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Lexikon

Qualitative Sozialforschung in der Religionspädagogik

1.Einführung

Qualitative Forschungsmethoden haben für die Forschung in der → Religionspädagogik eine große Bedeutung erlangt. Sie vermögen Zugänge zu schaffen zum Wahrnehmen, Erfahren, Deuten und Handeln, und damit auch zu Aneignungs- und Verarbeitungsprozessen in ihren komplexen lebensgeschichtlichen und sozialen Zusammenhängen. Sie eröffnen einen geeigneten methodischen Zugang zu Bildungsprozessen. Die Religionspädagogik ist bestrebt, die Interaktion zwischen Lehren und Lernen wahrzunehmen, zu reflektieren und sie neu zu orientieren. In der pädagogischen Praxis geschieht dies sowohl intuitiv als auch in praxisbezogener Alltagsreflexion. Die wissenschaftliche Forschung hat die Aufgabe, diese Prozesse methodisch kontrolliert zu erheben, zu reflektieren und Konzepte für die Unterstützung der Praxis zu entwickeln. Aus der Sozialforschung steht ihr dazu eine große Bandbreite an Methoden zur Verfügung. Grundsätzlich wird zwischen quantitativen und qualitativen Methoden unterschieden. Quantitative Methoden eignen sich, um die Verbreitung von Phänomenen oder die Verteilung von Merkmalen zu untersuchen. Die qualitative Forschung ist stärker explorativ angelegt. Sie eignet sich, um gerade auch unbekannte, noch kaum erforschte oder weniger verbreitete Phänomene zu entdecken und in ihren komplexen Zusammenhängen zu erforschen. Sie ist hypothesengenerierend auf Fremdverstehen ausgelegt und vermag Deutungs- und Sinnstrukturen anderer in ihrem lebensgeschichtlichen und sozialen Kontext zu erschließen. Aus diesem Grund sind qualitative Forschungsmethoden gerade auch für die Religionspädagogik von Bedeutung.

2.Grundannahmen

Die qualitative Sozialforschung geht von einer theoretischen Basis aus, die mit verschiedenen Grundannahmen über die soziale Welt verbunden ist. Ihre Wurzeln hat sie in der Sozialphänomenologie und Wissenssoziologie, in der → Hermeneutik, im Symbolischen Interaktionismus, in der Ethnomethodologie, in der Linguistik und den Sprachwissenschaften. Hier kann nur auf einige Grundannahmen hingewiesen werden, die inzwischen zum Grundbestand der verschiedenen Ansätze der qualitativen Sozialforschung zählen.

2.1.Alltagstheorien und wissenschaftliche Theorien

Die soziale Welt ist immer schon durch eine besondere Sinn- und Relevanzstruktur konstruiert; sie ist eine interpretierte Welt (Schütz, 1971). Die Menschen haben ihre alltägliche Wirklichkeit in verschiedenen Konstruktionen geordnet. Dazu stehen ihnen sprachliche, kulturelle, soziale und biographisch erworbene Muster zur Verfügung, die sie auch mit anderen Menschen teilen. Sie haben Alltagstheorien, die ihr Denken bestimmen, an denen sie sich orientieren und nach denen sie handeln.

Die qualitative Sozialforschung sucht nach den Grundstrukturen dieser Muster. Sie rekonstruiert die Sinn- und Deutungsstrukturen, die Relevanz- und Handlungsstrukturen und die Regeln ihrer Konstitution. Dabei geht sie ähnlich vor wie jede im Alltag handelnde Person, die über ihr Handeln oder das ihrer Mitmenschen nachdenkt: Sie generiert gedankliche Konstrukte und Theorien über die gedanklichen Konstruktionen im Alltag. Alfred Schütz (1971) hat die Alltagstheorien Konstruktionen ersten Grades und die wissenschaftlichen Theorien Konstruktionen zweiten Grades genannt.

