Verheißungsbotschaft für Israel

Cornelia Schindler

Kurzbeschreibung:
Der Text umfasst sowohl eine Verheißungsbotschaft für Israel als auch einen Tätigkeitsbericht JHWHs. Der zu besprechende Abschnitt zeigt die Neuzuwendung JHWHs zu seinem Volk Israel, die Ausdruck in einem überreichen Erntesegen findet. Gott selbst legt Hand an sein Volk. Arbeit ist nicht mehr Mühsal und Last, sondern ein Zeichen der Freiheit und des Wiederaufbaus. Im Gegensatz zu Am 5,11 soll Israel nun die Früchte seiner Arbeit wieder genießen können.
Zusätzliche Autoreninformation: Cornelia Schindler
Studentin, Universität Dresden
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Am 9,11-15
Zusätzliche Skripturen:
Gen 8,22 Lev 23,43 Lev 26,5 Num 24,18 Dtn 16,13 1 Sam 12,17 2 Sam 7,11 Neh 6,1 Ps 104,15 Sir 31,25 Jes 1,8 Jes 15-20 Jes 65,8 Jer 24,6 Jer 42,10 Jer 51,9 Joel 1,10-12 Joel 4,19 Am 2,10 Am 5,11f Am 7,10-17 Am 8,1f Am 9,7-10 Mal 1,4
Weitere Schlagworte:
Ackerbau; Ackerboden; Anbau; Amos; Arbeit; Arbeitsrhythmus; aufbauen; Botenformel; Bund; Edom; einpflanzen; Ernte; Erntesegen; Errichten; Gabe; Gerechtigkeit; Gesellschaftsordnung; Heil; Heilszeit; Hoffnung; Hütte Davids; Israel; JHWH; Land; Landgabe

 

 

1. Erster Leseindruck

Wenn ich den Restamostext mit Am 9,11-15 vergleiche, so fällt mir ein inhaltlicher Bruch auf. Amos, der bisher nur als Unheilsprophet in Erscheinung getreten ist, verkündet nun die erneute Zuwendung JHWHs zu seinem Volk. JHWH selbst legt wie ein Baumeister Hand an sein Volk, um es wieder aufzurichten, wobei es hier offensichtlich nicht nur um eine einfache Restauration geht. Wie es scheint, bildet sich in diesem Textabschnitt ein neues Gesellschaftssystem heraus, das JHWH und Israel in eine neue Beziehung zueinander versetzt.

 

2. Synchrone Zugangsweise: JHWH wandelt die Arbeit

2.1. Abgrenzung des Textes und Kontextanalyse

Am 9,11-15 stellt den zweiten Teil eines eigenständigen Textabschnittes (Am 9,7-15) dar, der das gesamte Amosbuch abschließt. Der erste Teil (Am 9,7-10) deutet das bis zu diesem Abschnitt proklamierte Gottesgericht als Läuterungsgericht und fordert Israel auf, sich von der Schuld abzuwenden, die zum Gericht führt. Der hier zu besprechende zweite Teil (Am 9,11-15) entwirft eine Heilszukunft und wendet sich an das Volk Israel mit der Zusage, dass das künftige Heil allein in der Umkehr zu JHWH zu finden ist, dem Geber aller guten Gaben. Mit diesem Zuspruch stellt Am 9,11-15 in seiner inhaltlichen Gestaltung einen Bruch gegenüber dem Resttextkorpus des Amosbuches dar.

 

2.2. Gliederung

Am 9,11-15 kann nach inhaltlichen Aspekten in zwei Verheißungsreden JHWHs gegliedert werden. V11f stellt das Walten Gottes in den Vordergrund, der sich erneut seinem Volk zuwendet, um es gesellschaftlich zu erneuern. Hierbei wird die Herrschaft Israels nicht nur wiederhergestellt, sondern sie wird über Rest-Edom und andere Völker erweitert, damit der Name Gottes Verbreitung finden kann (v12). Mit v13 setzt die zweite Verheißungsrede JHWHs an, wobei diese sich mehr auf die Auswirkungen des Handeln Gottes konzentriert. Das Wirken JHWHs hat zur Folge, dass es zu einem reichen Erntesegen kommt und sich das Verhältnis von Säen und Ernten verkürzt (v13f). JHWH selbst wird sein Volk wieder in sein Land „einpflanzen“ und bestärkt somit den Bund zwischen sich und seinem Volk Israel (v15).

