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Lexikon

Pietismus

1. Lebensweltliche Verortungen

1.1 Spuren des Pietismus bis heute

Den Pietismus kann man in strukturgeschichtlicher bzw. problemgeschichtlicher Perspektive zunächst als Modus der frühen Aufklärung verstehen. Motiviert durch seine Gegnerschaft zur altprotestantischen Orthodoxie verstärkte der Pietismus die individuelle Entwicklung religiöser Subjektivität (Beutel, 2009, 93). „Erbauung“ sowohl als Ausprägung individueller, religiöser Subjektivität als auch als Kommunikationsgeschehen (in den Modi Predigt, Seelsorge, Unterricht und in gemeinschaftlicher, laientheologischer Bibellektüre) wurde zum Leitmotiv der pietistischen Erneuerungsbewegung (Beutel, 2009, 73).

Wissenschaftliche Theologie und religiöse Erfahrung werden im Pietismus dabei nicht als einander widersprechende Entitäten verstanden, sondern in der und durch die individuelle Glaubenserfahrung geschieht und manifestiert sich wissenschaftliche Theologie. Ziel pietistischen Denkens, Handelns und Forschens ist es, Glaubensgewissheit zu erlangen. Auch kognitiv überzeugende Glaubensgewissheit ist nur in strikter Fokussierung auf die biblischen Texte des Alten und Neuen Testaments zu erlangen, wobei der Pietismus unterschiedliche Hermeneutiken der Exegese biblischer Texte entwickelt (Brecht, 2003, 27). Gemeinsam ist der pietistischen Bewegung die Vorstellung eines gestuften Glaubensweges, auf dem die Bekehrung und die stetig vergegenwärtigende Heiligung der individuellen Lebens-, Handlungs- und Denkvollzüge eine zentrale Position einnimmt.

Deutlich erkennbare Spuren des Pietismus lassen sich in der bis heute aktiven Pfingstbewegung, der charismatischen Bewegung und im Evangelikalismus erkennen. So gelten der Pietismus und die Erweckungsbewegungen als Ursprung der Pfingstbewegung, die 1901 unter Studenten des Parkham`s Topeka College in Amerika durch den Prediger Seymour in Los Angeles begann und die sich kurzfristig in Deutschland innerhalb der Gemeinschaftsbewegung (im Gnadauer Verband) etablieren konnte.

Die Pfingstbewegung orientiert sich an evangelikalen Glaubenslehren (Konversion, Bindung an das Wort Gottes, Heiligung des persönlichen Lebens, Glaube an die Parusie Jesu) (Bebbington, 1989, 2-17) und die Anhänger betonen die unmittelbare Erfahrbarkeit des Heiligen Geistes (zum Beispiel durch die Geisttaufe, Glossolalie, Visionen, Prophetien, Handauflegen, Heilungsgebete etc). 1954 schlossen sich verschiedene freie Pfingstgemeinden zu der „Arbeitsgemeinschaft der Christengemeinden Deutschlands“ (ACD) zusammen, die 1982 in den „Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden“ (BFP) umbenannt wurde.

Die charismatische Bewegung entstammt der Pfingstbewegung (Ende der 1960er Jahre) und teilt deren grundlegende Lehren, wobei die Anhänger jedoch in den eigenen Kirchen und Gemeinden verbleiben. Kennzeichen der charismatischen Bewegung ist der Zusammenhang von Buße, Glaube, Taufe und Geistempfang und der Empfang der Gnadengaben (Charismen) des Heiligen Geistes sowie die Evangelisation.

Sowohl im nordamerikanischen als auch im lateinamerikanischen Raum zeichnen sich die pfingstlerisch geprägten Gemeinschaften bzw. Gemeinden durch eine außergewöhnlich hohe Missionsdynamik aus. Die „moralische Ökonomie“ (Graf, 2014, 154f.) der „Evangelicos“ mit ihrer Betonung von lebensweltlicher Askese und hartem Fleiß zeitigt nachweisbare soziale Aufstiegsmöglichkeiten. Sozialer Aufstieg und materieller Reichtum gelten in diesen Kontexten als Zeichen besonderer Gottesnähe und als Zeichen „geheiligten Lebens“ in Bezug auf Gesundheit, Glück und Erfolg, so dass in religionswissenschaftlicher Perspektive zutreffend von „Health and Wealth Christianities“ (Graf, 2014, 156) gesprochen werden kann.

