Reicher Mann und armer Lazarus

Tanja Hühne

Kurzbeschreibung:
Die lukanische Beispielerzählung vom reichen Mann und armen Lazarus in Lk 16,19-31 ist eine von vielen Erzählungen, wie Lukas sie anführt – in ihr kommt, als immer wiederkehrendes lukanisches Motiv, die soziale Schieflage zwischen Armen und Reichen zum Ausdruck. Diese Geschichte jedoch geht darüber hinaus. Sie spricht auch den Glauben bzw. Unglauben der Menschen gegenüber auftretenden Propheten und das lukanisch-christliche Verständnis von Glauben an. Im Folgenden soll nicht nur die Geschichte auf ihren Inhalt und theologische Aspekte, sondern auch auf narratologische Elemente hin untersucht werden, denn diese tragen zum Verständnis dieser Geschichte einen großen Teil bei.
Zusätzliche Autoreninformation: Tanja Hühne
Studentin
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Bibelstellenbezug:
Lk 16,19-31
Weitere Schlagworte:
Abraham; Lazarus; Armut; Reichtum; Gleichnis
Letzte Aktualisierung:
09.11.2012

Inhaltsverzeichnis

  1. Erster Leseeindruck

  2. Synchrone Zugangsweise

    2.1. Kontext und Gliederung

    2.2. Exegetische Untersuchung

  3. Narratologische Beobachtungen

    3.1. Der Erzähler

    3.2. Rhetorik und Setting

    3.3. Figurencharakterisierung

    3.4. Point of View

  4. Stimmen aus der Forschung

    4.1. Gottes Wort im Jetzt - auch für Reiche

    4.2. Besitz trennt Gott und Mensch

    4.3. Einladung zur Umkehr

1. Erster Leseeindruck

Bei

der ersten Lektüre dieser lukanischen Geschichte sprang mir, wie so

oft, das Motiv des Reichtums und der Armut ins Auge. Darüber hinaus war

ich vom gestalterischen Können des Autors bezüglich Ortswechsel, Dialog

und doppelten Motiv der Geschichte überrascht.

2. Synchrone Zugangsweise

  2.1. Kontext und Gliederung

Die lukanische Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19-31)

gehört zur großen Einschaltung im Lukasevangelium; es handelt sich also

um lukanisches Sondergut, daher lassen sich keinerlei Parallelen zu

dieser Geschichte in den anderen synoptischen Evangelien finden (vgl.

auch Peisker, 1996, 113).

Diese „Beispielerzählung“ (Bovon, 2001, 105) ist umrahmt von Gleichniserzählungen (in Lk 15 finden sich die drei bekanntesten Gleichnisse des

Lukasevangeliums: „Vom verlorenen Schaf“, „Vom verlorenen Groschen“ und

„Vom verlorenen Sohn“). Direkt vor der Erzählung vom Reichen und armen

Lazarus trifft Jesus mit Pharisäern zusammen, die über ihn spotten und

denen er daher „die Leviten liest“ (vgl. Lk 16,14-17).

Die Beispielerzählung des reichen Mannes und des armen Lazarus kann man in zwei Teile untergliedern: Lk 16,19-22

als einleitende Erzählung, in der die beiden Hauptpersonen vorgestellt

werden und ihr Verhältnis zueinander beschrieben wird und Lk 16,23-31 als Dialog zwischen Abraham und dem reichen Mann. Dieser Umbruch wird durch einen Ortswechsel hervorgehoben; in den Versen 19-22 befinden sich die beiden Hauptpersonen auf der Erde, was deutlich wird, als in v22 der Tot der beiden geschildert wird, ab v23 befinden sich dann alle handelnden Figuren in der Unterwelt.