 

2.3. Linguistische Analyse

Das Prophetenwort Am 9,11-15 gliedert sich in zwei Teilabschnitte. Der erste Abschnitt wird hierbei mit der Wortgruppe: „An jenem Tag“ (v11) eingeleitet, welche als Markierung eines neu einsetzenden Redeganges gelten kann. Diese Tatsache kann entweder aus einer redaktionellen Bearbeitung heraus resultieren oder ist als Verweis auf einen eschatologischen Redegang zu verstehen, ohne dass der Wortgruppe selbst bereits eschatologische Bedeutungszüge zugesprochen werden müssen. Abgeschlossen wird dieser erste Redegang durch die Botenformel: „Spruch des Herrn, der alles bewirkt hat.“ (v12). V13 hingegen eröffnet den zweiten Redegang mit dem Imperativ: „Siehe“, um das Augenmerk des Hörenden auf die folgenden Worte zu richten. In dem weiterführenden v14 ist die Verbindung „dann wende ich das Geschick“ besonders auffällig, wobei offen ist, ob das hebräische Wort für „wenden“ entweder von gefangen, weggeführt oder aber wenden abgeleitet wird (vgl. Deissler, 1985, 134f; vgl. Gesenius, 1962, 800f.811; vgl. Nägele, 1995, 183ff). Die Verbindung „dann wende ich das Geschick“ weist fast wörtliche Parallelen zwischen Jer 30,3 und v14 auf. Auf Grund der in etwa zeitgleichen Rückdatierung beider Textpassagen ist unsicher, welcher der beiden Autoren vom anderen Gedankengut übernahm. Zugleich wird in v14 eine sprachliche Bildkombination entworfen, wenn Weingärten angelegt werden und Wein getrunken wird, Gärten errichtet und Früchte gegessen werden. Zusammen mit den aufeinander folgenden Substantiven, die die Arbeiter des Säens und Ernten benennen, kommt es zu einer zeitlichen Beschleunigung und einem Bild des Erntesegens (v13f). Untermauert wird dieses beschleunigte Handlungsbild durch eine Anzahl von Verben, die zumeist in der 1. P. Sgl. stehen (z.B. v11: ich richte auf, ich bessere aus) und somit auf das Wirken JHWHs an seinem Volk verweisen. Die 1. P. Sgl. unterstützt zugleich die Form der Gottesrede durch den Propheten Amos. Dem gegenüber steht die verwendete 3. P. Pl., welche  sich auf das Volk Israel bezieht und somit das Handeln JHWHs an seinem Volk herausstellt. Hierbei ist der Redegang vorrangig im Futur verfasst, womit es sich um eine zukunftsorientierte Heilszusage handelt. V15 schließt die in v13 begonnene Gottesrede mit der Botenformel ab: „Spricht der Herr, dein Gott“. Das Amosbuch nimmt zumeist die Formel „spricht der Herr“ auf. In v15 wird diese erweitert durch „dein Gott“, womit ein Verweis auf die alttestamentliche Formel der Bücher Mose vorgenommen wird (vgl. Dtn 5,6) (vgl. Deissler, 1985, 134f; vgl. Nägele, 1995, 188ff; vgl. Rusche, 1975, 135f).

