bibelwissenschaft.de - Das wissenschaftliche Bibelportal der Deutschen Bibelgesellschaft

Detailansicht

Ermahnung zur Dankbarkeit – Israel und der Reichtum

Pierre Track

Kurzbeschreibung:
Dtn 8,1-20 ist Teil der großen Moserede Dtn 5,1ff und ermahnt in einer Reflexion das Volk dazu, nach der geglückten Landnahme JHWH und seine Gebote nicht zu vergessen. Der Gehorsam gegenüber JHWH und seinen Gesetzen ist die bleibende Bedingung dafür, dass das Volk ein gutes Leben führt und es sich weiter mehren und wachsen wird. Mit der Beschreibung der vierzigjährigen Wüstenwanderung führt Moses die Abhängigkeit von JHWH seinen Hörern eindringlich vor Augen und fordert zum steten Erinnern auf, dass das Volk allein JHWH seinen Wohlstand zu verdanken hat.
Zusätzliche Autoreninformation: Pierre Track
Student, Universität Dresden
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
5.Mose 8,1-20
Zusätzliche Skripturen:
Ex 20,2-6 Ex 2,23-4,17 Dtn 3,23-27 Dtn 6,10-13 Dtn 7 Dtn 12-27 Dtn 30,15 Dtn 32,47 Mt 4,4
Weitere Schlagworte:
Anweisungen; Arbeit; Brot des Himmels; Bundestreue; Dankbarkeit; Einsicht; Erfah-rungslernen; Erkenntnis; Fluch; Gebot; Gericht; Himmelsbrot; Hunger; Manna; Sklavenhaus; Versuchung; Volk des Landes; Wasser; Wort; Wüste

 

 

1. Erster Leseeindruck

Mose erinnert das Volk Israel an die Gebote Gottes. Die Rede wirkt insgesamt sehr eindringlich und emotional, weil Mose sein Volk immer wieder an die Wohltaten Gottes erinnert und wiederholt dazu ermahnt, sich nicht mit seinem eigenen Reichtum zufrieden zu geben. Am Schluss münden seine Mahnungen in einer tödlichen Warnung: wenn Israel sich von Gott abwendet, wird es vernichtet werden. Dieser Text liest sich sehr explosiv: Israel wird ein Leben in Fülle versprochen, zugleich aber auch mit einem furchtbaren Gericht bedroht.

 

2. Synchrone Zugangsweise: Mahnung zur Treue gegenüber den Geboten Gottes

2.1. Abgrenzung des Textes und Kontextanalyse

Die auszulegende Bibelstelle ist ein Ausschnitt aus der sog. zweiten Mosesrede (Dtn 5,1-11,32), die vielfach als Prolog zum Gesetz des Deuteronomiums (Dtn 12-27; vgl. Braulik, 1986, 7) angesehen wird. Sie folgt auf die Warnung vor der äußeren Gefahr durch fremde Kulte und Gottheiten, die einen Abfall von Gott hervorrufen können (Dtn 7; Verletzung des Hauptgebotes, Ex 20,2-6; vgl. Rüterswörden, 2006, 59). Hieran schließt sich Dtn 8,1-20 als predigtartige Rede an (vgl. von Rad, 1983, 51f; vgl. Preuß, 1982, 95). Mose kommt auf eine innere Gefahr zu sprechen, die eine Abkehr von Gott bewirken kann, nämlich den erreichten Wohlstand (v12f) im verheißenen Land und die daraus erwachsende Überzeugung, dass dieser durch die eigene „Kraft und Stärke“ bewirkt worden sei (v17). Er befürchtet, dass das Volk Israel seinen Gott vergessen könnte, der der Urheber dieses segensreichen Zustandes ist (v11.14.19). Zunächst führt er seinen Zuhörern mit der Erinnerung an die vierzigjährige Wüstenwanderung und ihrem gottgewollten Zweck der Erziehung vor Augen (v2-5), dass sie als gottgewähltes Volk in jeder Hinsicht von Gott abhängig sind. Durch das Erkennen dieser Abhängigkeit (v3.5) sollen sie sich ehrfürchtig zu ihrem Gott bekennen (vgl. Veijola, 2004, 210) und das Hauptgebot der Gottesliebe und Gottesfurcht erfüllen (Ex 20,2-6; Dtn 8,18-20).