  2.2. Exegetische Untersuchung

Der zweite Teil der Erzählung besteht in der Hauptsache aus einem Gespräch zwischen Abraham und dem reichen Mann. In v23

wird vorher sowohl der Ortswechsel als auch das Leiden des reichen

Mannes, der seine Augen emporhebt und den armen Lazarus im Schoß von Abraham liegen

sieht, bekanntgegeben. Die Frage, wohin der arme Mann seine Augen hebt,

ist umstritten – zum einen ist das Emporsehen als Blick zum Himmel,

also zu Gott zu deuten; zum anderen kann diese Geste als neidvolles

Emporheben seines Blickes zu Lazarus und dessen Glück, in Abrahams Schoß

liegen zu dürfen, gesehen werden (vgl. Bovon, 2001, 122). Dies jedoch

widerspricht m.E. der Gesamterzählung, da es mit der Haltung des Reichen

im Weiteren nicht übereinstimmt.

Der nun folgende Dialog zwischen Abraham und dem reichen Mann wird von dem Reichen mit der Bitte um Lazarus’ Dienste (Lk 16,24) begonnen. An dieser Stelle ist bemerkenswert, dass der Reiche nicht darum bittet, aus der Unterwelt hinaus bzw. über die „große Kluft“ (v26)

geführt zu werden (vgl. Bovon, 2001, 122); nein, er möchte lediglich

mit Wasser die Zunge gekühlt bekommen - dies allerdings ausgerechnet von

Lazarus, der bereits auf Erden nur eine niedrige Stellung hatte. Der

Reiche scheint sich also mit seinem Schicksal dahingehend abgefunden zu

haben, dass er diese Qualen erleiden muss; um Milderung allerdings

bittet er.

Abraham verwehrt dem

Reichen diese Bitte mit dem Verweis darauf, dass der Reiche bereits im

Leben Gutes empfangen habe, Lazarus dagegen Schlechtes (v25a) und dass dies nun umgedreht sei (v25b)

– er geht also direkt auf die Forderung des Reichen ein und nimmt auch

auf, dass der Reiche die Milderung seiner Qual durch Lazarus erhofft.

Aus dem Umstand der Ungerechtigkeiten der beiden zu Lebzeiten heraus,

sei nun auch die große Kluft zwischen den Beiden entstanden, die nicht

überwunden werden könne, so Abraham weiter (vgl. v26).

Der Reiche allerdings bittet weiter; nun möge Abraham Lazarus zu den fünf Brüdern des Reichen schicken, um sie vor den Qualen, die sie in der Unterwelt erwarten,

zu warnen – sie sollen die Möglichkeit haben, sich zu ihren Lebzeiten

zu verändern, so dass ihnen dieses quälende Schicksal nicht zu Teil

werden wird (v27f.). Der Reiche

möchte also ausgerechnet Lazarus zu seinen Brüdern schicken lassen,

nicht etwa irgendwen, sondern den auf Erden gepeinigten Lazarus, dem es

in der Unterwelt in Abrahams Schoß erstmals gut ergeht. Auch dieser

Bitte entspricht Abraham nicht, sondern verweist auf Mose und die Propheten (vgl. v29a), die des Reichen Brüder hören können (vgl. v29b)

– er geht also diesmal nicht wieder darauf ein, dass es Lazarus ist,

der zu den Brüdern geschickt werden soll. Dem Reichen allerdings ist

dies nicht genug; er untermauert seine Bitte mit dem Argument, dass

seine Brüder erst Buße tun, wenn „einer von den Toten zu ihnen ginge“ (v30).

Abraham nimmt diese Argumentation auf und legt dem Reichen nahe: „Hören

sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie auch nicht glauben,

wenn jemand von den Toten aufstünde.“ (v31)

Das

Motiv der Zugehörigkeit zu zwei getrennten sozialen Welten (arm und

reich) ist auf den ersten Blick deutlich – bereits im einleitenden Teil

der Geschichte wird es dem Leser fast aufgezwungen. Markant im Laufe der

Geschichte ist darüber hinaus, dass dem Reichen scheinbar gar nicht

bewusst ist, warum er nun eigentlich diese Qualen erleidet – alles was

er will ist Milderung für sich selbst und Warnung für seine Brüder.

