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Lexikon

Rut, bibeldidaktisch (Primar- und Sekundarstufe)

Tatjana K. Schnütgen

(erstellt: Febr. 2018)

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Das Buch Rut erzählt die Geschichte der Noomi, ihrer Schwiegertochter Rut und deren gemeinsamer Suche nach einem guten Ort zum Leben. Sie erleiden Hunger und Flucht, sorgen füreinander und finden schließlich einen Weg, ihr Schicksal nachhaltig zum Guten zu wenden (siehe 3.2). Die Art, wie im Buch Rut Gottvertrauen und menschliches Handeln verbunden werden, macht es zu einer Modellerzählung, die eine Fülle von Lernmöglichkeiten bietet.

1. Lebensweltlicher Zugang

1.1. Themen des Buches

In der Bibelwissenschaft wird das Buch unterschiedlich charakterisiert. Daraus ergeben sich dementsprechend mehrere Themen und Zugänge sowie Lernchancen (Büchner, 2013, 330).

Während sich in älterer exegetischer Literatur zum Teil die Ansicht findet, es sei ein leicht zugängliches Buch, das von idyllischen Verhältnissen erzählt (Lamparter, 1962, 13f.), wird Rut gegenwärtig sehr viel differenzierter gesehen. Das Buch ist weniger einfach als angenommen. Nach Fischer betreibt das Rutbuch Schriftauslegung und Aktualisierung, kann also als „Midrasch“ bezeichnet werden (Fischer, 2005, 72) und eignet sich didaktisch als „Deutegeschichte“ (Schütze, 2015, 70). Das Buch gilt als Musterbeispiel hebräischer Erzählkunst (Fischer, 2005, 24 und öfter). Außerdem gilt es als „das Frauenbuch des Ersten Testaments“ (Fischer, 1995, 176). Rut ermöglicht die Erinnerung an die weibliche Welt der Bibel (Llaguno, 2013, 221). Als eines der wenigen trägt es den Namen einer Frau im Titel. Die Protagonistinnen der Erzählung tragen dazu bei, dass das Haus Israel erbaut wird. Das Rutbuch zeigt, dass Frauenbeziehungen praktikable Lebenskonzepte sind. Nicht zuletzt dient es als Vorbild für das feministisch-philosophische Konzept des „affidamento“, bei dem vertrauensvolle solidarische Beziehungen zwischen Frauen im Zentrum stehen (Fischer, 2005, 263; Schrupp, 2007, o.S.). Auch wenn Rut schließlich heiratet, geht es nicht um eine Bestätigung der Rolle der Frau an der Seite eines Mannes. Das Buch gibt ein positives Beispiel für das Zusammenleben der Generationen.

1.2. Zugänge von Kindern (Primarstufe)

Rut begegnet in religionsdidaktischen Zusammenhängen in Kinderbibeln, Kindergottesdienst und Religionsunterricht. Das Buch nimmt die Sicht von Migranten ein. Deren Erfahrungswelt ist Kindern in der Gegenwart meistens nicht aus erster Hand zugänglich. Zunehmend lernen sie aber von Mitschülerinnen und Mitschülern Geschichten von Auswanderung und dem Streben nach Integration in einer neuen Umgebung kennen. Am Buch Rut kann man erfahren, wie schwierig eine solche Integration ist, aber auch, dass sie gelingen kann.

1.3. Zugänge von Jugendlichen (Sekundarstufe)

Lebensweltliche Zugänge bieten sich in höherem Maß für Jugendliche. Innerhalb jugendlicher Wertorientierungen stellen „gute Freunde“ mit 97% Zustimmung den Spitzenplatz dar (Albert/Hurrelmann/Quenzel, 2015, 239). Die Beziehung von Rut und Noomi wird von Jugendlichen voraussichtlich stark in Richtung Freundschaft interpretiert werden. Leider liegen zur Rezeption des Buches Rut bislang weder für Kinder noch für Jugendliche Ergebnisse empirischer Studien vor. Jugendliche sind in der Lage, sich in die Situation einer kinderlosen Witwe, einer Armuts-Migrantin in einer für uns fremden gesellschaftlichen Ordnung einzufühlen. Exotische Riten, wie der Schuhritus und die komplizierten israelitischen Rechtsinstitutionen (Levirat, Lösen) sind für Kinder ein Verstehenshindernis, Jugendliche aber können von der eigenen Umwelt abstrahieren und Fremdes verstehen. Eine weitere Frage ist, wie Jugendliche mit dem Gottesbild im Buch Rut umgehen könnten. Die zurückhaltende Art, wie vom Wirken Gottes erzählt wird, könnte gerade Jugendlichen, die ein mythisch-wörtliches Verständnis biblischer Erzählungen (nach James Fowler) hinter sich gelassen haben, entgegenkommen. Rut erzählt von Gottes Güte und phantasievollen, guten Menschen (Büchner, 2013, 329). In der gegenwärtigen Gesellschaft wird Güte und Gutsein immer wieder als „Gutmenschentum“ trivialisiert. Im Rutbuch wird der Wert der Güte so gezeigt, dass dieses Gutsein nicht zu belächeln ist, sondern tatsächlich Menschen auf dem Weg zu lebensdienlichen Lösungen weiterbringt, „da es für ein gutes Leben von dieser Güte nie genug geben kann“ (Fischer, 2005, 266).