Die wissenschaftliche Theoriebildung reflektiert über ihre Voraussetzungen, legt diese offen und begründet ihre Methoden; dazu fehlen dem im Alltag handelnden Menschen die Zeit, der wissenschaftliche Diskurszusammenhang und oftmals die Voraussetzungen und das Interesse; er lebt in einem anderen Bezugs- und Relevanzsystem. Die wissenschaftlichen Theorien werden in einer reflexiven, höherprädikativen, verdichteten, wissenschaftlich-begrifflichen Sprache formuliert. Dabei können immer wieder auch alltagsweltliche Zitate eingebaut werden, die als Belege dienen, veranschaulichen oder den Text verständlicher und lebendig machen (Glaser/Strauss, 1998). Eine gute wissenschaftliche Theorie über die Sozialwelt zeichnet sich dadurch aus, dass sie „passt“ und die Strukturen der Sozialwelt adäquat erfasst.

2.2.Alltagssprache und wissenschaftliche Sprache

Die Sozialphänomenologie und Wissenssoziologie (Schütz/Luckmann, 1984; 1991) hat untersucht, wie Fremdverstehen möglich ist; die Ethnomethodologie (Garfinkel, 1981; Ethnografie) hat diese Ansätze auch auf empirischer Basis ( Empirie) weiterentwickelt. Das Ich konstruiert seine Welt von seinem leibhaftigen, örtlichen und zeitlichen Standpunkt aus. Ein anderer Mensch versteht ihn, indem er dessen Perspektive von dessen Standpunkt aus gedanklich übernimmt. Dies drückt sich auch in der indexikalen Alltagskommunikation aus. Indexikale Sprache impliziert einen komplexen Verweiszusammenhang, ohne ihn ausdrücklich zu erklären. Sie ist durch einen Bedeutungsüberschuss, eine „unausweichliche Vagheit“ gekennzeichnet. Diese Vagheit der Kommunikation setzt das Vertrauen voraus, dass die andere Person den Perspektivenwechsel vollzieht und sich darauf einlässt, auch wenn die Kommunikation gewisse Risiken des Missverständnisses birgt. Ständiges Nachfragen nach Explikation zerstört den Vertrauensvorschuss der Alltagskommunikation, wie Garfinkel (1981) auch in Experimenten eindrucksvoll nachweisen konnte.

Wissenschaftliche Kommunikation bewegt sich dagegen in einem expliziten theoretischen Kommunikationssystem, in dem die zentralen Begriffe innerhalb eines wissenschaftlichen Theorie- und Referenzrahmens definiert sind; hier wird die Vagheit nach Möglichkeit ausgeschlossen. Auf der Begrifflichkeit eines theoretischen Ansatzes kann aufgebaut werden, zugleich können die Begriffe problematisiert, diskutiert und neu definiert werden. So entsteht eine scientific community.

Die qualitative Sozialforschung expliziert die alltagsweltliche Kommunikation und führt sie in einen wissenschaftlich-expliziten sprachlichen und theoretischen Referenzrahmen über. Dies ist kaum direkt in einem „Sprung“ möglich, sondern wird methodisch normalerweise in verschiedenen Stufen wachsender Abstraktion vollzogen. Bereits die Transkription eines gesprochenen Textes oder das Aufzeichnen eines Beobachtungsprotokolls stellen einen ersten Schritt der Interpretation dar. Diese kann dicht an dem Datenmaterial beginnen und schrittweise zu einer abstrakten Theorie führen. Qualitative Sozialforschung macht so die komplexen impliziten Verweiszusammenhänge, die dem Alltagsdenken und -handeln zugrunde liegen, der wissenschaftlichen Reflexion und Diskussion zugänglich. Dabei werden die Sinnstrukturen und die biographischen und sozialen Kontexte, in denen der Mensch sich im Alltag selbstverständlich und unhinterfragt gedanklich, raum-zeitlich und sprachlich bewegt, sichtbar und benennbar; sie können kritisch reflektiert und diskutiert werden, es können Probleme identifiziert und Lösungsansätze konzeptionalisiert werden.

