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Online-Bibelkommentar

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Verfügbare Beiträge:

Von Gott verlassen

Yvonne Thöne

Kurzbeschreibung:
Der bekannteste Klagepsalm 22 wird auf seinen Aufbau, seine Einheitlichkeit und seine Rezeptionen im Neuen Testament hin beleuchtet. Eine Vers-für-Vers-Auslegung, sowie eine didaktische Reflexion zum Einsatz im Religionsunterricht ergänzen den Beitrag.
Zusätzliche Autoreninformation: Yvonne Thöne
Mitarbeiterin, Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm. Unterrichtsentwurf Zur Rezeptionsgeschichte
Schulform:
Grundschule Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Ps 22
Weitere Schlagworte:
Altes Testament; Beten; David; Feind; Gott; Glaube; Gottesbild; Herr; Klage; klagen; Leid; Psalm; Vertrauen; Angst; Metapher; Löwe;Hund; Stier; Schwert; Theodizee

1. Erster Leseeindruck

Bildgewaltig, mit bedeutungsvollen Schilderungen von wilden Hunden, reißenden Löwen und Todesstaub, kommt der 22. Psalm daher. Die Sprache ist opulent und im ersten Teil überwiegend düster. Unvermittelt tritt dann die Wende ein – die depressive Klage wendet sich zum überschäumenden Gotteslob. Der Text wirft viele Fragen auf. Wie kommt es zu diesem plötzlichen Wandel? Wieso werden Jesus gerade Worte aus diesem Psalm in den Mund gelegt? Und: Wie kann man mit diesem Text im Religionsunterricht umgehen?


2. Synchrone Zugangsweise: Der Angst eine Stimme geben

2.1 Abgrenzung und Kontext

Durch seine Überschrift (22,1), aber auch durch seine Thematik ist der Psalm klar abgegrenzt zum vorausgehenden Ps 21 (Danklied) und folgenden Ps 23 (Vertrauenslied).
Ter Linden sieht dennoch eine Verbindung zwischen Ps 22 und Ps 23 insofern, dass in letzterem das neu gewonnene Gottvertrauen des Klagepsalms ausgeweitet und besungen wird (vgl. Ter Linden, 2004, 25).

Mitunter wird von ExegetInnen am Text des 22. Psalms eine Trennung in zwei ursprünglich selbstständige Teile (bzw. einen originalen und einen sekundären Teil) vorgenommen; so werden V1-22 (oder V1-27) als Klagepsalm, V23-32 (oder V28-32) als hymnisches Danklied aufgefasst (vgl. Gunkel, 1986, 93). Es entspricht dem typischen Aufbau der Klagepsalmen, mit Worten des Dankes oder einem Lobversprechen zu schließen (s.u.). Dieses gattungsspezifische Element ist hier jedoch auffällig stark ausgeweitet, was PsalmenforscherInnen zu den genannten Überlegungen veranlasst hat. Gunkel widerspricht dieser literarkritischen Teilung des Psalms vehement und konstatiert: „Daß die beiden Teile des Gedichts infolgedessen so stark auseinanderfallen, ist ein Zeichen der glühenden Geistesart des Psalmisten, der mit derselben Leidenschaftlichkeit jammernd fleht, wie er jubilierend dankt“ (Gunkel, 1986, 92).

Im Zuge der folgenden synchronen Betrachtungen ist ausschließlich der kanonisierte Endtext von Interesse. Sekundäre Bearbeitungen sind möglich, aber „So wie der Text heute vorliegt, ist Ps 22 eine literarische Einheit. Die Exegese muß dem Text gerecht werden und darf sich nicht mit hypothetischen Vorstufen aus den Schwierigkeiten herausstehlen“ (Oeming, 2000, 148).


2.2 Aufbau

Wie bereits bemerkt, fällt im Hinblick auf die Gliederung sogleich auf, dass der Psalm aus zwei konträren Teilen besteht: Einem verzweifelten Klagelied in V2-22 und einem ausdrucksvollen Danklied in V23-32 (vgl. Oeming, 2000, 145).