2. Fragen und Anknüpfungspunkte

Die Wahrnehmung von Fragen und Anknüpfungspunkten, die das Buch Rut bietet, sind nicht ausschließlich auf Interessen und Lebenswelt von Kindern zu beschränken. Leichter zugänglich sind zwar die Personen des Buches mit ihren teils symbolischen Namen (Rut 1,20). Auch die Entwicklung der Handlung, die aus den beiden heimatlosen, verarmten Frauen schließlich eine Mutter und Großmutter macht, kann von Kindern gut nachvollzogen werden. Sie können sich, mit didaktischer Unterstützung, vorstellen, dass mit Noomi und Rut so etwas wie eine Generationenkette von David über Jesus bis heute entsteht. Schwierige und wenig kindgemäße Fragen sind jedoch auch in den Texten angelegt, wie zum Beispiel die Lebensbedingungen von Frauen bzw. Witwen, die Fragen rund um das Levirat und das Lösen, sowie die Themen Fremde in Israel, Migration und Beheimatung, insbesondere die innerbiblische Diskussion um das Fremdehenverbot. Eine Herausforderung besteht für das Verständnis auch darin, dass die altisraelische Gesellschaft insgesamt anders als unsere eigene in Deutschland strukturiert ist, zum einen durch das Patriarchat, zum anderen ist es eine „relation-based collectivist culture“ (Lau, 2011, 118), das bedeutet, dass eine Frau nicht selbstbestimmt ihre Identität gestalten kann, sondern diese vor allem in relevanten familiären Beziehungen erwirbt.

3. Biblisch-Theologische Klärungen

3.1. Einleitungsfragen

3.1.1. Zeit, Zweck und Ort der Abfassung, Autorschaft

Die Platzierung der Erzählung in die Richterzeit gilt als literarisches Konstrukt (Saxegaard, 2010, 50 u.a.). Nachdem in der älteren Forschung bereits die Alternative einer frühen Datierung in die Königszeit (Rudolph, 1962; Virgulin, 1969 u.a.) und einer späteren, nachexilischen (Zenger, 1986; Fischer, 2005; Llaguno, 2013 u.a.) bzw. hellenistischen (Beyer, 2014, 212), diskutiert wurde, wird derzeit letztere weithin akzeptiert. Die Spätdatierung wird dadurch gestützt, dass Anliegen einer frühnachexilischen messianischen Strömung, die „nicht mehr auf Macht, sondern auf Solidarität gründet und setzt“, aufgenommen sind (Zenger, 1986, 28; Frevel, 1992, 34). In Rut handeln Menschen ohne Vermittlung von Amtsträgern nach der Tora und lösen so ihre Probleme vorbildlich (Köhlmoos, 2010, XV; Lau, 2011, 189). Aufgrund des Beitrags zur Mischehenproblematik wird das Rutbuch in die Zeit jener Kreise datiert, die das Nehemiabuch verfassten, da es mit ihnen „argumentativ im Gespräch ist“ (Fischer, 2005, 89). Der Zweck des Buches kann demgemäß angegeben werden als „Bestreben, die Aufnahme in die Gemeinde von individuellem Verhalten, von rechtem Leben nach der Weisung Gottes abhängig zu machen und nicht von ethnischer Abstammung“ (Fischer, 2005, 93). Aufgrund der ausgeprägten Frauenperspektive wird die Autorschaft einer Frau erwogen (Fischer, 2005, 93), bzw. die Erzählung einer, von weisen Frauen weitergegebenen, oralen Tradition zugeschrieben (van Dijk-Hemmes, 1993).

3.1.2. Literarische Charakteristika

Das Buch Rut ist mit 1296 Worten das kürzeste Erzählwerk der hebräischen Bibel (Köhlmoos, 2010, XI). Es enthält ungewöhnlich viel Dialog. Meist wird es in die Weisheitsliteratur eingeordnet (Beyer, 2014, 212;218). Grund ist, dass ideale Figuren auftreten, sowie der Tun-Ergehens-Zusammenhang und das Verhältnis von göttlichem und menschlichem Handeln eine Rolle spielen (Beyer, 2014, 219; Köhlmoos, 2010, XVII). Zur Josephs-Novelle und dem Jonabuch bestehen Ähnlichkeiten, es geht um den Universalismus des Gottes Israels (Virgulin, 1969, 398).

Die vier Kapitel sind kunstvoll spiegelbildlich aufgebaut und zentrieren sich jeweils um einen Dialog. Sie bilden eine literarische Einheit (Fischer, 2005). Gliedernd fungieren Orts- und Zeitangaben sowie das Auftreten neuer Personen. Das Rutbuch weist reiche intertextuelle Bezüge auf (Van Dijk-Hemmes, 1993; Zakovitch, 1999; Korpel, 2001; Fischer, 2005; Hieke, 2010; Saxegaard, 2010; Lau, 2011; Beyer, 2014). Durch den linearen Zeitverlauf, den geradlinigen Weg und die klar gezeichneten Personen, von denen immer nur zwei gleichzeitig ein Gespräch führen, ist die Erzählung einfach; kunstvoll ist sie durch Symmetrien und Chiasmus im Aufbau, die Spannungsbögen und einen „Leitwortstil als theologische Leseführung“ (Fischer, 2005, 36-40). Verben der Bewegung sind häufig vertreten, z.B. ‚gehen‘; das Leitwort ‚geben‘ steht für die Fruchtbarkeit, die Land und Menschen gegeben wird. Sowohl Gott gibt als auch die Menschen. Die Namen in Rut sagen etwas über ihre Träger aus (Fischer, 2005, 33-36), sie sind ein indirektes Wortspiel (Saxegaard, 2010, 26). Da sie im Unterricht zu Deutungen der Erzählung anregen können, sollen sie in der Reihenfolge ihres Auftretens hier wiedergegeben werden:

Elimelech/mein Gott ist König; Noomi/die Liebe; Mara/die Bittere; Machlon/der Kränkliche; Kiljon/der Schwächliche; Rut/Freundin, Labsal/die Sehende (uneindeutig); Orpa/die Zurückkehrende; Boas/der Potente, in ihm ist Kraft; Namenlos (der andere Löser); Obed/Diener, Knecht; Bethlehem/Brothausen; Moab/vom Vater (vgl. Gen 19,37).

