Geschaffen und vergänglich: alttestamentliche Vorstellungen vom Werden und Vergehen des Menschen in Ez 37,1-14

fr. Victor Lossau OSB & Susanne Nowotny

Kurzbeschreibung:
Ez 37,1-14 handelt von der Vision einer Lebendigmachung toter Gebeine durch JHWH. Ezechiel wird von Gott in eine Ebene voller Knochen geführt. Noch während er ihnen neues Leben prophezeit, fügen sich die Gebeine zusammen. Auf Geheiß JHWHs hin kehrt schließlich sogar die Lebenskraft der Toten zurück. Im Anschluss an die Vision folgt eine Deutung: Die Gebeine sind das Volk Israel, das zu einem neuem Leben im verheißenen Land wiederhergestellt werden soll.
Zusätzliche Autoreninformation: fr. Victor Lossau OSB & Susanne Nowotny
Studierende, Universität Dresden
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Hes 37,1-14
Zusätzliche Skripturen:
Gen 1,1-2,3 Ri 15,19 Ijob 21,24 Ijob 30,30 Ps 88,6.12 Ps 104,29 Ps 147,18 Spr 15,30 Spr 17,22 Jes 66,14 Jes 38,18 Ez 1,3 Ez 3,22 Ez 8,1 Ez 12,25 Ez 12,28 Ez 14,11 Ez 15,8 Ez 21,12 Ez 33,7-9 Ez 36,26f Ez 40,1 Hos 6,1-2
Weitere Schlagworte:
Anthropologie; Geist; Geist Gottes; Gott; Gottesbilder; Jenseits; Prophet; Prophetie; Schöpfung; Vergänglichkeit; Vision; Zeit

1. Erster Leseeindruck

Es fällt nicht schwer, sich Ezechiels Vision vorzustellen. Fast scheint es so, als wäre der Prophet der letzte Mensch, der das Ende aller sieht. Die Knochen sind hingestreut ohne Zeichen einer letzten Würde, mit denen die Nachkommen ihren vorangegangenen Generationen Achtung erweisen und sich selbst Trost und Hoffnung spenden - vielleicht liegt darin der Grund dafür, dass beim Lesen ein Erschaudern nicht ausbleibt.

Aber die Frage JHWHs läßt bereits hoffen (Ez 37,3): „Menschensohn, können diese Gebeine wieder lebendig werden?“ Und wirklich entfaltet sich nun ein dramatisches Geschehen: die Neuschöpfung der Gefallenen. Nachdem deren äußere Gestalt wiederhergestellt ist, erfolgt die Belebung durch den Geist.

Auffallend ist die Beteiligung Ezechiels am Geschehen. Das Geschehen entfaltet nicht aus sich heraus ihre Dramatik, sondern im Dialog JHWHs mit dem Seher. Ezechiels prophetische Worte sind es, die die Ereignisse in Gang setzen. Zwar steht dahinter immer JHWHs Befehl, doch scheint Ezechiel die notwendige „ausführende Hand“ zu sein.

Die Deutung des Geschehens nimmt JHWH im Anschluss daran selbst vor. Es geht um die Erneuerung des Volkes Israel, das offensichtlich in einem fremden Land ohne Hoffnung auf Rettung lebt. JHWH lässt keinen Zweifel daran, dass Ende aber auch Neubeginn in seiner Hand liegen. Aus dem Grauen der Hoffnungslosigkeit wird zuletzt ein Schauder der Gottesfurcht.

   

2. Synchrone Zugangsweise: JHWH schafft neu.

2.1. Gliederung

Die Vision kann sicher von dem sie umgebenden Kontext abgegrenzt werden. Nachdem Kap. 36 mit der Erkenntnisformel schließt, beginnt in Kap. 37 eine völlig neue Handlung. Auf den Propheten legt sich die „Hand des Herrn“ (v1) und er wird an einen anderen Ort entrückt. Das Erzähltempus wechselt vom Futur ins Präteritum.