Immer wieder bezieht er sich auf Lazarus, den er zu Lebzeiten - dies ist

wohl auch die Begründung für die Umkehrung der äußeren Umstände der

Beiden – nicht einmal wahrgenommen hat und weiter in Reichtum schwelgte,

den armen Lazarus nicht einmal die Reste seiner pompösen Festmahle hat

essen lassen. Die Ungerechtigkeit zwischen den Lebensverhältnissen der

beiden wird also auch in der Unterwelt durch den Reichen weiter aufrecht

erhalten. Lazarus, der dem Reichen zu Lebzeiten ein Nichts war, ist in

der Unterwelt nun nicht mehr als ein Mittel für seinen (Eigen-) Zweck.

3. Narratologische Untersuchung

Die Erzählung wird im Folgenden auf narratologische Elemente hin untersucht werden – hierzu gehören die Analyse des Erzählers[1], der Rhetorik[2] und des Settings[3], die Charakterisierung der Figuren, die Benennung des Point of View[4] sowie die Fokussierung der Person des Lesers (vgl. Bar-Efrat, 2006 und Resseguie, 2005, 42ff.).

  3.1. Der Erzähler

Der

ersten Teil der Erzählung wird von einem auktorialen Erzähler

berichtet, denn dieser weiß sowohl, was die beiden Personen äußerlich

ausmacht (v19: „Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in

Purpur und kostbare Kleider“ sowie v20: „Es war aber ein Armer mit Namen

Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren.“) als auch ihr

innerliches Empfinden ist ihm bekannt („und [der Reiche] lebte alle Tage

herrlich und in Freuden“ sowie „und [Lazarus] begehrte sich zu sättigen

mit dem, was von des Reichen Tisch fiel [...].“). Darüber hinaus kann

er, wie beide Beispiele ebenfalls aufzeigen, durch die Zeiten springen –

er kann sowohl bezeugen, dass der reiche Mann alle Tage herrlich und in

Freuden lebte als auch das Verlangen des Armen aufzeigen; er schaut

also in die Vergangenheit zurück.

Auch im zweiten Teil der

Erzählung handelt es sich offenkundig um einen allwissenden Erzähler –

er kann gemeinsam mit den handelnden Figuren den Ort wechseln, er sieht

also über die Grenzen hinweg (v22: „Es begab sich aber, dass der Arme

starb und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.“ [Herv. d. Verf.]), als auch wissen, dass der Reiche Qualen leidet (vgl. v23b).

Des Weiteren kann er den gesamten Dialog zwischen dem Reichen und

Abraham wiedergeben; hierbei allerdings findet sich kein Verweis darauf,

dass der Erzähler weiß, wie sich die Figuren während des Dialogs fühlen

und/oder was sie währenddessen denken, es werden lediglich Worte in

direkter Rede in der Ich-Perspektive wiedergegeben, die jeweils durch

„er sprach“ o. ä. eingeleitet werden – es wäre also möglich, dass hier

die Erzählperspektive dahingehend wechselt, dass es sich nun um einen

neutralen Erzähler handelt.

  3.2. Rhetorik und Setting

Rhetorisch

kann die Erzählung, wie oben beschrieben, in zwei Teile gesplittet

werden – Einleitung und Dialog zwischen dem Reichen und Abraham, was

verstärkt wird durch den Ortswechsel hin zur Unterwelt. Dieser

Ortswechsel ist zugleich ein wichtiges Element des Settings, denn er

unterstreicht in hohem Maß die Handlung. Ohne diesen würde der Reiche

Abraham weder zweifach um Lazarus’ Hilfe bitten können, noch könnte

deutlich werden, dass es, wie im Lukasevangelium immer wieder zu finden

ist, so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit gibt - wenn nicht auf

Erden so doch wenigstens nach dem Tod. Es findet also durch die Änderung

des Settings an dieser Stelle ein theologisches Motiv, die Gnade

Gottes, seinen Platz.

