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Lexikon

Säkularisierung

Detlef Pollack

(erstellt: Febr. 2016)

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1. Einleitung

Die Säkularisierungsthese ist ein hoch umstrittenes konzeptionelles Konstrukt, das von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen verwendet und für die Verfolgung unterschiedlicher ideenpolitischer Interessen und wissenschaftlicher Ziele in Anspruch genommen wird (Schmidt/Pitschmann, 2014). Mit dem Begriff Säkularisierung werden kirchenrechtliche Entscheidungen ebenso bezeichnet wie kulturgeschichtliche Transformationen, Prozesse der Differenzierung von Religion und Politik ebenso wie semantische Umbesetzungen von Bedeutungsinhalten. Der Einordnung des Begriffs in ein verlustgeschichtliches Verlaufsmodell, das mit ihm den Verfall gesellschaftlicher Ordnung, sozialen Zusammenhalts und gesellschaftlicher Moral beklagt, steht seine fortschrittsoptimistische Verwendung als eine Form der säkularen Emanzipation von religiöser Kontrolle gegenüber. Die Säkularisierungsthese ist ein vielfältig gebrauchtes Medium der Selbstverständigung der Moderne über ihre Identität und Herkunftsgeschichte.

2. Begriffsbestimmung

Angesichts der Umstrittenheit des Begriffs reicht es zur Erfassung der Kernaussagen der Säkularisierungsthese nicht aus, jene Annahmen zusammenzustellen, die von vielen oder vielleicht sogar von den meisten Säkularisierungstheoretikern vertreten werden. Vielmehr ist es erforderlich, diejenigen Aussagen herauszuarbeiten, die für die Säkularisierungsthese schlechthin unverzichtbar sind. Das ist einmal die Annahme, dass sich die soziale Signifikanz von Religion in modernen Gesellschaften im Vergleich zu früheren Zeitepochen abschwächt (empirisch-historische Deskription). Mit dieser Behauptung sind gegenläufige Entwicklungen ebenso wenig ausgeschlossen wie Umwege, Ausnahmen, Ambivalenzen und Paradoxien. Notwendig impliziert ist in die Säkularisierungsthese allerdings die Annahme, dass vormoderne Kulturen durch einen höheren Stellenwert von Religion und Kirche gekennzeichnet sind als moderne. Zweitens geht die Säkularisierungsthese davon aus, dass der religiöse Bedeutungsrückgang auf Prozesse der Modernisierung zurückgeführt werden kann (explanatorischer Kern). Damit ist nicht verneint, dass es auch andere Faktoren religiösen Wandels gibt und dass Religion in diesen Wandel auch selbst aktiv einzugreifen vermag. Die Säkularisierungsthese führt aber unausweichlich die Annahme mit sich, dass Modernisierung ein bedeutender oder sogar der bedeutendste Einflussfaktor religiösen Wandels in Gegenwartsgesellschaften ist und dass Religion durch ihn letztendlich negativ betroffen ist.

3. Ursprung des Begriffs und Verwendungsweisen

Ursprünglich wurde der Säkularisierungsbegriff im kirchenrechtlichen Kontext verwendet. Im mittelalterlichen kanonischen Recht meinte der Begriff den Übertritt des Mitglieds eines Mönchsordens (regularis), der sich der auf Dauer angelegten Klosterregel unterworfen hat, in den Stand eines Weltgeistlichen (saecularis), der auf eine säkulare, das heißt zeitlich befristete Ordnung bezogen ist. Den kulturgeschichtlichen Kontext für diese rechtliche Regelung bildete die seit dem 11. Jahrhundert von der Kirche des lateinischen Westens selbst betriebene funktionale Trennung von Kirche und politscher Gewalt (Kampf gegen Investitur), ihr Bemühen um sakramentale Reinheit und institutionelle Selbständigkeit und die damit verbundene De-Sakralisierung der politischen Herrschaft (Berman, 1991; Angenendt, 2014, 311-318f.; Lutz-Bachmann, 2015, 80). Die kulturgeschichtliche Voraussetzung des Säkularisierungsvorgangs bestand also in der schärferen Unterscheidung zwischen religiöser und weltlicher Sphäre, die allerdings mit der Unterscheidung zwischen Diesseits und Jenseits nicht zusammenfiel und diese daher auch nicht in Frage stellte. In der Reformationszeit, im konfessionellen Zeitalter und im 19. Jahrhundert bezeichnete Säkularisierung (zumeist Säkularisation) den rechtlich geordneten Übergang kirchlicher Güter in weltlichen (meist landesfürstlichen) Besitz.