Die Abgrenzung zum nachfolgenden Text kann ebenfalls leicht erfolgen. Die Vision endet mit dem Verkündigungsauftrag JHWHs und der Legitimations- oder Gottesspruchformel (v14). In v15 wird durch eine neue Wortereignisformel eine Zeichenhandlung mit zwei Hölzern eröffnet.

Die Vision lässt sich zunächst in zwei größere Abschnitte gliedern. Ein erster Abschnitt umfasst v1-10 als den eigentlichen Visionsbericht. Er beginnt mit einer Eröffnungsformel, die oft den Anfang neuer Texteinheiten bildet (z.B. Ez 1,3; Ez 3,22; Ez 8,1; Ez 40,1). Dreimal folgen Rede Gottes und Antwort des Sehers aufeinander. Auf sein Prophetenwort hin fügen sich die Totengebeine zusammen, werden mit Fleisch umkleidet und Leben erfüllt. Die Lebendiggemachten werden als „ein großes, gewaltiges Heer“ (v10) bezeichnet. Das abrupte Ende der Vision läßt Fragen wie z.B. nach dem Zweck dieses Heeres offen.

Den zweiten Abschnitt bilden v11-14, die die Deutung der Vision durch JHWH und einen abschließenden Verkündigungsauftrag zum Inhalt haben. Das Motiv der „ausgetrockneten Gebeine“ aus v1b.2b wird in der Selbstaussage Israels in v11b aufgegriffen und leistet als Bindglied den Übergang zum Verkündigungsauftrag. Der Verkündigungsauftrag an Ezechiel enthält die Aufforderung Gottes, dem Volk Israels die Befreiung „aus den Gräbern“ (v12b), die Heimführung (v12c) und neues Leben (v14a) zu predigen. Diese abschließende Heilsansage hat die eigene feste Struktur prophetischer Rede mit Botenformel (v12a), Botenspruch (v12b-14a), Erkenntnisformel (v13b.14b), Bekräftigungsformel (v14c) und Gottesspruchformel (v14d), die oft das Ende einer Redeeinheit markiert (z.B. Ez 12,25; Ez 12,28; Ez 14,11; Ez 15,8; Ez 21,12).

Der Tempuswechsel von Vergangenheit (v1-11) über Gegenwart (v12-14) hin zur Zukunft in den Formulierungen der eintretenden Gotteserkenntnis (v13b.14b) betont die Gliederung.

Betrachtet man den dramatischen Verlauf, kann der Visionsbericht detaillierter untergliedert werden. V1-3 schildern eine gespenstische Ausgangssituation. Der Prophet wird durch den Geist JHWHs, in eine Ebene voller Gebeine entrückt. Er schaut diese aber nicht nur von fern, sondern wird durch JHWH „rings, rings an ihnen vorbei[getrieben]“ (v2 nach Buber, 1997). Immer und immer wieder wird Ezechiel der Tod vor Augen geführt. Unterstrichen wird dies durch weitere Aussagen zu den Knochen: es sind „sehr viele“, sie „[liegen] verstreut“ und sind „ganz ausgetrocknet“. Die Gebeine sind ohne die Ordnung, die sie im Leben miteinander verband und ohne Kraft. Es ist der große Tod, den Ezechiel hier sieht (Zimmerli, 1979, 893). Die Szene endet mit der rhetorischen Frage JHWHs, ob „diese Gebeine wieder lebendig werden [können]“ (v3). Weil aus menschlicher Perspektive diese Frage nicht beantwortet werden kann, wird sie von Ezechiel an Gott zurückgewiesen. Dennoch impliziert die Frage schon die Antwort, dass diese Möglichkeit besteht, wenn Gott es will.

