Die Auferstehung Jesu und dessen Missionsbefehl

Nina Bültemeier

Kurzbeschreibung:
Der Abschnitt 28,1-20 des Matthäusevangeliums handelt von der Auferstehung Jesu und dessen Missionsbefehl an die Jünger. Nach Michel ist das ganze Evangelium nur unter der theologischen Voraussetzung von Mt 28,16-20 als „Schlüssel zum Verständnis des ganzen Buches“ (Michel, 1950/51, 17) zu verstehen. Mit diesem Aspekt und anderen Auffälligkeiten wird sich der Text im literar- und redaktionsgeschichtlichen Teil auseinandersetzen.
Zusätzliche Autoreninformation: Nina Bültemeier
Studentin, Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Grundschule Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Mt 28,1-20
Zusätzliche Skripturen:
Lk 24,13-35 Mt 22,23-33 Mt 27,62-66 Joh 20,11-31 1 Kor 15
Weitere Schlagworte:
Apostel, Auferstehung, Auftrag, Erscheinung, Ewiges Leben; Jenseitsvorstellungen;Mission; Reich Gottes; Sterben; Tod

1. Erster Leseeindruck

Mt 28,1-20 beschreibt sehr ausführlich und ausschmückend die Auferstehung Jesu. Dieses Geschehen wirkt sehr bedeutend, da Naturereignisse (Erdbeben) und göttliche Boten (Engel) auftreten. Das Evangelium des Matthäus gipfelt in der Erscheinung des Auferstandenen vor seinen Jüngern und dem Missionsbefehl an sie, was durch den Stoffumfang fast bilderbuchgeschichtlich niedergeschrieben wurde.


2. Synchrone Zugangsweise: Der Missionsbefehl als Schlüsel zum Verständnis

2.1 Inhalt

Mit dem Ende des Sabbats und dem neuen Wochenanfang beginnt die Auferstehungsgeschichte in Mt 28,1. Die folgenden Verse 2-4 erzählen von zwei Frauen, die nach dem Grab von Jesus sehen wollen, während ihnen mit einem Erdbeben ein Engel erscheint. In Mt 28,5-8 verkündet der Engel Jesu Auferstehung und befiehlt den Frauen, schnell in die Stadt zu gehen, in der Jesus sie bereits erwarten wird, um die Nachricht seinen Jüngern zu verkünden. Nicht die Leere des Grabes, sondern die Botschaft von der Auferstehung Jesu begründet den Osterglauben und stellt das wesentliche Element des Textabschnitts dar. Auf dem Weg in die Stadt begegnet Jesus den Frauen (Mt 28,9-10) und fordert sie auf, die frohe Botschaft allen Brüdern in Galiläa zu verkünden. Die Frauen gehen in die Stadt, um die Nachricht zu verbreiten.

Dann fügt Matthäus eine offensichtlich apologetische Erzählung über die Grabeswächter ein, indem einige Wachen in Mt 28,11-15 den Hohepriestern von den Ereignissen erzählen. Daraufhin befehlen die Priester den Soldaten, dass diese weitererzählen sollen, dass die Jünger Jesus aus dem Grab gestohlen haben (vgl. Schnelle, 2007, 268 ff).

Der Missionsbefehl an die Jünger findet in den Versen 16-18 statt. Die Jünger gehen nach Galiläa auf den Berg, wo Jesus bereits auf sie wartet. Er tritt zu ihnen und verkündet, dass er auferstanden sei und beauftragt die Jünger, in die Welt hinauszuziehen, um die Menschen zu taufen und Jesu Lehren weiterzugeben.

Das Immanuel-Motiv, das heißt, die sogenannten Inklusionen finden sich in Mt 28,20 wieder (vgl. Lange, 1973, 240f).

2.2 Textintention

Die Aussageintention des Textes liegt in dem Missonsbefehl Jesu an seine Jünger. Das Evangelium endet daher mit dem wichtigsten Ereignis, nämlich mit dem Wunsch Jesu, die Menschen im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zu taufen und sie zu lehren, was Jesus seinen Jüngern beigebracht hat. Bei Einordnung des Textabschnittes Mt 28,1-20 in den Kontext wird klar, dass dies der Schluss des Evangeliums und damit auch das Ende von Jesu Wirken, jedoch gleichzeitig auch der Beginn der Verkündung seiner Lehre und der Beginn der Mission seiner Jünger ist.