Entsprechend dem konventionellen Aufbau von Klageliedern (s.u.) orientiert sich auch Ps 22 dabei an dem gattungstypischen Dreischritt Klage – Bitte – Dankversprechen. Während sich in V2-12 Klage und Vertrauensbekundungen vermischen, greifen in V13-22 Klage und Bitte ineinander, bis es schließlich ab V23 zum Dank und Lob kommt.

Überblicksartig ergibt sich für Psalm 22 folgender Aufbau:

1 – Überschrift

2 – Anrufung Gottes

3 – 1. Notschilderung/Klage

4-6 – 1. Vertrauensäußerung (Gottes Wirken in der Vergangenheit des Volkes Israel)

7-9 – 2. Notschilderung/ Ich- und Feind-Klage

10-11 – 2. Vertrauensäußerung (Gottes Nähe in Vergangenheit des Beters)

12 – 1. Bitte

13-19 – 3. Notschilderung/Ich- und Feind-Klage

20-22 – 2. Bitte

23 – Lobversprechen/Stimmungsumschwung

24-27 – Imperativischer Hymnus

28-32 – Appell (Universale Königsherrschaft JHWHs)


2.3 Grundsätzliches zur Gattung der Klagepsalmen

„Schweigen wäre gotteslästerlich – man würde Gott entehren, wenn man ihm die Wahrheit schuldig bliebe“ (Hieke, 2000, 45). JHWH und der Glaube an ihn durchdringen alle Bereiche des Lebens des alttestamentlichen Menschen. So ist auch die Klage integraler Bestandteil des Gebetslebens und damit der Psalmen.

Etwa ein Drittel des Psalters machen Klagegebete aus (vgl. Baldermann, 1986, 18). Grundsätzlich zu unterscheiden ist zwischen der Klage des Einzelnen und der Klage des Volkes. Darüber hinaus existiert die institutionalisierte Totenklage, die jedoch nicht im Rahmen des Psalters auftritt.

Klagepsalmen entstammen den unterschiedlichsten Situationen (Krankheit, Verfolgung durch Feinde, Krieg), orientieren sich aber stets an bestimmten gattungstypischen Konventionen.

Typischerweise sind Psalmen aus folgenden Bausteinen konstruiert:

  • Anrufung Gottes (invocatio dei),

  • Klage bzw. Notschilderung (Gott-, Ich- oder Feindklage),

  • Bekenntnis der Zuversicht/Vertrauensbekenntnis (auch in Form von heilsgeschichtlichen Rückblicken),

  • Unschuldsbeteuerung,

  • Bitte (um Gottes Wahrnehmung und/oder um ein rettendes Eingreifen),

  • Lobgelübde für den Fall der Errettung bzw.

  • Dank für die erfolgte Rettung (vgl. Hieke, 2000, 49-51; Oeming, 2000, 34f.)

In der Regel findet dabei eine Bewegung von der Klage über die Bitte zum Lob hin statt. Die Schnittstelle zwischen klagendem und lobendem Teil wird gemeinhin als Stimmungsumschwung bezeichnet.

Es ist festzuhalten, „dass die biblische Klage kein richtungsloses Jammern ist, sondern der aus tiefstem Gottvertrauen aufsteigende Schrei nach Gott, selbst da und dann, wo alles gegen Gott spricht“ (Zenger, 2004, 1060). Daher gilt: „Selbst die schärfste Anklage Gottes ist darin Lobpreis Gottes, weil sie an Gott festhält und ihn (wenn auch anklagend) immer noch sucht, wo eigentlich alles gegen ihn zu sprechen scheint“ (Zenger, 2004, 1036).

