis: Die folgenden Gegenüberstellungen der Gleichnisse beziehen sich stets auf die Erzählungen im Lukasevangelium.

 

2.1 Gattungsbestimmung

Mit Blick auf den Verlauf der Gleichnisforschung von Jülicher, Bultmann über Jeremias bis heute und ihre unterschiedlichen Thesen ergibt sich zusammengefasst folgende Abgrenzung:

„Gleichnisse im engeren Sinne“ werden insofern von der Metapher unterschieden, als dass sie mit dem Vergleichspartikel „wie…“ einleiten und das Bild eines alltäglichen Geschehens verstärkt ausschmücken, weshalb Gleichnisse als „entfaltete Metapher“ bezeichnet werden können. Doch bei einem Gleichnis handelt es sich um eine analogische Rede, wogegen die Metapher unerwartete Verbindungen schafft. (Vgl. Pokorný/ Henkel, 2007, 397)

Jülicher brachte die entscheidende Abgrenzung zwischen Allegorie und Gleichnis. „Die Allegorie ist eine fortgesetzte Metapher, die aus verschiedenen Bildfeldern kombiniert sein kann.“ (Vgl. Pokorný/ Henkel, 2007, 397) Charakteristisch enthält sie mehrere Vergleichspunkte, die erst nach und nach entschlüsselt werden können. Das Gleichnis dagegen hat nur einen Vergleichspunkt zwischen Bild- und Sachhälfte.

Nun bleibt noch die Unterscheidung zwischen „dem Gleichnis im engeren Sinne“ und dem „Gleichnis im weitesten Sinne“ zu erläutern. Bei letzterem zählen Parabeln und Beispielerzählungen mit in die Kategorie, bei ersterem wird auch hier differenziert. Das Gleichnis entnimmt seinen Erzählstoff der Wirklichkeit, der in einem Vergleichspunkt („tertium comparationis“) mit der Sache, auf die es hinweist, übereinstimmt. Der Erzähler stellt dies meist an den Schluss, sodass Schlusspunkt und Höhepunkt in eins fallen, um es besonders einprägsam zu gestalten. (Pokorný/ Henkel, 2007, 398; Linnemann, 1966, 18 f)

Die Parabel erzählt eine einmalige, frei erfundene und provozierende, jedoch verständliche Geschichte von einem ungewöhnlichen Fall und geht somit über die bildhafte Ebene hinaus. Der Ausgang der Geschichte bleibt offen, damit die Zuhörer nicht an den Personen der Erzählung verharren, sondern sich der Sache zuwenden, auf die die Parabel „gemünzt“ ist. Da es jedoch auch hier auf einen einzigen Vergleichspunkt hinausläuft, verschwimmen die Grenzen stark. Die Beispielerzählung schließlich bleibt auf einer Ebene, statt von Bild- auf Sachebene zu wechseln. Sie fordert zur Nachahmung der geschilderten Vorbilder auf, wie das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. (Vgl. Pokorný/ Henkel, 2007, 398; Linnemann, 1966, 13 f, 19 ff)

Die hier besprochenen Gleichnisse weisen alle eine ausgearbeitete Dramaturgie mit szenischer Gliederung auf. Dieses Merkmal spricht für die Klassifizierung einer Parabel. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf und vom verlorenen Groschen werden jedoch im Präsens erzählt, was auf ein Gleichnis im engeren Sinne schließen lässt. Darüber hinaus überwiegt der beschreibende/ besprechende Charakter. Demnach handelt es sich bei Lk 15, 1-10 um eine Mischform aus (besprechendem) Gleichnis und (erzählender) Parabel (Vgl. Erlemann, et al., 2014, 59). Das Gleichnis vom verlorenen Sohn dagegen wird als Parabel klassifiziert, wobei diese eine höhere Komplexität aufweist und zu neuen Erfahrungen herausfordert.