2.3.Prinzipien der interpretativen Sozialforschung

Aus den grundlagentheoretischen Erkenntnissen ergeben sich Konsequenzen für die Forschungspraxis. Christa Hoffmann-Riem (1980) hat diese als zwei „Prinzipen“ für die Forschungspraxis festgehalten:

(1) Das Prinzip der Offenheit: „Das Prinzip der Offenheit besagt, daß die theoretische Strukturierung des Forschungsgegenstandes zurückgestellt wird, bis sich die Strukturierung des Forschungsgegenstandes durch die Forschungssubjekte herausgebildet hat“ (Hoffmann-Riem, 1980, 343). Das bedeutet, dass die forschende Person bei der Datenerhebung ihre eigenen Fragen und Theorien zurückstellen und sich ganz auf die Menschen im Feld einlassen soll. In der Praxis ist der Forschungsprozess jedoch immer schon von vielen Ideen und Theorien der Forscherin begleitet, die hilfreich sind für die Auswertung und die Theoriebildung. Damit sie nicht zugeschüttet werden und verloren gehen, empfehlen Glaser und Strauss (1998), sie in einem Forschungstagebuch oder als Memos zu notieren, sie dann aber zurückzustellen, um der eigenen Strukturierung der befragten Person Raum zu geben. Das Prinzip der Offenheit bedeutet also nicht den Verzicht auf Vorwissen oder sein Ausblenden – was auch gar nicht möglich wäre –, sondern die bewusste Wahrnehmung und Kontrolle des eigenen Vorwissens, der eigenen Interessen, der Interviewinterventionen und der eigenen selektiven Aufmerksamkeit und das Sich-Einlassen auf die Personen im Feld.

(2) Das Prinzip der Kommunikation: „Das Prinzip der Kommunikation besagt, daß der Forscher den Zugang zu bedeutungsstrukturierten Daten im allgemeinen nur gewinnt, wenn er eine Kommunikationsbeziehung mit dem Forschungssubjekt eingeht und dabei das kommunikative Regelsystem des Forschungssubjekts in Geltung läßt“ (Hoffmann-Riem, 1980, 344). Sinn wird interaktiv hergestellt und ist deshalb an Interaktionssituationen und -medien gebunden. Erst in einer Kommunikationsbeziehung gewinnt die forschende Person Zugang zum Sinnsystem der Personen in einem Feld. In den meisten Fällen werden Daten in unmittelbarem Kontakt mit jenen erhoben, deren Welt erforscht werden soll, z.B. durch Interviews, Fragebögen oder teilnehmende Beobachtung. Die Struktur der Orientierung des eigenen Denkens und Handelns wird die befragte Person dann am besten zum Ausdruck bringen, wenn das eigene Orientierungssystem und Relevanzsystem nicht gestört, sondern aktiviert wird. Das bedeutet nicht, dass eine Störung vermieden werden könnte. Der Ethnologe Georges Devereux (1984) hat aufgezeigt, dass der Versuch der Vermeidung von Irritationen zur Verzerrung der Erkenntnis führt. Der Weg zur wissenschaftlichen Erkenntnis über soziale Zusammenhänge führt über die bewusste Wahrnehmung und Reflexion der Einflüsse in der sozialen Kommunikation.

Zu berücksichtigen sind heute zunehmend auch die technischen Medien der Kommunikation und ihre Implikationen. Am besten reflektiert wurde die Datenerhebung in der unmittelbaren Face-to-Face-Kommunikation, die die Grundform der menschlichen Kommunikation darstellt. Bei Ton- und Filmaufnahmen, Fragebogenbefragungen, Telefonbefragungen und digitalen Befragungen beeinflussen die technischen Medien der Erhebung die Ausdrucksweisen der Menschen im Feld.

Bei verdeckten Erhebungen, bei denen Daten gesammelt werden, ohne dass die Personen darüber informiert werden, wie dies in neuester Zeit beim Absaugen von Daten im Internet der Fall ist, bleibt das Orientierungssystem zwar scheinbar weitgehend intakt. Aber genau genommen beeinflusst jede Beobachtung das lebendige Subjekt (Devereux, 1984). Inzwischen stellen sich die Menschen auch darauf ein, dass sie bei ihrem Handeln im Internet beobachtet oder durch Kameras an vielen Orten unbemerkt gefilmt werden können.