Besonders die Tatsache, dass die Bedeutung des Namens Rut nicht eindeutig ist, gibt Rut eine „mysterious identity“ (Saxegaard, 2010, 106). Sie macht Leser neugierig, zu erfahren, was für ein Mensch sich in der Erzählung zeigt. An Rut ist eine „Transformation“ (Lau, 2011, 90-92) ihrer Identität zu beobachten, sie wird von der Fremden zu einer ins Volk integrierten, geachteten Frau.

3.2. Inhalt

3.2.1. Kapitel 1

Die Erzählung spielt in der Zeit der Richter. Ein Mann flieht wegen einer Hungersnot mit seiner Familie aus Bethlehem ins Nachbarland Moab. Dort wohnt dieser Mann, Elimelech, als „Fremdling“ (V.1). Als er stirbt, bleibt seine Frau Noomi allein mit den beiden Söhnen, die sich mit Frauen aus Moab verheiraten. Doch auch die Schwiegertöchter Orpa und Rut werden Witwen, nachdem sie zehn Jahre kinderlos geblieben waren. Noomi ist allein und beschließt, nach Bethlehem zurückzukehren, denn dort gibt es wieder „Brot“ (V.6). Zuerst begleiten sie ihre Schwiegertöchter. Noomi aber will es nicht zulassen, dass diese in die Fremde gehen und schickt sie, mit einem Segen, heim, „eine jede ins Haus ihrer Mutter“ (V.8). Beide weinen und weigern sich. Nur Rut entschließt sich zur Migration, nachdem Noomi die Risiken noch einmal dargelegt hat. Rut schwört ihrer Schwiegermutter Treue, gleichzeitig auch deren Volk und Gott. In Bethlehem angekommen begrüßen die Frauen Noomi. Diese erwidert: „Nennt mich nicht Noomi, sondern Mara; denn der Allmächtige hat mir viel Bitteres angetan“ (V.20).

3.2.2. Kapitel 2

Da gerade die Gerstenernte im Gang ist, geht Rut zum Ährensammeln aufs Feld, nach Dtn 24,19 und 26,5 ein Recht Armer und Fremder. Zufällig ist der Besitzer des Feldes Boas, ein Verwandter des verstorbenen Mannes von Noomi. Dieser nimmt, ohne eigene Zwecke zu verfolgen, Rut in Schutz. Rut erkundigt sich nach Boas‘ Beweggründen, schließlich sei sie „eine Fremde“ (V.10). Boas lobt, dass sie ihrer Schwiegermutter beisteht und zu einem Volk gezogen ist, das sie vorher nicht kannte (V.11). Als sie mit reicher Ernte zu Noomi heimkommt, segnet diese den Unbekannten, nachdem sie erfährt wer es ist, folgt ein zweiter Segen, denn Boas gehöre „zu unseren Lösern“ (V.20). Für die Zeit der Ernte kehrt ein sorgenfreier Alltag bei den beiden Frauen ein.

3.2.3. Kapitel 3

Noomi plant, Rut eine Zukunftsperspektive zu verschaffen, die Heirat. Um mit Boas zusammenzukommen schlägt sie Rut eine Strategie vor: Sie legt sich in der Tenne, dem Platz, an dem das Korn gedroschen wird, unbemerkt unter die Decke zu Boas und redet dann mit ihm, als er erwacht. Rut spricht ihn auf seine Verpflichtung als Löser an, er segnet sie und lobt die Art, wie sie ihre Liebe zeigt (V.10). Er verspricht, sich um die rechtliche Klärung zu kümmern, denn es gibt einen näher verwandten Löser, der muss einverstanden sein.

3.2.4. Kapitel 4

Boas redet am Gerichtsort, im Tor, mit dem anderen Löser in Anwesenheit von zehn Ältesten. Zur Verhandlung steht die Sache der Witwe Noomi, die den Grundbesitz ihres verstorbenen Mannes verkaufen will. Als der Löser dem Kauf zustimmt, stellt Boas eine weitere Bedingung: Rut heiraten, „um den Namen des Verstorbenen zu erhalten auf seinem Erbteil“ (V.5). Der Löser lehnt dies ab, es würde sein „Erbteil schädigen“ (V.6). Zur Bekräftigung zieht der Löser den Schuh aus; Boas verweist auf die Zeugenschaft der Ältesten. Er kauft den Besitz der Familie und nimmt die Moabiterin Rut zur Frau. Die Anwesenden segnen Rut mit Anspielungen auf die Erzmütter Rahel und Lea, Boas unter Bezugnahme auf Perez, den Sohn von Tamar und Juda. Das Kapitel schließt mit der Geburt des Sohnes von Rut und Boas und der Reaktion der Frauen von Bethlehem. Sie resümieren den guten Ausgang für Noomi: Ihr Enkel wird sie im Alter versorgen, ja sogar „Noomi ist ein Sohn geboren“ (V.17). Die Beziehung zur Schwiegertochter kristallisiert sich in der Feststellung, „die dir mehr wert ist als sieben Söhne“ (V.15). Die Nachbarinnen nennen das Kind „Obed“ (V.17). Rückblickend weiß man: Er ist der Vater Isais, dessen Sohn der König David ist. Abschließend wird die Reihe der Nachkommen des Perez aufgeführt, unter Einschluss des Boas, bis zu David.