Die exponierte Stellung des Missionsbefehls ist der hermeneutische und theologische Schlüssel des gesamten Evangeliums. Dieser zeigt, dass sich die Gemeinde nicht erst auf dem Weg zu Öffnung für die Heidenmission befand, sondern schon längst planmäßige Heidenmission betrieb. Hier stellt sich die Frage nach der Herkunft des Matthäusevangeliums, bzw. die Frage, ob es judenchristlich oder heidenchristlich zu verstehen ist. Bornkamm ist der Auffassung, dass die matthäische Kirche noch zum Synagogenverband gehört (vgl. Bornkamm/Barth/Held, 1960, 13-47). Hummel zeigt auf, wie das Bild des Matthäus von Israel zwischen 70-85 n. Chr. gewonnen wurde, „als sich judenchristliche Gemeinde und pharisäisch geleitetes Judentum in wachsender Auseinandersetzung befanden“ (vgl. Hummel, 1966). Im Gegensatz dazu zeigen Strecker, Trilling und Walker, dass die judenchristlichen Bestandteile teils tradiert, teils historisierend als Schilderung einer vergangenen Zeit Gültigkeit haben und teils polemisch gegen Israel gewendet wurden, und somit nur Bestandteile der älteren Tradition sind (vgl. Bultmann, 1970, 121).


3. Diachrone Beobachtungen: Triadische Taufformel

3.1 Textgestalt

Die Papiasnotiz: „Matthäus hat nur in hebräischer Sprache die Worte zusammengestellt, ein jeder aber übersetzte sie, wie er dazu in der Lage war“ lässt keine sicheren historischen Rückschlüsse zu, denn eine hebräische Urfassung von Überlieferungskomplexen des Matthäusevangeliums lässt sich nicht nachweisen. Es ist nur zu erkennen, dass Matthäus eine leicht überarbeitete Fassung des Markusevangeliums als Hauptquelle diente. Er integriert die Quelle Q in den Gesamtaufriss seines Evangeliums und bindet die Q-Stoffe als Blöcke in den Ablauf des Lebens Jesu ein. Somit ist Mt eine Kombination von Mk, Q, und Sondergut (vgl. Siebeck, 2000, 326). Die Neuauffassung geschieht unter der Verwendung des Begriffs exusia und der Wendung en urano kai epi [tes] ges, die ihm aus anderen Traditionen zugekommen und sehr wichtig geworden sind (vgl. Lange, 1973, 244).

Die Darstellung Jesu als einen vollmächtigen Lehrer im Matthäusevangelium verdankt sich somit wesentlich dem Material der Logienquelle. Matthäus richtet sich mit seinem Evangelium an die Gesamtgemeinde und weitere Lehrer in der Gemeinde. Die judenchristlichen Traditionen in Mt 4,24 und die Bezeugung durch die Didache (vgl. Did 7,1; Did 8) deuten auf Syrien als Entstehungsort hin. Die matthäische Gemeinde ist durch den Bruch Israels bestimmt, der zu Repressionen und Verfolgungen gegenüber den matthäischen Christen führte (vgl. Mt 10,17).

