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Lexikon

Schulbücher, aktuelle, katholisch, Mittelstufe/Oberstufe

1. Analyseperspektiven

1.1. Auswahl der Schulbücher

Dieser Beitrag wertet erstens nur die Schulbücher – im Sinne der Schülerbücher – aus, die ministeriell und kirchlich als Lernmittel für den → katholischen Religionsunterricht zugelassen sind. Im Fokus dieses Beitrags stehen zweitens die Schulbücher, die nach 2010 in einer Neuauflage erschienen sind. Dieser Zeitpunkt bietet sich an, da in diesem Zeitraum religionsdidaktische Diskussionen zu neuen Standards geführt haben. Trotzdem macht es Sinn, den Blick noch etwas für die Schulbücher zu weiten, die diesen Zeitraum durch weitere Auflagen erreichen. Sie sind dann meistens weit verbreitet, haben sich für viele Lehrkräfte in der Praxis bewährt und die veränderten Rahmenbedingungen auf ihre Weise aufgenommen (ausführlich → Schulbücher aktuell, katholisch, Grundschule/Förderschule, Abschnitt 1.1.).

1.2. Analysefrage

Der folgende Artikel will eine religionspädagogische Analyse der aktuellen Generation von Schulbüchern sein, die Schulbücher daraufhin analysiert, wie sie als religionsdidaktische Reflexionen verschiedene Entscheidungen treffen:

  • Anliegen: Mit Blick auf welches Ziel werden Sache und Lernende miteinander verbunden?
  • Ausgangspunkt: Wie wird die Lebenswelt der Lernenden aufgenommen?
  • offenes/geschlossenes Denken: Lässt das Schulbuch Pluralität auf Seiten der Lernenden oder der Sache zu?
  • innere methodisch-mediale Struktur: Lässt sich eine methodisch-mediale Struktur erkennen, die zum Anliegen passt, die die Lernprozesse der Lernenden steuern kann und die medialen Gewohnheiten der Zielgruppe ernstnimmt (ausführlich → Schulbücher aktuell, katholisch, Grundschule/Förderschule, Abschnitt 1.2.)?

2. Mittelstufe

2.1. Mittendrin. Lernlandschaften Religion (2013)

Das Schulbuch „Mittendrin. Lernlandschaften“ wird von Iris Bosold und Wolfgang Michalke-Leicht für die Jahrgänge 5/6, 7/8 und 9/10 im Kösel-Verlag herausgegeben und jeweils von unterschiedlichen Autorenteams erarbeitet. Die Schülerinnen und Schüler müssen nicht kirchlich gebunden sein, aber offen für einen anderen, tieferen Blick auf das Leben. Das Buch bietet nach eigenem Verständnis Lernlandschaften, die ganz unterschiedlich Glaube und Leben zuordnen: (Typ A) „Stört die Liebe nicht“ (9/10) ist z.B. eine Lernlandschaft, die ganz ohne explizite christliche Gegenstände auskommt und trotzdem Beziehung, Liebe und Sexualität offen bis an die Grenze auslotet. (Typ B) „Das Jahr – eine runde Sache“ steht für Lernlandschaften, die im Sinne einer → korrelativen Struktur die Wirklichkeit schon so wahrnehmen, dass diese selbst als christlich lesbar zugerichtet wird und die christlichen Lerngegenstände den Lernprozess zwanglos mit guten Erfahrungen an- und bereichern. (Typ C) In der Lernlandschaft „Erfahrungen mit Gott gewinnen Gestalt“ steht dagegen die Sachstruktur der Gotteserfahrung im Vordergrund, die formal in verschiedenen Modi und mit einer klaren biblisch-christlichen inhaltlichen Füllung repräsentiert wird. Einzelne aktuelle Texte und Bilder unterstützen die Auseinandersetzung, lenken aber nicht von ihr ab. In allen drei Typen hält das Schulbuch durch, dass die Schüler in den Gegenstand hineingenommen werden, den Gegenstand in seiner inneren Logik erfahren und diese Erfahrungen mit ausreichend Distanz reflektieren. Gerade bei den Lernlandschaften vom Typ C fällt im Unterschied zu früheren Schulbuchreihen auf, dass einerseits der Gegenstand mit einer hohen inhaltlichen Komplexität repräsentiert wird, die von den Schülern auch aufgenommen werden muss, und dass andererseits die Schüler davon freigestellt sind, sie in ihrem Geltungsanspruch außerhalb der Lernlandschaft zu übernehmen. Das schafft Freiraum, der die intensive Auseinandersetzung verlangbar macht. Die Lernlandschaften selbst sind geschlossen angelegt – auch wenn durchaus in den Typen A und B mehrere und auch kritische Stimmen präsentiert werden. Diese Mehrperspektivität soll funktional die innere Sachlogik stärken; theologische Mehrperspektivität in den Gegenständen (Typ C) fehlt. Insgesamt ist die Arena der Auseinandersetzung damit begrenzt – was für Lernlandschaften aber auch nicht untypisch ist. Die Schulbücher machen dieses Konzept selbst transparent, üben den Übergang in die Lernlandschaft und aus ihr heraus sowie die eigene Führung in der Lernlandschaft.