3.3. Frauen in Rut und in der hebräischen Bibel

Während die Bibel zwar häufig von Frauen erzählt, ist es selten, dass die Perspektive von Frauen so stark in die Erzählung einfließt wie im Buch Rut. Auf der menschlichen Handlungsebene sind die Frauen Noomi und Rut die Hauptpersonen, daneben auch der Gutsbesitzer Boas. Regisseur hinter den Kulissen ist Gott (Quadflieg, 1997, 236; Rudolph, 1962, 33). „Das Buch Rut lehrt uns, dass es zwei Themen gibt, die sich der Kontrolle biblischer Männer entziehen: die Fruchtbarkeit einer Frau und die der Erde, die beide Zeichen des Wirkens Gottes sind“ (Llaguno, 2013, 227). Rut bindet sich an Noomi durch ein biblisch einzigartiges Treueversprechen. In anderen Texten der hebräischen Bibel ist häufig von Konkurrenz zwischen Frauen zu lesen (Sara und Hagar, Rahel und Lea, Hanna und Pennina). Grund ist jedes Mal das Leiden einer der Frauen unter Kinderlosigkeit. Im Buch Rut wird das Problem der Unfruchtbarkeit nicht automatisch der Frau zugeschrieben (Saxegaard, 2010, 67). Ungewöhnlich ist auch, dass Rut in ihrer Situation als kinderlose Frau Unterstützung durch Noomi erfährt und nicht soziale Ächtung. Witwen wie Rut und Noomi gehören zu den sozial Benachteiligten, die des Schutzes der Gemeinschaft bedürfen (Jer 7,6; 22,3; Jes 1,17).

Jeremia fordert: „Bessert euer Leben … dass ihr … gegen Fremdlinge, Waisen und Witwen keine Gewalt übt…“ (Jer 7,3-6). Die Unversehrtheit des Lebens von Witwen wird so hoch bewertet, dass die Verheißung des Fortbestands von Davids Thron daran geknüpft wird (Jer 22,3-4). In später entstandenen Gesetzestexten finden sich Schutzregeln, wie die Anweisung, Garben auf dem Acker übrig zu lassen für Fremdlinge, Waisen und Witwen (Dtn 24,19). Zwar kann für die nachexilische Zeit volles Erb- und Besitzrecht für Frauen nachgewiesen werden (Fischer, 2005, 57), jedoch werden Frauen in männlichen Rechtssprechungsgremien (im Tor) nicht gehört.

Zu weiteren Regeln zugunsten von Witwen gehört auch die sogenannte Leviratsehe. Im Folgenden werden die in Rut vorausgesetzten Rechte erläutert, da sie im Unterricht vermutlich Fragen aufwerfen.

3.4. Rechtsinstitutionen im Buch Rut

3.4.1. Levirat/Schwagerehe

Mit Schwagerehe ist die Heirat einer Witwe mit dem Bruder ihres kinderlos verstorbenen Mannes gemeint. In Rechtstexten des alten Orients sind unterschiedliche Varianten nachzuweisen (Fischer, 2005, 49f.). Nur zwei Texte im Alten Testament beschäftigen sich damit, Dtn 25,5-9 und Gen 38. Der Rechtstext in Dtn sorgt für den Fortbestand des Namens des Verstorbenen (Fischer, 2005, 50). Dessen Besitz wird für seine Nachkommen erhalten. Im Rutbuch wird nun das Levirat nicht mehr androzentrisch verstanden und stärker als Versorgungsinstitution für eine Witwe ohne Kinder interpretiert (Fischer, 2005, 52). Boas steht offenbar in einer ferneren Verwandtschaftsverpflichtung als der namenlose Löser, der ebenfalls kein Bruder des Verstorbenen ist.

3.4.2. Lösen

Sollte ein naher Verwandter Erbbesitz z.B. wegen Überschuldung veräußern müssen, so soll es zurückgekauft werden. Ob dies bei Elimelech der Fall ist bleibt in der Erzählung unklar, denn Noomi wird als Verkäuferin genannt. Dieses Gesetz in Lev 25 hat sowohl theologische als auch sozialgeschichtliche Gründe. Land, das von Gott gegeben wurde, kann nicht beliebig verkauft werden, denn es ist nur von Gott ausgeliehen. Dauerhafte Armut wird wirksam verhindert. Drei Funktionen vereint der Löser auf sich: Erhalt des Landes, Freikauf von Menschen aus Schuldsklaverei und Blutrache (Fischer, 2005, 53). In exilisch-nachexilischer Zeit wurde Gott als „Löser“ bzw. „Er-Löser“ betrachtet. Für das Verständnis der rechtlichen Lage in Rut ist problematisch, dass in der Tora das Lösen nie mit dem Levirat verknüpft ist. Allerdings halten sich Erzähltexte nicht genau an Rechtstexte. Sie sind „halachischer Natur“ (Fischer, 2005, 55). Der archaisch anmutende Schuhritus kann pragmatisch gedeutet werden: Ein Schuh ist verfügbar, ein Kleidungsstück ist nicht entbehrlich (Rotzoll, 1999, 417).

