Messianische Aussagen im 4. Evangelium

Carolin Elisabeth Bönisch

Kurzbeschreibung:
Die folgende Kurzexegese zeigt, welche messianische Vorstellungen in Joh 1,43-51 eine wichtige Rolle spielen und auf welche verschiedenen Weisen die ersten Jünger zu ihren eigenen begründeten Glaubensaussagen über die Person Jesus von Nazaret kommen.
Zusätzliche Autoreninformation: Carolin Elisabeth Bönisch
Studentin, Universität Dresden
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Joh 1,43-51
Zusätzliche Skripturen:
Gen 28,12 Ps 32,2 Mk 1,16-20 Mk 3,16 Mk 14,6 Mt 4,18-22 Mt 8,22 Mt 14,33 Mt 16,16-18 Lk 5,1-11 Lk 6,14 Joh 1,29
Weitere Schlagworte:
Betsaida; Berufung; Christologie; Jesus; Jünger; Jüngerinnen; Nachfolge; Sohn Gottes; Glaubensbekenntnis; Messias; Zweifel; Zeichen

1. Erster Leseindruck

In Joh 1,43-51 fällt die scheinbare Unbekümmertheit und Selbstverständlichkeit auf, mit der die ersten Jünger Jesus nachfolgen. Sie geben ihr bisheriges Leben auf, ohne jede Absicherung. Philippus genügt der Ruf Jesu. Natanaël ist zunächst skeptisch, doch nach einem Zeichen kommt auch er zum Glauben. Bemerkenswerterweise wird Jesus hier noch nicht als Messias oder Gesalbter bezeichnet.

 

2. Synchrone Zugangsweise: die ersten Jünger bekennen sich zu Jesus

2.1. Abgrenzung des Textes

Bei Joh 1,43-51 lässt sich die Textabgrenzung am Orts-, Zeit- und Personenwechsel festhalten. Der Abschnitt beginnt am Tag nach der Berufung des Simon Petrus zum Jünger mit dem Gehen Jesu nach Galiläa. Dort trifft er auf Philippus und beruft auch ihn in seine Nachfolge. Zum einen grenzen diese Wechsel den Text ab, zum anderen stellt die Berufung eine Verbindung zum vorangegangenen Abschnitt her. Der Abschnitt kulminiert in v51 in einer Ankündigung, die sich an alle Jünger („euch“ in der zweiten Person Plural) wendet. Zum ersten Mal begegnet hier auch das, für das Johannesevangelium typische, doppelte Amen („Amen, Amen, ich sage euch“). Mit Joh 2,1ff schließt sich die Erzählung von der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-12) und somit wieder ein örtlicher und zeitlicher Wechsel an.

 

2.2. Kontextanalyse

Joh 1,43-51 steht zu Beginn des Johannesevangeliums und bietet eine Zusammenfassung bzw. eine Vorahnung über die Person Jesu und sein im Laufe des Evangeliums beschriebenes Handeln. Darin greift er Aussagen der vorangegangenen Abschnitte auf.

Das Evangelium beginnt mit dem Prolog (Joh 1,1-18), in welchem der Evangelist das Auftreten Jesu in einen weiten, kosmischen Rahmen einspannt. Er stellt Jesus als das präexistente Wort vor, das von Anfang an bei Gott war und mit ihm als seinem Vater eins ist und unterstreicht die Einmaligkeit Jesu als Selbsterschließung des Vaters in der Inkarnation des Menschen Jesus. Auf die Einleitung folgt das Bekenntnis von Johannes dem Täufer (Joh 1,19-34). Schon dieser Anfang spiegelt die Grundaussage des Evangelisten wider, dass Jesus der Messias, der Sohn Gottes ist. Johannes der Täufer nimmt die Rolle des Wegbereiters ein und lehnt deshalb die Bezeichnungen Messias, Elija und Prophet für sich ab. Sein Bekenntnis und Zeugnis führen dazu, dass der Leser von Beginn an mit der christologischen Überzeugung des Evangelisten vertraut gemacht wird. Im nachfolgenden Text Joh 1,35-51 geht es um die Berufung der ersten Jünger. Auch hier übernimmt Johannes der Täufer die Aufgabe des Wegbereiters, indem er die bei sich stehenden Jünger auf Jesus aufmerksam macht und von der Nachfolge überzeugt. Von Johannes ausgehend verbreiten die ersten Jünger den Messiasglauben über Jesus an die weiteren Nachfolger, beispielsweise hier in Joh 1,43-51, wo Philippus Natanaël die Gottessohnschaft Jesu zeigen will.

