Online-Bibelkommentar

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Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

Alexandra Johannes

Kurzbeschreibung:
Ein Unterrichtsentwurf für die sechste Jahrgangsstufe zum Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32). Im Zentrum steht die Erarbeitung des Textes mittels des "Think-Pair-Share-Prinzips".
Zusätzliche Autoreninformation: Alexandra Johannes
Studentin, Universität Kassel
Kategorie:
Unterrichtsentwurf
Schulform:
Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Lk 15,11-32
Weitere Schlagworte:
Barmherzigkeit; barmherziger Vater; Christus; Erbe; Erbteil; Evangelium; Familie; Geld; Gleichnis; Gnade; Gott; Gottesliebe; Sohn; Vater; Wesenszüge Gottes; Gleichnis; Parabel; Jesus; Jesus Christus; Reden Jesu; verlorener Sohn

1. Einbettung in die Unterrichtseinheit

Der Lehrplan für die Realschule im Fach evangelische Religion sieht in der Jahrgangsstufe 6 unter anderem die biblisch-christliche Tradition als Lernschwerpunkt vor. Die Erfahrungen der Schüler und Schülerinnen sollen mit den Glaubenserfahrungen der Bibel und ihrer Wirkungsgeschichte in Beziehung gesetzt werden. Die biblische Überlieferung ist dabei so aufzubereiten, dass die Schüler und Schülerinnen eine für sie heute relevante Deutung aus den Verkündigungsintentionen von damals ziehen können.

Im Zentrum dieser Unterrichtseinheit zum verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) stehen Worte und Taten Jesu. Es wird der Frage nachgegangen, welche Bedeutung seine Reden und sein Handeln für die Menschen damals hatten und welche Bedeutung sie für uns heute haben könnten. Des Weiteren soll es um die Fragen gehen, welches Gottesbild in dieser Parabel entworfen wird.

In der Einführungsstunde wird das Gleichnis vom verlorenen Sohn erarbeitet, allerdings ohne explizit den Titel des Gleichnisses zu nennen. Die Schüler und Schülerinnen erfahren mehr zum historischen Hintergrund und schreiben anschließend einen Tagebucheintrag von einer Person ihrer Wahl aus der Geschichte. Außerdem wird besprochen, was die Erzählung Jesu für die Menschen damals bedeutet haben könnte. Zentrale Begriffe werden auf Karten geschrieben und an der Tafel gesammelt.
In der hier beschriebenen zweiten Stunde geht es um die individuelle Bedeutung der Geschichte für die Schüler und Schülerinnen. Sie sollen sich eine Überschrift für die Erzählung überlegen. Im Gespräch werden die Vorschläge vorgestellt und begründet. Zudem geht es um die Frage, welches Bild von Gott entworfen wird.
In der nachfolgenden Stunde soll es im Zug der Zusammenfassung der vorherigen Stunden um die Frage gehen, was überhaupt ein Gleichnis ist.


1. Einführungsstunde zum Gleichnis vom verlorenen Sohn

- Kennenlernen des Gleichnisses

- Informationen zum historischen Hintergrund

- Tagebucheintrag

- Bedeutung für Menschen „damals“

- Sammlung zentraler Begriffe auf Karten


2. Kernstunde zum Gleichnis vom verlorenen Sohn

- Bedeutung für Schüler und Schülerinnen heute

- finden einer passenden Überschrift

- Unterrichtsgespräch/Gottesbild


3. Abschlussstunde zum Gleichnis vom verlorenen Sohn

- Gottesbild

- Was sagt uns dieses Gleichnis?

- Was ist überhaupt ein Gleichnis?

 

2. Zentrale Aspekte des Themas

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn findet sich im Evangelium nach Lukas (Lk 15, 11- 32). Dieser Text ist auf Grund seiner thematischen Ausrichtung zum lukanischen Sondergut zu rechnen (vgl. Hoegen-Rohls, 2006, 108).
Ein Gleichnis erzählt eine fiktive Geschichte. Es trifft Aussagen über die Menschen zur Zeit Jesu und will eine politische Struktur oder die Struktur der Arbeitswelt und gesellschaftliche Verhältnisse beschreiben (vgl. Schottroff, 2005, 135). Die Gleichnisse Jesu sind an das Volk gerichtet; sie fordern das Zuhören, das Sehen, das Verstehen und die Umkehrung.