 

2.2 Gliederung und Abgrenzung

Im Gesamtzusammenhang des Lukasevangeliums stehen die Gleichnisse an einer Stelle, an der Jesu Auftreten und Handeln in Galiläa und seine damit verbundenen Erfolge, eine ebenso immer größer werdende Gruppe von Gegnern zur Folge hat. Diese Zuspitzung der Geschehnisse lässt vermuten, dass Lukas deshalb den Gleichnissen vom Verlorenen ein ganzes Kapitel widmet. Jesu Anlass für das Erzählen dieser Gleichnisse ist der Konflikt mit den Schriftgelehrten und Pharisäern aufgrund seiner Haltung gegenüber Zöllnern und Sündern. Auch innerhalb dieses Kapitels ist eine Zuspitzung zu erkennen, wodurch dem Gesagten Nachdruck verliehen wird.

Die drei Gleichnisse weisen einen ähnlichen Geschehensvorgang auf, woraus eine analoge Gliederung resultiert. Dieser besteht aus (1) der Darstellung des Problems, welches das Verlorengehen und die Suche beinhaltet, (2) der Lösung der Problemlage/ das Wiederfinden bzw. Umkehren, (3) der Freude und der Wiederaufnahme bzw. Vergebung (Vgl. Wolter, 2008, 528 f).

Die Parabel vom verlorenen Sohn dagegen lässt sich in zwei Teile (1. Teil: Vom jüngeren Sohn (V. 12-24), 2. Teil: Vom älteren Sohn (V. 25-32)) gliedern und weist somit eine komplexere Inhaltsstruktur als ihre Vorgänger auf (Vgl. Gliederung nach: Müller, et al., 2008, 139). Da es sich hierbei um eine doppelgipflige Parabel handelt, wiederholt sich der Geschehensvorgang im zweiten Teil wie oben beschrieben. (Vgl. Linnemann, 1966, 84 f)

 

     Das Gleichnis…

 

/Gliederungspunkte

vom verlorenen Schaf

vom verlorenen Groschen

vom verlorenen Sohn

(Vgl. Gliederung nach: Müller, et al., 2008, 139)

Exposition

„Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat […]“ (V. 4)

„Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat […]“ (V. 8)

„irgendein Mann hat zwei Söhne“ (V. 11)

(1) Darstellung des     Problems

Verlieren und Suchen des einen Schafs unter Zurücklassen 99 Verbliebener (V. 4)

Verlieren des Groschens, Aufwendige Beschreibung der Suche (V. 8)

Teil 1: Vom Weggang bis zur Krise (V. 12-16)

Teil 2: Gespräch zwischen älterem Sohn und Knecht (V. 25-28a)

(2) Lösung der Problemlage

Wiederfinden des Verlorenen (V. 5)

 

 

 

Wiederfinden (V. 9a)…

Teil 1: Erkenntnisszene (V. 17-20a)

Teil 2: Gespräch zwischen Vater und älterem Sohn (V. 28b-32)

(3) Freude und  Wiederaufnahme

Herbeirufen der Nachbarn – Aufforderung zur Mitfreude (V. 6)

und hinzurufen der Freundinnen – Aufforderung zur Mitfreude (V. 9b)

Teil 1: Rückkehr, Aufnahme, Begründung der Freude (V. 20b-24)

Teil 2: Wiederholung der Begründung der Freude (V. 32)

Anwendung

Freude im Himmel mehr über den Einen als über die 99 (V. 7)

Freude vor den Engeln Gottes über den Einen (V. 10)

                

           _____        


2.3 Textanalyse

Das Gleichnis vom verlorenen Schaf wird sowohl im Lukas- als auch im Matthäusevangelium erzählt. Es beschreibt das Verhalten eines beliebigen Menschen, wenn ihm etwas Wertvolles verloren geht. Dieses sich oftmals ähnelnde Verhalten kann von den Zuhörern nachempfunden werden. Ein Mensch besitzt 100 Schafe, wobei er die 99 zurücklässt, um das eine zu finden. Das Finden des Einen löst große Freude aus. Diese überspitzte Darstellung lässt die Betroffenheit des Suchenden erkennen und verdeutlicht den besonderen Wert des Einen (Vgl. Linnemann, 1966, 71). Die Basishandlung ist in beiden Evangelien die gleiche, doch die Wortwahl impliziert eine unterschiedliche Schwerpunktsetzung. Matthäus spricht von dem Schaf, das sich verirrt, also aktiv handelt (V. 12). Lukas dagegen schreibt, dass der Mensch das Schaf verliert (V. 4), dieses also nicht selber aktiv wird.

