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Lexikon

Mission, christliche

Michael Sievernich

(erstellt: Febr. 2018)

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1. Lebensweltliche Verortungen

Die christliche Mission umfasst von den Anfängen in Palästina bis in die Gegenwart auf allen Kontinenten eine lange, zweitausendjährige Geschichte. Sie versteht sich als Evangelisierung (griechisch euangelízesthai) oder Sendung (lateinisch missio). Dem Neuen Testament zufolge ist der von Gott gesandte Jesus zugleich der Sendende (Joh 20,21), der seine (zwölf) Apostel (Gesandte) aussendet, die „gute Botschaft“ (Evangelium) vom Reich Gottes zu bezeugen, und zwar „bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,8), d.h. an alle Kulturen und Völker. Ohne Mission wäre das Christentum nicht zur Weltreligion geworden, die heute etwa 2,3 Milliarden Christinnen und Christen in aller Welt zählt und damit etwa ein Drittel der Weltbevölkerung prägt. Im Zuge der Globalisierung sind daher auch in unseren Städten zahlreiche Christinnen und Christen aus anderen Ländern sowie fremdsprachige Gemeinden anzutreffen.

Die meisten Christinnen und Christen, jeweils ein Viertel, leben in Europa, Lateinamerika und im subsaharischen Afrika. In einer Minderheitsposition von wenigen Prozent befinden sie sich in Asien (mit Ausnahme der Philippinen), in Nordafrika sowie im Nahen und Mittleren Osten. Doch bilden die Christinnen und Christen keine homogene Gruppe, sondern leben in getrennten Konfessionen. Zu den großen gehören die einheitliche Römisch-Katholische Kirche, die protestantischen Kirchen und Freikirchen sowie die orthodoxen Kirchen mit jeweils unterschiedlicher Gestalt und zum Teil im „Ökumenischen Rat der Kirchen“ (ÖRK) zusammengeschlossen.

Etwa die Hälfte aller Christinnen und Christen auf der Welt gehören der mit 1,2 Milliarden Mitgliedern größten christlichen Kirche an, der Römisch-Katholischen Kirche, die in allen Erdteilen und Ländern verbreitet ist. Sie blickt auf die längste kontinuierliche missionarische Erfahrung und Tradition zurück und steht in Einheit mit dem jeweiligen römischen Papst (derzeit 2017: Papst Franziskus). Etwa 37% der Christinnen und Christen gehören den vielfältigen protestantischen Traditionen an, während etwa 12% den verschiedenen orthodoxen Kirchen angehören. Überdies bilden sich in den letzten Jahrzehnten innerhalb und außerhalb der großen christlichen Konfessionen mitgliederstarke charismatische, evangelikale und vor allem pentekostale (pfingstlerische) Gruppierungen heraus (Keßler/Rethmann, 2012), die meist in den Ländern des Südens zu finden sind. In dieser Pluralisierung zeigt sich ein Formenwandel des Christentums und seiner Mission.

An vielen Orten unserer Lebenswelt entdeckt man zahlreiche Spuren missionarischer Aktivitäten der Christinnen und Christen. Sie reichen von den zahlreichen Kirchen und Klöstern bis zu aktiven christlichen Gemeinden und zur Caritas (→ Caritas – Diakonie). Auch die kirchlichen Freiwilligendienste für Jugendliche im Ausland und selbst die jährliche Sternsinger-Aktionen für Kinder, die sich für bedürftige Kinder im Ausland einsetzen, haben einen missionarischen Charakter. Nicht zu vergessen sind die großen Hilfswerke der Kirchen, wie „Brot für die Welt“, „Misereor“ und „Missio“. Nicht zuletzt gibt es zahlreiche Medien, darunter der preisgekrönte Spielfilm „Mission“ von Roland Joffé (1986), der das dramatische Schicksal der Mission in Südamerika um 1760 schildert (→ Film, kirchengeschichtsdidaktisch).

Nicht selten kam es in der Kirchen- und Missionsgeschichte zu Verfolgungen, weil Christinnen und Christen ihren Glauben bezeugten oder verbreiteten. Bekannt ist die Christenverfolgung im frühen Christentum (→ Christenverfolgungen im frühen Christentum), aber auch die im frühneuzeitlichen Japan. Heute sind an die 200 Millionen Christinnen und Christen weltweit betroffen, ob durch terroristische Akte des islamistischen Extremismus im Nahen und Mittleren Osten, durch Religionsverbot in Nordkorea oder durch Unterdrückungsmaßnahmen in der Volksrepublik China. Man erinnere sich auch an die Christenverfolgungen im nationalsozialistischen Deutschland (Hinrichtung 1945 von Alfred Delp und Dietrich Bonhoeffer).

