Der verschlossene Garten

Carmen Batzdorf

Kurzbeschreibung:
"Ein verschlossener Garten bist du, meine Schwester Braut, ein versiegelter Quell!" (Hld 4,12) Ist dies etwa ein Kompliment? Und wenn es dies ist, klingt es durchaus ein wenig seltsam, ei geliebte, wunderschöne junge Frau mit einem Garten zu vergleichen, zu dem man als Liebender keinen Zutritt hat. Was es jedoch mit dieser Gartenschilderung auf sich hat, soll im folgenden Artikel geklärt werden.
Zusätzliche Autoreninformation: Carmen Batzdorf
Studentin, Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Hld 4,12-5,1
Zusätzliche Skripturen:
Gen 3 Gen 49,11 Ez 37,9
Weitere Schlagworte:
Altes Testament; Beziehungen; Braut; Erotik; Essen; Frau; Freundschaft; Garten; Gefühl; Geühle; Mann; Metapher; Sehnsucht; Schwester; Geschwister; Liebe; Partnerschaft; Sexualität; Treue; Trinken; Vertrauen

1. Erster Leseeindruck


Als Rezipient/in hat man das Gefühl, man taucht mit allen Sinnen in eine paradiesische Beschreibung eines Gartens ein und wird durch den abschließenden Aufruf „Esst Freunde, trinkt, berauscht euch an der Liebe“ (Hld 5,1) Teil dieser friedlichen, idyllischen, liebenden Atmosphäre, die in Hld 4,12-5,1 geschildert wird. Doch nicht nur die wunderbare Gartenschilderung berührt den Lesenden, sondern die tiefe Sehnsucht und das gegenseitige Verlangen zweier Liebenden trifft ins Herz, vor allem, wenn sich ihre tiefsten Wünsche und Sehnsüchte zuletzt erfüllen. Die Gartenbeschreibung ist also nur wichtiges Mittel zur Zweckerfüllung, das literarische Kleid einer großen Liebe?

 

2. Synchrone Zugangsweise: Intime Metaphorik

2.1  Abgrenzung und Kontext

Dem Abschnitt Hld 4,12-5,1 geht ein so genanntes Beschreibungslied voran, in dem ein Geliebter die Schönheit seiner Verehrten metaphorisch beschreibt. Dabei erfolgt die Darstellung ihres Erscheinungsbildes charakteristisch für ein Beschreibungslied von oben nach unten, angefangen bei ihren Zähnen, über ihren Mund, ihren Hals bis hin zu ihren Brüsten. In 4,12 wird nun die Geliebte mit einem verschlossenen Garten und einer versiegelten Quelle verglichen und die Pracht des Gartens mit seinen Früchten und Pflanzen vom Dichter stark ausgeschmückt. Im Zentrum steht klar das Motiv des Gartens. Dieses Motiv endet in 5,2 und es wird im Folgenden kein semantischer Bezug mehr auf die vorangegangene Gartenbeschreibung genommen. Zudem findet an dieser Stelle ein Sprecherwechsel statt. Rief zuvor der Verehrer seine Gefährten auf, es ihm gleich zu tun und sich an der Liebe zu berauschen, berichtet nun die Geliebte von dem nächtlichen Besuch ihres Geliebten und dessen plötzlichen Verschwinden. Somit verändert sich in 5,2 auch die Szene. Sowohl der Motivwechsel als auch Sprecher- und Szenenwechsel wurden bei der Abgrenzung der Gartenschilderung von Hld 4,12 bis 5,1 berücksichtigt.

 

2.2  Gliederung: Hohelied 4,12-5,1

Innerhalb der Gartenschilderung selbst lässt sich ebenfalls eine Gliederung vornehmen. Spricht in 4,12-15 der Verehrer, so scheint die Geliebte ihm in 4,16 mit einem Aufruf zu ihm in den Garten zu kommen, zu antworten. Dieser kommt in 5,1 ihrer Aufforderung nach und er richtet sein Wort an die Gefährten. Es handelt sich also um ein Zwiegespräch der beiden Protagonisten. Aber es erfolgen nicht nur Sprecherwechsel, sondern auch Ortswechsel und Veränderungen grammatischer Muster lassen sich feststellen:

Hld 4,12-15

Der Geliebte vergleicht seine Geliebte mit der Schönheit eines prachtvollen, jedoch verschlossenen Gartens und einer versiegelten Quelle

Aufzählungsstil

Der Geliebte spricht zu seiner Geliebten

Hld 4,16

Die Geliebte erhebt das Wort, fordert die Winde auf den Garten zu durchwehen und verlangt nach ihrem Geliebten, der zu ihr in den Garten kommen soll.

