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Der Tausch des Erstgeburtsrechts

Tobias Neuhaus

Kurzbeschreibung:
Gen 25,29-34 handelt von dem Tausch des Erstgeburtsrechts Esaus gegen das von seinem jüngeren Zwillingsbruder Jakob zubereitete Linsengericht. Im Zentrum der Arbeit steht die Synchrone Zugangsweise, wobei ein besonderer Fokus auf der Textdynamik sowie der Intertextualität liegt.
Zusätzliche Autoreninformation: Tobias Neuhaus
Student, Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Grundschule Hauptschule Realschule Gymnasium Förderschule
Bibelstellenbezug:
1.Mose 25,29-34
Zusätzliche Skripturen:
Hebr 12,16
Weitere Schlagworte:
Altes Testament; Bruder; Brüder; Erstgeburt; Erstgeburtsrecht; Esau; Essen; Mahl; Jakob; Streit; Unzufriedenheit; Verschiedenheit; Verzeihen; Vergebung; Streit, Familienkonflikte; Hinterlist

1. Erster Leseeindruck

Aufgrund der Hinterlistigkeit Jakobs, der den Hunger seines Bruders ausnutzt, um ihm sein Erstgeburtsrecht zu entwenden, hat Gen 25,29-34 bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Das Verhalten Jakobs erweckt bei mir den Anschein, dass Jakob rücksichtslos ist und seinem eigener Bruder keine Wertschätzung entgegenbringt.


2. Synchrone Zugangsweise: Spannungsreiche Dynamik

2.1 Abgrenzung

Westermann sieht ebenso wie Gunkel Gen 25,29-34 als selbstständige Texteinheit an (vgl. Westermann, 1998, 264, 266f.; Gunkel, 1964, 297.). Dies ist plausibel, da Gen 25,27-28 neben der Berufswahl von Jakob und Esau die Sympathien der Eltern gegenüber eines ihrer Kinder schildert. Im Anschluss an diese abgeschlossene Texteinheit erfolgt in Gen 25,29 ein Handlungs- und Zeitwechsel, wobei letzteres auf den Terminus „Einst“ zurückzuführen ist. In Vers 29 werden zwar keine neuen Handlungsträger vorgestellt, allerdings wird hier der Fokus – weg von den Eltern – ausschließlich auf die Brüder Jakob und Esau gerichtet. Daraufhin findet zwischen den beiden Brüdern ein Dialog statt, in welchem Esau Jakob um etwas „von dem Roten“ (Gen 25,30) bittet und Jakob als Gegenleistung sein Erstgeburtsrecht fordert (v30f). Das Gespräch zwischen den Brüdern wird fortgesetzt und Esau verkauft sein Erstgeburtsrecht an Jakob, da dieser seinem Bruder Brot und Linsengemüse reicht (v33f). Nach dem Speisen geht Esau fort;  es folgt der Zusatz, dass er vom Erstgeburtsrecht nicht viel hält. Somit besteht die ganze Geschichte, bis auf wenige Zusätze, aus dem Dialog zwischen Jakob und Esau, was zu einer inneren Kohärenz führt. Der letzte Vers V34, der die Erzählung beendet, greift noch einmal den Begriff des Erstgeburtsrechts auf, so dass von einem redundanten Ende gesprochen werden kann.

Nach Gen 25,34 folgt in Gen 26,1ff. ein Handlungswechsel, da der Blick nun auf eine Hungersnot, die im Land ausbricht und auf Isaak gerichtet ist.

2.2 Kontext

Der Konflikt zwischen Jakob und Esau um das Erstgeburtsrecht in Gen 25,29-34 steht im Kontext der „Väter“- bzw. der so genannten „Patriarchen“- Erzählungen, die von Gen 12-50 reichen und somit zwischen der Urgeschichte und dem Buch Exodus vorzufinden sind. In der neueren Literatur werden diese Erzählungen auch als „Erzelternerzählungen“ (= EEE) bezeichnet, da nicht nur die „Väter“, sondern auch die „Mütter“ als Eltern Israels zu verstehen sind. Die beiden älteren Bezeichnungen entsprechen „zwar nicht dem Textbefund der Genesis, wohl aber den Vorstellungen jener, die die Bibel androzentrisch engführen und durch ihre Sprachwahl Leseleitlinien in die Texte eintragen, welche Frauen unsichtbar machen.“ (Fischer, 1998, 12.)

