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Lexikon

Synagoge

Jan Woppowa

(erstellt: Jan. 2015)

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Eine Begegnung mit gelebtem Judentum ( → Judentum) und jüdischem Alltagsleben in Deutschland geschieht nur selten zufällig und ist keinesfalls selbstverständlich. Denn im Unterschied zur muslimischen Religion und Kultur bleibt ein öffentlich wahrnehmbares Judentum in den meisten Städten und Regionen auch heute noch die Ausnahme. Begegnungen im Sinne von Lernprozessen sind also grundsätzlich eher von intentionaler, geplanter und gesteuerter Art und ergeben sich weniger funktional im Alltag. Insbesondere gilt dies, wenn Judentum und jüdisches Leben zwar keinesfalls außerhalb, aber auch nicht primär im Kontext der Schoa und der sich hierauf beziehenden Erinnerungskultur zum Thema von religiösen Lern- und Bildungsprozessen werden sollen. Ein in diesem Sinne positiver Zugang zu den religiösen Traditionen des Judentums ist im Folgenden beabsichtigt. Unterstützt wird dieses Anliegen durch den Blick auf eine nach der Schoa und insbesondere seit der Öffnung zu Osteuropa in den 1990er Jahren stetig wachsende jüdische Gemeinschaft in Deutschland. Nicht zuletzt geben die in den letzten Jahren erfolgten Neubauten bzw. Sanierungen von Synagogen hiervon ein eindrückliches Zeugnis und eröffnen zugleich neue Chancen für interreligiöse Lern- und Begegnungsprozesse.

1. Begriff und Geschichte

Der griechische Begriff synagoge bedeutet zunächst „Versammlung, Vereinigung“. Er resultiert aus der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel (Septuaginta) und den hier verwendeten Begriffen edah (Gemeinde) bzw. qahal (Versammlung). Seit der Bezeugung im NT und bei Flavius Josephus setzte sich allerdings die lokale Bedeutung von synagoge als „Versammlungsort“ durch, während im hellenistischen Kontext gleichzeitig auch proseuche (Gebetshaus) zur Bezeichnung des Ortes verwendet wurde. Der spätere rabbinische Begriff für die Synagoge, zugleich die heute übliche hebräische Bezeichnung, bet ha-knesset (Haus der Versammlung) weist bereits auf einen konkreten Ort bzw. ein Gebäude hin.

Als eine der frühesten Belegquellen enthält das NT mehrere Hinweise auf Synagogen in Palästina: Jesus predigt und lehrt in den Synagogen Galiläas (Mk 1,21 par; 1,39; 6,2 parr); Paulus knüpft auf seinen Reisen erste Kontakte in den Synagogen vor Ort (Apg 9,20; Apg 13,5.14; 14,1 u.ö.). Die genaue Datierung ihrer Entstehung ist in der modernen Forschung zwar umstritten und wird in der Regel in den Kontext des Babylonischen Exils (6. Jh. v. Chr.) gestellt (Frankemölle, 1983, 706; Levine, 2001, 499f.), ihren Ursprung hatte die Synagoge jedenfalls als Zentrum jüdischer Gemeinden und als Einheit stiftender Faktor in der Diaspora. Neben dem Tempel wurde sie zu einem wesentlichen Symbol jüdischer Identität und nach dessen Zerstörung im Jahr 70 n. Chr. zur zentralen Institution jüdischen Lebens in der Spätantike.

Primär waren es wohl religiöse Umstände (etwa die Zerstörung des Tempels), die zur Entstehung der antiken Synagoge führte. Ihre religiöse Zentralität innerhalb der Ortsgemeinde und deren jüdischer Lebenspraxis blieb auch im rabbinischen Judentum nach der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahre 70 n. Chr. erhalten. Während die Synagoge noch in der Spätantike unter dem Rechtschutz römischer Gesetze stand, wurden ab Ende des 4. Jh. Synagogen immer öfter zum Ziel eines christlichen Hasses, von Christen zerstört oder konfisziert und zu Kirchen umgewandelt. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit blieb das Verhältnis zwischen den jüdischen Gemeinden und ihrer nichtjüdischen, zumeist christlichen oder islamischen Umwelt ambivalent. Während einerseits Kultur und Architektur der Umwelt einen bedeutenden produktiven Einfluss auf Synagogen ausübten, blieben sie andererseits immer gewissen staatlichen Repressalien und negativen Einflüssen ausgesetzt, bis hin zum Tiefpunkt einer flächendeckenden Zerstörung in der Reichspogromnacht 1938 in Deutschland.