Sprecherwechsel: Die Geliebte spricht

Wechsel der grammatischen Struktur durch Verwendung von Imperativen

 

Hld 5,1

Der Geliebte folgt der Aufforderung der Geliebten und richtet das Wort an seine Gefährten.

Ortswechsel: Der Geliebte befindet sich nun bei der Geliebten innerhalb des Gartens

Sprecherwechsel: Der Geliebte erhebt das Wort

 

2.3  Exegetische Untersuchung

Der Verfasser des Hoheliedes setzt an dieser Stelle die Metapher des Gartens als Bildspender für die Geliebte ein, die in 4,12 als „meine Schwester Braut“ bezeichnet wird. Diese Bezeichnung unterstreicht das innige, liebende Verhältnis und das gegenseitige Verlangen der Liebenden. Dabei ist die Benennung der Braut als „Schwester“ keineswegs eine Angabe des Verwandtschaftsgrades, vielmehr sind in der Liebesdichtung des Alten Orients „Schwester“ bzw. „Bruder“ als Kosenamen zu verstehen (vgl. Keel, 1986, 152). Doch die Verschlossenheit des Gartens und die versiegelte Quelle stehen dieser Anrede noch konträr gegenüber, denn beides sind Metaphern der Unzugänglichkeit: Sie können einander nicht erreichen, denn der Geliebte kann nicht in den Garten zu seiner Geliebten mit ihren wunderschönen Reizen gelangen. (vgl. Keel, 1986, 162)

Eine enge, subjektive Verbindung der beiden Protagonisten wird durch die Verwendung der Possessivpronomen „meine Schwester Braut“ in 4,12 und „deine Kanäle“ in 4,13 hervorgehoben. Es ist demzufolge nicht irgendeine objektive Beschreibung einer Braut, sondern ein Lobpreis auf die Schönheit einer bestimmten Geliebten. Insbesondere die detailierte Beschreibung des Gartens mit allen seinen Früchten und Pflanzen deutet auf die besondere Schönheit der Geliebten hin. In einer schlichten Aufzählung werden die Reichtümer und die Vielfalt des „Lustgartens“ dargestellt:

„Ein Lustgarten sprosst aus dir,/Granatbäume mit köstlichen Früchten,/Hennadolden, Nardenblüten,/Narde, Krokus, Gewürzrohr und Zimt, / alle Weihrauchbäume, Myrrhe und Aloe,/ allerbester Balsam.“ (Hld 4,13)

Diese eher kunstlose Reihung kann vom Rezipienten als Stillleben wahrgenommen werden. Durch das Fehlen von Verben wirken diese Verse statisch, wie stehende Bilder. Dies erinnert an den Aufzählungsstil der „Listenwissenschaft“ in Babylon und Ägypten. Es handelte sich dabei um Listen mit enzyklopädischem Inhalt, in denen durch Aneinanderreihung von Stichwörtern „Einzelerscheinungen sowohl des Menschenlebens wie der außermenschlichen Natur“ (Gerlemann, 1981, 158) notiert wurden.

Zwischen Vers 13 und Vers 14 versuchen einige Exegeten einen Sprecherwechsel zu interpretieren. Demnach würde in Vers 14 die Geliebte im Garten die Aufzählung des Geliebten außerhalb des Gartens aufgreifen. Grund für diese Annahme ist die Doppelung der „Nardenblüten“, die nun aber in singulärer Form in 4,14 von der Geliebten ausgesprochen wird und dies einen möglichen Sprecherwechsel andeuten kann. (vgl. Zakovitch, 2004, 202)

Alle geschilderten Pflanzen in diesen beiden Versen kannten die Israeliten vermutlich nur als Importwaren. So stammen die Narde und der Zimt ursprünglich aus Indien und der Krokus beispielsweise aus den Bergländern südlich des Kaspischen und des Schwarzen Meeres. (vgl. Keel, 1986, 166)