2.3 Aufbau

Die Texteinheit Gen 25,29-34 lässt sich in drei Textabschnitte gliedern. Zurückzuführen ist dies vor allem auf die innere Kohärenz, die in den einzelnen Abschnitten herrscht, und auf eine wiederholte Verwendung von Wörtern.

1. Teil: Vers 29-30

Inhalt

Esau kommt erschöpft vom Feld und fragt Jakob, der ein Gericht zubereitet, nach etwas Essbarem.

Personen

Jakob

Esau = Edom (Roter)

Vokabular

Wortfeld Gefühle/Sinne: erschöpft

Wortfeld Objekte: von dem Roten

Wortwiederholung

erschöpft (2x); von dem Roten (2x)

 

2. Teil: Vers 31-33

Inhalt

Dialog zwischen Jakob und Esau, indem Jakob das Erstgeburtsrecht von Esau für das Essen verlangt.

Personen

Jakob

Esau

Vokabular

Wortfeld Tätigkeiten: verkaufen;  schwören

Wortfeld Rechte: Erstgeburtsrecht

Wortwiederholung

Erstgeburtsrecht (3x)

 

3. Teil: Vers 34

Inhalt

Jakob gibt ihm zu Essen

Esau geht nach dem Essen seines Weges

Personen

Jakob

Esau

Vokabular

Wortfeld Rechte: Erstgeburtsrecht

Wortfeld Tätigkeiten: essen, trinken, aufstehen, seines Weges gehen

Wortwiederholung

/

 

2.5 Bewegung

In Gen 25,29-34 ist auf den ersten Blick keine auffällige Dynamik zu erkennen, da der gesamte Handlungsstrang an einem Ort stattfindet und dieser größtenteils aus einem Dialog besteht. Die ersten beiden Verse (29f) lassen die Leser anfänglich an ein alltägliches Problem  unterstrichen durch die Emotionen von Esau der erschöpft vom Feld kommt

Jakobs Antwort auf die Frage Esaus nach etwas zu Essen entfacht eine Dynamik, da die Worte „jetzt sofort“ (v31) Unruhe in die Erzählung bringen entfacht. Auch der Kontrast zwischen Esaus Gelassenheit und der hastigen Antwort Jakobs trägt zur Dynamik bei, da an dieser Stelle die enormen Gegensätzlichkeiten der Brüder aufeinander treffen. Es hat den Anschein, dass die entstandene Dynamik im Text durch die darauf folgende Antwort von Esau (v32) gehemmt wird. Dies ist jedoch nicht der Fall, da die impulsiven Worte „Schwör mir jetzt sofort“ (v33) von Jakob die gegensätzlichen Charakterzüge der Brüder erneut untermauern, sodass sich die Erzählung weiter zuspitzt und eine unterschwellige Spannung zwischen Jakob und Esau wahrzunehmen ist. An diesem Punkt endet der Dialog und somit auch die Dynamik in der Texteinheit. Das Ende der Erzählung wird eingeleitet und durch „Esaus Essen, Aufstehen, und Weggehen, als ob nichts gewesen wäre“ (Fischer, 2004, 55.) wird die Spannung endgültig genommen.

Festzuhalten ist also, dass die Dynamik im zweitem Textteil, ihren Höhepunkt erlangt und sich mit der Reduzierung der Spannung zwischen den beiden Brüdern am Ende der Erzählung auflöst.

 

2.6 Intertextualität                                                                                

Die neue Konkordanz zur Einheitsübersetzung der Bibel weist ca. 50 Verweise im Buch Genesis und über 20 zu anderen biblischen Büchern über Esau auf. Bei Jakob sind alleine über 100 Verweise zum Buch Genesis und ca. 200 zu anderen biblischen Büchern vermerkt. (Schierse/Bader, 1996, 374-376, 821-827.) Hier werden nur die Bibelstellen fokussiert, in welchen der Erstgeburtsrecht-Linsengemüse-Konflikt zwischen Jakob und Esau aufgegriffen bzw. der Konflikt der beiden Brüder weitergeführt wird. Die aus dem Konflikt resultierenden Nebenhandlungen werden außen vor gelassen.

