Das Sterben Jesu – ein lichtes Geschehen?

Tanja Hühne

Kurzbeschreibung:
Der älteste Evangelist Markus beginnt seine Passionserzählung (Mk 15,33-39) mit einer dreistündigen Finsternis. Die Erzählung wirft die Frage auf, bis zu welchem Zeitpunkt, der in der Passionserzählung geschilderten Ereignisse, die Finsternis anhält und ob Jesus somit in die Dunkelheit oder in das Licht hinein stirbt. Dieser Frage wird im Folgenden nachgegangen, wobei auch ein Blick in das Lukas- sowie das Matthäusevangelium bezüglich dieser Frage geworfen wird.
Zusätzliche Autoreninformation: Tanja Hühne
Studentin, Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Grundschule Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Mk 15,33-39
Zusätzliche Skripturen:
Mt 26, 45 Lk 23,44f
Weitere Schlagworte:
Auferstehung; Golgatha; Jesus; Kreuzigung; Leidensweg Christi; Nachfolge; Passion; Sterben; Stunde; Tageszeit; Tod

1. Erster Leseeindruck

Es ist kurz vor dem Passahfest. Ein Mann aus Galiläa wird zum Kreuzestod verurteilt, muss (s)ein Kreuz nach Golgatha tragen, wird seiner Kleider entledigt, ans Kreuz geschlagen und von Vorbeigehenden verspottet (vgl. Mk 15,20a ff). Plötzlich, am helllichten Mittag, setzt eine Finsternis „über das ganze Land“ ein.


2. Synchrone Zugangsweise: Von Licht und Finsternis

Die im Markusevangelium geschilderte dreistündige Finsternis, die die Passionserzählung einleitet, erstreckt sich über die ganze Erde und beginnt zur Mittagszeit. „Die sechste Stunde“ entspricht dem heutigen zwölf Uhr, die „neunte Stunde“ dem heutigen fünfzehn Uhr. Hierzu stellen sich zwei Fragen: Ist mit der ganzen Erde tatsächlich die ganze Erde oder aber nur Israel gemeint, und an welche Form der Finsternis ist hier gedacht?

2.1 Historisch-meteorologische Erklärungsversuche

Handelt es sich um eine Finsternis, die wirklich über die ganze Erde herrscht, stellt sich die Frage, wie dies astronomisch möglich ist. Selbst wenn hier von einer Sonnenfinsternis im astronomischen Sinn gesprochen wird, spricht der aufkommende Vollmond zum Passahfest dagegen (vgl. Lührmann, 1987, 262). Eine Sonnenfinsternis über die ganze Erde, wie auch lediglich über Israel, ist also auszuschließen. Einzuwenden wäre, dass es sich z.B. um „tief hängende Wolken“ handeln könnte (Pesch, 1984, 493). Allerdings wäre die Finsternis dann lediglich über Israel bzw. Jerusalem zu sehen gewesen. Eine historisch-meteorologische Betrachtungsweise von v33 ist daher zwar nicht ausgeschlossen, doch entspricht die Erzählung von Markus nicht den möglichen Tatsachen.

2.2 Aus welchem Grund beginnt Markus seine Passionserzählung mit einer Finsternis?

Betrachtet der Leser das gesamte Markusevangelium, gibt es zwei Hinweise darauf, dass sich die Erde verdunkeln wird, wenn der Menschensohn leidet. Mk lässt hier apokalyptische Vorstellungen, die das Kommen des Menschensohnes ankündigen, einfließen. Mit diesem Stilmittel bereitet er den Leser bereits in 13,24-27 darauf vor, dass ein Leiden des Menschensohnes geschehen und dieses durch eine Finsternis eingeleitet wird. Mit v33 wird dem Leser bewusst, dass jetzt die Katastrophe ihren Höhepunkt finden wird.

Eine weitere mögliche Annahme für die dargestellte Finsternis ist der Rückbezug auf Am 8,9f. Pesch sieht dies allerdings kritisch, indem er anmerkt, dass „sich keinerlei eindeutige sprachliche und gedankliche Verbindungen, welche mehr als eine Vermutung rechtfertigen“, finden lassen, um diesen Rückschluss zu ziehen (Pesch, 1984, 494). Wohingegen Lührmann angibt, dass Am 8,9 die Markusfassung beeinflusst habe (vgl. Lührmann, 1987, 262) und Lohmeyer sogar bei der Betrachtung von Mk 15,33, Am 8,9 als vorausgesetzt sieht, da man „für unseren Bericht […] nicht nur an Am 8,9 denken [dürfe].“(Lohmeyer, 1963, 345, [Herv. d. Verf.]). Gielen sieht hier sogar eine „unverkennbare [...] Anlehnung“ an Am 8,9 (Gielen, 2008, 215).

Ein weiteres Motiv für die Nennung einer Finsternis ist ein mythisches (vgl. Lührmann, 1987, 262) und im „allgemeine[n] Volksglaube“ begründet (Lohmeyer, 1963, 345). Beim Tod großer Männer findet sich oft die Erwähnung einer Finsternis – die Natur trauert um den Verstorbenen mit (vgl. Lührmann, 1987, 262). Allerdings, so wendet Pesch hierzu erneut ein, sei die Finsternis beim Tod Jesu nicht als Trauer der Natur ausgelegt (im Unterschied zum Tod Cäsars) (vgl. Pesch, 1984, 492).