2. Der Raum und seine Funktionen

Die Synagoge bildet das Zentrum einer jüdischen Gemeinde heute. Bereits aus der Begriffsherkunft geht hervor, dass die Synagoge schon früh diese universale Bedeutung hatte, das heißt sowohl für politische und soziale Versammlungen diente (bet ‘am = Volkshaus) als auch einen Ort des gemeinsamen Studiums (bet ha-midrasch = Haus des Lernens) und Gebets (bet ha-tefillah = Haus des Gebets) darstellte. Auch heutige Synagogen befinden sich nicht selten innerhalb eines größeren Gebäudeensembles der jüdischen Gemeinden mit Kultur- und Bildungszentren, Bibliotheken, koscheren Restaurants etc. (vgl. beispielsweise München oder Köln, aber auch kleinere Gemeinden wie Osnabrück oder Kassel).

In den halachischen, d.h. religionsgesetzlichen Bestimmungen des rabbinischen Judentums wird die Synagoge „heiliger Ort“ genannt, ein Attribut, das eigentlich nur dem Tempel als dem zentralen Ort der Gottesgegenwart und des Opferkults zugeschrieben wurde. Demgegenüber erlangt die Synagoge ihre Heiligkeit primär durch ihre Funktion als Ort der Toralesung und des Torastudiums. Nach rabbinischer Tradition kann man deshalb jede Synagoge in ein Lehrhaus umwandeln; die Umkehrung allerdings gilt nicht, da das Studium der Tora gegenüber dem Synagogengottesdienst das höhere Gut darstellt. Diese enge Verbindung von Synagoge und Lehrhaus bzw. von Beten und Lernen wird auch in dem jiddischen Begriff für Synagoge „Schul“ deutlich (vgl. die sog. „Altneuschul“ in der Prager Josefsstadt als älteste unzerstört erhaltene Synagoge in Europa). In diesem Kontext ist die Lesung der Heiligen Schrift zum wesentlichen Bestandteil eines Synagogengottesdienstes geworden.

Sowohl die Ausrichtung der betenden Gemeinde auf den Jerusalemer Tempel als nunmehr symbolischem Ort der Gottesgegenwart als auch die ständige Gegenwart der Tora spiegeln sich in der Ausrichtung und Anordnung der meisten Synagogenräume wieder. Die Synagoge ist spätestens seit dem 4. Jh. n. Chr. in der Regel nach Jerusalem ausgerichtet (1 Kön 8,44.48; Dan 6,11), in Europa also Richtung Osten. Zugleich befindet sich der Aufbewahrungsort der Torarollen, der Toraschrein (s. 3.1) an der Jerusalem zugewandten Seite, entsprechend also an der Ostwand der Synagoge, die baulich oft als Apsis gestaltet ist. Der Blick der feiernden und betenden Gemeinde ist bei traditioneller Anordnung also in zweifacher Weise gerichtet: auf die Tora sowie nach Jerusalem (zur differenzierten Darstellung dieser Entwicklung: Wallraff, 2004).

Diese an einer Längsachse ausgerichtete Raumwahrnehmung spiegelt sich auch in der Anordnung der Sitzbänke im Hauptraum wieder, die auf Toraschrein und Lesepult ausgerichtet sind. Während in Synagogen orthodoxer Gemeinden der Raum insbesondere durch Frauenemporen (esrat naschrim) deutlich sichtbar geprägt wird, auf denen die Frauen räumlich von den Männern getrennt den Gottesdienst mitfeiern, verzichten Reformgemeinden auf diese Unterscheidung und Trennung. Insgesamt zeichnet sich ein Synagogenraum einschließlich seiner Fenster eher durch Schlichtheit und optische Reduktion aus.