3.5. Migration und Fremdsein als Thema im Alten Testament

„Der Fremde ist im AT eine Art Schutzbürger in einem fremden Land oder auch an einem fremden Ort des eigenen Landes, wo er weder geboren wurde noch Grundbesitz hat und deswegen in der rechtsprechenden Versammlung am Tor weder Sitz- noch Stimmrecht hat“ (Fischer, 2005, 57). Texte der hebräischen Bibel fordern solchen Schutz immer wieder ein, er gehört zur Identität Israels (Dtn 26,5). Gott befreit das Volk, nachdem es in Ägypten versklavt worden war, und gibt Israel Land zum Besitz. Von diesem Geschenk soll Israel auch dem Fremdling abgeben (Dtn 26,11). Obwohl Israel als Volk begriffen wird, das erwählt und von Gott behütet ist wie sein „Augapfel“ (Dtn 32,10), kommen doch immer wieder andere Völker in den Blick, denen Gott ebenfalls Gutes tut (z.B. die Bewohner von Ninive aufgrund ihrer Umkehr, vgl. Jona). Die Völker sind generell miteinander verwandt, wie die Urgeschichte nahelegt, auch die Bewohner des Landes Moab (Dtn 2,8f.). Das Verhältnis zwischen Israel und Moab wird häufig als angespannt verstanden (Lau, 2011, 91). Das Rutbuch betont den Ausländerstatus Ruts als Moabiterin. Ihre fremde Herkunft wird in der Erzählung ausdrücklich thematisiert. Sie bedeutet auch, einem Volk anzugehören, deren Frauen Israeliten zu Unzucht und Abfall von Gott verführen (Num 25,1-5). Im Dtn heißt es, Moabiter dürften bis in die zehnte Generation nicht in die Gemeinde Israels aufgenommen werden, „weil sie euch nicht entgegenkamen mit Brot und Wasser auf dem Wege, als ihr aus Ägypten zogt. Vielmehr haben gegen dich den Bileam gedungen … dass er dich verfluchen sollte“ (Dtn 23,4f.). Das Rutbuch verkehrt sowohl diese Vorschrift als auch ihre Begründung ins Gegenteil, da die hungernde Familie aus Juda in Moab aufgenommen und genährt wird und schließlich auch in Bethlehem die Frau aus Moab, Rut, die Versorgung der hungernden Witwe übernimmt. Statt Fluch dominiert der Segen. Insgesamt lässt sich sagen, dass das Rutbuch gegen den Ausschluss von Fremden nach Dtn 23 und Neh 13 anschreibt und „für eine differenzierende Beurteilung der Aufnahmekriterien für fremde Frauen und der Mischehen mit ihnen“ (Fischer, 2005, 63) plädiert; ethnische Kriterien werden zugunsten ethischer entwertet.

3.6. Wirkungsgeschichte

Im Neuen Testament wird Rut als Mutter im Stammbaum Jesu erwähnt (Mt 1,5f.) und Bethlehem als Ort, aus dem der Erlöser kommt (Mt 2,5f.). Im Tanach gehört Rut zu den Schriften und wird als Festrolle dem Erntefest Schawuot/Pfingsten zugeordnet, an dem auch die Gabe der Tora gefeiert wird. In der Lutherbibel befindet es sich zwischen Richter und 1. Sam. Christliche Theologen im Mittelalter erblicken in Rut einen Typus der Mutter Jesu.

Das Rut-Thema wurde in christlicher Kunst wie z.B. Buchmalereien verarbeitet, auch musikalisch in Oratorien von J. F. Le Sueur (1811) und C. Franck (Scharbert, 1994, 9). V. Hugo verfasste ein Gedicht („Booz endormi“, Hugo, 1859-1883), F. Slaughter einen Roman und L. Kolakowski eine Erzählung (Fischer, 2005, 111f.). Der Film „grüne Tomaten“, der von der Lebensgemeinschaft zweier Frauen handelt, greift in einer Schlüsselszene auf den Schwur Ruts Noomi gegenüber zurück.

Gemeinden und Frauengruppen rezipieren das Buch, da ihm bis heute Kraft für die Interpretation der Lebensrealität der Menschen zugeschrieben wird. Das Treueversprechen Ruts (1,16) wird bei Trauungen auf den Kontext der Ehe übertragen. Im neuen Lektionar für den evangelischen Gottesdienst ist Rut 1,1-9 für den 3. Sonntag nach Epiphanias vorgesehen; 1,14-17 außerdem für das Thema „Liebe“, ebenso 3,1-18 (Jahn, o.J.).

4. Didaktische Überlegungen

Das Buch Rut ist Bestandteil von Lehrplänen für den Religionsunterricht vorwiegend in der Grundschule und in Sek I. Unterrichtsentwürfe werden auch für die Sek II publiziert.

4.1. Kindergottesdienst und Religionsunterricht in der Primarstufe

Rut war im Rahmenplan für den Kindergottesdienst 2017 vorgesehen. Ein Entwurf thematisiert „Fremdsein" und „Ankommen" an je einem Sonntag, Rut 3-4 am dritten (Hitzelberger, 2017). Zur Vertiefung des Themas kann mit Bilderbüchern gearbeitet werden (Boje/Birck, 2016; Kobald/Blackwood, 2015). Zu dem zweisprachigen Buch (arabisch/deutsch) von Boje/Birck liegt ein Kindergottesdienstentwurf vor (Straub/Lichtenberger, 2017). Von Kees de Kort wird die Geschichte in einfachen Worten erzählt und eindrücklich bebildert (Kort, 1991). Die Erzählung in der Gütersloher Erzählbibel spricht ältere Kinder an. Der Segen im Trennungsdialog ist ausführlich, das Problem der Armut wird realistisch gesehen, die Schlussgenealogie fällt weg (Klöpper/Schiffner, 2008, 228-232).

