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Saul: Vom Benjaminiter zum „Gesalbten“

Carolin Elisabeth Bönisch

Kurzbeschreibung:
1 Sam 9,1-10,16 erzählt die Geschichte der Salbung Sauls zum König durch den Propheten Samuel. Dieser alttestamentliche Text thematisiert die Anfänge des Königtums im frühen Israel und die theologische Deutung des Königs als von Gott Gesalbter.
Zusätzliche Autoreninformation: Carolin Elisabeth Bönisch
Studentin, Universität Dresden
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Grundschule Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
1.Sam 9,1-10,16
Zusätzliche Skripturen:
1 Sam 11,14 1 Sam 13,8 1 Sam 15,1.17 1 Sam 19,20-24 Gen 35,19f Ri 13,25
Weitere Schlagworte:
Esel; Gesalbter; König; Königtum; Saul; Samuel; Suche; Offenbarung JHWHs; Salbung

 

1. Erster Leseindruck

Beim ersten Lesen zeigt sich, dass 1 Sam 9,1-10,16 durch seine raffinierte Erzähltechnik zum einen die Verbindung der Geschichten von Samuel und Saul herstellt und zum anderen von Anfang an auf die Salbung Sauls und damit auf seine herausragende Rolle zielt. Gleichzeitig fallen jedoch auch einige Widersprüche auf (Unterscheidung zwischen Gottesmann [1 Sam 9,6-8,10] und Seher [1 Sam 9,9-11,18]; zweimalige „Erstbegegnung“ zwischen Saul und dem Seher [1 Sam 9,14-18] und das verfrühte Eintreten der Ankündigung Samuels [1 Sam 10,5-9]), welche darauf verweisen, dass der Text eine längere Entstehungsgeschichte besitzt.    

 

2. Synchrone Zugangsweise: Saul wird zum König gesalbt

2.1. Abgrenzung des Textes

Die Erzählung der Salbung Sauls durch Samuel (1 Sam 9,1-10,16) ist sowohl zum vorhergehenden als auch zum nachfolgenden Text durch Neueinsätze deutlich abgegrenzt.

Zuvor wird das Problem der Königsnachfolge in Israel beschrieben. Das Volk verlangt von Samuel, dass er einen neuen König einsetzen soll, weil sie mit der Aufteilung von Richterstellen unter Samuels Söhnen nicht zufrieden sind (1 Sam 8,1-5). Nach einigem Zögern und Widersprüchen gegen diese Forderung erhält Samuel eine Antwort von JHWH auf sein Gebet und willigt daraufhin in die Bestellung eines König ein (1 Sam 8,6f). 1 Sam 9,1 beginnt nun mit einem Sprung in die Genealogie des Kisch, einem Mann aus dem Stamm Benjamin. Im Mittelpunkt dieser kunstvollen Einführung einer neuen Person steht dessen Sohn Saul (1 Sam 9,2). Im Nachfolgenden geht es um die Geschichte des Saul, der von seinem Vater auf die Suche nach verloren gegangenen Eselinnen geschickt wird. Dabei trifft er auf Samuel, der ihn im Fortgang der Handlung auf JHWHs Verheißung hin salbt. Das Ende der Erzählung weist wieder einen Schnitt zum anschließenden Text auf. Darin wird erzählt, wie Saul sein Königtum durch einen öffentlichen Losentscheid vor dem Volk erlangt. Die Verbindung zwischen den beiden Stellen wird durch das Thema der Königswahl hergestellt, die veränderten personalen und sachlichen Konstellationen verdeutlichen dagegen den Neueinsatz des folgenden Textes (1 Sam 10,17-27).