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn wird nach Jülicher zu der Untergruppe der Parabel gezählt. Eine Parabel zeichnet sich durch ein Überraschungsmoment und eine plötzliche Wendung aus. Sie schildert einen einmaligen, ungewöhnlichen Vorgang in der Vergangenheit (vgl. Fenske, 2003, 17).
Die Perikope handelt von einem Vater zweier Söhne. Der Jüngere der beiden fordert noch zu Lebzeiten des Vaters die Auszahlung seines Erbteils, was der damaligen Rechtspraxis entspricht (vgl. Bahr, 1993, 31). Der jüngere Sohn macht sich auf in ein anderes Land, um sich eine neue Existenz aufzubauen. So erging es damals rund vier Millionen Juden, die in großen Handelsstädten versuchten zu überleben. Beim Verlassen des Vaterhauses verliert der Sohn alle Rechte und auch bei einer Rückkehr hätte er keinerlei Anspruch auf solche. Die Erzählung ist demnach exemplarisch für das damalige Leben.
Der Sohn lebt verschwenderisch und hat, auch bedingt durch eine ausbrechende Hungersnot, keinerlei finanzielle Mittel mehr, um sich zu ernähren. Er bettelt bei einem Bauern, um dessen Schweine zu hüten, was für einen Juden eine große Demütigung darstellt, da Schweine in ihren Augen unreine Tiere sind. Nach diesem Verlust seiner „religiösen Identität“ (Bahr, 1993, 34) besinnt sich der jetzt reuige Sohn und will nach Hause zurückkehren. Er erinnert sich an das gute Leben, welches er bei seinem Vater hatte. Er erkennt das Gute und so erkennt er auch gleichzeitig, dass er dem Vater und Gott gegenüber schuldig geworden ist. Er kehrt zu seinem Elternhaus zurück, im Wissen, dass er keinerlei Ansprüche stellen kann. Er übernimmt die Verantwortung für sein Handeln und will als Tagelöhner bei seinem Vater arbeiten. Doch als er schon von weitem von seinem Vater gesehen wird, läuft der ihm freudig entgegen und küsst ihn. Der Vater vergibt ihm bedingungslos. Der ältere Sohn, der abends nach Hause kommt, erfährt von einem Knecht, dass sein Bruder wieder da ist. Der disziplinierte und tüchtige Sohn wird zornig über das gegebene Fest anlässlich der Rückkehr seines Bruders. Doch der barmherzige Vater erklärt dem Aufgebrachten sein Handeln und bittet ihn, sich mit zu freuen.

Dem Vater kommt in dem Text eine zentrale Rolle zu; er ist vergleichbar mit Gott. Er will mit seiner Gnade, Barmherzigkeit und unendlichen Liebe die beiden Söhne vereinigen. „Die Liebe Gottes überholt als Bitte die Vergangenheit des Menschen und sie überholt als Bitte zum Mitfeiern auch die Gerechtigkeit des Menschen.“ (Weder, 1980, 260)

 

3. Zentrale Aspekte in der persönlichen Begegnung der/des Lehrenden mit dem Thema

Die Parabel vom verlorenen Sohn ist mir seit der 5. Klasse bekannt. In der Oberstufe befassten wir uns erneut mit dieser Parabel, allerdings im Bezug zur Erzählung von Kafkas „Heimkehr“. Da ging es eben nicht um die theologische Bedeutung des Gleichnisses, sondern um die Rückkehr im Allgemeinen und wie sich die Schilderungen der zwei Erzählungen unterscheiden.

Die Parabel vom verlorenen Sohn macht deutlich, dass man häufig erst in Notsituationen an Gott denkt oder um Gottes Hilfe bittet. Sie macht mir bewusst, dass das tägliche Denken an Gott eben nicht so selbstverständlich ist, wie es sein sollte/könnte.
Die Begriffe wie Vergebung, Hoffnung, Kraft zu lieben, Reue zeigen und Verantwortung übernehmen sind zentral für mich. Es soll nicht nur um den liebenden Vater gehen, der vergibt, sondern auch um das Einsehen eines Fehlverhaltens und die dazugehörigen Konsequenzen tragen zu können.