Ebenfalls zum Setting gehört, dass die Erzählung ihren Platz nach einer Auseinandersetzung mit den Pharisäern findet. In Lk 16,14-18

spotten diese über Jesus, der daraufhin sowohl von der Rechtfertigung

bei Gott als auch über das Gesetz und die Propheten spricht - was sich

in der Erzählung vom reichen Mann und armen Lazarus durch Abrahams Worte

in Lk 16,27-31 wiederfindet - und die kurze Zeit später, in Lk 17,20

erneut mit ihm zusammentreffen und ihm die Frage nach dem Reich Gottes

und dessen Eintreffen stellen. Die Pharisäer und deren Frage nach dem

Gesetz sind also um die Erzählung in Lk 16,19-31

stets präsent; die Pharisäer scheinen also ein Anlass dafür zu geben,

dass Lukas seinen Jesus diese Geschichte an dieser Stelle erzählen

lässt. 

  3.3. Figurencharakterisierung

Zunächst, in der Einleitung der Geschichte (v19-22), werden die Figuren vom auktorialen Erzähler dem Leser abwechselnd vorgestellt:

v19:

„Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich mit Purpur und

köstlicher Leinwand und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.“

v20.21:

„Es war aber ein armer Mann mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür

voll von Geschwüren und begehrte sich zu sättigen und begehrte sich zu

sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die

Hunde und leckten seine Geschwüre.“

An dieser Stelle fällt auf, dass Lazarus ausgehend von dem Reichen vorgestellt wird: „der lag vor seiner

Tür“ (Herv. d. Verf.). Die Verortung des Lazarus erfolgt also durch die

vorangegangene Vorstellung des reichen Mannes (vgl. Wolter, 2008, 558)[5].

Bereits

hier erfolgt durch den Erzähler eine Wertung: Dadurch, dass er

berichtet bzw. beschreibt, dass sich der Reiche in Purpur sowie

köstliche Leinwand kleidete (diese Kleidung trugen Könige zur Zeit des

AT's) und herrlich und in Freuden lebte, der Arme hingegen voller

Geschwüre war und die Hunde diese lecken kamen und er hungerte, wird des

Lesers persönliches Gerechtigkeitsgefühl angesprochen. Hierzu bedient

sich der auktoriale Erzähler in Bezug auf den Reichen wertender

Adjektive wie „köstlich“ und „herrlich“, die dem Leser einen Eindruck

von Prunk vermitteln und den Reichtum des Reichen unterstreichen. Bei

Lazarus werden Verben verwandt, die der Armut und dem Leid in diesem

Kontext Ausdruck verschaffen: „lag“, „begehrte“, „sättigen“ und

„leckten“. Auf diese Weise verleiht der Erzähler also der Innenwelt der

handelnden Personen Ausdruck.

Dieser innerliche Ausdruck,

beschrieben durch den Erzähler, findet sich auch noch einmal zu Beginn

des zweiten Teils der Erzählung, da davon berichtet wird, dass der

Reiche „große Qualen“ leidet (v23).

Ab hier tritt der auktoriale Erzähler nicht mehr sichtbar auf sondern

wird ersetzt durch die Wiedergabe der direkten Reden von dem reichen

Mann und Abraham.

Innerhalb dieses Dialogs zeigt sich der

Charakter des reichen Mannes deutlich – durch die Ich-Erzählung, die in

diesem Kontext gleichzeitig eine Ich-Bezogenheit ausdrückt. Dies sieht

innerhalb des Dialogs wie folgt aus:

v24: „Und er [der reiche Mann] rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich mein und sende Lazarus, dass er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme.“ (Herv. u. Erg. d. Verf.)