Während die Behandlung des Buches Rut im Lehrplan für Evangelische Religion des Landes Niedersachsen von 1984 noch fakultativ vorgesehen war (Fricke, 2005, 562), ist es im seit 2006 gültigen Kerncurriculum nicht mehr enthalten (Niedersächsisches Kultusministerium, 2006). Im Grundschullehrplan des Saarlandes blieb das Thema „Rut und Noomi“ auch nach der Umstellung auf die Kompetenzorientierung erhalten (Ministerium für Bildung und Kultur Saarland, 2014). Dort wird die Beschäftigung mit den Erzählungen von Rut und Noomi damit begründet, dass diese „zu einem gemeinsamen kulturellen Erbe [gehören], das sich Schülerinnen und Schüler elementar und durch Lebensbezüge auf ihre Welt aneignen“ (Ministerium für Bildung und Kultur Saarland, 2014, 9). Eine weitere Begründung liegt in der Absicht, „darauf zu achten, dass Jungen wie Mädchen gleichermaßen Identifikationspersonen ihres Geschlechtes kennen lernen“ (Ministerium für Bildung und Kultur Saarland, 2014, 9). Die Unterrichtseinheit im 3-4 Jahrgang ist überschrieben mit „Zwei mutige Frauen“ und „Menschen verlassen ihre Heimat“ (Ministerium für Bildung und Kultur Saarland, 2014, 11). Nicht die Ganzschrift, sondern ausgewählte Passagen sind Textgrundlage.

Laut dem Entwurf von Jürgens für die 2. Klasse können Schülerinnen und Schüler an der Figur Rut „lernen, dass mutiges Handeln Vertrauen schaffen und zur Verbesserung der Verhältnisse führen kann. Ebenso ist exemplarisch zu lernen, dass sich Vertrauen auf den einen Gott, der sich manchmal auch im Verborgenen zeigt, lohnt“ (Jürgens, 2011, 71). Der Entwurf (7 Stunden) nimmt die Kinder mit in die Entscheidung Ruts. Sie können die Bedeutung der Freundschaft und Verbundenheit zwischen Rut und Noomi nachvollziehen. Durch Erzählung und Bodenbild wird die Geschichte nahegebracht; Lieder, Unterrichtsgespräche und Einzelarbeit aktivieren die Schüler.

In der „Grundschulbibel" wird Rut 1-4 (Wiemer, 2016, 84-88) gestrafft und vereinfacht nacherzählt. Z.B. heißt es im Dialog Kapitel 1: „Deine Worte machen mir Mut“ (Wiemer, 2016, 86). Kulturelle Besonderheiten sind geglättet. So wirft sich Rut nicht vor Boas zur Erde, sondern bedankt sich nur verbal. Der Begriff „Löser“ ist ersetzt durch „verwandt“. Die Kürzung bei den Segensworten sorgt für die Reduktion auf abstraktere Formeln wie „Gott segne dich!“ (Wiemer, 2016, 87). Die Genealogie (4,18-22) entfällt ebenso wie der Verweis auf die Mütter Rahel und Lea sowie Tamar (4,11f.). Insgesamt fällt auf, dass der Fokus des Erzählens auf der Figur der Rut liegt, das Schicksal der Noomi tritt etwas zurück. Die Rolle der Frauen verliert geringfügig an Bedeutung.

Die Arbeitshilfe von Puzberg (6 Stunden) enthält eine Einführung, Verlaufspläne, ausgearbeitete Erzählungen, Bilder (Folien), Lieder mit Noten und AV-Medien (Lieder und Hörszenen) auf CD-ROM. Rut spricht Kinder an, da das Buch nach Identität fragt und ein Lernen in Bezügen eröffnet. Die Geschichte „zeigt wesentliche Züge der gegenseitigen Verantwortung in Freundschaft, Familie, eigenem Volk und zwischen den Völkern auf und weist auf Hoffnung und Vertrauen hin, die aus dem Glauben an den erlösenden Gott erwachsen“ (Puzberg, 2006, 4). Methodisch zentral sind Lehrererzählungen, Bildbetrachtungen, Stationenarbeit und selbstorganisierte Arbeitsgruppen. Unterrichtsbegleitend verfassen die Kinder Tagebücher von Rut und Noomi, alternativ ein persönliches.

4.2. Religionsunterricht in der Sekundarstufe und Jugendarbeit

4.2.1. Sekundarstufe

Untersucht wurden exemplarisch die Lehrpläne (→ Lehrplan) für evangelische Religion. Im bayerischen LehrplanPlus ist Rut für die 5. Klasse Mittelschule vorgesehen (in der Realschule kommt Ester statt Rut, im Gymnasium fehlt beides). Im Lernbereich „Gott begleitet auf dem Lebensweg“ wird vorgeschlagen, anhand des Lebensbildes der Rut, sich mit Erfahrungen in Umbruchssituationen zu beschäftigen (Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München, 2016).

In dem mit 20 Unterrichtsstunden angesetzten Lernbereich 1 „Die Botschaft der Bibel“ in Jahrgang 7 (Sächsisches Staatsministerium für Kultus, 2004/2009) entfallen zwei der fünf Kompetenzerwartungen auf das Buch Rut: „Einblick gewinnen in die Situation der Frauen in Israel zur Zeit des Alten Testaments am Beispiel des Buches Rut“ und „Sich zum Handeln Ruts positionieren und Konsequenzen für das eigene Leben ziehen“ (Sächsisches Staatsministerium für Kultus, 2004/2009, 24). Die Frauen des Buches Rut geben Anlass, sich zur Situation der Witwen und Waisen im alten Israel zu informieren. Rut wird als Figur eingeführt, die mehrere Rollen in sich vereint (Ausländerin, Liebende, emanzipierte Frau) und dabei Vorbild ist, so dass durch die Beschäftigung mit ihr ein Zugewinn an Sozialkompetenz zu erwarten sei. Außerdem werde die Methodenkompetenz gestärkt, indem Situationen des Lebenswegs der Rut mit kreativer Arbeit erschlossen werden (Interview, Rollenspiel, mediale Präsentation, Bilder, → Kreatives Schreiben). Offen bleibt, welche Themen des Buches Rut als vermittelbar mit der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler angesehen werden. Die genannten Rollen Ruts können nicht für alle Schülerinnen ein Identifikationsangebot darstellen. Unklar ist, ob die Aufforderung, sich zu positionieren, an einer bestimmten Szene des Buches Rut festgemacht wird, und an welche Konsequenzen im Leben Jugendlicher angesichts der Rut-Erzählung zu denken ist. Implizit geht der Lehrplan mit Einschränkungen von der Beschäftigung mit der Ganzschrift aus.