Matthäus orientiert sich trotz einiger Abweichungen am markinischen Textmodell. Im Vergleich dazu fügt er beträchtliche Erweiterungen am Anfang und Ende des eigenen Evangeliums hinzu. In seiner Vorgeschichte (Mt 1,1-2,23) wird die christologisch motivierte Hinführung zum öffentlichen Wirken Jesu dargestellt. Am Ende des Matthäusevangeliums und dem für diesen Beitrag wichtigeren Teil überliefert er über Markus hinaus Grab- und Erscheinungsgeschichten, die vom Glauben an die Auferstehung Jesu von den Toten zeugen (vgl. Mt 27,62-66: Grabeswache; 28,9-10: Erscheinung vor den Frauen). Des Weiteren ist zu beachten, dass die Perspektive am Anfang des Evangeliums sich auf Jesus verengt und am Ende sich von Jesus her in das Universale weitet. Der künstlerische Ausdruck ist bei Matthäus sehr ausgeprägt, da sich mehrere Stilmittel finden lassen. Zum Einen benutzt er viele Vorverweise, die sich nicht aus dem unmittelbaren Kontext erklären lassen, sondern zur weiteren Lektüre des Werkes verleiten sollen (vgl. Mt 1,5; 3,15: Einerseits der Vorverweis durch die Zeugungsgeschichte, andererseits der Vorverweis, dass zukünftig alle Menschen gerecht handeln sollen, um den Leser zum weiteren Denken anzuregen). Zum Anderen spielen Schlüsselbegriffe, mit denen komplexe theologische Vorstellungen verbunden sind, eine wichtige Rolle (z.B.: dikaiosyne, chrisis, pater).

3.2 Textgeschichte

Die Passage 28,18-20 spielt eine sehr wichtige Rolle, um die Dreieinigkeitslehre als eine neutestamentliche und bereits ursprünglich apostolische Lehre zu belegen. Es lässt sich festhalten, dass der Missionsbefehl Jesu an seine Jünger (in Mt 28,19) die trinitarische, besser die triadische Taufformel enthält: „Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28,18-20). Dieser Vers bei Matthäus ist die einzige Schriftstelle des Neuen Testaments, in der eine trinitarische bzw. triadische Formel vorkommt. An allen anderen Stellen im Neuen Testament, in der die Taufe auftritt, wird nirgendwo „auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes“ getauft. Die Frage, die hier aufgeworfen wird, ist, warum Jesus diese Worte gesagt haben soll, wenn hinterher über die Apostel und Jünger an keiner Stelle berichtet wird, dass Menschen Taufe ausführen? Warum wird in der Apostelgeschichte berichtet, dass Menschen "auf den Namen Jesu Christi" bzw. "auf den Namen des Herrn" getauft wurden, aber an keiner einzigen dieser Stellen je erwähnt wird, dass diese Taufformel aus Mt 28,19 benutzt wurde und das, obwohl diese Worte doch zu den letzten Anweisungen Jesu an seine Apostel und Jünger gehörten und heutzutage bzw. seit Jahrhunderten von den Kirchen als so unvergleichlich bedeutsam angesehen werden?

3.3 Textthema: Das Auferstehungsgeschehen (Mt 28,18-20)

Stärker als bei Markus ist bei Matthäus das Auferstehungsgeschehen betont. Dies wird vor allem durch Doppelerzählungen von den Grabwächtern in Mt 27,62-66; 28,11-15 sowie durch die Erscheinungsberichte in Mt 28,8-10 und 28,16-20 erkennbar. Eine weitere wichtige Funktion besitzt die Erhöhungsvorstellung. Hierbei geht es um die verbleibende Bedeutung der Geschichte und Worte Jesu. Diese ist durch die Vollmachtsaussage in Mt 11,27 und durch die Antworten auf die Davidsohnfrage und die Hohepriesterfrage in 22,21-26; 26,64 vorbereitet und findet in 28,18-20 ihren Höhepunkt und Abschluss. Jesus, dem zur Rechten Gottes sitzenden Auferstandenen, ist alle Macht im Himmel und auf Erden übertragen.

3.4 Textthema: Der Missionsauftrag (Mt 28,16-18)

Der Missionsauftrag ist im Zusammenhang mit der matthäischen Ekklesiologie von hoher Bedeutung. Der irdische Jesus erteilt den Sendeauftrag an Israel in 10,1-26 und der universale Sendungsauftrag durch den auferstanden und erhöhten Herrn wird in 28,18-20 erteilt. In der Zusage an die Jünger treffen und vollenden sich wichtige Linien matthäischer Christologie und Ekklesiologie. Daher muss der Missionsauftrag als der Kern und die Mitte des Stückes gesehen werden. Bezogen auf diese Beobachtung kann angenommen werden, dass Matthäus selbst mit dem Satz 28,20 sein Evangelium vollendet (vgl. Lange, 1973). Der Schluss ist eschatologisch bestimmt, da dieser Auftrag „bis ans Ende der Welt“ gilt, denn solange wird Jesus Christus bei seinen Jüngern sein und so lange währt auch die Missionsaufgabe der Kirche (vgl. Siebeck, 2000, 326-333).