Darüber hinaus legt Lukas den Schwerpunkt auf die Freude des Wiederfindens und auf die Mitfreude der anderen (V. 6). Matthäus betont die Freude über das Finden, also die Heimkehr des Verirrten, welche die Vergebung des Empfangenden zur Folge hat. Die Freude über das Eine wird den 99 Verbliebenen gegenübergestellt (V. 13). (Vgl. Müller, et al., 2008, 101 f; Linnemann, 1966, 71 ff)

Das Gleichnis vom verlorenen Groschen weist einen dem Gleichnis vom verlorenen Schaf ähnlichen Handlungsstrang auf (s. Gliederung). Mit dem Einstieg „oder“ gibt es sich als zweite Hälfte eines Doppelgleichnisses zu erkennen. Auch dieses Gleichnis ruft zunächst Betroffenheit über den Verlust eines Wertgegenstands hervor, welche die sich anschließende Freude über das Wiederfinden verstärkt. Jedoch wird die Betroffenheit durch die Bemühungen der Frau, das „auf den Kopf- Stellen“ ihrer ärmlich wirkenden Behausung, verdeutlicht (V. 8) (Vgl. Linnemann, 1966, 72). Diese Schilderung bildet den Schwerpunkt des ersten Teils. Das Erzählgefälle läuft jedoch auf die wörtliche Rede der Frau hinaus, welche einen erzählerischen Höhepunkt darstellt (Vgl. Erlemann, 1999, 219).

Im Gegensatz zu den anderen beiden Gleichnissen steht hier allein die suchende Person im Mittelpunkt und nicht das Verlorene. Dadurch, dass in diesem Gleichnis nur die Frau aktiv handelt, wird der Schwerpunkt auf das Verlieren und nicht auf das Verlorensein gelegt.

Die Freude über das Wiedergefundene wird hier sowie in der Erzählung vom verlorenen Schaf durch das Hinzurufen der Freunde und die Aufforderung zur Mitfreude betont (V. 9). Im Kontrast steht in diesen Gleichnissen jeweils die stille, alleinige Suche zu der wortreichen, geteilten Freude, wobei die Suche lediglich das Ausmaß des schweren Verlusts darlegt. Der große Aufwand verdeutlicht den Wert jedes einzelnen Groschens/ Schafs.

 

2.4 Bezug zur Sachebene

In beiden Gleichnissen spitzt sich die Erzählung bis zum Ende hin zu, ein für Gleichnisse typisches Merkmal. Der Begriff der Freude leitet anschließend mit einem Tempuswechsel von der Bildebene zur Anwendung über (Stichwörter: Himmel bzw. Engel Gottes, Freude, Sünder, Umkehr). Die überschwängliche Freude über das Wiedergefundene stellt den Vergleichspunkt der Gleichnisse mit der Sachebene dar (Vgl. Linnemann, 1966, 72). Auf die „Sache“ übertragen heißt das, dass niemand von Gott verloren gegeben wird und jeder Anlass zur Suche ist (Vgl. Erlemann et al., 2014, 58).

Um das Gleichnis zu verstehen, bedarf es zunächst der Trennung von metaphorischen und dekorativen Elementen. Als dekorative Elemente können die Einzelelemente des Suchens, die Nachbarn und Freundinnen gesehen werden, welche lediglich der Illustration des Erzählten dienen. „‘Suchen‘ und ‘finden‘ bilden eine Opposition mit metaphorischen Implikationen.“ (Erlemann, et al., 2014, 61) Sie bilden die Vorbereitung auf die sich anschließende Freude, der die größte Gewichtung zukommt. Die im ersten Gleichnis verwendete Metapher beschreibt das Wiederfinden durch einen guten Hirten und das Umkehren der Sünderinnen und Sünder zu Gott und zum Tun der Tora. Der Wert des Einzelnen stellt demnach einen weiteren Vergleichspunkt dar. Die Metapher des verlorenen Schafs spricht den „desolaten Zustand des Volkes Israel“ an (Schottroff, 2015, 199). „Bis auf zwei Veränderungen in V. 10 gegenüber V.7 ist der Text [vom verlorenen Groschen] parallel zum Gleichnis vom verlorenen Schaf erzählt.“ (Schottroff, 2015, 200) Die übrigen neun Groschen stehen jedoch nicht für die Gerechten, sondern unterstreichen den besonderen Wert des Einen (s.o.). Die Freude findet sich sowohl auf der Erzähl- als auch auf der Sachebene. Die Feier der Männer und der Frauen wird zum Bild für die Freude (Gottes) „des Himmels“ (V. 7) und die Freude der Engel (v. 10). In beiden Fällen betont die Anwendung die Kostbarkeit des einen Sünder, der umkehrt und die Freude Gottes (Vgl. Schottroff, 2015, 202f).

