Die dunkelste Stunde Golgathas

Tobias Klotzbücher

Kurzbeschreibung:
Die Kreuzigung Jesu beschreibt in der christlichen Geschichte sogleich die dunkelste Stunde und doch geht aus Ihr auch der neue Bund Gottes mit den Menschen durch den am Kreuz gestorbenen Sohn Gottes hervor, der die Sünde auf sich nimmt. Durch den Ausspruch des heidnischen Haupt-manns werden erste Pfingstgedanke formuliert, welche der Autor einer heidenchristlichen Bevölke-rung näherbringen möchte.
Zusätzliche Autoreninformation: Tobias Klotzbücher
Student
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Bibelstellenbezug:
Mk 15,33-39
Zusätzliche Skripturen:
Am 8,9.10 Gen 7,10 Gen 9,9 Hebr 10,19,20 Jer 15,9 Joh 19,30 1 Joh 2,2 Lk 23,46 Mt 27,46 Mk 1,10 Mk 2,10 Mk 13,2 Mk 14,36 Mk 15,11-15 Mk 15,22.
Weitere Schlagworte:
Befreiung; Christentum; Christus; Christusbezug; Einsamkeit; Endlichkeit; Endzeit; Erlöser; Evangelist; Evangelium; Flehen; Furcht; Frage nach Gott; Gattung; Gattungskritik; Geist (Gottes); Gegenwart Gottes; Glaube (christlicher, jüdischer).
Letzte Aktualisierung:
02.02.2018

1. Erster Leseeindruck

 

Die Kreuzigungsszene in Mk 15,33-39 bezeugt im Ableben Jesu Christi die wohl dunkelste Stunde der christlichen Tradition. Darüber hinaus schwingt bereits ein Funken eines Pfingstgedanken mit, wenn man den anwesenden Hauptmann als ersten Zeugen einer Offenbarung Gottes betrachten möchte.

  

2. Synchrone Zugangsweise Was auf Golgatha geschah

 

2.1 Einordnung und Kontext

Die Kreuzigung Jesu Christi ereignete sich dem Markusevangelium zufolge auf Golgatha, was der Autor unmittelbar mit „Schädelstätte“ übersetzt (Mk 15,22). Pontius Pilatus sprach das Urteil auf Drängen des Volkes, denn jenes verlangte auf Geheiß der Hohenpriester die Freiheit für den Gesetzesbrecher Barabbas und stattdessen die Vollstreckung des Urteils gegenüber Jesu

(Mk 15,11-15). Nach seiner Verurteilung wurde Jesus schließlich zur Kreuzigungsstätte geführt und dort gekreuzigt. Dieser Szenerie wohnen „einige“ (Mk 15,35) Personen bei und beobachten die Geschehnisse. Darüber hinaus wird ein Hauptmann erwähnt, welcher „dabeistand“ (Mk 15,39). Es erscheint so, als dass dieser mit der Aufgabe betraut wurde, die Kreuzigung zu überwachen und letztlich ihren Vollzug an Pilatus zu melden.

Der Eingang der zu behandelnden Perikope ist zeitlich exakt abgegrenzt, da die eintretende Finsternis auf die sechste Stunde mit einer Dauer von drei Stunden angeben wird. Dabei bleibt festzuhalten, dass die Erzählzeit im Vergleich zur erzählten Zeit keinem natürlichen Verhältnis des zeitlichen Rahmens entspricht.

 

 

2.2 Gliederung

Anhand der geläufigen Textüberlieferung M. Luthers lässt sich die Perikope in drei Teile gliedern:

Mk 15,33

Exposition mit Zeit- und Raumeinordnung der kommenden Geschehnisse und Handlungen

Mk 15,34-36

Jesu Ausruf („Eli, Eli, lama asabtani?“), auf welchen die umherstehenden Personen reagieren und in Aktion treten

Mk 15,37-39

Jesu Aufschrei und sein Ableben, in Folge dessen der Tempelvorhang zerriss, die Perikope endet mit einem Zitat des Hauptmanns

 