Im v4-10 steigert sich das Geschehen. Ezechiel erhält den Auftrag, als Prophet, d.h. mit Gottes Autorität, zu sprechen. Die Knochen werden wie Lebende angeredet. Diese Tatsache bedeutet entweder, dass die Toten gar nicht wirklich tot sind, oder, was plausibler ist, dass die Aussageintention von vornherein auf Lebende abzielt. Der Spruch des Propheten setzt die Neuerschaffung der Gefallenen in Gang. Die Reihenfolge von der Wiederbelebung an entspricht einer Umkehrung des Verwesungsprozesses. Zuerst werden die Knochen mit Sehnen umspannt, dann mit Fleisch umgeben und zuletzt mit Haut überzogen. Noch während Ezechiel den Botenspruch den Gebeinen mitteilt, vollzieht sich deren Neuwerdung. Es geschieht „ein Rauschen, und da, ein Schüttern, die Gebeine rücken zusammen“ (v7 nach Buber, 1997). Das visionäre Geschehen läuft dynamisch mit der Entstehung der Körper auf seinen zu erwartenden Höhepunkt zu, der erst dann erreicht ist, wenn der Geist als conditio sine qua non die Körper belebt. Obwohl laut Botenspruch eine sofortige „Beseelung“ zu erwarten gewesen wäre, bleibt diese aus. Erst eine durch einen zweiten Redeauftrag (v9) angewiesene prophetische Rede zum Geist „von den vier Winden“ (v9) führt zur Belebung der Körper. Am Ende der Vision steht „ein sehr sehr großes Heer“ (v10 nach Buber, 1997). Diese repetitive Verstärkung schließt an die Ausgangssituation an und bringt sie zum Abschluss. Überhaupt sind die in vielfältiger Weise vorkommenden Wiederholungen ein wesentliches Mittel zur Steigerung der Dramatik. Dazu gehört auch das einleitende „Siehe“ am Anfang der Einzelbeobachtungen des Propheten. Rhetorisch überwindet es zusätzlich die Distanz zwischen Erzählung und Leser und schafft Überraschung, Verwunderung und Anteilnahme.

 

2.2. Schlüsselbegriffe

Der an neun Stellen vorkommende „Geist“, ist wohl der häufigste Schlüsselbegriff. Es folgen „Gebeine“ (8x), „als Prophet reden“ / „weissagen“, 7x), „lebendig werden“ (6x), „Gräber“ (4x) und heraus- / heraufholen / zurückbringen (3x).

Geist (hebr. ruach) umfaßt ein großes Bedeutungsspektrum (vgl. Albertz/Westermann, 1984, 726f).  In seiner Grundbedeutung bezeichnet das Wort zunächst Wind als ein Naturphänomen (Ijob 1,19). Das rätselhafte Woher des Windes und seine Kraft galten im atl. Denken als Ausdruck von Kraft und Wirken JHWHs (Ps 147,18). Der „Geist Gottes“ steht für die Befähigung, prophetische Visionen oder Auditionen zu empfangen (vgl. Greenberg, 2005, 456) und damit für ein inneres Wirken im Gegensatz zu der äußerlich sichtbaren Wirkung des Windes. Weiter kann das hebräische ruach auch Atem im Sinne von Leben, Vitalität oder Lebenskraft bedeuten (Ps 104,29; Ri 15,19).

„Geist“ ist immer eine bewegte und bewegende Kraft, eng verbunden mit dem Wirken Gottes. Deshalb ist es gerade der Wind oder Geistbraus (vgl. Buber, 1997, zu Ez 37,9), der den Körpern Bewegung und Lebendigkeit verleiht.