Mit Blick auf die methodisch-mediale Gestaltung fällt auf, dass die Lernlandschaften sehr stark von den Aufgaben geprägt sind. Das Thema jeder Doppelseite läuft als Band am unteren Rand mit, dann stehen die Aufgaben unten im Fokus, die den Zugriff auf die anspruchsvollen Texte und Bilder organisieren. Die Aufgaben bestehen aus größeren Aufgabenkomplexen, die meist über verschiedene Anforderungsbereiche hinweg gehen und situiert sind. In Ausnahmefällen erscheint die Ausgliederung von Arbeitsschritten in die Umwelt des Buches (Internetrecherche zu den christologischen Positionen in Band 1) unrealistisch, so dass wichtige Lernbausteine letztlich dann doch nicht verfügbar sind. Gerahmt wird jede Lernlandschaft von einer Einstiegsseite, die im Sinne eines → Advance Organizers die Schülerinnen und Schüler für den Lernprozess orientieren und für Einverständnis in die Lernperspektive sorgen soll. Die Abschlussseite verdichtet, bündelt und sichert den Lernerfolg. Diese Rahmung ist formal immer zu erkennen und in vielen Reihen auch gelungen (z.B. „Da berühren sich Himmel und Erde“ [7/8]), in manchen allerdings bleibt der Abschluss und damit auch der Lernertrag offen (z.B. „Urkunde Bibel“ [9/10]).

2.2. Leben gestalten (2013/14)

Das Schulbuch „Leben gestalten“ wird von Markus Tomberg in zwei Bänden für die Jahrgänge 5-6 sowie 7-9 mit unterschiedlichen Autorenteams für den Auer/Klett-Verlag herausgegeben. Das Schulbuch will dabei orientieren, das eigene Leben zu gestalten. Die Kapitel bündeln Themen, die entweder lebensweltlich-biographisch orientiert oder direkt Glaubensgegenstände sind. Bei den lebensweltlichen Themen (Typ A) wird die Lebenswelt schon so unter Spannung gesetzt, dass die (inter)religiös-christliche Perspektive als bedeutsam erscheint. Bei den glaubensinternen Themen (Typ B) schwankt die Perspektive. In manchen Reihen werden die Schülerinnen und Schüler ausdrücklich als Teilnehmende der christlichen Kirche angesprochen (z.B. „Die Bibel: nach den Ursprüngen fragen“, Band 1) und in anderen zumindest aufgefordert, eine personale Glaubensperspektive zu erschließen („Was der Zeit den Rhythmus gibt: Feste, die wir feiern.“, Band 1). Das ist mutig, aber das Buch möchte die Überzeugung ausstrahlen, dass der Glaube tatsächlich dabei hilft, das eigene, in dem Sinne von das individuelle Leben zu gestalten. Noch mutiger ist, dass dafür auf theologischer Seite den Schülerinnen und Schülern durchaus starke Glaubenssätze angeboten, die dann aber auf vorgegebenen Bahnen so sinnvoll hermeneutisch erschlossen werden, dass diese Formeln Lebensperspektiven eröffnen. Das Buch ist deshalb ein Beispiel dafür, dass in den aktuellen Büchern die klassisch-korrelativen Lernprozesse, die Lebenswelt und Glaubenskommunikation möglichst in einem archimedischen Bezugspunkt als strukturanalog gedacht haben, zurücktreten und statt dessen die lebensweltliche Handlungsfähigkeit mithilfe der Glaubensperspektive in den Vordergrund tritt. Mit der hermeneutischen Grundperspektive zeigt das Schulbuch immer wieder, dass Glaubenswissen erst in der Perspektive der Glaubenden darstellbar wird. Das Schulbuch blendet die theologieinterne Mehrperspektivität aus und zeigt den Schülerinnen und Schülern nur den einen Zugang, so dass auch bei den Aufgaben strukturell geschlossene Formate dominieren, die zwar breite – regelmäßig persönliche – Interpretationen zulassen, aber die generierende lösungsorientierte Form vorgeben. Es fehlen Einheiten, die auf dieses Konzept vorbereiten, so dass auch der vorausgesetzte Rahmen den Schülerinnen und Schülern nicht transparent wird – was den Eindruck der Geschlossenheit noch verstärkt.