 

2.4. Argumentationsweg

Die v11-15 stellen einen inhaltlichen Bruch mit der gesamten Amosschrift dar. Würde man Am 1-9,10 für sich allein betrachten, so müsste Amos als ein absoluter Unheilsprophet gelesen werden. Erst am Ende der Amosschrift wird Israel eine neue Heilszeit angekündigt. Hierbei handelt es sich in den Versen Am 9,11-15 um eine Rede Gottes an sein Volk. JHWH kann sich nicht vollkommen von Israel abgewandt haben, da er durch seinen Propheten Worte der Mahnung und Aufrufe zur Umkehr verkünden lässt. Das heißt, dass eine Rettung Israels durch Umkehr und Buße immer noch möglich ist. JHWH selbst möchte sein Volk wiedererrichten. Dafür steht das Bild der „zerfallenen Hütte Davids“ (v11). Dabei kann dieses Bildmotiv in seinem Bedeutungsgehalt nicht eindeutig geklärt werden. Wird von den Gerichtsworten in Am 9,7-10 ausgegangen, so kann in v11 ein Gegenentwurf zur dynastischen Herrschaft gesehen werden, womit eine neu begründete, gesellschaftliche Ordnung durch JHWH aufgebaut würde, die sich der Herrschaft JHWHs nach dem Zusammenbruch des Reiches Davids und der Nachfolgedynastien bewusst wird (vgl. Bic, 1969, 187f; vgl. Lang, 2004, 260f; vgl. Nägele, 1995, 194ff; vgl. Rusche, 1975, 120f). Der Verweis auf „die zerfallene Hütte Davids“ kann gleichzeitig im Kontext von 2 Sam 7,11 (Nathanverheißung) gelesen werden, wo es heißt: „Nun verkündet dir der Herr, dass der Herr dir ein Haus bauen wird“. Daraus lässt sich ein Verweis auf die Ereignisse und Kämpfe um Jerusalem 587/86 v.Chr. erschließen, als die „Hütte David“ in Ruinen liegt und nun eine Neuerrichtung erfährt, wie sie auch die Propheten Maleachi (Mal 3,4) oder Jeremia (Jer 51,9) ankündigen. Aus dieser Perspektive können auch die „Risse“ (v11) als Verweis auf die Jerusalemer Stadtmauer gesehen werden, die bei der Eroberung Jerusalems (587/86 v.Chr.) zerstört und unter Nehemia im 5. Jh. v.Chr. wiedererrichtet wurde (Neh 6,1). JHWH wendet sich erneut seinem Bundespartner zu, nachdem scheinbar Israel sein Wort gehört und erkannt hat und daher nun in eine neue Beziehung zu JHWH tritt. Wenn sich auch nicht endgültig klären lässt, in welchem Deutungshorizont das Motiv der „zerfallenen Hütte Davids“ steht, so lässt sich dennoch festhalten, dass es sich in v11 um einen Neubeginn Israels handelt (vgl. Bic, 1969, 187f; vgl. Deissler, 1985, 134f; vgl. Nägele, 1995, 212f; vgl. Rusche, 1975, 121f; vgl. Wagner, 1973, 691f).

Wird in v11 das Wirken JHWHs beschrieben, der durch sein Tun eine neue Zeit zu gestalten beginnt, so ist in v12 das Subjekt des Handeln Gottes benannt, nämlich sein Volk Israel. V12 ist ein Finalsatz, der seine Begründung bereits in v11 erfährt, indem Gott selbst als „Baumeister“ Hand an die „Hütte Davids“ legt. Hierbei kommt es nicht nur zu einer Erneuerung der Herrschaft Israels, sondern diese wird über den Rest Edoms und andere Völker erweitert. Auch in Mal 1,4 wird Edom als ein Volk beschrieben, dessen JHWH auf ewig zürnen wird und bezeichnet dieses als Gebiet der Frevler. Verbunden wird diese Inbesitznahme mit der Ausrufung des Namens JHWHs, dessen Herrschaft dadurch Anerkennung erfährt. Es geht somit in v12 nicht vordergründig um die Restauration der politischen Verhältnisse, sondern vielmehr um die Ausweitung der Bekanntheit des Namens JHWHs und dessen Anerkennung (vgl. Deissler, 1985, 134f; vgl. Lang, 2004, 257ff; vgl. Rusche, 1975, 120f; vgl. Scoralick, 2004, 322; vgl. Wöhrle, 2006, 119f). 