2.3 Narratologische Analyse

Die Perikope Mk 15,33-39 ist vollständig durch einen auktorialen Erzähler geprägt. Hieraus wird deutlich, dass es sich bei der Gattung der Evangelien um Erzählliteratur handelt, welche Interaktionen zwischen Personen beschreiben (vgl. DORMEYER, 2005, S. 33). Die narrative Geschwindigkeit erhöht sich stetig, sodass mit fortschreitender Tageszeit immer kürzere Versabschnitte gesetzt werden und die Handlung gestrafft erzählt wird (vgl. ROSE, 2007, S. 229). Die Anschaulichkeit und Plastizität der Szenerie wird durch Aussprüche und Rufe in wörtlicher Rede unterstrichen. Dadurch erlangt der Leser das Gefühl direkt in die Situation einzutauchen und kann sich so in die Personen hineinversetzen und jegliche Geschehnisse miterleben. Darüber hinaus sorgt die exakte Verortung der Geschehnisse in die Tageszeiten (sechste bis neunte Stunde) dafür, dass dem Leser ein Gefühl der Sicherheit vermittelt wird, da er die Zeitstruktur unmittelbar nachvollziehen kann. Dies wird dadurch unterstützt, dass die Geschehnisse zeitlich explizit abgesteckt werden.

Die Formulierungen sind durchweg von sehr leichter, verständlicher Form, was für die Adressierung an das einfache hellenistische Volk spricht. (vgl. CONZELMANN; LINDEMANN, 2000, S. 319). Die verwendete Sprache lässt sich darüber hinaus als einfach strukturiert bezeichnen, was wiederum für die Adressierung an ein literarisch nicht gebildetes Publikum (einfaches Volk) spricht (vgl. KÖSTER, 1980, S. 112). Insbesondere die Verwendung des Aufzählungspartikels „und“ (kai) zu Beginn der Verse 33 bis 35 und 38 verdeutlicht diese parataktische Erzählstruktur (vgl. CONZELMANN; LINDEMANN, 2000, S. 319).   

Die direkten wörtlichen Reden der verorteten Personen weisen Besonderheiten auf: Jesus „rief“ (phōnē megálē) (Mk 15,34) und „schrie“ (apheìs phōnēn megálēn) (Mk 15,37). Beide Worte stehen im Aorist. Diese Zeitform bezeichnet eine einmalige, abgeschlossene Handlung in der Vergangenheit. Durch die Verwendung eines Partizips (apheìs) in Mk 15,37 wird der unmittelbare Bezug auf die Person selbst, in dem Fall Jesus, deutlich hervorgehoben. 

Die unterschiedliche Übersetzung des Begriffs phōnē megálē durch Martin Luther erscheint durch die Mehrfachbedeutung von hē phōnē (zu dt.: Laut, Ton, Geräusch etc.) und phonēō (dt.: gebe Laut etc.) als plausibel und sinnvoll gewählt. Jedoch unterstreicht der Begriff megálē (dt. groß), dass es sich um eine lautstarke Äußerung handeln müsste.

Die umstehenden Personen dagegen „sprachen“ (elegon) (Mk 15,35), bzw. eine einzelne Person „sprach“ (legōn; eipen) (Mk 15,36.39). Dadurch, dass hier kein Partizip, sondern einfache Vergangenheitsformen verwendet werden, wird deutlich, dass die einzelnen Personen nicht im Ausdruck ihrer Persönlichkeit selbst von Belang sind. Lediglich ihr Ausspruch scheint für die Situation von Bedeutung zu sein.

Darüber hinaus scheinen sie ruhiger und sachlicher zu argumentieren, wohingegen der Autor die Situation Jesu durch dessen emotionale Ausdrucksweise zu unterstreichen scheint.

 

2.4 Exegetische Analyse

2.4.1 Die letzten Stunden des Leben Jesu - die Finsternis - der Ruf zu Gott

Nach seiner Verurteilung durch Pontius Pilatus wird Jesus nach Golgatha (einer Hinrichtungsstätte) geführt. Dort angekommen mündet die Passion in seinen Kreuzestod.

Einleitend verdunkelt sich das ganze Land (eph` holēn tēn gēn), obwohl es sich der Stundenangabe zu Folge um die Mittagsstunden handeln muss. Hieraus folgere ich, dass es sich nicht um eine natürliche Himmelsverdunklung handeln könne. Vielmehr müssten mythische Aspekte bedacht werden (vgl. KLUMBIES, 2001, S. 267f.). Die Handlung bezeuge die dunkelste Stunde im Menschengedenken, der Sohn Gottes wird von ihnen umgebracht (vgl. KLUMBIES, 2010, S. 16). Hinweise auf eine Verdunklung mit mythischem Hintergrund könnten sich in Am 8,9.10 sowie in Jer 15,9 wiederfinden, woraus resultiert, dass dieses Motiv nicht ausschließlich im Markusevangelium auftaucht. Die Dunkelheit deutet an, dass sich etwas dem Ende neigt. Dieses Ende beschreibt den Tod Jesu, welcher sich soeben am Kreuz abzeichnet.