Die Einheitsübersetzung liest in 4,13 „Lustgarten“, während Ottmar Keel in seinem Kommentar das vorliegende hebräische substantivierte Verb schalach (senden) mit „Kanäle“ übersetzt, welches aber auch für die weibliche Scham stehen kann: „Deine ‚Kanäle‘ sind ein Park von Granatbäumen“ (Keel, 1986, 156).
Kombiniert man diese Übersetzung mit jener der „versiegelten Quelle“, so kann diese Bibelstelle in Bezug die Jungfräulichkeit der Geliebten ausgelegt werden, die noch keinen Kontakt mit einem Mann hatte und deshalb als „versiegelte Quelle“ bezeichnet wird. (vgl. Keel, 1986, 164)

Der Ausdruck betont in dieser literarischen Verwendung nochmals die Besonderheit und Einzigartigkeit des Mädchens und wertet sie für ihren Partner auf. Das Motiv des paradiesischen Gartens wird durch die Erwähnung der Quelle wieder aufgegriffen. Hans-Peter Müller leitet diesen Vers in seiner Übersetzung mit „deine Ranken“ ein und bezieht sich damit wieder auf die verträumte Idylle des paradiesischen Gartens. (vgl. Müller, 1992, 49f)

Nach dieser detailierten Betrachtung der Pflanzenwelt erfolgt also die Beschreibung der Quelle des Gartens, die zur Bewässerung der orientalischen Gärten notwendig war. Dennoch war es eine Besonderheit, eine eigene Quelle in einem Garten zu besitzen. Obwohl es im Orient Vorrichtungen zum Verschließen einer Quelle gab, kann sich die Beschreibung der versiegelten Quelle nur auf die Tür einer Gartenmauer beziehen, die verschlossen ist. (vgl. Keel, 1986, 162)

Gleichzeitig beginnt sich an dieser Stelle die statische Wahrnehmung des Gartens, die durch den Listenstil in 4,14 entsteht, aufzuheben, da nun die Quelle mit fließendem, lebendigem Wasser angesprochen wird. Das Stillleben wird in 4,16 vollends durch die nun folgenden Imperative aufgehoben. Diese verlangende Anrede ist in Parallelismen gestaltet. „Nordwind, erwache! Südwind herbei!“ Die Winde sollen den Garten samt seinen Düften durchwehen und ihn beleben. Der Garten wirkt an dieser Stelle als belebter, berauschter Ort und der Fokus liegt nun nicht mehr auf der Quelle, sondern auf dem gesamten Garten mit all seinen Herrlichkeiten. Doch Nordwind und Südwind stehen stellvertretend für Gesamtheit aller Winde, es handelt sich hierbei um einen Merismus, eine Stiligur, welche durch zwei Größen eine Ganzheit beschreibt (vgl. Keel, 1986, 238). Das Kommen der Winde hat belebenden Charakter, denn im Ezechielbuch 37,9 verleihen diese Winde Lebensgeist: „Geist komm herbei von den vier Winden! Hauch diese Erschlagenen an, damit sie lebendig werden.“

Wer jedoch an dieser Stelle die Aufforderung an die Winde erteilt, ist ähnlich wie bei Vers 14 unklar. Es könnte einerseits die Geliebte sein, andererseits könnten diese Worte auch von dem Verehrer ausgesandt werden, weil die Geliebte an den Stellen, an denen sie eindeutig selbst spricht den Garten als „seinen Garten“ bezeichnet und in diesem Vers jedoch das Possessivpronomen „mein“ verwendet wird: „ Durchweht meinen Garten, lasst strömen die Balsamdüfte“

„So ruft er die Winde auf […]. Sie sollen aus dem schlummernden Garten einen machen, der seinen Duft verströmt, wie der Libanon seine erquickenden Wasser strömen läßt.“ (Keel, 1986, 169)

