Der Exorzismus in der Synagoge von Kafarnaum

Rajmond Eckenberger

Kurzbeschreibung:
In einer Zeit, in der die Menschen sich ohnmächtig an die dämonischen Mächte ausgeliefert fühlen, tritt Jesus gleich zu Beginn des Markusevangeliums mit einer göttlichen Vollmacht auf, die sich in Wort und Tat manifestiert und die unreinen Geister ins Verderben stürzt. Insofern bricht das Reich Gottes mit diesem „Heiligen Gottes“(v24) an. Diese Geschichte von der Vollmacht Gottes trägt für den Leser eine positive Mitteilung: „Wo das Evangelium vom Weg des Gottessohnes verkündet und nachfolgend gelebt wird, da ist Gottes rettende Vollmacht am Werk.“ (Schenke, 2005, 72).
Zusätzliche Autoreninformation: Rajmond Eckenberger
Student, Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Mk 1,21-28
Zusätzliche Skripturen:
Dtn 32,17 2 Kön 1,2 Ps 106,37f Mt 7,28f Mt 8,28-34 Mt 17,14-21 Mt 12,22-24 Mt 12,24ff Mk 5,1-20 Mk 9,14-27 Mk 3,22 Lk 4,31-37 Lk 8,26-39 Lk 9,37-42 Lk 11,14f Lk 11,15ff
Weitere Schlagworte:
Dämonen; Dämonenaustreibung; Besessenheit; Behinderung; Gleichnis; Jesus; Reich Gottes; Synagoge; Wunder; Wundererzählungen

1. Erster Leseeindruck

Während Jesus in der Synagoge von Kafarnaum lehrt, kommt es zu einer geballten Kräftekonstellation. Auf der einen Seite begegnet uns ein Mensch, der von Dämonen besessen ist und für das Böse der Welt steht. Auf der anderen Seite steht Jesus von Nazareth, der mit göttlicher Vollmacht ausgestattet ist und somit das Gute verkörpert. Insofern handelt es sich um eine spannende Erzählung, welche es lohnt, genauer betrachtet zu werden.

2. Synchrone Zugangsweise: Erweis der Vollmacht Gottes

2.1 Abgrenzung / Inhalt

Schon zu Beginn des öffentlichen Wirkens in Galiläa berichtet uns der Evangelist Markus von einem „vollmächtigen Wirken Jesu“ in Kafarnaum (Pesch, 1976, 116). Somit gehört die zu behandelnde Perikope (Mk 1,21-28) zum ersten großen Hauptteil (Mk 1,14-8,26), in dem Jesu Wirken in Galiläa (bzw. in der Umgebung des Sees Genezareth) beschrieben wird. Den zweiten großen Hauptteil (Mk 11,1-16,8) des Markusevangeliums bilden die Berichte über die Passion Jesu und seinen Tod in Jerusalem. Zwischen den beiden Hauptteilen befindet sich ein Zwischenstück (Mk 8,27-10,52), in dem Jesu Weg von Galiläa nach Jerusalem dargestellt wird (vgl. Conzelmann/Lindemann, 2004, 314).

