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Lexikon

Quellenbearbeitung

Klaus König

(erstellt: Jan. 2015)

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Digital Object Identifier: https://doi.org/10.23768/wirelex.Quellenbearbeitung.100004

1. Notwendigkeit einer methodischen Regulierung der Arbeit mit Quellen

Quellen sind – häufig sprachliche – Zeichen einer ehemals gegenwärtigen Lebenswirklichkeit, die heute noch vorhanden und zugänglich sind. Sie bilden Zeugnisse vergangener Sinn-, Handlungs- und Wirkungszusammenhänge und sind aus ihnen hervorgegangen. Wer gegenwärtig mit Zeugnissen der Vergangenheit arbeitet, muss den umgekehrten Weg gehen: Aus den vorhandenen Zeichen sind über regulierte Verfahren vergangene Zusammenhänge zu (re)konstruieren.

Der Wirklichkeitsbereich → religiöse Bildung und Erziehung lässt sich in einer Vielzahl von Quellen ausfindig machen, die diesen Bereich von unterschiedlichen Perspektiven her bearbeiten. Quellen zur Theorie und Praxis → religiöser Bildung stehen neben biografischen und sozialen Wirkungsgeschichten, die wiederum eingebunden sind z.B. in schulische, theologische, kirchliche oder politische Diskurse. Die Vielzahl und Vielfalt möglicher Quellen erhalten Bedeutung, wenn ein gegenwärtiges Erkenntnisinteresse an sie herangetragen wird. Geschichte entsteht aus der Balance von gegenwärtigem Erkenntnisinteresse und dem Eigenwert der herangezogenen Quellen. Ohne einen Fragehorizont bleiben Quellen sprachlos, ohne Quellen bleibt die Frage substanzlos. Diese Balance wird durch methodische Regularien erreicht, die überprüfbar sein müssen und ihren wichtigsten Bezug in der historischen Wissenschaft haben.

2. Die Regularien der Arbeit mit Quellen

Die Regularien der Quellenarbeit stammen aus dem Historismus und lassen sich als drei unterscheidbare Prozesse beschreiben – Heuristik, Kritik und Interpretation. Als Prozesse sind sie zunächst formaler Natur. Erst wenn sie sich mit inhaltlichen Kategorien verbinden, bilden sie ein Arbeitsinstrument, das Richtungen der Quellenarbeit vorgibt. Die klassischen Kategorien sind hermeneutisch und analytisch konfiguriert, sie werden hier durch eine diskursanalytische Variante ergänzt.

2.1. Heuristik: Fragen stellen

„Heuristik ist die methodische Operation der Forschung, die intersubjektiv prüfbar historische Fragen auf empirische Bekundungen der Vergangenheit bezieht, zur Beantwortung der Fragen relevante Quellenbestände sammelt, sichtet und klassifiziert und den Informationsgehalt der Quellen abschätzt“ (Rüsen, 1986, 102). Der erste Schritt eröffnet die Quellenbearbeitung, indem das Erkenntnisinteresse offengelegt wird. Das Erkenntnisinteresse selbst berücksichtigt den erreichten Forschungsstand und überprüft, welche Erfahrungen, Situationen oder Theoriekonzepte der Gegenwart zu bislang zu wenig oder nicht gestellten Fragen führen. Erst dann lässt sich bestimmen, welche Quellen für die Bearbeitung der Fragen geeignet sind.

Hermeneutisch ( Hermeneutik) wird die Heuristik, wenn sie auf ein gegenwärtiges Verstehen von Befunden aus der Vergangenheit abzielt. Verstehen meint das „Erfassen und Begreifen“ (Haussmann, 1991, 146) von Zeugnissen der Vergangenheit innerhalb und für einen gegenwärtigen Kontext. Eine These, Vermutung, ein gewonnenes Vorverständnis soll durch geeignete Quellen so bearbeitet werden, dass der zu erhebende Sinn der Quellen auf die These oder das Vorverständnis zurückwirkt.

Soll z.B. die religionspädagogische Konzeption ( Religionspädagogik; Fachdidaktische Konzeptionen) eines Autors oder einer Autorin aus der Vergangenheit unter einem bestimmten Fragehorizont verstanden werden, wird gegebenenfalls nach ihrem theologischen Standort ( Theologie), ihrer pädagogischen Zielsetzung ( Pädagogik) oder ihrem Bild der Lernenden gefragt und entsprechend nach Quellen gesucht.

Eine analytisch geprägte Heuristik akzentuiert strukturelle Hintergründe und Determinanten einer Vergangenheit. Sie richtet das Erkenntnisinteresse auf die Klärung von Umständen und Verhältnissen, auf die z.B. eine religionspädagogische Konzeption reagiert. Welche Auswirkungen auf religionspädagogisches Denken haben etwa die Entstehung, die Blütezeit oder das Ende konfessioneller Milieus ( Milieu und Religion)? Dabei kommen eher Quellen in den Blick, die vor oder neben der eigentlichen Darstellung einer religionspädagogischen Konzeption liegen.