Weiter ist es wichtig für mich, dass die Schüler und Schülerinnen erkennen, dass der Vater der zwei Söhne mit Gott vergleichbar wird. Er mit seiner Großzügigkeit und unendlichen Liebe zu seinen Söhnen ist vergleichbar mit Gott und seiner unendlichen Liebe zu uns Menschen. Wir können uns immer auf Gott verlassen, er ist immer für uns da, auch wenn wir gesündigt haben. Er nimmt uns jederzeit so an wie wir sind und vergibt uns jegliche Schuld. Das Hoffen auf Gott und seine Vergebung ist mir noch mal deutlich geworden und soll auch den Schülern und Schülerinnen deutlich werden.

 

4. Zur Begegnung zwischen SchülerIn und Thema

Zu den Aufgaben im Religionsunterricht gehört unter anderem, dass Leitwerte wie Verantwortungsbewusstsein, Konfliktfähigkeit und Umgang mit eigenem Fehlverhalten eingeübt und besprochen werden. Die Schüler und Schülerinnen sollen die Reden Jesu kennen lernen und erkennen, dass er Gleichnisse vor allem erzählt hat, um Gottes Gerechtigkeit und Liebe zu veranschaulichen. Die Erkenntnis, dass Gott uns Menschen vergibt, obwohl wir gesündigt haben, ist zentral. Allerdings ist die Einsicht, dass das eigene Fehlverhalten eingestanden werden muss, nicht weniger wichtig. Die Schüler und Schülerinnen werden auch schon in einer Situation gewesen sein, in der sie sich die eigene Schuld eingestehen mussten, sich vielleicht entschuldigen mussten, obwohl diese Einsicht nicht immer leicht ist. Vielleicht hat der Ein oder Andere auch schon erlebt, dass seine/ihre Entschuldigung nicht angenommen wurde. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn kann den Jugendlichen dabei helfen, die Problematik des Schuldigwerdens zu erschließen und kann gleichzeitig aufzeigen, dass wir von Gott Vergebung erwarten können. Sie sollen erkennen, dass sie von Gott mit ihrer Schuld bedingungslos angenommen werden.

Die meisten der Schüler und Schülerinnen in der 6. Klasse werden auf Grund ihrer psychologischen Entwicklung die Parabel als eine Beispielerzählung auffassen (vgl. Schweitzer/Faust-Siehl, 2004, 223). Sie sind zwar in der Lage Analogieschlüsse zu ziehen, allerdings müssen entsprechende Impulse gesetzt werden. Es ist zu erwarten, dass sie den Transfer von der Vaterliebe zum Sohn auf Gott und die Menschen leisten können.

Durch diese Erfahrung mit Schuld kann eine zukünftige Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld erfolgen. Die Einsicht, dass uns von Gott vergeben wird, kann langfristig dazu führen, dass auch die Schüler und Schülerinnen lernen zu vergeben. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn zeigt ihnen verschiedene Handlungsmöglichkeiten auf, wie mit Schuld und Vergebung umgegangen werden kann. Dies trägt möglicherweise zukünftig zu einer Veränderung in ihrem eigenen Verhalten bei.

 

5. Methodische Planung

In der Einführungsphase werden die Ergebnisse der vergangenen Stunde wiederholt und zusammengefasst. Die dort erarbeiteten und geschriebenen Karten werden zur Hilfe wieder an die Tafel gehängt.

In der Erarbeitungsphase werden für die Lerngruppe folgende Fragen zu bearbeiten sein: „Was bedeutet das Gleichnis für dich? Welche Überschrift würdest du der Geschichte geben?“ Diese Aufgaben sollen mit dem „Think-Pair-Share-Prinzip“ erarbeitet werden: Zur Erhöhung der Selbstständigkeit und Aktivierung aller Schüler und Schülerinnen werden sie zunächst kurz alleine überlegen, was sie auf die Fragen antworten wollen. Dann werden sie sich mit ihrem Sitznachbarn austauschen. Im Gruppengespräch werden dann die Vorschläge präsentiert. Diese Methode wird auch „Ich-Du-Wir-Prinzip“ genannt und entspricht einer effizienten Gruppenarbeit. Ziel ist es, durch die Gruppenphase die Schülerkommunikation untereinander zu fördern und die Argumentationsfähigkeit zu stärken.