Die zweite Zeitangabe wiederum beschreibt einen Augenblick drei Stunden später. Jesus schreit auf und zitiert dabei einen aramäischen Ausspruch in Anlehnung an Psalm 22,2. Wobei hier festzustellen ist, dass sich „Eli, Eli, lama asabtani?“ (Mk 15,34) entgegen der heute geläufigen Formel „[…] warum hast du mich verlassen?“ auch mit „[…] woraufhin hast du mich verlassen?“ übersetzen lässt. Im griechischen Urtext findet sich die Formulierung eis ti, dies kann neben der geläufigen kausalen Übersetzung (warum?) ebenso final (woraufhin? oder wozu?) übersetzt werden (vgl. ECKEY, 2008, S. 504). Er fühlt sich scheinbar von Gott verlassen, jedoch schreit er nicht aus Verzweiflung über die vermeintliche Gottverlassenheit (vgl. ECKEY, 2008, S. 504). Diesen Dualismus unterstreicht Psalm 22, denn er hält die Gottverlassenheit und die Zuwendung Gottes zusammen.

Daraus resultiert, dass die Verdunklung des Himmels und der Ausruf Jesu nicht das Ende aller Dinge bedeuten, sondern eine neue Zeit beginnen lässt.

Jesus scheint sein Leben in Gottes Hände zu legen, so wie er es dem Vater im Garten Gethsemane (Mk 14,36) angekündigt hatte (vgl. ECKEY, 2008, S. 504). Schließlich kann der Schrei Jesu auch in der Form übersetzt werden, woraufhin Gott ihn verlassen habe. Daraus ergibt sich dann die Frage, was nun als Konsequenz und Folge der Geschehnisse kommen mag.

 

2.4.2 Elia - der Trank - der letzte Aufschrei oder Atemzug

Die umstehenden Menschen scheinen den Ausruf Jesu als ein Hilferuf an Elia gerichtet misszuverstehen. Zu bedenken ist, dass diese Formulierung in den Evangelien nach Lukas und Johannes nicht aufgenommen, bzw. ersetzt wird (vgl. Lk 23,46; Joh 19,30). Einzig im Evangelium nach Matthäus (Mt 27,46) bleibt der Ausruf nahezu unverändert (vgl. DSCHULNIGG, 2007, S. 401). Daraus wird deutlich, wie missverständlich diese Aussage ist. Die Deutung dieses Rufes ist lediglich Juden aufgrund ihres religiösen Hintergrundes möglich. Dadurch ist der Ausspruch ihrerseits möglicherweise als Verspottung Jesu zu deuten, da die Umherstehenden wissen könnten, dass Elia nicht kommen werde. Einer der Dabeistehenden könnte die Bedeutung des Ausrufs offensichtlich nicht gekannt haben, etwaig könnte es sich um einen römischen Soldaten handeln (vgl. GNILKA, 1979, S. 322.). Er läuft nach Jesu Aufschrei zu ihm und reicht ihm einen betäubenden Trank, welcher das Leben verlängern soll, was wiederum zwei Schlüsse zulässt:

Erstens könnte es der Versuch sein, Jesu Leiden zu mildern, oder aber zweitens jedoch, um für die Verlängerung seiner Qualen zu sorgen. Auf eine solche Verlängerung deutet die präsentische Formulierung in Psalm 69,22 hin: „Sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken für meinen Durst.“ (vgl. KLAIBER, 2010, S. 307). Hierbei sind das Leiden und Aushalten alles Widerwärtigem ein wohl zu bedenkendes Element, da dies zwei Charakterzüge des sterbenden Sohn Gottes zu sein scheinen: Das Leben als leidender Gerechter zu vollenden. Folglich nimmt Jesu den Trank wohl in dem Wissen, dass Gott recht handeln wird und er sich dessen Willen nicht verweigern kann.