Die Worte „Seht es kommen Tage – Spruch des Herrn“ (v13) leiten die zweite Verheißungsrede JHWHs ein. Hierbei handelt es sich um die Aussicht auf überreichen Erntesegen, wobei sich der jahreszeitliche Wechsel von Säen und Ernten wesentlich verkürzt. Daraus lässt sich ableiten, dass die Arbeit im agrarischen Bereich eine Beschleunigung findet (v12). Dieser Beschleunigungsprozess und das eigenständige „pflanzen“ Gottes (v15) ist Ausdruck der Neuzuwendung JHWHs zu seinem Volk. Damit wird die Verheißung aus Gen 8,22 übererfüllt, in welcher es heißt: „Solange die Erde besteht, sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Arbeit wird hierbei nicht mehr als Last und Mühe betrachtet, sondern sie ist Ausdruck der Dankbarkeit, Freude und Freiheit gegenüber JHWH (vgl. Bic, 1969, 190f; vgl. Crüsemann, 2004, 204f; vgl. Deissler, 1985, 135ff; vgl. Rusche, 1975, 125f; vgl. Scoralick, 2004, 322ff). Säen und Ernten stellen die enge Beziehung zwischen Menschen- und Pflanzenwelt dar. Wenn sich der Wechsel zwischen Wachsen und Ernten beschleunigt, muss implizit mitbedacht werden, dass auch der menschliche Arbeitsrhythmus an Schnelligkeit gewinnt. Dies wird jedoch in Am 9,13ff nicht bewusst ausformuliert und offen bleibt zugleich, welche Konsequenzen sich damit für den Wechselrhythmus von Arbeits- und Ruhephasen ergeben. Fest steht jedoch, dass das Glück Israels abhängig vom Ertrag seiner Arbeit in der Ernte ist. Ein Nichtgedeihen ist immer verbunden mit Not und Hungerskatastrophen. So stehen Begriffe wie „welken“ oder „Dürre“ (Joel 1,10-12) in der prophetischen Sprache zumeist für Mahnungen zur Umkehr, um den Zorn JHWHs über Israel abzuwenden. 

Wenn es in v14 heißt, dass die Weinberge neu gepflanzt und Gärten wieder angelegt werden, so ist dies ein Sinnbild dafür, dass es zu einem Neuanfang für Israel kommt. In der antiken Bild- und Symbolsprache ist der Garten ein Symbol für Frieden, Sicherheit und Geborgenheit. Seine Nützlichkeit kann als Quelle des Lebens verstanden werden. Die Früchte des Gartens und gerade der Weinstock sind Metaphern für diese Sicherheit, den Wohlstand und den Segen JHWHs (vgl. Jes 65,8). Indem Gärten neu angelegt und bepflanzt werden können, zeigt sich eine Zeit des wiedererlangten Friedens und des Aufbaus nach der Zerstörung Israels. Die Fruchtbarkeit des Weinberges bedarf eines hohen Arbeitsaufwandes, das heißt, dass mit dem Erntesegen JHWHs auch ein erhöhter Einsatz an Pflege und Verantwortung für den Weinberg bzw. den Garten erforderlich ist. JHWH wendet sich seinem Volk zu und wird zum Garant von Ruhe und Frieden, damit Israel sich wieder aufrichten und erneuern kann. Zugleich ist es JHWH selbst, der mit Hand anlegt und sein Volk in das Land „pflanzt“ (v15) (vgl. Berg, 2002, 69ff; vgl. Müller, 2001, 1074; vgl. Silberstein, 2002, 33f).   