Die Gebeine bilden zusammen mit den Sehnen und dem Fleisch den Körper. Sie sind das Letzte, was nach dem Tod übrigbleibt. Als Grundgerüst des Leibes werden sie manchmal mit diesem gleichgesetzt (Spr 15,30), oder stehen für dessen Kraft (Spr 17,22). Interessant ist die atl. Unterscheidung zwischen vertrockneten, also kraftlosen Gebein und „grünendem Gebein“ (Jes 66,14; vgl. Greenberg, 2005, 460). Hier wird auf Bilder aus der Lebenswelt der Wüste rekurriert. Nicht nur das Gras, auch Knochen brauchen Feuchtigkeit (Ijob 21,24). So gelten nicht die Knochen schlechthin als Todesmetapher, sondern die trockenen oder „heißen“, d.h. entzündeten (Ijob 30,30).

Wenn Ezechiel nicht mehr als „Menschensohn“ angesprochen wird, sondern „als Prophet redet“, kommt Gott durch ihn selbst zur Sprache (vgl. Zenger, 2008, 417f). Er ist Übermittler der Heilsbotschaft, die er unverändert wiedergeben muss, damit sie ihre Wirkung entfalten kann. Ezechiel ist somit zugleich Werkzeug und Zeuge des Handelns Gottes (vgl. Greenberg, 2005, 453f).

Das Grab ist im AT ein Synonym für die Gottferne (vgl. Ps 88,6.12; Jes 38,18). Als „Wohnung der Toten“ dient es zur Umschreibung der Unterwelt, in der die Verstorbenen eine schattenhafte Existenz ohne jegliche Lebendigkeit führen. Egal ob Gerechte oder Frevler, ob Weise oder Toren, alle kommen an diesen Ort (Ps 49,11-21).

Der Vorgang der Wiederbelebung der Totengebeine hat Parallelen zum Schöpfungsmythos Gen 2,7. Wie dort vollzieht sich hier die Erschaffung des Menschen mit der Formung des Körpers und der Einhauchung des Geistes in zwei Phasen (vgl. Zimmerlin, 1979, 889). Körper und Geist / Lebenskraft bilden erst zusammen den eigentlichen Menschen bzw. die „lebende Seele“. Das atl. Menschenbild ist zwar dichotom, aber nicht dualistisch. In beiden Texten vollzieht sich die Schöpfung des Menschen aus dem Ungestalteten. In Gen ist es die trockene, formlose Erde, die JHWH wie ein Töpfer zu Menschen formt, bei Ezechiel sind es die verstreuten Knochen, die mit Fleisch überzogen werden. Deutlich unterscheidet sich aber die Art und Weise wie Gott schafft. Er wird nicht mehr als Handwerker vorgestellt, sondern wirkt durch seinen Befehl. Das erinnert deutlich an die jüngere priesterschriftliche Version der Schöpfungserzählung Gen 1,1-2,3. Das Verbum „schaffen“, das dort verwendet wird, tritt im AT immer mit dem Wirken Gottes (vgl. Schmidt, 1984, 337f) auf. Damit verbietet sich dem Leser jede analoge Vorstellung zu menschlichen Tätigkeiten und streicht die Souveränität und Andersartigkeit von Gottes Wirken heraus; dem Gott, der sogar die Macht zu einer Neuschöpfung hat.

  

3. Diachrone Beobachtungen: Ein apokalyptischer Text?

Obwohl der Text auf dem ersten Blick sehr einheitlich wirkt, entstand er wahrscheinlich nicht in „einem Guss“. Mindestens die Verse 11b-14 scheinen als spätere Deutung und Interpretation einer älteren Visionserzählung angehängt zu sein (vgl. Fuhs, 1988, 207). Beide Abschnitte sind zwar - wie oben ausgeführt - miteinander verzahnt, können jedoch auch getrennt voneinander gelesen und verstanden werden. Visionserzählung und Verkündigungsauftrag sind formal vollständig mit Einleitung und Schluss versehen und bilden sowohl inhaltlich als auch grammatisch unabhängig voneinander verstehbare Texte. Die sich daraus ergebende Frage nach der Datierung der Abschnitte ist dagegen umso schwerer zu beantworten. Beide stehen jedenfalls in geringem zeitlichem Abstand. Die Heilszusage an Israel im babylonischen Exil ist die vorgängige Intention des Textes. So könnte eine geringfügig ältere Visionserzählung mit den eindeutig von dieser Zusage sprechenden Verkündigungsauftrag verbunden worden sein. Beides könnte von Ezechiel selbst stammen. Um diese Frage abschließend zu beantworten, müsste jedoch geklärt werden, welche Redeform - Visionserzählung oder das so genannte Disputationswort der Verse 11a bis 13a - etwa die ipsissima vox Ezechiels ist.