Während des Gesprächs werden die Ergebnisse von den Kleingruppen zusammengetragen. Die selbst erfundenen Überschriften werden auf weitere Karten geschrieben, um auch in der nächsten Stunde damit arbeiten zu können. Die Schüler und Schülerinnen können Rückfragen an ihre Mitschüler und Mitschülerinnen stellen.
Falls im Gesprächsverlauf die Jugendlichen auf Gott zu sprechen kommen, kann die Frage angeschlossen werden, wie Gott bzw. Gottes Eigenschaften hier dargestellt werden. Ist es nicht der Fall, dass die Schüler und Schülerinnen von allein Gott erwähnen, sollten sie durch einen Impuls auf die Rolle des Vaters aufmerksam gemacht werden. Anschließend kann die Frage gestellt werden, welches Bild von Gott in der Erzählung entworfen wird.

Die verschiedenen Gottesvorstellungen werden von den Schülern und Schülerinnen auf Karten und im Heft/ Mappe notiert, um eventuell in der nächsten Stunde daran anschließen zu können. In diesem Unterrichtsgespräch können die Jugendlichen ihre Meinungen und Vorstellungen offen vorbringen und die Lehrkraft kann ihnen durch gezielte Fragestellungen weitere Denkanstöße geben.

Vermutlich werden die Schüler und Schülerinnen ein Problem in der hier gegebenen Gerechtigkeitsvorstellung sehen. Die Lehrkraft sollte aufkommenden Fragen und Problemen Raum geben und versuchen diese zu thematisieren.
Der letzte Satz des Vaters in der Parabel soll den Jugendlichen einen Denkanstoß bezüglich des Gerechtigkeitsempfindens geben: „Mein Sohn, du bist immer bei mir gewesen. Was ich habe gehört auch dir. Darum komm, wir haben allen Grund zu feiern. Denn dein Bruder war für uns tot, jetzt hat für ihn ein neues Leben begonnen. Er war verloren, jetzt hat er zurückgefunden!“

 

6. Unterrichtsziele

 

Die Schülerinnen und Schüler sollen (Minimalziele):

- selbstständig nachdenken

- das Gleichnis für sich selbst interpretieren

- das zentrale Thema für sich herausarbeiten, indem sie eine Überschrift formulieren

- untereinander ins Gespräch kommen und einander zu hören

- die eigene Meinung begründen können

- andere Meinungen akzeptieren und tolerieren

 

Die Schülerinnen und Schüler sollen (Maximalziele):

- Parallelen vom Vater zu Gott ziehen

- ein eigenes, auf der Geschichte beruhendes, Gottesbild formulieren und begründen können

 

Literaturverzeichnis


Bahr, Hans-Eckehard, 1993, Der verlorene Sohn oder die Ungerechtigkeit der Liebe - Das Gleichnis Jesu heute, Freiburg

Fenske, Wolfgang, 2003, Ein Mensch hatte zwei Söhne. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn in Schule und Gemeinde, Göttingen

Hoegen- Rohls, Christina, 2006, Das hat eine Bedeutung! Viertklässler finden den verlorenen Sohn, in: Büttner, Gerhard, Martin Schreiner, Man hat immer ein Stück Gott in sich. Mit Kindern biblische Geschichten deuten, Stuttgart, 108

Schottroff, Luise, 2005, Die Gleichnisse Jesu, Gütersloh

Schweitzer, Friedrich/Gabriele Faust-Siehl, 42000, Religion in der Grundschule. Religiöse und moralische Erziehung, Frankfurt/Main

Weder, Hans, ²1980, Die Gleichnisse Jesu als Metaphern, Göttingen

[letzte Änderung: 26. April 2011].

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