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Lexikon

Tenach

Andere Schreibweise: Tanach ; Tenak ; TNK

Stefanie Lorenzen

(erstellt: Febr. 2017)

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1. Grundsätzliches zu einer Didaktik des Tenach

Bei dem Lerngegenstand Tenach handelt es sich um ein Corpus Heiliger Schriften, das in drei Weltreligionen unter unterschiedlichen Vorzeichen wahrgenommen wird. Der Begriff Tenach impliziert dabei eine primär jüdische Erschließungsperspektive, die im Rahmen des christlichen Religionsunterrichts allerdings nicht ohne den vergleichenden Bezug auf die eigene Tradition auskommen wird. Die dabei zu entdeckenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede machen den Reiz des interreligiösen Lernprozesses aus (→ Interreligiöses Lernen) und bilden den Schlüssel für eine entsprechende Didaktik.

2. Begriff und Struktur

Das Akronym Tenach steht für die drei konstitutiven Schriftengruppen der jüdischen Bibel: Tora (Weisung), Neviim (Propheten) und Chetuvim (Schriften). Die Tora – also die Schriftengruppe, die im christlichen Kontext als Pentateuch oder fünf Bücher Mose bezeichnet wird – bildet den grundlegenden Bezugspunkt des Corpus, die anderen beiden Teile folgen mit jeweils abgestuftem Geltungsanspruch. Demgegenüber sind die fünf Bücher Mose im christlichen → Kanon (der auf die griechische Septuaginta zurückgeht) in die Geschichtsbücher integriert.

Während also jüdischerseits mit dem letzten Kapitel der Tora eine deutliche Zäsur signalisiert wird, wird christlicherseits der Bruch zwischen dem fünften Buch Mose und dem Buch Josua kaum betont. Damit einher geht eine theologische Akzentsetzung: So erhält die Besiedelung Kanaans gerade dadurch, dass sie in der Tora nicht mehr erzählt wird, in der jüdischen Interpretation den Charakter einer generationenübergreifenden Aufgabe, die mit den Weisungen Gottes in engem Zusammenhang steht (Liss, 2015a, 114f.; Schröder, 2015, 128).

3. Theologische Hermeneutik

Grundlegend für die jüdische Hermeneutik des Tenach ist die Konzentration auf die Tora: Anders als in der christlichen Tradition, die stärker auf die narrativen Passagen fokussiert, stehen hier „Rechtssammlungen und formale Beschreibungen kultischer Vorgänge“, die einen Großteil des Textbestandes ausmachen, im Mittelpunkt (Liss, 2015a, 114). Sie bilden den Rahmen, innerhalb dessen sich die Beziehung zwischen Gott und Israel – und damit jüdische Religion und Theologie – entfaltet. Diese grundlegende theologische Bedeutung der Tora als regulativer Ort der Gott-Mensch- bzw. Gott-Israel-Beziehung stellt auch den hermeneutischen Schlüssel für das Verständnis der übrigen Schriftengruppen des Tenach dar, insbesondere der Neviim Acharonim (Hintere Propheten), die auf die menschlichen Verfehlungen in dieser Beziehung hinweisen (Liss, 2005, 251f.). Der Stellenwert der mündlichen Tora, also der rabbinischen Auslegungstradition in Mischna und Talmud, erklärt sich ebenfalls aus ihrem Bezug auf die schriftliche Tora, deren „Alltagstauglichkeit“ sie nach der Zerstörung des Tempels sichern will (Liss, 2015a, 118-120).

4. Rituelle Bedeutung: Lesepraxis und Tora-Ritual

Auch der rituelle Umgang mit dem Tenach verweist auf die Tora als Mittelpunkt: Die Rezitation bzw. Kantillation der 54 Toraabschnitte, der Paraschijjot, bildet das liturgische Zentrum des Synagogengottesdienstes. Die Länge der Abschnitte ist so gewählt, dass die gesamte Tora innerhalb eines Jahres gehört werden kann. Die jüdische Praxis zielt also auf die Erfassung eines gesamten Corpus, während alttestamentliche Texte in christlichen Gottesdiensten nur selektiv herangezogen werden. Das hat auch Auswirkungen auf die jüdische Didaktik des Tenach, die sich hierzulande (wie der jüdische Religionsunterricht insgesamt) vor allem am Synagogenjahr orientiert (Bildungsstandards für Jüdische Religionslehre).

