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Versöhnung zwischen Brüdern

Janina Anacker

Kurzbeschreibung:
Gen 33,1-17 erzählt von der Versöhnung der beiden Brüder Jakob und Esau. Bereits von weitem erblickt Jakob seinen Bruder, welcher sich von einer Gefolgschaft von vierhundert Mann begleitet sieht. Mit Blick auf die vergangenen Geschehnisse bereitet die Ankunft des Bruders Jakob große Furcht. Die Reaktion Esaus muss eine böswillige sein, so gilt es, die Familie vor dessen Zorn zu schützen. Es folgt jedoch eine unerwartete Wendung...
Zusätzliche Autoreninformation: Janina Anacker
Studentin, Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Grundschule Hauptschule Realschule Gymnasium Förderschule
Bibelstellenbezug:
1.Mose 33,1-17
Weitere Schlagworte:
Altes Testament; Bruder; Brüder; Edom; Erstgeburtsreht; Esau; Furcht; Gnade; Gottesbegegning; Israel; Jabbok; Jakob; Liebe; Neid, Rahel; Rangfolge; Segen; Sukkot; Versöhnung; Zorn

1. Erster Leseeindruck

Gen 33,1-17 hat mich beim Lesen beeindruckt. Insbesondere die Versöhnung der beiden Brüder hat mich fasziniert. Die Liebe Esaus zu seinem Bruder Jakob ist so groß, dass dieser die vergangenen Vorkommnisse und die Enttäuschung, verbunden mit dem empfundenen Zorn, vergibt. Auch die Art wie Jakob sich vor seine Familie, seine Frauen, Kinder und Mägde stellt, um sich als erstes zu opfern finde ich bewundernswert.


2. Synchrone Zugangsweise: Verhaltene Versöhnung

2.1. Abgrenzung und Kontexteinordnung

Gen 33,1–17, die Versöhnung zwischen Jakob und Esau, lässt sich innerhalb der Erzelternerzählungen in den Kreis der Jakob-Esau-Erzählungen einordnen:

„Es zeigen sich vier Erzählungskreise, von denen drei in sich zusammenhängend sind“; einer dieser „[besteht] aus über das Ganze verstreuten Stücken: 1. Jakob und Esau, Geburt und Erstgeburt (zwischen 25, 21 und 28, 9) 2. Jakob und Esau, Rückkehr (32- 33) 3. Jakob bei Laban (29- 31) 4. Heiligtumserzählungen“ (Westermann, 1976, 75). Gen 33,1-17 stellt also keine eigenständige Einheit dar, sondern steht in engem Zusammenhang mit dem Ablauf von Gen 32ff. Zugleich ist Gen 33,1-17 auch inhaltlich auf die Jakob-Esau-Geschichten in Gen 25–35 angewiesen, da sie sich auf einander beziehen (vgl. Westermann, 1976, 75).

Die Thematik von Gen 33,1-17, die Versöhnung der beiden Brüder, setzt die vorherigen Geschehnisse seit der Geburt der beiden Zwillinge Jakob und Esau (25,19–28), einschließlich der unfreiwilligen Abgabe des Erstgeburtsrechts Esaus an Jakob (25,29–34) und der Erlistung des Segens (27) voraus. Diese Erzählungen bilden das sachliche Fundament für die Trennung und die nachfolgende Versöhnung (vgl. Seebass, 1999, 405). Insgesamt betrachtet spiegelt der Esau-Jakob-Kreis die Rivalität der beiden Zwillingsbrüder die Differenzen zwischen den beiden antagonistischen Staaten Edom (Esau) und Israel (Jakob) auf familiengeschichtlicher Ebene wider (vgl. Staubli, 1997, 157).

