Der Johannesprolog - Verfasserschaft und Logostheologie

Alana Socarici

Kurzbeschreibung:
Der Autor des Johannesevangeliums (in dieser Arbeit der Kürze halber Johannes) erklärt, inwiefern das Wort mit Gott und dem Anfang zusammenhängt. Er geht darauf ein, dass das Wort im Anfang bei Gott und Gott selbst war. Außerdem seien alle Dinge durch das Wort geschaffen. Darüber hinaus sei das Wort das Leben und das Licht der Menschen, wobei Letzteres die Finsternis erhelle.
Zusätzliche Autoreninformation: Alana Socarici
Studentin
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Bibelstellenbezug:
Joh 1,1-5
Zusätzliche Skripturen:
Gen 1 Mt 1,1 Mk 1,1 Lk 1,1 Joh 1,6-18 Joh 1,19-34 Joh 1,35-51 Joh 2,1-12 Joh 3,16 Joh 3,36 Joh 8,12 Joh 9,5 Joh 12,35 Joh 12,46 Joh 20,31
Weitere Schlagworte:
Christus; Erde; Welt; Glaubenserfahrung; Evangelist; Evangelium; Gemeinde; christlicher Glaube; Herrlichkeit des Herrn; Hymnus; Jesus; Johannes; Johannes der Täufer; Jünger; Jüngerinnen; Licht; Licht der Welt; Liebe; Logos; Menschen; Messias; Schöpfung;
Letzte Aktualisierung:
13.04.2021

1. Erster Leseeindruck

2. Synchrone Zugangsweise

2.1 Textanalyse

2.1.1 Abgrenzung

2.1.2 Kontexteinordnung (vgl. Schnelle, 2014, S. 60)

2.1.2.1 Mikrokontext

2.1.2.2 Makrokontext

2.1.2.2.1 Innerhalb des Johannesevangeliums

2.1.2.2.2 Außerhalb des Johannesevangeliums

2.2 Sprachlich-syntaktische Analyse (vgl. Schnelle, 2014, S. 60-61)

2.3 Semantische Analyse (vgl. Schnelle, 2014, S. 61-62)

2.4 Pragmatische Analyse (vgl. Schnelle, 2014, S. 62-63)

3. Diachrone Beobachtungen

3.1 Entstehungsgeschichte des Prologs (vgl. Schnelle, 2014, S. 68)

3.2 Sitz im Leben (vgl. Schnelle, 2014, S. 109-110)

4. Drei Forschungsthesen zum Sachverhalt

Literaturverzeichnis

1. Erster Leseeindruck

Durch meine christliche Erziehung habe ich bereits oft eine

Interpretation der einleitenden Verse bei Johannes gehört. Das ‚Wort‘ (Joh 1,1) sei gleichzusetzen mit Jesus,

der als Sohn Gottes bereits bei der Schöpfung existierte und der die

Schöpfung überhaupt erst möglich machte, weil er den dreieinigen Gott

vollständig macht.

Da ich diese Interpretation von klein auf verinnerlicht habe,

entsprachen meine ersten Gedanken während des Lesens diesem Bild.

Dennoch stellte ich mir während des Lesens die Frage nach alternativen

Interpretationsmöglichkeiten.

Dieser Bibelkommentar wird also ein Versuch sein, unabhängig aller

gängigen und verinnerlichten Interpretationen, einen wissenschaftlich

gestützten Deutungsansatz zu finden.

 

2. Synchrone Zugangsweise

Zur Methodik wird sich in dieser Arbeit an der Einführung in die

neutestamentliche Exegese von Udo Schnelle orientiert. Da sich dies

lediglich auf die Struktur, nicht aber auf den Inhalt bezieht, wird bei

der Überschrift eines jeden Abschnitts die jeweilige Buchseite angegeben

und auf eine Quellenangabe nach jedem Absatz verzichtet.

 

2.1 Textanalyse (vgl. Schnelle, 2014, S.60)

2.1.1 Abgrenzung

Der Anfang des Johannesevangeliums ist festgelegt. Dies wird zusätzlich durch die Formulierung „im Anfang“ (Joh 1,1)

deutlich. Die Frage nach dem Ende des Abschnittes ist weniger

eindeutig. Hierbei können verschiedene Ansätze zur Abgrenzung des Textes

verwendet werden. Eine Möglichkeit zur Abgrenzung ist, nach Brüchen zu

suchen.

