Online-Bibelkommentar

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Verfügbare Beiträge:

Die Gemeinde als Leib Christi

Kathrin te Poel

Kurzbeschreibung:
Die Textstelle 1 Kor 12,12-31 beinhaltet die Metapher der Gemeinde als Leib Christi. Ebenso wie der körperliche Leib viele unterschiedliche, zusammenwirkende Glieder hat, gibt es in der Gemeinde unterschiedliche Personengruppen, die jedoch nur den einen Leib Christ bilden, wenn sie ebenso kooperieren. Paulus ermahnt die Gemeinde in Korinth mit dieser Metapher zu mehr Zusammenhalt.
Zusätzliche Autoreninformation: Kathrin te Poel
Studentin, Universität Dresden
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
1.Kor 12,12-31
Zusätzliche Skripturen:
Mt 27,52 Apg 9,20 Eph 2,1-10 1 Kor 6,19f Kol 1,12-20
Weitere Schlagworte:
Apostel; Auferweckung; Beruf; Charisma; Christus; Christologie; Fleisch; Gnadengaben; Heiliger Geist; Geist; Gemeinde; Jesus; Kreuz; Leib; Lehrer; Nachfolge Jesu; Paulus; Pneuma; Prophet; Wind

1. Erster Leseindruck

Aufgrund seiner bildhaften, vergleichenden Sprache ist der Text 1 Kor 12,12-31 sehr leicht verständlich und gut zu lesen. Es wird sehr deutlich herausgestellt, dass alle Mitglieder einer Gemeinde trotz verschiedener Funktionen die gleiche Würde tragen. Diese Thematik finde ich auch vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftspolitischer Debatten, wie z. B. der Kampf um Lohngerechtigkeit, sehr interessant und passend.

 

2. Synchrone Zugangsweise: die ganze Gemeinde ist Leib Christi

Im 1. Korintherbrief wendet sich Paulus an die von ihm gegründete Gemeinde in Korinth, um dortige Spaltungen zwischen den Gemeindemitgliedern zu schlichten und Fragen der Gemeinde zu beantworten. 1 Kor 12,12-31 thematisiert vor diesem Hintergrund die rechte Ordnung der Gemeinde und das Wirken des Geistes Gottes. Es geht um das gottesdienstliche Leben und die unterschiedlichen Charismen der Gemeindemitglieder, die Einheit des Leibes trotz der Vielfalt der Gaben. Die Situation in Korinth bestimmt durchgängig die Argumentation des Paulus (vgl. Schnelle, 2002, 79f). Das Kapitel  beginnt  thematisch mit der allgemeinen Verbildlichung der „Gemeinde als Leib Christi“ (v12-14), diese Thematik wird dann unter unterschiedlichen Gesichtspunkten konkretisiert, so dass sich das Kapitel in die Unterthemen „gegen die eigene Geringschätzung einzelner Glieder“ (v15-20), „gegen die Geringschätzung einzelner Glieder durch andere“ (v21-25) und „das rechte Miteinander in der Gemeinde“ (v26-31) einteilen lässt.

 

2.1 Die Gemeinde als Leib Christi

1 Kor 12,12 beginnt mit einer vergleichenden Metapher. Paulus zieht eine Parallele zwischen Christus und einem Leib, der viele Glieder hat bzw. vielen Gliedern, die zusammen einen einzigen Leib bilden. Diesen Vergleich konkretisiert Paulus in v13, indem er in der Wir-Form erläutert, dass alle durch den einen Geist der Taufe in einen Leib aufgenommen werden. Damit stellt er einen direkten Bezug zur Gemeinde her, dessen Teil er ist und verdeutlicht die freundschaftliche Beziehung, in der er zur Gemeinde steht. In v13 integriert Paulus die bereits vorpaulinische Tauftradition in seine Argumentation und stellt damit die Verbindung zum Geist, also zur Kraft des Heils her. Durch die aufgezählten Gegensatzpaare in v13 verbildlicht er den Ausdruck „alle“ als Vielfalt und auch als Gegensätzlichkeit. V14 greift die Metapher aus v12 erneut in negierter Form auf: der Leib besteht nicht nur aus einem Glied.