Diesem Aufenthalt in der Synagoge von Kafarnaum ist die Berufung der ersten vier Jünger vorangegangen (Mk 1,16-20). Nachdem diese nun von Jesus berufen wurden, begeben sie sich nach Kafarnaum (v21a). Dort angekommen, begibt sich Jesus ohne die Begleitung seiner Jünger in die Synagoge und lehrt dort (v21b). Da seine Lehre in Vollmacht geschieht, geraten seine Zuhörer außer sich (v22). Über den Inhalt der Lehre wird an dieser Stelle geschwiegen. Stattdessen wird erwähnt, dass sich in dieser Synagoge ein Mensch befindet, der von unreinen Geistern besessen ist (v23). Dieser schreit Jesus plötzlich an und möchte von ihm wissen, was sie miteinander zu tun hätten. Er fragt Jesus, ob er gekommen sei, um ihn ins Verderben zu stürzen, denn schließlich wisse der unreine Geist, wer Jesus sei: „der Heilige Gottes“ (v24). Hierauf befiehlt Jesus dem Geist zu schweigen und den Menschen zu verlassen (v25). Diesem Befehl beugt sich der unreine Geist und verlässt den Menschen unter lautem Geschrei (v26). Auch dieses Handeln Jesu löst bei den anwesenden Menschen Furcht und Erstaunen aus, denn scheinbar hat er Vollmacht über die unreinen Geister (v27). Auf Grund eines solchen Wirkens verbreitet sich der Ruf über Jesus im ganzen Gebiet von Galiläa (v28). Mit (v29) beginnt eine neue Perikope, da Jesus die Synagoge verlässt und sich auf den Weg zum Haus des Simon und Andreas begibt, um der kranken Schwiegermutter des Simon (Petrus) zu helfen.

2.2 Aufbau / Analyse

Diese Erzählung lässt sich in drei Abschnitte einteilen: „Nach der einleitenden Situationsschilderung V.21.22 folgt in V.23-26 die Schilderung einer Begegnung Jesu mit einem von einem unreinen Geist besessenen Menschen sowie (V.27) der Reaktion der Anwesenden (vgl. V.22); in V.28 steht die den erzählten Handlungsrahmen sprengende Schlußnotiz.“ (Conzelmann/ Lindemann, 2004, 55).

Die Perikope beginnt mit einem Orts- und Zeitwechsel. Jesus und die frischerwählten Jünger kommen nach Kafarnaum, einem Ort, der vom Nordwestufer des Galiläischen Sees etwa vier Kilometer entfernt zu lokalisieren ist (vgl. Pesch, 1976, 120) und der dem Erzähler als ein Zentrum der galiläischen Wirksamkeit Jesu gilt (vgl. Schmithals, 1979, 116; vgl. Gnilka, 1978, 78). Der Gang in die Synagoge als zweite Ortsangabe und die Zeitangabe am „folgenden Sabbat“ lässt eine Trennung zwischen v21a und v21b erkennen. Diese Trennung lässt Gnilka eine redaktionelle Überarbeitung vermuten (vgl. Gnilka, 1978, 76). Mit der Zeitangabe „Sabbat“ lässt Markus einen neuen Tag für seine Erzählung beginnen, da die Berufung der Jünger und deren Fischfang (Mk 1,16-20) nicht an einem Sabbat hätten stattfinden können. Dieser neue Tag füllt die Ereignisse des Abschnitts Mk 1,21b-34, hierzu gehören die Heilung der Schwiegermutter des Simon sowie die Heilung vieler Besessener und Kranker (vgl. Schmithals, 1979, 116f). Abschließend wird die Perikope durch einen Ortswechsel abgegrenzt. In v29 heißt es, dass Jesus und seine Jünger die Synagoge verlassen und sich in das Haus des Simon und Andreas begeben. Doch wird der Anfang genauer betrachtet, so kann festgestellt werden, dass ihm die Jünger nicht in die Synagoge gefolgt sind. Es entsteht folglich eine weitere Trennung zwischen v21a und v21b, die aus dem Wechsel zwischen Plural und Singular resultiert. Während Jesus und seine Jünger gemeinsam nach Kafarnaum kommen (v21a), werden sie beim Gang in die Synagoge (v21b) nicht erwähnt, sondern treten erst wieder in v29 in Erscheinung, was wiederum für eine Abgrenzung der Perikope an dieser Stelle gedeutet werden kann (vgl. Gnilka, 1978, 76; vgl. Conzelmann/ Lindemann, 2004, 56). Gemäß dem jüdischen Brauch begibt sich Jesus am Sabbat in die Synagoge. Neben Gebeten und Segnungen umfasste der Gottesdienst die Schriftlesung aus der Tora (5 Bücher Mose) und den Propheten. Diese Stellen konnte jedes geeignete Gemeindemitglied in Form einer Predigt auslegen. Jesus tritt hier als Lehrer in der Synagoge auf und seine Lehre hinterlässt bei den Zuhörern großen Eindruck (v22a). Die Ursache der Betroffenheit der Menschen wird in v22b genau beschrieben: Jesu Lehre geschieht im Gegensatz zur Lehre der Schriftgelehrten in göttlicher Vollmacht (vgl. Gnilka, 1978, 78).