 

2.2. Gliederung und Einzelauslegung

Dtn 8,1-20 lässt sich wie folgt grob gliedern: auf den Eröffnungsvers v1 folgen drei Abschnitte: die Erinnerung an den Exodus v2-6 und die beiden Mahnreden v7-11 und v12-18. Der gesamte Text findet in v19f seinen Abschluss.

 

2.2.1. Promulgation (v1)

Der erste v1 fungiert als Überschrift: Moses kündigt ein Gebot an, dass er „heute“ (an dem entsprechenden Tag der gesamten Rede) verkünden wird, und befiehlt dessen Bewahrung (= Erinnerung) und Einhaltung, an die direkt der Segen JHWHs geknüpft wird. JHWH wird im weiteren Verlauf nicht mehr explizit angesprochen, klingt jedoch bei jeder Mahnung zur Gebotstreue implizit immer wieder an. Durch diese Einleitung wird unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass es dem Redner auf das Halten des Bundes ankommt, mit dem JHWH den versprochenen Lohn: Leben, Vermehrung und Inbesitznahme des verheißenen Landes verbunden hat. Schon in diesem ersten Vers klingen die verschiedenen Themen an, die im Folgenden wieder aufgegriffen werden: Land (v7-10.12f) und Gebot (v6.11.14.19).

 

2.2.2 Der Exodus als erzieherische Maßnahme (v2-6)

Im Anschluss daran fordert Moses dazu auf, sich an den zurückliegenden, beschwerlichen vierzigjährigen Weg durch die Wüste zu erinnern, der als Zeit der Prüfung des Volkes gedeutet wird (v2). Sein Zweck bestand in der Versuchung seines Volkes durch Hunger (v3) und Mühsal (v4), wodurch Gott es erproben wollte (vgl. Mt 4,1-11), ob sie seine Gebote halten würden oder nicht. JHWH umsorgte indes sein Volk, indem er es mit Manna speiste (v3), die Kleidung vor dem Zerfall bewahrte und dessen Gesundheit erhielt (v4). Moses bezeichnet diese Wüstenerfahrungen als Erziehungsmaßnahmen Gottes, die die Erkenntnis herbeiführen sollten, dass Gott die Grundkonstante des Lebens ist und man in jeglicher Hinsicht aus ihm heraus lebt (v3: „der Mensch lebt nicht von Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN hervorgeht, lebt der Mensch“), und vergleicht sie mit den Sanktionen und der Fürsorge eines Vaters für seinen eigenen Sohn (v5). Dieser Abschnitt schließt mit der Forderung, Gott zu achten und zu fürchten (v6), wobei die Thematik des Weges wieder aufgegriffen wird (v2) und die Erinnerung an die Wüstenzeit zum Abschluss gebracht wird.

 

2.2.3. Reichtum des „guten Landes“ (v7-10)

Nach diesem Rückblick greift Moses das bereits am Anfang erwähnte Thema Land (v1) wieder auf, das er nun als überreich beschreibt, weil es die für das Leben und jede agrarische Bebauung notwendigen Wasserreserven in Fülle aufweist (v7). Das in Besitz genommene verheißene Land ist darüber hinaus mit Fruchtbarkeit gesegnet, das durch die Erwähnung von sieben landwirtschaftlichen Gütern deutlich zum Ausdruck kommt (v8), wobei Weizen am Anfang dieser Aufzählung implizit als Basis des Lebens und Honig am Ende als Luxus charakterisiert wird. Dass es dem Gottesvolk in diesem Land „an nichts fehlen wird“ (v9), wird durch die kurze Beschreibung der Landesgeologie, der Bodenschätze Eisen und Kupfer, gekrönt (v9). Dass das Land eine äußerst zentrale Bedeutung in dieser Passage besitzt, wird durch zahlreiche Wiederholungen dieses Wortes illustrativ untermauert (siebenmal in v7-10). Angekündigt durch die überreiche Segnung mit dem Land, das Reichtum ermöglicht, schildert Moses das Essen und die damit einhergehende Sättigung nun als Wohlstand (v9f; was vor dem Hintergrund der Wüstenerfahrung nicht verwunderlich ist) und mahnt, Gott für dieses Land zu preisen (v10). Hier schließt sich zum ersten Mal der Imperativ „nimm dich in acht“ an (v11), der eine Schaltstelle darstellt: auf die Schilderung der Wohltaten für das Volk folgt die zentrale Mahnung, Gott darüber nicht zu vergessen (hier zum zweiten Mal seit v6), was darin sichtbar wird, dass dessen „Gebote, (…) Rechtsbestimmungen und (…) Ordnungen“ missachtet werden (v11). Der letzte Halbvers v11b stellt bis in die Wortwahl hinein eine Klammer mit v1 dar: das Gebot, auf das ich dich heute verpflichte.