In Gen 27,36 erwähnt Esau, dass er schon zweimal von seinem Bruder betrogen und ihm sein Erstgeburtsrecht von ihm entwendet wurde. Außerdem betont er, dass sein Bruder Jakob ihm nun auch den Segen nehmen will. Nachdem Jakob Esau den Segen genommen hat, wird er in Gen 27,41 der Feind von Jakob und will ihn rächen und töten (Gen 27,42). Somit ist der Konflikt, der aus dem Erstgeburtsrecht entstanden ist, noch nicht gelöst und spitzt sich durch die neue „Segenproblematik“ im Laufe von Gen 27 weiter zu.

In Gen 32,4 sendet Jakob seinem Bruder Esau Boten, indem er sich als Knecht Esaus bezeichnet und er sein Wohlwollen möchte. Jakob ist voller Angst, dass Esau ihn, seine Frau und Kinder tötet (Gen 32,12). So kommt es dazu, dass Jakob Esau ein Geschenk machen möchte (Gen 32,19). Esau verzeiht Jakob und der Streit ist somit geschlichtet (Gen 33,12).

Im Neuen Testament wird der Konflikt konkret nur einmal erwähnt. In Hebr 12,16 wird Esau – kontrastierend zu den positiv hervorgehobenen Glaubenszeugen in Hebr 11 – als unzüchtig und gottlos bezeichnet, da er für ein Mahl sein Erstgeburtsrecht verkauft hat. Er fungiert als „das warnende Beispiel eines Menschen, der sich selbst um den Segen brachte, der ihm zugedacht war.“ (Deutsche Bibelgesellschaft, 2004, 436f.), wobei der verspielte Segen hier als Platzhalter für das eschatologische Heil dient. Hebr 12,16 ist damit eine eindringliche Warnung, dass „Heil unwiderruflich verspielt werden kann“ (Löhr, 1999, 90).

 

3. Diachrone Beobachtungen: Schriftliche und mündliche Traditionen

Die Entstehungsgeschichte von Gen 25,29-34 ist undurchsichtig bzw. schwer nachvollziehbar. Westermann bezeichnet Gen 25-36 als eine Komposition, die aus dem Beweggrund Flucht und Rückkehr entstanden ist. Er erwähnt, dass die meisten der Erzählungen innerhalb von Gen 25-36 Streiterzählungen sind, die allerdings noch als einzelne Erzählungen ausgemacht werden können. Aus diesen früh entstandenen autonomen Erzähleinheiten wurde anschließend ein Erzählkomplex gebildet, der schriftlich entstanden ist. Die einzelnen Abschnitte innerhalb des Erzählkomplexes sind, so Westermann, gut strukturiert und werden durch Texteinheiten, wie z.B. Gottesbegegnungen, nachvollziehbar ergänzt. (vgl. Westermann, 1998, 25.)

Gunkel vertritt im Wesentlichen die gleiche Auffassung wie Westermann. Allerdings erwähnt er, dass sich der Erzählkomplex aus den „Jaqob-Esau-Sagen“, den „Jaqob-Laban-Geschichten“ und aus Verbindungen zu anderen Geschichten, wie z.B. der Bethelgeschichte, zusammensetzt und möglicherweise diverse Versionen im Umlauf waren.

Weiterhin ist es laut Gunkel schwierig nachzuvollziehen, welche Teile des Komplexes mündlich oder schriftlich tradiert wurden und dass „das Ganze [….] [bis auf wenige Ausnahmen] schon in sehr Alter Zeit ziemlich fertig gewesen [ist]“, sowie dass es sinnlos sei, einzelne Redaktoren zu bestimmen. (vgl. Gunkel, 1964, 293.)

 

4. Stimmen aus der Forschung

4.1 Jäger und Hirte

„Die Sage ist also ursprünglich eine selbstständige Geschichte für sich. Das Motiv des Kaufes steht hier an derselben Stelle wie in Kap 27. das Motiv des Betruges. […] Um diesen ungleichen Handel [, das Erstgeburtsrecht Esaus gegen das Essen Jakobs,] verständlich zu machen, benutzt die Sage als Motiv den charakteristischen Unterschied zweier Typen: des Jägers [, der sich nicht um Morgen kümmert] und des Hirten [, der wesentlich weitsichtiger ist.]“ (Gunkel, 1964, 297.)