„Jesus lehrt wie mit Vollmacht, d.h. in der Autorität des mit Geist ausgerüsteten Sohnes Gottes (vgl. Mk 1,9-11), des Menschensohnes (2,10); er lehrt Gottes Willen, die Schriftgelehrten lehren 'Menschengebote', lassen 'Gottes Gebot fahren' (7,7f). Jesus lehrt (und handelt: v27!) in göttlicher Vollmacht.“ (Schmithals, 1979, 121). Obwohl über den Inhalt seiner Lehre kein Wort verloren wird, ergibt sich dieser dennoch aus dem Kontext. Schon in Mk 1,14f ist die Verkündigung Jesu programmatisch vorgestellt worden: Als grundlegende Themen der Botschaft Jesu werden die Nähe der Gottesherrschaft, die Umkehrforderung und der Aufruf zum Glauben vorgestellt (vgl. Conzelmann/ Lindemann, 2004, 315). Des Weiteren finden wir neben der direkten Beschreibung der Qualität der Lehre Jesu in v22b indirekt einen Hinweis auf das spannungsvolle Verhältnis zwischen Jesus und den Schriftgelehrten, welches sich schon in Mk 2,6 bestätigt (vgl. Conzelmann/ Lindemann, 2004, 62).

Mit v23 beginnt eine „klassische Exorzismusgeschichte, die deren wesentliche Elemente enthält: Auftritt des Dämonischen, Abwehrversuch, Austreibungsbefehl des Exorzisten, Ausfahrt des Dämons und bestätigende Reaktion der anwesenden Menge.“ (Gnilka, 1978, 76). Die Exorzismusgeschichte beginnt damit, dass ein Mensch, der von einem unreinen Geist (Dämon) besessen ist (v23a), sofort in der Synagoge zur Stelle ist, „als habe der Geist die Ankunft Jesu gewittert.“ (Gnilka, 1978, 80). „Der ‚unreine Geist’ als Vertreter einer umfassenden Macht des Bösen erkennt in Jesus seinen Bezwinger und setzt sich gegen seine Macht zur Wehr“ (Schenke, 2005, 70). Die Abwehr geschieht hier in Form eines Aufschreies (v23b), in dem zwei Fragen und ein Bekenntnis enthalten sind. Die erste Frage „Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret?“(v24a) versucht die gemeinsame Basis zwischen den beiden Kräften herauszufinden. Dies geschieht jedoch in einem negativen Sinn, denn wenn einer jemanden fragt, was er mit dem anderen zu schaffen habe, will der Fragende damit meist feststellen, dass er mit dem anderen nichts zu tun habe. Diese Frage steht somit für die Ablehnung der Gemeinschaft und macht deutlich, dass beide Mächte, das Dämonische und das Göttliche, unvereinbar sind. Die zweite Frage „Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen?“(v24b) schließt unmittelbar an die zweite an und stellt fest, dass auf Grund der konträren Verhältnisse, eine Kraft zerstört werden wird. Folgerichtig stellt der unreine Geist fest, dass die Sendung Jesu auf die Vernichtung des dämonischen Wesens abzielt. Des Weiteren lässt die „Wir-Form“ in der der unreine Geist spricht, darauf schließen, dass er für seine ganze Art spricht. (vgl. Gnilka, 1978, 80). Es ist also der unreine Geist selbst, der mit Jesus spricht und nicht etwa der Mensch. Dennoch wird der Geist durch den Mund des besessenen Menschen gesprochen haben und nimmt somit die Stelle des menschlichen Subjekts ein. Diese Sichtweise zeigt wiederum, dass ein Mensch, der von einem unreinen Geist besessen war, dem Dämon hilflos ausgeliefert war (vgl. Theißen/Merz, 2001, 265). Mit diesen beiden Fragen, bedient sich der Dämon eines beschwörenden (exorzistischen) Mittels, eine Art „Abwehrformel“, die ihre Parallele im Alten Testament (1 Kön 17,18) hat (vgl. Pesch, 1976, 112).