2.2. Gliederung

Seebass versteht V1a als Exposition von Gen 33,1-17. Der vorliegende Kommentar muss hier widersprechen: Eine Einleitung lässt sich in Gen 33,1-17 nicht auffinden, V1 steigt unvermittelt in die Geschichte ein. Bis einschließlich V3 wird von der ersten Begegnung der Zwillingsbrüder, Jakob und Esau, berichtet. Ferner wird beschrieben, wie Jakob seine Familie zu schützen versucht. Dabei ordnet er diese in einer bestimmten Rangfolge an, er selbst bildet die Spitze mit dem Ziel, größtmöglichen Schutz zu gewährleisten. V4 bildet das Kernstück der Perikope: die Versöhnung zwischen den beiden Brüdern. Die V5-11 haben ein Gespräch zwischen Jakob und Esau zum Inhalt. Den Schlussteil bilden die V12-17, in denen sich die beiden Brüder trennen und ihre eigenen Wege gehen.

Die Perikope Gen 33, 1- 17 lässt sich also wie folgt gliedern:

Vers 1- 3: Erste Begegnung und Begrüßung der beiden Brüder

Vers 4: Versöhnung zwischen Jakob und Esau

Vers 5- 11: Konversation zwischen den Brüdern

Vers 12- 17: Trennung der Brüder


2.3. Interpretation

Nach dem Betrug um das Erstgeburtsrecht durch Jakob folgen Geschehnisse geprägt von Feindseligkeiten, Enttäuschungen, Ängsten, Trennung und schließlich Flucht: „Jakob weiß, dass nach allen Regeln der menschlichen Liebe Esau ihn hassen muss, weil er ihn so niederträchtig betrogen hat, indem er ihm die Liebe der Mutter und den Segen des Vaters geraubt hat“. (Vollmer, 2004, 43) Dies bildet den Hintergrund fürs Jakobs Handeln in Gen 33,1-17.

Nachdem Jakob in V1-2 seinen Bruder mit seinem Heer von Männern sieht, stellt er zunächst seine Familie in einer bestimmten Reihenfolge auf. Dabei fällt auf, dass seine geliebte Rahel und ihr Sohn Josef eine bevorzugte Stellung bekommen, denn sie stehen an letzter, und damit an sicherster Position. Seine Mägde Silpa und Bilha hingegen, welche ihm weniger nahestehen, stellt er hinter sich an die Spitze. Lea folgt mit ihren Kindern nach den Mägden. Falls ein Angriff seitens Esau erfolgt wäre, hätte Rahel mit ihrem Sohn Josef flüchten können. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Josef, als einziges Kind namentlich erwähnt wird.

Bei näherer Betrachtung der Aufstellung ist festzuhalten, dass Jakob seine Familie genealogisch gegliedert hat und mit Josef, dem späteren Familienoberhaupt den Schluss bildet (vgl. Seebass, 1999, 406). Durch diese Aufstellung macht Jakob, der durch den Kampf mit Gott (Gen 32ff.) gezeichnet ist, einen entscheidenden Schritt zur Versöhnung mit Esau. Indem er sich selbst wehrlos und schutzlos an der Spitze aufstellt, gibt Jakob dem eigentlich geschädigten und betrogenen Esau, mit dieser Demutsgeste seine genommene Würde zurück. Auch Esau zeigt sich kooperativ. Dies tut er, indem er herzlich und versöhnungsbereit auf Jakob zu geht. Esau hat vorerst nur Augen für seinen Bruder. Erst nach der Versöhnungsszene in V4 blickt er auf, sieht die Familie Jakobs und damit seine eigene.

Bevor Esau seinen Bruder Jakob in V3 erreicht, neigt sich dieser wie ein Diener sieben Mal zur Erde. „Das siebenmalige Niederfallen ist aus dem Zeremoniell der kleinen Stadtfürsten vor dem Pharao aus den Amarnabriefen bekannt. Desweiteren ist diese Handlung Ausdruck großer Ehrerbietung“ (von Rad, 1981, 266). Während sich Jakob Esau unterwirft, erkennt er ihn als Herrn an. Vor dem Hintergrund des zuvor bestrittenen Kampfes mit Gott am Fluss Jabbok (Gen 32,23-33) verändert sich sein Wesen und damit sein Verhalten. Die Namensänderung Jakobs und das Aussprechen seines vielsagenden Namens „Israel“ sind vergleichbar mit dem Übernehmen der Verantwortung für seine Vergangenheit. Mit dem von Gott erhaltenen Segen kann er nun Esau begegnen. Sein Niederwerfen stellt dabei eine Unterwerfungsgeste dar, welche er in Gen 32,23-33 nicht einmal Gott gegenüber einräumte.