Analoge Entwicklungen – mit der Ausprägung unterschiedlicher, länderspezifischer, pfingstlerischer „Christentümer“ (Graf, 2014, 161) – sind auf dem afrikanischen Kontinent zu beobachten, so dass die weltweit wachsende pfingstlerische „Glaubensökonomie“ (Graf, 2014, 163) auch in ökumenischer Perspektive signifikante Bedeutsamkeit erlangt hat (Graf, 2014, 152).

Eine Institutionalisierung der evangelikalen Bewegung stellt die „Evangelische Allianz“ dar, die 1846 als Ergebnis einer internationalen und interkonfessionellen Konferenz von Vertretern 52 verschiedener Kirchen und Denominationen in London gegründet wurde. Die „Deutsche Evangelische Allianz“ (DEA) mit Sitz in Bad Blankenburg wirkt seit 1851. Weitere Meilensteine der evangelikalen Bewegung sind die Gründung des „Weltbundes der Evangelikalen“ 1951 in Woudschoten in Holland („World Evangelical Fellowship“, WEF) sowie der 1. Weltevangelisationskongress 1966 in Berlin und der internationale Kongress für Weltevangelisation 1974 in Lausanne. Zudem gibt es die Lausanner Bewegung mit einem deutschen Zweig „Koalition für Evangelisation in Deutschland“ und seit 1969 die „Arbeitsgemeinschaft evangelikaler Missionen“ (AEM).

1.2 Lebensweltliche und mediale Anknüpfungspunkte für die Lernenden

Für Lehrende und Lernende in religionspädagogischen Handlungsfeldern ist es wichtig, sich mit den Kernanliegen pietistischen Glaubenslebens (Buße – Übergabe der Existenz an Christus – Wiedergeburt – Heiligung) im Hinblick auf die individuelle, berufsständische „Wisdom of Practice“ (Shulman, 2004, 1-14) auseinanderzusetzen und zu positionieren.

Das für den Pietismus zentrale „Bekehrungserlebnis” erfährt in religionssoziologischer und religionspsychologischer Perspektive unter den Bedingungen individueller, religiöser und weltanschaulicher Sinnsuche einerseits und beobachtbarer, religiöser Radikalisierungstendenzen (Fundamentalisierung religiösen Welt- und Daseinsverständnisses) andererseits, zunehmende Aufmerksamkeit und zunehmendes Interesse. Unter der Fragestellung nach dem Bedingungsgefüge und den Konsequenzen von „Conversions“ hat sich hierzu gerade im englischsprachigen Raum ein – auch religionspädagogisch relevanter – Forschungszweig etabliert (Rambo, 1993, 76-78; Gooren, 2010, 337).

Die für den Pietismus signifikante Darstellung und ausführliche Schilderung des in der Bekehrung kulminierenden religiösen Lebensweges – im Modus der religiösen Autobiographie – bietet für die Lernenden in literaturwissenschaftlicher als auch in sozialwissenschaftlicher Perspektive mannigfaltige mediale Anknüpfungspunkte (Gleixner, 2005; Niggl, 1989, 367-391).

Die in großer Zahl vorliegenden pietistischen, autobiographischen Zeugnisse (Briefe, Tagebücher, Memoiren, Gedichte) sind nicht nur eine wichtige Quelle der → Biografieforschung. Sie ermöglichen es den Lernenden auch, „Ich-Konstruktionen” als „große Lebens-Erzählungen” unter bestimmten, gesellschaftlichen Bedingungen zu rekonstruieren und sich mit diesen „Ich-Konstruktionen” in Anknüpfung und Widerspruch auseinanderzusetzen (Günther, 2001, 25-61).

Bedeutsam ist auch der Einfluss des Pietismus auf Kirchenlieder und Gesangbücher. Lieder von Nikolaus Graf von Zinzendorf (EG 198,1;251;254;350;391), Gerhard Tersteegen (EG 41;140;165;252;392;393;480;481), Johann Jakob Rambach (EG 200), Philipp Friedrich Hiller (EG 123;152;253;355), Joachim Neander (EG 198,2;316;317;327;504) sind weiterhin im gottesdienstlichen Gebrauch (→ Musik, kirchengeschichtsdidaktisch).

