Gemeinsam ist alles besser

Sophia Krupa

Kurzbeschreibung:
In diesem Beitrag geht es um die Bibelverse Koh 4,7-12. Darin behandelt der Verfasser das Problem der Arbeitssucht des Einzelnen und den Vorteil von Gemeinschaft. Es ist erkennbar, dass der Text argumentativ versucht, die Leser von seiner Botschaft zu überzeugen. Mühen werden hier als etwas dargestellt, die nur Sinn machen, wenn man daraus Lohn und Genuss beziehen und mit anderen teilen kann.
Zusätzliche Autoreninformation: Sophia Krupa
Studentin, Universität Dresden
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Pred 4,7-12
Zusätzliche Skripturen:
Koh 5,12-14 Koh 1,12-2,26 Spr 27,20
Weitere Schlagworte:
Arbeit; Auftrag, Aufgabe; Besitz; Einsamkeit; Erbe, Erbteil, Erbbesitz; Erfüllung; Kohelet; Nachkommen; Partnerarbeit; Reichtum; Selbstliebe; Sinn, Sinnbild, Sinnsuche; Teilen; Zusammenleben

 

 

1. Erster Leseindruck

In diesem kurzen Bibeltext äußert sich der Autor zur Arbeit als Teil des gesellschaftlichen Lebens. Er drückt zunächst die Sinn- und Zwecklosigkeit von harter und dauerhafter Arbeit für diejenigen aus, die keine Familie oder Freunde haben. Dann geht er darauf ein, wie viel besser und einfacher das Arbeiten und Leben in einer Gemeinschaft oder Beziehung ist, da man immer Unterstützung hat. Auf mich wirkt dieser Text ungewöhnlich. Zur damaligen Zeit waren die Familien- und Stammesbande noch stärker und solch eine einzelgängerische, egoistische Lebensweise, gegen die sich der Text ausspricht, schien mir eher ein Produkt der modernen Zeit zu sein.

  

2. Synchrone Zugangsweise: Egoistisches Mühen hat keinen Sinn!

2.1. Eingliederung in den größeren Kontext

Der Abschnitt 4,7-12 ist ein Teil des Kohelet, auch genannt das Buch Prediger, aus dem Alten Testament. Er steht inmitten von zwei Abschnitten, die sich gleichfalls mit der damaligen Lebenswelt beschäftigen und die Übel dieser Welt aufdecken: Koh 4,1-6 widmet sich dem Problem der Unterdrückung und Ausbeutung, Koh 4,7-12 sichtet die Arbeit und das Mühen des allein stehenden Menschen, Koh 4,13-16 spricht über den sozialen Auf- und Abstieg. In allen drei Themenbereich wird die Realität des menschlichen Lebens schonungslos offen gelegt: Menschen unterdrücken einander; der Alleinstehende kann den Lohn seiner Mühen nicht genießen, weil ihm die Ruhe fehlt oder wenn er in Not gerät; schließlich ist auch der soziale Aufstieg nicht von Dauer, weil er von der Wankelmütigkeit des Volkes abhängt. In Kap 4 fragt Kohelet nach dem Glück in verschiedenen Lebensbereichen, das nicht vergänglich ist..

Die Themen, die in diesen Versen behandelt werden, lassen sich auch in anderen biblischen Texten finden. Das Motiv der Arbeit aus Habsucht wird in Spr 27,20 angesprochen. Die größeren Referenzstellen finden sich in Kohelet selbst. So ist v8 eine kritische Gegenstimme zu Koh 2,18-23 in der Frage nach dem Glück durch Besitzstreben. Die Thematik des Besitzes und Reichtums wird in Koh 5,12-14 weitergeführt.

 

2.2. Gliederung des Textes

Ich würde in dem Text eine Segmentierung zwischen v7-8 und danach von v9-12 vornehmen. Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit der Arbeitssucht des Einzelnen, was ich mit „Sinn der einsamen Arbeit“ überschreiben würde. Der zweite Teil umfasst die Vorteile der Arbeit in einer Gemeinschaft. Als Titel ist hier „Vorteile der Gemeinschaft“ passend.

 