2.2. Kontextanalyse    

1 Sam 9,1-10,16 gehört zu den Texten, die sich mit der gemeinsamen Geschichte des Propheten Samuel und dem zunächst unbekannten Benjaminiter Saul beschäftigen. Die Erzählung beschreibt die Beziehung zwischen den beiden genannten Personen und begründet die Einsetzung Sauls zum König der Israeliten ausdrücklich mit dem Willen und Auftrag JHWHs. Das Volk verlangt von Samuel die Ernennung eines neuen Königs und Samuel bittet Gott um Hilfe. Daraufhin gibt JHWH Samuel zu erkennen, dass es Saul ist, den er zum König salben soll. Die Übertragung der Königswürde durch Salbung geschieht dann fern der Öffentlichkeit im Verborgenen. Die öffentliche Benennung folgt erst im anschließenden Text 1 Sam 10,17-27, in welchem Saul durch das Losverfahren auf eine zweite Weise gewählt wird.

Im ersten Buch Samuel wird über die Herrschaft des Benjaminiters Saul als König von Israel und über den Aufstieg Davids berichtet. Die ausgewählte Textstelle spielt deshalb eine grundlegende Rolle für das gesamte erste Buch Samuel, weil hier der Grundstein für das Königtum des Saul gelegt wird. Die Erwählung Sauls durch JHWH wird durch den Richter und Propheten Samuel offenbart und durch seine Salbung vollzogen.

2.3. Gliederung

1 Sam 9,1-10,16 lässt sich auf Grund seiner Länge verschiedentlich gliedern, zunächst ist die Unterteilung des Textes in drei größere Abschnitte aber am hilfreichsten.

In 1 Sam 9,1-14 wird das Zusammentreffen der beiden wichtigsten Personen der Geschichte erzählt. Samuel stößt auf Saul, während dieser auf der Suche nach den Eselinnen seines Vaters ist. Im zweiten Teil in 1 Sam 9,15-10,1 wird die erste Begegnung, die Teilnahme Sauls an einem gemeinsamen Mahl und die heimliche Salbung Sauls durch Samuel berichtet. Der dritte und letzte Abschnitt 1 Sam 10,2-16 handelt von der Rückkehr Sauls in seine Heimat. Er zeigt durch den Bezug auf die anfängliche Eselinnensuche und den Rückgriff auf die „Sache mit dem Königtum“ (v16) noch einmal den Rahmen für das zentrale Ereignis der Salbung Sauls durch Samuel auf. Weiterhin weist er eine Verbindung mit dem ersten Abschnitt auf, insofern sich die Saul auf seinem Weg widerfahrenden Ereignisse in gegenläufiger Form wiederholen. Auf dem Hinweg bekommt Saul den Auftrag, die Eselinnen seines Vaters zu suchen (1 Sam 9,3), er möchte Samuel um seine prophetische Hilfe bitten (v6) und ihm geht das Brot aus (v7). In Korrespondenz dazu berichtet Saul bei seiner Rückkehr davon, dass die Eselinnen gefunden sind (10,2.16), ihm werden von Samuel Brot schenkende Männer verheißen (v4) und er beginnt selbst prophetisch zu sprechen (v10).

Der erste Abschnitt lässt sich noch einmal in zwei kleinere unterteilen. In 1 Sam 9,1-5, wird die Eselinnensuche von Saul berichtet, die er schon erfolglos aufgeben möchte, um nach Hause zurückzukehren (v5). Nun wird Saul davon überzeugt, nicht umzukehren, sondern den Rat eines Gottesmannes zu erbitten (v6), der ihm letztlich sogar entgegenkommt (v14). Der zweite große Abschnitt lässt sich ebenfalls noch einmal zweifach unterteilen. Zunächst wird eine vorsichtige Annäherung an das Thema des Königtums für Saul gezeigt, die mit der Einladung und Bewirtung Sauls durch Samuel beim Opferfest schließt (v15-25). Daran wird für den Leser deutlich, dass Samuel um die Auserwählung Sauls durch JHWH weiß. Hernach folgt dann das eigentliche Herzstück der Erzählung, nämlich die Wortverkündigung und Salbung Sauls (1 Sam 9,26-10,1). Ebenso lässt sich der dritte Abschnitt noch einmal feingliedern. Zuerst kündigt Samuel drei Zeichen an (1 Sam 10,2-8), danach treffen die Verheißungen ein (v9-13), zuletzt trifft Saul wieder in seiner Heimatstadt ein, wobei der Spannungsbogen der legendenhaft anmutenden Eselinnensuche geschlossen wird (v14-16).