 

2.2.4. Kulturelle Errungenschaften im verheißenen Land (v12-18)

In v12-18 wird der Gedanke aus v10 weitergeführt. Wenn die Ernährung der Bevölkerung sichergestellt ist, ist auch eine zivilisatorische Entwicklung möglich, was sich in dem Bau und dem Bewohnen schöner Häuser (v12) und in der starken Mehrung des Reichtums zeigt (größere Viehherden und größere „Geldmittel“ in Form von Silber und Gold; v13). Dass davon eine Gefahr ausgeht, zeigt sich durch die dreifache Wiederholung des Verbs mehren und die darauf folgende Warnung, die mit dem stereotypen Imperativ „nimm dich in acht“ eingeleitet wird (v14): der neu erworbene, der überhaupt selbst erworbene Reichtum birgt die Gefahr, dass das „Herz [des Volkes] sich erhebt“ (v14) und Gott vergessen wird. Davor warnt Moses und vergegenwärtigt noch einmal die Taten Gottes während der Wüstenwanderung des Volkes. Dabei stellt er zunächst das Exodusereignis, das Herausführen aus dem „Sklavenland“ Ägypten, vor Augen (v14), das in starkem Kontrast zu dem verdeutlichten Wohlstand und der Freiheit im verheißenen Land steht (v12f). Um diesen Gegensatz noch stärker zu unterstreichen, beschreibt Moses die Wüste attributiv als „groß“ und „schrecklich“ und malt Angstbilder von dort wohnenden feurigen Schlangen und Skorpionen (v15). Auch das nicht vorhandene Wasser in der Wüste zeichnet eine Kontrastfolie zu dem wasserreichen, versprochenen Land (v7). Das nimmt Gott zum Anlass, seinem Volk sowohl seine Kraft als auch Stärke zu demonstrieren, indem er ein Wasserwunder wirkt (v15) und somit die Lebensfeindlichkeit der Wüste für sein Volk überwindet. In diesem Tenor wird auch von der Mannaspeisung berichtet, die schon in v3 erzählt wurde. Ebenso wird der Sinn und Zweck von Gottes Plan der Erziehung noch einmal deutlich mit ähnlichen Worten wie in v2-5 herausgestellt, diesmal jedoch um den Zweck erweitert, dass Gott sich um jeden Einzelnen sorgt und kümmert, damit es jedem „wohltut“ (v16). In v17 taucht erneut die Wendung: „nimm dich in acht“ auf, die die Warnung vor dem Vergessen der Gebote Gottes einschärft. Jedermann soll seine Abhängigkeit von Gott anhand der Wüstenerfahrungen erkennen und ihn daher sowohl lieben als auch fürchten, denn er allein ist es, der den erreichten Wohlstand ermöglicht hat und erhält (v18).

 

