Petrus läuft auf dem Wasser und zweifelt – Warum?

Daniel Schulz

Kurzbeschreibung:
Nach der Speisung der Fünftausend überqueren die Jünger den See Genezareth in einem Boot. Ein Sturm bedrängt die Jünger und Jesus läuft über das Wasser, um ihnen zu helfen. Als sie ihn erkennen, bittet Petrus darum ebenfalls auf dem Wasser gehen zu können. Nach ein paar Schritten überkommt ihn jedoch die Angst und er versinkt. Jesus rettet ihn, steigt in das Boot und beruhigt den Sturm. Die Jünger bekennen ihn als Sohn Gottes.
Zusätzliche Autoreninformation: Daniel Schulz
Student, Universität Kassel
Bibelstellenbezug:
Mt 14,22-33
Zusätzliche Skripturen:
Mk 6,45-52 Joh 6,16-21 Mt 8,23-27 Mt 16,13-20
Weitere Schlagworte:
Petrus; Wasser; Sohn Gottes; Zweifel; Matthäus; Evangelium; Bekenntnis; Rettung; Motivik; Jünger
Letzte Aktualisierung:
05.03.2020

1. Erster Leseeindruck

Ich finde es bemerkenswert, dass Jesus sich bewusst Zeit nimmt allein zu beten. Er lässt seine Jünger allein übersetzen, um Zeit für sich zu haben. Dies wirkt auf mich sehr menschlich und zeigt, wie wichtig Ruhe ist. Darüber hinaus war ich überrascht, dass Petrus‘ Glaube schwankt. Es ist verständlich, dass alle zunächst überrascht sind, Jesus über das Wasser gehen zu sehen. Aber ich hätte nicht erwartet, dass Petrus Angst hat, als er auf das Wasser geholt wird. Sie reisen schon lange zusammen, Petrus hat viele Wundertaten Jesu gesehen und vertraut ihm scheinbar immer noch nicht.

2. Synchrone Zugangsweise: Petrus und das Motiv des Zweifelns

2.1 Einordnung in den Gesamtkontext

Das Matthäusevangelium lässt sich grob in mehrere Abschnitte einteilen. Der erste Abschnitt befasst sich mit der Geburt und der Kindheit Jesu, wobei Johannes der Täufer eine wichtige Rolle spielt (Mt 1-4,17). Daraufhin wird das Wirken Jesu, in Form von Wundergeschichten und Reden – besonders hervorzuheben ist hier die Bergpredigt (Mt 5-7) – beschrieben. Im dritten Abschnitt (Mt 12-20) predigt Jesus in Galiläa, erfährt Ablehnung in seiner Heimat und baut seine Jüngergemeinde auf. Hier ist die zu behandelnde Perikope angesiedelt.

2.2 Abgrenzung zur Vorgeschichte und zum weiteren Verlauf

Nach der Speisung der Fünftausend befinden sich Jesus und seine Jünger am Ufer eines Sees, welcher bei Matthäus zunächst nicht genauer benannt wird. Zeitlich gesehen ist es vermutlich später Abend bzw. Nacht, denn die Speisung beginnt als der Abend anbricht (Mt 14,15). Im Anschluss entlässt Jesus das Volk und befiehlt seinen Jüngern überzusetzen, während er sich allein auf einen Berg zurückzieht, um zu beten. Nachdem nun die Jünger in Seenot geraten und Jesus sie gegen Morgen (Mt14,25) errettet hat, gelangen sie ans andere Ufer nach Genezareth, sodass man nun davon ausgehen kann, dass auch die Speisung der Fünftausend am See Genezareth stattgefunden hat (Mt14,34). Nach diesem Abschnitt findet keine örtliche oder zeitliche Zäsur statt, denn Jesus bleibt eine nicht näher definierte Zeit in dem Ort und heilt die Kranken, die zu ihm kommen.

2.3 Feingliederung der Erzählung

Der Vers 22f. dient als Überleitung zwischen der Speisung der Fünftausend und der Erzählung des Seewandels. Jesus schickt seine Jünger über den See, entlässt das Volk und zieht sich selbst auf einen Berg zum Beten zurück. Die Passage ist symmetrisch aufgebaut: dem aufkommenden Sturm (V24) steht die Stillung des Sturms (V32) gegenüber. Diese beiden Verse rahmen die zwei inhaltlichen Episoden des Seewandelns Jesu (V25-27) und des Seewandelns Petrus‘ (V28-31) ein.