2.4. Sprachlich- syntaktische Analyse    

Im Wortschatz des Textes dominieren Verben, noch mehr aber Substantive. Ein Großteil dieser Wörter bezieht sich auf die handelnden Personen der Erzählung, besonders auf die drei wichtigsten: Saul, Samuel und den Knecht. Ein weiterer wichtiger Teil der Substantive hat mit der Einladung Sauls zum Opferfest zu tun. Die meisten dieser Wörter beschreiben die Annehmlichkeiten und Gaben, die Saul erhält: den besonderen Sitzplatz, das Essen, den Umstand, dass er sogar bei Samuel nächtigen darf und zu guter Letzt auch noch die Salbung im Namen JHWHs. Einige weitere Substantive benennen weitere Personen oder sind Bezeichnungen von Städten und Stämmen. Dabei sticht noch einmal der Heimatstamm des Saul, der in Israel kleinste Stamm Benjamin, heraus. Dieser wiederum steht meist mit einem der wenigen Adjektive des Wortschatzes in Verbindung, was darauf verweist, dass der Autor des Textes die Besonderheit des Stammes herausheben will. Wie bereits erwähnt nehmen auch die Verben eine dominierende Rolle innerhalb des Wortschatzes ein. Dabei herrschen die Verben des Sprechens und der Bewegung vor. Dies ist einfach nachzuvollziehen, da Saul und sein Knecht auf der Suche nach den Eselinnen unterwegs sind und immer wieder auf Menschen treffen, mit denen sie sich unterhalten. Weil die Suche nach den Eselinnen einen Rahmen um die gesamte Erzählung bildet, spielt auch das Verbenpaar „suchen“ und „finden“ eine wichtige Rolle und tritt vermehrt auf. Durch Fragesätze in: 1 Sam 9,20-21; 1 Sam 10,2-12; 1 Sam 9,14, Imperative in: 1 Sam 9,13; 1 Sam 9,19; 1 Sam 9,23-24; 1 Sam 9,26-27; 1 Sam 10,7-8; 1 Sam 10,15 und 28malige wörtliche Rede bekommt der Text Lebendigkeit. 

2.5. Semantische Analyse

1 Sam 9,1-10,16 beschäftigt sich mit der gemeinsamen Geschichte von Saul und Samuel. Das Wortpaar „suchen“ und „finden“ nimmt eine herausragende Stellung ein. Zum einen ist es die Suche nach den verlorenen Eselinnen, mit der Saul und sein Knecht beauftragt werden (1 Sam 9,3). Selbige verweist zugleich auf  die Suche und das Finden des neuen Königs für Israel. Zum anderen geht es um die Suche und das Finden des Gottesmann Samuel (v6-14). Schließlich handelt die Erzählung auch von der Suche und dem Finden eines neuen Königs für Israel, wobei hier die Erwählung Sauls durch JHWH eine entscheidende Rolle spielt. Die Suche ist nicht immer sofort erfolgreich. Saul muss erst von seinem Knecht überredet werden, die Suche noch nicht aufzugeben und den Rat des Gottesmannes einzuholen (v6). Auch die Suche nach Samuel führt erst einmal zu einem Treffen mit einigen Mädchen aus der Stadt, welche jedoch dabei helfen, Samuel zu finden (v11-13). Israel verlangt von Samuel die Einsetzung eines neuen Königs. Bevor sich Samuel auf die Suche machen kann, sendet Gott Saul zu ihm und lässt ihn erkennen, dass er der Erwählte ist (v15-17). Somit handelt es sich hierbei weniger um die Suche als vielmehr um das Finden eines neuen Königs. Ein zweites wichtiges Wortpaar dieses Textes ist „geben“ und „annehmen“. Saul wird von seinem Vater beauftragt, seine Eselinnen wieder zu finden, womit die Erzählung beginnt (v3). Bereits mit diesem Auftrag und der Beschreibung seines schönen wie jungen Aussehens wird seine Besonderheit hervorgehoben (v2f). Saul ist jedoch in der gesamten Handlung eher passiv. Er ist es, der die Suche aufgeben will (v5), er reagiert mit Zweifeln und Fragen auf den Vorschlag des Knechtes, einen Gottesmann um Rat zu bitten (v7) und er nimmt ab dem Moment der Begegnung mit Samuel die Rolle des Empfangenden ein (1 Sam 9,14-10,16). Samuel hingegen ist die agierende Person der Handlung. Er lädt Saul ein (1 Sam 9,19), bewirtet (1 Sam 9,23) und versorgt ihn (1 Sam 9,22-26) und er ist es, der ihm später das Wort JHWHs verkündet, ihn salbt (1 Sam 10,1) und ihm Verheißungen für die kommende Zeit offenbart (1 Sam 10,2-8). Die starke aktive Rolle des Samuel lässt sich vor allem mit der Offenbarung JHWHs an ihn begründen. Samuel ist der Ausführende des göttlichen Auftrages (1 Sam 9,15f). Saul wird hier als zurückhaltender, nachgiebiger Mensch beschrieben. Er hört auf seinen Vater, auf Samuel und sogar auf seinen Knecht.         