Die für den Pietismus bedeutsame religiöse Introspektion („Seelenerforschung”) und seine wort- und ausdrucksstarke Schilderung der entsprechenden intrapsychischen Erfahrungen bereitete den Weg für eine neue Epoche (Frühromantik) der deutschsprachigen Dramatik, Belletristik und Lyrik maßgeblich mit vor (u.a. Karl Philipp Moritz; Anton Reiser; Friedrich Gottlieb Klopstock; Novalis (= Heinrich von Ofterdingen); Friedrich Hölderlin).

Bedeutsamen Einfluss hatte der Pietismus im Hinblick auf die Kommunikation des Evangeliums in den Modi „Hilfe zum Leben und Lehren” (Grethlein, 2014, 253-323). Die gegenwärtige diakonische Aufgabe der Kirche bzw. evangelischen Christseins ist daher nur vor dem Hintergrund des durch den Pietismus des 18./19. Jahrhunderts inaugurierten Heiligungsverständnisses sachgerecht zu bestimmen. So sind sowohl die „Innere Mission” (Johann Hinrich Wichern; Theodor Löhe; Gustav Werner) als auch die „Äußere Mission” (von Canstein’sche Bibelanstalt; Gossner-Mission) hinsichtlich ihrer Zielsetzung insbesondere von ihren pietistischen Wurzeln her verstehbar (→ Caritas – Diakonie).

2. Kirchengeschichtliche Klärungen

Der Pietismus als bedeutendste Frömmigkeits- und religiöse Erneuerungsbewegung des Protestantismus nach der Reformation (Wallmann, 2005, 1341-1342) nahm seinen Anfang mit den von Spener gegründeten pietistischen Gemeinschaftsstunden, den so genannten Konventikeln („collegia pietatis“) um 1670 in Frankfurt am Main. Die Erneuerungsbewegung des Pietismus fokussiert:

  • die „personale, durch den Heiligen Geist bewirkte Erfahrung des Heils“ gegen eine „Heilswahrheit als objektive, institutionelle Setzung“ (Krummwiede, 1977, 57)
  • Die Begründung einer dann methodisch reflektiert durchgeführten verbalinspirierten Bibelhermeneutik (Krummwiede, 1977, 57)
  • das exklusivistische Kirchenverständnis der „Wiedergeborenen“
  • die intendierte ökumenische Versammlung und „Liebesgemeinschaft“ (Krummwiede, 1977, 57) aller Wiedergeborenen als ecclesiola in ecclesiis
  • eine an der Herbeiführung bzw. am präsentisch wirklich werdenden Reich Gottes orientierte Eschatologie in kritischer Perspektive auf eine „Neutralisierung der Parusieverheißung“ (Krummwiede, 1977, 57).

Die Gemeinsamkeiten sind bei den „pietistischen Patriarchen“ (Krummwiede, 1977, 61) in einigen unterschiedlichen Ausprägungen zu finden:

Philipp Jakob Spener (1635-1705) gilt als Begründer des Pietismus und betont die Repristination urgemeindlicher, geistlicher Gemeinschaft besonders in den „collegia pietatis“ in den jeweiligen Territorialkirchen. So ist ab 1675 der Begriff „Pietisten“ neben dem Begriff „Spenerianer“ erstmals für die Anhänger Speners aufgekommen (Wallmann, 2003, 1342).

August Hermann Francke (1663-1727) fokussiert insbesondere das Bekehrungserlebnis und den „erweckten Glauben“, der die Seele des „neuen Menschen“ sei und zu einer geistlichen Existenz in Beständigkeit führe (Matthias, 2015, 23). Franckes Hochschätzung des Willens, die ihn Glaubensgewissheit auch als menschliche Willensanstrengung begreifen lässt, steht in Spannung zu einem imputativen Rechtfertigungsverständnis (Matthias, 2015, 22).