In Vers 4 findet ein Subjektwechsel statt. Das Subjekt wechselt von „dasselbe“ (Joh 1,2-3)

zu „ihm“, wird also personenbezogen. Dies kann einen Bruch darstellen.

In dem Zusammenhang kann jedoch gesagt werden, dass mit dem

Subjektwechsel deutlich gemacht werden soll, wer mit dem „Wort“ (Joh 1,1)

gemeint ist. Dadurch, dass in den Versen 1-3 die Rede von Gott ist und

keine andere ‚Person‘ erwähnt wird, scheint das personelle Subjekt „ihm“

(Joh 1,4) auf Gott bezogen zu sein. Dies verbindet die ersten vier Verse wieder miteinander.

In Vers 5 wird von dem „Licht“ gesprochen, was einen erneuten

Subjektwechsel darstellt. Außerdem findet ein Tempuswechsel von

Präteritum zu Präsens statt. Darüber hinaus bemerkt Wengst, dass Vers 5

thematisch eher auf die nachfolgenden Verse eingeht, weil es auf die

Ablehnung des Lichtes hindeutet. Für Wengst spricht das für einen Bruch

zwischen den Versen 4 und 5 (vgl. Wengst, 2004, S.58). Dennoch erachte

ich es nicht als Bruch, da in Vers 4 das „Licht“ bereits thematisiert

wird und Vers 5 meiner Meinung nach lediglich die Wirkung des Lichts

spezifiziert.

Ein endgültiger Bruch kann zwischen den Versen 5 und 6 gesehen

werden, da in Vers 6 plötzlich die Rede von einem Menschen ist. Vorher

wurde nur erwähnt, dass das Wort mit den Menschen in einem Zusammenhang

steht. „Die Menschen“ (Joh 1,4) werden dabei aber noch nicht erläutert, nur der Bezug zu „ihm“ (Joh 1,4). Ab Vers 6 beginnt dann die Beschreibung einer Geschichte über den Menschen Johannes.

Trotzdem wird in Vers 7 ein Bogen geschlagen zu dem Licht aus den

Versen 4 und 5, welches in den nachfolgenden Versen bis einschließlich

Vers 18 genauer erläutert wird. Da sich dies jedoch konkret anhand der

Person Johannes der Täufer offenbart, sollte dieser Abschnitt als eigene

Einheit angesehen werden.

Ein zusätzlicher Subjektwechsel von „Licht“ (Joh 1,5) zu „Mensch“ (Joh 1,6) sowie ein Tempuswechsel von Präsens (Vers 5)

zu Präteritum (Vers 6) unterstreicht die Trennung. Auch ein Ortswechsel

wird deutlich: In den Versen 1-5 ist die Ausführung an keinen Ort

gebunden, da es um eine Wesensbeschreibung geht. Ab Vers 6 ist die Rede

von Johannes,

welcher zwar von Gott gesandt ist, jedoch an seinem Wirkungsort auf der

Erde auftritt. Dies stellt keinen klassischen Ortswechsel in dem

ursprünglich gedachten Sinne dar, dennoch fällt er auf und hilft, meine

Einteilung nachzuvollziehen.

Des Weiteren beginnt in Vers 6 eine

neue Satzstruktur. In den Versen 1-5 bezog sich der Anfang des

nachfolgenden Satzes immer auf den davorliegenden Satz. In Vers 6 ist

das nicht mehr der Fall. Zusätzlich ist Vers 6 nicht mehr nur ein

einfacher Hauptsatz, sondern es ist ein zusätzlicher Nebensatz

eingefügt: „[…] von Gott gesandt […]“ (Joh 1,6).

Darüber hinaus kann zwischen den Versen 5 und 6 von einem Übergang

von einem hymnischen in einen erzählerischen Stil gesprochen werden

(vgl. Theobald, 1988, S.76 & Beutler, 2013, S.88).

Aufgrund des deutlichen Bruchs zwischen den Versen 5 und 6 wird sich dieser Online-Bibelkommentar auf die Verse 1-5 beschränken.