Darüber hinaus weisen Synagogen in der Regel keine spezifische Architektur auf, durch die sie schon rein äußerlich als solche erkennbar wären. Meistens wurden sie vom Stil der sie umgebenden Kultur und Gesellschaft beeinflusst, beispielsweise durch die Renaissance in Italien oder durch muslimische Kunst und Architektur in Spanien (Schwarz, 1988; reiches Bildmaterial bei Meek, 1996). In virtueller Weise wird dies eindrücklich nachvollziehbar in der Dokumentation eines Forschungsprojekts der TU Darmstadt (http://www.cad.architektur.tu-darmstadt.de/synagogen/inter/menu.html). Heutige Bauwerke greifen insbesondere auf die Formensprache moderner Architektur der Gegenwart zurück wie beispielsweise die neuen Synagogen in Dresden (2001) oder Mainz (2010).

3. Der Raum und sein Inhalt

3.1. Zentrale Aspekte der Ausstattung

Wesentliches Element einer Synagoge ist der Toraschrein (aron ha-kodesch = heilige Arche), der an die biblisch bezeugte Bundeslade erinnert, in der die Israeliten die Dekalogtafeln der Sinaioffenbarung transportierten und die dann nach der Überführung durch David ihren Ort im Salomonischen Tempel gefunden hatte. In dem durch einen Vorhang bedeckten Toraschrein werden oftmals mehrere Torarollen, jeweils mit den handschriftlich auf Pergament geschriebenen fünf Büchern Mose, aufbewahrt. Die auf zwei Holzstäben aufgerollte Torarolle ist von Stoff (Toramantel) umhüllt sowie mit Torakronen (als Zeichen ihrer königlichen Würde) und einem Brustschild (in Erinnerung an das Brustschild des Hohenpriesters im Tempel) versehen. Meistens befindet sich an der Rolle auch ein aus Silber geformter Zeigefinger (jad), mit dem während der Schriftlesung die Textzeilen verfolgt werden. Lev 24,2 folgend brennt vor dem oft kunstvoll gestalteten und reich verzierten Toraschrein das Ewige Licht (ner tamid), das ursprünglich als Teil des siebenarmigen Leuchters (menora) im Jerusalemer Tempel brannte. Zu den gottesdienstlichen Schriftlesungen dient, ebenfalls an zentraler Stelle des Raums, ein erhöhtes Lesepodium (bima; auch almemor, von arab. al-minbar, einer ähnlichen Kanzel in der Moschee meist in der Nähe der Gebetsnische) mit einem großen Lesetisch zur Ausbreitung der Torarollen.

Mitte des 19. Jahrhunderts kam es vermehrt zur Errichtung von Orgeln in deutschen Synagogen, was in der Folge zu heftigen Konflikten zwischen liberalen und orthodoxen Standpunkten führte. Um 1900 gab es wohl in den meisten deutschen Großstädten wenigstens eine Synagoge mit Orgel. Heute findet man nur noch in Ausnahmefällen Synagogenorgeln wie beispielsweise in der Bielefelder Synagoge, was zum einen auf die liberale Ausrichtung der dortigen Gemeinde hinweist, andererseits aber auch auf die Entstehung dieser Synagoge als Umwidmung und Umgestaltung einer ehemaligen evangelischen Kirche zurückzuführen ist. In vielen Synagogen kann man auch eine historische oder moderne mikwe finden, das Tauchbad zur rituellen Reinigung vor dem Gebet im Gottesdienst oder an besonderen Festtagen. An den Türrahmen der Eingänge von Synagogen und von anderen jüdischen Gebäuden findet man die mesusa, eine kleine Kapsel mit zentralen Texten aus der Hebräischen Bibel (insbes. dem Sch’ma Israel in Dtn 6,4-9), die gläubige Juden beim Eintreten berühren (Woppowa, 2010, 121-127).