Am Ende dieses ausgewählten Textabschnitts Joh 1,43-51 verweist der Evangelist über den Text hinaus, indem Jesus den Jüngern noch Größeres verspricht. Was dieses Größere präzise meint, wird nicht weiter ausgeführt. Es bleibt seltsam unbestimmt, ja offen und wird nicht auf äußere Zeichen oder Wunder eingeschränkt. Damit schlägt Joh 1,43-51 eine Brücke zwischen dem Glauben der ersten Jünger und dem öffentlichen Auftreten und der wachsenden Bedeutung Jesu in Wort und Tat. Gleich im Anschluss an die ausgewählte Stelle folgt die Erzählung der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-12). Diese Erzählung ist bei Johannes die erste über das öffentliche Auftreten Jesu, somit beginnt auch Jesu öffentliche Verkündigungstätigkeit, die das je Größere Jesu jeweils konkret thematisiert.

 

2.3. Gliederung

Der Text lässt sich in drei Abschnitte anhand von drei beschriebenen Redesituationen gliedern. Zunächst sprechen in Joh 1,43f Jesus und Philippus miteinander. Es wird der Glaube des Philippus beschrieben, dem es ausreicht, dass Jesus ihn zur Nachfolge aufruft, ohne jede Nachfrage oder jede Rückversicherung. Im zweiten Abschnitt v45f wird die Figur des Natanaël im Dialog mit Philippus eingeführt. Natanaël gibt sich skeptischer als Philippus, weil er sich mit dem Verweis auf das Gesetz und die Propheten nicht zufrieden gibt und nicht ohne Nachfragen glauben kann bzw. will. Im dritten Abschnitt v47-50 begegnen sich Natanaël und Jesus. Natanaël wird von Jesus zum einen als „echter Israelit (...) [und] Mann ohne Falschheit“ (v47) dargestellt und zum anderen als Zweifler. Natanaël kommt zum Glauben, indem er von Jesus erfährt, dass dieser ihn schon „unter dem Feigenbaum gesehen“ (v48) hat. An dieser Stelle taucht das Motiv „vom wunderbaren Wissen Jesu“ auf (Wengst, 2000, 94). Die Begegnung mit Jesus, die lobende Anrede und das Wissen Jesu um seine Herzensnöte bringen Natanaël zu seiner Glaubensaussage. Wie auch die anderen Schüler redet er Jesus mit „Rabbi“ (v49) an und bekennt sich dann, wie Johannes selbst (v34), zu Jesus als dem „Sohn Gottes“ (v49). Der letzte v51 beinhaltet einen Vorausblick auf die folgenden Kapitel, eine indirekte Selbsttitulierung Jesu („Menschensohn“) und ein eschatologisches Moment („den Himmel geöffnet und die Engel Gottes auf- und niedersteigen sehen“).