Transparent ist dagegen die sehr klare und über alle Reihen hinweg durchgehaltene methodisch-mediale Struktur: Geboten werden ein Bild zu Beginn, welches das Thema verdichtet repräsentiert, und eine Seite, die dabei hilft, ins Gespräch zu kommen. Hier kann das Vorwissen sichtbar werden und hier ist auch Mehrperspektivität ausdrücklich erwünscht. Dann startet der inhaltliche Lernprozess in Doppelseiten, die zwar durch die Themenreiter und die Leitmedien noch von oben nach unten organisiert sind und klassische Leittexte über den Lernmedien bieten, aber die deutlich abgesetzten Aufgaben im unteren Teil der Seiten sind mit sauberen Operatoren gebildet und besitzen immer einen markierten Schwierigkeitsgrad von den Anforderungsbereichen her. Sie sorgen dafür, dass der zentrale Inhaltsaspekt sinnvoll mit (individuell-adressierten) aktivierenden Tätigkeiten verknüpft wird. Am Ende einer Reihe werden die Einstiegsimpulse konsequent wieder aufgegriffen und methodisch mit dem Lernprozess verknüpft, damit sich die Schülerinnen und Schüler den eigenen Lernerfolg sichtbar machen können. Ein Impuls zum Weiterdenken und eine Zusammenfassung der Lernergebnisse in Brief-Form aus Sicht der Autoren schließt den Lernprozess ab. Das Buch signalisiert – auch durch die zahlreichen Querverweise – methodisch deutlich, dass es an wirklichen, nachhaltigen Lernprozessen interessiert ist und unterstützt damit die Bereitschaft, sich auf die anspruchsvollen Inhalte einzulassen, selbst wenn die christliche/kirchliche Perspektive noch nicht oder auch nicht mehr vorhanden ist. Aufgelockert werden diese intensiven vorgedachten Lernprozesse inhaltlich durch Seiten, die gut organisierte und veranschaulichte Sachinformationen bieten und durch ein insgesamt betont leichtes Seitendesign, in dem Bilder ausreichend groß abgebildet sind und die Texte nicht alle anderen Elemente verdrängen.

2.3. Neuauflagen

2.3.1. Religion vernetzt (2004-2010)

Das Schulbuch „Religion vernetzt“ aus dem Kösel-Verlag wird für alle Jahrgänge am Gymnasium von der fünften bis zur zwölften Jahrgangsstufe angeboten (2004-2010) und wird von Hans Mendl und Markus Schiefer Ferrari herausgegeben. Die frühen Bände wurden für weitere Auflagen behutsam überarbeitet (Band 1: 4. Auflage 2012), das Grundkonzept eines konstruktivistischen Lernverfahrens (→ Konstruktivistischer Religionsunterricht) hält sich aber durch: Zunächst einmal sind die Schülervorstellungen zu einem Thema zu aktivieren („Kontexte“). Das geschieht in offener und lebensweltorientierter Weise. Hier wird die Lebenswirklichkeit also bewusst nicht so zugerichtet, dass ein archimedischer Bezugspunkt zwischen Lebens- und Glaubenswelt vorliegen muss. Die „Pinnwand“ fordert zu konkreten Handlungen auf, die – ohne thematisches Vorwissen vorauszusetzen – Kontakt mit dem Lerngegenstand aufnehmen lassen, so dass sich erste eigenständige Konstrukte bilden können. Die Konstrukte werden anschließend durch fachliche Perspektiven ausgeformt („Orientierung“). In den Themen des christlichen Glaubens wird die inhaltliche Sachlogik oft auch mehrperspektivisch repräsentiert und dabei wird die normative Dimension des Wissens für die Glaubensgemeinschaft durchaus deutlich. Das Schulbuch lässt die Schülerinnen und Schüler schließlich die Konsequenzen in den „Perspektiven“ spüren und sensibilisiert für einen neuen Blick in den „Akzenten“. Auch wenn die Schülerinnen und Schüler in diese Sachlogik mit ihren eigenen aktivierten Vorstellungen verwickelt werden und sich in die Perspektive hineindenken, kontrolliert das Buch genau in den Arbeitsaufträgen, dass die Schülerinnen und Schüler in dieser Perspektive nicht vereinnahmt werden und fordert trotzdem einiges an Bereitschaft, das eigene Denken und auch Fühlen den intensiven Lernprozessen auszusetzen. Wenn auch manchmal in der „Orientierung“ der normativ gesetzte Inhalt etwas abrupt einsetzt, zeigt sich hier trotzdem ein eigener Weg, Schülerorientierung und Sachorientierung aufeinander zu beziehen. Gerade weil das Schulbuch Konstruktionen der Schülerinnen und Schüler unterstützen möchte, hat es früher als andere auf handlungsauslösende, durchaus kompetenzorientierte Aufgaben geachtet. Andere Elemente der Kompetenzorientierung wie die metakognitive und die evaluative Arbeit treten hier aber deutlich zurück.