Der theologische Aspekt der ‚Sache‘ ist demnach durch die Freude über die Umkehr jedes einzelnen Sünders gegeben. Der christologische Aspekt zeigt sich in der Hinwendung Jesu zu den Sündern und der eschatologische Aspekt „betrifft die Gegenwart als messianische Zeit: Jetzt ist die Zeit, in der sich Gott in Gestalt seines Messias den Verlorenen zuwendet.“ (Erlemann, et al., 2014, 67) Aus dem doppelten Appell zur Mitfreude im letzten Gleichnis (Lk 15,24.30) ergibt sich letztlich noch der ethische Aspekt der ‚Sache‘.

Gegenüber Lk 15,11-32 gibt es einen sachlich theologischen Unterschied, denn während die Initiative in den ersten beiden Gleichnissen von Gott ausgeht, geht sie in der Parabel vom Sünder aus. Hieraus wird ersichtlich, dass es bei dem Vorgang der Umkehr bzw. der Rettung des Sünders „um ein aufeinander-Zugehen, um ein gegenseitiges Suchen und Finden [geht].“ (Erlemann, et al., 2014, 66)

Zusammenfassend könnte die sachbezogene Pointe heißen: „Es ist Gottes höchstes Ziel, jeden einzelnen Sünder wiederzugewinnen. Wenn es gelingt, ist seine Freude so groß, dass sie den ganzen Himmel ausfüllt.“ (Erlemann, et al., 2014, 67)

Das Ende der gesamten Gleichniserzählung lässt Jesus offen. So sind seine Kritiker nun in der Lage des älteren Sohnes und müssen sich entscheiden, ob sie der Bitte des „Vaters“ Folge leisten und erkennen, dass sie ihre Selbstgerechtigkeit mehr von Gott trennt, als dass sie sie zu ihm führt.

 

3. Diachrone Beobachtungen

Diese drei Gleichnisse Jesu folgen im Lukasevangelium aufeinander und sind an die Pharisäer und Schriftgelehrten gerichtet, die ihm den Kontakt zu Sündern, den „verlorenen Schafen Israels“, anlasten (Vgl. Müller, et al., 2008, 146; Linnemann, 1966, 75). Die Botschaft dieser Gleichnisse hebt Lukas mit dem immer wiederkehrenden Motiv der Mitfreude hervor, welche als Vorbildfunktion die Gemeinde zu vergleichbarem Verhalten motivieren soll (Vgl. Müller, et al., 2008, 103). Das Hauptgewicht liegt auf der Parabel vom verlorenen Sohn und dient der Plausibilisierung der geforderten Mitfreude.

Den Gleichnissen vom verlorenen Groschen und vom verlorenen Sohn werden keine synoptischen Parallelerzählungen zugeordnet. Die lukanischen Parabeln zeichnen sich häufig durch komplementäre Rollen aus (Vater-Sohn, Frau-Groschen). Diese Rollen realisieren bei gleicher Ausgangslage verschiedene Verhaltensweisen, woraus sich für den Leser/ die Leserin die Identifikation mit verschiedenen Rollen ergibt. Ein typisches Element lukanischer Sondergutparabeln stellt der innere Monolog dar (Vgl. Merz, 2007, 514). Deshalb nehmen einige Exegeten an, dass es sich hierbei um erfundene Werke des Lukas handelt. Andere vermuten, es könne sich bei dem Urheber dieser Texte auch um Jesus selbst handeln.