Als Jesus erkannt hat, dass seine Jünger in Not sind, geht er gegen Morgen über das Wasser zu ihnen. Sie erschrecken zunächst, da sie ihn für ein Gespenst halten. Erst als er sich ihnen mit den Worten „Ich bin es“ (V27) zu erkennen gibt, beruhigen sie sich.

Daraufhin fordert Petrus Jesus auf, ihn aufs Wasser zu holen, wenn er es denn wirklich wäre. Als Petrus kurz darauf auf dem Wasser steht und sich dessen bewusst wird, bekommt er Angst, versink und ruft Jesus um Hilfe. Jesus rettet ihn, fragt ihn aber auch, warum er gezweifelt habe (V31) Als sie dann in das Boot steigen legt sich der Sturm wieder.

Die Erzählung endet mit dem Gottessohnbekenntnis der Jünger (V33).

2.4 Warum fällt Petrus ins Wasser?

Jesus holt Petrus zu sich aufs Wasser und Petrus steigt aus dem Boot. Es wird explizit beschrieben, dass Petrus auf dem Wasser auf Jesus zu geht (Mt 14,29). Er erfährt also die schöpferische Macht Jesu am eigenen Leib, indem er ihm das Wasserwandeln ermöglicht. Interessant ist hier die Tatsache, dass er erst zu zweifeln beginnt, als er das Wunder schon erlebt hat, nicht vorher. Warum beginnt er dann dennoch zu zweifeln? Müssten ihn seine ersten Schritte auf dem Wasser nicht überzeugt haben? Als erstberufener Jünger (Mt 4,18-22) hat er das Wirken Jesu des Öfteren selbst gesehen und dennoch wird er ängstlich und zweifelt an dem Geschehen und somit an Jesus selbst. Es stellt sich die Frage: Warum? Im Folgendem soll versucht werden, sich dieser Frage zu nähern. Dies kann aufgrund mangelnder innerer Einsicht von Petrus, nur anhand von Vermutungen und Hypothesen geschehen.

2.4.1 Simon Petrus im Matthäusevangelium

Petrus wird dem Leser als Simon eingeführt. Jesus trifft ihn und seinen Bruder beim Fischen und macht sie zu seinen ersten Jüngern (Mt 4,18-22). Betrachtet man nun den weiteren Verlauf des Matthäusevangeliums bis zur Seewandelgeschichte fällt auf, dass Petrus nach seiner Berufung nur noch zweimal genannt wird: bei der Heilung seiner Schwiegermutter (Mt 8,14f.) und bei dem Aussendungsbefehl Jesu in der Aufzählung der Jünger (Mt 10,1-15). Man kann zwar davon ausgehen, dass Petrus als Jünger Jesu viele seiner Wundertaten miterlebt hat, aber explizit tritt er zum ersten Mal in Mt 14,28 in Erscheinung. Hier wird ihm dann eine ganz besondere Ehre zu Teil, denn er ist der einzige Jünger, der selbst an einer Wundertat beteiligt ist (vgl. Becker 2011, S.82). Dies hebt Petrus hervor und verleiht ihm ein Alleinstellungsmerkmal in der Jüngergemeinde. Dieses wird in Mt 16,17-19 noch weiter ausgebaut, denn hier wendet sich Jesus nach dem Bekenntnis des Petrus zunächst ausschließlich an ihn und beruft ihn in seine Nachfolge.

Die schöpferische Macht Jesu erfährt er erst bei der Seewandelgeschichte am eigenen Leib. Sein Bekenntnis folgt erst zwei Kapitel nach dieser Erzählung und die Benennung Jesu mit dem Hoheitstitel des Gottes Sohns passiert unmittelbar nach der Rettung des Petrus aus dem See (Mt 14,33). Man könnte vermuten, dass der Glaube des Petrus wachse, aber erst oder vor allem durch seinen Seewandel. Möglicherweise beginnt er zu zweifeln, weil sein Glaube eventuell noch nicht gefestigt ist. Er ist zweifelsohne vorhanden, denn andernfalls hätte er diese Bitte an Jesus nicht gestellt und wäre keinen einzigen Schritt auf dem Wasser gewandelt. Aber dennoch verliert er ihn im Angesicht der drohenden Lebensgefahr (vgl. Heading 1997, S.273).