Die Diskursanalyse will ergründen, wie durch kommunikative Prozesse Wissen und Wirklichkeit hergestellt werden. Historisch geht sie davon aus, dass diese Konstruktion durch den Gebrauch von Sprache erfolgt, der in Texten der Vergangenheit vorliegt. Wer die Frage stellt, „was in einer bestimmten historischen Situation als gegebene Wirklichkeit hingenommen wird“ (Landwehr, 2008, 22) und dies z.B. über Sprachverwendung in Quellen erarbeiten will, findet in der Diskursanalyse ein entsprechendes Instrumentarium. Religionspädagogisch kann dies bedeuten, zentrale Begriffe in einem vergangenen (kirchen-)politischen, wissenschaftlichen oder unterrichtspraktischen Diskurs so zu untersuchen, dass ihre semantische oder normierende Prägekraft deutlich wird. Der Frage gemäß folgt die Korpusbildung der Quellen.

2.2. Kritik: Quellengehalt untersuchen

Die Quellenkritik untersucht den Bezug zur empirischen Wirklichkeit, der durch eine Quelle auf eigene Weise präsentiert wird. Sie analysiert, welche Tatsachen, Begebenheiten, Argumente oder Erfahrungen in der Quelle zum Ausdruck kommen. Dabei ist es irrig zu meinen, eine Quelle müsse nur von subjektiven Einschätzungen der Autoren, von gattungsbestimmten Eigenheiten und verzerrenden Intentionen gereinigt werden, um zur objektiven Wirklichkeit einer Vergangenheit vorzustoßen. Dem steht sowohl das gegenwärtige Erkenntnisinteresse entgegen als auch die Tatsache, dass eine Quelle nur aus ihrer offenen oder verdeckten Wirkungsgeschichte heraus analysiert werden kann. Quellenkritik kann aber zu einer Plausibilität dessen beitragen, was die Quelle an Information beinhaltet. Die Frage nach ihrer inneren Stimmigkeit, ihren zeitgenössischen Absichten und der Vergleich mit anderen Zeugnissen der Vergangenheit können den Tatsächlichkeitsgehalt einer Quelle für die Erarbeitung von Geschichte plausibel machen.

Kritik ist hermeneutisch ( Hermeneutik), wenn sie vom Text her nach der Situation der Autoren, dem Schreibanlass und gewünschten Wirkungen fragt. Durch diese primär personale Kontextualisierung der Quellen versucht die hermeneutische Kritik Verstehensschwierigkeiten, die sich aus ihrer zeitlich bedingten Andersartigkeit ergeben, zu beheben. Dies kann gelingen, weil unmittelbare, situative Kontexte den Quellentext durch Tatsachen anreichern, ohne die die Quelle nicht entstanden wäre und die für ihren Gehalt mitverantwortlich sind. Biografische oder wissenschaftliche Hintergründe der Urheber heranziehen, Begriffe in ihrem zeitgenössischen Zusammenhang klären und Argumentationslinien nachziehen sind nur einige Operationen, um Sinnpotenziale von Quellen hermeneutisch zu erheben.

Die analytische Variante will den Tatsächlichkeitsgehalt einer Quelle so bestimmen, dass sich in ihr Allgemeines widerspiegelt. Die Singularität der inhaltlichen Darstellung wird für eine Theoriefähigkeit sichtbar gemacht, „sie verschwindet zugunsten einer Repräsentativität für Vorgänge einer höheren Allgemeinheitsstufe“ (Rüsen, 1986, 132). Eine Quelle, die eine Katechese ( Katechese/Katechetik) schildert, wird durch abstrahierende Operationen zum Exempel einer religionspädagogischen Konzeption, eine zeitgenössische Erwiderung auf eine vergangene Bibeldidaktik ( Bibeldidaktik, Grundfragen) steht für kirchenpolitische Absichten, die in der Quelle nicht explizit genannt, aber analytisch erhoben werden.

Die Modi einer diskursanalytischen Kritik sind an linguistischen Operationen orientiert. Es werden sprachliche Merkmale des Quellenkorpus' untersucht. Auf der Makroebene kommt der Sprach- und Darstellungsstil in den Blick, die Mikroanalyse betrifft syntaktische Eigenarten, lexikalisch-semantische Wortverwendungen und pragmatische Hinweise. Den Bezug zum historischen Charakter der Quellen stellt eine Kontextuntersuchung sicher, die mediale, institutionelle und zeitgenössische Zusammenhänge der Quellenproduktion und -rezeption erhebt. Dabei werden die sprachlichen Zeichen als aufeinander bezogene und sich wechselseitig ergänzende Elemente eines Diskurses behandelt, der durch sie geprägt ist (vgl. Landwehr, 2008, 100-131).