2.2.5. Abschließende Warnung (v19f)

In v19 wird das Leitwort des gesamten Textes Dtn 18,1-20 letztmalig aufgegriffen: das Volk soll JHWH nicht vergessen, und es werden die Konsequenzen geschildert: wenn sich das Volk von JHWH und seinen Geboten abwendet und sogar fremde Götter verehrt, wird der Fluch JHWHs es treffen und es wird nicht nur seinen Reichtum und seine Erwählung einbüßen, sondern auch seine bloße Existenz: es wird völlig ausgetilgt werden (v19). Diese abschließende Warnung unterstreicht die bisherigen Mahnungen, den Bund mit JHWH zu halten, weil er zum Segen gereicht, aber bei Nichteinhaltung auch zum Fluch werden kann. Der Gefahren und Gründe zum Abfall von den Geboten JHWHs gibt es viele im „gelobten Land“: zum einen in aufkommenden Hochmut infolge des Wohlstandes (v12-14), zum anderen in dem ausschließlichen Vertrauen auf die „[eigene] Kraft und Stärke der [eigenen] Hand“ (v17) und zuletzt in dem Nachlaufen und Dienen anderer Götter (v19; vgl. Nielsen, 1995, 109). Wenn aber das Hauptgebot  übertreten wird, keine anderen Götter zu verehren (Ex 20,2-6), dann wird dem Volk der Segen des Lebens entrissen und es wird mit Sicherheit umkommen (v19). Zur Veranschaulichung führt v20 das Beispiel an, dass Gott für die Inbesitznahme des „gelobten Landes“ schon andere heidnische Völker hat umkommen lassen. Das wird in Zukunft auch mit seinen Zuhörern geschehen, wenn sie Gott vergessen und nicht auf dessen Stimme hören, mahnt Moses diese abschließend (v20; dabei verwendet er in Analogie zu v1 wiederum statt der sonst vorherrschenden singularischen Anrede „du“ das pluralische „ihr).

 

2.3.  Argumentationsweg und Intention

Der Argumentationsweg wird durch Sprechakte entscheidend strukturiert. Mose beginnt seine Rede mit der Mahnung zur Gebotstreue und knüpft an sie Gottes Segen (v1; das Land, eine Konsequenz des Segens, wird in v7 eingehender thematisiert). Das Erinnern an JHWH wird unmittelbar mit den Exoduserfahrungen des Volkes Israel verknüpft und begründet (v2-6). Gemäß der eben beschriebenen Forderung zur Gebotseinhaltung und dem daran gebundenen Segen deklariert Moses die Wüstenwanderung als Gottes Plan zur Prüfung, ob seine Gebote eingehalten würden oder nicht (v2), und als Erziehungsmaßnahme, damit das Gottesvolk erkennt, dass es von Gottes Fürsorge abhängig ist (v5). Weil JHWH sich als Segen für das Volk erwiesen hat und darin mit ihm einen Bund eingegangen ist, soll auch Israel den Bund halten und darin Segen finden. Doch dieser Segen ist gefährdet, wenn sich Israel von JHWH abwendet. Durch den gesamten Text (v11.14.19) zieht sich das Leitmotiv „JHWH vergessen“, dass Dtn 6,13 entnommen ist. Durch den Einzug ins „gelobte Land“ gibt es mindestens zwei Versuchungen bzw. Gefährdungen, die Bundestreue aufzukündigen: Israel vergisst die Gebote (v2ff.19f) und die Wohltaten JHWHs aus Undank, Überheblichkeit und falscher Selbstsicherheit (v7ff). An drei Stellen wird die Mahnung zur Gebotstreue durch den Imperativ „nimm dich in acht“ angezeigt: v11.14.17. Im Einzelnen beschreibt Moses dieses gute Land als sehr fruchtbar und als ein Land ohne Mangel (v7-9) und versucht auf diese Weise seine Zuhörer vor dem Hintergrund der Wüstenwanderung davon zu überzeugen, dass Gott dafür gepriesen werden muss (v10), woraufhin zum ersten Mal vor dem Vergessen Gottes als der zentralen Mahnung gewarnt wird (v11). Im Folgenden greift Moses die angeklungenen Themen wieder auf und spitzt sie auf seine zentrale Mahnung zu. Aus dem im Land zu erwartenden Wohlstand (v12f) darf nicht Übermut und Vergessen folgen (v14). Der Auszug aus Ägypten (v14), die Wanderung durch die bedrohliche Wüste (v15), die kärglichen Verhältnisse (v3f.15) und die Fürsorge Gottes während dieser Zeit (v16) dürfen im verheißenen Land, wenn man in Wohlstand und Reichtum lebt, nicht vergessen (v18) und auch nicht als eigene Leistung angesehen werden (v17). Das richtige Verhalten ist, an Gott zu denken und ihm für die Kräfte zu danken, mit denen er Israel ausstattet (v18). Nur dann erfolgt auch von Gottes Seite die Aufrechterhaltung des geschworenen Bundes, nur dann dessen Segen (v18). Was dagegen geschieht, wenn die Gebote Gottes nicht eingehalten werden, wird anschließend in der Aufhebung des Segens, dem Tod, verkündet (v19f).