 

2.1.2 Kontexteinordnung (vgl. Schnelle, 2014, S.60)

2.1.2.1 Mikrokontext

Der Abschnitt Joh 1,1-5 bezieht sich direkt auf den Anfang des Johannesevangeliums,

wodurch kein vorheriger Kontext beschrieben werden kann. Dennoch sollte

an dieser Stelle erwähnt werden, dass der erste Satz eines Textes oft

sehr wichtig ist, da die Autoren die Rezipierenden direkt in ihren Text

einbeziehen wollen. Dies wird auch bei dem Anfang des

Johannesevangeliums deutlich: Allen Zweiflern zum Trotz wird direkt auf

Gottes ewige Existenz hingewiesen.

Direkt im Anschluss an Vers 5 beginnt die Erzählung über den Menschen

Johannes. In Vers 7 findet ein Rückbezug zur Einleitung statt, indem

erklärt wird, dass Johannes zum Zeugnis des Lichts werden sollte, damit

die Menschen an das Licht glauben.

Bis einschließlich Vers 18 werden weitere Beschreibungen über das

Licht gegeben. Unter anderem wird in Vers 14 deutlich gemacht, dass das

Wort selbst Mensch wird. In den einleitenden Versen wird noch die

zwischen Gott und Mensch herrschende Trennung beschrieben. Doch der

weiterführende Teil macht deutlich, dass es nicht dabei blieb. Der

weiterführende Teil ergänzt also die Einleitung.

Mit den Versen 1-18 fasst Johannes

somit die gesamte Geschichte Gottes mit der Schöpfung noch einmal

zusammen: Am Anfang wird die Schöpfung geschaffen, das Wort ist

notwendiger Teil davon. Dann kommt es zu den Menschen und zeigt ihnen so

einen Weg zur Rettung, indem es das Wesen des Vaters offenbart, nämlich

Liebe (vgl. Härle, 2000, S.236-237).

 

2.1.2.2 Makrokontext

2.1.2.2.1 innerhalb des Johannesevangeliums

Der Prolog steht in einem Verhältnis zum gesamten Johannesevangelium. Hierbei

kann nach Beutler ein literarischer oder theologischer Ansatz zur

Bestimmung des Verhältnisses angewandt werden. Häufig werde eine

Verbindung beider Ansätze verfolgt. Demzufolge kann der Johannesprolog

als ein Text angesehen werden, welcher die theologischen Positionen des

Autors legitimieren soll. Konkret entfaltet Johannes seine Christologie.

Er sieht Jesus als das Wort Gottes an, welches seit Ewigkeit besteht

und auf die Welt gesendet wurde (vgl. Beutler, 2013, S.81). Theobald

ergänzt diese Sichtweise um eine kommentierende Funktion des Prologes.

Auf diese Weise wollte Johannes sichergehen, dass jeder Rezipierende die

Aussageabsicht des Johannesevangeliums auf die richtige Weise versteht

(vgl. Theobald, 1988, S.373). Dies konkretisiert Wengst, indem er sagt,

dass „der Prolog von vornherein unmissverständlich und unzweideutig

klarmachen [soll], dass es im Evangelium bei der Darstellung der

Geschichte Jesu um nichts weniger als um Gott selbst geht, dass Er in

dieser Geschichte vernehmbar wird“ (Wengst, 2004, S.49). Der Prolog kann

also als Einleitung in das Johannesevangelium gesehen werden (vgl.

Schnelle, 1998, S.30).

Bezieht man den Makrokontext auf spezifische Verse, so kann beispielhaft erwähnt werden, dass Vers 5 des Johannesprologes auf Joh 12,35

hinweist. Jesus wird als Licht des Lebens, als Wegweiser zur Ewigkeit

beschrieben. Die Verse 10 und 11 des Johannesprologes machen jedoch

deutlich, dass die Welt ihn nicht als Licht des Lebens annimmt und ihn

nicht erkennt. Dort heißt es: „Er war in der Welt, und die Welt ist

durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein

Eigentum, doch die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,10-11). Beutler interpretiert diesen Zusammenhang in der Hinsicht, dass Joh 1,5 und Joh 12,35 die Aussage von Joh 1,10-11

spezifizieren (vgl. Beutler, 2013, S.86). Also kann gesagt werden, dass

die Finsternis dann nicht das Licht überwältigt, wenn der Mensch im

Licht wandelt, er Jesus als Messias erkannt hat.