Ein weiterer Aspekt, warum Petrus zweifelt, könnte in der Bedeutung des ersten Jüngers im Matthäusevangelium begründet sein. Wie zuvor erwähnt ist er der einzige Jünger, welcher eine Wundergeschichte am eigenen Leib erfährt. Beim Bekenntnis des Petrus (Mt 16,17-19) beruft Jesus ihn als ersten und vorerst einzigen in seine Nachfolge. Die Bevollmächtigung der anderen Jünger folgt zwei Kapitel später (Mt 18,18). Dadurch wirkt es so, als nehme Petrus innerhalb des Evangeliums eine Sonderrolle ein, indem er zunächst stellvertretend für die Anderen stehe (vgl. Schnelle 2014, S. 420; Konradt 2015, 238f.). Beispielhaft würde er das zuerst erfahren, was die anderen Jünger, Christen, Gemeindemitglieder auch noch erfahren würden. Dabei hätte er aber keine Sonderrolle als der einzig wahre Jünger, denn er bleibt in der Gemeinschaft der Jünger einer unter vielen. In ihr gebe es keine Hierarchie, sondern alle würden auf einer Stufe in der Nachfolge Jesu stehen (vgl. Becker 2011, S. 18).

Somit könnte die Person Simon Petrus selbst Aufschluss darüber geben, warum sie zweifelt. Einerseits ist möglicherweise sein Glaube noch nicht gefestigt. Andererseits dient er im Matthäusevangelium vermutlich als eine Art Vorbild, welches die Ersterfahrung zunächst stellvertretend für die anderen Jünger durchlebt.

2.4.2 Kleinglaube und Zweifel als Motive bei Matthäus

Der Begriff des Kleinglaubens findet bei Matthäus des Öfteren Verwendung: in der Sturmstillungserzählung (Mt 8,26), in der Seewandelgeschichte (Mt 14,31), bei der Warnung vor der Lehre die Pharisäer und Sadduzäer (Mt 16,8) und bei der Heilung eines besessenen Knaben (Mt 17,20). Jede dieser Erzählungen behandelt in gewisser Weise das Thema Angst und Zweifel. In der Sturmstillungsgeschichte haben die Jünger Angst vor dem Sturm. In der Erzählung über die Lehre der Pharisäer und Sadduzäer machen sie sich Sorgen, dass sie das Brot vergessen haben. Den unreinen Geist des besessenen Knaben können die Jünger nicht austreiben, sie hegen Zweifel an ihren Fähigkeiten. Die Antwort Jesu auf die Angst bzw. den Zweifel der Jünger ist in allen Geschichten das Wort „Kleinglaube“. Lässt sich das Wort also mit Angst bzw. Zweifel übersetzen?

Für Matthäus gehört der Zweifel zumindest zum Glauben dazu (vgl. Luz 1990, S. 410). Nicht in dem Sinne, dass er für den Glauben unabdingbar oder elementarer Bestandteil wäre, aber er ist nicht wegzudenken. So wie Mut zur Angst gehört, ist Zweifel der Gegenpol zum Vertrauen. Im Vertrauen auf Gott zeigt sich also dementsprechend auch in gewisser Weise ein Zweifel. Doch Kleinglaube ist nicht gleich Zweifel, denn auch alle Ungläubigen zweifeln ob der Taten Jesu. Er muss sich also aus dem Glauben heraus vollziehen. Bei Petrus wird das deutlich. Er vertraut auf Jesus und lässt sich auf das Wasser holen. Trotz der erfahrenen, schöpferischen Macht Jesu scheitert Petrus‘ Vertrauen an seiner Angst und Zweifel entsteht. Zweifel darüber, ob er wirklich auf dem Wasser laufen kann und Zweifel darüber ob er nicht doch einsinken wird. Dieser Zweifel im Glauben ist Kleinglaube (vgl. Luz 1990, S. 29). Die Jünger verlieren in den Erzählungen die Gegenwart und die Macht Jesu aus dem Sinn und beginnen deswegen zu zweifeln, obwohl es nicht nötig wäre. Luz sagt dazu: „Kleinglaube ist also, hier wie immer, mangelndes Vertrauen in die schöpferische Macht Jesu.“ (Luz 1990, S. 448). Die wiederkehrende Verwendung des Motivs des Zweifelns im Glauben hat noch eine weitere Bedeutung. Jedes Lesen dieses Wortes soll gleichzeitig eine Erinnerung an den Leser sein, eine Aufforderung sich über seinen eigenen Glauben Gedanken zu machen: Bin ich auch kleingläubig? Zweifle ich in der Gegenwart Gottes an seiner Macht? Es ist sozusagen ein wiederkehrender Spiegel, der dem Leser seinen eigenen Glauben hinterfragen will (vgl. Luz 1990, S. 29).