Mit V4 folgt nun die Versöhnungsszene. Esau fällt seinem Bruder Jakob um den Hals, herzt und küsst ihn, gemeinsam weinen sie vor Erleichterung. Weiterhin begrüßt Jakob seinen Bruder in aller Natürlichkeit und Herzlichkeit. Die glückliche Umarmung und die vertrauenswürdigen Tränen scheinen die inneren Gefühle und das Zeichen der Versöhnung auszudrücken. Die Umarmung ist Ausdruck für die Vergebung Esaus.

Bei der Begegnung wird eine auffallende Gegensätzlichkeit zwischen Jakob und Esau deutlich. Während Esau Jakob herzlich und gefühlvoll als ,,Bruder" (V9) begrüßt, begegnet Jakob Esau unterwürfig und nennt ihn „Herrn“ und sich selbst EsausKnecht(V5.8). Jakob muss mit Gott hadern und sich selbst erniedrigen um sich mit Esau versöhnen zu können. Als Sünder bekommt er dennoch den Segen Gottes. Jakob vertraut Gott, der ihm Segen zugesprochen hat und sieht Esau aufgrund seines Gottesvertrauen als seinen Herrn an.

Zwischen den Begrüßungen der beiden Brüder zeigt sich ein weiterer Kontrast. Die angstvolle Spannung Jakobs wird durch die herzliche Begrüßung seines Bruders gelöst. Parallel zur Begrüßung vollzieht sich die Vergebung: „Esau hat seinem Bruder die Schuld vergeben, gleich, ob er durch Jakobs in der Geste impliziertes Eigengeständnis der Schuld und die Geschenke dazu bewogen wurde oder ob ihm das von langer Zeit Geschehene jetzt nicht mehr wichtig war“ (Westermann, 1989, 639). Die Gesten der Männer spielen in dieser Erzählung eine wichtige Rolle. Sie sind essentielle Elemente der Kommunikation. Nach Krauss und Küchler sei Esau unschlüssig gewesen, ob er seinen Bruder, den vergangenen Rivalen, nicht erschlagen sollte. „Erst der Anblick des hinkenden Jakob, der sich mühevoll immer wieder vor ihm niederwarf, habe sein Mitleid und seine Bruderliebe geweckt“ (Krauss/Küchler, 2004, 204).

V5-11 hat das Gespräch der beiden Brüder zum Inhalt. Esau erkundigt sich bei Jakob nach dessen Frauen und Kindern. Die Antwort Jakobs ist in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung, denn es ist der erste Satz, den er zu seinem Bruder spricht, bisher hatte er sich nur schweigend vor ihm verneigt (vgl. Westermann, 1981, 640). Er erklärt Esau, dass seine Kinder ein Geschenk Gottes seien. Des Weiteren fällt auf, dass Jakob auf Esaus Frage nur die Kinder, aber nicht seine Frauen explizit erwähnt. Dies lässt den Schluss zu, dass es die Kinder sind, die ihm primär am Herzen liegen (vgl. Seebass, 1999, 404).

Sowohl die Mägde Silpha und Bilha, die Frauen Lea und Rahel und deren Kinder verneigen sich vor Esau. Diese Handlung  verdeutlicht, dass auch sie – wahrscheinlich in Kenntnis über die Vorfälle in der Vergangenheit – Angst vor Esaus scheinbaren Zorn empfinden.

In V8 fragt Esau nach der Bedeutung der Viehherden. Das Vorrausschicken Jakobs einiger seiner Herden (Gen 32,14-22) kann als „Wiedergutmachung" verstanden werden. Esau weigert sich dagegen dieses Geschenk anzunehmen. Doch Jakob, der Gnade vor seinem Bruder gefunden hat, drängt Esau regelrecht dazu sein Geschenk anzunehmen. Daraufhin nimmt dieser schließlich das Geschenk an, wodurch sich die Versöhnung noch tiefer entfaltet. Dazukommend wird durch Esaus Äußerung in V9 deutlich, dass ihn Esau als Eigentümer des umstrittenen Erbes akzeptiert und weitere Unstimmigkeiten und Feindschaften in Zukunft ausbleiben.