Untrennbar mit der Persönlichkeit Nikolaus Graf von Zinzendorf (1700-1760) verbunden ist die Gründung der Herrnhuter Gemeinschaft (1722-1736) und die aus dieser hervorgehende, prinzipiell Konfessions- und Landesgrenzen überwindende Freikirche der Brüderunität (Wallmann, 1990, 108-123). In der Herrnhuter Gemeinschaft sollte nach dem Willen Zinzendorfs das Idealbild des „gemeinsamen Lebens“ der Urkirche bzw. der Urgemeinde (1Kor 14) sozialreformerisch für die Gegenwart gelebt werden (Wallmann, 1990, 114). Auf die Herrnhuter Brüdergemeine gehen – teilweise bis heute gepflegte Traditionen in freikirchlichen Gemeinden zurück: die Fußwaschung, das gemeinsame Liebesmahl, die Ostermorgenfeier auf dem Gottesacker, die abendlichen Singstunden und die Herrnhuter „Losungen“ (Wallmann, 1990, 115).

Der Pietismus erlebte seinen Höhepunkt in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts, dann verdrängte die Theologie der Aufklärung die pietistischen Vertreter zunehmend von den Fakultäten. Seit etwa 1800 kam es jedoch zu lokalen Erweckungsbewegungen, die sich gegen die aufklärerischen Gedanken in Theologie und Gemeinde richteten und die der pietistischen Frömmigkeit wieder zu neuem Aufschwung verhalfen. Bis 1815 war die Erweckungsbewegung nur auf kleine Kreise beschränkt, zwischen 1815 und 1830 wurden jedoch zahlreiche Bibel- und Missionsgesellschaften gegründet.

Die Vertreter der Erweckungsbewegungen im 19. Jahrhundert betonten insbesondere die Rechtfertigung des sündigen Menschen durch dessen Annahme von Gottes Heilshandeln am Kreuz und Merkmale der Bekehrung, die Mission und das Gemeinschaftsideal, welches sich insbesondere durch einen regelmäßigen Besuch der Konventikel, Sozietäten, Vereine und dem Abhalten von Konferenzen und Allianzen zeigte.

3. Religionsdidaktisch-praktische Überlegungen

3.1 Historisch-religionspädagogisch

Historisch-religionspädagogisch kann der Pietismus einige interessante Ansätze aufzeigen. Besonders in der Schullandschaft von August Hermanns Francke entstand durch die in der Theologie des Pietismus selbstverständliche Verbindung von Glauben und Handeln ein neues religionspädagogisches Profil einer Schulform, die Realien-Schule – Vorläufer der späteren Realschule (Pfister, 2015). Das religionspädagogische Profil an den Schulen Franckes war geprägt durch den Einsatz von Realien im Unterricht, z.B. von Materialien, Modellen, Kunst- und Alltagsgegenständen sowie von anschaulichen Bildern und Lehrbüchern, wobei möglichst alle Unterrichtsgegenstände so genutzt wurden, wie sie im Leben Verwendung fanden. Im Zentrum der Lehrtätigkeit stand das didaktische Prinzip der Applikation – das heißt die Anwendung des Gelernten auf Lebensaufgaben und ein pragmatischer Gebrauch des erworbenen Wissens – mit dem Erziehungsziel des Erwerbs der christlichen Klugheit. Vorbereitet wurde die Applikation durch die recitatio und die explicatio, dann folgte die Übertragung, Anwendung sowie Überprüfung des Gelernten.

Die Applikation stellte gleichzeitig das Ziel der Katechese dar. Mit der „Katechese“ sind nicht nur reine Bibel- und Katechismuslektionen gemeint, sondern „Katechese“ fand umfassend in Familie, Kirche und im ganzen Tagesablauf statt. Dazu gehörte auch die stringente Einbettung und Unterordnung aller Fächer und Aktivitäten unter das Ziel der Applikation.

Auch der Pietist Johann Jacob Rambach zeichnete sich durch seine Schriften und „seine Betonung der ,Ordnung Gottes‘ [...] als Vertreter des durch August Hermann Francke maßgeblich geprägten Hallischen Pietismus“ (Hruby, 1991, 268) aus. Er betonte wie dieser, das Erziehungsziel der christlichen Klugheit. Dabei legte er jedoch den Schwerpunkt auf die Erbsünde und die pädagogische Formbarkeit von Kindern. Durch Belehrung in Form von schriftlichen Exempeln sollten die Schülerinnen und Schüler einsichtig werden; das didaktische Prinzip der Applikation kam hier meist nicht mehr zum Zuge (Pfister/Van Spankeren, 2014).