Es wird also Christus als ein Leib mit vielen Gliedern beschrieben und durch den Geist der Taufe wird die Gemeinde mit ihren vielfältigen Gliedern ebenso zu einem Leib. Es geht jedoch nicht lediglich um eine Verbildlichung dessen, was Paulus der Gemeinde argumentativ nahe legen wollte, die Einheit der Vielfalt eines Organismus, sondern es geht auch um den Zusammenhang von Christus und Gemeinde, die einander bedingen, wobei die Gemeinde aus Christus und auf Christus hin wächst. Wo er zu finden ist, da ist auch sein Leib (vgl. Schrage, 1999, 211f). Meines Erachtens wird die Kreuzestheologie des Paulus sehr gut sichtbar, nach der Jesus als Gekreuzigter die Erlösung und Heiligung der Menschen bewirkt. Das Kreuz steht dabei für den Glauben an die Auferweckung Christi, durch die er zum lebendig machenden Geist der Glaubenden geworden ist (vgl. Schnackenburg, 1963, 220f). Die Gemeinde ist der Leib Christi, der zwar viele Glieder hat, doch nur ein Leib ist. Das Bild, welches Paulus hier anführt, hilft dabei, das Verständnis der Kirche in dieser Zeit nachzuvollziehen. Das Selbstverständnis der Kirche liegt nicht nur zeitlich, sondern auch in seinen konkreten Gemeindevollzügen und Auffassungen noch sehr nah am Christusereignis, so dass die nachösterliche Gemeinde sich sammelt, um in ihrem Glauben an die Auferstehung Jesus nachzufolgen.

 

2.1.1. Gegen die eigene Geringschätzung einzelner Glieder

Die v15-26 differenzieren die Metapher weiter aus. Zunächst werden in v15 und v16 einzelne Körperglieder, und zwar Fuß, Hand, Ohr und Auge, durch ihre Rede personifiziert. Diese zählen sich jeweils nicht zum Leib zugehörig, da sie sich als Glied gegenüber anderen Gliedern zu gering schätzen (im griechischen Text kennzeichnen die Worte ean und me deswegen den Irrealis). Die v15 und v16 widersprechen dann jeweils in einer allgemeingültigen Aussage den redenden Gliedern. Übertragen auf die Gemeinde erläutert also das Bild, dass jedes Mitglied der Gemeinde zum Ganzen gehört, egal wie seine Stellung bzw. seine Funktion in der Gemeinde ist, wie auch Ohr und Fuß zum Körper gehören, obwohl sie keine Hand bzw. kein Auge sind (vgl. Schrage 1999, 221f). In v17 spitzt Paulus die Aussage der Metapher durch rhetorische Fragen zu, die verdeutlichen, dass dem Leib etwas fehlen würde, wenn er nur aus gleichen Gliedern bestünde. Der Leib wäre somit unvollständig und nicht funktionstüchtig. Bestünde er nur aus Augen, hätte er kein Gehör; bestünde er nur aus Gehör, hätte er keinen Geruchssinn (vgl. Schrage, 1999, 223). Paulus verdeutlicht also die Notwendigkeit der Vielfalt in einer Gemeinde. V18 stellt weiterhin metaphorisch den inhaltlichen Bezug zu Gott her. Gott selbst hat sowohl die schwachen wie auch die starken Glieder des gesamten Leibes geschaffen und platziert. Jedes Mitglied hat seine Position also von Gott erhalten und ist daher gleichwertig, gleich welche Funktion es erfüllt, weil jede Funktion notwendig ist (vgl. Lindemann, 2000, 273). V19 verallgemeinert die Metapher erneut durch eine rhetorische Frage, die im Griechischen durch den Irrealis gekennzeichnet ist. Er verdeutlicht in einer absurden Formulierung der Frage nach der Einheit des Leibes, dass die Antwort klar zutage liegt. V20 hebt in der Wiederholung noch einmal die allgemeine Aussage der Metapher hervor: es gibt keine Einheit ohne Vielfalt (vgl. Schrage, 1999, 224f).

In der Forschung wird die These vertreten, dass sich die v15-20 - auf die Gemeinde übertragen - gegen die zu geringe Selbsteinschätzung einiger Mitglieder der Gemeinde richtet, die wohl ihre Zugehörigkeit zur Gemeinde in Frage stellen (vgl. Preuß/Berger, 2003, 315).

 

