Das Proömium des Lukasevangeliums

Mareike Hesseler

Kurzbeschreibung:
Kurzzusammenfassung: Lukas stellt als einziger Evangelist seinem Evangelium ein Vorwort (Lk 1,1-4) voran und stützt sich damit auf die Konventionen der antiken Literatur. Im Zuge dessen verweist er auch auf ihm vorliegende Vorgängerwerke. Spannend ist die Frage, in welchem Verhältnis Lukas das eigene Werk zu den vorangegangenen sieht. Versteht er die Vorgängerwerke als Traditionsgrundlage? Oder distanziert er sich, mit dem Anspruch es besser zu machen, von ihnen? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden.
Zusätzliche Autoreninformation: Mareike Hesseler
Studentin
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Bibelstellenbezug:
Lk 1
Zusätzliche Skripturen:
Apg 1,1 Apg 15, 24-26 Joh 20,30-31
Weitere Schlagworte:
Anspruch, Engagement, Erkenntnis, Evangelist, Evangelium, Quelle, Tradition, Urchristentum
Letzte Aktualisierung:
24.03.2017

Inhaltsverzeichnis

1. Erster Leseeindruck           
 
2. Synchrone Zugangsweise  
2.1. Abgrenzung und Struktur 
2.2. Das Verhältnis des Evangelisten zu den Vorgängerwerken    
 
3. Diachrone Zugangsweise   
 
4. Stimmen aus der Forschung         
4.1. Lukas der Besserwisser     
4.2. Lukas der Traditionsbewahrer     
4.3. Lukas der Ambivalente      
 
            Literaturverzeichnis       
 
 
 

 1. Erster Leseeindruck

Durch das vorangestellte Vorwort wirkt der Anfang des lukanischen Evangeliums auf mich sehr ungewohnt. Auf kürzestem Raum präsentiert Lukas hier mit literarischem Geschick seine Quellen, Absicht und Vorgehensweise. Es kommt mir vor, als wolle der Evangelist insbesondere seinen wissenschaftlichen Anspruch herausstellen, mit dem er sich von seinen Vorgängerwerken unterscheiden möchte. 

 

2. Synchrone Zugangsweise

2.1 Abgrenzung und Struktur

Die Verse Lk 1,1-4 lassen sich eindeutig als eigenständige Perikope abgrenzen. Da es sich bei diesen Versen um den Anfang des Lukasevangeliums handelt, ergibt sich eine Abgrenzung nach vorne von selbst. Die Abgrenzung zu Lk 1,5ff besteht deutlich durch einen sprachlichen Stilbruch, den Lukas vollzieht. Während sich der Evangelist bei den Versen 1-4 an die antike griechische Literatur anlehnt und diesem Stil entsprechend ein ausgearbeitetes Proömium (= einführendes Vorwort der Antike) konstruiert, in dem er sein Vorgehen erläutert, folgen die anschließenden Verse (v5ff) dem typischen Stil christlicher Quellen und bilden den inhaltlichen Einstieg in das Lukasevangelium. Im Gesamtkontext des Lukasevangeliums können die ersten vier Verse daher als vorbereitendes Vorwort seines Evangeliums verstanden werden, die der Evangelist angelehnt an die griechische Literatur verfasst hat.  (vgl. Klein, 2005, 38) 