 

2.4. Sprachlich-syntaktische und semantische Analyse

Innerhalb der Wortarten dominieren vor allem Substantive und Verben, Adjektive hingegen sind nur sehr selten. Bei den Substantiven handelt es sich hauptsächlich um Eigennamen oder Bezeichnungen von Personen und deren Umständen. Innerhalb der Verben wiederum herrschen diejenigen des Sprechens und der Bewegung vor. Dies hängt damit zusammen, dass die Textstelle zum Großteil aus wörtlicher Rede zwischen drei Personen besteht, die über die Lebendigkeit der Handlung hinaus der Deutung der Person Jesu dient. Der Wortschatz des Textes ist durch einfache und in den Evangelien häufig vorkommende Worte nahezu alltäglich und bietet so dem Leser die Möglichkeit, den Text gut nachzuvollziehen. Dies ist insofern wichtig, als dieser Teil des ersten Kapitels hilfreiche Horizonte für das Verständnis des übrigen Evangeliums erschließt. Die Satzanfänge beginnen alle mit dem Auftreten einer Person, die etwas zu jemandem sagt bzw. die seinem Gegenüber eine Frage stellt. Die Sätze sind somit zwar inhaltlich, jedoch nicht vom Satzbau her, miteinander verbunden, abgesehen von den Antworten auf direkte Fragen. Die Textstelle wirkt deshalb wie einem Drehbuch entsprungen. Als theologische Leitbegriffe tauchen die Worte treffen (eyrisko) und rufen (phoneo) auf (Joh 1,45). Diese stehen immer in enger Verbindung. Wie bereits im Textabschnitt vorher (Joh 1,35-42) treffen Menschen zusammen und werden durch ein Wort über Jesus auf Jesus aufmerksam gemacht, begegnen ihm und werden anschließend gerufen, um ihm nachzufolgen (akoloytheo). Auch dieses Wort spielt im Bezug auf die ersten Jünger eine ganz entscheidende Rolle: Neben Andreas und Simon Petrus wird auch Philippus von Jesus zum Jünger berufen. Alle drei fordert Jesus auf, ihm nachzufolgen und die Männer folgen diesem Aufruf. Von mehr als dieser Aufforderung wird in der Erzählung nicht berichtet, wie auch in den synoptischen Berufungsgeschichten(Mk 1,16-20; Mk 2,14f). Der Begriff des Nachfolgens hat im weiteren Evangelium eine tragende Bedeutung, so zum Beispiel in Joh 12,26 („Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach“), weil das Nachfolgen der Inbegriff des Jüngerseins ist. Es befinden sich im Text noch weitere Schlüsselbegriffe, welche für den Grundtenor des Evangeliums wichtig sind. Dazu zählen vor allem die verschiedenen Bezeichnungen der Person Jesu durch die Jünger und auch durch ihn selbst. Zum einen wird er als „Jesus aus Nazaret, [der] Sohn Josefs“ (Joh 1,45) bezeichnet und zum anderen als „Rabbi, (...) der Sohn Gottes, (...) der König von Israel!“ (Joh 1,49). Allen Bezeichnungen hat der Evangelist am Ende des ausgewählten Textstückes eine Selbstbezeichnung Jesu hinzugefügt, in der sich Jesus indirekt als den „Menschensohn“ (Joh 1,51) bezeichnet, über dem die „Engel Gottes auf- und niedersteigen“ (Joh 1,51). Dieser Begriff des yios tou anthropou tritt auch in den synoptischen Evangelien mehrfach auf, fast ausschließlich aus dem Munde Jesu.

Einen weiteren Schlüsselbegriff repräsentiert der Ort „Nazaret“. Nazaret, welchem auch in den synoptischen Evangelien, vor allem in der Kindheitsgeschichte Jesu, eine Bedeutung zugeschrieben wurde, soll als kleine und unbedeutende Stadt den Messias hervorgebracht haben? An dieser Frage scheitert zunächst auch Natanaël (Joh 1,46). Doch auch ihn kann Jesus durch sein Reden und Handeln überzeugen.