2.3. Zeichenebene und Schlüsselbegriffe

Der Text ist unter sprachlicher Rücksicht recht einfach konzipiert, es gibt keine aufwendigen rhetorisch-stilistischen Mittel oder Formulierungen, die das einfache Lesen und Verstehen behindern. Interessant ist die Verwendung der wörtlichen Rede in v8: „Für wen mühe ich mich denn und gönne mir selber nichts Gutes?“ Dies ist als rhetorische Frage gedacht, die der allein Arbeitende sich stellen sollte. Das lockert den Text auf und spricht den Leser direkt an. Her drückt sich das Mitgefühl und die innere Beteiligung des Autors aus. Des Weiteren finden sich in diesem Abschnitt sehr viele Zahlwörter, von „einzeln“ und „allein“ zu „zwei“ bis hin zu „dreifach“. Die mehrfache Nennung und Wiederholung der Wörter sollen sie dem Leser einprägsam machen und die Geschichte unterstützen. Die Wörter „einzeln“ und „allein“ sind in negativen Wendungen verwendet (v8.10), „zwei“ beziehungsweise „dreifach“ werden positiv dargestellt (v9.11.12). Dies dient der Verstärkung der Botschaft, dass Zweisamkeit besser ist. Auch steigern sie sich: Anfangs ist erst einmal nur vom Einzelnen die Rede, der allein arbeitet. Dann werden die Vorteile der Arbeit zu zweit gegenüber der Einzelarbeit gestellt. Und am Ende des Textes heißt es sogar, dass eine dreifache Schnur nicht so leicht reißt. Als sprachliches Mittel unterstützt diese Klimax den Spannungsaufbau und hilft, die Aufmerksamkeit des Lesers zu behalten. Das Wort „eitel“ rahmt den ersten Teil des Abschnitts von v7 bis v8. Es steht für die Vergänglichkeit und Sinnlosigkeit des Handelns des Einzelnen, von dem die Rede ist. Die Rahmung beziehungsweise die Wiederholung des Wortes dient dem Einprägen des Begriffes und der Betonung der Aussage des Textes. Als Schlüsselbegriffe dieses Textes können gelten: „Mühe“/„mühen“ (v8.9),  „allein“/„einzeln“/„einer“ (v8.9.10.11.12) und „zwei“ (v9.11.12).

 

2.4. Argumentation des Textes

Der Autor des Textes hat auf eine durchgehende Argumentationslinie geachtet, obwohl diese scheinbar einen Bruch aufweist. Der Abschnitt beginnt in v7 mit einem Hinweis auf eine Beobachtung des Schreibers, die in v8 näher erläutert wird: Er sieht einen Menschen sich abmühen und durch ununterbrochene Arbeit Reichtum anhäufen, ohne dass er für jemanden arbeitet oder sich selbst etwas gönnt. Der Autor verurteilt dies als vergänglich und ohne Sinn. Er bezieht sich aber nicht auf etwas, was er gehört oder was ihm zugetragen wurde: es wird betont, dass er es selbst gesehen hat (v7). Das gibt dem Argument eine größere Authentizität. In v9 folgt die Alternative: Zu zweit ist die Arbeit leichter und ertragreicher. Dann beschreibt der Autor in v10-12, wie viel einfacher das Zu-Zweit-Sein ist. Es wird vor den Gefahren des Alleinseins gewarnt. Als Unterstützung des Argumentes von v9 wird hier nun versucht, den Leser mit drei Beispielen durch Gegenüberstellungen verschiedener Szenarien vom Vorteil der Gemeinschaft zu überzeugen. Hier öffnet sich eine Bruchlinie. In v9 ging es ja nicht um den Mangel von Hilfe, Wärme oder Schutz, sondern um den Sinn und die Rechtfertigung der Arbeit. Die Thematik der Arbeit wird in den v10-12 aber nicht mehr direkt angesprochen. Springt hier der Autor von einem Thema zum nächsten? Ich denke nicht. Stattdessen wird das Thema des Zu-Zweit-Seins auch in anderen Lebenssituationen als positiv vor Augen geführt. Die Perspektive weitet sich auf das gesamte Leben aus.

 

2.5. Intention des Textes

Dieser Text aus der Weisheitsliteratur des Alten Testaments will den Leser von seiner Aussage überzeugen, dass auch die erfolgreiche Mühe und Arbeit letztlich vergeblich ist, wenn jemand allein steht. Der Leser soll sich fragen, für wen er arbeitet und was er als Lohn für sich selbst behält. Die egoistische Lebensweise wird als unsinnig dargestellt. Das Leben in einer Gemeinschaft wird ausführlich als vorteilhaft beschrieben. Man kann sich gegenseitig in der Not stützen; wenn einer fällt, hilft der andere ihm auf. Nur zu zweit kann man sich gegenseitig wärmen, wenn es kalt ist. Und im Falle von gewaltsamen Überfällen können sich Zwei besser verteidigen als Einer allein. Diese stringente Argumentation erweckt den Eindruck, dass der Autor versucht, seine Leser zu überzeugen, dass die Arbeit im Ganzen nur einen positiven Wert hat, wenn sie sozusagen nicht nur für sich selbst verrichtet wird. Es wird als ausschlaggebend angesehen, dass man mit anderen einen Nutzen oder eine Belohnung aus der Arbeit zieht.

Der Text ist auch heutzutage noch aktuell. Anstatt wie ein Workaholic zu arbeiten, nur um immer und immer mehr Reichtum anzuhäufen, ohne davon letztlich doch erfüllt werden zu können, sollte man sich fragen, für wen man das tut. Dass ein Leben in Gemeinschaft von zwei oder mehr Personen sinnstiftender ist als ein Leben auf sich alleingestellt, würde auch heute niemand bestreiten.