2. Kirchengeschichtliche Klärungen

Das weite Feld der Christianisierung und der Missionierung (Sievernich, 2009) bedarf einer kirchen- und missionsgeschichtlichen Klärung, die aufgrund der Stofffülle nur exemplarisch ausfallen, das Feld aber repräsentativ strukturieren kann. Zunächst sind einige typische Grundprinzipien zu benennen, die sich im Lauf der Zeiten und Epochen herausgebildet haben. Grundlegend ist die universale Verbreitung des Glaubens an Jesus Christus, die für alle geschichtlichen Situationen der verschiedenen Kulturen gilt. Denn das Christentum ist weder ethnisch gebunden noch sprachlich festgelegt, sondern kann in alle anderen Sprachen übersetzt werden. Mission ist immer ein „Übersetzungsvorgang“ unmittelbar sprachlicher oder übertragener kultureller Art, bis hin zur Übersetzung in die säkulare Moderne. Daher kommt es je nach Ort und Zeit zu immer neuen Prozessen der Inkulturation (Frei, 2000), weil das Christentum sich in jeweilige kulturelle Situationen einbettet, nicht ohne diese zu verändern und kompatible Elemente aufzunehmen. In solchen Missionsprozessen wurden unterschiedliche Methoden entwickelt, von Anfang an zum Beispiel die professionelle Methode durch Missionare wie Paulus (Becker, 1989), die aber immer begleitet war von der kapillaren Verbreitung durch das Lebenszeugnis im stabilen oder mobilen Umfeld. Eine weitere Methode erfanden die Orden und ihre Klöster, die oft Kulturlandschaften schufen, wie etwa im glänzenden Mittelalter die Zisterzienser mit ihren mehr als 800 Klöstern in ganz Europa. Eigenständige Methoden entwickelten die Orden in der frühen Neuzeit und die Missionsgesellschaften in der späten Neuzeit. Die Mission kennt keinen einheitlichen Begriff, sondern schon biblisch eine Vielfalt von Wendungen. So ist die Rede von der Sendung der Apostel oder vom Zeugnis für den Glauben. Weitere Begriffe sind Verkündigung des Evangeliums (Evangelisierung), Glaubensverbreitung, Bekehrung, Predigt unter den Völkern, Kirchengründung. Seit der Neuzeit spricht man meist von „Mission“ (Sendung). Nicht selten verquickten Kolonialstaaten die Kolonisierung mit der Missionierung, vor allem im 19. Jahrhundert, jedoch sind sie keineswegs miteinander zu identifizieren. Vielmehr standen zahlreiche Missionsprojekte nicht unter dieser Hypothek, zum Beispiel im frühneuzeitlichen China (Dunne, 1965).

Zur weiteren Klärung der Missionsgeschichte unterscheiden wir im Folgenden fünf große Epochen, eine Periodisierung, die einerseits auf das klassische Schema von Spätantike, Mittelalter und Neuzeit zurückgreift, doch überdies als weitere Epochen das 19. Jahrhundert bis zur Dekolonisierung in der Mitte des 20. Jahrhunderts abgrenzt sowie die dann folgende Zeit bis ins 21. Jahrhundert. Die erste Epoche der Mission umfasst zeitlich die Spätantike und räumlich vor allem das Römische Reich (Bardy, 1988) sowie angrenzende Gebiete wie das keltische Irland und das kaukasische Armenien. Aus den nahöstlichen Ursprungszentren Jerusalem und Antiochia verbreitete sich das Christentum im Römischen Reich, das den Mittelmeerraum und weite Teile Europas umfasste. Da die neue Religion des Christentums durch Glauben, Gottesdienst, Ethik, Caritas und Mission schnell an Attraktivität gewann und die Religionspolitik der Kaiser tolerant wurde, bekannten sich schon im vierten Jahrhundert etwa die Hälfte der etwa 50 Millionen Einwohner zum christlichen Glauben, und Rom wurde neben Jerusalem zum religiösen Zentrum (Petrusmartyrium). Die griechisch verfassten Schriften des Neuen Testaments wurden durch den Kirchenvater Hieronymus ins Lateinische (Vulgata) übersetzt, in der Zeit der Völkerwanderung und danach auch in andere Volkssprachen wie das Gotische (Wulfila-Bibel).