2.3.2. Zeichen der Hoffnung/Wege des Glaubens/Zeit der Freude (1978-1987)

Auf katholischer Seite gehören die Schulbücher von Werner Trutwin mit seinen Publikationen „Zeichen der Hoffnung“ (9/10, 1978), „Wege des Glaubens“ (7/8, 1979) und „Zeit der Freude“ (5/6, 1987) zu den wohl verbreitetsten Büchern für den Religionsunterricht. Deren Markenzeichen besteht in der lebensweltlichen Rahmung und zugleich wissenschaftsorientierten Darstellung der Themen. Ohne zu vereinnahmen, zeigen die Bände den christlichen Glauben im Kontext allgemeiner Religionen. Die Reihen sollen neugierig machen, es soll sich lohnen, Bescheid zu wissen. Mit großem Engagement passt Trutwin seitdem die Bände den neuen religionspädagogischen Diskussionen und Lehrplanveränderungen an (6. beziehungsweise 7. Auflage 2014). So hat auch die Kompetenzorientierung (→ Kompetenzorientierter Religionsunterricht) bei ihm Einzug gehalten: Die langen, stark wissenschaftlichen Texte treten etwas zurück, die Aufgaben werden besser strukturiert und an die Operatoren angepasst, die Oberfläche der Seiten vernetzt die Informationen klarer, Fenster mit lexikalen Kurzinformationen sollen die Lernprozesse unterstützen, Methodenseiten und Lernstrategien werden gebündelt an das Ende verlagert. Die formalen Anpassungen ändern aber nichts an dem Anliegen, mit wissensorientierten und darin aufklärenden Lernprozessen über und in Religionen einen Beitrag zur Allgemeinbildung zu leisten. Ob diese Perspektive noch von den heutigen Schülerinnen und Schülern geteilt wird, ist offen. Eine Fundgrube ungewöhnlicher und anregender Texte ist das Schulbuch aber sicher weiterhin.

2.3.3. Treffpunkt RU (1989-1993)

Das dritte Schulbuch, das den Zeitraum ab 2010 mit höheren Auflagen erreicht, ist das Schulbuch „Treffpunkt RU“ vom Kösel-Verlag, das in drei Bänden für die Jahrgänge 5/6, 7/8 und 9/10 von Josef Epping und Brigitte Zein-Schumacher und einem wechselnden Autorenteam für den Kösel-Verlag herausgegeben wird. Dieses Schulbuch orientiert sich wie kein anderes an der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen und versucht, in deren Interessen und Bedürfnisse eine theologisch-kirchliche Perspektive einzuflechten, um den Lernenden neue Blicke zu eröffnen und für ein aktives, beteiligtes Leben zu unterstützen. Die Kapitel gliedern sich in Doppelseiten mit einem thematischen Faden, sind frisch gestaltet und – wenn es nötig ist – auch provozierend direkt (z.B. „Ein Prophet redet ins Gewissen“, Band 7/8). Eine inhaltliche Glaubensperspektive wird nicht vorausgesetzt, die Lernenden müssen nur offen sein, die Welt, das Leben, die eigene Person aus der christlichen Perspektive kritisch zu beleuchten. Weil manche korrelativen Punkte (→ Korrelation) auch heutige Jugendliche reizen könnten, ist das Schulbuch auch heute noch grundsätzlich anschlussfähig – manche politisch-ethische Zuspitzung bräuchte gegenwärtig allerdings selbst wieder eine Übersetzung. Die methodisch-mediale Struktur lässt die Medien mit (durchaus langen) Texten und Bildern an Informationen und Botschaften überquellen und sorgt für einen offenen Eindruck trotz der inhaltlichen Eindeutigkeit. Die Aufgaben vertiefen schlicht die Auseinandersetzung mit den Medien. Explizite Merkmale der kompetenzorientierten Oberflächenstruktur finden sich hier nicht. Für Lehrkräfte, die diese bestimmte gesellschaftskritische Ausrichtung vertreten, bietet das Schulbuch weiterhin eine zueinander stimmige Medienauswahl und einen abwechslungsreichen Lernprozess.