2.6. Narrative Analyse

Die narrative Struktur des Textes wird hauptsächlich durch die Interaktionen zwischen Saul, seinem Knecht und Samuel bestimmt. Die Handlung beginnt mit der Beschreibung der besonderen Gestalt des Saul (1 Sam 9,2) und dem Auftrag seines Vaters Kisch, die verlorenen Eselinnen wieder zu finden (v3). Für den Leser wird nicht gleich klar, welches Ziel der Autor mit dieser Erzählung verfolgt. Bis v15 ist der  Gegenstand der Geschichte nicht zu erkennen, was durch das Fehlen des Namens des Gottesmannes und der Stadt zusätzlich verstärkt wird. Nachdem die Suche erfolglos bleibt (v4), ist es das energische Auftreten und das finanzielle Aufkommen des Knechtes (v6), welches dazu führt, dass Saul noch nicht zurückkehrt, sondern sich auf die Suche nach dem Gottesmann macht (v10). Erst in v15 wird das eigentliche Problem für den Leser erkennbar: die Errichtung des Königtums. Zugleich wird damit klar, wie JHWH die Fäden der Geschichte in der Hand hält. Neben dem Knecht und den beiden Hauptakteuren treten auch noch der Vater, der Onkel, die Propheten, die Volksmenge und die Mädchen am Stadtrand auf. Letztere nehmen noch einmal eine besondere Stellung ein, da sie an einem Knotenpunkt der Handlung auftreten. Die Mädchen geben Saul und seinem Knecht wichtige Informationen über den gesuchten Gottesmann (1 Sam 9,12f) und helfen so dabei, die Erzählung voran zu treiben. Die entscheidende Stelle innerhalb der Handlung ist das Treffen zwischen Saul und Samuel (v14). In diesem Moment erfüllt sich die Weissagung JHWHs, dass er einen Mann aus dem Stamm Benjamin schickt, den Samuel zum König salben soll (v15f). Im Folgenden ist es Samuel, der über den Verlauf der Handlung bestimmt. Er lädt Saul ein, bewirtet ihn, lässt ihn bei sich übernachten und am darauffolgenden Tag verkündigt er ihm JHWHs Worte und salbt ihn (1 Sam 9,19-10,1). Hebräisch heißt „salben“ mašah und hat bei Saul zur Folge, dass dessen Herz gewandelt wird und der Geist Gottes über ihn kommt (1 Sam 10,9f). Samuels gesamtes Handeln richtet sich auf den Moment der Salbung. Auch danach bleibt er derjenige, der den Verlauf bestimmt. Durch seine Verheißungen von Zeichen leitet er die Rückkehr Sauls in seine Heimat ein. Die eintretenden Prophezeiungen (1 Sam 10,9) führen das aktive Handeln Samuels fort, auch wenn er Saul nicht begleitet. Die einzige Ausnahme ist die Verwandlung Sauls „in einen anderen Menschen“ (1 Sam 10,6) durch JHWH, denn dies tritt früher, als in den Ankündigungen Samuels verheißen, ein. Der anschließende Bericht über das Ergebnis der Suche nach den Eselinnen (1 Sam 10,14-16) ist für den Onkel scheinbar ausreichend, obwohl die Aufgabe des Wiederfindens nicht wirklich erfüllt worden ist. Der Onkel muss wie Saul auf das Wort des Samuel vertrauen.  Durch die Verben der Bewegung und das häufig auftretende Wortpaar „suchen“ und „finden“ erhält die Handlung einen Spannungsbogen, welcher auch nach dem Ereignis der Salbung erhalten bleibt, da die Geschichte des Saul gerade erst beginnt.  