So wie Klagepsalmen den verschiedensten Situationen entstammen, sprechen sie auch in viele Situationen hinein. Sie sind als offene Gebetsformulare gestaltet, welche mit eigenen Gedanken gefüllt werden können. Die oftmals bildhafte Sprache (z.B. Ps 22,13-19: Büffel, Löwen, ausgeschüttetes Wasser usw.) lässt sich als Chiffre auf viele Gegebenheiten übertragen. Sie ermöglichen, nicht ohnmächtig im Leid zu verharren, sondern durch Klagen zu handeln und damit auf Veränderung abzuzielen. „Die biblische Klage erklärt nichts, sie handelt – und sie vertraut unerschütterlich darauf, dass Gott angesichts des menschlichen Leids befreiend und rettend handeln wird“ (Hieke, 2000, 66).


2.4 Auslegung

Der eröffnende V2 stellt die gattungstypische Anrufung Gottes dar. Die Doppelung eli eli (Mein Gott, mein Gott) ist singulär. Das daran anschließende „Warum/wozu hast du mich verlassen?“ entspricht dem Prinzip Klagen durch Fragen – es geht dem Beter/der Beterin nicht darum, Informationen über den Grund seines Leidens zu erhalten, sondern drückt den Wunsch nach baldiger Abhilfe aus (vgl. Hieke, 2000, 52). Bereits hier eröffnet sich ein „Gebetsweg in der Spannung zwischen empfundener Gottverlassenheit und gesuchter Gottesnähe“ (Zenger, 2004, 1060).

In V3 wird die schmerzhaft empfundene Gottesferne im Rahmen der ersten Notschilderung weiter ausgemalt.

Ein Blick in die Vergangenheit (V4-6) reflektiert Gottes heilvolles Handeln an den „Vätern“. Diese erste Vertrauensäußerung bleibt vorerst noch auf allgemeiner Ebene. Erst in V10f. gerät das persönliche Erleben mit Gott in den Fokus.

Die V7-9 stellen die zweite Notschilderung dar. Es handelt sich hierbei um eine Kombination von Ich- und Feindklage. Der/die Beter/in fühlt sich erniedrigt, scheint gar seine Menschenwürde verloren zu haben, verbildlicht in den Worten „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch“. Die Verse heben insbesondere den sozialen Aspekt des Leidens hervor; die Schande, die er/sie erfährt, wird verursacht durch den Spott der Leute, welche – gemäß dem Zitat in V9 – den Tun-Ergehen-Zusammenhang ironisieren. In höhnischem Ton provozieren sie gleichsam JHWH sowie die leidende Person: „er hat auf Jahves Schutz vertraut und gewähnt, ihm könne kein Leid begegnen; jetzt wollen wir die Probe machen und sehen, ob er wirklich sein Liebling ist“ (Gunkel, 1986, 91).

V10-11 setzen den Rückblick von V-6 fort, diesmal auf persönlicher Ebene. In dem erneuten Vertrauensbekenntnis wird eine pränatale Nähe zu Gott beschrieben, welcher hier gleichsam als Hebamme (V10) und Adoptivelternteil auftritt (V11a spielt auf den Rechtsbrauch an, ein Kind zu adoptieren, indem man es auf seine Knie „wirft“; vgl. Zenger, 2004, 1061). Die von dem/der Beter/in ersehnte Gottesbeziehung ist kein unrealistischer Wunsch – sie war in der Vergangenheit bereits gegeben.

Die erste, allgemeine Bitte in V12 fordert daher die Aufhebung der Gottesferne „aus tiefstem, heißen Herzen“ (Gunkel, 1986, 91).

Die dritte, ausführliche Notschilderung in V13-19 stellt wieder eine Kombination von Ich- und Feindklage dar. Die Sprache ist metaphorisch, so dass es schwer fällt herauszufinden, worin das tatsächliche Leiden besteht. Gunkel denkt an eine schwere Krankheit (1986, 90). Westermann geht davon aus, dass sich im Laufe einer langen Entwicklung eine „Formel-Sprache der Klage“ herausgebildet hat, „eine verschlüsselte Sprache, die uns verschlossen bleibt“ (Westermann, 1984, 67). Möglicherweise ist die Bedeutung der düsteren Bilder aber auch bewusst offen gehalten, so dass die gefährlichen Tiere, die körperlichen Vorgänge sowie die Hinrichtungsmetaphorik als Chiffre für jedes nur erdenkliche menschliche Leiden stehen. Fest steht, dass das Leid als tödliche Bedrohung empfunden wird (insb. V16).