2.3.4. Reli (2001-2005)

„Reli“ ist ein Schulbuch, das seit den 1990er Jahren für die Hauptschule von Georg Hilger und Elisabeth Reil im Kösel-Verlag herausgegeben wurde. Als „Reli“ 5/6, 7/8 und 9/10 haben die beiden Herausgeber von 2001 bis 2005 eine neue, grundsätzlich kompetenzorientierte Neubearbeitung für das Gymnasium entwickelt, die in weiteren Auflagen (z.B. 3. Auflage 2011) aktualisiert und als „Reli konkret“ für die Hauptschule und „ReliReal“ für die Realschule ausdifferenziert wurde. Ab 2015 ist von den gleichen Herausgebern eine Neuauflage als „Reli kompetent“ angekündigt. Aber auch so schon besitzt das Schulbuch eine klare Struktur mit „Themen-“, „Ideen-“ und „Deuteseiten“, in denen wie bei „Treffpunkt RU“ zu möglichst lebensnahen Themen eine Orientierung aus dem christlichen Leben gegeben wird. Es benutzt aber als Verbindung weniger das gesellschaftlich-kritische Potenzial des Christentums als vielmehr dessen Potenzial, die mehrdimensionale Wirklichkeit zu erschließen. Die Schülerinnen und Schüler werden nicht als gläubig, sondern eher als offen in ihrer Persönlichkeit vorausgesetzt. Neben der schon beschriebenen inneren Struktur fallen zum einen die sparsamen und fast schon zurückhaltenden, aber präzise eingesetzten Medien auf und die Aufgaben, die zwar noch ohne Operatoren gebildet sind, dafür aber zu vielfältigen Handlungen – bis hin zu Projekten – auffordern. Der Wissenserwerb soll zwar über Info-Seiten gesichert werden, es fällt aber auf, dass diese Dimension des kompetenzorientierten Religionsunterrichts angesichts des Grundanliegens in den Hintergrund tritt.

2.3.5. Religionsbuch (2005-2008)

Erwähnt sei abschließend das von Hubertus Halbfas entwickelte „Religionsbuch“ in drei Bänden für die Jahrgänge 5/6, 7/8 und 9/10 in der Neuauflage von 2005-2008. Es fällt aus dem Analysezeitraum und auch ganz aus der Struktur der anderen Schulbücher, weil es die Kompetenzorientierung nicht aufnimmt und stattdessen konsequent die Sprachschule der Schulbücher für die Grundschule (→ Schulbücher aktuell, katholisch, Grundschule/Förderschule). In einem inneren spezifischen Curriculum erweitert sich das Repertoire an Texten sowie Bildern und steigert sich die Komplexität im geforderten mehrperspektivischen Umgang mit der Wirklichkeit.