Kleinglaube ist ein wiederkehrendes Motiv bei Matthäus, da er für ihn zum Glauben mit dazu gehört und Anstoß zur Reflektion gibt. Dadurch wird auch deutlich, warum Petrus aus matthäischer Sicht zweifeln muss, nämlich, um seinen eigenen Glauben zu festigen und die schöpferische Macht Jesu wahrlich zu erkennen (Mt 14,33).

3. Diachrone Zugangsweise: das Wunder des Wasserwandelns

3.1 Motivgeschichte

Die Religions- und Motivgeschichte fragt nach der kulturellen Enzyklopädie der damaligen Zeit, um Symbole und Motive der Erzählung zu verstehen. Um eine möglichst genaue Analyse vorzunehmen, müsste man die frühste Überlieferung der Perikope betrachten (Markuspriorität). In diesem besonderen Fall jedoch, geht die Analyse aufgrund der fehlenden Petrus-Episode bei Markus, von Matthäus aus.

3.1.1 Auf Wasser laufen

Das wohl offensichtlichste Motiv ist das des Wasserwandelns. Jesus erkennt, dass seine Jünger in Not sind und geht über das Wasser zu ihnen. Die Jünger sind verängstigt als sie eine Gestalt auf dem Wasser wandeln sehen und denken abergläubisch an ein Gespenst. Diese Reaktion lässt vermuten, dass das Laufen auf Wasser nicht alltäglich ist. Es scheint viel mehr so, als sei es etwas Übernatürliches, etwas Transzendentes, was man mit besonderen Wesen (Gespenst) in Verbindung bringt. Im vorherigen Verlauf der Bibel, besonders im AT findet sich keine vergleichbare Stelle wieder (vgl. Luz 1990, S. 407). Jedoch findet sich bei Hiob eine Zuschreibung dieser Fähigkeit zu Gott, denn in Kapitel 9 Vers 8 heißt es: „Er spannte den Himmel aus, er allein und er schritt einher auf den Wogen des Meeres.“ Die Bibel weist somit die Fähigkeit auf Wasser zu wandeln, explizit Gott zu. In der hellenistischen Literatur ist dieses Motiv ebenfalls verbreitet und bekannt. In Werken verschiedener Autoren ist die Rede davon, dass die Fähigkeit auf Wasser zu gehen Göttern bzw. göttlichen Wesen, wie Göttersöhnen oder -töchtern vorbehalten ist (vgl. Luz 1990, S. 407). Für Menschen sei dies vollkommen unmöglich oder lediglich Teil eines Traums. Über das Wasser gehen zu können, sei demnach ein Zeichen für Göttlichkeit. Wenn jemand diese Fähigkeit besitzt, kann er demnach nicht nur menschlich sein. Dies zeigt sich auch im abschließenden Gottessohnbekenntnis der Jünger (Mt 14,32), dem ersten im Matthäusevangelium (vgl. Drewermann 2000, S. 335). In der Sturmstillungsgeschichte fragen sich die Menschen noch, wer er ist, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen (Mt 8,27). Nun bekommt man eine Antwort in einer ähnlichen Erzählung, die mit der göttlichen Fähigkeit des Wasserwandelns verbunden ist: er ist der Sohn Gottes.