Mit dem letzten Aufschrei oder dem letzten Aushauchen in Vers 37 stirbt Jesus, nach Johannes interpretiert, den Stellvertretertod für alle menschlichen Sünden (1 Joh 2,2). Auffallend unüblich ist es, dass ein Sterbender kurz vor seinem Tod einen lauten Schrei ausstößt. Er müsste aus medizinischer Sicht vielmehr so geschwächt sein, sodass ihm ein Aufschrei nicht mehr möglich ist. Doch genau Gegenteiliges ist der Fall: Jesu Schrei scheint den Sieg über den Tod im geschwächten – aber noch vorhandenen – Vertrauen auf Gott und dessen Handeln zu bezeugen. Gott hat hier die Sünde selbst, in seinem eigenen Sohn auf sich genommen. Er bereitet so den Weg der Menschen hinein in ein neues Leben, befreit von aller Sünde durch die Auferstehung Jesu (Mk 16,6) in voller göttlicher Liebe zu den Menschen (vgl. HAMPEL; WETH, 2010, S. 178f.). Die gottgegebene Kraft zur Sündenvergebung (Vollmacht des Menschensohnes) deutet sich bereits zu Beginn des Markusevangeliums an, indem Jesus einen Gelähmten heilt, indem er ihm dessen Sünden vergibt (vgl. Mk 2,10).

Aufgrund dessen, dass das Ableben Jesu im griechischen Ursprungstext mit „aushauchen“ (ezépneusen) übersetzt werden kann, kann dem heidnischen Hauptmann, der in der Szenerie Jesus gegenüber steht, eine besondere Rolle zukommen:

Dieser Soldat kommt erst am Ende der Perikope zu Wort, obwohl er den gesamten Geschehnissen beigewohnt haben muss. Somit halte ich fest: „Der Geistverlust Jesu bringt den Centurio zum Reden.“ (KLUMBIES, 2001, S. 247) Der Heilige Geist, welcher durch die Taufe (Mk 1,10) auf Jesus niederging, wird von ihm ausgehaucht und geht scheinbar auf den ihm gegenüberstehenden Hauptmann über (vgl. KLUMBIES, 2001, S. 273). Denn der Geist, der vertikal von Gott empfangen wurde, beginnt „sich horizontal auszubreiten“ (KLUMBIES, 2001, S. 275). Und in dieser horizontalen Achse steht letztlich der Hauptmann Jesus gegenüber.

 

2.4.3 Das Zerreißen des Vorhangs

Im Moment des Todes Jesu zerreißt der Vorhang des Tempels in zwei Teile. Bei der Analyse des griechischen Ursprungstextes fällt auf, dass dort to katapétasma (der Vorhang) geschrieben steht. Es deutet aufgrund der beschriebenen Situation alles auf einen Vorhang des Jerusalemer Tempels (Mk 15,38) hin, denn der Artikel suggeriert, dass es sich um einen speziellen und besonderen Vorhang handeln muss. Im Inneren dieses Tempels lassen sich jedoch zwei Vorhänge verorten: Der Erste trennt den Tempel vom Innenhof ab, diesen dürfen neben den Priestern auch israelitische Männer betreten. Der Zweite dagegen trennt die Vorhöfe des Tempels vom Aller-Heiligsten, dem „irdischen Ort der Epiphanie Gottes“ (ECKEY, 2008, S. 507) ab. Diesen Ort darf lediglich der Hohepriester einmal im Jahr am Großen-Versöhnungstag (Jom Kippur) betreten.

Meines Erachtens müsste es sich um diesen zweiten Vorhang handeln, denn durch dessen Zerreißen scheint sich der Anbruch einer neuen Zeit anzudeuten, da alles Alte zerrissen ist und Gott offenbar wurde.