Die Grundstruktur des Gleichnisses vom verlorenen Schaf haben Matthäus und Lukas aus der Redenquelle Q übernommen (Müller, et al., 2008, 101). Die Matthäusfassung des Gleichnisses vom verlorenen Schaf weist jedoch einige sprachliche Unterschiede zu Lukas auf (s. 2.2). Schon im Ausdruck lässt Matthäus einige Ungewissheiten erkennen („Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte…Und wenn es geschieht, dass er’s findet…“). Dagegen wird bei Lukas sicher mit dem Finden gerechnet. Matthäus orientiert sich an der Wirklichkeit und ist vermutlich die frühere Erzählung. „Lukas scheint dagegen bei der Formulierung des Gleichnisses die Sachhälfte im Auge zu haben […]“ (Linnemann, 1966, 73). 

Die bedeutendste Abweichung der beiden Texte findet sich in der Darstellung des Schlusses. Die Freude des Wiederfindens wird bei Matthäus durch die Formel 1 = mehr als 99 hervorgehoben, bei Lukas dagegen wird sie durch die Aufforderung zur Mitfreude ausgedrückt. Es ist zu vermuten, dass Lukas diesen Schluss dem des folgenden Gleichnisses angepasst hat. Bei diesem ruft die Frau Freunde und Nachbarn zusammen, was im geschichtlichen Kontext verständlich ist. Doch der Hirte befindet sich mit seiner Herde in der Wüste/im Gebirge, weshalb das Hinzurufen der Freunde eher symbolisch zu verstehen ist (Vgl. Linnemann, 1966, 73). Diese Anpassung sei auf die mündliche Überlieferung, das gemeinsame Erzählen der Gleichnisse, zurückzuführen (Vgl. Linnemann, 1966, 73).

Während Matthäus mit einer theologischen Aussage das Gleichnis einleitet, liefert Lukas die entsprechende Situationsangabe. Diese gehört jedoch zum redaktionellen Rahmen, ist also kein historischer Bericht, sondern theologische Aussage. Dennoch ist anzunehmen, dass er damit richtig liegt, denn die Gleichnisse vom Verlorenen sind die Antwort Jesu auf die Angriffe der Pharisäer und Schriftgelehrten (Vgl. Linnemann, 1966, 74f). 

Er gibt ihnen mit diesen Gleichnissen zu verstehen, dass an seinen Tischgesellen die Tat Gottes geschehen sei und demnach ihre Mitfreude über die Wiederkehr erwartet wird. Um dies einzusehen, müssen seine Hörer umdenken und der Verkündigung vom Anbruch der Gottesherrschaft Glauben schenken. Ist dies der Fall, so lautet die Antwort: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn!“ andernfalls „Kreuzigt ihn! Dieser lästert Gott!“ (Linnemann, 1966, 79)

Die lukanische Gemeinde legt jedoch einen anderen Schwerpunkt, indem sie die Gleichnisse in die eigene Gegenwart hinein erzählt. Da Lukas Hauptaugenmerk auf Jesu Gemeinschaft mit den zuvor Verstoßenen legt, soll es auch der Gemeinde möglich sein, diese anzunehmen (Vgl. Müller, et al., 2008, 146).

 

4. Drei Forschungsthesen zum Sachverhalt

Auch wenn das Gleichnis eine Ausdrucksform ist, die gewählt wurde, um dem Hörer/Leser etwas anschaulich darzustellen, so ist es doch kein leichtes hinter ihren eigentlichen Aussagegehalt zu kommen. So ist es bei der Interpretation der Gleichnisse vom Verlorenen stets eine Frage der Auslegung und Schwerpunktsetzung. Über die Deutung und Auslegungsweisen der Gleichnisse gibt es zwischen den Exegetinnen und Exegeten einen sich stets fortsetzenden Diskurs, welcher sich auf den Einfluss der Historizität, die Herleitung, die Interpretation oder auch auf den Einsatz im Unterricht bezieht (Vgl. Müller, et al., 2008, 14 ff).

 

4.1. Die allegoresefreie Deutung der Gleichnisse Jesu

Die Gleichnisse vom Verlorenen gipfeln in der Parabel vom verlorenen Sohn. Jülicher vertritt die Meinung, dass das Gleichnis vom verlorenen Groschen „im Interesse der Vermeidung der Allegorisierung“ als identische Verdopplung von Lk 15,3-7 angesehen werden muss (Vgl. Merz, 2007, 615). Er interpretiert die Gleichnisse unter der Einschränkung von Q 15,7: „Nur das unerlaubte Verlorengehen ist zu übertragen, um ‚Gottes Liebe zu jedem einzelnen Sünder zu illustrieren […]‘“ (Oveja, 2007, 211). Demnach steht nur der Verlust des Sünders als das „tertium comparationis“ im Bildpunkt und die Adressatenmöglichkeiten projiziert Jülicher zurück auf den historischen Jesus (Vgl. Müller, et al., 2008, 19).