Die zweite, konkrete Bitte in V20-22 greift auf die Notschilderung von V13-15 in spiegelbildlicher Abfolge zurück – der/die Beter/in fordert die Errettung von Schwert, Hunden, Löwen und Büffeln (vgl. Zenger, 2004, 1061). Die Bitte stellt außerdem einen Wendepunkt dar: JHWH wird direkt angerufen und hat den/die Leidenden erhört (V22b). „Diese überraschende Aussage (...) ist kontrastiv zum Anfang des Psalms“ (Zenger, 2004, 1061), denn in V3b findet sich das gleiche Verb wie in V22b, doch während JHWH zu Beginn nicht antwortet, tritt er nun in Dialog mit dem/der Beter/in.

Der Stimmungsumschwung ruft das gattungstypische Dankversprechen in V23 hervor.

Darauf folgt nun als „imperativischer Hymnus“ (Oeming, 2000, 146) in V24-27 die konkrete Ausführung des Lobes. Während Westermann diese Verse für sekundär hält (vgl. Westermann, 184, 64-70), betrachtet Gunkel den Psalm als einheitlich (vgl. Gunkel, 1986, 92f.). Zenger geht davon aus, dass „bereits jetzt, noch vor dem Eintreffen der erhofften Rettung“ (Zenger, 2004, 1062) das Lob zukunftsweisend vorweggenommen wird. Auf den Formularcharakter der Psalmen hingegen weist Oeming hin, mit der Konsequenz, dass sie als „rein literarische Produkte“ verdichtend zusammenfassen, „was im wirklichen Leben Tage, Wochen, Monate dauert“ (Oeming, 2000, 149).

In V27 wird die Dankopferfeier (todah) angesprochen.

Die abschließenden V28-32 deuten in hymnischer Form die erfahrene Rettung in universaler Perspektive. Das Lob Gottes soll – zunächst räumlich – ausgeweitet werden auf alle Enden der Erde und alle Sippen der Völker (V28) und sich schließlich zeitlich auf Vergangenheit und Zukunft erstrecken (V30.31; vgl. Westermann, 1984, 69f.). An dieser Stelle scheint die Vorstellung von einer Auferstehung der Toten durch. Die Begründung für diese räumliche und zeitliche Ausweitung des Gotteslobes liefert der letzte Satz: „denn er hat getan“. „Das ist der Motor des den Psalm bewegenden Geschehens: Gott hat gehandelt“ (Westermann, 1984, 70).

 

2.5 Rezeptionen im Neuen Testament

Psalm 22 ist der am meisten zitierte und alludierte Psalm im Neuen Testament. Grundlegend für alle weiteren Überlegungen ist dabei die Erkenntnis, dass der Text keine Voraussage ist, sondern vielmehr einen Deuteschlüssel zum Verständnis des Todes und der Auferstehung Jesu darstellt, eine „Beschreibung eines Weges durch die Tiefen der Todesangst, auf dem Gott dennoch seinem Namen treu bleibt“ (Baldermann, 2005, 147).

Auffällig ist, dass die Evangelien in den Passionserzählungen vornehmlich den ersten, klagenden Teil des Psalms zitieren, während spätere neutestamentliche Schriften den zweiten Lob-Teil verarbeiten (z.B. Hebr 2,12; Offb 19,5; vgl. Strauß, 2007, 6). Dennoch ist davon auszugehen, dass die „neutestamentlichen Zeugen [...] den ganzen [...] Psalm 22 gekannt haben“ (Strauß, 2007, 11), welcher ihnen in der griechischen LXX-Version vorlag.