Auf die beiden Fragen folgt ein Bekenntnis des unreinen Geistes. Er wisse sehr wohl, mit wem er es zu tun habe, nämlich mit dem „Heiligen Gottes“ (v24c). Mit dieser „Offenbarung seines Wissens versucht der unreine Geist wie mit einem Zauber Macht über Jesus zu gewinnen“ (Gnilka, 1978, 80). Auch Schenke beschreibt die Nennung des Namens Jesu als einen „Gegenzauber“: „Wer den Namen kennt, gewinnt Macht über die Person (vgl. 5,7-13)“ (Schenke, 2005, 70). Da der unreine Geist in Jesus den „Heiligen Gottes“ bekennt, weiß er auch, dass mit dessen Kommen das Ende der dämonischen Macht verbunden ist. Insofern sind die Bemühungen des unreinen Geistes (v24) dem Ziel gewidmet, Jesus zu verjagen (vgl. Schenke, 2005, 70). Der Plan des Dämons geht nicht auf.

Die Reaktion Jesu auf diese Bedrohung ist schlicht, aber dennoch äußerst effektiv. Er befiehlt dem unreinen Geist zu schweigen und den Mann zu verlassen (v25). „Der Exorzismus Jesu – ohne jede magische, exorzistische Manipulation beschrieben – bedient sich allein eines anherrschend-scheltenden Wortes.“ (Pesch, 1976, 123). Tatsächlich wird mit epitimao ein Verb gebraucht, welches die griechische Bibel sonst nur für das machtvolle Schelten Jahwes gegen alle Mächte des Bösen verwendet. Damit bedroht Jesus den Dämon wie Gott selbst und bringt ihn dadurch zum Schweigen (vgl. Gnilka, 1978, 81; Schenke, 2005, 70). Mit dem zweiten Verb fimotheti wird ein Bannwort gesprochen, welches als Ausfuhrbefehl zu interpretieren ist. „Der Dämon soll verstummen und damit gebannt sein“ (Schenke, 2005, 70). Diesem Befehl kann sich der Dämon scheinbar nicht widersetzen (v26). Nur mit Widerwillen und lautem Geschrei muss der unreine Geist dem „Befehl Jesu gehorchen und seiner Macht weichen.“ (Schenke, 2005, 70).

Die anwesenden Menschen reagieren mit Erschrecken auf diesen Exorzismus (v27a). Ihr Erstaunen drückt Markus in wörtlicher Rede aus, die sich zunächst auf die in Vollmacht vorgetragene „neue Lehre“ Jesu wie schon in v22 bezieht und nicht unmittelbar auf den Exorzismus (v7b). Erst die Feststellung, dass Jesus sogar über die unreinen Geister gebietet, knüpft direkt an den Exorzismus an (v27c) (vgl. Conzelmann/ Lindemann, 2004, 57). Doch gehört beides zusammen: Die neue Lehre geschieht in der gleichen Vollmacht, mit der die Macht der Dämonen gebrochen wird. Sie bleibt nicht etwa auf die Synagoge in Kafarnaum beschränkt, sondern der Kreis derer, die sie wahrnehmen, wird in v28 auf ganz Galiläa erweitert (vgl. Lührmann, 1987, 51).