 

2.5. Narrative Analyse

Die narrative Struktur des Textes wird hauptsächlich durch die Interaktionen zwischen Jesus und den ersten Jüngern bestimmt. Die Handlung beginnt damit, dass Jesus von Betanien aus nach Galiläa aufbrechen will und dort auf Philippus trifft. Diesen bittet er, ihm zu folgen. Alles passiert ohne jegliche Ankündigung und ohne jede Umschweife. Es fehlt allerdings eine direkte Antwort des Philippus auf den Ruf Jesu. Für den Leser gibt es nur die Information, dass Philippus wie die ersten Jünger aus Betsaida stammt. Erst im darauffolgenden Abschnitt wird ersichtlich, dass Philippus dem Ruf Jesu gefolgt ist, da er auch Natanaël von seinem Glauben überzeugen will. Dazu beruft er sich auf das Gesetz und die Propheten, also auf das AT. Dies stellt Natanaël infrage, indem er die (fehlende) Bedeutung Nazarets im AT reklamiert. Durch den Aufruf „Komm und sieh!“ (Joh 1,46) bringt Philippus Natanaël dazu, trotz seiner Skepsis gegenüber der Person Jesu und seinem Heimatort Nazaret ihm zu folgen. In v47 kommt es zu einem Subjektwechsel, denn Jesus sieht Natanaël auf sich zukommen und erkennt das Gute in ihm. Im Gegensatz zu den vorhergehenden Jüngern zweifelt Natanaël und kommt erst nach dem Aussprechen des „wunderbaren Wissens“ (Wengst, 2000, 94) Jesu: „Schon bevor dich Philippus rief, habe ich dich unter dem Feigenbaum gesehen.“ (Joh 1,48) zur gläubigen Überzeugung. In diesem Moment schwenkt die Skepsis des Natanaël um in Verwunderung. Gerade noch hat er die Herkunft Jesu herabgewürdigt, jetzt wird ihm ein Lob („ein echter Israelit, ein Mann ohne Falschheit“, v47) zuteil. Er erfährt, dass Jesus sein Herz kennt (unter dem Feigenbaum wurde von Rabbis die Tora studiert), kommt zum Glauben und bekundet diesen mit der Aussage in v49. Jesu Antwort in v50 drückt Anerkennung und Verheißung aus, keinesfalls Skepsis oder Vorwurf. Wie anders hätte Natanaël zum Glauben kommen können als durch diese ersten Worte Jesu an ihn? In v50b kündigt Jesus noch viel Größeres an, das als Zeichen seiner Selbstoffenbarung als Sohn Gottes gelten soll. Der Anfangsglaube kann und soll entfaltet werden und wachsen. Dasselbe Ziel verfolgt auch der letzte Vers des gewählten Abschnittes. v51 wendet sich sowohl an die Jünger der Erzählung als auch an den externen Leser und verstärkt noch einmal die christologische Überzeugung des Evangelisten.

Durch die Verben des Sprechens und der Bewegung wird die Geschichte durch einen Spannungsbogen verbunden. Die Handlung führt über die Gespräche des Philippus und des Natanaël zur Nachfolge der ersten Jünger, indem die aufgeworfene Frage nach der Person Jesus zum Schluss eine messianische Deutung erfährt.

 

2.6. Pragmatische Analyse

Das Johannesevangelium verfolgt mit der Erzählung ein deutlich erkennbares Ziel. Am Beispiel der Jüngerberufung will der Evangelist der Gemeinde verdeutlichen, was der Grund seines Glaubens ist. Gleichzeitig wird auch klar, dass nicht jeder von vornherein einen so festen Glauben hat, dass er ohne jeglichen Zweifel und ohne jede Frage die Nachfolge Jesu antreten kann. Natanaël nimmt hier die Rolle des Zweiflers ein, der sich einen Beweis wünscht, um wirklich glauben zu können. Der Inhalt seines Zweifels wird schon zu Beginn der ausgewählten Stelle deutlich (Joh 1,46). Natanaël bezweifelt, dass aus Nazaret etwas Gutes kommen kann. Diese Skepsis ist insofern nachvollziehbar, als diese Stadt im ersten Jahrhundert nach Christus vollkommen unbedeutend war. Sie wurde weder in der Heiligen Schrift noch in der jüdischen Traditionsliteratur benannt (Wengst, 2000, 93). Das Zweifeln Natanaëls steigert sich, als Philippus den aus der Schrift Verheißenen mit dieser Stadt in Verbindung bringt. Doch genau dieser Zweifler ist es, der nach einer persönlichen Begegnung und einer klärenden Unterhaltung ein so überzeugtes Glaubensbekenntnis formuliert. Das Jüngersein ist immer mit der Anfechtung verbunden, die sich in Joh 1,43-51 im Zweifel des Natanaël ausdrückt. Auch die Jünger glauben nicht von Beginn an hinreichend. Wie die Jünger ihre Zweifel überwinden sollen, so werden auch die johanneische Gemeinde und der externe Leser dazu ermuntert, zum wahren Glauben zu kommen, einem Glauben der offen ist für inneres Wachstum und ein je größeres Verstehen.