3.1.2 „Seid getrost, ich bin es. Fürchtet euch nicht!“ (Mt 14,27)

Neben dem Motiv des Wasserwandelns fallen vor allem die Worte auf, mit denen sich Jesus zu erkennen gibt. Angesichts der göttlichen Fähigkeit des Wasserwandels geraten die Jünger in Angst und Panik, denn sie halten die Gestalt Jesu für ein Gespenst. Diese Panik kann der Leser nicht nachvollziehen, da er weiß, dass es sich hierbei um Jesus handelt, der sie erretten will (vgl. Heading 1997, S. 273). Jesus hingegen sieht und hört sehr wohl, wie sich die Jünger fühlen und antwortet ihnen mit den Worten: „Seid getrost, ich bin es. Fürchtet euch nicht!“ (Mt 14,27) Diese Worte sollen eine bestimmte Wirkung (auch beim Leser) erzeugen. Beide Sätze tauchen des Öfteren im AT auf (vgl. Konradt 2015, S. 237). Die Formel „ich bin es“ erinnert stark an die Selbstoffenbarung Gottes im brennenden Dornenbusch bei der Berufung Mose: „Ich werde sein, der ich sein werde“ (Ex 3,14). Darüber hinaus gibt es noch weitere Verse, in denen diese Wortformel auftaucht (z.B. Dtn 32.39; Jes 43,10) und jedes Mal als Selbstoffenbarung Gottes dient. Jesus begibt sich mit seinen Worten in diese Nachfolge.

Die zweite Wortformel „Fürchtet euch nicht“ findet als Zuspruch von Seiten Gottes Verwendung im AT (z.B. Gen 15,1; Gen 26,24; Ri 6,23). Die Menschen sollen sich nicht fürchten, denn er ist bei ihnen und gibt auf sie acht. Genauso gibt Jesus in jener Nacht am See Genezareth auf seine Jünger acht. Sie brauchen sich nicht zu fürchten, denn der Sohn Gottes ist bei ihnen. Somit haben die Worte Jesu zwei Wirkungsdimensionen. Einerseits entmystifiziert er „das Gespenst“ als denjenigen, den die Jünger kennen, als Jesus Christus. Andererseits erinnert er insbesondere durch die zweite Wortformel „Fürchtet euch nicht!“ an die Zuversicht Gottes gegenüber seinem Volk Israel (vgl. Luz 1990, S. 408).

3.1.3 Das Boot und der Sturm

Das Boot ist in dieser Geschichte vor allem ein Fahrzeug, um über den See zu kommen. Doch abseits von seinem gegenständlichen Zweck hat es auch heute sowie damals symbolische Wirkung. Politisch gesehen stand das Boot in der Antike für den Staat, also für eine Vielzahl von Menschen. Neben dieser politischen Bedeutung assoziierte man in der Antike auch die Begriffe „Leben“ oder „Seele“ mit dem Motiv des Bootes (vgl. Luz 1990, S. 28). Hier wird also das Motiv nur mit einer einzigen Person verbunden und dies dürfte häufig die eigene gewesen sein. Auch heutzutage gilt das Boot noch als Symbol für die Fahrt des eigenen Lebens. Es ist Anlass und Denkanstoß über sich selbst zu reflektieren (vgl. Drewermann 2000, S. 334).

Für die Fahrt des Bootes war und ist es entscheidend, ob es positiv oder negativ konnotiert ist. Wird das Schiff mit einem Sturm in Verbindung gebracht, bedeutete dies eine Gefahr. Der Sturm an sich stand für Bedrohung, Gefahr und Tod (vgl. Luz 1990, S. 28). Auf die Bilder der Antike übertragen bedeutet dies dann eine drohende Gefahr für den Einzelnen oder den Staat.

Im Rahmen des Matthäusevangeliums bekommt das Boot noch einen weiteren Deutungshorizont. In der matthäischen Ekklesiologie stehen die Jünger stellvertretend für die Gemeinde (vgl. Schnelle 2014, S. 419). Daraus resultiert, dass in der Geschichte vom Seewandel nicht „nur“ die Jünger in Bedrängnis geraten, angesichts des drohenden Sturms, sondern die Gemeinde an sich. Somit errettet Jesus nicht nur seine Jünger, sondern symbolisch betrachtet auch die (zukünftige) Gemeinde.

3.1.4 Die vierte Nachtwache

Die Zeit der vierten Nachtwache ist die Zeit zwischen drei und sechs Uhr morgens, also die Zeit des Morgengrauens (vgl. Konradt 2015, S. 237). Das Ende dieser Zeitspanne ist der Anfang des Tages gewesen, da dieser sich noch nach dem Auf- und Untergehen der Sonne gerichtet hat. Demnach ist er das Ende der dunklen Nacht und der Anbeginn des hellen Tages. Im biblischen Kontext ist dies vor allem auch die Zeit der Auferstehung Jesu (Mt 28,1). Generell findet in dieser Zeit das heilsame Eingreifen Gottes in einer Notlage statt (vgl. Luz 1990, S. 406): Im Morgengrauen verwirrte Gott das Heer der Ägypter (Ex 14,24) und der Psalm 46 sagt die Hilfe Gottes beim Anbruch des Morgens zu (Ps 46,6).