In der Begegnung der beiden Brüder spiegelt sich gewissermaßen der Kampf Jakobs mit Gott wider. In beiden Begegnungen hat er ungeheuerliche Angst und sieht sich einer tödlichen Bedrohung ausgesetzt. Er erfährt jedoch beide Male eine unerwartete Gunst. Diese Parallelität wird in V10 in dem Satz „als sähe ich Gottes Angesicht" deutlich, „womit er geradezu an Pnuël anspielt" (von Rad, 1981, 266).

In V12-17 möchte Esau gemeinsam mit seinem Bruder weiterziehen, Jakob jedoch nicht. Als Begründung nennt er seine Kinder sowie sein Vieh, welche zu schwach seien einen so weiten Weg aufzunehmen. Er verlangt, dass Esau vor seinem Knecht, ihm selbst, herzieht und er ihm dann später folgt. Daraufhin beschließt Esau, seinem Bruder eine Vielzahl von Gefolgsleuten zu überlassen, die ihn beschützen sollen. Jakob lehnt das großzügige, in freundschaftlicher Absicht erklärte Angebot seines Bruders beharrlich ab (vgl. Von Rad, 1981, 266). Esau zieht daraufhin alleine nach Seïr-Edom, ein Gebirgsland, welches sich in Südjordanien befindet.

Mit der territorialen Trennung in V16 wird die seit der Geburt bestehende Rivalität der beiden Brüder endgültig in Gen 27 gelöst (Vgl. Blum, 1984, 148). Die Einigung, dass sich die Wege der beiden trennen, scheint auf Zufriedenheit zu stoßen. Esau ist zufrieden, weil er keine Verpflichtung eingehen muss und Jakob, weil er unbehindert weiter ziehen kann (vgl. Seebass, 1999, 408). Das Wegziehen Esaus bedeutet für Jakob eine große Befreiung. Dies findet darin seinen Ausdruck, dass Jakob in V17 einige Kilometer weiterzieht und in Sukkot (hebr. Hütten) für sich ein Haus, und für sein Vieh Hütten baut (vgl. von Rad, 1981, 267). Die Ätiologie des Ortsnamens markiert einen deutlichen Schlusspunkt. „Für einen (Halb-) Nomaden, als der Jakob in den Erzählungen gezeichnet ist, bedeutet dies ein Ende des Weges“ (Blum, 1984, 149).

Wird auf die Erzählung zurückgeblickt, so kann man nicht übergehen, dass sie den Punkt der Versöhnung nicht akzentuiert hat. In V4 kann man den Akt der Versöhnung zwar als vollzogen ansehen, jedoch spricht Jakob mit keinem Wort von seiner Schuld an Esau. Gen 33,1-17 ist zu entnehmen, dass Jakob Angst vor Esau empfindet, aber nicht wegen seines Vergehens, sondern vielmehr, weil er sich vor der Macht und Kriegsbereitschaft seines Bruders fürchtet (vgl. Seebass, 1999, 408).

Mit dem Wiedersehen und der Versöhnung der beiden Brüder schließt sich der erste Kreis des Jakob-Esau-Zyklus’. Jakob hat sich mit seinem Bruder versöhnt und kann wieder im Lande wohnen (vgl. Soggin, 1997, 401).


2.4. Intertextualität

Mit der einleitenden Frage in V8a: „Was wolltest du denn mit diesem ganzen Lager, dem ich begegnet bin?“ wird an die vorhergehenden Geschehnissen angeknüpft (Gen 32,18). Die Antwort Jakobs in V8b wiederholt die in Gen 32,6 geäußerte Absicht: „Dass ich Gnade fände in den Augen meines Herrn“. Dabei wird angenommen, dass der Leser aus Gen 32,19-21b weiß, dass das „Lager“, nämlich der abgezweigte Teil von Jakobs Hab und Gut, ein Geschenk ist, welches Esau besänftigen soll. In V11 bittet Jakob Esau die Segensgabe anzunehmen. Dieser Vers spielt auf Gen 32,17-22 an, denn dort wurde Jakob der Segen Gottes zugesprochen.