Für Eckey ist es nicht die Natur, die trauert, sondern Gott selbst. Er trauert über das Geschehen am Kreuz. Daher hat er auch die Finsternis geschickt, die selbst Jesus am Kreuz umfängt. Eckey bezieht sich darüber hinaus ebenfalls auf Mk 13,24 ff, allerdings fügt er hinzu, dass Jesus durch diese Finsternis zwar als der Menschensohn kenntlich werde, dass aber das Halten des Endgerichts begrenzt ist für diesen, da auch die bei Mk aufkommende Finsternis begrenzt ist (auf drei Stunden). Eckey geht hier also über die bisherigen Annahmen hinaus und verknüpft 13,24 ff mit v33 inhaltlich auf das Endgericht hin (vgl. Eckey, 2008, 503).

Gielen sucht den Grund für die Finsternis ebenfalls in der Anlehnung an die endzeitlichen Motive innerhalb des Markusevangeliums. Allerdings sieht sie die „auf drei Stunden begrenzte Finsternis am Todestag Jesu nur [als] einen Vorgeschmack des Chaos“, dass „der Wiederkunft des Menschensohnes zum Gericht vorausgehen wird“ (Gielen, 2008, 215).

Eckey geht also einen Schritt weiter als Gielen und bezieht sich nicht nur auf das Ankündigen des Gerichtes bzw. dessen Vorboten, sondern auf das Gericht selbst. Beide aber sagen deutlich, dass die hier beschriebene Finsternis ein Zeitraum ist, der eine Begrenzung erfährt. Sie erstreckt sich von der sechsten bis zur neunten Stunde und endet dann. Dies bedeutet also, dass das Licht wieder auf die Erde und somit auch auf das Geschehen am Kreuz fällt.

2.3 Analogien zum Theater

Übernimmt man hierzu die Analogie zur Theateraufführung, wie Klumbies sie für die Sterbeszene bei Lk verwendet hat, so ist hier im Markusevangelium ebenfalls ein Umbruch geschehen. Eben war alles noch dunkel, das Publikum wartete drei Stunden lang gespannt und ängstlich auf das, was jetzt kommt. Der Spannungsbogen erhöht sich also dramatisch. Und plötzlich geht das Licht wieder an. Der Erzähler liest noch einmal vor: „Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut […].“ Die neunte Stunde wird also noch einmal erwähnt, was im Verlauf des Geschehens zu einem Bruch führt (vgl. Klumbies, 2003, 191). Gleichzeitig wechselt der Zeitrahmen: v33 betrachtet einen Zeitraum (von der sechsten bis zur neunten Stunde) und nun betrachtet der Leser bzw. der Zuschauer einen bestimmten Zeitpunkt, und zwar die neunte Stunde. In dieser neunten Stunde schreit Jesus zum letzten Mal in seinem irdischen Leben. Er schreit die Worte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Genau in diesem Bruch, der durch das nochmalige Nennen der neunten Stunden entsteht, wird die Dunkelheit zu Licht.

3. Diachrone Beobachtungen: Synoptischer Vergleich

Alle drei Evangelisten beginnen ihren Passionsbericht mit einer einsetzenden Finsternis, wobei Lk seine geschilderte Finsternis mit dem ersten Teil des darauf folgenden Verses durch eine Sonnenfinsternis versucht zu begründen. Dabei darf davon ausgegangen werden, dass Lk hier nicht im astronomischen Sinn argumentiert, sondern „sein Augenmerk mehr auf Gottes Eingreifen als auf das natürliche Versagen der Himmelskörper“ richtet (Bovon, 2009, 481).

Matthäus

Mt zeigt im chronologischen Ablauf des Geschehens wesentlich mehr Nähe zum markinischen Text als Lk dies tut. Allerdings hat Mt z.B. auf die Zeitangabe der Kreuzigung (Mk 15,25) verzichtet und gibt mit der sechsten Stunde zum ersten Mal einen Zeitpunkt im Laufe dieses Geschehens an (vgl. Wiefel, 1998, 480).

Die zu diesem Zeitpunkt eintretende Finsternis, welche die ganze Welt umfasst und alles in den Bann schlägt, in der drei Stunden lang nichts geschieht und auch der Kosmos den Atem anhält, ist nach drei Stunden zu Ende und „die Geschichte des Todes des Gottessohns geht weiter“ (Luz, 2002, 334), indem Jesus „bei klarem Himmel“ sein Gebet ausspricht (Lohmeyer, 1956, 393).