 

4.2. Die konkrete Situation im Leben Jesu

Die sich anschließenden Forschungen von Joachim Jeremias legen den Schwerpunkt auf die „konkrete Situation im Leben Jesu“. Denn in diesen Situationen gehe es um „Rechtfertigung, Verteidigung, Angriff, ja Herausforderung […]“ (Jeremias, 1984, 18) und Jesus verwende seine Gleichnisse oftmals als Kampfmittel gegen die Kritiker und Feinde der Frohbotschaft. Doch auch er sieht die Aufgabe der Gleichnisinterpretation darin, „[…] den ursprünglichen Sinn der Gleichnisse Jesu zurückzugewinnen“, da es sich in ihnen um die „ureigenste Stimme Jesu“ handelt (Vgl. Müller, et al., 2008, 23).

 

4.3. Neue Entwicklungen – eine sich abzeichnende Tendenz

Die nachfolgenden Erkenntnisse und die in 2.4 dargelegte Interpretation beruhen auf der „sprachwissenschaftlichen Rehabilitierung der Metapher“ durch H. Weinrich und andere. Erlemann nennt vier wesentliche Punkte, die sich aus 100 Jahren der Gleichnisforschung zu einem gemeinsamen Nenner zusammengesetzt haben: „1) die Ausrichtung auf eine allegoresefreie Auslegung im Sinne Jülichers; 2) das Festhalten am Phänomen der einen Pointe; 3) die Wertschätzung der Metapher als eigentlicher, nicht zu ersetzender Redeweise als Bestandteil der Gleichnisse; 4) die Wertschätzung der Gleichnisse als ‚Urgestein der Überlieferung‘.“ (Erlemann, 1999, 50)


Literaturverzeichnis

Monographien:

Erlemann, K. (1999): Gleichnisauslegung, Ein Lehr- und Arbeitsbuch; A. Francke Verlag; Tübingen und Basel.

Erlemann, K./ Nickel-Bacon, I./ Loose, A. (2014): Gleichnisse – Fabeln – Parabeln, Exegetische, literaturtheoretische und religionspädagogische Zugänge; A. Francke Verlag; Tübingen.

Jeremias, J. (1984):  Die Gleichnisse Jesu; Kurzausgabe; 9. Aufl.; Vandenhoeck & Ruprecht; Göttingen.

Linnemann, E. (1966): Gleichnisse Jesu, Einführung und Auslegung; 4. Aufl.; Vandenhoeck & Ruprecht; Göttingen.

Müller, M./ Büttner, G./ Heiligenthal, R./ Thierfelder, J. (2008): Die Gleichnisse Jesu, Ein Studien- und Arbeitsbuch für den Unterricht; 2. Aufl.; Calwer Verlag; Stuttgart.

Pokorný, P./ Henkel, U. (2007): Einleitung in das Neue Testament, Seine Literatur und Theologie im Überblick; Mohr Siebeck Verlag; Tübingen.

Schottroff, L. (2015): Die Gleichnisse Jesu; 4. Aufl.; Gütersloher Verlagshaus; Gütersloh.

Wolter, M. (2008): Das Lukasevangelium, (Handbuch zum Neuen Testament); Bd. 5; Mohr Siebeck Verlag; Tübingen.

Sammelbandeinträge:

Merz, A. (2007): Parabeln im Lukasevangelium, Einleitung; in: Zimmermann, R. (Hrsg.): Kompendium der Gleichnisse Jesu; Gütersloher Verlagshaus; Gütersloh; S. 513-517.

Merz, A. (2007): Parabeln im Lukasevangelium, Last und Freude des Kehrens (Von der verlorenen Drachme) – Lk 15,8-10; in: Zimmermann, R. (Hrsg.): Kompendium der Gleichnisse Jesu; Gütersloher Verlagshaus; Gütersloh; S. 610-617.