Ein Indiz hierauf lässt sich bereits in Hebr 10,19.20 finden: „Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum […]“ (vgl. PESCH, 1984, S. 498).
Wenn man bedenkt, dass der Autor vermutlich an Heidenchristen gerichtet schreibt, scheint er ausdrücken zu wollen, dass nun durch die fehlende Trennung zum Heiligsten alle Menschen an der Heiligkeit Gottes partizipieren können. Dadurch scheinen nun auch Heiden und nicht lediglich das jüdische Volk die Möglichkeit der Verbindung zu Gott erlangen zu können. Der Autor „schildert das Sterben Jesu als ein soteriologisches, d.h. heilvolles Ereignis.“ (KLUMBIES, 2010, S. 43). Durch das Zerreißen des Vorhangs öffnet sich jedoch aus christlicher Perspektive der menschliche Zugang zum Allerheiligsten. Der Tempel befindet sich östlich der Hinrichtungsstätte. Dabei richtet sich der Blick von Westen (Golgatha) nach Osten (Tempel Jerusalems). Diese West-Ost-Achse „entspricht der alten mythischen Zuordnung zwischen Heil- und Unheilsorten“ (KLUMBIES, 2010, S. 43). Damit geschieht auf der West-Ost-Achse im Osten (aus jüdischer Sicht) das unvorstellbare Unheil, da der fehlende Vorhang einer Entblößung Gottes entspricht (vgl. ebd.: 43).

Eine neue Zeit scheint nun jedoch anzubrechen. Dieses Neuzeitmotiv erinnert an die Sintflut und ihre Folgen (Gen 7,10). Auch in dieser Erzählung folgt auf die unheimliche Dunkelheit wiederum ein neues Licht und deutet im Regenbogen den Bund (Gen 9,9) Gottes an. Gott siegt somit über das Dunkle, das Böse, sodass das Gute letztlich gewinnen kann. Dadurch, dass nach seinem Tod etwas Neues beginnen soll, erscheint es als wahrscheinlich, dass sich ein neues Licht über der Erde ausbreiten wird. Dabei ist zu bedenken, dass im Osten die Sonne aufgeht und somit eine neue Zeit (ein neuer Tag) beginnt. So wird die östliche Himmelsrichtung durch den Autor als das positive Gegenstück zur westlichen Himmelsrichtung (des Sonnenuntergangs) beschrieben.

Die theologischen Grundelemente des Sterbens des Gottessohnes wird im Evangelium nach Markus narrativ durch die exakte Beschreibung der Lichtverhältnisse und den wertenden Umgang mit Ortsangaben, bzw. Himmelsrichtungen unterstrichen und präzisiert (vgl. KLUMBIES, 2010, S. 43).

 

2.4.4 Das Bekenntnis des Hauptmanns?

Der letzte Vers der Perikope beinhaltet den in der Literatur kontrovers diskutierten Ausspruch des Hauptmanns: „Wahrlich dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ (Mk 15,39). Aufgrund der Tatsache, dass der Autor an das einfache Volk gerichtet schrieb, was für die Formulierung mit Artikel (ho antrōpos - der Mensch) sprechen kann, kann festgehalten werden, dass es sich bei dem Ausruf des Hauptmanns um ein Bekenntnis handeln könnte (vgl. SCHWEIZER, 1983, S. 195). In Anbetracht dessen, dass der offensichtlich heidnische, da römische Hauptmann dieses vermeintliche Bekenntnis spricht, ist dessen Brisanz nicht zu unterschlagen.

Somit muss der Gedankengang erlaubt sein, dass durch diesen Ausruf und den möglichen Übergang des Geistes auf den Hauptmann die Ostergeschehnisse und Pfingsten, d.h. die Ausbreitung des Heiligen Geistes entgegen jeglicher christlicher Traditionsüberlieferungen auf einen Tag fallen könnten (den Darstellungen im Evangelium nach Markus zufolge). Jedoch fehlt hierzu die Auferstehung Jesu Christi. Festzuhalten bleibt in Bezug auf den Hauptmann, welcher durch seine Äußerung ein christliches Bekenntnis bezeuge, „dass für Markus der irdische Jesus der Gottessohn war.“ (SCHNELLE, 2014, S. 305) Weitere Ansätze und Überlegungen hierzu soll Abschnitt 4 dieser Arbeit durch die Wiedergabe ausgewählter Forschungsmeinungen bieten.

 

 

3. Diachrone Beobachtungen

 

3.1 Entstehungszeit und Verfasserfrage

Ein namentlich exakt zu identifizierender Autor des Evangeliums nach Markus (kata markon) ist nicht unmittelbar ersichtlich und nicht zweifelsfrei zu klären. Nach altkirchlicher Tradition wird ein Johannes Markus als dieser bezeichnet, welcher ein „Dolmetscher des Petrus“ (GNILKA 1978, S. 32) gewesen sein soll.