Nun ergreift aber tatsächlich die Geliebte das Wort und bittet den Geliebten zu ihr in den Garten zu kommen. Durch die erneute Verwendung des Imperativs wird das Verlangen des jungen Mädchens mit dem Geliebten zusammen zu sein, verstärkt und eine Sehnsucht ausgedrückt. Doch hinter dem „Kommen“ des Geliebten zu ihr, wird der Geschlechtsakt angedeutet, denn „kommen“ oder „eingehen“ sind im Alten Testament häufig Ausdrücke für den Vollzug des Liebesaktes (vgl. Gen 16,2; Ps 51,2). Auch das Essen von Früchten, wie auch der Genuss von Wein stehen als Metapher für den Liebesgenuss. (vgl. Spr 30,20; vgl. Keel, 1986, 169)

„Mein Geliebter komme in seinen Garten und esse von den köstlichen Früchten“. Hier ist zu beobachten, wie der Besitz des Gartens nun dem Geliebten zugeschrieben wird und er nun zum Eigentümer des Gartens wird. Er kommt der Aufforderung direkt nach und so wird nicht nur die Verführung eines Mannes durch die schöne Frau geschildert, sondern eine gegenseitige Annäherung erzählt, denn der junge Mann teilt offensichtlich auch die leidenschaftliche Sehnsucht nach seiner Geliebten. Er pflückt die Früchte des Gartens, isst Honig samt Wabe und trinkt Wein und Milch. Es kommt also zum Liebesakt, denn es handelt sich in 5,1 erneut um Symbole des Geschlechtsaktes. Essen und Trinken bedeuten nicht nur Liebesfreuden allein, sondern die geliebte Person wird zu einem Teil der bzw. des Liebenden. Es ist also eine Aneignung im umfassenden Sinn. (vgl. Keel, 1986, 169) Der Geliebte begehrt die junge Frau so sehr, dass er nicht nur den Honig, sondern heißhungrig auch die Wabe verzehrt. (vgl. Zakovitch, 2004, 207) Die seltsame Kombination von Milch und Wein wird verständlich, wenn man die Milch als Synonym des Weißweins erfasst, wie in Gen 49,11 diese Kombination so verwendet wird. Die Mischung beider Getränke kann aber auch auf die Leidenschaftlichkeit und heftige Erregung beider beim Liebesakt deuten. Diese Szene bildet nun die Klimax dieser Stelle und ist einigen Exegeten zufolge sogar Höhepunkt des gesamten Hoheliedes. Sowohl die Motive des Honigs, der Winde als auch der Wohlgerüche und Düfte finden sich im gesamten Hohelied und können vielfältig interpretiert und gedeutet werden. Meist sind es Verknüpfungen mit Motiven der Paradieserzählungen. (Zakovitch, 2004, 208) Denn zwischen dem Buch Genesis und dem Hohelied herrscht eine starke intertextuelle Beziehung und es scheint, als würde die Thematik der Paradieserzählung immer wieder aufgegriffen und im Hohelied neu verarbeitet werden. Der sich öffnende Garten und das Genießen seiner Früchte kann beispielsweise als Wiederentdeckung des Paradieses verstanden werden. Der Garten ist also nicht nur eine Metapher für die Frau, sondern es ist auch der Ort, an dem Liebesgenuss möglich ist und die Liebenden zueinander finden. (Schwienhorst-Schönberger, 2006, 395)

Abschließend endet die Liebesidylle mit dem Aufruf des Geliebten an seine Gefährten bzw. an seine Hochzeitsgesellschaft zu essen und zu trinken, den Alltag zu durchbrechen und ebenfalls einen Rauschzustand anzustreben. Das Hohelied fordert somit auf, sich gegenseitig mit Zärtlichkeiten zu beschenken und die Liebkosungen zu genießen. Es ist hier „weit davon entfernt, vor dem Genuß der Liebe junge Leute zu warnen, wie es manchmal geschieht.“ (Krinetzki, 1981, 157)

Die vorliegende Gartenszene stellt somit den Höhe- und Mittelpunkt des Hoheliedes dar, bei dem sich die Hochzeit bzw. der Liebesakt der beiden Liebenden vollzieht und die Sehnsucht beider endlich gestillt ist. (vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2006, 392)