Das Wasserwandeln Jesu zur Rettung seiner Jünger ist Teil dieser Tradition, denn Jesus greift im Morgengrauen selbst heilsam in die Geschehnisse ein.

3.2 Redaktionsgeschichte

Die Redaktionsgeschichte soll feststellen, welche Quellen dem Schreiber vorlagen, wie er sie verwendet hat und welche redaktionellen Änderungen er im Vergleich zu dem Ursprungstext vorgenommen hat. Anschließend wird das gestaltende Handeln des Redaktors aufgezeigt, um abschließend dessen theologisches Anliegen deuten zu können.

3.2.1 mündliche und schriftliche Vorlagen

Die Erzählung über den Seewandel Jesu ist an drei Stellen der Bibel zu finden: Mk 6,45-52; Mt 14,22-33 und Joh 6,16-21. Lediglich beim Evangelisten Lukas findet sich keine vergleichbare Erzählung. Entsprechend der Zwei-Quellen-Theorie bedeutet dies, dass Matthäus sich an Markus orientiert hat und Lukas diese Erzählung aus unbekannten Gründen nicht in sein Evangelium aufgenommen hat. Man könnte einerseits vermuten, dass er sie für unwichtig hielt oder andererseits, dass ihm die Verbindung von Jesus und dem Wort „Gespenst“ zu anstößig war.

Für die redaktionelle Analyse ist also der Vergleich mit dem Markusevangelium entscheidend.

3.2.2 handelndes Wirken des Redaktors

Im Vergleich zu Markus fallen drei wesentliche Unterschiede auf: (1) Unterschiedliche Anordnung der Verse durch umformulierte oder neue Sätze (2) Episode über den Seewandel des Petrus (3) Reaktion der Jünger auf den Seewandel Jesu und die Stillung des Seesturms.

(1)   Die Informationen aus den Versen sind verschoben. Matthäus macht im zweiten Vers der Geschichte (Mt 14,23) mit einem extra Satz deutlich, dass Jesus allein ist. Bei Markus passiert dies erst im dritten Vers als Anhang an einen anderen Satz (Mk 6,47). Dies passiert ein weiteres Mal in Mt 14,24 indem Matthäus explizit darauf hinweist, dass das Boot der Jünger von den Wellen hart bedrängt wird. Markus erzählt dies erst einen Vers später und berichtet nur davon, dass sich die Jünger abmühen, erwähnt aber keine bedrohlichen Wellen (Mk 6,48).

(2)   Der auffälligste Unterschied zwischen den beiden Erzählungen ist die Erweiterung um den Wasserwandel des Petrus. Diese Episode fügt sich flüssig ohne zeitliche oder örtliche Zäsur ein. Der daran anschließende Vers, in dem Jesus wieder in das Boot steigt, ist bei beiden Evangelisten nahezu identisch (Mt 14,32; Mk 6,51).

(3)   Die wahrscheinlich bedeutendste redaktionelle Änderung stellt die Reaktion der Jünger dar. Während sie bei Markus nicht zur Einsicht gelangen (Mk 6,51f.), erkennen sie bei Matthäus Jesus als Gottessohn an und knien vor ihm nieder (Mt 14,33).

3.2.3 theologisches Anliegen des Redaktors

Es stellt sich nun die Frage, warum diese Änderungen vorgenommen wurden. Die unterschiedliche Einteilung der Verse kommt durch eine Umstrukturierung der Sätze zu Stande. Diese setzen bei Matthäus andere Akzente. In V24 stellt er die Situation für die Jünger bedrohlicher dar. Nicht nur, dass sie „viele Stadien vom Land entfernt“ sind, sie werden auch noch „von den Wellen hart bedrängt“. Durch diese vergleichsweise kleinen, redaktionellen Änderungen wird die Situation für die Jünger augenscheinlich umso gefährlicher und eine Rettung durch Jesus umso wichtiger.