 

3. Diachrone Beobachtungen: Kulturelle Einflüsse?

3.1. Entstehung

Das Buch Kohelet kann in die nachexilische Zeit datiert werden. Dafür sprechen persische Lehnwörter und eine Sprachform mit aramäischen Einflüssen, die auf eine Entstehung nach 500 v. Chr. hinweist (vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2004, 101). Möglicherweise ist der Zahlenspruch v12 ursprünglich eigenständig, eventuell trifft dies auch für v11 zu. Beide Sätze wurden hier bewusst in den Kontext der Frage nach Alleinsein und Gemeinschaft platziert, um die Aussagen der v9.10 zu unterstützen.  

 

3.2. Einflüsse

In der Forschung gibt es unterschiedliche Theorien, welche kulturellen Einflüsse das Werk bestimmen. Für babylonische Einflüsse sprechen Übereinstimmungen zwischen Koh 4,12 und der „Rede des Schenkin“ im Gilgamesch-Epos (vgl. Schwienhorst-Schönberger, 2004, 105). Daneben werden in dem Werk noch hellenistische, ägyptische und kanaanäisch-phönizische Einflüsse vermutet. Vor allem aber sind innerjüdische Einflüsse erkennbar. Es ist anzunehmen, dass der Verfasser auf die Wissensbestände verschiedener Traditionen und Kulturen zurückgreifen konnte.

 

4. Stimmen aus der Forschung

4.1. Der Forschungskontext – Eine prominente klassische These

Für Walther Zimmerli steht die Arbeit des einzelnen Menschen und die Problematik der Arbeit ohne Erben im Fokus dieses Bibelabschnittes: „Wie fragwürdig, wenn überhaupt kein Erbe da ist! (…) Die persönliche Beteiligung Kohelets an dieser Frage verrät sich darin, daß er hier plötzlich in den bekenntnishaften Ich-Stil im Munde des Arbeitenden umbricht.“ (Zimmerli, 1967, 183). Die drei spruchhaften Vergleiche am Ende des Textes sind nach Zimmerli keine Anweisungen, sondern als Beispiele für verschiedene Lebenssituationen eher Anschauungen für den Leser: „Die (…) zugefügten Sprüche, die sich lediglich mehr mit der Frage ‚Einzelner, zweie oder sogar drei zusammen’ befassen, wollen darum wieder nicht als eine volle Weisung zum Entgehen aus der Problematik menschlicher Arbeit entstanden sein, sondern nur (…) ein relativ Besseres zeigen.“ (Zimmerli, 1967, 184)

 

4.2. Die gegenwärtig dominierende Auffassung

Norbert Lohfink ist der Auffassung, dass „Kohelet, der sich (…) schon stark mit den Menschen, von denen er sprach, identifizierte, (…) hier im Sicheindenken noch weiter [geht]“ (Lohfink, 1986, 38). Auch er stützt seine Deutung auf die Verwendung der „erlebten Rede“ in v8, mit der Kohelet die entscheidende Frage stellt. V9 interpretiert er so, dass „man es [als] selbstverständlich verstehen müsste, aus seiner ‚Arbeit’ und seinem Besitz zu ‚Ertrag’ oder ‚Belohnung’ zu kommen“ (Lohfink, 1986, 38). Gemeinsamkeit macht also nur dann Sinn, wenn man dadurch zum in v8 benannten „Glück“ kommt.

 

4.3. Neue Entwicklungen – eine sich abzeichnende Tendenz

Ludger Schwienhorst-Schönberger konzentriert sich in seiner Auslegung von 2004 darauf, dass der Textabschnitt die „Gefahren des Single-Daseins thematisiert“ (Schwienhorst-Schöneberger, 2004, 303). Die Schwierigkeiten des Fehlens von Ruhe und Genuss stehen für ihn in diesem Text im Vordergrund: „Die Tragik des hier geschilderten Falles besteht darin, dass der Arbeitssüchtige nicht in der Lage ist, von seinem Reichtum zu genießen. (…) Er gönnt anderen und sich selbst nichts Gutes.“ (Schwienhorst-Schönberger, 2004, 303)

 


Literaturverzeichnis

Krüger, Thomas, 2000, Kohelet (Prediger) (BKAT 19A), Neukirchen-Vluyn

Lohfink, Norbert, 31986, Kohelet (NEB.AT 1), Würzburg

Mertens, Heinrich A., 1989, Handbuch der Bibelkunde,  Düsseldorf.

Strobel, Albert, 1967, Das Buch Kohelet (Prediger) (Die Welt der Bibel. Kleinkommentare zur Heiligen Schrift 9), Düsseldorf

Schwienhorst-Schönberger, Ludger, 2004, Kohelet (HThKAT), Freiburg/Basel/Wien

Zimmerli, Walter, 1967, Das Buch des Predigers Salomo, in: Ringgren, Helmer/Weiser, Arthur/Zimmerli, Walther, Sprüche / Prediger / Das Hohe Lied / Klagelieder / Das Buch Esther (ATD 16), Berlin, 123-253

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