2.4.Geschichtliche Entwicklungen

Die theoretischen Grundlagen der qualitativen Sozialforschung wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa und Amerika gelegt. In Amerika hat sich in den 1920er und 1930er Jahren in Chicago ein Zentrum der qualitativen Sozialforschung gebildet. Forschende der Universität erkundeten mit Feldforschungen in der expandierenden Stadt vor Ort die sozialen Fragen. In Europa hat nach einer Blüte zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Nationalsozialismus zu einem Abbruch dieser Anfänge der wissenschaftlichen Sozialforschung geführt. Viele Forschende sind nach Amerika ausgewandert, wo sich die Traditionen verbinden konnten. Ab den 1940er Jahren hat die Hegemonie der quantitativen Forschung die Entwicklung der qualitativen Forschungsansätze gebremst. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in den 1970er und 1980er Jahren zu einer neuen Blüte der theoretischen Grundlegung qualitativer Forschung und der Ausarbeitung von Methoden und Vorgehensweisen. Seit den 1990er Jahren entstehen vermehrt Handbücher und Überblickswerke. Die grundlegenden Methoden scheinen weitgehend ausgereift zu sein. In einer Vielzahl von Studien in verschiedenen Feldern wurde eine inzwischen unüberschaubare Vielfalt von Methoden der Datenerhebung und -auswertung entwickelt, die an die grundlegenden Methoden anschließen konnten.

3.Methoden und Vorgehensweisen

Einen Überblick über die verschiedenen Methoden der qualitativen Sozialforschung liefern die diversen Handbücher (z.B. Lamnek, 2010; Flick, 2010; Flick u.a., 2012). Der Vielfalt der Methoden liegen einige Grundformen zugrunde, die wissenschaftstheoretisch gut begründet sind. Zu diesen gehören die Konversationsanalyse mit dem Narrativen Interview als Erhebungsmethode (Fritz Schütze), die objektive Hermeneutik (Ulrich Oevermann) und die Dokumentarische Methode mit dem Gruppendiskussionsverfahren als Erhebungsmethode (Ralf Bohnsack).

Für die Datenerhebung hat sich das von Fritz Schütze grundlagentheoretisch begründete Narrative Interview als eine Grundform etabliert, das in verschiedenen Interviewformen wie dem problemzentrierten Interview, dem Leitfadeninterview oder dem Experteninterview abgewandelt wurde. Grundsätzlich kommen in der qualitativen Sozialforschung nicht nur Interviews, sondern auch Gedächtnisprotokolle, Beobachtungsprotokolle, Filme, Bilder, Akten, Zeitungsreportagen sowie Architektur als Datenmaterial in Frage, also letztlich alle Erzeugnisse des Menschen.

Die Datenauswertung in der qualitativen Forschung ist in der Literatur noch sehr viel weniger dokumentiert als der Datengewinn. Im deutschen Sprachraum wurden mit der Konversationsanalyse (Fritz Schütze) und der objektiven Hermeneutik (Ulrich Oevermann) zwei streng hermeneutische, sequenziell vorgehende Verfahren entwickelt und grundlagentheoretisch umfassend begründet. Die Bedeutung des Textes erschließt sich dabei aus den inhaltlichen und sprachlich-strukturellen Zusammenhängen des Materials. Codierende Methoden folgen nicht so streng der sequenziellen Sinnkonstruktion der Subjekte im Feld. Sie zerlegen das Datenmaterial und arbeiten mit Codes, dabei beziehen sie teilweise auch statistische Verfahren der Auswertung mit ein. Hier können auch digitale Auswertungsprogramme zur Anwendung kommen.