Da das Buch Rut im Unterricht gut als Ganzschrift eingesetzt werden kann, vor allem in der Sekundarstufe, bietet es die besondere Chance, einen Bibeltext im Zusammenhang und nicht nur als kleinen Ausschnitt eines größeren Ganzen kennenzulernen (Dern, 2013; Steinkühler, 2007).

Für die 9. Jahrgangsstufe legt Schröder einen Entwurf (9 Stunden) vor, der Lernchancen für „diversitätssensiblen Religionsunterricht" aufzeigt. Dabei wird deutlich, dass auch im konfessionellen Unterricht den Schülerinnen und Schülern Raum geboten werden kann für individuelle, erfahrungsbasierte Weltdeutungen. Jugendliche denken anhand der Rutgeschichte darüber nach, was Heimat und Fremdsein ausmachen (Schröder, 2012). Ergänzend weist Mohagheghi auf den Bezug zum Koran hin: Man soll sich nach Sure 2,177 derer annehmen, die keinen familiären Bezug haben (Büchner, 2013, 330).

In Rheinland-Pfalz wird das Buch Rut im Lehrplan der Oberstufe im Themenbereich „C. Bibel“ als Beispiel eingeführt, anhand dessen der hermeneutische Zirkel kennengelernt und angewendet werden kann (Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur Rheinland-Pfalz, 70f.).

4.2.2. Rut in der Gemeindepädagogik: Jugendarbeit und Erwachsenenbildung

Da das Rutbuch durch die reichen intertextuellen Verbindungen zu einer Spurensuche in der Bibel anregt, ist eine Beschäftigung damit sowohl in der Jugendarbeit als auch in der Erwachsenenbildung etwa in einer Veranstaltungsreihe und in gemeindlichen Bibelgruppen denkbar. Weitere Bibeltexte sprechen von der Suche nach Heimat, vom Umgang mit Fremden, von Frauenschicksalen und vom gütigen Handeln Gottes.

Für die Bearbeitung von interkulturellen Fragestellungen und die Begleitung der ehrenamtlichen Arbeit mit Migrantinnen und Migranten in den Gemeinden bietet das Rutbuch zahlreiche Anknüpfungspunkte. Die Thematisierung der Qualität familiärer und intergenerationeller Beziehungen kann vom Rutbuch wertvolle Impulse erhalten. Insbesondere das Moment der freiwilligen Bindung und Fürsorge von Rut gegenüber Noomi bringt neue Aspekte in die heutige Situation mit ihrer Vielfalt von Lebensformen.

4.3. Methoden und Material für den Unterricht

Die folgende Auflistung bietet eine Fundgrube aus Publikationen und eigenen Vorschlägen. Die Methoden lassen sich der Jahrgangsstufe anpassen.

4.3.1. Methoden

Bibeldidaktische Methoden zur Texterschließung:

  • Freie Erzählung mit Bodenbild (→ Bodenbilder): z.B. die Länder Moab und Juda, das Haus Noomis und das Feld durch verschiedenfarbige Tücher markieren, ein schwarzes Tuch als Symbol für die Hungersnot; je älter die Kinder/Jugendlichen, desto abstrakter die Personendarstellung (z.B. Holzfiguren);
  • „Text-Auslegung“: Die drei wichtigsten Worte der Erzählung auf Moderationskarten schreiben und auslegen; Gespräch anhand der Begriffe;
  • „Heimatbilder“: Aus einer Sammlung von Bildern und Gedichten etwas zum Thema „Heimat“ auswählen; von eigenen Vorstellungen von Heimat sprechen;
  • Anhand der Trennungsszene auf einem Gemälde z.B. von William Blake „Ruth parting from Naomi“ (1775) sich in die Gefühle von Rut und Noomi hineinversetzen, einen freien Text dazu schreiben;
  • Die Gefühle der Bitterkeit von Noomi/Mara mit Klanginstrumenten darstellen, z.B. einen trockenen Rhythmus klopfen. Ein Instrument auswählen, das die Beziehung zu Rut symbolisiert und mit dem trockenen Rhythmus eine weiche, lebhafte Melodie kombinieren;
  • „Was glaubst du?“ – Interview: Die Judäer glauben an einen Gott, die Moabiter an viele. Suche zuhause oder in der Schule einen Gesprächspartner, der eine andere Religion hat als du. Lass dir erzählen, was er glaubt und wie das sein Leben beeinflusst! Schreibe es anonym auf und stelle es in der Klasse vor!
  • Aus einer Sammlung von Bildern von Ausgrenzungssituationen etwas zum Thema „Fremdsein“ auswählen; eine Geschichte dazu schreiben;
  • Rollenspiel „Die Fremde“: Versetze dich in die Arbeiterinnen von Boas. Sie sehen Rut. Diese Frau haben sie in Bethlehem noch nie gesehen. Was die hier will? Was sagen die Arbeiterinnen wohl zueinander?
  • Gebetsplakat: Du bist Rut und fremd im Land. Du weißt nicht, wie es weitergeht und wovon du leben wirst. Was könntest du Gott bitten? Schreibe das Gebet der Rut auf (Einzelarbeit); Finde ein Schlüsselwort in deinem Gebet und trage es auf einem gemeinsamen Gebetsplakat ein (Gruppenarbeit); Verziert das Plakat mit Szenen und Symbolen aus der bisher erzählten Geschichte! Findet eine Überschrift! Präsentation im Plenum;
  • Schreibe ein Elfchen, Akrostichon oder Rondellgedicht zum Thema „Fremdsein“! (→ Kreatives Schreiben)
  • Körpergesten und -haltungen finden:
  • Für Jüngere: Haltungen und Gesten, die ausdrücken, was Freunde für einen tun können; Zuschauer sammeln Eindrücke und notieren die Begriffe an der Tafel;
  • Für Ältere: Aus der Geschichte eine Szene auswählen und in Partnerarbeit die in der Szene beteiligten Personen eine Geste machen lassen, anschließend in einer Haltung einfrieren; die Szenen hintereinander bauen und als Körpertheater aufführen;

