Du bist nicht allein

Yvonne Thöne

Kurzbeschreibung:
Der ebenso bekannte wie beliebte Psalm 23 verfügt über einen Reichtum von kraftvollen Bildern, die es zu erschließen gilt. Es wird erläutert, welche zentralen Aussagen über Gott getroffen werden. Über allem steht dabei die Gewissheit, dass JHWH ein Gott ist, der da ist (vgl. Ex 3,14). Der mögliche Einsatz des Psalms im Religionsunterricht wird didaktisch reflektiert.
Zusätzliche Autoreninformation: Yvonne Thöne
Mitarbeiterin, Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm. Unterrichtsentwurf
Schulform:
Grundschule Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Ps 23
Zusätzliche Skripturen:
Ex 3,13 Ps 22 Ps 24
Weitere Schlagworte:
Altes Testament; Beten; Barmherzigkeit; David; Feind; Gast; Gastmahl; Gebet; Gott; Gott begleitet; Glaube; Gottesbild; Hirte; Herr; Psalm; Haus Gottes; Tempel; Todesreich; Totenreich; Vertrauen; versorgen; Geborgenheit; Angst; Symbol

1. Erster Leseeindruck

Ps 23 wirkt auf ersten Blick wie die idyllische Schilderung einer romantisch-bukolischen Szenerie eines flötespielenden Hirtens mit seiner wolligen Schafsherde. Ein Kuschel-Psalm, der aufgrund seines hohen Bekanntheitsgrades gleichzeitig abgegriffen und ausgehöhlt erscheint. Lässt sich dieser Psalm zu neuem Leben erwecken? Was sagen die vermeintlich vertrauten Bilder über Gott aus?

 

2. Synchrone Zugangsweise: Gott als Hirt und Wirt

2.1 Abgrenzung und Kontext

Der Vertrauenspsalm (vgl. Gunkel, 1986, 98; Zenger, 2003, 227) ist Bestandteil des ersten Davidpsalters (Ps 3-41). Durch seine Thematik (Vertrauensvolles Bekenntnis zu Gott als Hirt und Wirt) ist er deutlich abgegrenzt zum vorausgehenden Psalm 22 (Klage) und folgenden Psalm 24 (Schöpfung und Heiligtum).

Ter Linden erkennt als Verbindungslinie zwischen Ps 22 und 23 das im Klagepsalm neu gewonnene Glaubensvertrauen, welches anschließend ausführlich besungen wird (vgl. Ter Linden, 2004, 25). Goulder hingegen betrachtet Ps 23 und 24 als zusammengehörig. Beide Lieder besängen, im Rahmen einer alljährlich stattfindenden festlichen Prozession, sowohl die Gottes- als auch die davidische Herrschaft und reflektierten gemeinsam 1 Sam 162 Sam 7 (vgl. Goulder, 2006, 463-473).

 

2.2 Aufbau

Ein aus Klageliedern bekanntes einzelnes Motiv, das Vertrauensbekenntnis, findet sich hier ausgeweitet zu einem eigenen Psalm (vgl. Westermann, 1984, 95). Dabei ist der Text deutlich in zwei Teile gegliedert. In V.1-4 besingt der/die Betende JHWH als Hirten; in V.5-6 tritt JHWH als Gastgeber auf. Jeder dieser Teile besteht wiederum aus zwei Abschnitten. Während V.1-3 von JHWH in der 3. Person spricht, welcher hier als handelndes Subjekt auftritt („er weidet“; „er führt“), wird er in V.4 in der 2. Person als Du angesprochen. Nun ist der/die Betende das handelnde Subjekt („ich wandere/gehe“; „ich fürchte nicht“). Chiastisch hierzu verhält sich der zweite Teil des Psalms. In V.5 wird Gott in der 2. Person angesprochen, im abschließenden V.6 wechselt die Anrede zur 3. Person und der Lebensweg des/der Betenden gerät erneut in den Blick.

Überblicksartig ergibt sich damit für Psalm 23 folgender Aufbau:

1-4 – JHWH als Hirte

         1-3 – JHWH 3. Person, handelndes Subjekt

         4 – JHWH 2. Person; BeterIn handelt; Lebensweg des/der Betenden

5-6 – JHWH als Gastgeber

         5 – JHWH 2. Person, handelndes Subjekt

         6 – JHWH 3. Person; Lebensweg des/der Betenden


2.3 Auslegung

Der Psalm setzt ein mit dem Bekenntnis „JHWH ist mein Hirte“. Der/die DichterIn belässt es nicht bei dieser einzelnen Metapher, sondern entfaltet sie in den folgenden Versen ausführlich. Diese „reflektierende Erweiterung eines Psalmmotives“ (Westermann, 1984, 96) beschreibt bildhaft zentrale positive Eigenschaften Gottes: JHWH versorgt (V.1-2.5) und führt (V.2-4), er gibt neue Lebenskraft (V.3), tröstet (V.4) und beschützt (V.5). Aber vor allem ist JHWH ein Gott, der da ist (V.4). Dieser eigentliche „Kernsatz des Vertrauens“ (Kraus, 1978, 339) ist die Reflexion des Gottesnamens (Ex 3,14) und offenbart das Innerste des Wesens Gottes: „Mit seiner gewaltigen Schutzmacht ist Gott gegenwärtig“ (Kraus, 1978, 339) – auch im Tal des Todesschattens, welches hier als Chiffre für alle Widrigkeiten des Lebens steht. Dieses assoziationsträchtige Bild durchbricht alle Idylle und eröffnet eine realistische Sicht auf das Leben mit seinen Entbehrungen, Schwierigkeiten und Gefahren. Doch auch an diesem dunklen Ort ist JHWH anwesend und der Glaube an ihn „erscheint als eine Stütze da, wo andere Hilfen am Ende sind“ (Oeming, 2000, 156).

Die Vorstellung von JHWH als Hirten „geht auf eine stehende Metapher des alten Orients zurück: Der König ist Hirte seines Volkes“ (Kraus, 1978, 338; vgl. Ps 79,13; Jes 40,11). Im Hintergrund des Psalms steht also tatsächlich die Metapher von „JHWH als dem guten König“ (Zenger, 2003, 228) und seiner machtvollen, gütigen Herrschaft.

Im zweiten Teil entfaltet sich das Bild von JHWH als Gastgeber, welcher den von Feinden Verfolgten in seine Schutzsphäre mit hineinnimmt. Alle dem Hirten zugeschriebenen Aspekte der Lebensermöglichung (Essen, Trinken, Ruhen) treten auch hier in gesteigerter Form auf. Der übervolle Becher deutet auf ein Festmahl hin, die Salbung stellt einen besonderen Akt der Ehrung dar. Der/die Betende wandelt sich vom Herdentier zum individuellen Gast. „Das ist die größte Auszeichnung, die es gibt: Tischgenosse des Königs zu sein“ (Zenger, 2003, 231).
Im bestärkten Vertrauen auf Gott ist der/die Betende sicher, dass die göttlichen Wirkweisen „Güte“ und „Huld“ ihn/sie auf seinen Wegen begleiten werden.
Die Formulierung „Haus JHWHs“ (V.6) deutet wahrscheinlich auf den Jerusalemer Tempel hin (vgl. Ps 15,1; Ps 84,5). Doch selbst wenn damit das „Privathaus“ des Gastgebers gemeint ist – den Ort der Gottesgegenwart will der/die Betende nicht wieder verlassen; das Wohnen im Hause JHWHs über alle Zeiten hinweg „wird so zu einem Bild für die permanente Verbundenheit mit Gott“ (Oeming, 2000, 157). Diese wird auch gewährleistet durch die segensreiche Begleitung durch die beiden göttlichen Wirkweisen „Güte“ und „Huld“; Schutzboten die dem Gast ein Leben lang folgen werden (vgl. Zenger, 2004, 1063).

 

2.4 Didaktische Reflexion

Psalmen bringen „elementare Erfahrungen so unverstellt und kraftvoll zur Sprache, dass viele sich mit dem, was ihnen selbst widerfährt, darin erkennen und sich auf geheimnisvolle Weise mit dem Schicksal der Früheren verbunden sehen“ (Berg, 1999, 286). Da ihre Sprache keine „religiöse“ ist, können sich auch Kinder und Jugendliche in ihnen wiederfinden, die keine dezidiert religiöse Sozialisation erfahren haben (vgl. Baldermann, 2005, 139).
Psalmen sind darüber hinaus reich an Bildern und Symbolen „von beinahe archetypischer Allgemeinheit“ (Berg, 1999, 286), sie offerieren unterschiedliche, vielfältige Gottesbilder und ein differenziertes Verständnis des Gebets (Berg, 1999, 291). Sie können dabei helfen, Gefühle zu begreifen und Werte zu finden.

Vieles spricht also für den Einsatz von Psalmen im Religionsunterricht. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass sie ein entwickeltes Sprachvermögen voraussetzen; auch müssen Bilder und Symbole erschlossen werden können, „um ein adäquates Verständnis zu erlangen“ (Kalloch, 2001, 286). Psalmen sollten daher erst ab dem späten Grundschulalter thematisiert werden, um eine Verflachung der Inhalte zu vermeiden. Oft ist im Stadium des mythisch-wörtlichen Glaubens (vgl. Fowler, 1991, 151ff.) das Gottesbild noch von Anthropomorphismen geprägt. Durch die vielfältigen Gottesbilder der Psalmen können den SchülerInnen neue Impulse zur persönlichen Auseinandersetzung gegeben werden, die bereichernd sind für den Übergang in die folgende Stufe des synthetisch-konventionellen Glaubens.