3. Oberstufe

3.1. Sensus Religion. Vom Glaubenssinn und Sinn des Glaubens (2013)

Das Schulbuch „Sensus Religion“ ist ein einbändiges Werk für die ganze Oberstufe und wird von Rita Burrichter und Josef Epping für den Kösel-Verlag herausgegeben. Ihm liegt eine völlig neue Konzeption zugrunde, die den Namen zum Programm machen will. Das Schulbuch spricht die Sinne an, spielt mit den Sinnen und entwickelt einen Sinn für ein gutes Leben. Dabei steht das Buch deutlich unter Spannung: Es besitzt eine klare Form im Aufbau des ganzen Buches, der einzelnen Kapitel und der Doppelseiten als kleinste Einheit, es bietet Abbildungen in Formaten und einer ungewöhnlich hohen Druckqualität, die den Bildern Raum und Kraft geben. Und es lässt gleichzeitig Lücken. Denn es stellt Bilder und ganze Seiten („Zeitinsel“) zweckfrei ohne Lernaufgaben zur Verfügung, Texte bieten Positionen, die nicht schon im Buch vorbewertet werden und die Gliederung der Einheiten innerhalb eines Kapitels zeigt Splitter eines Bildes, das dadurch Konturen erhält, ohne dass das Bild fertig wäre. Das Buch signalisiert einen hohen Anspruch an sich selbst und dann aber auch an die Lernprozesse, in denen – wie angekündigt – schwere Medien lange selbst gekaut werden müssen, bis sie ihren Geschmack entfalten und anhaltend satt machen. Schülerinnen und vor allem Lehrkräfte müssen sich einiges zutrauen und zumuten können, denn sie müssen in diesem Buch selbst die Lücken füllen, die Positionen und auch die Perspektive finden, in denen gelernt wird. Dass die klare Lernerwartung und die sachorientierte Lernüberprüfung zu Beginn und zum Ende eines Kapitels fehlen, ist angesichts der sonst sicher kompetenzorientierten Konzeption kein Zufall. Das Buch unterstützt einen gut strukturierten Bildungsprozess, der anspruchsvolle Gegenstände bietet, diese auch für wertvoll und lebendig hält, aber eben auch dazu auffordert, selbst die Gegenstände zu ordnen (durch einen beigefügten „Routenplaner“) und zu bewerten, ohne dass damit die soziale normative Geltung der Gegenstände aufgehoben wird. So führt das Buch die Unterscheidung von Glaubensinhalt und Glaubensvollzug als Grundmerkmal christlichen Glaubenswissens ein (Seite 12 und Seite 26) und fordert die Schülerinnen und Schüler auf, deren Verhältnis für sich im Religionsunterricht begründet zu bestimmen (Seite 12). Auf keiner Seite steht ein Lernergebnis fest. Das wird durch die Medien ohne normativen Rahmen und Kommentar unterstützt, die sich mal irritieren, mal ergänzen oder auch wechselseitig vertiefen. Wenn auch innertheologische Mehrperspektivität zu einem Aspekt selten abgebildet wird, so bietet „Sensus Religion“ eine sehr große Offenheit in der Deutung der ausgelegten Spuren, die auch Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Vorstellungen erreichen kann. Das Buch ist damit nicht voraussetzungslos, nur liegen die Voraussetzungen vielleicht eher in der Milieu-Herkunft, was den ästhetischen Anspruch angeht, oder in den intellektuellen Fähigkeiten angesichts der inhaltlichen Komplexität und der dauernden Aufforderung zur Rollenübernahme (Seite 31).

Das Buch ist eine einzige faktisch kompetenzorientierte, hermeneutische Aufgabe als Reise durch die Welt in religiöser Perspektive. Als Rüstzeug werden systematisch Wissensstrukturen aufgebaut und methodische Handlungsformen wie bei der Bild- oder Bibelerschließung mit aufwendigen Methodenseiten entwickelt. Sinnvollerweise lassen sich die Seiten interessegeleitet von der Mitte (Medien) an den Rand (Aufgaben) lesen, so dass die Schulung der Wahrnehmung im Vordergrund steht. Man kann aber auch systematisch von den Aufgaben am Rand auf die Mitte als Lösungsmedien zugreifen und damit eher die kognitive Dimension aktivieren. Wird der „Routenplaner“ eingesetzt, dann werden beide Formen in eigenständigen Sinnkonstruktionen zusammengehalten. Dieser Ansatz sorgt dafür, dass die Kompetenzorientierung nicht nur in den mit sauberen Operatoren verschiedener Schwierigkeitsgrade gebildeten Aufgaben erkennbar wird, sondern den Geist des Buches prägt.

3.2. Vernünftig glauben. Arbeitsbuch für den katholischen Religionsunterricht (2011)

Das einbändige Schulbuch „Vernünftig glauben“ wurde von Wolfgang Michalke-Leicht und Clauß Peter Sajak mit einem Autorenteam 2011 für den Schöningh Verlag herausgegeben. Ähnlich wie „Sensus Religion“ steht es für die neue Generation von Oberstufenbüchern – wenn es auch ein anderes Profil besitzt. Das Anliegen des Buches ist die Selbstvergewisserung des Glaubens im Rahmen einer nachvollziehbaren Sprache in der Tradition des „fides quaerens intellectum“. Das Schulbuch beansprucht damit nicht, Glauben durch die vernünftige Reflexion zu erzeugen oder zu ersetzen. Das Buch schickt die Schülerinnen und Schüler auf einen intellektuell sehr anspruchsvollen Weg, die darstellbare Außenperspektive von Religion – und speziell die der christlichen Religion – als plausibel zu prüfen, ohne zu verlangen, dass der Glaube auch aus der Innenperspektive gelebt wird. Das Buch lässt Distanz zum Glauben und fordert gleichzeitig dazu auf, dem Phänomen Religion und dem christlichen Glauben nahezutreten. Perspektivwechsel in den Aufgaben laden dazu ein, verschiedene Positionen in ihrer Argumentationskraft zu übernehmen und zu prüfen, aber sie fordern nicht die persönliche Positionierung zu den Perspektiven. Die Kapitel haben durchaus einen Sog zur Plausibilität des Glaubens. Aber da kein übergriffiger Beweis geführt wird, sondern die Grenzen der Plausibilität ausgelotet werden sollen, ist dieser Zug durchaus legitim. Dafür setzt das Schulbuch dem christlichen Glauben mehrperspektivisch jeweils ernstzunehmende Gegner vor, ohne intern Mehrperspektivität in den theologischen Positionen explizit zu machen. Die Anordnung der Medien ist dagegen eng und geschlossen auf die Argumentationsstruktur ausgerichtet.