Die zweite und längste Epoche umfasst das gesamte europäische Mittelalter (von Padberg, 2006), das man von etwa 500 bis zur Epochenschwelle 1500 ansetzt. Es setzt ein mit dem Zerfall des weströmischen Reichs und dem Aufstieg der ins Reich einströmenden germanischen Völker, etwa der Franken in Gallien, der Ostgoten in Italien, der Westgoten in Spanien und der Vandalen in Nordafrika. 499 wurde der Merowinger Chlodwig in Reims getauft. Hier wie sonst fand die Annahme des Glaubens bei den gentilreligiösen Germanen nicht individuell statt, sondern von oben nach unten, d.h. der Stammesfürst nahm die neue Religion an und mit ihm sein Stamm oder Volk. Papst Gregor der Große entsandte Missionare nach England, von dort wiederum missionierten angelsächsische Missionare wie Bonifatius in Deutschland. Karl der Große bediente sich zur Unterwerfung der Sachsen des Schwertes und ist ein Beispiel der Gewaltmission (Angenendt, 2007, 380-387). Auch die skandinavischen Länder und Island nahmen das Christentum an. Bei den slawischen Völkern Osteuropas missionierten die sprachkundigen Brüder Kyrill und Method aus Byzanz, die eine neue Schriftsprache kreierten. Im Großreich der Kiewer Rus ließ sich Großfürst Wladimir 988 mit seinem Volk taufen, auch Polen und Ungarn nehmen um die Jahrtausendwende das Christentum an. Mit dem Religionswechsel der baltischen Völker und der Wiedereroberung der iberischen Halbinsel vom Islam sind in einem tausendjährigen Christianisierungsprozess alle europäischen Länder christlich geworden. Zeitgleich gab es in Asien neben missionarischen Vorstößen westlicher Ordensleute eine östliche Missionskirche (Hage, 2007), die in Bagdad ansässige Apostolische Kirche des Ostes; in China hieß sie „Leuchtende Religion“ und war dort sowie unter Mongolen und Turkvölkern mit Kirchengründungen erfolgreich, konnte aber auf Dauer nicht bestehen.

Die dritte Missionsepoche beginnt in der Frühen Neuzeit und reicht bis ins 18. Jahrhundert. Hier beginnt eine nach Osten und Westen ausgreifende Globalisierung der Mission. Im Zuge der Expansion der iberischen Mächte Portugal nach Asien und Spanien nach Westen, mit zufälliger Entdeckung der Neuen Welt durch Kolumbus, bilden die Orden starke Missionsbewegungen aus, die in Amerika und Asien tätig werden. Unter dem Patronat der spanischen und portugiesischen Könige christianisieren die alten Mendikantenorden wie Franziskaner und Dominikaner, aber auch der neu gegründete Jesuitenorden (1540) die altamerikanischen Reiche der Azteken (Mexiko) und der Inka (Anden) sowie andere indigene Völker. Die Mission erforderte linguistische Anstrengungen zum Erlernen, zur Verschriftung und zum Übersetzen der indigenen Sprachen. Die neu gegründeten Missionsstädte der „Reduktionen“ in Paraguay (Hartmann, 2016) gehören zu den bekanntesten und werden bis heute erforscht, nicht zuletzt, weil sie eine antikoloniale Utopie darstellten. Damit reagierten die Missionare auf den Kolonialismus der Zeit und die oft gewalttätigen Formen der „Conquista“ (Eroberung). Zahlreiche Kirchenleute der Zeit widersetzten sich jeder Unterdrückung der Indianer, allen voran der Bischof Bartolomé de las Casas (†1566).

Auf der anderen Seite der Erdkugel sah die Mission anders aus. Denn in Asien fand in der Frühen Neuzeit keine Eroberungspolitik und kaum eine Kolonialbildung statt, zumal die dortigen hochzivilisierten Reiche dies gar nicht zuließen. Einer der ersten Missionare dort war Franz Xaver (†1552), der in Indien, Südostasien und Japan auf Hinduismus, Islam und Buddhismus stieß und die interkulturelle und interreligiöse Dimension der Mission kennenlernte. Von besonderer Bedeutung war die China-Mission der Jesuiten (von Collani, 2012), die mit guten sprachlichen und naturwissenschaftlichen Kenntnissen, nicht selten als Mathematiker und Astronomen, Kaiser und Gelehrtenwelt zu überzeugen suchten von ihrer Kenntnis des physischen und des theologischen Himmels. Der Italiener Matteo Ricci (†1610) gehört zu den Großen, die in China bis heute bekannt sind und geehrt werden. Große Missionsprojekte wurden auch in Indien, Vietnam und anderen Ländern unternommen. Waren alle diese Unternehmen katholisch geprägt, begannen im 18. Jahrhundert auch protestantische Aktivitäten, beginnend mit baptistischen und pietistischen Erweckungsbewegungen (→ Pietismus), so John Eliot (†1690) im östlichen Nordamerika und Bartholomäus Ziegenbalg (†1719) im südindischen Tranquebar.