Der Redeaufbau dieser Paränese ist chiastisch: Mahnung, Wüste, Kulturland, zentrale Mahnung, Kulturland, Wüste, Mahnung; vgl. Lohfink, 1965, 76). Der Argumentationsweg hingegen weist eine kleine Unstimmigkeit auf. Zwar versucht Moses vor dem Hintergrund der geschichtlichen Erfahrungen, der Zuwendung Gottes und der Abhängigkeit vom HERRN, sein Volk davon zu überzeugen, dessen Gebote auch einzuhalten. V1 und v18 rücken von dieser Überzeugungsarbeit ab, indem sie nur unter der Bedingung der Einhaltung der Gebote das Land zusagen.

 

3. Diachrone Beobachtungen: Eine Moserede?

3.1. Redaktionsgeschichte

In diesem Bibeltext mahnt Moses emotional und eindringlich wegen des Wohlstandes, der im verheißenen Land erreicht werden wird, Gott nicht zu vergessen (v11a.14b.19) und an ihn in liebender Furcht zu denken (v18). An diese Einhaltung des ersten Gebotes, des Hauptgebotes, bindet er den Segen Gottes und die Inbesitznahme des Landes. Dies ist nur an zwei Stellen (v1.18b) dieser predigtartigen Rede der Fall ist, obwohl auch an anderen Stellen zur Gebotstreue aufgerufen wird (v6.11b). Diese Verknüpfung von Gehorsam und Segen an den beiden Schlüsselstellen von Anfang und Ende umschließt die gesamte Rede wie eine Klammer und erwirkt die Aufmerksamkeit des Hörers, sein Augenmerk auf das Gebot zu richten. Damit dürften es Zuätze zu einem Grundtext sein. Veijola hat sich damit beschäftigt, wann diese Verse (v1.18b-20; die Verse v19f sind als Unterstützung und Verdeutlichung von v18b zu verstehen) dem bis dahin bestehenden Text hinzugefügt worden sind. Er setzt diese Bearbeitung für die nachexilische Zeit an, denn die beschriebene Verbindung von Gehorsam und Inbesitznahme des Landes setzt ein Vergessen von Gott infolge eines  erreichten Wohlstandes voraus (vgl. Veijola, 1995, 150). Weil derjenige, der diese Rahmung am Kapitel vorgenom­men hat, „nomistisch (d.h. am Gesetz) orientiert war und weil der zentrale Gehalt in der Warnung vor dem mit dem Wohlstand im Land einhergehenden Gottvergessen besteht, kann auch v11b, der das Vergessen mit der Missachtung der Gebote gleichsetzt, als Zusatz dieses Bearbeiters bzw. Redaktors angesehen werden (vgl. Veijola, 1995, 145-154). Weiterhin unterscheidet er zwei Bearbeitungsstufen: die Verse v7a.10a.11a.14b.17-18a bilden eine kompositionelle Grundstufe, weil einige Ausdrücke wörtlich aus Dtn 6,10-12 übernommen wurden und das „dreiteilige Schema des Monologs“ in v17-18a an Dtn 7,17-19.21 denken lässt. In diese Grundstufe wurden weitere Verse eingefügt, die die Aussagen zum Reichtum des Landes detaillierter beschreiben (v7b-9.10b.12-14a) bzw. den Wüstenbericht als Kontrastfolie erwähnen (v15f) (vgl. Veijola, 1995, 145-150). Als letzte Bearbeitungsschicht wird das theologische Traktat über die vierzigjährige Wüstenwanderung angesehen (v2-6), das in sich geschlossen und folgerichtig vertieft wird (vgl. Veijola, 1995, 154-158).