  • Noomi, Rut und Boas als Patchworkfamilie oder interkulturelle Familie: Sucht Beispiele aus Büchern oder Popmusik, die etwas von einer guten Gestaltung, bzw. intensiven Erfahrung von Familienbeziehungen zeigen (z.B. Bushido, Oma Lise; die Ersatzfamilie Weasley für Harry Potter); Eigene Erfahrungen teilen;

  • Fest- und Feierelemente, die die Fröhlichkeit bei der Geburt Obeds nachempfinden; singen, tanzen (Vorschläge siehe unten), Glücks- und Segenswünsche formulieren.

  • Dialog-Rollenspiel: Ein Jahr nach der Geburt von Obed treffen sich Rut und Noomi und erinnern sich. Was erzählen sie sich? Erfinde einen Dialog, schreibe ihn auf oder übe ihn als Theaterszene ein!

  • Bibliolog: eine zeitlich begrenzbare Methode, die Distanzierungsmöglichkeiten für die Schülerinnen und Schüler enthält (Pohl-Patalong, 2010). Aus der Sicht einer biblischen Figur werden Gedanken und Gefühle geäußert (z.B. L: Du bist Boas. Was geht dir durch den Kopf, als du die schlafende Rut entdeckst? SuS: Ich …).

4.3.2. Material

Unterrichtsmaterial wird benötigt, um die oben beschriebenen Methoden durchführen zu können, z.B. Tücher, Bilder, Texte. Gemälde zum Rutbuch finden sich im Internet gesammelt auf folgender Seite: http://www.chretiensaujourdhui.com/livres-et-textes-et-personnages/livre-de-ruth/.

1) Freiarbeit (Sekundarstufe II)

Für eine Freiarbeit zum Rutbuch wird eine Lernumgebung gestaltet, in der entsprechendes Material zugänglich ist. Beispielsweise kann die Frage nach der Situation von Frauen, wie sie im Buch Rut erzählt wird in Freiarbeit bearbeitet werden:

2) Lieder und Tänze (Primarstufe, Sekundarstufe I)

Lieder tragen dazu bei, die Klasse zu sammeln und einen gemeinsamen Ton zu finden. Wenige Lieder greifen die Erzählung konkret auf. Weitere geeignete Lieder thematisieren Gottes Begleitung und das Vertrauen des Menschen in Gottes Fürsorge (in Kursivdruck die wichtigsten). Tänze (→ Tanz) nach gemeinsamen Schritten oder freie Bewegung feiern das Leben, das im Rutbuch stärker ist als die Bedrohungen:

  • Wo du hingehst, gehe ich mit (Kanon) (Hartenstein/Mohr, Liederbuch für die Jugend, 1995 = LJ 442);
  • Aus Gottes guten Händen (LJ 478);
  • Damit aus Fremden Freunde werden (Rolf Schweizer, LJ 482);
  • Hoffen wider alle Hoffnung (Horn/Nagel, Kinder-Kirchen-Hits, 2008 = KKH 37);
  • Kindermutmachlied (LJ 624);
  • Halte zu mir, guter Gott (mit Bewegungen) (Puzberg, 2006, 41);
  • Auf dem Weg nach Bethlehem sprach Rut (Puzberg, 2006, 42);
  • Zeigt einer dem andern (Puzberg, 2006, 43);
  • Wo ich gehe, wo ich stehe (Puzberg, 2006, 43);
  • Zieh dein Tuch fester zu, schöne Rut (Puzberg, 2006, 45);
  • Das mit der Rut ist gut (Puzberg, 2006, 46).

Tanzmusik und -anleitungen:

  • Thank you, Lord – Danktanz (Jestädt, 2013, 100f.);
  • Le Basque (Gessner, o.J., Heft 3, 4).

4.4. Zusammenfassung

Das Buch Rut verdient noch weit stärkere Beachtung in schulischen Lehrplänen und in der Gemeindepädagogik (→ Gemeinde/Gemeindepädagogik). Mit seinen Themen → Migration, Armut und Suche nach einem guten Ort zum Leben, sowie seiner lebensweltlich zentralen Frage nach tragenden Familien- und Freundschaftsbeziehungen ist das Buch aktuell. Es hat die Chance, anhand von Ruts Transformation ihrer Identität den eigenen Weg zu bedenken, sowie die Möglichkeit, nach den Rechten und Chancen von Frauen bzw. Migrantinnen damals wie heute zu fragen. Darum ist dieses, gut als biblische Ganzschrift zu rezipierende Buch wert, dass es in religiösen Lernprozessen noch weit mehr Verwendung findet.

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