Im Zuge dieser Erläuterungen der alten Kirche werde nach Gnilka ersichtlich, dass es hier vor allem darum geht, die Autorität der Evangeliumsschrift sicherzustellen und dessen Herkunft fundiert zu belegen.

Als Urheber dieser Annahmen ließe sich mit Rückbezug auf den Kirchenhistoriker Eusebius, ein Bischof des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, Papias von Hierapolis, nennen (vgl. ebd., S. 32; ECKEY 2009, S. 2f. DSCHULNIGG, 2007, S. 52f.). Nach heutiger gängiger Lehrmeinung kann diese Theorie als eine mögliche, aber nicht als einzig geltende betrachtet werden. Neben dieser Annahme des Johannes Markus erscheint es als durchaus konsensfähig, dass der Autor, welcher der später hinzugefügten Überschrift zu Folge Markus geheißen haben soll, als solcher unbekannt bleibt (vgl. DSCHULNIGG, 2007, S. 54; ECKEY, 2008, S. 8; KLAIBER, 2010, S: 11f., S. 341).

Die Entstehungszeit des Markusevangeliums lässt sich mit Rückbezug auf verschiedene Forschungsergebnisse auf die Jahre rund um 70 n.Chr. datieren. Den entscheidenden Bezugspunkt stellt hier die vorausgesagte Zerstörung des Jerusalemer Tempels im jüdisch-römischen Krieg dar. Dieser lässt sich auf die Jahre 69/70 n.Chr. datieren. Auf diese Ereignisse bezieht sich der Autor des vorliegenden Evangeliums in Mk 13,2 sowie in der angesprochenen Szene des zerreißenden Vorhangs in Mk 15,38 (vgl. GNILKA, 1978, S. 33f.; KLAIBER, 2010, S: 341f.; ECKEY, 2008, S. 8-10).

Hinsichtlich des Ortes der Entstehung dieser Evangeliumsperikope lässt sich ebenso kein expliziter und textimmanenter Beleg finden. Jedoch weisen zahlreiche Latinismen auf die altkirchliche Lehrmeinung hin, dass es sich bei dem Abfassungsort um Rom handeln könnte. Jedoch würden zahlreiche weiterer Forschungsergebnisse des 21. Jahrhunderts auf diverse andere Orte hindeuten, dabei vor allem jene in östlichen Gebieten des Römischen Reiches (vgl. GNILKA, 1978, S. 33f.; DSCHULNIGG, 2007, S. 54f.; ECKEY, 2010, S. 10-12). Daher lassen sowohl die Verfasserfrage, als auch der Entstehungsraum noch Fragen offen.

 

3.2 Sitz im Leben

Der Sitz im Leben dieser Perikope Mk 15,33-39 deutet auf die Verwendung dieser Perikope in Zeiten des Leidens hin. Er beschreibt die letzten Stunden des Leben Jesu, in denen sich sein Wirken bis in seinen Tod zuspitzt. Dadurch, dass er mit seinem Stellvertretertod alle menschliche Sünde und Schuld am Kreuz auf sich genommen hat, werden alle, die daran glauben und Jesus Christus in ihr Leben aufnehmen, errettet und erlöst. Diese Freudenbotschaft (euaggélion) konnte wohl insbesondere die damaligen, nach jüdischem Verständnis nicht von Gott erwählten Heidenchristen zu der heilsamen Erkenntnis führen, dass auch sie erwählt und durch Gott errettet sind. Im Nachhinein fügte Mk 16,16 dieser Perikope interpretierend hinzu, dass der der daran glaubt, errettet werden wird.

 

 

4. Stimmen aus der Forschung

Spricht der Hauptmann ein Bekenntnis zu Christus?

Die Forschungslage zu der Äußerung des Hauptmanns am Ende der Perikope in Mk 15,39 („Wahrlich dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“) lässt verschiedene Deutungen zu.
Im Folgenden soll eine kurze Darlegung dreier Ansätze einen Eindruck der Forschungslage vermitteln und die Möglichkeit bieten Ideen für eigene Überlegungen zu gewinnen:

 

4.1 Grundmann, Walter, Das Evangelium nach Markus, 1984, S. 436f.:

„Versteht man das Geschehen am Tempelvorhang als Offenbarung der Majestät Gottes und der Zuführung zu Gott, dann ist der Centurio zugleich der erste Erleuchtete und der Herangeführte, der die Majestät Gottes an seinem Sohn wahrzunehmen vermag und ihn darum als Sohn Gottes bekennt.“