Das Schulbuch ist so aufgebaut, dass es zunächst seinen Rahmen in einem ersten Kapitel transparent macht und diesen Rahmen selbst den Schülerinnen und Schülern in Aufgaben zur Prüfung vorlegt. Daran schließen sich die thematischen Kapitel an, die noch einmal in Unterkapitel gegliedert sind. Jedes Kapitel, aber auch jedes Unterkapitel beginnt den Lernprozess mit einem Kasten „Was Sie erwartet“. In den Unterkapiteln ist jedes Seitenprinzip aufgehoben, die Medien laufen durch und werden in Aufgaben gesichert und reflektiert. Manchmal steht ein Info-Kasten zur Verfügung oder auch ein kleiner Text, wenn das Medium nicht für sich stehen kann. Mindestens jedes Unterkapitel schließt mit einer größeren Aufgabe aus dem höchsten Anforderungsbereich ab („Wenden Sie Ihr Wissen an“), die dazu auffordert, mehrere Medien zu komplexeren Wissenskonstrukten zusammenzuschließen. Auch wenn deutlich die Texte als Medium dominieren und die langen, aneinander gehängten Seiten ohne großen Raum erdrücken können, spiegelt dieser Eindruck das Anliegen wider: an die Grenzen der Denkbarkeit und Ordnung und Struktur zu führen. Dann wirken die sorgfältig präsentierten Bilder und deren Erschließung wie eine erholsame Oase, die noch einmal ganz anders die Grenzen der Darstellbarkeit thematisieren können. Auffällig ist wie bei „Mittendrin“ der Anspruch, diesen Weg in tiefer Auseinandersetzung in der Gruppe gemeinsam zu gehen. Hier wird dann vermutlich auch die → Heterogenität ausgetragen, mit der die Lücke des „fides quaerens intellectum“ im Unterricht real gefüllt wird.

3.3. Neuauflage: Neues Forum Religion (2008-2010)

Das ab 1983 von Werner Trutwin herausgegebene „Forum Religion“ ist von 2008 bis 2010 als Neubearbeitung in sechs Themenheften erschienen (→ Gott, → Mensch, Kirche, Hoffnung [→ Eschatologie], → Jesus, Leben [Ethik]) Die Reihe ist eine Neubearbeitung von „Forum Religion“ und versucht, die veränderte Bedeutung von Christentum in einer multireligiösen Gesellschaft bei wenig kirchlich sozialisierten Jugendlichen aufzunehmen. Es lässt die Schüler und Schülerinnen in Distanz zum Gegenstand; sie erarbeiten sich die Strukturen des Gegenstandes und verstehen damit einen Teil der Welt besser. Es geht nicht um die Entfaltung eines Weltzugangs wie bei „Sensus Religion“ oder um die Führung durch ein Glaubensgebäude wie bei „Vernünftig glauben“, sondern um eine wissenschaftsorientierte Begegnung mit den Objektivationen von Religion.

Jedes Heft eröffnet das Thema mit einem Basiskapitel, das Begriffe erklärt und die Grundfrage deutlich macht (z.B. Eschatologie: Geschichtlichkeit und Offenbarung). Daran umkreisen die Kapitel das Problem, präsentieren philosophische und religiöse Konzepte sowie deren wissenschaftliche Reflexionen. Jede Seite steht für sich mit einem farbig abgehobenen Erläuterungsteil, der objektiviertes Lernwissen wiedergibt. Zu jeder Doppelseite gibt es einen Aufgabenblock mit vernetzenden oder vertiefenden Aufgaben zu den zentralen Medien. Die Medien bestehen aus wissenschaftlichen oder wissenschaftsnahen Texten und ausgefallenen, aber rein funktionalen Bildern, die jeweils reproduzierend als distanziertes Wissen zu erschließen sind. Ausnahmen von dieser Geschlossenheit bilden wenige offene Aufgaben, die etwas verloren für sich stehen. Durch die getrennten Themenhefte werden die Wissensnetze künstlich zerrissen, andererseits lassen sich dadurch die Themen mit Blick auf die Prüfungsvorbereitung tatsächlich eingrenzen, die so etwas wie der Sitz im Leben dieses Schulbuches ist.