Das in v15 angeführte Motiv der Landgabe ist ein deuteronomistisches Konzept, das sich auf die Erwähltheit Israels durch JHWH beruft. Hierbei ist es nicht Israel selbst, welches sich mittels natürlicher Vererbung und Eroberung das Land bereitet, sondern das Land ist ihnen von JHWH verheißen (Am 2,10) und übergeben worden. Nach einer Zeit des Landesverlusts ist es JHWH, der es seinem Volk erneut übergibt und es nun auf ewig hineinverpflanzt (v15). An den Bund erinnernd ist es JHWH selbst, der Hand anlegt an sein Volk und diesen bestätigt. Der Mangel, den JHWH zugelassen hatte, wird nun in einen überreichen Segen umgekehrt. Die beschleunigte Arbeitszeit und ihr Erfolg werden nur möglich durch den Frieden, den JHWH schenkt, womit er selbst zum Garant für die von ihm errichtete Gesellschaftsordnung wird (vgl. Lang, 2004, 262f; vgl. Pögler, 1973, 103ff).

 

3. Diachrone Beobachtungen: Sekundäre Einfügung?

3.1. Redaktions- und Literarkritik

Inhaltlich gesehen stellt Am 9,11-15 einen Bruch zum Restamostext dar. Daraus könnte abgeleitet werden, dass es sich in diesem Textabschnitt um eine sekundäre Eintragung handelt, die vorgenommen wurde, um die reine Unheilsprophetie abzuschwächen und dem klassischen Prophetenmodell (Androhung von Strafe und Ankündigung der Wiederzuwendung JHWHs zu seinem Volk) anzugleichen. Lang geht davon aus, dass Am 9,11-15 eine literarische Einheit darstellt, die einen Themengegenstand aus zwei unterschiedlichen Perspektiven heraus betrachtet (vgl. Lang, 2004, 255f). Schart stimmt mit Lang dahingehend überein, dass der Textabschnitt eine inhaltliche Geschlossenheit zeigt, lehnt aber dessen formale einheitliche Gestaltung ab (vgl. Schart, 1998, 96ff.253f). Die inhaltliche Geschlossenheit besteht für ihn darin, dass die v11f.14f die Wiedererrichtung der „Hütte Davids“ in den Blick nehmen. Seiner Argumentation zufolge werden in v13 utopische Bilder eines Erntesegens aufgebaut, die im Spannungsverhältnis zu den in v14 stehen, bei denen es sich um realistische agrarische Vorgänge handelt. Des Weiteren kann aus dem Kontext heraus nicht der in v12a vorgenommene Wechsel in die 3. P. Sgl. m. erklärt werden, da sich kein Bezug zu v11 herstellen lässt. Während v11 als Gottesrede ausgestaltet wurde, nimmt v12a diese Redeform nicht an. Zugleich ist in 12b von einem vorausgesetzten Handeln JHWHs die Rede, das Bezug auf v11 nimmt, aber in v12a nicht aufgegriffen wird (vgl. Wöhrle, 2006, 121ff).

Schart weist v12a.13ab einer so genannten Fremdvölkerschicht zu, die eine Einnahme der edomitischen Gebiete voraussetzt. Der Hinweis in v12 auf „Rest-Edom“ führt zu der zeitlichen Annahme, dass dieser Eintrag gegen Ende des babylonischen Exils vorgenommen wurde, in einem Kontext, nachdem es bereits zu Übergriffen auf Edom kam. V13 hingegen wird der Joel-Schicht zugeordnet, da dieser Vers teilweise wörtliche Parallelen zu Joel 4,18 aufweist. Gleichzeitig lassen sich für diesen Textabschnitt Parallelen zum Jeremiatext aufweisen. So wird die Einleitung: „Seht es kommen Tage“ (v13) zumeist im Prophetenbuch Jeremia verwendet. Inhaltlich betrachtet nimmt v11ff das Jeremia-Motiv des Ausreißens und Wiedereinpflanzens (Jer 24,6) mit auf. Dabei können keine gesicherten Aussagen darüber getroffen werden, welcher der beiden Autoren vom anderen dieses Textstück übernahm. Nach Pohlmann könnte Jer 24 in eine gola-orientierte Redaktion eingeordnet werden, die jedoch erst auf das 4. Jh. v.Chr. zurückdatiert werden kann. Damit wäre v11ff die ursprüngliche Textgrundlage (vgl. Backhaus/Meyer, 2008, 469). Daraus lässt sich die Vermutung ableiten, dass entweder beide Autoren auf eine gemeinsame Textquelle zurückgriffen oder es sich in v11ff um einen nachjeremianischen Redaktor handelt, der in der Heilstraditionslinie steht. Fest steht, dass dieser Textabschnitt am Ende des Amosbuches etwa an das Ende des babylonischen Exils bzw. in die Zeit der Rückkehr aus dem Exil datiert werden kann. Das veränderte Vokabular, die abweichende inhaltliche Struktur einer Verheißungsprophetie gegenüber einer vorangegangenen Unheilsprophetien und eine veränderte Formgestaltung gegenüber dem Resttext, verweisen auf eine redaktionelle Hinzufügung (vgl. Bormann, 2005, 127ff; vgl. Silberstein, 2002, 31ff).  