Anders als in der christlichen Bibeldidaktik, die stärker auf einen existentiellen Lebensweltbezug abhebt, ergibt sich die Relevanz der Texte also aus der religiösen Praxis: Die Rezitation der Tora sowie der Haftara, der Prophetenlesung, erfolgt meist durch einen Kantor oder (in liberalen Gemeinden) eine Kantorin in hebräischer Sprache und besitzt damit eine eigene Ästhetik. Ein weiterer didaktisch relevanter Aspekt ergibt sich aus der Verknüpfung des Leserituals mit dem Fest Bar Mizwa bzw. (im liberalen Judentum) auch Bat Mizwa, bei dem die Jugendlichen zum ersten Mal vor der Gemeinde einen Tora-Abschnitt auf Hebräisch vortragen.

Tora und Neviim werden im Synagogengottesdienst gewöhnlich von handgeschriebenen Rollen verlesen. Dieses besondere Medium unterstützt die lineare Rezeption des Textes. Es besitzt außerdem eine rituelle Bedeutung als koscheres, also rituell brauchbares Artefakt: die aufwändige, teure Herstellung durch eigens ausgebildete Schreiber, die Aufbewahrung im Toraschrein, das Herausholen und feierliche Umhertragen im Tora-Ritual und nicht zuletzt die Beerdigung der unbrauchbar gewordenen Rollen auf einem Friedhof – all diese Praktiken bieten Anlass für anschauliche Lern-Begegnungen.

5. Didaktische Konsequenzen

Eine interreligiös konzipierte Didaktik des Tenach sensibilisiert in wertschätzender Weise für die Besonderheiten dieses Corpus im jüdischen Kontext und lenkt dabei den Blick zurück auf die Eigenheiten der christlichen (bzw. muslimischen) Tradition (Schröder, 2015, 131). Auf der Ebene der theologischen Hermeneutik könnte sich daraus eine neue Offenheit für „Gottes erstes Wort“ und seine „zweifache Nachgeschichte“ ergeben (Schröder, 2015, 131f).

Neben der damit aufgeworfenen theologischen Gültigkeitsfrage dürften für Schülerinnen und Schüler besonders die oben dargestellten liturgischen und medialen Eigenheiten des Tenach von Interesse sein und Anregungen zur Weiterentwicklung des eigenen religiösen Fragehorizontes bieten: Wie verändert sich das Verständnis biblischer Texte, wenn man sie als Ganzes oder zumindest in einem umfassenden Erzählkontext statt als Einzelperikopen wahrnimmt? Welche Rolle spielt das Verstehen gegenüber dem Klang der Sprache? Welche Bedeutung besitzt das Auswendiglernen fremdsprachiger heiliger Texte? Welche Auswirkungen haben Lesehaltung und Intonation, aber auch der materiale Umgang mit den jeweiligen Medien bzw. Artefakten? Und schließlich: In welchem Verhältnis stehen religiöse Überlieferung und alltägliche Lebensführung?

6. Praktische Anregungen

Die von Hanna Liss und Bruno Landthaler herausgegebene fünfbändige Toraausgabe für Kinder (Liss/Landthaler, 2014-2016) setzt im Vergleich mit der bisherigen Praxis jüdischer Kinderbibeln neue Akzente: Hier werden nicht nur einzelne Erzählausschnitte, sondern fast der gesamte Text der Tora und damit auch die halachisch relevanten Teile in einer angemessenen Sprache und Illustration zugänglich gemacht. Überdies orientiert sich die Einteilung an den Paraschijjot und damit an der rituellen Lesepraxis in der Synagoge. Wichtige Sätze werden auf Hebräisch wiedergegeben, für die Erwachsenen gibt es erklärende Anmerkungen (Liss, 2015b, 19).