2.7. Zusammenfassung

Das Buch Samuel verfolgt mit diesem Text das ausdrückliche Ziel, die besondere Stellung der Person Sauls hervorzuheben. Von Beginn an wird Saul als „jung, (...) schön“ und groß dargestellt, aber auch als bescheiden im Bezug auf seine Herkunft (1 Sam 9,21). Im folgenden Text wird schnell deutlich, dass Saul nicht nur äußerlich und charakterlich ausgezeichnet ist, sondern dass er ein Auserwählter JHWHs ist (1 Sam 9,16). Dies wird durch den Texteinschub in 1 Sam 9,16 deutlich, welcher von der Offenbarung JHWHs gegenüber Samuel berichtet. Durch seine Salbung, zum „Fürsten über (...) [JHWHs] Erbe“ (1 Sam 10,1) und somit zum König über Israel, wird die bis dahin als besonders beschriebene Stellung auf den Höhepunkt gebracht: der Geist Gottes verwandelt Sauls innerstes Wesen, sein Herz (1 Sam 10,9), und ergreift Besitz von ihm (1 Sam 10,10). Doch nicht nur Saul hat eine außergewöhnliche Rolle, sondern auch die Person Samuel. Zu Beginn des Buches wird Samuel zum „Priester“ (1 Sam 1,21-28) ausgebildet. In den folgenden Kapiteln wird er als Mann mit prophetischer Gabe dargestellt und im ausgewählten Kapitel fallen die Bezeichnungen „Gottesmann“ (1 Sam 9,5) und „Seher“ (1 Sam 9,11,18f), welche dazu führen, dass er in 1 Sam 9,9 tatsächlich als „Prophet“ benannt wird. Er übernimmt eine führende Rolle im Bezug auf Israel, da er es ist, der die Offenbarungen JHWHs erhält und die Aufgabe hat, den neuen König zu salben (1 Sam 9,16).

Zusammenfassend lässt sich im Bezug auf die anfänglich gestellte Frage nach der Stellung des Königs als Gesalbter sagen, dass das Salben im Alten Orient und somit auch in Israel einen Statuswechsel impliziert und mit der Salbung Kraft, Macht und Ansehen übertragen werden. Die jüdische Königssalbung wird in vielen Psalmen (Ps 2,2; Ps 18,51; Ps 20,7; Ps 45,8) und auch in anderen Erzählungen des AT (1 Sam 16,13; 1 Kön 1,39) beschrieben. In dieser Erzählung wird Saul von Samuel zum König gesalbt – mit der Besonderheit, dass Samuel dies im Auftrag JHWHs tut. Somit wird Saul mit der Gewissheit zum König gesalbt, dass er von Gott erwählt wurde. Diese Gewissheit wird noch durch die Vorhersagung verschiedener Zeichen unterstützt, welche daraufhin hindeuten, dass JHWH dem Gesalbten beisteht.