2.3. Interpretation: Quellen einordnen

Interpretation verknüpft den kritisch erhobenen Gehalt von Quellen zu historischen Zusammenhängen. Sie transformiert die heuristischen Annahmen mit Hilfe der informationshaltigen Substanz der Quellenkritik zu Geschichte(n), die sich in ihrer Grundlage und Kohärenz überprüfbar darstellen lassen. Auf diese Weise entstehen Bilder, Erzählungen und Theorien über die Vergangenheit, die gegenwärtige Orientierungsbedürfnisse mit einem plausiblen und möglichst hohen Tatsachengehalt des Vergangenen konfrontieren. Die Quellen erhalten durch die Einbindung in Vorstellungen zeitlicher Veränderung ihre Bedeutung, die Vorstellungen selbst werden durch den Gehalt der Quellen empirisch ( Empirie) geerdet. Maßgeblich für die Stimmigkeit der Interpretation kann nicht die Frage sein, ob dies von den Akteuren aus der Vergangenheit schon so gesehen worden ist. Sie ist vielmehr dann gegeben, wenn Veränderungen im Laufe eines Zeitraums versteh- oder erklärbar werden.

Eine hermeneutische Ausrichtung erfährt die Interpretation, wenn sie eine Entwicklung von Handlungen oder Deutungen aus der Intention und der Situation der Handlungs- und Deutungsverantwortlichen verständlich macht. Die Interpretation konzentriert sich auf die Motivation, den inneren Antrieb und die Kompetenz von Menschen, die für eine Veränderung verantwortlich sind. Religionspädagogisch bedeutet dies etwa die Frage, wie die Inanspruchnahme von Religion, Christlichem, Theologie o.Ä. durch Personen so interpretiert werden kann, dass sie zu einer veränderten Konzeption → religiöser Bildung führt.

Richtet sich die Interpretation des Quellengehalts auf Veränderungen von Konstellationen, die Bedingungen menschlicher Deute- und Lebenspraxis betreffen, besitzt sie einen analytischen Charakter. Die Umstände werden in theoretische Konstrukte eingeordnet, in denen Einzelelemente ihren Bezug zu einer übergeordneten Zeitverlaufsvorstellung erhalten. So kann die Abfolge religionspädagogischer Konzeptionen im 20. Jahrhundert als Teil und Ausdifferenzierung eines schulischen und/oder kirchlichen Modernisierungsprozesses gedeutet werden, biografische Schilderungen religiöser Bildungserlebnisse lassen sich als Element von historischen Entwicklungsbedingungen personaler Identität erklären.

Wird ein historischer Diskurs als eine Menge von diachron angelegten Aussagen und Praktiken, die einen Sachverhalt konstituieren, definiert, kommt es nach der Einzelanalyse der Quellen darauf an, Linien durch das gesamte Quellenkorpus zu ziehen. Dann wird als ein Akt der Interpretation sichtbar, welche Merkmale den historischen Diskurs prägen, welche sich verändern oder wegfallen. Im Fall eines religionspädagogischen Wissenschaftsdiskurses kann u.a. die deutende Linie des Religionsbegriffs in einem konzeptionell orientierten Quellenkorpus zeigen, wie Religion in Lernprozessen verschiedener Zeiten konstituiert werden soll.

Literaturverzeichnis

  • Haussmann, Thomas, Erklären und Verstehen. Zur Theorie und Pragmatik der Geschichtswissenschaft, Frankfurt a.M. 1991.
  • Käbisch, David, Erfahrungsbezogener Religionsunterricht. Eine religionspädagogische Programmformel in historischer und systematischer Perspektive, Tübingen 2009.
  • Kropač, Ulrich, Religionspädagogik und Offenbarung. Anfänge einer wissenschaftlichen Religionspädagogik im Spannungsfeld von pädagogischer Innovation und offenbarungstheologischer Position, Berlin 2006.
  • Landwehr, Achim, Historische Diskursanalyse, Frankfurt a.M. 2008.
  • Meran, Josef, Theorien der Geschichtswissenschaft. Die Diskussion über die Wissenschaftlichkeit der Geschichte, Göttingen 1985.
  • Paul, Eugen, Geschichte der christlichen Erziehung, Bd. 1 und 2, Freiburg i.Br. 1993/1995.
  • Pfister, Stefanie/Wermke, Michael (Hg.), Religiöse Bildung als Gegenstand historischer Forschung, Leipzig 2013.
  • Roggenkamp-Kaufmann, Antje/Wermke, Michael (Hg.), Religiöse Sozialisation, Erziehung und Bildung in historischer Perspektive, Leipzig 2014.
  • Rüsen, Jörn, Rekonstruktion der Vergangenheit. Grundzüge einer Historik II: Die Prinzipien der historischen Forschung, Göttingen 1986.
  • Schweitzer, Friedrich, Die Religion des Kindes. Zur Problemgeschichte einer religionspädagogischen Grundfrage, Gütersloh 1992.
  • Simon, Werner, Im Horizont der Geschichte. Religionspädagogische Studien zur Geschichte der religiösen Bildung und Erziehung, Münster 2001.

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