Für die Forschungskonzeption der qualitativen Sozialforschung ist die von Glaser und Strauss entwickelte Grounded Theory (Glaser/Strauss, 1998) grundlegend geworden. Die Verfasser beschreiben und reflektieren differenziert den gesamten Forschungsprozess in seinen verschiedenen Schritten und Erkenntnismöglichkeiten und begründen damit den Weg einer gegenstandsbezogenen Theoriebildung aus der Praxis. Zentrale Kennzeichen sind der offene Beginn der Forschung, der durch Entscheidungen rasch zur weiteren Festlegung der Forschungsfrage, des Referenzrahmens und der Auswahl der Fälle führt, die Zirkularität des Forschungsprozesses, bei dem das Wechselspiel von Datenerhebung und Datenauswertung den Erkenntnisgewinn weitertreibt, sowie das Verfahren der Auswahl der Fälle durch den minimalen und maximalen Vergleich. Eine Theorie ist „gesättigt“, wenn weitere Fälle keine nennenswerten Variationen der Theorie mehr bringen. Die mit „Grounded Theory“ bezeichnete Forschungskonzeption ist dabei nicht zu verwechseln mit dem von den Verfassern verwendeten codierenden Auswertungsverfahren, das vor allem Strauss später weiterentwickelt und ebenfalls „Grounded Theory“ genannt hat.

Das Erlernen der Methoden der qualitativen Sozialforschung vollzieht sich nicht allein durch die Vermittlung der theoretischen und methodischen Grundlagen, sondern vor allem auch durch die Einbindung in die Forschungspraxis, die in Forschungswerkstätten und Kolloquien eingeübt werden kann. Vor allem die Auswertungsverfahren sind so komplex und materialreich, dass sie in der Literatur kaum darstellbar sind; sie werden in der Forschungspraxis erlernt und erprobt.

Das Ziel der qualitativen Forschung ist das Herausarbeiten von allgemeinen Strukturen, Mustern oder Typen, die innerhalb eines Referenzrahmens ihre Gültigkeit haben. Nach Przyborski und Wohlrab-Sahr (2009, 47) lassen sich zwei Modelle der Typenbildung unterscheiden. Das eine besteht darin, dass ein Muster von bestimmten Aspekten eines Falles in ihrem Zusammenspiel erarbeitet wird (Fallrekonstruktion), das andere besteht darin, dass sich in einem Fall auch mehrere Typiken unterscheiden lassen, deren Zusammenspiel durch eine komparative Analyse ermittelt wird.

4.Wissenschaftliche Gütekriterien und Ethik

Die Kriterien der Wissenschaftlichkeit der Sozialforschung sind lange Zeit an quantifizierenden Verfahren der Naturwissenschaften orientiert gewesen. Die Anwendung dieser Gütekriterien wird allerdings in der qualitativen Sozialforschung weithin zurückgewiesen. Nach Flick (2010, 488f.) gibt es vier Reaktionsweisen, mit den Geltungsforderungen umzugehen: (1) die klassischen Kriterien auf die qualitative Forschung anzuwenden oder sie auf sie hin umzuformulieren (vgl. dazu Flick, 2010, 488-500; Steinke, 1999), (2) alternative Gütekriterien wie z.B. Vertrauenswürdigkeit, Glaubwürdigkeit oder Verlässlichkeit aus dem jeweiligen theoretischen Hintergrund heraus zu entwickeln und sie der Besonderheit des Forschungsprozesses anzupassen (vgl. dazu Flick, 2010, 500-505; Steinke, 1999), (3) auf die Frage nach der Gültigkeit zu verzichten, was allerdings für die Anerkennung der qualitativen Forschung im wissenschaftlichen Diskurs nicht förderlich ist, und (4) Antworten jenseits der Formulierung von Kriterien zu suchen (Flick, 2010, 511-530).

Qualitative Forschung wird häufig auch mit der quantitativen Sozialforschung verglichen. Vor allem wird von außen die Frage nach der „Repräsentativität der Stichprobe“ an sie herangetragen – ein Begriff, der von der Marktforschung und den Medien oft vereinfacht verwendet wird, aber in der quantitativen Sozialforschung einen voraussetzungsvollen und differenzierten konzeptionellen Zusammenhang darstellt. In der qualitativen Sozialforschung geht es nicht um die Repräsentativität einer Stichprobe, sondern um die Repräsentanz von Fällen. Es wird eine bestimmte Typik oder eine Struktur erarbeitet, die eine Gesamtheit repräsentiert. Solche allgemeinen Strukturen können auch an Einzelfällen herausgearbeitet werden.