Der Ort Sukkot wird nicht nur in Gen 33,17  genannt, sondern auch in Jos 13,27 oder Ri 8,5ff. Die ätiologische Erinnerung im Zusammenhang mit dem Namen des Ortes ist einer alten Jakobsüberlieferung zuzuschreiben, die sich mit diesem Ort verband (vgl. von Rad, 1981, 267).

 

3. Diachrone Beobachtungen: Kombinierte Quellen oder Einheitlichkeit?

Die Verfasserfrage der vielschichtigen Erzelternerzählungen ist in der Forschung umstritten. Aufgrund dessen ist eine genaue Beantwortung der Frage nach dem Entstehungsort-, -zeit und dem Verfasser der Perikope Gen 33,1-17 schwierig.

3.1. Literarkritik und Quellenscheidung

Nach Horst Seebass liegt hier zwei kombinierte Quellen vor: „Vers 4 scheint sicher als Fremdkörper in Vers 1-3 und Vers 5-7 identifizierbar“ (Seebass, 1999, 409). Zudem ist die Beobachtung, dass die Darstellung der Frauen und Kinder in V8ff keine Fortsetzung hat, von großer Bedeutung. Möglicherweise stellen daher V1-2 und V5-7 eine überlieferungsgeschichtliche Beifügung dar, die die Begegnung zweier ostjordanischer Größen zu einer familialen machen (vgl. Seebass, 1999, 409). Hinzu kommt, dass V10 und V11 Gleiches in ganz verschiedenen Fassungen sagen. In V10 wird auf Esaus göttliche Akzeptanz angespielt. V11 hingegen empfiehlt die Akzeptanz der Segensgabe, weil Jakob ein Mann Gottes ist. Seebass schlägt deshalb vor, dass als elohistische Grundlage V1-3.5-7.11-16 anzusehen sind und die Einsprengsel V4.8-10 dem Jahwisten zuzuschreiben sind (vgl. Seebass, 1999, 409). „In E fehlt vor Vers 11 nichts als eine Redeeinführung“ (Seebass, 1999, 409).

Nach Westermann ist die Erzählung als Ganzes von J gestaltet. Dabei nehme J auch keine altbekannte Erzählung auf, denn ihm liegt nur das hinter V1-3 und V6-7 stehende Zeremoniell vor. Wenn man eine Beteiligung von E vermutet, kann das, nach Westermann, nur für einzelne Sätze oder Satzteile angenommen werden (vgl. Westermann, 1989, 638).

Nach Erhard Blum ergeben sich in der Untersuchung keine Textelemente, die auf einen über die Jakobserzählung hinausgehenden Zusammenhang verweisen, was auf eine innere Geschlossenheit der Jakobserzählungen schließen lässt und aus der eine ruhige Texteinheit folgt (Vgl. Blum, 1984, 150). „Wesentliche Elemente dieser Textbeschreibung sind seit Gunkels Analysen des ´Jakob- Esau- Laban- Sagenkranzes´ immer wieder beobachtet worden.“ (Blum, 1984, 150). Der von Gunkel angenommene ursprünglich selbstständige Sagenkranz ist also nur geradewegs hinter den erhaltenen Fassungen von Jahwist und Elohist greifbar. In Folge dessen machten sich neuere Exegeten wie dePury und Otto daran, die vorquellenschriftliche Jakobsgeschichte zu rekonstruieren (Vgl. Blum, 1984, 150).

3.2. Erzählter Ort

Nach Gerhard von Rad findet die Erzählung im Ostjordanland statt. „Dass die Gestalt ursprünglich im Ostjordanland haftete, lassen die Jakob- Esau- Erzählungen noch ziemlich deutlich erkennen, nicht zuletzt gerade auch unsere Erzählung, die die Begegnung Jakobs mit Esau im Ostjordanland sucht (Mahanaim!)“ (von Rad, 1981, 266).