4. Stimmen aus der Forschung

4.1 Der Forschungskontext - Eine prominente klassische These

Die Perikope der Auferstehungsgeschichte und des Missionsbefehls in Mt 28,16-20 erzählt von Jesu letzter Erscheinung. Sie ist nach Bultmann auf drei Ebenen zu verstehen. Einerseits wird sie als Komposition von Einzelworten gesehen, andererseits als Auffüllung eines vorgegebenen Schemas und schließlich als Redaktionsarbeit betrachtet. Hahn versteht die Perikope als Komposition von Einzelworten und sieht Einzellogien in Analogie zu einem Inthronisationsschema kombiniert (vgl. Hahn, 2005, 52-57). Strecker rekonstruiert ein dreigliedriges Offenbarungswort, das redaktionell interpretiert wurde und daher die zweite Ebene unterstützt (vgl. Strecker, 208-214). Die letzte Ebene des Perikopenverständnisses wird von Kasting verstärkt, der keinen vormatthäischen Text erkennen kann.

4.2 Die gegenwärtige dominierende Auffassung

Den Abschluss des Matthäus-Evangelium bilden die Erscheinung des Auferstandenen, seine Inthronisation zum Alleinherrscher und der Missionsbefehl in Mt 28,16-20. Dies ist der Fluchtpunkt, auf den hin sich das gesamte Evangelium bewegt und somit der theologische und hermeneutische Schlüssel zu einem sachgemäßen Verstehen des Gesamtwerkes. Das Immanuel-Motiv öffnet die Geschichte des irdischen Jesus auf Gott hin, zugleich wird die bleibende Gegenwart des Auferstandenen an den Irdischen gebunden. Jesus erscheint als der einzige und wahre Lehrer, dessen Gebote sind sowohl für die Jünger als auch für die ganze Welt verbindlich (vgl. Hahn, 2005, 42ff). Daraus folgt, dass der Missionsbefehl die handlungsorientierte Grundstruktur der matthäischen Jesus-Erzählung unterstreicht und mit seinem offenen Ende zur Gegenwart der matthäischen Gemeinde führt.

4.3 Neue Entwicklungen - eine sich abzeichnende Tendenz

Hinsichtlich der Frage nach der theologischen Intention des Evangelisten weist Strecker darauf hin, dass Matthäus ein fortgeschrittenes Stadium innerhalb der urchristlichen Theologiegeschichte repräsentiert, da seine Jesusdarstellung durch eine Historisierung des Traditionsgutes geprägt sei. Die Offenbarung des Auferstandenen impliziere das Offenbarwerden des Verhältnisses zwischen Jesus, seiner Lehre von Gott und dem eschatologischen Willen Gottes (vgl. Schnelle, 2007, 250f). Jesus selbst und seine Auslegung des Gotteswillens sind durch Gott bestätigt. Entsprechend dem, was Jesus lehrt und darstellt in der Welt,  wird das eschatologische Gericht gehalten werden.


Literaturverzeichnis

Bultmann, Rudolf, 81970, Die Geschichte der synoptischen Tradition, Göttingen

Conzelmann, Hans, Lindemann, Andreas, 2000, Arbeitsbuch zum Neuen Testament, Tübingen

Hahn, Ferdinand, 2005, Theologie des Neuen Testaments, Tübingen

Lange, Joachim, 1973, Das Erscheinen des Auferstandenen im Evangelium nach Matthäus, Dortmund

Michel, Otto, 1950/51, Der Abschluß des Matthäusevangeliums: EvTh 10

Schenk, Wolfgang, 1987, Die Sprache des Matthäus, Göttingen

Schnelle, Udo, 2007, Einleitung in das Neue Testament, Göttingen

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