Ines Steinke (1999) hat eine Aufstellung von sieben „Kernkriterien“ für die qualitative Sozialforschung erarbeitet. Dazu gehören (1) die intersubjektive Nachvollziehbarkeit, die durch die Dokumentation des Forschungsprozesses, die Interpretation in Gruppen und die Anwendung kodifizierter Verfahren hergestellt werden kann, (2) die Indikation des Forschungsprozesses und seine Gegenstandsangemessenheit, die durch die Fragestellung, die Methodenwahl, die Transkription, die Samplingstrategie, die methodischen Einzelentscheidungen im Kontext der Untersuchung und die Bewertungskriterien der Studie geprüft werden kann, (3) die empirische Verankerung der Hypothesen und Theorien in den Daten, (4) die Limitation, mit der die Grenzen des Geltungsbereichs und der Grad der Verallgemeinerbarkeit der gewonnenen Theorie benannt wird, (5) die Kohärenz, wozu auch gehört, dass Widersprüche bearbeitet und ungelöste Fragen offengelegt werden, (6) die Relevanz für die Praxis oder die Wissenschaft und (7) die Reflexion der Subjektivität der forschenden Person, wozu ihre erkenntnisleitenden Interessen, ihre Vorannahmen und ihre biographischen und sozialen Kontexte gehören.

Ein wichtiges Problemfeld stellt die Frage nach der Forschungsethik dar. Dem Interesse an dem allgemeinen Erkenntnisgewinn durch die Forschung und der Forderung von Transparenz und öffentlichem Diskurs können Interessen der Menschen im Feld entgegenstehen, vor allem wenn es sich um gesellschaftlich oder kirchlich exkludierte Gruppen handelt oder nicht rechtmäßige oder tabuisierte Handlungsweisen zum Vorschein kommen. Die Soziologie hat auf das Problem reagiert und in vielen Ländern Ethik-Codizes entwickelt. Im deutschsprachigen Raum haben die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) und der Berufsverband der Soziologinnen und Soziologen (BDS) zuletzt im Juni 2014 eine neue Fassung eines Ethikcodex vorgelegt (www.soziologie.de).