 

2.1.2.2.2 außerhalb des Johannesevangeliums

Den Anfang seines Evangeliums beginnt Johannes direkt mit den Worten

„Im Anfang war das Wort […]“, was an die Formulierung des ersten

Schöpfungsberichtes erinnert: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ (Gen 1,1).

Deshalb ist es naheliegend, die einleitenden Sätze in Johannes dieser

Bibelstelle zuzuordnen. Auch Beutler erkennt diesen Zusammenhang. Er

beschreibt, dass Johannes den Rezipierenden zurück in die Ewigkeit

Gottes führen möchte, welche den Ursprung des göttlichen Wortes (Jesus)

darstellt (vgl. Beutler, 2013, S.87). Johannes bezieht sich also zurück

auf die Schöpfung und erklärt, wie diese zustande kommt, nämlich durch

das Wort (Joh 1,3).

Durch seine Formulierung macht Johannes deutlich, dass das Wort bereits

bei der Schöpfung bei Gott war und maßgeblich daran beteiligt („ohne

dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist“ (Joh 1,3)).

Dies fasst auch Beutler zusammen, indem er sagt: „Dem >>Gott

sprach<< der Genesis entspricht bei Johannes >>das

Wort<<.“ (Beutler, 2013, S.86). Thyen geht sogar einen Schritt

weiter und erklärt, dass das ‚im‘ von Johannes (Joh 1,1) im Vergleich zu dem ‚am‘ in der Schöpfungsgeschichte (Gen 1,1)

darauf hinweist, dass Jesus bereits vor der Schöpfung der „Logos“ war

(vgl. Thyen, 2005, S.65). Johannes verweist also auf den „absoluten

Anfang“, wobei er verdeutlicht, dass sowohl Gott als auch der Logos

ursprünglich da waren und nicht einer aus dem anderen hervorgegangen ist

(vgl. Schnelle, 1998, S.31). Denn „Gott und sein logos gehören

anfänglich und auf immer zusammen“ (Thyen, 2005, S.66).

Darüber hinaus kann eine Abgrenzung zwischen dem Johannesevangelium

und den anderen drei Evangelien gefunden werden. Dazu können die

Anfänge der Evangelien miteinander verglichen werden: Das

Matthäusevangelium beginnt folgendermaßen: „Dies ist das Buch der

Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“ (Mt 1,1).

Im Anschluss daran wird der Stammbaum Jesu aufgelistet. Markus beginnt

mit ähnlichen Worten: „Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus

Christus, dem Sohn Gottes“ (Mk 1,1). Im Vergleich zu Matthäus, der seine Geschichte als ‚Buch‘ bezeichnet, nennt Markus seine Geschichte über Jesus

‚Evangelium‘. Markus geht außerdem nicht auf Jesu irdische Herkunft,

sondern seine göttliche Herkunft („Sohn Gottes“ (ebd.)) ein. Danach

berichtet er von Johannes dem Täufer. Lukas verzichtet, verglichen mit

Matthäus und Markus, auf die Erwähnung des Namens Jesus Christus: „Viele haben es schon unternommen, Bericht zu geben von den Geschichten, die unter uns geschehen sind“ (Lk 1,1).

Des Weiteren nennt er seine Geschichte über Jesus im Gegensatz zu

Matthäus und Markus einen ‚Bericht‘. Außerdem betont er durch seine

Formulierung, dass die Geschichte tatsächlich geschehen ist. Wie Markus

berichtet Lukas anschließend von Johannes dem Täufer. Mit seinem Beginn

grenzt sich Johannes stark von den restlichen Evangelien ab, denn er

geht thematisch noch nicht auf die zu erzählende Geschichte von Jesus

Christus ein, sondern schiebt den Prolog (Joh 1,1-18)

voran. Durch die Beschreibung Jesu als Wort (Joh 1,1), Leben (Joh 1,4)

und Licht (Joh 1,5), jedoch ohne den Namen Jesu zu nennen, gibt Johannes

seiner Jesus-Erzählung einen geheimnisvollen Charakter, der auf Jesu

göttliches Wesen hinweist. Damit und auch durch den Rückbezug auf Gen 1,1 setzt Johannes laut Schnelle einen nicht zu übertreffenden Beginn (vgl. Schnelle, 1998, S.30).