Inzwischen hat sich der Säkularisierungsbegriff von seinem kanonischen und kirchenrechtlichen Bedeutungsgehalt gelöstund bezeichnet kulturgeschichtliche Veränderungsprozesse teilweise weltgeschichtlichen Ausmaßes (zur Diskussionslage vgl. Lübbe, 1965; Tschannen, 1991; Casanova, 1994; Gorski, 2000; Asad, 2003; Lehmann, 2004; Joas, 2007; Goldstein, 2009; Pollack, 2009; Ziemann, 2011). Unter seinen vielfältigen Bedeutungen ist vor allem zwischen einer genealogischen und einer quantifizierenden Verwendungsweise zu unterscheiden. Mit der genealogischen ist die Transformation des Bedeutungsgehaltes eines Begriffs von einem theologischen in einen säkularen Kontext gemeint, so wenn zum Beispiel das Postulat der politischen Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz als eine Säkularisation der Idee der Gleichheit aller Menschen vor Gott (Jellinek, 1895) oder der Gedanke des Fortschritts in der Geschichte als Transformation der Vorstellung einer providentiell gelenkten Heilsgeschichte gedeutet wird (Löwith, 1953). Mit dem quantitativen Begriffsgebrauch ist der Rückgang des Bedeutungsanteils gemeint, den Religion in Gesellschaften einzunehmen vermag. Auch wenn zwischen der genealogisch-qualitativen und der deskriptiv-quantitativen Verwendungsweise des Säkularisierungsbegriffs ein Zusammenhang bestehen kann, meinen beide Betrachtungsweisen doch Verschiedenes. Im ersten Fall steht die Frage nach den religiösen Wurzeln säkularer Phänomene im Vordergrund und damit die Frage danach, inwieweit theologische Bedeutungen in säkularen Ideen und Praktiken noch mitschwingen, im zweiten dagegen die Frage, wie sich der Stellenwert des Religiösen in der Gesellschaft verändert hat.

Im Unterschied zur Philosophie hat sich in den Geschichts- und Sozialwissenschaften der zuletzt benannte Begriffsgebrauch durchgesetzt. Ihn legen auch die gegenwärtig einflussreichsten säkularisierungstheoretischen Ansätze von Bryan Wilson, Steve Bruce, Pippa Norris, Ronald Inglehart und Niklas Luhmann zugrunde.

4. Wichtige säkularisierungstheoretische Ansätze

Bryan Wilson (1982) sieht sowohl Prozesse der sozialen Differenzierung, der Vergesellschaftung als auch der Rationalisierung als ausschlaggebend für die religiösen Positionsverluste an. Soziale Differenzierung meint, dass Teilbereiche wie Wirtschaft, Wissenschaft, Familie oder Medizin sich funktional zunehmend verselbständigen. Vergesellschaftung meint die tendenzielle Ersetzung von Gemeinschaftsformen durch übergemeinschaftliche und unpersönliche Organisationen und Institutionen. Rationalisierung bedeutet, dass politische, wissenschaftliche, ökonomische Ziele mehr und mehr isoliert und die Mittel zur Erreichung dieser Ziele optimiert werden. Alle drei Prozesse tragen nach Wilson zum Bedeutungsrückgang von Religion in modernen Gesellschaften bei.