Der Text scheint also von einem Schülerkreis des Propheten weitergeführt worden zu sein. Einer solchen Ergänzung werden auch die Verse 13b bis 14 zugeordnet (vgl. Hossfeld, 2008, 500-502).

Vergleicht man die Vision mit den anderen des Prophetenbuches (z. B. Ez 1-3; 8-11; 33,7-9; 40-48) fallen Unterschiede auf. Zum einen fehlt die sonst typische Datierung, zum anderen gibt es keine vorausgehende Theo- oder Angelophanie. Dieser Sachverhalt hat sogar Zweifel an der Verfasserschaft Ezechiels überhaupt geweckt (vgl. Hossfeld, 2008, 503f).

Die Grab-Metapher ist in der alt. Vorstellungswelt ein Sinnbild für Entfremdung. Vor allem hieraus ergibt sich die zeitgeschichtliche Verortung des Textes. Ezechiel ist der „Prophet des Exils“. Sein Wirken fällt in die Zeit des Untergangs Judas. Seit 604 v.Chr. regiert in Babylon Nebukadnezar, der eine außerordentlich kriegerische Expansionspolitik betrieb. 597 v.Chr. ist er vor Jerusalem, so dass die Stadt kapituliert. Führende Kreise der Bevölkerung werden nach Babylon deportiert und bei Nippur angesiedelt, darunter der Priestersohn Ezechiel (vgl. Ez 1,1) der dort zum Propheten berufen wird. 586 v.Chr. steht Nebukadnezar erneut vor Jerusalem. Diesmal wird die Stadt vollständig zerstört und wiederum ein Teil der Bevölkerung deportiert. Diese „zweite Gola“ bedeutete für Juda das Ende.

Die Exilssituation der Gemeinde kann durchaus als „begraben“ und „tot“ verstanden werden, war doch das Volk fern von dem von Gott zugesagten Land und die eigentliche Stätte der Gottesverehrung, der Jerusalemer Tempel, existierte nicht mehr. Außerdem hatten sie die Katastrophe der babylonischen Eroberung theologisch zu bewältigen, weil sie der Zusage „Ich-bin-da“ JHWHs widersprach. Der Ansatz ist, dass JHWHs Zugriff nun selbst in der Fremde, „im Grab“ denkbar wird und die Zusicherung seines Beistandes erneuert wird. Die Verse 11b-13 scheinen sehr nah am Jahr der zweiten Gola 586 v.Chr. zu liegen. Die Rede Israels deutet an, dass sich das Volk mit der Eroberung noch nicht abgefunden hat, wie es später eigentlich der Fall war. In dieser Zeit wird Ezechiel zum Hoffnungsbringer für sein Volk, indem er dessen Rückkehr verheißt. Das Vokabular „herauf- / herausholen“ erinnert dabei an die Exodustradition. Wie ein zweiter Exodus soll das Volk ins Land Israel, das ausdrücklich benannt ist, zurückkehren. Der Text spricht also nicht, wie später oft dahin interpretiert, von einer Auferstehung in ein Jenseits hinein, sondern von Auferstehung in diese Welt. Daraus ergibt sich auch, dass dieser Text nicht im eigentlichen Sinne ein apokalyptischer Text ist. Er meint keine eschatologische Auferweckung einzelner, sondern spricht von der Erneuerung des Volkes als Trost und Hoffnungszeichen ins Diesseits hinein. Damit steht das „große, gewaltige Heer“ nicht für ein Heer, sondern für die große Zahl des wiederbelebten Volkes.