Das Ostjordanland schließt die Gebiete des syrischen Grabens zwischen dem Hermon- Gebirge im Norden, dem Wadi el-Hesa im Süden und der syrisch arabischen Wüste im Osten ein. Im Ostjordanland fällt ausreichend Niederschlag für den Ackerbau, weswegen dieses zum Kulturland des fruchtbaren Halbmondes zählt. Die drei Flusstäler (Jarmuk, Jabbok und Arnon) unterteilen das Land in vier Landschaften. Mahanaim ist eine Stadt im Ostjordanland, die heute wahrscheinlich im Jabbok- Tal liegt (vgl. Betz, 2006, 996).

Sowohl der in Gen 32ff bestrittene Kampf zwischen Jakob und Gott am Fluss Jabbok, als auch der Ort Sukkot, welcher vermutlich nördlich des Unterlaufs des Jabbok liegt und in dem sich Jakob niederlässt, lassen zusätzlich darauf schließen, dass die Erzählung im Ostjordanland spielt.


4. Stimmen aus der Forschung

4.1 Fluchtmöglichkeit für Rahel:

„Jakob kann seine Seinen derart staffeln, dass die ihm weniger Nahestehenden, also zuerst Zilpa und Bilha und dann Lea, der ersten Begegnung ausgesetzt werden, von der Jakob noch nicht weiß, ob sie im feindlichen oder im friedlichen Sinn ausfallen würde. Im äußersten Fall hätte dann Rahel Gelegenheit gehabt zu entfliehen“ (von Rad, 1981, 265).

4.2 Parteiliche Liebe:

„Die ihm teuersten Zuletzt. Hierin findet eine für unser Empfinden merkwürdige parteiliche Liebe, welche Mängel an Gerechtigkeit im jüdischen Familienleben wohl noch jetzt zu beobachten sei. Der Grund der Anordnung ist nicht, dass die liebsten zuletzt getroffen werden, sondern sich bei der Vorstellung (Vers 6) zuletzt präsentieren und die andern wie Vorläufer wirken sollen“ (Jakob, 2000, 645).

4.3 Genealogische Gliederung:

„Die Aufteilung der Familie (V. 1b- 2) versteht man erst aus V 5- 7: Ihre Unterwerfung erfolgt nicht in toto, sondern genealogisch gegliedert und mit Joseph, dem späteren Familienchef, der einmal Esau weit überragen wird, am Schluss. Eine solche Präsentation gibt nur Sinn, wenn Jakob, ein entsprechendes Interesse voraussetzten konnte: als Heerführer oder als Bruder?“ (Seebass, 1999, 406).


Literaturverzeichnis:

Bertz, Otto (u.a.) 2006, Jakob, In: Calwer Bibellexikon, Band 1, Stuttgart

Bertz, Otto (u.a.) 2006, Ostjordanland, In: Calwer Bibellexikon, Band 1, Stuttgart

Bertz, Otto (u.a.) 2006, Versöhnung, In: Calwer Bibellexikon, Band 2, Stuttgart

Bouhuijs, Nico/Deurloo, Karel Adriaan., 1989, Näher zum Anfang, Offenbach

Blum, Erhard, 1984, Die Komposition der Vätergeschichten, Neukirchen

Dorgerloh, Stephan, 2004, Jakob und Esau, In: Huren, Helden, Heilige. Biblische Porträts aus prominenter Feder, Gütersloh

Gertz, Jan Christian/Witte Markus, 2002, Abschied vom Jahwisten, Berlin

Jakob, Benno, 2000, Das Buch Genesis, Stuttgart

Krauss, Heinrich /Küchler, Max, 2004, Erzählungen der Bibel, Göttingen

Seebass, Horst, 1999, Vätergeschichte II, Neukirchen

Schmid, Konrad, 2008, Literaturgeschichte des Alten Testaments, Darmstadt

Soggin, J. Alberto, 1997, Das Buch Genesis, Darmstadt

Staubli, Thomas, 1997, Begleiter durch das Erste Testament, Düsseldorf

Levin, Christoph, 1993, Der Jahwist, Göttingen

Von Rad, Gerhard, 1981, Das erste Buch Mose. Göttingen

Westermann, Claus, 1976, Die Verheißung an die Väter, Göttingen

Westermann, Claus, 1989, Genesis, Neukirchen

Zenger, Erich, 2009, Einführung in das Alte Testament, Stuttgart

 

 

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