4.2 Das auserwählte Volk

„Jakob der Zeltbewohner, wird den Jäger Esau verdrängen. Im Hintergrund spielt die Verdrängung der Jägerkultur durch die Viehzuchtkultur; aber für die Hagiographen gilt hier vor allem die Waffentat des König Davids, der die Edomiter unterworfen und sie durch seine Statthalter regiert hat (2 Sam 8,13; 1 Chr 18,12-13).“ (Trigt, Patriarchen, 79.) Das Grundmotiv ist allerdings das der Auserwählung. „Esau hat sein Erstgeburtsrecht verkauft, es ist eine volkstümliche Erklärung der Tatsache, daß Gott sich mit souveräner Freiheit sein Volk erwählt: ‚Gott hat Jakob geliebt, Esau aber gehaßt’ (Mal 1,3; Röm 9,13)“ (Trigt, 1963, 79f.)

4.3 Konkurrenz um die Verheißungslinie

„Die folgende Geschichte, an die die Konstellation von Gen 27 nahtlos anknüpft, ist […]häufig als kulturgeschichtliche Erzählung über die Rivalität zwischen den Gruppen Jägern und Ackerbauern gedeutet worden. Solche Motive mögen mitspielen, aber die Erzählung hat ihren Skopus in der Konkurrenz um die Verheißungslinie, die regulär durch Erstgeburt und Segen weitergegeben wird.“ (Fischer, 1998, 55.)



Literaturverzeichnis:

Borowski, Oded, 41999, Erstlinge, in: Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwerkbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Bd. 2, Tübingen, 1472f.

Deutsche Bibelgesellschaft, 22004, Stuttgarter Neues Testament. Einheitsübersetzung mit Kommentar und Lexikon, Stuttgart

Fischer, Georg, 32008, Wege in die Bibel. Leitfaden zur Auslegung, Stuttgart

Fischer, Irmtraud, 2004, Das Buch Genesis. 10-36, in: Zenger, Erich (Hrsg.): Stuttgarter Altes Testament. Einheitsübersetzung mit Kommentar und Lexikon, Stuttgart, 32-76

Diess., 1998, Genesis 12-50. Die Ursprungsgeschichte Israels Frauengeschichte, in: Schottroff, Luise/Wacker, Marie-Theres (Hrsg.): Kompendium feministische Bibelauslegung, Gütersloh, 12-25

Gunkel, Hermann, 61964, Genesis, Göttingen

Löhr, Hertmut, 1999, Isaak, Jakob, Esau, Josef, in: Öhler, Markus (Hrsg.), Alttestamentliche Gestalten im Neuen Testament. Beiträge zur Biblischen Theologie, Darmstadt, 75-96

Schierse, Franz J./Bader, Winfried, 1996, Neue Konkordanz zur Einheitsübersetzung der Bibel., Düsseldorf

Trigt, F. van, 1963, Die Geschichte der Patriarchen. Genesis 11,17-50,26, Mainz

Von Rad, Gerhard, 121987, Das 1. Buch Mose. Genesis, Göttingen

Westermann, Claus, 1998, Erzählungen in den Schriften des Alten Testaments, Stuttgart

Ders.., 1986, Am Anfang. 1. Mose (Genesis). Teil 2. Jakob und Esau. Die Josepherzählung, Neukirchen-Vluyn

Worterklärungen:

Erstgeburtsrecht: „<<Erstgeburt>>

ist ein Terminus des Rechtslebens, speziell des Erbrechts. Nach

altisraelischer Anschauung gilt der Erstgeborene als der beste und

tüchtigste unter seinen Brüdern […].“ (Gunkel, Genesis, 298) Aus dem

israelitischen Recht, innerhalb der Sagen geht hervor, dass der

Erstgeborene bevorzugt wird. Dies bedeutet für den Erstgeborenen, dass

er die Stelle des Vaters einnimmt und seine Brüder als persönliche

Knechte fungieren. (vgl. Gunkel, Genesis, 298) Des Weiteren war es die

Regel, dass das Erbe und der Segen des Vaters an den Erstgeborenen

weitergeleitet wurden.
Aufgelöst werden konnte das Erstgeburtsrecht

von den Eltern, wenn ein Verbrechen gegen sie verübt wurde, oder vom

Erstgeborenen selbst. (Borowski, Erstlinge, 1472f.)

 

 

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