Die Vorstellung von einer kollektiven Auferstehung der Toten, wie sie mit dem Visionsbericht verbunden ist, findet sich sonst noch in Hos 6,1-2. Dieser Text wird um 733 v.Chr. datiert, also zur Zeit des Nordreichs als assyrischer Vasallenstaat (vgl. Bieberstein, 2003, 9f). Beide Vorstellungen beziehen sich auf eine politische Wiederherstellung Israels, eine „Auferstehung des Volkes“. Die Vorstellung, dass Gott auch ins „Totenreich“ eingreift und sein Volk daraus befreit, ist bei Ezechiel demnach gar nicht so einzigartig. Was jedoch bei Hosea als leichtfertiger Optimismus zurückgewiesen wird, ist bei Ezechiel eine glaubhafte Verheißung. Der Schlüssel dieser Glaubhaftigkeit liegt nicht nur allein darin, dass Ezechiel es „gesehen“ hat, sondern im Geist. JHWH wird durch den Geist das Volk nicht nur lebendig machen, sondern auch dessen Denken erneuern (Ez 36,26f). Hier gewinnt „Geist“ noch eine weitere wichtige Bedeutungsnuance hinzu. Er steht für die Gemütsbewegungen des Menschen. Anstelle von Falschheit, Ungerechtigkeit und Untreue, die für die Exilskatastrophe verantwortlich waren, treten Treue und Wahrhaftigkeit als wirklich neues Leben und nicht bloße Wiederkehr des ewig Gleichen.

 

Literaturverzeichnis

Albert, Rainer/Westermann, Claus, 41984, Art. ruach, in: THAT 2, 726-753

Bieberstein, Klaus, 2003, Leben mit dem Tod - Leben gegen den Tod. Der Umgang mit dem Tod im Alten Israel, in: Welt nd Umwelt der Bibel 27, 4-11

Buber, Martin (Übers.), 101997, Die Schrift. Bd. 3: Bücher der Kündung, Gütersloh

Fuhs, Hans, 1988, Ezechiel 25-48 (NEB.AT 22), Würzburg

Greenberg, Moshe, 2005, Ezechiel 21-37 (HThKAT), Freiburg/Basel/Wien

Hossfeld, Frank-Lothar, 72008, Das Buch Ezechiel, in: Zenger, Erich (Hg.), Einleitung in des alte Testamnt, Stuttgart, 489-506

Schmidt, Werner H., 41984, Art. br', in: THAT 1, 336-338

Zimmerli, Walter, 1979, Ezechiel (BK.AT 13/2), Neukirchen-Vluyn

Zenger, Erich, 72008, Eigenart und Bedeutung der Prophetie Israels, in: Ders. (Hg.), Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart, 417-426

   

Worterklärungen

Menschensohn

Die Bezeichnung M. im AT darf nicht vorschnell mit der (Selbst)prädikation Jesu im NT vermischt und mit messianischen Bezügen konnotiert werden.
Zunächst ist festzustellen, dass im hebräischen Sprachgebrauch ben-adam eine allgemeine Bezeichnung für das Einzelwesen „Mensch“ ist (Ps 8,5; Ijob 25,6 u.ö.). Bei Ez ist ben-adam häufig die Anrede Gottes an den Propheten (Ez 2,1; 3,1 u.ö.). Es liegt nahe, dass so dessen menschliche Niedrigkeit gegenüber der Universalherrschaft Gottes betont werden soll.