3. Diachrone Beobachtungen: Verbindung zweier Geschichten

3.1 Redaktionsgeschichte

In der synchronen Zugangsweise wurden einige Inkohärenzen festgestellt, die auf eine redaktionelle Bearbeitung schließen lassen. Es hat den Anschein, als ob hier eine „ausführliche Schilderung eines Exorzismus mit knappen Hinweisen auf Jesu Lehre, die eigentlich nur vom größeren Kontext her verständlich“ (Conzelmann/ Lindemann, 2004, 58) wird, vorliegt. Anscheinend hat der Evangelist Markus hier zwei Geschichten zu verbinden versucht. Werden v23-27 eingeklammert, so ergibt sich eine klassische Heilsgeschichte, mit der Schilderung des Falles (v23.24a), der Heilung (v24bf) sowie die Bestätigung des Wunders durch die Anwesenden (vgl. Lührmann, 1987, 48). „Markus hat also zwei ihm überlieferte Abschnitte durch V.21f. aneinandergehängt, wobei ihm vielleicht Kapernaum (in V.29-31?) und das Lehren in der Synagoge schon vorgegeben waren“ (Schweizer, 1989, 23). Markus vordringlichstes Ziel könnte darin bestanden haben, die „neue Lehre“, die mit Vollmacht geschieht, ins Zentrum zu stellen. Zur Explikation dieser Vollmacht wird die Exorzismus- bzw. Heilungsgeschichte herangezogen. „Das Wunder ist das Vollmachtzeichen für Jesu Lehre.“ (Schweizer, 1989, 23). Schenke sieht das genauso: „Die Lehre und die vollmächtige Tat Jesu werden jedoch eng aufeinanderbezogen. Man hat den Eindruck, der Exorzismus sei eine Wirkung der Lehre und veranschauliche zugleich ihren Inhalt“ (Schenke, 2005, 70). Die Parallelisierung zwischen der Lehre und der exorzistischen Machttat wird vor allem dadurch anschaulich, weil die Anwesenden auf beides gleich reagieren. „In 1,22 reagieren die Leute auf Jesu Lehre wie sonst auf seine Machttaten (vgl. 2,12; 4,41; 6,51; 7,37), und in 1,27 rufen sie nach dem Exorzismus die vollmächtige Lehre Jesu in Erinnerung.“ (Schenke, 2005, 70). Beides gehört also eng zusammen. Dennoch geht die Forschung davon aus, dass die Exorzismusgeschichte dem Markus geschlossen vorlag, die er dann nur seiner Darstellung einfügte. „Sie umfasste vermutlich die Verse 1,23-27, und der Chorschluss lautete wohl ursprünglich: 'Wer ist das? Auch den unreinen Geistern gebietet er, und sie gehorchen ihm?' (vgl. 4,41). Die Antwort auf die hier gestellte Frage hat die Erzählung bereits gegeben: Jesus ist der Heilige Gottes.“ (Schenke, 2005, 70).

Markus verbindet also beide Geschichten, um gleich zu Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu deutlich zu zeigen, wer Jesus für ihn ist. Der Verkünder der Gottesherrschaft ist zugleich ihr Vorkämpfer: „Sein 'Kommen' (1,8f.14) ist für die Dämonenwelt bedrohlich; denn er ist der mit Gottes Geist ausgerüstete (1,10f), dem Satan überlegene (1,12f; vgl. 3,20-29) 'Heilige Gottes'. Seine Verkündigung ist 'neue Lehre aus Vollmacht'. Er hat die 'neue Lehre' (vgl. Apg 17,19) gebracht, welche die christlichen Missionare verbreiten und welcher Markus mit seiner Evangelienschrift zur weiteren Verbreitung verhelfen will.“ (Pesch, 1976, 127).