Eine erste Annäherung an einen Psalm sollte erfolgen, indem die elementaren Erfahrungen, die in ihm zur Sprache kommen, aufgesucht werden (vgl. Berg, 1999, 287). Es ist hierbei zu beachten, dass Psalmen nicht „automatisch“ erschlossen werden (Kalloch, 2001, 289), sondern stets eine angemessene Transposition zu erfolgen hat. Um an eigene Erfahrungen anzuknüpfen, eignen sich insbesondere kreative Verfahren (vgl. Baldermann, 2005, 156). Eine Identifikation sollte dabei stets angeboten, jedoch nicht erzwungen werden.

Psalm 23 besticht durch seine kraftvollen Bilder und seine Allgemeingültigkeit. Grunderfahrungen wie Angst, Geborgenheit, von Feinden umringt sein (als Widrigkeiten des Lebens), Finden des Lebenswegs usw. kommen hier zur Sprache.
Je nach Altersstufe gilt es, den Psalm ganz neu zu erschließen oder, wenn dieser bereits bekannt ist, ihn wiederzuentdecken und so aus vermeintlich hohlen Phrasen eines abgegriffenen, schon zig-mal gehörten Textes einen persönlichen Bezug herzustellen.
Abhängig von Altersstufe, Leistungsniveau und sozialer Zusammensetzung der Lerngruppe ist es möglich, unterschiedliche Aspekte aus Psalm 23 hinauszugreifen und diese schwerpunktmäßig zu betrachten:
Denkbar ist die Konzentration auf die Verse 1-4 und damit die Gefühle der Angst und Geborgenheit (insb. Grundschule, vgl. Berg, 1999, 293-296). Alternativ dazu ist es möglich, die Weg-Symbolik des Psalms auf den Lebensweg der SchülerInnen zu beziehen, diesen zu reflektieren und damit ggf. Zukunftsangst zu nehmen, in der Gewissheit, dass Gott den Lebensweg stets begleitet (z.B. Übergang in Klasse 5, Oberstufe oder Schulabschluss). Eine weitere Möglichkeit besteht in der Herausstellung der Metaphern der Feinde und des Tals des Todesschattens, also die Thematisierung der Probleme und Widrigkeiten des Lebens bei gleichzeitigem Beistand Gottes. Denkbar ist außerdem, insbesondere für Klassen der Mittelstufe, die Konzentration auf die Gottesbilder Hirte und Gastgeber und die Überlegungen, was diese über das Wesen Gottes aussagen. Auch eine daran anknüpfende weiterführende Metapherntheorie ist möglich.
Über allem steht dabei die wertvolle Kernaussage des Psalms: Gott ist da, er begleitet und beschützt mich!

 

3. Diachrone Beobachtungen: Reflexion der Geschichte Israels?

Wie bei Psalmen im allgemeinen bereitet auch die Datierung von Psalm 23 einige Schwierigkeiten. Als Faustregel nach Seybold kann gelten, dass Königspsalmen und Kulthymnen in vorexilischer Zeit (vor 586), Wir-Psalmen in exilischer Zeit (586-537) und die Mehrzahl der Individual-Psalmen, der Liturgien und Weisheitstexte in nachexilischer Zeit (ab 537) einzuordnen sind (vgl. Seybold, 1997, 615). Damit wäre die Entstehungszeit von Psalm 23, welcher gemeinhin als einheitlich betrachtet wird, in nachexilischer Zeit anzusetzen.

So hält auch Zenger (2004, 1062) den Psalm für nachexilisch, da dieser die Geschichte Israels vom ersten Exodus aus Ägypten bis hin zum zweiten Exodus aus dem Babylonischen Exil reflektiert und für die individuelle Existenz aktualisiert.

Kraus zieht eine vorexilische Entstehungszeit in Betracht, verweist jedoch darauf, dass der Psalm immer wieder als Formular benutzt wurde. Dies sei im Rahmen der rituellen Dankopferfeier geschehen, welche er als Sitz im Leben annimmt (vgl. Kraus, 1978, 337).

Goulder hingegen nimmt als Sitz im Leben „the annual autumn festival“ (Goulder, 2006, 472) an. Dies war die Gelegenheit “to celebrate Yaweh’s kingship, with a ritual procession of the ark up to the Temple. But it was also an opportunity to confirm and celebrate the human kingship of David and his dynasty, which was not quite so secure” (Goulder, 2006, 472). Als Autor vermutet er daher auch einen Hofpoeten – möglicherweise sogar den König selbst.