 

3.2. Traditionskritik

Für Israel war der Zusammenhang von Säen und Ernten von existentieller Bedeutsamkeit. Die agrarische Pflege bedurfte einer langen Entwicklung und deren Kenntnisse wurden über Tradierungsprozesse an die nachfolgende Generation weitergegeben. Vorrangig werden im Alten Testament die Kulturpflanzen Weizen, Gerste, Wein und Oliven benannt. Innerhalb der Prophetie werden ihre Wachstums- und Ernteprozesse aufgenommen, um das Schicksal Israels zu umschreiben bzw. es zur Umkehr aufzurufen. Hierbei wird der Versuch unternommen, alltägliche Handlungsstrukturen mit der religiösen Sphäre zu verbinden und somit auf die Gegenwart oder Zukunft zu verweisen. Das bedeutet zugleich, dass ein gelingendes Schicksal Israels von deren Ernteerträgen abhängig ist. Die Ernte von Gerste und Weizen erfolgte im April (Küstenebene) bzw. im Mai (Bergland). Vierzehn Tage darauf erfolgte die Weinernte (1 Sam 12,17) und etwa zehn Tage zuvor die Ernte der Hülsenfrüchte. Großgrundbesitzer konnten durch hohe Ernteerträge Reichtum erwerben (vgl. Maiberger, 1991, 578f; vgl. Schwank, 1991, 28f).

Neben der Betrachtung des historischen Ernteprozesses ist es notwendig, einen erweiterten Blick auch auf den historischen Kontext zu werfen, in dem das Prophetenwort schriftlich festgehalten und der Person des Amos zugesprochen wurde. Mit der Eroberung Jerusalems und der Zerstörung des Jerusalemer Tempels 587/586 v.Chr. durch die Neubabylonier war die Auflösung des Tempelkultwesens Israels und somit die Gefährdung der theologische Identitätsbildung Israels verbunden. Durch die Eroberung Jerusalems kam es zu Verschleppungen in das babylonische Exil (Gola). Somit war für die in der neuen Diasporasituation lebenden Israeliten eine bewusste (theologisch begründete) Identitätsbildung durch Abgrenzung von der babylonischen Umwelt  erforderlich. 538 bzw. 520 v.Chr.  begann die Rückkehr der Exilanten, woraus Spannungen zwischen der verbliebenen Bevölkerung und den heimkehrenden Israeliten resultierten. Die Erfahrungen des Exils und die sich daran anschließenden wirtschaftlichen Notlagen führten zu einem unterschiedlichen Umgang mit fremden Völkern. So lassen sich Tendenzen der polemischen Abgrenzung nachweisen, die sich in unsolidarischen, Unheil verheißenden Völkersprüchen widerspiegeln (Jes 15-20). Auf der anderen Seite kommt es dazu, dass die Völker mit zur Teilhabe am Heil JHWHs eingeladen sind, sofern sie seine Herrschaft anerkennen. Hierbei jedoch wird immer die besondere Beziehung zwischen JHWH und dem Volk Israel fortgeführt und betont (vgl. Albertz, 2001, 112ff; vgl. Staubli, 2003, 58ff). 