Auch bei der Gliederung seines Proömiums orientiert sich Lukas an den Vorgaben, die der Stil der antiken griechischen Literatur mit sich bringt, was sich am kunstvoll konstruierten Satzgefüge zeigt. „Die vier Verse bilden einen einzigen Satz, eine Periode.“ (Klein, 2006, 72) Unter einer Periode wird ein komplexes Satzgefüge verstanden, welches sich aus mehreren Teil-sätzen zusammensetzt und eine geschlossene Sinneinheit darstellt. Wie sich die Periode des Lukasevangeliums unterteilen lässt, soll anschließend in Anlehnung an die Interpretationen von Hans Klein und Martin Bauspieß erläutert werden. Die beiden Exegeten analysieren den Satzbau der Periode aus jeweils unterschiedlicher Perspektive, sodass sie zu differierenden Ergebnissen kommen, die allerdings nicht im Gegensatz zueinander stehen, sondern sich gewinnbringend ergänzen. Zu Beginn soll die Gliederung von Hans Klein nachvollzogen werden, die die einzelnen Teilsätze der Periode und ihre jeweiligen Funktionen in den Blick nimmt. Aus dieser Perspektive ergeben sich die folgenden Ergebnisse:
Die lukanische Periode beginnt in v1 mit einem Nebensatz, in dem Lukas den Anlass seines Evangeliums betont, nämlich die Erzählungen der polloí (vielen) über die erfüllten Ereignisse seiner Zeit. Im Anschluss daran folgt mit v2 ein weiterer Nebensatz, in dem Lukas den Bezug zu den autóptai (Augenzeugen) herstellt. Dieser Nebensatz dient daher dazu, die Seriosität des lukanischen Vorhabens zu unterstreichen, bevor er mit dem nächsten Teilsatz – dem Hauptsatz zu Beginn von v3 – sein Programm in das Zentrum seines Proömiums stellt. Mit dem Worten édoxen kamoí (erschien es auch mir gut) verdeutlicht der Evangelist, dass auch er eine Darstellung der erfüllten Ereignisse verfassen möchte. Durch den anschließenden Nebensatz in v3 charakterisiert Lukas mit den Worten pásin (alles), ánōthen (von vorn), akribōs (genau), kathexēs (nacheinander) sein Vorhaben genauer und unterstreicht dadurch, wie bereits in v2 dessen Seriosität. Abgeschlossen wird das Proömium dann mit v4, in dem der Evangelist sein Ziel formuliert, die Erkenntnis der aspháleia (Zuverlässigkeit) der lógōn (Worte) durch Theophilus. (vgl. Klein, 2006 ,72)
Während Hans Klein mit seiner Analyse die Zusammensetzung der einzelnen Teilsätze im gesamten Proömium aufgeschlüsselt hat, betrachtet Martin Bauspieß bei seiner Interpretation den Satzbau der gesamten Periode. Durch diese andere Perspektive kommt er daher zu einer anderen Aufteilung des Satzgefüges, die im Folgenden dargelegt werden soll:
„Das Proömium besteht aus einem zweiteiligen Satzgefüge“ (Bauspieß, 2012, 186), welches sich an einer inhaltlich anderen Schwerpunktsetzung erkennen lässt. Der erste Teil besteht aus den ersten beiden Versen des Proömiums (Lk 1, 1f), die sich auf die Vorgängerwerke beziehen, während Lk 1,3f das eigene Vorhaben des Evangelisten beschreibt und somit den zweiten Teil darstellt.  Beide Teile weisen in ihrer Struktur eine gewisse Parallelität auf. In v1 werden zunächst die Vorgängerwerke genannt und deren Vorgehen beschrieben. Im Anschluss daran werden in v2 die gemeinsamen Voraussetzungen der Vorgängerwerke und des Lukas erläutert. Der zweite Teil beginnt mit v3 parallel zu v1, denn hier wird in v3 der Blick auf das Werk des Lukas gelenkt und die Art und Weise seines Vorgehens erläutert. Mit v4 wird dann Bezug auf die gemeinsamen Vorrausetzungen aus v2 genommen und die konkrete Intention des Lukas aufgezeigt. (vgl. Bauspieß, 2012,187f)
Werden die Ergebnisse beider Exegeten zusammengefügt, kann das Satzgefüge des Proömiums zunächst in zwei Teile gegliedert werden. Der erste Teil (v1f) fokussiert dabei die Vorgängerwerke des Lukasevangeliums, während der zweite Teil (v3f), eingeleitet durch den Hauptsatz, den Schwerpunkt auf die Intention des Lukasevangeliums selbst legt.
Innerhalb dieser Zweiteilung kommen den einzelnen Teilsätzen dann jeweils unterschiedliche Funktionen zu. Durch den ersten Teil werden der Anlass und die Seriosität des Lukasevangeliums erläutert, wohingegen im zweiten Teil das Programm nochmals die Seriosität und das Ziel des Lukasevangeliums herausgestellt werden.
 

2.2 Das Verhältnis des Evangelisten Lukas zu den Vorgängerwerken

In diesem Abschnitt soll der Frage nachgegangen werden, in welchem Verhältnis sich der Evangelist Lukas zu seinen genannten Vorgängerwerken sieht und mit welcher Absicht er sein Werk verfasst hat. Betrachtet er die Vorgängerwerke als Traditionsgrundlage oder distanziert er sich bewusst von ihnen, weil er sein Werk als das bessere versteht?
Um diese Fragen beantworten zu können, lohnt zunächst ein Blick auf die Inhalte der einzelnen Verse, bevor dann im Anschluss die Fragen selbst in den Fokus der Betrachtung rücken.
 