2.1.2. Gegen die Geringschätzung einzelner Glieder durch andere

In v21 personifiziert Paulus erneut Körperglieder (diesmal Auge und Hand sowie Kopf und Fuß) durch deren wörtliche Rede, parallel zu v15 und v16. Inhalt der Rede ist nun jedoch nicht die eigene Geringschätzung eines Gliedes gegenüber eines anderen, sondern die Abwertung eines Gliedes durch ein anderes (vgl. Ortkemper, 1993, 118). Die Metapher richtet sich somit provokativ an die Mitglieder der Gemeinde, die sich selbst als so wichtig einschätzen, dass sie meinen, ohne die anderen auszukommen. In v22 bezeugt Paulus dazu entgegengesetzt, dass gerade die schwachen Glieder unentbehrlich für den Leib sind. Er bringt somit den schwächeren Mitgliedern der Gemeinde seine Achtung und Wertschätzung entgegen. V23 und v24 differenzieren daraufhin die „Schwächeren“ näher aus: in die, die für weniger edel angesehen werden, und in die weniger Gesitteten, die daraufhin von den anderen mit umso mehr Ehre bzw. mit umso mehr Anstand behandelt werden sollen. Übertragen auf die Gemeinde sollen also die weniger Begabten oder ungeeigneteren Mitglieder mit besonderem Respekt und mit Akzeptanz behandelt werden, ebenso wie die unanständigen Glieder besonders bekleidet werden (vgl. Schrage, 1999, 226ff). In v24 und v25 stellt Paulus dann erneut die Verbindung zu Gott her und beschreibt die Gemeinde als nach Gottes Willen bewusst gestaltet. Gott erwartet die besondere Ehrung der geringen Glieder, damit Zwiespalt in der Gemeinde zu vermieden wird und Unterschiede zwischen Gemeindemitgliedern ausgeglichen werden durch Achtung und besondere Zuwendung, so dass in der Gemeinde keine Spaltungen entstehen (vgl. Schrage, 1999, 227ff).

Die v21-25 sind somit gegen die Überheblichkeit der höheren Glieder der Gemeinschaft gerichtet und bilden die entgegengesetzte Parallele zu den v15-20, die sich - wie bereits erwähnt - gegen die geringe Selbsteinschätzung einzelner Mitglieder richteten (vgl. Preuß/Berger, 2003, 315).

 

2.1.3. Das rechte Miteinander in der Gemeinde

V25 und v26 legen konkret dar, wie das solidarische Miteinander in der Gemeinde demnach auszusehen hat. Die Mitglieder sollen füreinander sorgen, mit den Leidenden leiden und sich mit den Geehrten freuen. Auffällig ist hier der Gegensatz der Extreme Freude und Leid, was zeigt, dass beides in der Gemeinschaft dazugehört. Paulus geht also von der bildlichen zur sachlichen Rede über. Diese Forderungen an die Gemeinde sind nicht als Imperativ ausgedrückt, sondern als bloße Beschreibung, wie das Miteinander auszusehen hat. V27 rundet die bisherige Argumentation des Paulus resümierend ab, indem er nun die Gemeinde in Korinth in der 2. P. Pl. direkt anspricht und als Leib Christ betitelt. Er überträgt das gesamte erläuterte Bild mit seiner Reflexion auf die Gemeinde in Korinth, die Paulus direkt als Leib Christi bezeichnet (vgl. Schrage, 1999, 228ff). In den v13-26 argumentierte Paulus also metaphorisch auf der sozialen und anthropologischen Ebene, während er dieses nun in v27 auf die ekklesiologische Ebene überträgt. Paulus prägt an dieser Stelle erstmalig den Terminus „Leib Christi“ (vgl. Lindemann, 2000, 144). In v28 nennt Paulus die typischen Charismen, die in einer Gemeinde von Gott vergeben werden und die sich letztlich in der Verschiedenheit der einzelnen Glieder manifestieren und eine Ordnung der Gemeinschaft in der Aufgabenverteilung ausmachen (vgl. Preuß/Berger, 2003, 315).

Die ersten drei Charismen ordnet Paulus nach Personen, die weiteren beschreibt er als Tätigkeiten (vgl. Ortkemper, 1993, 120). Er nennt als Personen, die mit bestimmten Charismen ausgestattet sind, die Apostel, die Propheten und die Lehrer, wobei im Vergleich der Einheitsübersetzung mit dem griechischen Text auffällt, dass diese drei Personengruppen im griechischen Text in eine Rangfolge durch die Ordnungszahlen "erstens, zweitens, drittens" gebracht werden. Dagegen werden in der Einheitsübersetzung zwar die Lehrer als dritte Gruppe betitelt werden, die Apostel und Propheten jedoch gleichrangig als „die einen“ und „die anderen“ bezeichnet (vgl. Schrage, 1999, 331f). Als weitere Charismen nennt Paulus in v28 die Tätigkeiten: Wunder tun, Krankheiten heilen, helfen, leiten und Zungenrede, die nicht an Personenbezeichnungen gebunden sind. V29 und v30 wiederholen die aufgezählten Charismen in rhetorischen Fragen. Diese verdeutlichen, dass nicht jeder alle Charismen besitzen kann, sondern jeder mit dem Charisma glücklich sein soll, welches ihm zuteil geworden ist (vgl. Schrage, 1993, 239). Wieder werden die ersten drei Charismen personifiziert und die weiteren als Tätigkeiten umschrieben. Als neues Charisma kommt hier noch die Auslegung der Zungenrede hinzu, die Charismen des Helfens und des Leitens fallen weg.