 

2.2 Sprachlich-syntaktische Analyse (vgl. Schnelle, 2014, S.60-61)

Zunächst muss erwähnt werden, dass bereits in den vorigen Abschnitten

die sprachlich-syntaktische Analyse zur Verdeutlichung eingesetzt

wurde. Auf Doppelungen wird deshalb in diesem Abschnitt verzichtet.

Betrachtet man die Verben, so fällt auf, dass oft das Verb ‚sein‘

vorkommt (V.1-4). Dies führt dazu, dass die Wahrhaftigkeit der Aussagen

in der Bibelstelle glaubwürdiger erscheint. Außerdem lässt es darauf

schließen, dass der Autor ebenfalls von der Wahrheit seiner Worte

überzeugt war und dies an seine Leser weitergeben wollte.

Darüber hinaus wiederholt sich das Pronomen ‚dasselbe‘ in den Versen 2

und 3. Dies verbindet die ersten drei Verse miteinander. Anders als in

vielen erzählenden Texten reihen sich hier keine Sätze, die durch das

Kohäsionsglied ‚und‘ miteinander verbunden werden. Allerdings werden die

Verse 4 und 5 auf diese Weise verknüpft.

Darüber hinaus erwähnt Beutler, dass der Satzteil ‚was geworden ist‘

(V.3) das Subjekt darstellt und demnach auf das ‚in ihm‘ (V.4) des

folgenden Satzes bezogen ist. Für Beutler ergibt sich damit der klare

Bezug zu Jesus Christus, welcher der ‚logos‘ (Wort Gottes) ist (vgl.

Beutler, 2013, S.85). Auch Thyen bezeichnet Jesus als „das logische und

wahre Subjekt des Prologs wie des gesamten Evangeliums“ (Thyen, 2005,

S.66). Dieser Bezug wird von Johannes selbst an späterer Stelle gegeben

(vgl. Joh 1,17).

Und auch die in den Versen 4 und 5 angesprochenen Attribute Jesu

(‚Licht‘ und ‚Leben‘) werden von Johannes an späterer Stelle erneut

aufgenommen: dass Jesus das Leben gibt in Joh 3,16.36 und dass er das Licht der Welt ist in Joh 9,5;8,12;12,46.

Dies stellt einen weiteren Hinweis auf die Tatsache dar, dass Johannes

in den ersten fünf Versen des Prologs auf Jesus Christus eingeht (vgl.

Beutler, 2013, S.85). Exemplarisch neben vielen weiteren Vertreter*innen

dieser These stellen auch Wengst und Voigt den Bezug von dem ‚Wort‘ zu

Jesus Christus als schöpferisch Handelnden her (vgl. Wengst, 2004,

S.45+50 & Voigt, 1991, S.32).

 

2.3 Semantische Analyse (vgl. Schnelle, 2014, S.61-62)

Bei der semantischen Analyse können die verwendeten Worte eines

Abschnittes aus der Bibel und ihre Beziehungen zueinander untersucht

werden. Ein Begriff, der in dem Abschnitt Johannes 1,1-5 oft vorkommt, ist das ‚Wort‘ (Joh 1,1). Dies geschieht im Kontext des Rückbezuges zur Schöpfungsgeschichte (Gen 1),

wodurch das ‚Wort Gottes‘ in der Schöpfung nicht nur mit Sprache,

sondern auch mit Tat zu tun hat. Gott hat die Welt durch sein Wort

geschaffen. Er hat gesprochen und es ist geschehen (vgl. Drewermann,

2003, S.30).

Im Griechischen steht an der Stelle des ‚Wortes‘ der Begriff ‚logos‘,

was über die reine Bedeutung des Deutschen hinausgeht. ‚Logos‘ heißt

„Mitteilung, Kundgabe, Anrede, Zuwendung“ und diese Eigenschaften werden

Gott zugeschrieben (vgl. Wengst, 2004, S.52). Wird diese Zuschreibung

auf Jesus übertragen, der das ‚logos‘ ist, wie in Kapitel 2.1.2.2.2

erwähnt, eröffnet Johannes „damit de[n] Raum für die Geschichte Jesu als

sein Sagen“ (Thyen, 2005, S.66).

Sucht man nach miteinander verbundenen Wörtern, so ergibt sich das

Gegensatzpaar ‚Licht und Finsternis‘. Beutler bezeichnet diese

Verbindung als „Dualismus“, wobei das Licht in die Finsternis scheint

und von ihr befreit (vgl. Beutler, 2013, S.85).