4. Stimmen aus der Forschung: Exorzismen Jesu und ihre Bedeutung für die heutige Zeit

4.1 Historisierung

Nach Kollmann gehören die Dämonenaustreibungen Jesu zu den am sichersten bezeugten Taten und stehen im Zentrum seines Wunderwirkens (vgl. Kollmann, 2007, 69). Auch Theißen/Merz sind von den exorzistischen Tätigkeiten des historischen Jesus überzeugt (vgl. Theißen/Merz, 2001, 266). Das Wort Exorzismus leitet sich vom griechischen Wort exorkizein ab und bedeutet beschwören. Interessanterweise ist „die einen Exorzismus wesensmäßig kennzeichnende Beschwörung von Gottheiten oder Göttern für Jesus nicht bezeugt“, (Kollmann, 2007, 69) auch wenn sie als Exorzismen bezeichnet werden. In unserem Beispiel geschieht die Austreibung auch nicht durch eine Beschwörung, sondern allein durch die Bedrohung des Dämons mit einem Verstummungsbefehl und dem sich ihm anschließenden Ausfahrwort (Kollmann, 2007, 73).

Um adäquat von Dämonenaustreibungen sprechen zu können, ist es nötig, in das volkstümliche Weltbild der Antike einzutauchen: „Dämonen stellt man sich wie Hausbesetzer vor, besser gesagt: wie parasitäre Hausbesetzer. Sie können gar nicht allein leben, sondern sind immer auf ein fremdes Haus angewiesen: auf den Körper eines Tieres oder eines Menschen. Sie dringen durch die „Hausöffnungen“ ein, durch Mund, Nase, Ohren usw. […] Sind die Dämonen erst einmal „eingefahren“, dann übernehmen sie sofort die Schaltzentrale des Hauses und stellen buchstäblich alles auf den Kopf.“ (Ebner, 2006, 73). In diesem Falle spricht der Volksmund von „Besessenheit“. Die einzige Hoffnung für die „Besessenen“ stellt in der antiken Vorstellung der Exorzist dar. Folglich besteht seine Aufgabe darin, dass er gegen die Macht des Dämons antritt und ihn „auszutreiben“ versucht (vgl. Ebner, 2006, 73). „Das Wichtigste ist hierbei: Der Exorzist muss eine noch größere Macht zur Hilfe rufen, vor der der Dämon Angst hat und Reißaus nimmt.“ (Ebner, 2006, 73).

4.2 Metaphorisierung und Symbolisierung

Doch wie soll und kann der Leser diese „dunkelste Seite an Jesus“, (vgl. Ebner, 2006, 73) in der heutigen, durch Aufklärung und Moderne geprägten Gesellschaft verstehen? Einen wichtigen Ansatzpunkt hierfür bietet Schenke: „Die Fremdheit der Erzählung für heutige Menschen scheint überwindbar zu sein, wenn man nicht auf die konkrete Ausdrucksweise, sondern auf das zugrunde liegende Phänomen achtet. Von Dämonen mag man heute mit Recht nicht mehr sprechen, das Böse als Macht ist aber da und muss theologisch bedacht werden: Die einzelne böse Tat, die fortzeugend Böses gebiert, wächst sich zu einem machtvollen Wirkzusammenhang des Bösen aus, aus dem man nicht ausbrechen kann. In diesem Sinn kann auch heute noch jemand 'besessen' sein“ (Schenke, 2005, 71). Insofern richtet sich die Erzählung in erster Linie an diejenigen Menschen, die keine Macht über sich selbst haben und scheinbar von unkontrollierten Mächten bewegt und getrieben werden. Auch heutzutage machen die Menschen die Erfahrung, dass in ihnen etwas Dämonisches stecken könnte, wenn sie z.B. gegen die bessere Einsicht etwas Falsches oder Böses tun. Keineswegs zwingen die neutestamentlichen Berichte dazu, von Dämonen zu sprechen. Sie tun es selbst, weil sie die Sprache ihrer Zeit sprechen, ohne diese theologisch festzulegen (vgl. Schenke, 2005, 71). „Tatsächlich ist die Rede von Dämonen in Gefahr, das Böse der Verantwortung des Menschen zu entnehmen und sie einer übernatürlichen, gegengöttlichen Macht zuzuweisen. Die Dämonengeschichten zeigen aber: Das Dämonische ist im Menschen. Er hat dem Bösen in sich Platz gegeben und ist darum für das Böse, das durch ihn in die Welt kommt, verantwortlich. Doch das von ihm gewirkte Böse hat ihn im Griff. Er kann sich davon nicht selbst lösen, Rettung kann nur von außen kommen. Jesus bringt sie als der 'Heilige Gottes', so verkündet es die Erzählung.“ (Schenke, 2005, 71).