 

4.2 Rose, Christian, Theologie als Erzählung im Markusevangelium, 2007, S. 240:

„Im ganzen ist es fraglich, ob mit dem Ausdruck `Bekenntnis` die Aussage des Centurio [Hauptmann] angemessen charakterisiert ist. […] Zum einen formuliert der Centurio seine Aussage mit ēn (war) in der Vergangenheit. Ein Spezifikum von Bekenntnissen scheint aber zu sein, daß sie im Präsens formuliert sind […]“.

 

4.3 Klumbies, Paul-Gerhard, Von der Hinrichtung zur Himmelfahrt, 2010, S. 41f.:

„Der Geist, den Jesus bei seiner Taufe vertikal von oben verliehen bekommen hat (Mk 1,10), entweicht im Augenblick seines Todes. […] Dann liegt es nahe zu sagen: Der Geist hat im Augenblick seines Todes begonnen, sich horizontal unter die Menschen auszubreiten.“

Daraus resultiert der Gedanke, dass an dieser Stelle der Markusdarstellung die Ostergeschehnisse und der Pfingstgedanke auf einen Tag zusammengefasst werden können (Mk 15,39).


 

Literaturverzeichnis

 

EKD, 2006, Die Bibel, nach der Übersetzung Martin Luthers, Stuttgart.

 

Kommentare:


Mohr, Till Arend, 1982, Markus- und Johannespassion: Redaktions- und traditionsgeschichtliche Untersuchung der Markinischen und Johanneischen Passionstradition, Zürich.

Dormeyer, Detlev, 2005, Das Markusevangelium, Darmstadt.

 

Dschulnigg, Peter, 2007, Das Markusevangelium (ThKNT 2), Stuttgart.

 

Eckey, Wilfried, 2008, Das Markusevangelium, Neukirchen-Vluyn.

Gnilka, Joachim, 1978, Das Evangelium nach Markus (EKK 2), Neukirchen-Vluyn.

 

Gnilka, Joachim, 1979, Das Evangelium nach Markus (EKK 2), Neukirchen-Vluyn.


Grundmann, Walter, 1984, Das Evangelium nach Markus, Berlin.


Pesch, Rudolf, Herders Theologischer Kommentar zum NT, 3. Auflage, Das Markusevangelium 8,27-16,20, 1984, Freiburg.


Monographien:


Conzelmann, Hans; Lindemann, Andreas, 2000, Arbeitsbuch zum Neuen Testament. 13., Tübingen.


Ebner, Martin; Schreiber Stefan (Hg.), 2008, Einleitung in das Neue Testament, Stuttgart.


Ebner, Martin; Heiniger Bernhard, 2007, Exegese des NT, Paderborn.

 

Fritzen, Wolfgang, 2008, Von Gott verlassen?, Stuttgart.


Hampel Volker; Weth Rudolf (Hg.), 2010, Für uns gestorben, Neukirchen-Vluyn.

 

Klaiber, Walter, 2010, Das Markusevangelium, Neukirchen-Vluyn.

 

Klumbies, Paul-Gerhard, 2001, Der Mythos bei Markus, Berlin.

 

Klumbies, Paul-Gerhard, 2010, Von der Hinrichtung zur Himmelfahrt, Biblisch-theologische Studien 114, Neukirchen-Vluyn.

 

Nestle, Eberhard; Aland, Barbara; Aland, Kurt, 2012, Novum Testamentum Graece. 28. revidierte Aufl., Stuttgart.

 

Rose, Christian, 2007, Theologie als Erzählung im Markusevangelium, Tübingen.

Schnelle, Udo, 2007, Theologie des Neuen Testaments, Stuttgart.

 

Schnelle, Udo, 2014, Paulinische und markinische Christologie im Vergleich. S. 283-311.
In: Wischmeyer, Oda (Hg.), Paul and Mark. Comparative Essays Part I. Two Authors at the Beginnings of Christianity, Beihefte zur Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der älteren Kirche, Bd. 198, Berlin.

 

Schreiber, Eduard, 1983, Das Evangelium nach Markus, Göttingen.

Zwickel, Wolfgang, 2007, Calwer Bibelatlas, Stuttgart.

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