 

3. Stimmen aus der Forschung

3.1. Der Forschungskontext - Eine prominente klassische These

Diese erste Erzählung, wie Saul zum König von Israel wurde (1 Sam 9,1-10,16), hat einen legendenhaften Charakter durch das märchenhafte Motiv „von einem, der auszog, etwas Kleines zu suchen, um dann unerwartet etwas viel Größeres zu finden.“ (Schroer, 1992, 63). Saul sucht verloren gegangene Eselinnen und wird schließlich zum König über Israel gesalbt. Die Geschichte ist unberührt von jeglicher Königskritik, der Leser entwickelt sogar Sympathie für den schönen jungen Mann aus dem kleinen Stamm Benjamin.

3.2. Die gegenwärtig dominierende Auffassung

Georg Hentschel fasst die Handlung der Geschichte mit folgenden Worten zusammen: „Saul sucht die Eselinnen, aber er findet das Königtum.“ (Hentschel, 1994, 75) und betont dabei die jeweilige Zuordnung als auch die Bedeutungsverschiebung der Hauptpersonen im Verlauf der Geschichte: Saul ist zunächst ein junger unbedeutender Mann, wird für ihn überraschend zum König gesalbt und tritt so immer stärker als künftiger König von Israel in den Vordergrund. Samuel ist ein bekannter Seher und Gottesmann, wird aber JHWH untergeordnet, der Samuel den Auftrag zur Salbung gibt. Damit stehen beide Personen auf ihre jeweils besondere Art und Weise im Mittelpunkt der Geschichte.

3.3. Neue Entwicklungen – eine sich abzeichnende Tendenz

Andre Wénin spürt drei Grundmuster der gesamten Erzählung auf: die verlorenen Eselinnen, der Mangel an Vorräten und die Begegnung mit den Gottesmännern. Die Struktur, die hohe Ästhetik und der angenehme Sprachfluss überspielen einige Textbrüche. Daran lässt sich erkennen, dass 1 Sam 10,10-13 mit großer Wahrscheinlichkeit eine Einzelüberlieferung war (vgl. Dietrich/Naumann, 1995, 30).

 

Literaturverzeichnis


Bar-Efrat, Shimon, 2007, Das erste Buch Samuel. Ein narratologisch-philologischer Kommentar übers. von Johannes Klein (BWANT 176), Stuttgart

Boecker, Hans Jochen, 1969, Die Beurteilungen der Anfänge des Königtums in den deuteronomistischen Abschnitten des 1. Samuelbuches. Ein Beitrag zum Problem des „deuteronomistischen Geschichtswerkes“ (WMANT 31), Neukirchen-Vluyn

Dietrich, Walter/Naumann, Thomas, 1995, Die Samuelbücher (EdF 287), Darmstadt

Hentschel, Georg, 2003, Saul, Schuld, Reue und Tragik eines „Gesalbten“ (BG 7), Leipzig

Klein, Johannes, 2002, David versus Saul. Ein Beitrag zum Erzählsystem (BWANT 158), Stuttgart

Kessler, Rainer, 2007, Samuel, Priester und Richter, Königsmacher und Prophet (BG 18), Leipzig

Noth, Martin, 31976, Überlieferungsgeschichtliche Studien. Die sammelnden und bearbeitenden Geschichtswerke im Alten Testament, Tübingen

Scharbert, Josef/ Hentschel, Georg, 1994, Rut/1 Sam (NEB.AT 33), Würzburg

Schroer, Silvia, 1992, Die Samuelbücher (NSK.AT 7), Stuttgart

Weiser, Alfons, 1962, Samuel. Seine geschichtliche Aufgabe und religiöse Bedeutung. Traditionsgeschichtliche Untersuchungen zu 1 Samuel 7-12 (FRLANT 81), Göttingen

Wonneberger, Reinhard, 1992, Redaktion. Studien zur Textfortschreibung im Alten Testament, entwickelt am Beispiel der Samuel-Überlieferung (FRLANT 156), Göttingen

Zenger, Erich (Hg.), 62006, Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart

 

[letzte Änderung: 30. August 2010]

 

 

 

 

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