Die vierte Epoche bezieht sich zeitlich auf das 19. Jahrhundert und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts; räumlich steht vor allem Afrika im Vordergrund (Habermas/Hölzl 2014). Dort entfaltete sich eine konfessionell konkurrierende Christianisierung. Deren Träger waren auf der einen Seite internationale katholische Orden, wie Steyler und Pallotiner in Deutschland, italienische und französische Institute (Société des Missions Etrangères de Paris), die Spiritaner und die Missionaires d’Afrique, die Comboni-Missionare und eine Vielzahl von Missionsschwestern, wodurch die Mission erstmals ein weibliches Gesicht erhielt. Auf der anderen Seite entstanden die ebenfalls internationalen protestantischen Missionsgesellschaften. Bekannt ist die London Missionary Society (LMS) mit David Livingstone (†1873), aber auch Institutionen aus den USA, aus Skandinavien und Frankreich (Societé des Missions evangéliques). Im deutschsprachigen Bereich entstanden die Basler, die Berliner, die Rheinische und andere Missionsgesellschaften. Eine große Hypothek für die Mission bestand in der Aufteilung Afrikas auf die europäischen Kolonialmächte (Berliner Kongokonferenz, 1884), vor allem auf England und Frankreich, aber auch auf andere wie Deutschland (Kamerun, Togo, Südwestafrika, Ostafrika). Die unheilige Allianz mit dem Kolonialismus hat die Mission in Misskredit gebracht und kam erst mit der Dekolonialisierung (Reinhard, 2006) an ein Ende.

Damit brach eine neue, die fünfte Epoche der Mission an. Hierfür hatte das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) ein neues Missionsverständnis entwickelt, das auf den Prinzipien der Religionsfreiheit, eines positiven Verhältnisses zu den nichtchristlichen Religionen und einer erneuerten Missionstätigkeit beruht. Geändert hat sich auch, dass Mission nun von allen Kontinenten ausgeht, Kolonialismus und Eurozentrismus ein Ende finden und das Missionsprinzip der Inkulturation interkonfessionell Zustimmung findet. Zu den neuen Herausforderungen gehören die Entwicklung einer tragfähigen Ökumene, der weltweite Dialog der Religionen sowie der Beitrag des Christentums zum Weltfrieden und zur sozialen Gerechtigkeit.

3. Konkretisierungen für den Religionsunterricht

Im Religionsunterricht ist die Mission an historischen und aktuellen Beispielen mit Hilfe der → Kirchengeschichtsdidaktik zu erlernen und zu analysieren. Hierzu steht vielfältiges Material zur Verfügung. Es können neben biblischen Quellen didaktisch aufbereitete Quellen zur mittelalterlichen Mission sein, wie die → Christianisierung der Germanen (von Padberg, 2006) oder die erste Übersetzung der Bibel ins Althochdeutsche in Form einer Evangelienharmonie (Otfried von Weißenburg, 1987), gegebenenfalls in Kooperation mit dem Deutschunterricht. Hier kann auch die zentrale Bedeutung der Sprache und der Übersetzung für die Mission geklärt werden. Zu den wichtigen Quellen gehört auch das mittelalterliche Verbot von Zwang und Gewalt: „Zum Glauben darf niemand gezwungen werden“ (Decretum Gratiani) sowie das Toleranzgebot gegenüber Fremdreligionen, auch dem Islam gegenüber (Angenendt, 2007, 273-459). Auch in der Frühen Neuzeit bieten sich wichtige Quellen an, zum Beispiel der Disput um Versklavung und Freiheit der Indianer und die Entdeckung der „Menschenrechte“ dem Begriff und der Sache nach durch Bartolomé de las Casas (Sievernich, 2012). Für das große Missionsprojekt der Reduktionen in Paraguay liegt eine didaktische Aufbereitung vor (Krauss, 1979) vor. Auch für Asien gibt es aufschlussreiche Korrespondenzen, wie die des protestantischen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (†1716), der einen Briefwechsel mit den Chinajesuiten unterhielt (Leibniz, 2006).