Ps 22 prägt die gesamte literarische Darstellung des Kreuzigungsgeschehens; insbesondere in der lukanischen Passionsdarstellung taucht er auffallend häufig auf (vgl. Rusam, 2007, 84f.). Die Information über das Verteilen der Kleider und das Loswerfen (Lk 23,34 - Ps 22,19), das Gaffen des Volkes und die Verspottung Jesu (Lk 23,35f.Ps 22,8f.), die darin eingebettete mehrfache Aufforderung, sich selbst zu helfen (Lk 23,35-39Ps 22,9), die durchbohrten Hände und Füße des Auferstandenen (Lk 24,39f.Ps 22,17) – dies alles sind Anspielungen auf den 22. Psalm. Ähnliche motivliche oder wörtliche Verarbeitungen finden sich etwa in Mt 27,35; Mk 15,24; Joh 19,24 (Verlosen der Kleider; Ps 22,19) oder in den letzten Worten Jesu am Kreuz in Mt 27,46; Mk 15,34 (Ps 22,2). Es mag irritieren, dass „nun im Munde Jesu Gott gegen Gott klagt. Tatsächlich aber soll bezeugt werden, daß Jesus als Mensch mit der konzentrierten Leid- und Feindklage an die Seite jedes Gliedes des alttestamentlichen Gottesvolkes tritt. Dies aber konnte nur in dem Wissen geschehen, daß er zugleich der Initiator der Königsherrschaft Jahwes, die endgültige ‚Heilstat’ Gottes selber ist“ (Strauß, 2007, 11).

Die Verarbeitungen von Ps 22 im Neuen Testament sind vielfältig. Sie alle dienen dazu, die neuen, teilweise unerhörten christologischen Aussagen durch die Autorität „der Schrift“, des Ersten Testamentes, zu untermauern und ihnen somit mehr Gewicht und Glaubhaftigkeit zu verleihen.

 

2.6 Didaktische Reflexion

„Es gibt (...) in der Bibel kein anderes Buch, in dem so elementar von und mit Gott geredet wird wie in den Psalmen“ (Baldermann, 1986, 10). Zudem laden Psalmen dazu ein, „eigene Erfahrungen und Gefühle in den Blick zu nehmen und bieten die Möglichkeit, dafür Sprache und Gestalt zu finden“ (Berg, 1999, 291). Insbesondere Klagepsalmen üben eine enorme Anziehungskraft auf Kinder und Jugendliche aus. Sie können helfen, der eigenen Angst eine Sprache zu geben (vgl. Baldermann, 2005, 135-156).

Eine grundsätzliche Annäherung an einen Psalm sollte erfolgen, indem die elementaren Erfahrungen, die in ihm zur Sprache kommen, aufgesucht werden (vgl. Berg, 1999, 287). Es ist hierbei zu beachten, dass Psalmen nicht „automatisch“ erschlossen werden (Kalloch, 2001, 289), sondern stets eine angemessene Transposition zu erfolgen hat. Eine Identifikation sollte dabei stets angeboten, jedoch nicht erzwungen werden.

Worte der Klage sprechen häufig für sich, daher sollte im Unterricht eine erste Annäherung über einzelne Sätze erfolgen, denn „Ein einzelner Satz aus einem Ps bringt Kinder zum Reden, ein ganzer Ps aber lässt sie verstummen“ (Baldermann, 2005, 143). Im weiteren Verlauf kann dann der gesamte Text – je nach Altersstufe evtl. didaktisch reduziert – betrachtet werden. Die SchülerInnen nehmen so bekannte Sätze als Ausgangspunkt, um fremde Abschnitte zu erschließen (vgl. Baldermann, 1986, 35).

Psalmen bewegen sich nah an den Erfahrungen der SchülerInnen, dabei ermöglichen sie es, „eine Sprache zu finden, in der sie von solchen Ängsten sprechen können, ohne sich selbst zu entblößen“ (Baldermann, 1986, 47). So nimmt auch Berg Ps 22 als Anhaltspunkt, um eigene Kummer-Erfahrungen zu reflektieren. Die SchülerInnen sollen dabei die Tier-Symbole als Ausdruck bedrückender, ängstigender Erfahrungen deuten (der Löwe für Situationen, die uns auffressen; der Stier symbolisiert, was uns zertrampelt; die Hunde versinnbildlichen Dinge, die uns hetzen). Dies alles findet seinen Höhepunkt in der Ausrichtung einer Todah-Feier im Unterricht (V27; vgl. Berg, 1999, 296-300).