Einzelne symbolische Elemente im Synagogenraum lassen sich wohl am ehesten im Kontext von Toraschrein und Lesepult finden: der Davidsstern (magen david) als Symbol des Judentums schlechthin; der siebenarmige Leuchter (menora) als Erinnerung an den Tempel, in dem seit der Zerstörung des Tempels keine Kerzen brennen können; die zwei stilisierten Dekalogtafeln (nicht selten auch als von außen sichtbare Gebäudefenster); ein achtarmiger Channukkaleuchter, dessen Lichter jeweils zum Channukkafest entzündet werden, der Löwe von Juda (Gen 49,9); Natursymbolik (bspw. der Baum des Lebens); hebräische Bibelverse. An Bußtagen ist der Toraschrein oft mit einem weißen Vorhang verdeckt.

3.2. Der jüdische Gottesdienst

Der jüdische „Gottesdienst“ (zum ursprünglich durch das christliche Mönchtum geprägten Begriff und seine nur bedingt mögliche Übertragung auf das Judentum vgl. Böckler, 2002, 17f.) hat sich als eine geregelte Form des Gebets und der Lesung erst ab 70 n. Chr. im rabbinischen Judentum entwickelt. Im Laufe der Zeit hat sich für den jüdischen Gottesdienst eine bestimmte Grundstruktur ausgebildet, die bis auf einzelne Unterschiede je nach Zugehörigkeit zu eher liberalen oder konservativen Strömungen allgemeine Geltung hat. In den Gebetbüchern für die Wochentags- und Schabbatgottesdienste, siddur (Ordnung), sowie für die Pilgerfeste und Hohen Feiertage, machsor (Zyklus), wird diese Gottesdienstordnung angezeigt. Traditionell gibt es drei Gottesdienstzeiten: den Morgengottesdienst (schacharit), den Nachmittagsgottesdienst (mincha) und den Abendgottesdienst (ma’ariw). Der Gottesdienst am Freitagabend (erew schabbat) ist besonders hervorgehoben, denn er begrüßt den anbrechenden und bis Samstagabend andauernden Schabbat: kabbalat schabbat (Empfang des Schabbat).

Ein Grundgerüst der Liturgie bilden nach einem Eingangsteil aus Gebeten, Liedern und Texten die beiden Stammgebete, das Achtzehnbittengebet (amida) und das Höre Israel (sch’ma), um die herum sich je nach Tagzeit und religiöser Ausrichtung der Gemeinde variable Teile bzw. Benediktionen gruppieren. Im Morgengottesdienst des Schabbat folgt auf diese Gebete die synagogale Toralesung, gerahmt von der feierlich demonstrativen Aushebung, Prozession und Zurückbringung der Torarolle. Anschließend folgt eine Prophetenlesung (haftara), in einigen Gemeinden auch eine Predigt, sowie weitere Gebete, gefolgt von einem Schlussteil (grafische Übersicht und detaillierte Entfaltungen: Böckler, 2002, 21ff.).

Jenseits dieser Kernelemente kann man heute von einer Vielfalt neuer Formen und Elemente ausgehen, vor allem, aber nicht nur in den jüdischen Reformgemeinden. Für die Leitung eines Synagogengottesdienstes ist nach orthodoxem Verständnis kein Rabbiner notwendig, sondern ein sogenannter minjan, eine Mindestzahl von zehn religiös mündigen Männern (vgl. bar mizwa). Auch das liberale Judentum macht das Stattfinden von Gemeindegottesdiensten von einem minjan abhängig, wobei sowohl Reformjuden als auch viele Gemeinden des konservativen Judentums (Masorti) auch Frauen dazu zählen.

4. Die Synagoge im Kontext des jüdisch-christlichen Verhältnisses

Die Begriffe Kirche (ecclesia) und Synagoge sind seit der Spätantike in kontinuierlicher Weise in christlicher Theologie, Verkündigung, Kunst und Literatur zu typologischen Symbolen für Christentum und Judentum geworden. Dienten sie anfangs noch sowohl der Verkündigung einer inneren Einheit von Altem und Neuem Testament als auch der Herausstellung der spannungsvollen Konfliktsituation zwischen Kirche und Judentum, wurde die Typisierung von Ecclesia und Synagoge im Laufe der Geschichte zunehmend zum Ausdruck eines verhängnisvollen Antijudaismus. Nicht zuletzt zeigt das deutlich die christliche Ikonographie, in der die Ecclesia als triumphierende Frau mit Strahlenkranz und Siegesfahne unter dem Kreuz Christi und die Synagoge mit herabstürzender Krone, zerbrochenem Herrschaftsstab und oft verbundenen Augen dargestellt wurde (beispielsweise am Südportal des Straßburger Münsters).