 

2.4 Pragmatische Analyse (vgl. Schnelle, 2014, S.62-63)

Um das Johannesevangelium

aus der richtigen Perspektive zu verstehen, muss erwähnt werden, „dass

es im Kontext einer scharfen Auseinandersetzung geschrieben wurde. Sie

wurde geführt zwischen Menschen, die den gekreuzigten Jesus für den

Messias hielten, und der Mehrheit ihrer Landsleute, die diesen Glauben

entschieden ablehnten“ (Wengst, 2004, S.25). Außerdem wollte Johannes

das Evangelium mutmaßlich so schreiben, dass die Juden, welche Jesus als

Messias angenommen hatten, sich selbst in dem Text wiedererkennen und

dadurch „in den Auseinandersetzungen ihrer Situation gestärkt [werden]“

(vgl. Wengst, 2004, S.26).

Nach Wengst spiegelt kein Evangelium die Diskussion darüber, ob Jesus

der Messias ist oder nicht, klarer wider als das Johannesevangelium.

Dies habe an der Situation der Juden ca. 70 n.Chr. gelegen, als der

Tempel zerstört wurde. Die Juden mussten sich neu sammeln und finden und

eine extreme Gruppe, welche Jesus als den Messias anerkannte, war dem

nicht zuträglich (vgl. Wengst, 2004, S.29).

Johannes hat das Evangelium also geschrieben, um zu verhindern, dass

Judenchristen sich von dem Glauben an Jesus Christus abwandten, weil

z.B. soziale Isolation befürchtet wurde. Johannes wollte „zum Bleiben

veranlassen und die Gebliebenen dessen vergewissern, <<dass Jesus

der Gesalbte ist, der Sohn Gottes>> (Joh 20,31)“ (Wengst, 2004,

S.30). Damit bekräftigt Johannes zusätzlich die Teilhabe der Gläubigen

an der Gemeinschaft mit Gott (vgl. Wilckens, 2000, S.21).

Zusammenfassend kann zur pragmatischen Komponente des

Johannesprologes gesagt werden: „So ist der Johannesprolog zugleich

Ausdruck seiner Zeit und angemessene Rede von Gott auch im Sinne

heutigen theologischen Denkens.“ (Beutler, 2013, S.97).

 

3. Diachrone Beobachtungen

3.1 Entstehungsgeschichte des Prologs (vgl. Schnelle, 2014, S.68)

Hierzu kann zum Beispiel auf die Frage nach dem Verfasser des

Prologes eingegangen werden: „Freilich ist der Prolog […] zeitlich nach

dem Haupt-Text (sic!) abgefasst […], aber diese ‚Staffelung‘ impliciert

(sic!) keine Verfasser-Verschiedenheit“ (Lausberg, 1987, S.5). Auch

Wengst plädiert dafür, den gleichen Verfasser für den Johannesprolog und

das Johannesevangelium anzunehmen (vgl. Wengst, 2004, S.43.

Zusätzlich kann nach einer möglichen Vorlage des Prologes gesucht

werden. Es gab über die Jahrhunderte hinweg verschiedene

Forschungsansätze zu dieser Frage. Zum Beispiel wurde vermutet, dass

Johannes den Prolog nicht selbst formuliert, sondern eine Vorlage aus

der Tradition verwendet hat. Daraufhin entstanden Versuche, diese

Vorlage herauszufinden. Wengst hält diesen Vorgang jedoch für zu

hypothetisch und plädiert daher dafür, bei der Annahme, dass Johannes

den Text selbst formuliert hat, zu bleiben und davon ausgehend eine

Interpretation des Prologes zu finden:

„Auch hier gilt es a[ber], den jetzt vorliegenden Text zu nehmen, wie

er ist, den Versuch zu machen, ihn in seiner gewordenen Gestalt als so

gewollte Einheit zu verstehen.“ (Wengst, 2004, S.43).

 

3.2 Sitz im Leben (vgl. Schnelle, 2014, S.109-110)

Die Urgemeinde wusste nicht mehr so recht, wie sie das „Gott in

Jesus“ festhalten sollte. In diese Unsicherheit spricht Johannes mit

seinem Prolog hinein. Er wollte den Menschen deutlich machen, dass es

Gott selbst ist, der durch Jesus wirkt und handelt. Dadurch erwirkt

Johannes, dass der an Jesus Glaubende nicht an ihn als Menschen, sondern

an ihn als Gott selbst glaubt. Gott selbst ist in Jesus gegenwärtig

(vgl. Wengst, 2004, S.49).