Oveja, A. (2007): Parabeln in der Logienquelle Q, Neunundneunzig sind nicht genug! (Vom verlorenen Schaf) – Q 15,4-5a.7; in: Zimmermann, R. (Hrsg.): Kompendium der Gleichnisse Jesu; Gütersloher Verlagshaus; Gütersloh; S. 205-219.


Hinweise

Worterklärungen:

‚Sache‘: Der hier häufig verwendete Ausdruck ‚Sache‘ bezieht sich auf das „tertium comparationis“, dem vergleichenden Element zwischen Bild- und Sachebene. Eben um diese ‚Sache‘ zu vermitteln, bedarf es der metaphorischen Sprache. (Vgl. Linnemann, 1966, 18 f)

 

Sachbezogene Pointe: Die Verbindung von Sach- und Bildebene ist Teil eines umfassenden Verstehensprozesses. Die Interpretation der Gleichnisse muss von der Stufe der genutzten Metapher auf die konzeptionelle Stufe gehoben werden. Dieser Schritt kann erleichtert werden, indem zunächst die „erzählinterne Pointe“ ermittelt bzw. formuliert wird. Diese verbleibt streng im Rahmen des Bildfeldes und zeigt den Zielgedanken der Erzählung auf. Die erzählinterne Pointe kann dann auf die theologische Sachebene übertragen werden, woraus sich die „sachbezogene Pointe“ ergibt. (Vgl. Erlemann, et al., 2014, 52-55)

 

Religionsunterricht:

Die Auseinandersetzung mit der Botschaft der Gleichnisse ist insbesondere im Rahmen des Unterrichtsthemas „Jesus in seiner Zeit“ der Klassenstufe sechs vorgesehen.

Hierbei ist der Umgang Jesu mit seinen Zeitgenossen und die Wirkung seines Handelns von besonderem Interesse. (Vgl. Hessisches Kultusministerium: Lehrplan)

Die Frage nach Gott wird in der Jahrgangsstufe neun thematisiert und bildet den Kern des Faches. Auch hier bietet sich die Auseinandersetzung mit Gleichnissen bspw. auch im Rahmen des Unterrichtsinhalts „vom biblischen Gott hören“ an. (Vgl. ebd.)

Darüber hinaus können die Gleichnisse gegen Ende der Klasse neun, zwar nicht als Hauptthema, jedoch exemplarisch eingesetzt werden. Zum Thema „Scheitern, Schuld, Vergebung“, welches zum Lernschwerpunkt IV – Ethik gehört, lassen sich einige sehr zutreffende Gleichnisse finden, wie z.B. das Gleichnis vom verlorenen Sohn, das Gleichnis von den beiden Schuldnern etc., welche unter dem Aspekt der „Biblischen Perspektive“ analysiert werden können. (Vgl. ebd.)

Im hessischen Kernkurrikulum für die Realschule wird die Auseinandersetzung mit Gleichnissen dem Inhaltsfeld „Jesus Christus“ zugeordnet, in welchem „die Frage nach dem Verhältnis von historischem Jesus und verkündigtem Christus“ angesiedelt ist. (Vgl. Hessisches Kultusministerium, 2011, Bildungsstandards und Inhaltsfelder)

Durch ihre bildliche Sprache und ihre breitgefächerten Inhalte und Botschaften bieten sie sich als Verständnisstütze und zur Bekräftigung von Aussagen an. So werden häufig Gleichnisse zum Reich Gottes (wie das vom Senfkorn) oder über das Verhältnis von Gott zum Menschen (wie das vom verlorenen Sohn) im Inhaltsfeld „Gott“ thematisiert. (Vgl. ebd.)

 

Quelle:

Hessisches Kultusministerium (2011): Bildungsstandards und Inhaltsfelder; Das neue Kerncurriculum für Hessen; Sekundarstufe I – Realschule; Evangelische Religion; Quelle:  lsa.hessen.de/irj/servlet/prt/portal/prtroot/slimp.CMReader/HKM_15/LSA; [Zugriffsdatum: 02.02.17].

Hessisches Kultusministerium: Lehrplan; evangelische Religion; Bildungsgang Realschule; Jahrgangsstufen 5 bis 10; Quelle: kultusministerium.hessen.de/sites/default/files/HKM/lprealev.rel_.pdf; [Zugriffsdatum: 02.02.17].

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