 

4. Stimmen aus der Forschung

Wenn Amos der Prophet Gottes war, dessen Botschaft die Umkehr und soziale Erneuerung ist, indem er über Israel das Gericht JHWHs verkündete, so wird er am Ende des Buches in Am 9,11-15 zum hoffnungs- und zukunftsweisenden Propheten. Forschungsgeschichtlich ist hierbei die Frage von Interesse, ob es sich um einen redaktionell geschlossenen Text (vgl. Lang, 2004) oder einen zwar inhaltlich geschlossenen, jedoch redaktionell vielschichtigen bearbeiteten Textabschnitt handelt (vgl. Schart, 1998). Die in Am 9,11ff angeführte prophetische Rede nimmt keine erneute Aufforderung zur Umkehr und Buße des Volkes Israel auf. JHWH wendet sich seinem Volk wieder zu und richtet es neu auf, um seinen Namen und seine Herrschaft über die Grenzen Israels hinaus bekannt zu machen (v12). Gott selbst wird sein Volk wieder aufrichten in einem neuen gesellschaftlichen System (vgl. Lang, 2004). Verbunden wird diese Heilsankündigung mit einer Restauration des Landes und seiner agrarischen Produktivität (v14f). Der Ernteüberschuss und der sich verkürzende Wechselprozess zwischen Aussaat und Ernte sind Zeichen der Gnade Gottes, womit der Begriff der Arbeit einen neuen, freiheitlichen Charakterzug erhält (vgl. Crüsemann, 2004).

 

Literaturverzeichnis

Albertz, Rainer, 2001, Die Exilszeit. 6. Jahrhundert v. Chr. (Biblische Enzyklopädie 7), Stuttgart/Berlin/Köln

Backhaus, Franz-Josef/Meyer, Ivo, 72008, Das Buch Jeremia, in: Zenger, Erich, Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart, 452-477

Berg, Werner, 2002, Israels Land, der Garten Gottes. Garten als Bild des Heils im Alten Testament, in: Neumann-Gorsolke, Ute/Riede, Peter (Hgg.), Das Kleid der Erde. Pflanzen in der Lebenswelt des alten Israel, Neukirchen-Vluyn, 61-85

Bic, Milos, 1969, Das Buch Amos, Berlin

Bormann, Lukas, 2005, Bibelkunde. Altes und Neues Testament, Göttingen

Crüsemann, Frank, 2004, Maßstab: Tora. Israels Weisung und christliche Ethik, Gütersloh

Deissler, Alfons, 1985, Zwölf Propheten. Hosea, Joel, Amos, Leipzig

Hajjiev, Tchavdar S., 2008, The composition and redaction of the Book of Amos (BZAW 393), Berlin/New York

Lang, Martin, 2004, Gott und Gewalt in der Amosschrift (Forschungen zur Bibel 102), Würzburg

Maiberger, Paul, 1991, Art. Ernte, in: NBL I, 578-580

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Nägele, Sabine, 1995, Laubhütte Davids und Wolkensohn. Eine auslegungsgeschichtliche Studie zu Amos 9,11 in der jüdischen und christlichen Exegese (AGAJU 24), Leiden/New York/Köln

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Pögler, Josef, 1973, Art. amadah, in: ThWAT I, 95-105

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Schart, Aaron, 1998, Die Entstehung des Zwölfprophetenbuchs. Neubearbeitung von Amos im Rahmen Schriftübergreifender Redaktionsprozesse (BZAW 260), Berlin

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Silberstein, Zwi, 2002, Die Pflanzen im Alten Testament, in: Neumann-Gorsolke, Ute/Riede, Peter (Hgg.), Das Kleid der Erde. Pflanzen in der Lebenswelt des alten Israel, Neukirchen-Vluyn, 23-60

Staubli, Thomas, 2003, Begleiter durch das Erste Testament, Düsseldorf

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Wagner, Siegfried, 1973, Art. banah, in: ThWAT I, 689-706

Wöhrle, Jakob, 2006, Die frühen Sammlungen des Zwölfprophetenbuches. Entstehung und Komposition (BZAW 360), Berlin

 

 

 

 

 

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