Außerdem sah sich die Urgemeinde nach Wengst als Neuschöpfung Gottes

in dem Sinne, dass sie durch Jesus Christus zu dieser wurde. Im Johannesevangelium

wurde dies in der Form aufgegriffen, „dass Gemeinde als Schülerschaft

Jesu konzipiert ist“. Dadurch begriff die Gemeinde sich als neue

Schöpfung in der gesamten Schöpfung (vgl. Wengst, 2004, S.51). Johannes

zeigt auf diese Weise, dass der Gott der Juden, der in „der jüdischen

Bibel als Schöpfer von Himmel und Erde bezeugt“ wird, derselbe Gott ist

wie der, den Jesus den Menschen nahegebracht hat bzw. bringen wollte.

Dadurch kann gesagt werden: „In Jesus spricht und handelt kein anderer

als Gott selbst“ (vgl. Wengst, 2004, S.52).

Auch Drewermann entdeckt im Johannesprolog die Absicht, die

Urgemeinde zu stärken und ihre Lebensgeister neu zu wecken: „Es muß

(sic!) und soll demnach etwas geben, das, wenn wir morgens aufwachen,

einem jeden von uns hilft, in den Tag zu schauen, etwas, das einen

Zielpunkt der Freude darstellt!“ (Drewermann, 2003, S.24).

Theobald geht sogar so weit, die Situation der Urgemeinde als

„existenzbedrohenden Konflikt“ zu bezeichnen, in welchen Johannes „ein

klärendes, wegweisendes Wort“ sprechen wollte (vgl. Theobald, 1988,

S.493).

 

4. Drei Forschungsthesen zum Sachverhalt

Im folgenden Abschnitt wird die Frage nach einer möglichen Vorlage

des Johannesprologes erneut aufgegriffen und es werden drei

Forschungsthesen dazu vorgestellt. Feuillet fasste diese drei Thesen

zusammen: In der ersten These wird erwähnt, dass der Johannesprolog

durch eine nichtchristliche Vorlage inspiriert sei. In der zweiten These

wird eine Vorlage innerhalb der christlichen Urgemeinde begründet. Die

dritte These zeichnet sich dadurch aus, dass die Verfasserschaft allein

Johannes zugesprochen wird (vgl. Theobald, 1988, S.67; Primärquelle:

Feuillet, 1968).

Bultmann orientiert sich an der ersten These. Er hielt es für nicht

nachvollziehbar, dass ein christlicher Verfasser über Jesus Christus

gesagt haben soll, dass er in die Welt kam, diese ihn jedoch nicht

erkannte und nicht als Christus annahm. Stattdessen seien Aussagen

dieser Art innerhalb der Jüngerschaft des Johannes des Täufers bekannt

und deshalb anzunehmen, dass Johannes Formulierungen daraus für seinen

Prolog übernahm (vgl. Bultmann, 1986, S.5). Mit seiner These und dem

dazugehörigen Überlagerungsmodell setzte Bultmann einen Ausgangspunkt,

der vielfach von weiteren Exeget*innen aufgegriffen und weiterentwickelt

wurde (vgl. Theobald, 1988, S.67).

Dies geschah in der Hinsicht, dass nicht mehr von einer

außerchristlichen Quelle, sondern von einem in der urgemeindlichen

Tradition verankerten Hymnus ausgegangen wurde. Der erste Vertreter

dieser These war Hennecke (vgl. Theobald, 1988, S.70). Er begründet

seine These damit, dass für ihn bereits mit der ersten Zeile des Prologs

auf den „inkarnierten Logos“ hingedeutet wird. Damit sei eine

außerchristliche Quelle, welche den Bezug zu Jesus Christus nicht kennt,

auszuschließen (vgl. Theobald, 1988, S.72).