Methodisch eignen sich zahlreiche Verfahren, um sich Ps 22 anzueignen:

Baldermann schlägt die Arbeit mit Pantomimen vor, denn diese Spielform „vergegenwärtigt nicht nur die in den Psalmen ausgesprochene Angst, sie spielt mit ihr und vermag sie so zu bannen“ (Baldermann, 1986, 33).

Auch der Einsatz anderer szenischer Spielverfahren, z.B. Standbilder ist geeignet, um biblische Texte am eigenen Leib zu erfahren. Das Spiel fördert die Phantasie und Kreativität, die sprachliche und körperliche Ausdrucksfähigkeit der Kinder, sowie ihr Selbst- und Verhaltensbewusstsein. Die Szenische Interpretation stellt einen ausgezeichneten Weg zur Erschließung von biblischen Texten dar, denn es werden „theologische Inhalte nicht nur gelehrt oder ausgelegt, sondern in Handlung umgesetzt und gelebt“ (Brennfleck, 2005, 5; siehe auch Scheller, 2004).

Ps 22 schreit mit seinen üppigen Bildern förmlich danach, vertont zu werden. Der brüllende Löwe, das ausgeschüttete Wasser usw. können z.B. mit Orffschen Instrumenten in Töne und Klänge übersetzt werden.

Ferner ist die Arbeit mit Textkarten denkbar – die SchülerInnen können im Sitzkreis einzelne Karten auswählen und kommentieren, sortieren diese nach unterschiedlichen Gesichtspunkten usw.

Darüber hinaus ist es lohnend, die sprachlichen Bilder des Psalms in gemalte Bilder zu übersetzen und so mit eigenen Erfahrungen anzureichern. Im Bereich der künstlerischen Gestaltung bietet sich ebenso die Erstellung einer Collage an.

 

3. Diachrone Beobachtungen: Tempelkult oder Krankenbett?

Antworten auf die Fragen nach Verfasserschaft, Sitz im Leben, Einheitlichkeit und Entstehungszeit des 22. Psalms divergieren erheblich.

Als Faustregel nach Seybold kann gelten, dass Königspsalmen und Kulthymnen in vorexilischer Zeit (vor 586), Wir-Psalmen in exilischer Zeit (586-537) und die Mehrzahl der Individual-Psalmen, der Liturgien und Weisheitstexte in nachexilischer Zeit (ab 537) einzuordnen sind (vgl. Seybold, 1997, 615). Damit wäre die Entstehungszeit von Psalm 22 – als einer Klage des Einzelnen – in nachexilischer Zeit anzusetzen. Insbesondere die Tendenzen hin zum universalistischen Denken in V28-32 sprechen dafür (vgl. Westermann, 1984, 69).

Dies sind eben jene Verse, die u.a. Westermann und Zenger an der Einheitlichkeit zweifeln lassen. Zenger betrachtet Ps 22,2-27 als den eigentlichen Primärpsalm und hält V28-32 für eine sekundäre Erweiterung (vgl. Zenger, 2004, 1060). Auch Westermann nimmt die späte literarische Überarbeitung eines älteren Psalms an, um eine bewusste Wandlung vom Klage- zum Lobpsalm herbeizuführen (vgl. Westermann, 1984, 64-70). Während Gunkel (1986, 92) den Psalm für einheitlich hält, interessiert sich Oeming nicht für derartige diachrone Fragestellungen und betrachtet konsequent den kanonisierten Endtext (s.o., Kap. 2.1).

Die Verfasserfrage ist nahezu unmöglich zu beantworten, insofern wird sie in der Literatur kaum mehr gestellt. Gunkel schließt den in der sekundären Überschrift erwähnten König David als Autor aus (vgl. Gunkel, 1986, 94), was selbstverständlich allein schon aus der nachexilischen Entstehungszeit resultiert.