Damit ist auch für den christlichen Religionsunterricht eine wichtige materiale Voraussetzung geschaffen, sich dem Gegenstand Tenach anzunähern – zum Beispiel in Form von Ganzschriftenlektüren (Beispiele in Zimmermann, 2015) oder einer vergleichenden Betrachtung zentraler Erzählstücke (Schröder, 2015, 133 nennt als Beispiel die Abrahamserzählungen). Ausgehend davon wären exemplarische Einblicke in die rabbinische, aber auch in christliche und muslimische Auslegungstraditionen vorstellbar, genauso wie eine Verknüpfung mit der oben dargestellten rituellen Dimension des Tenach (weitere unterrichtspraktische Beispiele in Sajak, 2015; Meyer, 2008).

Literaturverzeichnis

  • O.A., Bildungsstandards für Jüdische Religionslehre Gymnasium. Klassen 6, 8,10, Kursstufe. Bildungsplan Baden-Württemberg 2004. Online unter: http://www.bildung-staerkt-menschen.de/service/downloads/Bildungsstandards/Gym/Gym_juedR_bs.pdf (hier findet sich auch als Anlage 1: Modell für die Bildungsstandards Jüdische Religionslehre für die Primar- und Sekundarstufe I aller Schulen), abgerufen am 20.5. 2016.
  • Boschki, Reinhold/Schlag, Thomas, Zeit-Wege und Wege-Zeit der Tora – Chancen eines beziehungsorientierten Erinnerungslernens, in: Zeitschrift für Pädagogik und Theologie 67 (2015) 2, 145-154.
  • Kuld, Lothar, Heilige Schriften lesen: TeNaK, Bibel und Koran aus didaktischer Perspektive, in: Sajak, Clauß Peter (Hg.), Heilige Schriften. Texte – Themen – Traditionen. Sekundarstufen I und II, Lernen im Trialog 3, Paderborn 2015, 33-36.
  • Liss, Hanna, Die Tora im Judentum, in: Zeitschrift für Pädagogik und Theologie 67 (2015a) 2, 113-124.
  • Liss, Hanna, Die Heilige Schrift des Judentums: TeNaK, in: Sajak, Clauß Peter (Hg.), Heilige Schriften. Texte – Themen – Traditionen. Sekundarstufen I und II, Lernen im Trialog 3, Paderborn 2015b, 15-19.
  • Liss, Hanna, Tanach. Lehrbuch der jüdischen Bibel, Schriften der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg 8, Heidelberg 2. Aufl. 2005.
  • Liss, Hanna/Landthaler, Bruno, Erzähl es Deinen Kindern. Die Tora in fünf Bänden, Bd. 1-5, Berlin 2014-2016.
  • Liss, Hanna/Landthaler, Bruno, Parascha – die junge Tora. Eine Tora für junge Menschen, o.O. o.J. Online unter: http://parascha.de, abgerufen am 24.5.2016.
  • Meyer, Karlo, Fünf Freunde fragen Ben nach Gott. Begegnungen mit jüdischer Religion in den Klassen 5-7, Göttingen 2008.
  • Wachowski, Johannes, „Lernen am Leviticus“, in: Zeitschrift für Pädagogik und Theologie 67 (2015) 2, 134-144.
  • Sajak, Clauß Peter (Hg.), Heilige Schriften. Texte – Themen – Traditionen. Sekundarstufen I und II, Lernen im Trialog 3, Paderborn 2015.
  • Schröder, Bernd, Toradidaktik, in: Zeitschrift für Pädagogik und Theologie 67 (2015) 2, 125-134.
  • Zimmermann, Mirjam, „Die ganze Genesis lesen?!“ Ganzschriften im Religionsunterricht in Bezug auf die Thora, in: Zeitschrift für Pädagogik und Theologie 67 (2015) 2, 179-186.
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