Christlich-theologisch ist das Verhältnis zum Judentum mit der katholischen Konzilserklärung Nostra Aetate 4 (1965) bzw. den EKD-Studien Christen und Juden (1975-2000) auf eine neue Grundlage gestellt worden, auf deren Basis bis heute derartige Typologien und Antijudaismen aufzuarbeiten sind. Wichtige Schritte in Richtung einer positiven Verhältnisbestimmung zwischen Christen und Juden waren und bleiben nicht zuletzt die symbolischen Besuche der römischen Synagoge durch die beiden Päpste Johannes Paul II. (1986) und Benedikt XVI. (2010).

Darüber hinaus kann man auch die in den letzten Jahren erfolgten Umwidmungen von ev. und kath. Kirchen zu Synagogen (Bielefeld 2008, Hannover 2009, Speyer 2011) als einen solchen Schritt werten, in dem eine „Affinität der Kirche zur Synagoge“ (Gerhards, 2003) zum Ausdruck kommt.

5. Hinweise und didaktisch-methodische Impulse zum Besuch einer Synagoge

5.1. Wichtige Hinweise zur Vorbereitung

Für die Organisation eines Synagogenbesuchs ist eine vorherige Anmeldung unerlässlich, auch mit Rücksicht auf eventuelle Sicherheitsbestimmungen. Um eine gründliche Vorbereitung zu gewährleisten, sind außerdem im Vorfeld der Kontaktaufnahme weitere Informationen über die jüdische Gemeinde, ihre Gemeindestruktur und religiöse Ausrichtung (Rosenthal/Homolka, 2014) einzuholen. In vielen Synagogen besteht das Angebot, im Kontext eines Besuchs auch am Freitagabend-Gottesdienst (kabbalat schabbat) mit anschließendem kiddusch teilzunehmen. Als primäre Kontaktpersonen kommen neben jedem Gemeindemitglied insbesondere der leitende Rabbiner bzw. die leitende Rabbinerin in Frage, ein Kantor (chasan) oder Vorstandsmitglieder der Gemeinde. Als erste Verhaltensregel für den Besuch ist mindestens in orthodoxen Synagogen die Pflicht zur Kopfbedeckung für männliche Besucher zu beachten. Dies kann jeder Hut sein, üblich ist jedoch die Kippa. Das Tragen der Kippa hat keinen biblischen Ursprung, wurde im Laufe der Jahrhunderte aber verpflichtend und wird von orthodoxen männlichen Juden auch im Alltag streng befolgt. Das Tragen stellt zugleich eine Symbolhandlung dar, die die Begrenztheit des menschlichen Geistes vor Gott zum Ausdruck bringt. Viele Synagogen stellen für nichtjüdische Besucher Kippot zur Verfügung.