V31 enthält abschließend die Aufforderung, nach höheren Gaben zu streben und ist als Imperativ zu deuten (vgl. Schrage, 1999, 240), durch den Paulus den praktischen Einsatz der Gemeinde fordert. Die Argumentationsrede in 1 Kor 12,12-31 wird durch den Appell abgerundet und setzt die Intention des Autors, zu den Streitigkeiten und Anfragen der Gemeinde Stellung zu beziehen, in eine Anweisung um, so dass die Rede niht nur sachlich-rationalo von der Gemeinde verstanden werden soll, sondern auch umgesetzt, durch sie zum Handeln motiviert werden soll. 

 

2.2. Bedeutungsentwicklung ausgewählter Schlüsselbegriffe

Im Hinblick auf das Thema „Leib und Körper in der Bibel“ sind die Bezeichnungen "Leib" [griech. soma], "Geist" [griech. pneuma], "Gnadengabe" [griech. charisma] und "Fleisch" [griech. sarx] in ihrem spezifischen Verständnis bei Paulus im Vergleich zu ihren geläufigen griechischen Bedeutungen zu klären.

 

2.2.1. Bedeutungsentwicklung „Leib“

"Leib" (griech. soma) ist bereits in den Schriften des Homer vorzufinden und bedeutete hier zunächst nur „Leiche“. Da in der Sprache der Griechen Körper und Leib noch nicht unterschieden wurden, kann "Leib/soma" auch für jeglichen toten Gegenstand oder für einen Himmelskörper stehen. Plato definierte den Leib als Gefängnis der Seele, das beim Tod wegfällt, während die Stoiker Leib und Seele als Einheit betrachteten. Desweiteren wurde mit Leib ein geordnetes Ganzes bezeichnet, z.B. Volk oder der Kosmos (vgl. Schweizer, 1990, 1025-1037). Im NT außerhalb der paulinischen Schriften steht der Leib, wie im hebräischen, für die Ganzheit gegenüber den Gliedern, wobei Leib und Seele als untrennbare Elemente des Menschen gelten. Der Leib ist Träger des Ichs des Menschen und kann nach dem Tod auferweckt werden (Mt 27,52; Apg 9,20) (vgl. Schweizer, 1990, 1054ff). Bei Paulus ist der Leib der Tempel des heiligen Geistes (1 Kor 6,19f). Der Leib steht in unmittelbarem Zusammenhang mit Christus, er ist ein Glied Christi und wird deshalb auch verwandelt auferweckt. Paulus führt die Bezeichnung „Leib Christi“ ein, der zunächst den am Kreuz hingegebenen Leib Jesu bezeichnet, der dann im Brot als „Leib für euch“ im Herrenmahl gegeben wird, so dass die Gemeinde im Erinnern an Jesu Handeln selbst zum Leib Christi wird. Die Gemeindemitglieder werden nach Paulus in der Taufe in den Leib Christi aufgenommen (vgl. Schweizer, 1990, 1057.1066ff). Es ist also erkenntlich, dass die Bezeichnung Leib bei Paulus untrennbar mit dem Christusereignis in Verbindung steht, also primär eine christologische Bedeutung erhält und dass seine allgemeine griechische Bedeutung bei Paulus dadurch transformiert wird. Dieses christologische Verständnis von Leib spielt bei Paulus eine zentrale Rolle.

 

2.2.2. Bedeutungsentwicklung „Gnadengabe“

Die bei Paulus genannten Gnadengaben/charismata sind abgeleitet vom griechischen Wort Gnadengabe (griech. charisma) das Geschenk oder Wohltat bedeutet, teils auch Barmherzigkeit. Im NT findet sich das Wort "Gnadengabe/charisma" nur in der Briefliteratur, besonders bei Paulus. Es bezeichnet bestimmte Fähigkeiten bzw. Gaben, die durch den heiligen Geist gegeben sind und die Gegenwart als eschatologische Heilszeit bestimmen. Vor allem Glossalie (Zungenrede) und Prophetie zählen zu diesen, aber auch alltägliche Dienste. Dennoch sind diese Geistesgaben bei Paulus hierarchisch gegliedert, was daran erkennbar ist, dass im griechischen Text 1 Kor 12,28 die Apostel, Propheten und Lehrer mit Rangordnungszahlen versehen sind und nacheinander aufgezählt werden. Die gleiche Textstelle der Einheitsübersetzung versieht die Lehrer mit dem Attribut der „dritten“ Personengruppe nach den Aposteln und Propheten (vgl. Conzelmann, 1990, 394ff).