 

2.7. Intertextualität

An mehreren Stellen, zunächst des Johannesevangeliums, dann aber auch innerhalb des NT und AT, kommt es zu intertextuellen Bezügen. Zunächst ist es der Auftritt des Philippus. Auch die Synoptiker kennen ihn, er wird in allen Evangelien bei der Aufzählung der zwölf Apostel mit genannt, jedoch nur bei Johannes bekommt er eine besondere Stellung. Eine zweite intertextuelle Referenz ist v49, in der Jesus als König von Israel angesprochen wird. Damit ist Joh 6,15 (Speisungswunder) verbunden und auch Joh 12,13 (Verehrung Jesu bei seinem Einzug in Jerusalem). Gehäuft tritt der Titel „König“ zusätzlich in der Passionsgeschichte auf (Joh 18,33-19,16a). Johannes bezieht ihn nur auf Jesus, den Begriff „Königsherrschaft“ bzw. „Reich Gottes“ verwendet er gar nicht. Die beiden Titel „Sohn Gottes“ und „König von Israel“ (v49) sollen die Ankündigung des Philippus bestätigen, dass Jesus der schriftverheißene Messias ist, aber in dieser Verklammerung auch die besondere Art der Messianität Jesu ins Licht heben, denn Jesus wird nicht die Königsherrschaft über Israel geschichtlich wiederherstellen (vgl. Joh 18,36). Ein weiterer, nicht wörtlicher, aber inhaltlicher Bezug besteht zwischen Joh 1,50 und Joh 20,24-29. Auf Grund ihres anfänglichen Unglaubens bekommen sowohl Natanaël als auch Thomas ein „Zeichen“, damit ihr Glaube geweckt werden kann bzw. gefestigt wird. In v51 ist ein letzter intertextueller Bezug zu finden, nämlich zum Traum Jakobs in Gen 28,12. Auch Jakob spricht von den auf- und niedersteigenden Engeln auf der Himmelsleiter. In beiden Texten geht es darum, dass Gott in diesen Momenten nahe ist. Im Buch Genesis ist es Jakob, bei dem Gott sich im Traum offenbart. Bei Johannes ist es Jesus, der die Gegenwart Gottes auf Erden ermöglicht und dieses Ereignis auch für seine Anhänger als Zeichen offenbaren möchte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die ausgewählte Stelle Joh 1,43-51 für das übrige Evangelium elementar wichtig ist. Sie gibt einen Ausblick auf den weiteren Weg Jesu, den Weg, der ihn bis ans Kreuz führt. Gleichzeitig wird dem Hörer oder Leser des Evangeliums bewusst, welchen Einfluss das Zusammenspiel der einzelnen Textelemente auf den Sinn des Erzählten hat. Im Bezug auf die Fragestellung der Exegese, inwieweit messianische Aussagen im Johannes-Evangelium enthalten sind, hat die synchrone Analyse gezeigt, dass bereits die ersten Jünger Jesus mit messianischen Titeln bezeichnet haben, die durch ihre Herkunft aus dem AT vorgeprägt sind.