5.2. Didaktisch-methodische Impulse

Um bei einem sakralraumdidaktischen Synagogenbesuch die räumlich motivierte interreligiöse Begegnung mit dem Anderen bzw. Fremden auch zu einem intrareligiösen Lernprozess werden zu lassen, sollte im Sinne einer „Selbstgegenwart des Leibsubjekts im Raumerleben“ (Meyer zu Schlochtern, 2007, 24) die bloße Objektivierung von Räumen zu ‚Behältern‘ vermieden werden und vielmehr das Raumerleben als „eine ungeschiedene Einheit von wahrnehmendem Subjekt und Raum“ (ebd.) aufgefasst werden. Das bedeutet, dass die individuelle Raumerfahrung des Menschen den Raum beispielsweise durch die Fixierung eines Bezugspunktes strukturiert und dessen Wahrnehmung in eine bestimmte Richtung lenkt („Richtungsraum“ gegenüber dem „Weiteraum“). Aktivitäten und Bewegungen des Subjekts innerhalb des Raums machen ihn zu einem „Aktionsraum“; besondere Relevanz gewinnt der „Gefühlsraum“, insofern sich das wahrnehmende Subjekt eingebettet fühlt in bestimmte Atmosphären und Stimmungen eines Raumes, ausgelöst durch den Raum an sich, durch Gegenstände, durch die Gegebenheiten von Licht, Klang und Geruch. Für die Erkundung eines Sakralraums wie der Synagoge bedeuten diese grundlegenden Reflexionen über das Verhältnis von Raum und Subjekt, dass didaktische Vorbereitungen zu treffen sind, die eine solche leibhaftige Raumerfahrung ermöglichen können.

Mögliche Dimensionen einer Raumerkundung können deshalb sein: 1. Eine subjektive gefühlsmäßige Wahrnehmung des Raums initiieren (sich betreffen lassen), in der einerseits die Besucherinnen und Besucher ihre persönlichen emotionalen Zugänge zum Ausgangspunkt werden lassen, in der im Sinne einer alteritätstheoretischen Didaktik aber auch subjektive Fremdheitserfahrungen durchaus ihre Berechtigung haben und zu Lernchancen werden können, so dass diesen umso mehr Raum und Zeit gegeben werden muss. 2. Den Raum als Objekt bzw. die Objekte des Raums wahrnehmen und deuten: Dazu gehört zunächst die Ausrichtung des Raums „nach Osten“ sowie auf die geglaubte Gottesgegenwart in der Tora. Bezüglich der Objekte sollte den Besucherinnen und Besuchern eine Torarolle gezeigt und möglicherweise daraus vorgesungen werden. Die eingehendere Beschäftigung mit Tora bzw. Toraschrein sowie dem Ewigen Licht schafft Möglichkeiten didaktischer Erarbeitung, indem einerseits Wort beziehungsweise Schrift (Erinnerung und Vergegenwärtigung des göttlichen Heilshandelns, Offenbarungscharakter der Tora) und andererseits Licht (Erinnerung an die Gegenwart Gottes im Tempel) zueinander in Beziehung gesetzt werden. 3. Eine persönliche Verortung ermöglichen (subjektive Strukturierung des Raums), in der die/der Einzelne ihren/seinen Ort in der Synagoge einnimmt und sich so mit der eigenen Lebens- und ggf. Glaubensgeschichte in oder neben die große Glaubenstradition des Judentums stellt. Je nach Position kann diese räumlich-geistige Verortung affirmativen Charakter haben (beispielsweise in der Nähe des Toraschreins im Sinne einer persönlichen Wahr-Nehmung der Hebräischen Bibel als dem Ersten Testament der christlichen Bibel) oder ambivalenter Art sein (beispielsweise in einer orthodoxen Synagoge zwischen Frauen- und Männerbezirk).

Für alle sakralraumdidaktischen Unternehmungen in einer Synagoge gilt, dass sie eingebettet sein sollten in eine personale Begegnung mit den Menschen in ihren Funktionen und Aufgaben innerhalb der Gemeinde.

In der Realität des Unterrichts ist leider häufig ein direkter Synagogenbesuch und damit ein entsprechendes Raumerleben nicht möglich. Hilfreich ist dann, mit entsprechenden Zeugnissen (Leuchter, Zeigefinger etc.) als Repräsentanten zu arbeiten, um zumindest ansatzweise eine solche lernende Begegnung zu ermöglichen (Woppowa, 2010).

Für Oberstufe oder Erwachsenenbildung ist auch auf die Teilnahme an liturgischen Angeboten hinzuweisen, um ein echtes Kennenlernen der Gebets- und Gottesdienstpraxis im Judentum zu gewährleisten. Nicht zuletzt kann dann auch die konkrete Synagoge vor Ort als Medium eines jüdischen kulturellen Gedächtnisses in Deutschland (Niemann, 2010) erlebt und erfahren werden.

Literaturverzeichnis

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