Lukas

Die Finsternis zeigt das Einverständnis Gottes, „ja sogar seine Teilnahme an dem Drama“, welches dort auf dem Berg Golgatha vonstatten geht. Ebenso besagt sie, „dass der eintretende Tod in ein Leben münden muss, dass die Dunkelheit im Tunnel dem Licht der Auferstehung vorausgeht.“ Das Leiden des Gottessohnes und dessen Tod sind also im Dunkeln geschehen, in der „Dunkelheit im Tunnel“, damit das „Licht der Auferstehung“ deutlich wird (Bovon, 2009, 488).


4. Stimmen aus der Forschung

Im Folgenden werden zwei gegensätzliche Thesen dargestellt: Eine These, die die Helligkeit beim Tod Jesu betont und die andere, die besagt, dass es beim Tod Jesu dunkel war.

4.1. Jesus stirbt in die Dunkelheit

Die Nennung der Finsternis kann viele Gründe haben; sie kann „ein kosmisches Wunder“ sein, sie kann Ausdruck der Trauer sein, wie „beim Tod berühmter Rabbinen oder des Romulus und Caesars“, sie kann ein „Zeichen der Neuschöpfung“, welche „in der Finsternis des Todes anbricht“, sein, ebenso gut kann sie aber auch an der „profetisch-apokalyptischen Tradition“ und somit an Am 8,9 anknüpfen (Gnilka, 1979, 321). Gnilka jedoch ist der Meinung, dass Mk 15,33 an „keine bestimmte Stelle“ anknüpft „sondern [...] das verbreitete Interpretament“ enthält, welches das Kreuz Jesu deutet, „indem es seine universale Bedeutung anzeigt, die sich im erwarteten Endgericht unverhüllt offenbaren wird“, was in Verbindung mit Mk 13,24f zur Folge hat, dass der Menschensohn erst „nach jener Drangsal“, die er am Kreuz erleidet, „mit viel Macht und Herrlichkeit“ erscheinen wird. Und in dieser „Drangsalsepoche“, so Gnilka, „gibt es nur die Offenbarung des Kreuzes, das durch Gott nicht gelichtet wird" (Gnilka, 1979, 321f, [Herv. d. Verf.]). Jesus stirbt hier in die Dunkelheit.

4.2. Jesus stirbt im Licht

Klumbies vertritt die Gegenthese, dass es bei den Ereignissen nach der in v33 geschilderten Finsternis auf Golgatha hell gewesen ist. Er argumentiert hierbei wie folgt: Sowohl die Ereignisse in v36, das Tränken mit einem Essigschwamm, als auch in v38, das Zerreißen des Tempels, „setzen Sichtbarkeit voraus.“ Darüber hinaus wird in „V 36, 39 und 40 [...] das Verb ‚sehen’ explizit verwendet“ (v36 idomen, v39 idon, v40 theorousai). Auch gibt es, so führt er seinen Argumentationsstrang weiter, „nach V 34 Anfang keinen weiteren Einschnitt, der eine Änderung der Lichtverhältnisse im späteren Verlauf der Szene signalisier[t]“ (Klumbies, 2003, 191). Insgesamt gibt es bis v42 „keine weiteren Hinweise auf eine spätere Veränderung der Lichtverhältnisse“ (Klumbies, 2004, 145).

4.3. Eigene Einschätzung

Es gibt in dieser Frage zwei mögliche Aussagen: Es ist hell oder dunkel gewesen. Es scheint, dass Klumbies mit seiner These die Frage nach diesem Sachverhalt wieder angestoßen hat und seine These, dass der Tod Jesu im Hellen stattfand, als „sich abzeichnende Tendenz“ beschrieben werden kann. Allerdings, so sei hier angemerkt, wird es sicher auch nach Klumbies wieder Autoren geben, die sich für die Dunkelheit aussprechen und hierzu vielleicht auch neue Erkenntnisse anbringen können.


Literaturverzeichnis

Bovon, Francois, 2009, Das Evangelium nach Lukas (EKK, 4.Teilbd.), Zürich

Eckey, Wilfried, 2008, Das Markusevangelium, Neukirchen-Vluyn

Gielen, Marlis, 2008, Die Passionserzählung in den vier Evangelien, Stuttgart

Gnilka, Joachim, 1979, Das Evangelium nach Markus (EKK II/2), Zürich

Klumbies, Paul-Gerhard, 2003, Das Sterben Jesu als Schauspiel nach Lk 23,44-49 (BZ 47) Paderborn,186-205

Klumbies, Paul-Gerhard, 2004, Weg vom Grab! Die Richtung der synoptischen Grabeserzählung und das „heilige Grab“ (JBTh 19), 143-169

Lohmeyer, Ernst, 1963, Das Evangelium des Markus (KEK I/2), Göttingen

Lohmeyer, Ernst, 1956, Das Evangelium des Matthäus, Göttingen

Lührmann, Dieter, 1987, Das Markusevangelium (HNT 3), Tübingen

Luz, Ulrich, 2002, Das Evangelium nach Matthäus (EKK, 4.Teilbd.), Zürich

Pesch, Rudolf, 1984, Das Markusevangelium (HThK II/1), Freiburg im Breisgau

Wiefel, Wolfgang, 1998, Das Evangelium nach Matthäus (ThHK 1), Leipzig


[letzte Änderung: 04. August 2010].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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