Auch die Frage nach dem Sitz im Leben ist nicht leicht zu beantworten. Mitunter wird der Psalm im Tempelkult verortet (Problem: Kranke galten als unrein und hatten keinen Zugang zum Tempel) oder in der privaten Familienfeier am Krankenbett (Problem: Bedeutung der V23-32; vgl. Oeming, 2000, 149). Hartmut Gese verortet den Psalm in der jüdischen Dankopferfeier (Todah-Feier; vgl. Gese bei Oeming, 2000, 150). Gunkel vermutet den Sitz im Leben in der aktuellen Notsituation des Beters (vgl. Gunkel, 1986, 90.94). Diese Schwierigkeiten „führen zur Frage, ob die Fragestellung selbst plausibel ist“. Denn Psalm 22 ist „Dichtung, Poesie, die in vielen Situationen rezitiert werden kann, im Privatgebet im ‚stillen Kämmerlein’ ebenso wie im Festgottesdienst“ (Oeming, 2000, 150).

 

4. Stimmen aus der Forschung

4.1 Psalm 22 bildet nicht das Leiden Christi ab

„Noch später hat man in dem ganzen Psalm das Leiden Christi abgebildet gesehen. Diese ‚messianische’ Erklärung, die zuletzt Delitzsch vertreten hat, und die noch bei Kessler [...] nachklingt, ist endgültig dahingefallen, seitdem man erkannt hat, daß der Psalm überhaupt keine Weissagung enthält, und daß die Idee eines leidenden Messias dem AT auch sonst fremd ist“. (Gunkel, 1986, 94)

4.2 Psalm 22 zeigt, dass Gott handelt

Nur, weil der Psalmenbeter „erfahren hat, daß Gott nicht handelte, nicht hörte, konnte er die Wende erfahren. Weil er die Wende erfuhr, mußte er davon erzählen. Was er zu erzählen hatte, mußte immer weiterdringen, denn Gott hat gehandelt. Von diesem Handeln Gottes redet im AT die Theologie und deshalb von dem, was zwischen Gott und Mensch geschehen ist, geschieht und geschehen wird“. (Westermann, 1984, 70)

4.3 Psalm 22 stellt zwei Extremsituationen gegenüber

Ps 22 „portraitiert einen Menschen in zwei extremen Grenzsituationen und stellt die beiden Bilder unvermittelt gegenüber: Zum einen den zweifelnden Menschen in äußerster Not, den die Erfahrung der Abwesenheit Gottes, welche die umfassende Anwesenheit von Mächten des Todes ermöglicht, völlig deprimiert und an den Rand des Wahnsinns bringt [...]; zum anderen den glaubenden Menschen, der das, was der Glaube lehrt, in aller Fülle erfahren durfte und aus dieser erfahrenen Liebe und Gnade Gottes heraus ausgelassen mit der Gemeinde feiert“. (Oeming, 2000, 147)

 

Literaturverzeichnis

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Göttingen, 135-156

Berg, Horst Klaus, 1999, Altes Testament unterrichten. Neunundzwanzig Unterrichtsvorschläge, Stuttgart

Brennfleck, Stefan, 2005, Bühnenreif: Die Bibel. Theater spielen mit 6- bis 12-Jährigen, Stuttgart

Fowler, James, 1991, Stufen des Glaubens. Die Psychologie der menschlichen Entwicklung und die Suche nach Sinn, Gütersloh

Gunkel, Hermann, 41985 [1933], Einleitung in die Psalmen. Die Gattung der religiösen Lyrik Israels, Göttingen

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Hieke, Thomas, 2000, Schweigen wäre gotteslästerlich. Klagegebete – Auswege aus dem verzweifelten Verstummen, in: Steins, Georg, Schweigen wäre gotteslästerlich. Die heilende Kraft der Klage, Würzburg, 45-68

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Kraus, Hans-Joachim, 51978 [1961], Psalmen. Psalmen 1-59 (BKAT XV/1), Neukirchen-Vluyn

Oeming, Manfred, 2000, Das Buch der Psalmen. Psalm 1-41 (NSK AT 13/1), Stuttgart

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