3.4. Berufsschule: SinnVollSinn (2005-2010)

Für den katholischen Religionsunterricht an den Berufsschulen sind zwar durchaus verschiedene Schulbücher zugelassen, aber bis auf eines sind dies die Schulbücher der Mittel- und gymnasialen Oberstufe. Seitdem an der Universität Tübingen das Katholische Institut für Berufsorientierte Religionspädagogik (KIBOR) implementiert wurde, gibt es nun eine Institution, die mit professionellen Strukturen diesen Schulbereich unterstützt. Ein Ergebnis dieser Arbeit ist das Schulbuch „SinnVollSinn. Religion an Berufsschulen“, das zwar auch aus dem Analysezeitraum herausfällt oder ihn noch so gerade streift und das noch nicht die Klarheit der aktuellen Neuerscheinungen besitzt, das aber als alleiniger Repräsentant dieser Schulform hier gewürdigt werden soll.

Das Schulbuch wird von Albert Biesinger und Joachim Schmidt sowie einem mit der beruflichen Bildung vertrauten Autorenteam um Michael Boenke in sechs Bänden vom Kösel-Verlag herausgegeben. Es behandelt die in den meisten Lehrplänen vorgesehenen Themen – auch wenn es gegenwärtig nur in Baden- Württemberg zugelassen ist: 1. Leid, Tod, Auferweckung (2005), 2. Mensch und Welt als Gottes → Schöpfung (2006), 3. Jesus → Christus (2007), 4. → Schuld und Versöhnung (2008), 5. Religion und Kirche (2009), 6. Gottes- und Nächstenliebe (2010). Die Bücher zergliedern das jeweilige theologische Thema in verschiedene Perspektiven, die das Thema von der Lebenswelt, der Tradition und speziell der Berufswelt beleuchten. Jedes Kapitel wird von den fiktiven Berufsschülern Tina und Paul eingeleitet und mit Abschnitten zum Orientierungswissen abgeschlossen. Aufgaben am Rande regen jeweils zur Weiterarbeit und Vertiefung an und fordern zur Positionierung auf. Projektideen leiten zu Arbeitsformen außerhalb des Buches an. Im Mittelpunkt aber stehen die Materialien, die zum Teil der Zielgruppe angepasst sind. Sie nehmen Aspekte wie Arbeitslosigkeit, Umgang mit Gerechtigkeit, Bedeutung von Technik oder die Strukturen von Arbeitswelt ernster als die Bücher der Regelschule und führen eine Text- und Bildersprache, die die Schülerinnen und Schüler für ihre Kontexte betroffen macht. Es geht hier zwar auch um Wissen, aber doch deutlicher um eine angemessene Haltungsbildung, die gerade nicht auf komplexe Inhalte verzichten kann. Das ist vielleicht das große Verdienst, dass auch diese Schülergruppe bewusst gefordert wird, aber in der Medienwahl (viele Liedtexte, Karikaturen, Satiren, ab dem zweiten Band schülernahe Leitfiguren) auch in der Motivation unterstützt wird. Das Buch fordert den Schülerinnen und Schülern zwar keine Glaubenshaltung ab, aber eine differenzierte Perspektive auf die Lebens- und Berufswelt durch den Glauben. Sie werden auch immer aufgefordert, sich zu dieser Perspektive zu verhalten. Insofern nimmt das Schulbuch die Schülerinnen und Schüler und seine Sache ernst, ohne sich anzubiedern. Selbst wenn am Ende nur der Zugriff auf das Material bleibt, ist dieses Schulbuch ein Gewinn.

4. Beobachtungen und Ausblicke

(ausführlich → Schulbücher aktuell, katholisch, Grundschule/Förderschule, Abschnitt 4.)

Literaturverzeichnis

  • Büttner, Gerhard/Reis, Oliver, Glaubenswissen – konstruktivistisch gelesen, in: Büttner, Gerhard (Hg. u.a.), Religion lernen. Jahrbuch für konstruktivistische Religionsdidaktik, Bd. 6: Glaubenswissen, Babenhausen 2015, 9-20.

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