4.3 Theologische Zuordnung

Von zentraler Bedeutung ist in dieser Hinsicht ein weiterer Gedanke: Die vielen Machttaten Jesu, zu denen auch der Exorzismus gehört, sind nicht etwas Zusätzliches, das zum „Evangelium Gottes“ hinzutritt, sondern sie gehören untrennbar zusammen. Wort und Tat sind nicht zwei verschiedene Weisen des Wirkens Jesu. „Vielmehr ist Jesu Wort so vollmächtig wie seine Tat, und die vergangenen Krafttaten Jesu erweisen weiterhin ihre Mächtigkeit als Wort, wenn sie erzählt werden.“ (Schenke, 2005, 72). Insofern kann auch Ebner zutreffend feststellen, dass der Verweis auf die Dämonenaustreibungen Jesu eine Predigt ohne Worte sei (vgl. Ebner, 2006, 73).

Für den Leser der Gegenwart bedeutet die Untrennbarkeit von Wort und Tat die folgende Schlussüberlegung: Auch mit Hilfe des Evangeliums ist es der Gemeinde möglich, die Dämonen zu besiegen, denn: „Die göttliche Macht zur Überwindung des Bösen verwirklicht sich nicht nur in Erweisen von 'Wundern', sondern ebenso im Erzählen von Wundergeschichten.“ (Schenke, 2005, 72). Schließlich bleiben in solchen Geschichten der „Dämonenbezwinger“ (Schenke, 2005, 72) und der „Heilige Gottes“ (v24) in der Gemeinde präsent. „Die Geschichten sind symbolische Taten! Wo das Evangelium vom Weg des Gottessohnes verkündet und nachfolgend gelebt wird, da ist Gottes rettende Vollmacht am Werk. Der Sieg Jesu über das Böse vollzieht sich überall dort - verborgen und unscheinbar, aber dennoch wirksam und machtvoll -, wo sich Jünger auf das Evangelium einlassen, indem sie 'an das Evangelium glauben' (1,15).“ (Schenke, 2005, 72).


Literaturverzeichnis

Conzelmann, Hans,/Lindemann, Andreas, 2004, Arbeitsbuch zum Neuen Testament, (UTB 52), Tübingen

Ebner, M., 2006, Jesus ein umstrittener Exorzist, in: BiKi 2/06, 73-77

Gnilka, Joachim, 1978, Das Evangelium nach Markus, (EKK II/1), Neukirchen-Vluyn

Kollmann, Bernd, 2007, Neutestamentliche Wundergeschichte, 2. Aufl., Stuttgart

Lührmann, Dieter, 1987, Das Markusevangelium (HNT 3), Tübingen

Pesch, Rudolf, 1976, Das Markusevangelium, (HThK II/1), Freiburg

Schenke, Ludger, 2005, Das Markusevangelium, Literarische Eigenart – Text und Kommentierung, Stuttgart

Schmithals, Walter, 1979, Das Evangelium nach Markus, (ÖTK 2. GTB 503), Würzburg

Schweizer, Eduard, 1989, Das Evangelium nach Markus, (NTD I), Göttingen

Theißen, Gerd/Merz, Anette, 2001, Der historische Jesus, Ein Lehrbuch, 3. Aufl., Göttingen

 

[letzte Änderung: 26. September 2009].

 

 

 

 

 

 

 

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