Die detaillierte Beschreibung des Gartens und der Vergleich der Frau mit diesem zeigt die wichtige Bedeutung eines Gartens in Israel. Es galt als Genuss und Besonderheit einen sorgfältig gepflegten Garten zu besitzen, in dem zahlreiche Kräuter, Sträucher und Früchte wuchsen. Solche Gärten waren insbesondere in der Nähe von Tempelanlagen in Form von üppigen Parks angelegt, doch viele richteten sich auch einen kleinen Garten mit Bäumen und Sträuchern im Innenhof ihrer Häuser ein (vgl. Keel, 1986, 158). „Im Frieden unter ihnen zu sitzen und ungestört ihre Früchte genießen zu können galt schon als großes Glück.“ (Keel, 1986, 158)

Ein anderer Zweck des Gartens war natürlich der Anbau von Nutz- und Zierpflanzen, aber auch die Haltung bestimmter Tiere wurde durch den Besitz eines Gartens ermöglicht. Der Garten war außerdem ein Statussymbol, ein Ort des geselligen Beisammenseins oder diente wie in der vorliegenden Bibelstelle auch als Ort der Ruhe und Intimität. (vgl. Mikuda-Hüttel, 2000, 469f) Darüber hinaus ist der Garten gleichsam Ort von und Bild für Sexualiät.

 

3. Diachrone Beobachtungen: Hellenistische Exotik

Das Hohelied ist eine Sammlung von Liebesliedern und wird in unterschiedlicher Weise interpretiert. Die allegorisch-typologische Auslegung deutet das Hohelied als fortschreitende Entwicklung in der Beziehung zwischen Mann (Bräutigam) und Frau (Braut). Diese Beziehung wird häufig übertragen auf das Verhältnis von JHWH und Israel und auf das Verhältnis von Christus und seiner Kirche im christlichen Kontext. Die kultmythologische Deutung geht beim Hohelied von einem Textbuch für die Feier einer Hochzeit aus. Andere Bibelwissenschaftler verstanden das Hohelied aufgrund seiner Zwiegespräche als Drama, doch die heutigen Interpretationen gehen meist von einer Sammlung von Liebesliedern aus, die entweder wirklich auf einer Hochzeitsfeier gelesen wurden oder ganz allgemein aus dem Kontext von Liebenden stammen. (vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2006, 390)

Die Exegeten datieren die Entstehung des Hoheliedes in drei unterschiedliche Epochen. Einige Bibelwissenschaftler sprechen sich für eine Entstehung in der frühen Königszeit (10./9.Jh.) aus, da es zu dieser Zeit bereits Liebesdichtungen gab und sich der salomonische Humanismus mit Sinn für das Psychologische entwickelte. Eine andere mögliche Datierung der Entstehung ist die Mittlere Königszeit, da es zur Zeit des Königs Hiskijas um 700 v. Chr. in Juda wichtige literarische Aktivitäten gab. Für diese Datierung sprechen vor allem die zahlreichen Aramaismen, die für eine Zeit gegen Ende des 8. Jahrhunderts sprechen. Außerdem hatte hier die altägyptische Liebesliteratur und altorientalische Motive in Israel ihre Blütezeit. Für diese Einordnung sprechen ebenfalls die Bezeichnungen für exotische Würz- und Duftstoffe.

Zuletzt wird noch von der Entstehung des Hoheliedes in hellenistischer Zeit gesprochen, da unter anderem erste griechische und altiranische Fremdworte auftauchen. Dennoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne Stücke des Hoheliedes bis in die ältere Königszeit zurückgehen, die letzte Redaktion jedoch in hellenistischer Zeit stattfand. (vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2006, 394)

Allgemein sind die Texte des Hoheliedes stark von altorientalischen Traditionen beeinflusst und insbesondere im mesopotamischen Kulturkreis wurde der kultisch-rituelle Aspekt der Liebe betont. Auch hat das Hohelied eine literarische Ähnlichkeit mit ägyptischen Liebesliedern, die meist von der Sehnsucht zweier Liebenden bestimmt sind. Es kommen also Motive aus beiden Kulturräumen zum Tragen. (vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2006, 394)

Die vorliegende Perikope zeichnet sich insbesondere durch einen Aufzählungsstil aus, bei dem häufig Fremdwörter verarbeitet wurden. Dieser Aufzählungsstil sowie die Verwendung der Fremdwörter sprechen für eine Datierung der Perikope in die hellenistische Zeit. Der dadurch erzeugte „märchen-ferne Klang“ und das Schwelgen in teilweise exotischen Wörtern, schenkt dem Gedicht „den Reiz des Späten und Erlesenen“ und unterstützt die zeitliche Einordnung in das dritte Jahrhundert vor Christus. ( vgl. Müller, 1992, 50)

4. Zusammenfassung

Der Vergleich der Geliebten mit einem verschlossenen Garten entwickelt sich zu einem Sehnsuchtslied, welches die Liebe zweier Menschen mit den großartigen Bildern der Natur auszudrücken versucht. Im Kopf manifestieren sich einzigartige Bilder dieses Wundergartens: Also doch ein wunderschönes, schmeichelndes, literarisches Kleid einer großen Liebe!