In der Nachfolge Peter L. Bergers (1969) stellt Steve Bruce (2002) insbesondere den negativen Einfluss eines zunehmenden religiösen Pluralismus und egalitären Individualismus auf die Stabilität religiöser Überzeugungen und Praktiken heraus. Der wachsende religiöse Pluralismus zwingt egalitären Prinzipien verpflichtete Staaten, ihre Unterstützung für einzelne Religionsgemeinschaften zurückzunehmen. Zudem verliert unter Bedingungen religiöser Pluralität Religion die regelmäßige tagtägliche Bestätigung, die sie durch ihre Einbettung ins alltägliche Leben in früheren kulturell homogeneren Gesellschaften einmal genossen hat.

Nach Niklas Luhmann gerät mit der Modernisierung der Gesellschaft, also mit der Umstellung der gesellschaftlichen Ordnung von Schichtung und Hierarchie auf funktionale Differenzierung, die Funktion der Religion unter Anpassungsdruck. Auf der personalen Ebene besteht die Konsequenz funktionaler Differenzierung in der Privatisierung des religiösen Entscheidens. Glaube und Beteiligung am kirchlichen Leben können nicht mehr unabhängig von der Motivlage auf der Grundlage eines allgemeinen Konsenses erwartet werden (Luhmann, 1977, 239). Auf der gesellschaftlichen Ebene hat funktionale Differenzierung eine Änderung der Form der sozialen Integration zur Folge (Luhmann, 1977, 242), aufgrund derer der Bedarf und die Möglichkeit gesamtgesellschaftlich verbindlicher Selektionen zurückgehen (Luhmann, 1977, 79f.;248). Auf der weltbildhaft-kognitiven Ebene führt funktionale Differenzierung schließlich zu einer Steigerung des Auflöse- und Rekombinationsvermögens der Gesellschaft, durch die die Horizonte des Erfassbaren immer weiter hinausgeschoben werden (Luhmann, 2000, 301).

Für Pippa Norris und Ronald Inglehart (2004) wird die Bedeutung, die Religion in einer Gesellschaft besitzt, vor allem durch das Gefühl der existentiellen Sicherheit und der Verletzbarkeit durch physische und gesellschaftliche Risiken bestimmt. In Gesellschaften, die stärker existentiellen Risiken ausgesetzt sind, sei der Bedarf an Religion größer als in Gesellschaften, in denen ein höherer Grad an existentieller Sicherheit herrscht. Existentielle Sicherheit meine zum einen Freiheit von Naturkatastrophen wie Flut, Erdbeben, Dürre und Tornados, zum anderen Freiheit von sozial produzierten Risiken und Gefahren wie Krieg, Menschenrechtsverletzungen, Armut und soziale Ungleichheit. In dem Maße, wie Gesellschaften durch wirtschaftlichen Aufschwung, Ausbau des Rechtsstaats, Demokratie und Sozialsysteme existentielle Sicherheiten garantieren, nehme der Bedarf für religiöse Werte, Glaubenssysteme und Praktiken ab.

5. Kritik am Säkularisierungstheorem

Die Kritik am Säkularisierungstheorem betrifft einmal die in ihm vorgenommene Entgegensetzung von Religion und Moderne bzw. von Tradition und Moderne sowie seinen evolutionären, fortschrittsgläubigen und eurozentrischen Charakter. Besonders richtet sie sich gegen die Behauptung, dass Modernisierung unweigerlich zur Säkularisierung führe und Religion durch die Konsequenzen von Rationalisierung, Technisierung und funktionaler Differenzierung, durch Anhebung des Wohlstandsniveaus, Bildungsanstieg und Urbanisierung negativ betroffen sei. Kritik wird aber auch an der Verwendung eines institutionell verengten Religionsbegriffes, am Gebrauch eines homogenisierten Modernebegriffs, an der Depotenzierung von Religion als bloßer abhängiger Variable sowie an der Idealisierung der Vergangenheit als „golden age of faith“ geübt (Warner, 1993; Casanova, 1994; Berger, 1999; Stark/Finke, 2000; Graf, 2004; Beck, 2008; Hellemans, 2010). Der zentrale Einwand gegenüber der Säkularisierungstheorie, inwieweit Modernisierung mit Säkularisierung Hand in Hand geht, wird sowohl auf der theoretisch-explanatorischen als auch auf der deskriptiven Ebene formuliert. Während Vertreter der Säkularisierungstheorie (Bruce, 2002; Norris/Inglehart, 2004; Pollack/Rosta, 2015) die Position einnehmen, dass sich ein negativer Zusammenhang zwischen Modernisierungsindikatoren und Religiositätsindizes empirisch nachweisen lasse, bestreiten ihre Kritiker (Berger, 1999; Joas, 2007; Beck, 2008; Hellemans, 2010) diesen Zusammenhang.