Dass es sich bei dem königlichen Autor um David selbst handelt, ist jedoch ausgeschlossen, da der Psalm bereits den Tempel voraussetzt (V.6). Darüber hinaus ist der Psalm so allgemein formuliert, dass sich kaum eine geschichtliche Verankerung festmachen lässt. Möglicherweise ist dies beabsichtigt. So ist der Psalm ein allzeit gültiges Gebet, „ein Formular, in das jedes Individuum seine persönlichen Daten eintragen muss“ (Oeming, 2000, 155).

 

4. Stimmen aus der Forschung

4.1 Ps 23 ist kuschelig: Zärtlich an Gottes Brust

„Der Psalm ist der innige Ausdruck eines zuversichtlichen Gottvertrauens. [...] Voller gläubiger Zuversicht schmiegt er (Anm.: der Dichter) sich zärtlich dem freundlichen Gotte an die Brust, der alle guten Gaben über ihn ausschüttet. So ist das Lied ein schönes Beispiel der ‚Vertrauenspsalmen’“.
(Gunkel, 1986 [1929], 98)

4.2 Ps 23 als Königspsalm

„Wenn wir den ganzen Psalm überblicken, ergibt sich für die ihn prägende Bildwelt nun doch eine Metapher: JHWH ist der fürsorgliche und großzügige König des Beters“.
(Zenger, 2003, 232)

4.3 Ps 23 streichelt die Seele

„Der ganze Ps 23 läst mich begreifen, wie meine Seele, die ich oft so achtlos strapaziere, von Gott behütet wird wie von einem guten Hirten. Er führt sie immer wieder zur grünen Weide, zum frischen Wasser, er leitet sie auf den Wegen der Gerechtigkeit, um seines Namens willen, der die Zusage ausspricht: Ich bin da“.
(Baldermann, 2005, 151)

Literaturverzeichnis

Bail, Ulrike, 21999, Die Psalmen. „Who is speaking may be

all that matters“, in: Schottroff, Luise/Wacker, Marie-Theres (Hgg.),

Kompendium Feministische Bibelauslegung, Gütersloh, 180-191

Baldermann,

Ingo, 22005, Psalmen, in: Lachmann, Rainer/Adam,

Gottfried/Reents, Christine, Elementare Bibeltexte. Exegetisch –

systematisch – didaktisch, Göttingen, 135-156

Berg, Horst Klaus, 1999, Altes Testament unterrichten. Neunundzwanzig Unterrichtsvorschläge, Stuttgart

Fowler, James, 1991, Stufen des Glaubens. Die Psychologie der menschlichen Entwicklung und die Suche nach Sinn, Gütersloh

Gunkel, Hermann, 41985 [1933], Einleitung in die Psalmen. Die Gattung der religiösen Lyrik Israels, Göttingen

Gunkel, Hermann, 41986 [1929], Die Psalmen, Göttingen

Kalloch, Christina, 2001, Das Alte Testament im Religionsunterricht der Grundschule. Chancen und Grenzen alttestamentlicher Fachdidaktik im Primarbereich, Münster

Kraus, Hans-Joachim, 51978 [1961], Psalmen. Psalmen 1-59 (BKAT XV/1), Neukirchen-Vluyn

Oeming, Manfred, 2000, Das Buch der Psalmen. Psalm 1-41 (NSK AT 13/1), Stuttgart

Raeder, Siegfried, 1997, Art. Psalmen/Psalmenbuch II.

Auslegungsgeschichtlich, TRE XXVII, 624-634

Schröer, Henning, 1997, Art. Psalmen/Psalmenbuch III. Praktisch-theologisch, TRE XXVII,

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Seybold, Klaus, 1997, Art. Psalmen/Psalmenbuch I. Altes

Testament, TRE XXVII, 610-624

Seybold, Klaus, 1986, Die Psalmen. Eine Einführung, Stuttgart

Ter Linden, Nico, 2004, Es wird erzählt... Die Psalmen, Hiob, das Hohelied und andere Schriften, Gütersloh

Westermann, Claus, 1984, Ausgewählte Psalmen, Göttingen

Zenger, Erich 42001, Das Buch der Psalmen, in: Ders. (Hg.),

Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart, 309-325

Zenger, Erich, 2003, Psalmenauslegungen 1.

Mit meinem Gott überspringe ich Mauern, Freiburg i.Br.

Zenger, Erich, 2004, Die Psalmen, in: Ders. (Hg.), Stuttgarter Altes Testament, Stuttgart, 1036-1218

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