Hingewiesen sei schließlich auf die durch den Francke-Schüler Franz Albert Schultz ausgelöste pietistische Schulreform, die von Königsberg ausgehend ganz Preußen erfasste (Wallmann, 2005, 1346).

3.2 Religionspädagogische Bedeutung des Pietismus heute

In der Geschichte des Pietismus wurden und werden bis in die Gegenwart hinein zumindest fünf ineinander verschränkte Diskursfelder in immer neuen Variationen durchdacht und in unterschiedlichster medialer Form (z.B. Lieder, Gebete, Autobiographien) expliziert, die nach wie vor von hoher religionspädagogischer Relevanz sind:

  • Glaube und Denken (insbesondere im Hinblick auf einer biblisch begründeten und von daher legitimierten Verhältnisbestimmung von biblischem Schöpfungsglauben und naturwissenschaftlicher Erkenntnis);
  • die Frage nach den Wurzeln bzw. Quellen subjektiver „Glaubensgewissheit“, die sich teilweise deutlich von Luthers Frage nach dem „gnädigen Gott“ unterscheidet;
  • die Frage nach Begriff, Gegenstand und Vollzug gelingenden, „geheiligten“ Lebens und gelingender, „geheiligter“, menschlicher Existenz;
  • die Frage nach der Verhältnisbestimmung und Gewichtung „vortheoretischer“, subjektiver, gegebenenfalls hochemotionaler Frömmigkeit und akademischen, kognitiven Durchdenkens über „Religion“;
  • die Frage nach der Zukunftsgestalt von Kirche („ecclesiola in societate“) und der Zukunftsgestalt der „Kommunikation des Evangeliums“ im Kontext einer säkularisierten, „konfessionslos glücklichen“, religiös indifferenten bzw. uninteressierten Gesellschaft (Barth, 2013, 17);

    Die zentralen Diskursfelder des Pietismus lassen sich im Religionsunterricht kompetenzorientiert erarbeiten, wie Rothgangel mit dem Hinweis auf das Kompetenz-Modell von Hemel aufzeigt (Rothgangel, 2009, 104). Rothgangel formuliert als anzustrebende Ziele religiöser Erziehung: die grundlegende Fähigkeit, religiöse Wirklichkeit überhaupt als solche wahrzunehmen; die religiöse Gestaltungs- und Handlungsfähigkeit sowie die Befähigung zur Übernahme religiöser Rollen; der Aufbau, die Klärung und die Entfaltung von religiösen Vorstellungen und Inhalten; der Erwerb religiöser Sprachkompetenz (Grundwortschatz und Symbole) im Modus einer „religiösen Sprachschule“; religiöse Kompetenz in der Dimension der religiös motivierten Lebensgestaltung (Rothgangel, 2009, 103-107).

4. Ausblick

Für den Religionsunterricht ist es gut möglich, die reichhaltigen Quellen „gedachten“ und „gelebten“ Pietismus im Unterricht mehrperspektivisch einzusetzen (→ Quellenarbeit, kirchengeschichtsdidaktisch). Bisher liegen jedoch meist nur personen- oder institutionenbezogene Unterrichtsmaterialien vor. Religionspädagogisch wäre es daher wichtig, die Themen des Pietismus (Quellentexte, Personen, kirchengeschichtlicher Kontext, lebensweltliche Verortung, die Sozialpädagogik des Pietismus) fachdidaktisch zu erschließen bzw. relevante Quellen auf den Unterricht hin kritisch zu bedenken, wobei multiperspektivische Ansätze notwendig sind (Pfister/Roser, 2015).

Fächerübergreifende Materialien für eine Kooperation mit dem Deutsch- oder Musikunterricht zu diesem Thema sind bislang ein Desiderat (→ Kirchengeschichte, Literatur als didaktischer Zugang; → Musik, kirchengeschichtsdidaktisch). Zudem ist es wichtig, die praktisch-theologische Beratungskompetenz von Lehrkräften zu stärken, zum Beispiel zur unterrichtspraktischen Herausforderung, wie man mit Schülerinnen und Schülern umgeht, die einer evangelikalen Gruppierung angehören und dies auch im Religionsunterricht betonen oder gar konfrontativ ausleben wollen (→ Schulseelsorge/Schulpastoral).

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