Diese

direkte Rede des Reichen ist eine Rede, die sich in allen Aspekten auf

seine Person bezieht – Abraham solle sich seiner erbarmen, Abraham solle

Lazarus senden um sein Leid zu mildern, denn er ist es, der leidet. In

allen Einzelteilen steht er selbst im Mittelpunkt.

Gleiches, wenn auch in etwas abgeschwächter Form, gilt für den nächsten Redeteil des Reichen in v27 und v28:

„Da sprach er [der Reiche]: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, dass er ihnen bezeuge, auf dass sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.“ (Herv. u. Erg. d. Verf.)

Auch

hier ist es wieder die Ich-Bezogenheit, die ins Auge des Lesers sticht

(„Die[se] Bitte ist weniger egoistisch, doch bleibt sie weiterhin

interessengeleitet […]“ [Bovon, 2001, 124]); Er, der Reiche, bittet,

dass Lazarus in seines Vaters Haus gehe, denn er ist es, der noch fünf

Brüder hat, die gewarnt werden müssen.

Interessanterweise ist es

aber nicht nur der reiche Mann selbst, der innerhalb der Ich-Erzählung

eine Ich-Bezogenheit ausdrückt – Abrahams Worte beziehen sich ebenfalls

auf den Reichen – innerhalb Abrahams Ich-Erzählung ist also eine

Du-Tendenz zu erkennen:

v25: „Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt.“ (Herv. d. Verf.)

  3.4. Point of View

Durch

diese Form der Erzählung wird unterstrichen, wie der reiche Mann über

sich denkt – er ist ein Egoist, wie man ihn, negativ besetzt, besser

nicht beschreiben kann. Alles dreht sich um ihn, seine Probleme und sein

Leid. Abrahams Worte unterstreichen dies.

Diese Ich-Bezogenheit

ist ein wesentlicher Bestandteil dieses lukanischen Sondergutes und auch

ein wichtiger, um die Erzählung in ihrem Kern zu verstehen. Sie

vertritt den Standpunkt, wie viele der lukanischen Geschichten, dass

Reichtum nichts ist, dass einem auf Dauer bleibt und auch nichts, dass

einem Menschen bei Gott eine besondere Position versprechen würde. Schon

gar nicht, wie in dieser Erzählung, wenn der Reiche nur um sich selbst

kreist. Reichtum wird hier also als etwas Schlechtes dargestellt, denn

es verleitet den Menschen dazu, andere aus dem Blick zu verlieren – der

reiche Mann sieht den armen Lazarus zu Lebzeiten nicht, geschweige denn,

dass er ihm etwas von seinem Reichtum zukommen lassen würde, indem er

ihm wenigstens etwas zu Essen geben würde. Dieser Point of View wird

dadurch dem Leser durch das Verhalten des Reichen fast aufgezwungen.

Für

mich jedoch gibt es an der Erzählung einen weiteren Point of View – der

Verweis auf Mose und die Propheten (es darf nicht vergessen werden,

dass der lukanische Jesus diese Geschichte erzählt und dass er es

innerhalb einer Auseinandersetzung mit den Pharisäern, die sowohl nach

dem Kommen des Reiches Gottes fragen als auch einer Auslegung des

Gesetzes durch Jesus bedürfen).

Abraham verweist bei der zweiten

Bitte des Reichen auf Mose und die Propheten - wenn man ihnen nicht

Glauben schenke, so würde man es auch nicht tun, wenn einer von den

Toten auferstünde. Es gibt also neben der Arm-Reich-Thematik in dieser

Erzählung eine weitere wichtige Botschaft: Die Pharisäer, die jetzt

bereits immer wieder nach dem Gesetz fragen, obwohl es ihnen bereits

durch Mose und andere Propheten gebracht worden ist, werden auch dann

nicht glauben, wenn einer, (es darf an dieser Stelle davon ausgegangen

werden, dass Jesus sich in einem Vorausblick selbst meint) von den Toten

aufersteht.