 

2.2.3. Bedeutungsentwicklung „Geist“

"Geist" (griech. pneuma) bedeutet im Griechischen zunächst die elementare Natur- und Lebenskraft, die Stoff und Vorgang zugleich ist, so dass das Wort z.B. im Makrokosmos mit Lufthauch, Wind u.ä. übersetzt wird. Übertragen auf den Mikrokosmos, z.B. Mensch und Tier, bedeutet "Geist/pneuma" dann soviel wie Atem oder Hauch, die zugleich Träger des Lebens sind. Das Wort "Geist" erhält dadurch die Bedeutung oder Funktion der Seelensubstanz, die dem Leib gegenüber steht.

Im NT kann pneuma auch böse Geister oder Verstorbene meinen. Als Geist Gottes bezeichnet es die inspirierende und lebenspendende Kraft Gottes. Bei Paulus steht der Empfang des lebenspendenden Geistes der Endzeit im Vordergrund. Dessen Empfang wird durch wahrnehmbare Zeichen, also Geistesgaben, kenntlich. Auch die Taufe der Glieder vollzieht sich nach Paulus in einem Geist, durch den die Glieder ein Leib werden, so dass "Geist/pneuma" hier eine bleibende Gabe an die Getauften ist. Diese Gabe ist allerdings nicht als Besitz der Getauften zu betrachten, sondern eher als Herr über die Getauften. Geist und Christus stehen in engem Zusammenhang, im Geist können die Glieder sich zu Christus bekennen, und durch diesen wird Gott die Toten auferwecken. Somit stehen Gott, Christus und Geist in einer dynamischen Verbindung zueinander (vgl. Kremer, 1992, 279).

 

2.2.4.  Bedeutungsentwicklung „Fleisch“
"Fleisch" (griech. sarx) wurde im Griechentum meistens im Plural verwendet und bezeichnet das Fleisch des menschlichen und tierischen Körpers als Masse, später auch das Opfer. Der Sprachgebrauch dehnte sich dann auf Körper als Ganzes aus, allerdings im physischen Sinn (vgl. Schweizer, 1990, 99ff).

 


3.
Diachrone Beobachtungen: Motiv zur Abfassung des Römerbriefs

Der erste Korintherbrief wurde vermutlich im Jahre 55 n.Chr. von Paulus in Ephesus verfasst (vgl. Schnelle, 2002, 43). Er richtet sich an die von Paulus gegründete Gemeinde in Korinth, die durch die soziale, religiöse und kulturelle Vielfalt ihrer Mitglieder geprägt war, unter denen sich sowohl ehemalige Heiden, Judenchristen, Proselyten wie auch Gottesfürchtige fanden, die teils der durch materielle Not gekennzeichneten Unterschicht, teils der gehobeneren sozialen Schicht zuzuordnen waren. In der Gemeinde herrschten daher starke Spannungen und Spaltungstendenzen in theologischen, sozialen und ethischen Fragen, zu denen Paulus im Einzelnen in seinen Briefen argumentativ Stellung bezieht (vgl. Schnelle, 2002, 76ff). Die Themen des Ersten Korintherbriefes, der zur Gattung des antiken Briefs gehört, orientieren sich an der dortigen Gemeindesituation und stellen die Antworten dar, die Paulus der Gemeinde auf Anfragen hin gab.

 

Literaturverzeichnis

Conzelmann, Hans, 1990, Art. charisma, in: ThWNT 9, 393-397

Kremer, Jacob, 1992, Art. pneuma, in: EWNT 3, 279-291

Lindemann, Andreas,2000, Der Erste Korintherbrief (HNT 9/1), Tübingen

Ortkemper, Franz Josef, 1993, 1. Korintherbrief (SKK.NT 7), Stuttgart 

Preuß, Horst Dietrich/Berger, Klaus, 2003, Bibelkundes des Alten und Neuen Testaments. Zweiter Teil: Neues Testament, Stuttgart

Schnackenburg, Rudolf, 1963, Art. Paulus, paulinische Theologie, in: LThK2 8, 220-228

Schnelle, Udo, 42002, Einleitung in des Neue Testament, Göttingen

Schrage, Wolfgang, 1999, Der erste Brief an die Korinther (EKK 7/3), Neukirchen-Vluyn

Schweizer, Eduard, 1990, Art. sarx, in: ThWNT 7, 98-151

Schweizer, Eduard, 1990, Art. soma, in: ThWNT 7, 1024-1091

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