Erst in Dan wird die Bezeichnung als Titel für den eschatologischen Repräsentanten der Königsherrschaft Gottes gebraucht (Dan 7,13). Allerdings ist umstritten, ob damit ein einzelner Mensch gemeint ist, oder er als Kollektivum zu verstehen ist. Außerbiblisch wird ben-adam v.a. in der jüd. Apokalyptik verwendet (äthHen,  Esr). Im Rückgriff auf Dan 7 wird er hier ausdrücklich als messianische Gestalt, als „Gesalbter“, „Knecht JHWHs“ und „Licht für die Völker“ aufgefaßt.

Haag, Ernst, Art. Menschensohn. I. Altes Testament und Frühjudentum, in: LThK3 7, 129f

Weiß, Hans-Friedrich, Art. Menschensohn, in: RGG3 4, 874-876

Hebr. näfäsch

Die Ausgangsbedeutung von näfäsch ist Kehle, Gurgel, Schlund, Hals. Hier klingt an, was für die alt. Anthropologie konstitutiv für das Leben ist: der Atem. Durch die Kehle strömt die lebenswichtige Atemluft, an der Kehle hängt das Leben. Der Mensch wird zum lebenden Wesen durch Gottes Einhauchung des Atems (Gen 2,7). Nimmt Gott den Atem wieder, ist der Tod die Folge (Ps 104,29). Menschen und Tiere haben also keine Seelen, sie sind selbst Seelen. Sterben heißt deswegen auch „die Seele aushauchen“ (Jer 15,9). Stirbt der Mensch, stirbt die Seele. Nie werden die „Bewohner“ der Scheol näfäsch genannt. Niemals führt sie eine getrennte Existenz. Erst durch den Hellenismus wird ein dualistisches Leib-Seele-Denken ins AT (v.a. in den deuterokanonischen Schriften) eingetragen. Näfäsch wird im AT deshalb auch zum Synonym für das Leben (z.B. Jona 4,3; Ijob 2,4). Weiter wird in der priesterschriftlichen Textschicht des Pentateuchs Seele manchmal auch im Sinne von „Person“ gebraucht (z.B. Ex 1,5).

Von der Bedeutung „Kehle“ hat sich außer Leben noch eine zweite Bedeutungsreihe des Wortes näfäsch entwickelt: das Begehren, die Gier, der Hunger. Die Einheitsübersetzung übersetzt dann auch in diesem Sinne, z.B. inSpr 12,10 („Der Gerechte kennt die Seele (= Hunger) seines Viehs“), Ps 27,12 („Gib mich nicht preis der Seele (= Gier, Rachedurst) meiner Feinde“). Damit wird „Seele“ allgemein zum Sitz positiver und negativer Affekte, Gefühle und Stimmungen, zum Gemüt. Meist wird der Begriff dann parallel zu Nieren, Eingeweide, Herz und Geist gebraucht. Beispielsweise bedeutet nach Dtn 6,5 „Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“, das ganze Denken und Wollen (= Herz) zu einem Trachten und Streben (= Seele) nach Gott zu machen.

Füglister, Notger, 41994, Art. Seele, in: BThW, 498-500
Westermann, Claus, 41984, Art. näfäsch, in: THAT 2, 71-96

Werden und Vergehen des Menschen im Alten Testament

Die Geschöpflichkeit ist wohl eine der wichtigsten anthropologischen Bestimmungen des AT. Der Mensch steht von Anfang seines Daseins an in einer Relation zu Gott, von der sein Wohl und Wehe abhängt. Zum verantwortlichen Sachwalter Gottes eingesetzt (Gen 2,5.15), ist er Beherrscher und Namensgeber der Tiere, sowie der Gärtner, der die Schöpfung pflegen soll. Doch die Gottesbeziehung ist nicht das einzige Konstitutivum. Als Mann und Frau erschaffen, steht er von Anfang an auch in einem notwendigen Geflecht sozialer Beziehungen. Ist bei einem Menschen diese vertikale oder horizontale Daseinsdimension zerstört, gilt er im atl. Denken bereits als „dem Totenreich nahe“ (Ps 88,4-9).

 

 

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