5.Qualitative Sozialforschung in der Theologie und Religionspädagogik

Die theologischen Grundlagen zu einer Hinwendung zu qualitativ-empirischer Forschung legten in der katholischen Theologie das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965), das mit einer theologischen Öffnung zur Gesellschaft und ihren Problemen verbunden war, und in der evangelischen Theologie die kritische Auseinandersetzung mit der Dialektischen Theologie, die zu einem neuen Interesse an den Sozialwissenschaften führte. Der im Jahr 1968 erschienene Aufsatz von Klaus Wegenast (1968) „Die empirische Wendung in der Religionspädagogik“ ( Die empirische Wende [in den Sozial- und Erziehungswissenschaften]) wurde Namen gebend für die neue Forschungsbewegung. Ab den 1980er Jahren entstanden vermehrt qualitativ-empirische Arbeiten in der Praktischen Theologie. Heute sind die → Religionspädagogik und die Pastoraltheologie jene theologischen Fächer, in denen in wachsendem Maße qualitativ-empirisch geforscht und über Methodenfragen diskutiert wird; hier sind auch erste methodische Monographien und Sammelwerke entstanden (vgl. Bucher, 1994; Porzelt/Güth, 2000; Klein, 2005; Dinter/Heimbrock/Söderblom, 2007; Heuser/Hoffmann/Walther, 2013; Schulz, 2013; Weyel/Gräb/Heimbrock, 2013). Die Themen in der Religionspädagogik sind weit gefächert und reichen von Gottesbildern und Religiosität von Kindern, Jugendlichen, alten Menschen und anderen spezifischen Gruppen, über Untersuchungen zu Religionsunterricht ( Religionsunterricht, evangelisch; Religionsunterricht, katholisch), Jugendarbeit ( Jugendarbeit, evangelisch; Jugendarbeit, katholisch), Gemeindepädagogik ( Gemeinde/Gemeindepädagogik), Konfirmanden- und Kommunionunterricht (→ Konfirmandenunterricht/Konfirmandenarbeit), Vermittlungsgeschehen, Kompetenzorientierung ( Kompetenzorientierter Religionsunterricht), Erwachsenenbildung, Lehrkräften und Schülerverhalten bis hin zu interreligiöser Bildung (Schreiner/Schweitzer, 2014; Interreligiöses Lernen). Für die Zusammenarbeit mit anderen sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen und die Akquirierung von Forschungsmitteln hat der empirische Forschungsansatz eine hohe Bedeutung. Innerhalb der → Theologie und im Dialog mit dem kirchlichen Lehramt ist der Forschungsansatz nicht unumstritten. Insbesondere das Verhältnis von Normativität und → Empirie wird immer wieder angefragt (Kalbheim, 2014; Klein, 2013). Das nötigt den Studien oftmals eine umfassende Begründungsarbeit für den qualitativ-empirischen Forschungsansatz auf. Nachteilig wirkt es sich aus, dass empirische Forschungsmethoden nicht in den Curricula der theologischen Ausbildung verankert sind, wie das etwa in der Soziologie oder Psychologie der Fall ist, und viele Lehrende mit dem Forschungsansatz nicht vertraut sind oder keine eigenen Forschungserfahrungen haben. Inzwischen haben sich einige Studienzirkel und Forschungswerkstätten gebildet, in denen empirische Forschungsprojekte besprochen werden. Für die Weiterentwicklung der qualitativen Sozialforschung in der Theologie, für den interdisziplinären Dialog und nicht zuletzt für die Etablierung im Drittmittelsektor wäre eine institutionelle Verankerung der qualitativ-empirischen Methoden in der theologischen Ausbildung wünschenswert.

6.Perspektiven

Die Entwicklung der Grundlagen der qualitativen Sozialforschung ist heute stark fortgeschritten und scheint weit ausgereift zu sein. Die einzelnen Methoden werden weiter ausdifferenziert und vermehrt in Kombination von verschiedenen, zum Teil auch quantitativen Methoden verwendet (Triangulation). In der → Religionspädagogik wird die Frage des Verhältnisses von Normativität und empirischer Forschung und der Vermittlung von empirischer Forschung mit Theologie und Kirche weiter zu vertiefen sein.

Eine Herausforderung für die Zukunft der wissenschaftlichen Sozialforschung stellt die digitale Datenanalyse dar, die Erkenntnisse über die Sozialwelt jenseits wissenschaftlicher Diskurse generiert. Das Absaugen von Daten von Handlungen im Internet, die Massendatenspeicherung und die elektronische Auswertung von Daten lassen die Wirtschaft und Politik zu weitreichenden Erkenntnissen über die Sozialwelt kommen. Die Kombination verschiedener Datentypen (private Kommunikation in sozialen Netzwerken, Bewegungsprofile, Gesundheitsdaten, Foto- und Filmmaterial, schriftliche und mündliche Aufzeichnungen u.a.) macht genaue Persönlichkeitsprofile mit hohen Rückschlussmöglichkeiten auf Individuen möglich. Sie öffnet neue Möglichkeiten der Zukunftsprognosen sowie der subtilen Beeinflussung von Denken und Handeln. Diese Vorgehensweise der Datensammlung und -auswertung unterliegt nicht den wissenschaftlichen Kriterien der Offenlegung der Prämissen, der Nachvollziehbarkeit der Erkenntnisgewinnung, des kritischen argumentativen Dialogs in der scientific community und den ethischen Standards. Wissenschaftliche Sozialforschung wird möglicherweise einem immer größeren Misstrauen der Menschen begegnen und sich in Bezug auf die digitale Sozialanalyse positionieren müssen.

Literaturverzeichnis

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