In v1 nennt der Evangelist seine Vorgängerwerke und charakterisiert diese als diēgēsin (Erzählung). „Im Blick hat Lk das Markusevangelium, die Redenquelle Q und das aus mehreren Schriftstücken bestehende lukanische Sondergut (SLk).“ (Klein, 2006, 73) Indem Lukas diese Vorgängerwerke als Erzählungen charakterisiert, tut er dies bereits mit Blick auf sein eigenes Werk und gibt dabei schon einen Teil seines Vorhabens preis. Der Evangelist will ebenfalls eine Erzählung über die Ereignisse seiner Zeit verfassen und knüpft dementsprechend direkt an die von ihm benannten Werke an. (vgl. Wolter, 2005, 61)
Mit dem zweiten Vers qualifiziert er die zuvor genannten Werke dann als seriös, da der Evangelist die Erzählungen der polloí (vielen) und sein eigenes Werk auf die Überlieferungen der autóptai (Augenzeugen), die gleichzeitig hypērétai tou lógou (Untergeordnete/Diener des Worts) sind, zurückführt. (vgl. Bovon, 1989, 36f)
In v3 tritt dann im Hauptsatz ein „Novum in der urchristlichen Evangelienüberlieferung“ (Bovon, 1989,37) ein, weil der Evangelist selbst auf der Ebene der Metasprache an seine Leser heran-tritt. Er verdeutlicht, dass es auch sein Programm ist, wie seine Vorgänger eine Darstellung der Ereignisse zu erschaffen und wendet sich mit dieser Aussage direkt an eine Person, Theophilus. (vgl. Bovon, 1989, 37-40)
Die Erkenntnis des Theophilus über die aspháleian (Zuverlässigkeit) der lógōn (Worte) stellt dann schließlich das Ziel des lukanischen Vorhabens dar, wie in v4 verdeutlicht wird. Lukas stellt an sich den Anspruch, durch sein eigenes Werk die bereits überlieferten Ereignisse so darzustellen, dass die vorhandenen Vorstellungen des Theophilus und seiner Leser bestätigt und gefestigt werden. (vgl. Klein, 2006, 76)
Wird nun basierend auf dieser Grundlage der Blick auf das Verhältnis des Lukas zu den Vorgängerwerken der polloí (vielen) gerichtet, fällt auf, dass die Meinungen der Interpretierenden stark auseinandergehen. Hans Klein versteht insbesondere v3 des Proömiums als deutliche Distanzierung des Lukas von den in den v1-2 beschriebenen Vorgängerwerken. Natürlich nimmt der Evangelist in v3 Bezug auf die Vorgängerwerke und verdeutlicht damit, dass er inhaltlich an die Werke der polloí anknüpft. Indem er aber anschließend beschreibt, „daß er allem, d. h. allen ihm erreichbaren Informationen, von Anbeginn an sorgfältig nachgegangen sei, es also erforscht habe“ (Klein, 2006, 74), hebt der Evangelist seine eigene Vorgehensweise hervor und kritisiert damit indirekt das Vorgehen der Vorgängerwerke. In den Augen Kleins stellt Lukas das eigene Werk als das bessere in den Vordergrund. (vgl. Klein, 2006, 74)
 
Aus Sicht Michael Wolters kann v3 gerade nicht als Distanzierung verstanden werden. Er interpretiert diesen Vers als Anschluss an die Vorgängerwerke und macht seine Lesart an dem parallelisierenden édoxen kamoí fest. „Die Formulierung [édoxe kamoí] lässt erkennen, dass Lukas die Kontinuität mit den in V. 1 erwähnten Bemühungen der [polloí] betonen möchte, denn er distanziert sich nicht von ihnen – etwa mit Hilfe der adversativen Formulierung [édoxe dé moí]“ (Wolter, 2005, 64). Wolter sieht seine Interpretation zusätzlich durch die Tatsache gefestigt, dass Lukas an keiner späteren Stelle die ihm vorliegenden Vorgängerwerke kritisiert. (vgl. Wolter, 2005, 61)
Neben diesen beiden sich gegenüberstehenden Interpretationen gibt es aber auch Lesarten, die die beiden Sichtweisen miteinander verbinden. Der Exeget François Bovon versteht das Verhältnis des Lukas zu den Vorgängerwerken daher als ein ambivalentes Verhältnis. Er interpretiert v3 gleichzeitig als Anschluss an die Vorgängerwerke und Distanzierung von ihnen. „Lukas sieht sich daher einerseits auf der Seite der „vielen“ [...], stellt aber andererseits sein eigenes Produkt als zuverlässiger und besser hin.“ (Bovon, 1989, 34) Bovon ist der Meinung, dass Lukas keinen Anlass dazu gehabt hätte, ein eigenes Werk zu verfassen, wenn er mit seinen Vorgängerwerken zufrieden gewesen wäre. Dementsprechend ist in den Versen des lukanischen Proömiums aus seiner Sicht durchaus eine diskrete und zurückhaltende Kritik enthalten. Indem der Evangelist das eigene Vorhaben erläutert und betont, dass er pásin (alle) Ereignisse, ánōthen (von vorn), akribōs (genau) und kathexēs (nacheinander) darstellen möchte, kritisiert er diese Aspekte indirekt bei seinen Vorgängerwerken. (vgl. Bovon, 1989, 34)
Insgesamt lassen sich also sowohl Anhaltspunkte dafür finden, dass Lukas die Vorgängerwerke als Traditionsgrundlage betrachtet, an die er sich anschließen möchte, als auch Anhaltspunkte, die für eine Distanzierung des Evangelisten von den Vorgängerwerken sprechen. Eine ambivalente Sichtweise auf das Verhältnis berücksichtigt daher beide Seiten gleichermaßen.