Wie befreiend ist es für den Rezipienten am Ende zu erfahren, dass die Mauern und verschlossenen Türen des Gartens gesprengt werden und die beiden Liebenden ihr Glück gemeinsam genießen können. Man schließt das Buch und die Augen, atmet tief durch und hat das Gefühl: Alles ist gut.

 


5. Stimmen aus der Forschung

5.1 Das Hohelied und die Heilige Hochzeit

Die vorliegende Gartenszene ist nicht als bloßer weltlicher Liebesakt eines sich liebenden Paares zu verstehen, sondern es handelt sich „um ein heiliges Festmahl als Teil der Heiligen Hochzeit, nicht aber um sexuelle  Ausgelassenheit oder Promiskuität bei einer weltlichen Hochzeitsfeier.“ (Ringgren, Zimmerli, Kaiser, 1981, 275)

Ringgren, Zimmerli und Kaiser betonen mit ihrer Interpretationen also den rituellen Gehalt des vorliegenden Sehnsuchtsliedes.

5.2 Weltliche Liebe

Ottmar Keel sieht in seinem Kommentar 1986 die Gartenschilderung mit der abschließenden Aufforderung des Geliebten an seine Gefährten als Aufruf zur „Sprengung der Alltagsschranken und die Herbeiführung eines rauschhaften Zustandes“. Der verschlossene Garten steht für ihn als „Metapher letzter Intimität (Schwester, Essen, Trinken)“ (Keel, 1986, 173) und ist gleichzeitig ein Bild der Unzulänglichkeit. Keel brachte mit seinem Kommentar neue Anstöße für weitere nachfolgende Exegesen zum Hohelied und vertritt eine sehr weltlich augerichtete Interpretation. (vgl. Heinevetter, 1988, Vorwort)

5.3 Rückkehr in den Garten Eden

Yair Zakovitch interpretiert diese Gartenszene auf dem Hintergrund der Paradieserzählung in Genesis 2-3 und sieht in diesem Sehnsuchtslied die Rückkehr der Liebenden ins Paradies. Es ist also eine frohe Botschaft voller Optimismus und Lebensfreude:

„Die Rückkehr ins Paradies ist optimistischer als die Vertreibung daraus-die Trennwände fallen, verriegelte Türen springen auf und die beiden Liebenden vereinigen sich zur Freude ihrer mitfeiernden Gefährten; dadurch gewinnt das Lied etwas Heiteres und Unbeschwertes.“ (Zakovitch, 2000, 209)

 

Literaturverzeichnis

Gerleman, Gillis, 1981, Ruth. Das Hohelied (BK AT), Neukirchen-Vluyn

Heinevetter, Hans-Josef, 1988, „Komm nun, mein Liebster, dein Garten ruft Dich!“. Das Hohelied als programmatische Komposition, Frankfurt/Main

Keel, Othmar, 1986, Das Hohelied (ZBK AT), Zürich

Krinetzki, Günter, 1981, Kommentar zum Hohelied. Bildsprache und theologische Botschaft, Frankfurt/Main

Mikuda-Hüttel, Barbara, 2000, Art.: Garten, in: RGG, Tübingen

Müller, Hans-Peter., 1992, Das Hohelied (ATD), Göttingen

Ringgren, Helmer/Zimmerli, Walther/Kaiser, Otto, 1981, Sprüche/Prediger/Das Hohelied/Klagelieder/Das Buch Esther, Göttingen

Schwienhorst-Schönberger, Ludger, 2006, Das Hohelied, in: Zenger, E. (Hg.), Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart

Zakovitch, Yair, 2004, Das Hohelied (HThKAT), Freiburg im Breisgau

 

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