Vertreter der dritten These sind im deutschsprachigen Raum eher

selten anzutreffen. Im englisch- und französischsprachigen Raum hingegen

ist die dritte These weit verbreitet (vgl. Theobald, 1988, S.119). Alle

Versuche, eine Überlagerung aus urchristlichem Hymnus und

redaktioneller Verfassertätigkeit zu erreichen, weisen nach Theobald

Lücken auf (vgl. Theobald, 1988, S.55-111). Auch Thyen hält diese

Denkweise für zu hypothetisch, da weder der Hymnus, sei er

außerchristlich oder christlich, sicher zu isolieren sei, noch eine

Bekanntheit desselben in der Urgemeinde vorzuweisen sei (vgl. Thyen,

2005, S.64). Dies bemerkte auch Wengst und plädiert dafür (wie bereits

unter Punkt 3.1 erwähnt), bei der Annahme, dass Johannes den Text selbst

formuliert hat, zu bleiben und davon ausgehend eine Interpretation des

Prologes zu finden (vgl. Wengst, 2004, S.43).

Auch ich halte die erste These für unwahrscheinlich. Sollte der

Johannesprolog eine Vorlage gehabt haben, so ist diese meiner Meinung

nach christlichen Ursprungs. Dies liegt vor allem daran, dass auch ich

im Rahmen dieser Arbeit zeigen konnte, dass der Autor des

Johannesevangeliums von Jesus Christus als Logos spricht und deshalb die

Göttlichkeit Jesu in der Vorlage Thema gewesen sein müsste. Da jedoch

beide Thesen einer Vorlage meines Erachtens nach zu sehr auf

Spekulationen beruhen, sehe ich die dritte These als Wahrscheinlichste

an. Denn der gesamte Hauptteil des Johannesevangeliums

nimmt Bezug auf den Prolog, indem Jesu Göttlichkeit an vielen Stellen,

wie in dieser Arbeit beschrieben, verdeutlicht wird. Demnach hat

Johannes die Einführung des Logos sorgfältig geplant und eigenständig

geschrieben, sodass dessen Bedeutung für die Leserschaft

unmissverständlich deutlich wird: Jesus selbst ist Gott.

Literaturverzeichnis:

Monographien:

Beutler, Johannes, 2013, Das Johannesevangelium. Kommentar, Freiburg im Breisgau: Herder

Bultmann, Rudolf, 1986, Das Evangelium des Johannes (21. Aufl.)

(Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament Neuauslegungen,

Band 002), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

Drewermann, Eugen, 2003, Das Johannes-Evangelium. Bilder einer neuen Welt. Erster Teil: Joh 1-10, Düsseldorf: Patmos

Feuillet, André, 1968, Le prologue du quatrième évangile. Étude de théologie johannique, Bruges, Belgique: Desclée de Brouwer

Härle, Wilfried, 2000, Dogmatik (2., überarb. Aufl.), Berlin: de Gruyter

Schnelle, Udo, 1998, Das Evangelium nach Johannes, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.

Schnelle, Udo, 2014, Einführung in die neutestamentliche Exegese (8.,

durchges. und erw. Aufl.) (UTB Theologie, Religion, 1253), Göttingen:

Vandenhoeck & Ruprecht

Theobald, Michael, 1988, Die Fleischwerdung des Logos. Studien zum

Verhältnis des Johannesprologs zum Corpus des Evangeliums und zu 1 Joh

(Neutestamentliche Abhandlungen, N.F., 20), Regensburg, Münster:

Aschendorff

Thyen, Hartwig, 2005, Das Johannesevangelium, Tübingen: Mohr Siebeck.

Voigt, Gottfried, 1991, Licht – Liebe – Leben. Das Evangelium nach

Johannes (Biblisch-theologische Schwerpunkte, 6), Göttingen: Vandenhoeck

& Ruprecht

Wengst, Klaus, 2004, Das Johannesevangelium. 1. Teilband: Kapitel

1-10 (Theologischer Kommentar zum Neuen Testament), Stuttgart:

Kohlhammer

Wilckens, Ulrich, 2000, Das Evangelium nach Johannes (18. Aufl.) (Das

Neue Testament Deutsch (NTD Neues Göttinger Bibelwerk, Band 004),

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

 

Zeitschriftenartikel:

Lausberg, Heinrich, 1987, Prolog J 1,1-18 und ‚corpus narrativum‘ J

1,19-20,29 als grundständig einander zugeordnete Teile des

Johannesevangeliums, in: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in

Göttingen 1/1987, 3-7

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