 
 

3. Diachrone Zugangsweise

In einigen Interpretationen wird die Frage diskutiert, ob der Evangelist sein Proömium vor oder nach dem Evangelium verfasst hat. Interpretationen, die von einer nachträglichen Entstehung des Proömiums ausgehen, legen Lk 1,1-4 jedoch auf Grundlage der analytischen Ergebnisse des restlichen Evangeliums aus und „machen [dadurch] das abgeschlossen Werk zum hermeneutischen Schlüssel“ (Wolter, 2005, 60). Folgt man aber Michael Wolter, ist davon auszugehen, dass das Proömium zu Beginn des Evangeliums entstanden ist. Wolter begründet dies vor allem durch die allgemeine und offene Formulierung des Proömiums, „denn [Lukas] verrät nicht mehr, als dass er das diachronische Nacheinander der Ereignisse in seiner Geschichtserzählung literarisch abbilden will, dass er sich dabei eng an den Überlieferungen und den bisherigen Darstellungen der Ereignisse orientieren will und dass er den Lesern zuverlässiges historisches Wissen vermitteln will“ (Wolter, 2005, 60).
Die Art und Weise wie Lukas sein Evangelium vorbereitet ist angelehnt an Modelle der griechischen Literatur, wo ebenfalls in ähnlicher Weise in die jeweiligen Werke eingeleitet wird. Auch hier werden „Anlaß, Absicht und Vorgehen“ (Bovon, 1989, 30) bereits in der Einleitung erläutert. Indem Lukas dieses Modell für sein Evangelium adaptiert, bemüht er sich, „die christliche Überlieferung, die bis jetzt volkstümlich tradiert wurde, auf diese höhere Stufe hinaufzuziehen“ (Bovon, 1989, 30).  Der Sitz des Lebens von Lk 1,1-4 besteht daher darin, eine Verbindung zwischen typisch christlicher und typisch hellenistischer Terminologie zu schaffen und dadurch „Interesse für sein Werk und für seine Sache zu wecken“ (Bovon, 1989, 31).

 
 

4. Stimmen aus der Forschung

4.1 Lukas der Besserwisser

Zu Beginn seines Vorworts nimmt Lukas Bezug auf die ihm vorliegenden Quellen. Daran anschließend äußert er sein eigenes Vorhaben und übt dadurch indirekt Kritik an seinen Vorgängerwerken. „Er hat sich vorgenommen, etwas Ähnliches zu tun, genauer: Er möchte es besser machen.“ (Klein, 2006, 74)
 

4.2 Lukas der Traditionsbewahrer

Das lukanische Vorwort enthält keine „kritisierenden Nebentöne“, denn Lukas schließt sich durch „das parallelisierende [édoxe kamoí] in V.3“ der Tradition seiner Vorgängerwerke an. Dafür spricht ebenfalls die Tatsache, „dass Lukas die Vorgängerwerke im Folgenden mit keinem Wort abwertet“. (Wolter, 2005, 61)
 

4.3 Lukas der Ambivalente

Lukas muss innerhalb seines Vorwortes ambivalent verstanden werden. „Er weiß sich zwar in einer Reihe mit den [polloí], er gehört zu ihnen, stellt aber den Anspruch, mehr und zugleich Besseres, d.h. geschichtlich zuverlässigere Informationen literarisch korrekt weiterzugeben.“ (Bovon, 1989, 42)

  

Literaturverzeichnis

Bauspieß, Martin, 2012, Geschichte und Erkenntnis im lukanischen Doppelwerk. Eine                               exegetische Untersuchung zu einer christlichen Perspektive auf Geschichte (ABG 42),    Leipzig.
Bovon, François, 1989, Das Evangelium nach Lukas (EKK III/1), Zürich/ Neukirchen-Vluyn.
Klein, Hans, 102006, Das Lukasevangelium (KEK I/3), Göttingen.
Klein, Hans, 2005, Lukasstudien (FRLANT 209), Göttingen.
Wolter, Michael, 2008, Das Lukasevangelium (HNT 5), Tübingen.
 

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