 

3.2. Sitz im Leben und Konsequenzen

Aufgrund der beobachteten Schichtung des vorliegenden Textes kann man den Schluss ziehen, dass dieser Text im Laufe der Zeit zu dem gewachsen ist, wie er uns nun vorliegt (vgl. Zenger, 2008, 140f). Da aber die Gestalt des Textes zu jeder Zeit Autorität besaß, wurde der vorgefundene Bestand nicht geändert, sondern darauf aufgebaut und Ergänzungen hinzugefügt, die für die Zeit der Bearbeitung notwendig erschienen, um den Text angemessen auf die eigenen Erfahrungen anwenden zu können und dennoch die bestehenden Traditionen zu erhalten. Zwar ändert sich die Gesamtintention des Abschnittes durch die Feststellung nicht, dass das vorliegende Kapitel keine einheitlich gewachsene Literatur ist und vermutlich in die Zeit des Exils zu datieren ist (vgl. Preuß, 1982, 102), dennoch lassen sich daraus einige Rückschlüsse ziehen. Da die Mahnung zur Gebotstreue und der nur daraus folgenden Inbesitznahme des Landes an dem literarischen Ort wenig sinnvoll ist (vgl. Rüterswörden, 2006, 61), muss diese Forderung für das Volk zu einer Zeit gelten, in der es nicht im Land lebte. Vor diesem Hintergrund wirkt die literarische Vision vom Wohlstand im Land eher wie ein Rückblick auf die Verfehlungen und Missstände, die das Verhältnis zwischen Gott und Volk beeinträchtigten und die „Exilierung“ bedingten. Dementsprechend dienen die Beschreibungen des guten Landes zur Darstellung der Zuwendung JHWHs und zum Bekenntnis, dass das Vergessen von Gott nicht erneut geschehen darf. So fügt sich auch die Wüstenerzählung als Beweis für das nicht durch Wohlstand gestörte Gott-Volk-Verhältnis in diese Grundeinsicht ein.

 

4. Stimmen aus der Forschung

4.1. Der Forschungskontext – Eine prominente klassische These

Bertholet sieht in v3b („Der Mensch lebt nicht von Brot allein. Sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN hervorgeht, lebt der Mensch.“) das befehlende, schöpfende Wort Gottes. Das Manna ist entsprechend eine Folge dieses Wortes, von dem „der Mensch (…) unbedingt abhängt“, weil er „sich (…) das Manna nicht selber schaffen [kann]“ (Bertholet, 1899, 28). Das Brot hingegen kann sich jeder Mensch selber verschaffen.

 

4.2. Die gegenwärtig dominierende Auffassung

Im Sinne der deuteronomischen Wort-Gottes-Theologie versteht Gerhard von Rad unter dem, „was aus dem Mund des HERRN hervorgeht“, das Wort Jahwes, „das für Israel Leben bedeutet“ (von Rad, 1983, S. 51). In Anlehnung an Dtn 30,15 und Dtn 32,47 ist das Wort Gottes gleichbedeutend mit dem Gebot Gottes und letztlich mit dem Hauptgebot der Gottesliebe und Gottesfurcht. Die Befolgung dieses Gebotes bedeutet Segen. Unter dieser Voraussetzung wirkt die Mannaspeisung als „Belohnung“ für die Befolgung der Gebote und passt sich demzufolge in den Kontext, in dem das Land für Gebotstreue als Lohn versprochen wird, ein.

 


Literaturverzeichnis

Bertholet, Alfred, 1899, Deuteronomium (KHC 5), Leipzig/Tübingen

Braulik, Georg, 1986, Deuteronomium. 1-16,17 (NEB.AT 15), Würzburg

Lohfink, Norbert, 1965, Höre, Israel! (Die Welt der Bibel 18), Düsseldorf

Nielsen, Eduard, 1995, Deuteronomium (HAT I/6), Tübingen

Preuss, Horst Dietrich, 1982, Deuteronomium (BdF 164), Darmstadt

von Rad, Gerhard, 41983, Das fünfte Buch Mose. Deuteronomium (ATD 8), Göttingen

Rüterswörden, Udo, 2006, Das Buch Deuteronomium (NSK-AT 4), Stuttgart

Veijola, Timo, 1995, “Der Mensch lebt nicht von Brot allein”. Zur literarischen Schichtung und theologischen Aussage von Deuteronomium 8, in: Braulik, Georg (Hgg.), Bundesdokument und Gesetz. Studien zum Deuteronomium (HBS 4), Freiburg/Basel/Wien, 143-158

Veijola, Timo, 2004, Das fünfte Buch Mose. Deuteronomium. Kapitel 1,1-16,17 (ATD 8/1), Göttingen

Zenger, Erich, 72008, Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart

 

 

 

 

 

zurück zur Übersicht
http://m.bibelwissenschaft.de