Wie schon zuvor erwähnt, befasst sich die Episode des Seewandels Petrus‘ mit dem Kleinglauben, also dem Zweifel im Glauben. Hier liegt wahrscheinlich auch das theologische Anliegen von Matthäus. Er fügt diese Verse ein, um die Leser darauf aufmerksam zu machen, dass Zweifel im Glauben einerseits dazu gehört, andererseits aber auch im Vertrauen auf Jesus überwunden werden können. Matthäus weist den Leser auf seinen eigenen Kleinglauben hin, macht gleichzeitig aber deutlich das die schöpferische Kraft Jesu jederzeit rettend eingreifen kann.

Die veränderte Reaktion der Jünger erscheint hier als logische Entwicklungsfolge auf die Verwunderung bei der Sturmstillungsgeschichte: „Was ist das für einer, dass ihm selbst Wind und Wellen gehorchen?“ (Mt 8,27). Die Antwort findet sich dann als Bekenntnis sechs Kapitel später: Wer die Vollmacht über die Elemente hat, muss der Sohn Gottes sein (vgl. Konradt 2015, 238f.). Für Matthäus ist der Begriff „Gottessohn“ der wichtigste christologische Titel (vgl. Luz 1990, S. 411) und somit auch das höchste Bekenntnis der Gemeinde, welche hier stellvertretend durch die Jünger im Boot dargestellt wird (vgl. Kapitel 3.1.3.). Damit möchte er zeigen, dass die Jünger (bzw. die Gemeinde) trotz ihres „Kleinglaubens“ glaubende Christen sind. Im Gegensatz zum Markusevangelium kommen sie zur Einsicht und wachsen im Glauben durch die Gottessohnerkenntnis.

4. Stimmen aus der Forschung

4.1 Petrus als Vorbild

„Er [Petrus] erscheint als der ‚erste‘ Apostel (Mt 10,2), als Sprecher des Jüngerkreises (Mt 15,15; 18,21), und sein Verhalten wird in Mt 14,28-31 als Lehrbeispiel für das rechte Verhältnis von Glaube und Zweifel dargestellt.“ (Schnelle 2014, S. 420)

4.2 Jesu Hilfe in der Not

„Wenn ihr euch in den Nöten, die die Nachfolge mit sich bringen kann […], voller Vertrauen an euren Herrn wendet, wird er euch trotz allen Versagens nicht im Stich lassen. Das bedeutet natürlich nicht, dass er die Nöte beseitigt (vgl. Mt 16,24). Aber er will dazu befähigen, sie zu tragen (vgl. Mt 11,28-30).“ (Fiedler 2006, S. 276)

4.3 Jesu Weg über den Abgrund

„Es ist nicht irgendein Weg, sondern es ist der Weg der Liebe und des Gehorsams. Durch Jesus getragen werden im Abgrund des Wassers heißt nicht, irgendwie über sich selbst hinauswachsen und Transzendenzerfahrungen zu machen, sondern auf Jesu Weg der Liebe sich einzulassen und dann, in einer abgründig lieblosen Welt, das Getragensein durch ihn zu erfahren.“ (Luz 1990, S. 412)

Literatur

Becker, Jürgen. 2011. Simon Petrus im Urchristentum, 2. Aufl. Biblisch-theologische Studien, Bd. 105. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Theologie.

Drewermann, Eugen. 2000. Das Matthäusevangelium. Bilder der Erfüllung, 2. Aufl. Olten: Walter.

Fiedler, Peter. 2006.Das Matthäusevangelium. Theologischer Kommentar zum Neuen Testament, / hrsg. von Ekkehard W. Stegemann … ; Band 1. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer.

Heading, John. 1997. Matthäus. Was die Bibel lehrt, Bd. 1. Dillenburg: Christliche Verl.-Ges.

Konradt, Matthias. 2015. Das Evangelium nach Matthäus. Das Neue Testament deutsch, neues Göttinger Bibelwerk / hrsg. von Karl-Wilhelm Niebuhr … ; Teilbd. 1. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Luz, Ulrich. 1990. Mt 8-17. Das Evangelium nach Matthäus, Bd. 2.

Schnelle, Udo. 2014. Theologie des Neuen Testaments, 2. Aufl. UTB Theologie, Religion, Bd. 2917. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

zurück zur Übersicht