4. Stimmen aus der Forschung

  4.1. Gottes Wort im Jetzt - auch für Reiche

Adolf

Schlatter stellt den Erzähler der Geschichte, Jesus, in den Mittelpunkt

- Jesus werde nach seiner Auferstehung nicht noch einmal kommen, um,

vor allem den Reichen, zu zeigen, wie sie leben müssen, denn „das

göttliche Wort, das Israel gegeben ist, unterweist jeden“ und „es muß

jetzt gehört“, „es [muß] ihm [jetzt] geglaubt werden“, denn „wo sein

Bußruf jetzt vergeblich ist, wäre er es nach seiner Auferstehung auch.“

(Schlatter, 1979, 337)

  4.2. Besitz trennt Gott und Mensch

Eduard

Schweizer legt die Erzählung vom reichen Mann und armen Lazarus

dahingehend aus, dass diese Erzählung nicht die „ausgleichende

Gerechtigkeit Gottes“ zum Thema hat, sondern vielmehr der Reiche und

dessen „noch lebende[..] Brüder“ den Mittelpunkt bilden, denn „das Wort

Gottes [müsse sie] von ihrer verkehrten und strohdummen Selbstsicherheit

befreien.“ Von daher ist es „Gottes Parteilichkeit für die Armen“, die

in dieser Geschichte ihren Ausdruck findet. (Schweizer, 1986, 173f.)

  4.3. Einladung zur Umkehr

François

Bovon zeigt in seiner Auslegung noch einen dritten Aspekt auf: Den

Leser. Dieser erinnert sich durch das Lesen der „Beispielerzählung“ vom

Reichen und armen Lazarus sowohl an die Schrift und die darin von den

Propheten geforderte „ethische Lebensweise“, als auch an das

„christliche[..] Kerygma[..]“, das bezeugt, dass einer „von den Toten“ (v31)

auferstanden ist. Die Erinnerung daran und auch das erneute

Bewusstwerden der „ethischen Dimension ihres Lebens“ ist eine von Gott

gegebene Einladung zur eigenen Umkehr, „denn die Beschreibung des

Schicksals des Reichen ist nicht nur ein Gleichnis [sondern] der Gnade

spendende Gott wird Abrechnung verlangen.“ (Bovon, 2001, 130)

 

Literaturverzeichnis

Bar-Efrat, Sh., 2006, Wie die Bibel erzählt. Alttestamentliche Texte als literarische Kunstwerke verstehen, Gütersloh

Bovon, F., 2001, Das Evangelium nach Lukas, (EKK, 3.Teilband), Zürich/Neukirchen-Vluyn

Peisker, C. H., 1996, Zürcher Evangelien - Synopse, 24. Aufl., Wiesbaden

Resseguie, J. L., 2005, Narrative Criticism of the New Testament. An Introduction, Grand Rapids

Schlatter, A., 1979, Das Evangelium nach Markus und Lukas, Band 2, Stuttgart

Schweizer, E., 1986, Das Evangelium nach Lukas, Band 3, Göttingen

Wolter, M., 2008, Das Lukasevangelium, Tübingen



[1] Die Analyse des Erzählers geht der Frage nach, aus welcher Perspektive der Text erzählt wird und wie der Erzähler erscheint.

[2] Unter Rhetorik fällt an dieser Stelle vor allem die Strukturierung des Textabschnittes.

[3] Unter Setting fallen alle äußeren Umstände innerhalb der Erzählung.

[4]

Point of View meint hier den wertenden Standpunkt einer Erzählung, ggf.

durch die handelnden Personen vorgestellt; ich erweitere an dieser

Stelle den Begriff und verwende ihn zur Darstellung der „Kernaussage“.

[5]

„Lazarus wird nicht einfach beziehungslos neben den Reichen gestellt,

sondern zu einem Bewohner von dessen Welt gemacht und in dessen Leben

eingeschrieben.“

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