Literaturverzeichnis

  • Angenendt, Arnold, Offertorium. Das mittelalterliche Meßopfer, Münster 3. Aufl. 2014.
  • Asad, Talal, Formations of the Secular. Christianity, Islam, Modernity, Stanford 2003.
  • Beck, Ulrich, Der eigene Gott. Von der Friedensfähigkeit und dem Gewaltpotential der Religionen, Frankfurt a. M./Leipzig 2008.
  • Berger, Peter L., The Sacred Canopy, New York 1969.
  • Berger, Peter L., The Desecularization of the World. Resurgent Religion and World Politics, Grand Rapids (Michigan) 1999.
  • Berman, Harold J., Recht und Revolution. Die Bildung der westlichen Rechtstradition, Frankfurt a.M. 1991.
  • Bruce, Steve, God is Dead. Secularization in the West, Oxford 2002.
  • Casanova, José, Public Religions in the Modern World, Chicago 1994.
  • Goldstein, Warren, Secularization Patterns in the Old Paradigm, in: Sociology of Religion 70 (2009), 157-178.
  • Gorski, Philip, Historicizing the Secularization Debate. Church, State, and Society in Late Medieval and Early Modern Europe, in: American Sociological Review 65 (2000), 138-167.
  • Graf, Friedrich Wilhelm, Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur, München 2004.
  • Hellemans, Staf, Das Zeitalter der Weltreligionen. Religion in agrarischen Zivi­li­sa­tionen und in modernen Gesellschaften, Würzburg 2010.
  • Jellinek, Georg, Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, in: Schnur, Roman (Hg.), Zur Geschichte der Erklärung der Menschenrechte, Darmstadt 1974, 1-77.
  • Joas, Hans, Führt Modernisierung zu Säkularisierung?, in: Nollmann, Gerd/Strasser, Hermann (Hg.), Woran glauben? Religion zwischen Kulturkampf und Sinnsuche, Essen 2007, 37-45.
  • Lehmann, Hartmut, Säkularisierung. Der europäische Sonderweg in Sachen Religion, Göttingen 2004.
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  • Lübbe, Hermann, Säkularisierung. Geschichte eines ideenpolitischen Begriffs, Freiburg 1965.
  • Luhmann, Niklas, Funktion der Religion, Frankfurt a.M. 1977.
  • Luhmann, Niklas, Die Religion der Gesellschaft. Frankfurt a.M. 2000.
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  • Pollack, Detlef, Rückkehr des Religiösen? Studien zum religiösen Wandel in Deutschland und Europa II, Tübingen 2009.
  • Pollack, Detlef/Rosta, Gergely, Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich, Frankfurt a.M./New York 2015.
  • Schmidt, Thomas M./Pitschmann, Annette (Hg.), Religion und Säkularisierung. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart/Weimar 2014.
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  • Tschannen, Oliver, The Secularization Paradigm: A Systematization, in: Journal for the Scientific Study of Religion 30 (1991), 395-415.
  • Warner, Stephen R., Work in Progress Toward a New Paradigm for the Sociological Study of Religion in the United States, in: American Journal of Sociology 98 (1993), 1044-1093.
  • Wilson, Bryan, Religion in Sociological Perspective, Oxford 1982.
  • Ziemann, Benjamin, Säkularisierung und Neuformierung des Religiösen. Religion und Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Archiv für Sozialgeschichte 51 (2011), 3-36.
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