Über die Wahrnehmung solcher und ähnlicher Quellen hinaus, die in großer Zahl von Asien und Amerika existieren (Koschorke/Ludwig/Delgardo, 2006), sind auch maßgebliche kirchliche Dokumente aus der Gegenwart zu benennen, wie zum Beispiel das kirchliche Dokument über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes (1965) und die Schreiben zur Mission von Johannes Paul II. Redemptoris missio (1990) und Papst Franziskus Evangelii gaudium (Franziskus, 2013). Diese Schreiben geben Orientierung, wie in der heutigen Zeit die Aufgaben der Evangelisierung zu verstehen und praktisch durchzuführen sind. Mit dem historischen Lernen wird zugleich geschichtliches Denken eingeübt, das dazu befähigt, die verschiedenen Missionsepochen unterscheidend zu verstehen und die → Hermeneutik des Fremden mit der Inkulturation zu verbinden.

Des Weiteren ist die Kompetenz zu erwerben, missionarisch geprägte Räume anhand von Merkmalen erkennen und deuten zu können. In historischen Atlanten lassen sich Christianisierungsprozesse ablesen (Freitag, 1960) sowie gegenwärtige religiöse Landschaften erkennen. Für die religionspädagogische Praxis haben historische Erinnerungsorte aufgrund ihrer Anschaulichkeit eine besondere Bedeutung. Auf nationaler Ebene sind es etwa die Erinnerung an die Missionare aus Deutschland, wie der “Apostel Deutschlands“ Bonifatius, der im Fuldaer Dom begraben ist (Felten, 2004), oder der Missionsbischof Ansgar von Bremen und Hamburg, der in Skandinavien wirkte. In Köln erinnert ein Denkmal an den Chinamissionar Adam Schall von Bell (†1666 in Peking). Der Portugiese José de Anchieta wurde durch sein missionarisches und schriftstellerisches Wirken zum „Kirchenvater Brasiliens“ (†1597). Als Zeuge in muslimischer Umgebung gilt der französische Forscher und schweigende Missionar Charles de Foucauld, der 1916 in Algerien ermordet und zum Gründer vieler geistlicher Gemeinschaften wurde. Die Erinnerung an bekannte Personen ist über das Internet digital leicht zugänglich. Gute digitale Zugänglichkeit kommt auch den künstlerischen und architektonischen Ausdrucksformen zugute, die vielfach im Rahmen der Evangelisierung zu finden sind. Dies gilt für alle Erdteile, die eigenständig kulturelle und künstlerische „Übersetzungen“ des Christentums hervorgebracht haben und hervorbringen, wenn man an die zahlreichen Künstler denkt, die in Lateinamerika und Asien wirkten und wirken (Bailey, 1999) oder speziell an die Formensprache des indischen Kulturraums (Amaladass/Löwner, 2012).

Der Weg zu einem integralen Missionsverständnis, das Bildung, Gesundheit und soziale Dienste umfasst, kann an verschiedenen aktuellen Lernorten wahrgenommen und verständlich gemacht werden. Der solidarische Einsatz für die Armen (vorrangige Option) gewinnt heute globale Bedeutung. Eine Visualisierung dieser Tätigkeiten findet sich in zahlreichen Fotobüchern vom 19. Jahrhundert bis heute, die gutes Anschauungsmaterial für die Entwicklung der Missionsidee bieten (Bauer, 2014; Freitag, 1960).

4. Schlussüberlegungen

Nachdem die christliche Mission durch die Verstrickung mit dem Kolonialismus vor allem in Afrika und Asien in Misskredit geraten war, dauerte es nach der Dekolonisation eine geraume Zeit, bis man durch ein neues Missionsverständnis wieder einen positiven Zugang erlangte. Vor allem verlagerte sich die Mission von Europa auf alle fünf Kontinente, gewann größere Diversität, nahm weitgehend Abstand von konfessioneller Polemik und wandte sich dem Prinzip versöhnter Verschiedenheit zu. Mission versteht sich als menschheitlicher Dienst an der Freiheit und als Dienst an der Wahrheit, der nur im interkulturellen und interreligiösen Dialog gelingen kann, der sich als Dialog des Zusammenlebens (Konvivenz) und als Dialog der Zusammenarbeit (Kooperation) gestaltet (Die deutschen Bischöfe, 2004). Ein zentrales religionspädagogisches Desiderat besteht daher darin, die Schülerinnen und Schüler möglichst früh mit dem Dialogprinzip kognitiv, emotional und existentiell bekannt zu machen, übrigens nicht nur im Religionsunterricht. Dies würde gewiss zur Wiedergewinnung der religiösen Kernkompetenz bei der jungen Generation in Deutschland und Europa beitragen.

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