 

3. Stimmen aus der Forschung

3.1. Der Forschungskontext – Eine prominente klassische These

Lange Zeit herrschte die Johannesinterpretation des evangelischen Exegeten Rudolf Bultmann vor. Er arbeitete religionsgeschichtliche Parallelen heraus und ordnete das Johannesevangelium in den Bereich des „gnostische[n] Erlösermythos“ (Bultmann, 1961, 365) ein. Das gesamte Evangelium ist nach Bultmann von gnostischer Terminologie geprägt, insbesondere durch die häufig wiederkehrenden gegensätzlichen Wortpaare, zum Beispiel Licht und Finsternis (vgl. Bultmann, 1961, 363). In gleicher Weise, an dieses dualistische Denken angelehnt, sind die Bilder, die den Offenbarer beschreiben (Joh 1,51) und darin ihn von der übrigen Welt unterscheiden. Den Offenbarer deutet Bultmann als den präexistenten Gottessohn, der im Auftrag des Vaters kommt und die Seinen aus der Welt herausruft (vgl. Bultmann, 1961, 365).

 

3.2. Die gegenwärtig dominierende Auffassung

Gegenwärtig dominiert die Auffassung, dass die einseitige Betrachtung Bultmanns nicht befriedigt. Udo Schnelle plädiert dafür, das Evangelium als „stimmiges sprachliches Gebilde“ (Schnelle, 2007, 542) wahrzunehmen. Dies hat auf den Inhalt und die redaktionsgeschichtliche Auslegung eine starke Auswirkung. Im Mittelpunkt der aktuellen Debatte stehen die Inkarnations-, Kreuzes- und die Gesandten-Christologie (vgl. Schnelle, 2007, 542).

 

3.3. Neue Entwicklungen – eine sich abzeichnende Tendenz

Enno Edzard Popkes sieht den Liebesgedanken als Mittelpunkt des Johannes-evangeliums. „Die liebessemantischen Motive haben eine Schlüsselfunktion für das Verständnis des 4. Evangeliums. (...) Diese Konzeption kann als ,dramaturgische Christologie der Liebe Gottes´ bezeichnet werden, da die Worte und Taten Jesu die menschgewordene Liebe Gottes verkörpern“ (Popkes, 2005, 355). Alles das, was die ersten Jünger mit Jesus erleben und auch das, was er ihnen zunächst nur ankündigt (Joh 1,35-51), soll ein Zeichen der Liebe Gottes sein.

 

Literaturverzeichnis

Blank, Josef, 1964, Die Gegenwartseschatologie des Johannesevangeliums, in: Schubert, Kurt (Hg.), Vom Messias zum Christus. Die Fülle der Zeit in religionsgeschichtlicher und theologischer Sicht, Wien, 279-315

Bultmann, Rudolf, 41961, Theologie des Neuen Testaments, Tübingen

Kügler, Joachim, 1999, Der andere König. Religionsgeschichtliche Perspektiven auf die Christologie des Johannesevangeliums (SBS 178), Stuttgart

Popkes, Enno Edzard, 2005, Die Theologie der Liebe Gottes in den johanneischen Schriften (WUNT II 197), Tübingen

Schnelle, U., 1987, Antidoketische Christologie im Johannesevangelium, Eine Untersuchung zur Stellung des vierten Evangeliums in der johanneischen Schule (FRLANT 144), Göttingen

Schnelle, Udo, 2007, Einleitung in das Neue Testament, Göttingen

Stegemann, Ekkehard W., 1993, König Israels, nicht König der Juden? Jesus als König Israels im Johannesevangelium, in: Ders. (Hg.), Messiasvorstellungen bei Juden und Christen, Stuttgart/Berlin/Köln, 41-56

Wengst, Klaus, 2000, Das Johannesevangelium. Bd. 1: 1-10 (ThK.NT 4/1), Stuttgart/Berlin/Köln

Wilckens, Ulrich, 2003, Der Sohn Gottes und seine Gemeinde. Studien zur Theologie der Johanneischen Schriften (FRLANT 200), Göttingen

[letzte Änderung: 26. April 2011].

zurück zur Übersicht